Leseprobe: »die Frau im grünen Mantel«

zabern

Leseprobe: »die Frau im grünen Mantel«

• einige

Die fränkischen Gefangenen vergaßen

zwar nicht ihre Namen, verloren jedoch

jegliches Zeitgefühl – jeder Tag

war ebenso anst rengend wie der vorangegangene,

und was der morgige bringen würde, wusst e nur

Gott allein. Irgendwann hätte niemand mehr sagen

können, wie lange sie schon hier gefangen waren.

Es war inzwischen Winter geworden, mit oft sintfl

utartigem Regen, und schließlich off enbar wieder

Frühling, denn der Regen hatte ebenso plötzlich

aufgehört, wie er begonnen hatte. Bald war es so

unerträglich heiß, dass es Sommer geworden

sein musst e.

Während die Männer im Bergwerk schufteten,

musst en die Frauen nicht weniger schwere Hilfsdienst

e leist en: Holz hacken und aufst apeln, Steine

oder Wassereimer schleppen und Kamele mit Lasten

beladen. Während der Nacht und wann immer

zu wenig Soldaten vor Ort waren, um alle Gefangenen

im Auge zu behalten, wurden die Frauen in

Ketten gelegt, die schon bald tiefe Spuren an ihren

bloßen Beinen hinterließen. Sie bekamen auch

immer wieder Schläge von ihren Bewachern, sei es

wegen angeblicher Vergehen, sei es völlig grundlos;

aber wenigst ens – und das war eine Gnade –

wurde keine der Frauen missbraucht.

Zu essen gab es wenig, was bei der schweren Arbeit

schnell zu Unterernährung führte. Margret und

Leseprobe:

»Die Frau im

grünen Mantel«

Eines Tages jedoch nahm einer der

Aufseher Gereon aus den Armen seiner

Mutter und band ihn mit einem

Strick an dem eisernen Ring fest, der sonst

die Fußketten der Frauen aufnahm.


andere mutige Frauen machten sich daher

bald neben der Arbeit heimlich auf die Suche nach

Kräutern oder Wurzeln – kein ungefährliches

Unterfangen, war doch keine von ihnen mit der

Pfl anzenwelt Paläst inas vertraut. Margret konnte

die Unsicherheit kaum ertragen, wenn eine der

Frauen etwas gegessen hatte und sie alle bangend

abwarteten, ob das Kraut nährend war oder doch

giftig. Sie schwor sich insgeheim, dass sie, sollte

sie je wieder freikommen, jede sich ihr bietende

Gelegenheit nutzen würde, um alles über Kräuter,

Pfl anzen und deren Gifte zu lernen. Lernen konnte

man überhaupt nie genug, das hatte Margret

schon bald fest gest ellt, während sie und die anderen

versuchten, mit den täglich neuen, unbekannten

Herausforderungen fertig zu werden.

Ihre Kleider, die bereits in Jerusalem abgenutzt

gewesen waren, fi elen ihnen nun fast schon

vom Leib, und nur selten konnten sie sich

ein Stück Tuch oder Sackleinen erbetteln, um

wenigst ens notdürftig ihre Blöße zu bedecken. Die

Männer im Bergwerk kannten solche Probleme

nicht mehr: Sie arbeiteten nackt – was die übrigen

Gefangenen immer dann mitbekamen, wenn

wieder ein zu Tode gekommener Häftling aus den

Tiefen der Höhle herausgeschleppt und hinter dem

nächst en Hügel verscharrt wurde.

Das Schlimmst e für Margret und die anderen war

jedoch, dass sie zu völligem Schweigen gezwungen

waren, denn die Muslime duldeten kein Wort Fränkisch

oder Latein. Ein mitgefangener Priest er, der

sich nicht daran gehalten und seinen Leidensgenossen

immer wieder mit Psalmen und Bibelworten

Mut zugesp rochen hatte, war auf einmal sp urlos

verschwunden.

•Eines

Tages in jenem glühendheißen Sommer

schenkte Ida an ihrem Schlafplatz

einem Knaben das Leben. Das Abenteuer

auf den Mauern Jerusalems war tatsächlich

nicht folgenlos geblieben. Die anderen Frauen

halfen ihr, so gut sie konnten, und auch die muslimischen

Aufseher waren ganz begeist ert von dem

kleinen Menschenwesen, das da so mutig aus dem

schmutzigen Bauch seiner Mutter hervorgekrochen

war. Andächtig sahen sie zu, wie Ida das Kind st illte

und versorgte, und man meinte fast mitfühlende

Menschen hinter der brutalen Aufseherfassade erkennen

zu können. Sicher hatten auch sie irgendwo

in Ägypten Familien – Frauen und kleine Söhne

und Töchter, an die sie dieses Frankenkind tagtäglich

erinnerte. Das machte sein Los und das seiner

Mutter erträglicher. Die Muslime st eckten ihm

immer wieder etwas zu, brachten sauberes Wasser,

Kamelmilch oder Tücher, um es zu bekleiden, und

sogar einen Worfelkorb als Wiege. Aber sobald

Ida etwas Milch oder Wasser für sich selbst erbat,

wurde sie erbarmungslos geschlagen – der plötzlich

aufkeimende Funke an Menschlichkeit reichte

nicht weit und war schnell wieder erloschen.

Ida nannte ihren Jungen Gereon, nach einem in

Köln verehrten Märtyrer der Th ebäischen Legion –

die Sehnsucht nach ihrer Heimatst adt war inzwischen

so groß geworden, dass sie Tag und Nacht

von ihr fantasierte. Doch Margret fragte sich im

Stillen, was Ida den resp ektablen Kölner Bürgern

sagen würde, wenn sie mit einem schwarzlockigen

Bast ard im Arm nach Hause zurückkehrte? Sicherlich

könnte sie eine dramatische Geschichte von einer

Vergewaltigung durch die Sarazenen erfi nden –

aber sollte sie das wagen, möge Gott ihr ob dieser

Lüge die Zunge im Mund verdorren lassen!

Trotz der widrigen Lebensumst ände entwickelte

sich der kleine Gereon unter der Fürsorge der

Frauen erst aunlich gut und schaute mit seinen

riesigen Knopfaugen in eine Welt, die für ihn sicher

genauso wunderbar und aufregend war wie für alle

kleinen Kinder – mochte sie auch für die Erwachsenen

die Hölle sein.

Ein paar Monate vergingen, und erneut zog ein

regenreicher Winter über den Süden Paläst inas. Die

Gefangenen hatten sich wohl oder übel mit ihrer

Situation abgefunden, und alle konzentrierten ihre

Aufmerksamkeit darauf, den kleinen Gereon gut

zu versorgen. Im Grunde waren die Frauen, die aus

vielen verschiedenen Teilen der lateinischen Welt

st ammten, erst durch ihre gemeinsame Fürsorge für

den Säugling zu Freundinnen geworden. Fiamma,

ein Schankmädchen aus Genua, begeist erte sich besonders

für den Kleinen und sp rach immer wieder

davon, wie sehr auch sie sich ein Kind wünschte.

Eines Tages jedoch nahm einer der Aufseher

Gereon aus den Armen seiner Mutter und band

ihn mit einem Strick an dem eisernen Ring fest , der

sonst die Fußketten der Frauen aufnahm. Der Kleine

begann sofort wie am Spieß zu schreien, worauf

Ida so sehr in Panik geriet, dass sie auf den Aufseher


losging und auf ihn einschlug. Dieser zeigte sich

zunächst unbeeindruckt und bedeutete ihr, dass

sie gefälligst wieder arbeiten sollte, ihr Junge könne

schließlich nicht davonlaufen. Doch Ida war so

verzweifelt, dass sie ihn nicht verst and, nicht verst

ehen wollte, und immer weiter auf ihn eindrosch –

worauf der Aufseher schließlich zurückschlug.

Entsetzt versuchte Margret, dazwischenzugehen,

aber der Ägypter war inzwischen so wütend,

dass er nun auf beide Frauen mit einer Rute einprügelte

und Margret schließlich in weitem

Bogen von sich schleuderte. […]

Die anderen Gefangenen st anden st umm und voller

Entsetzen dabei. Niemand wagte es, das Wort zu

erheben oder den Gefährtinnen zu Hilfe zu kommen.

Da erscholl vom Eingang der Höhle plötzlich

eine laute Stimme, die den Wachen auf Arabisch

Befehle zurief. Die Post en sahen sich unsicher an,

denn keiner von ihnen kannte den Mann, der jetzt

mit raschen Schritten in die Höhle kam.

Er war vergleichsweise klein und drahtig und

trug einfache arabische Kleidung, zuoberst eine

hell gest reifte Djellaba und auf dem Kopf einen

Turban. Bis auf einen am Gürtel befest igten Dolch

war er unbewaff net – und doch war er es off enbar

gewohnt, Befehle zu geben und sie augenblicklich

ausgeführt zu sehen.

Leseprobe:

»Die Frau im

grünen Mantel«


Als sich keiner der Wachpost en rührte,

wiederholte er seine Anordnung, die

Frauen nicht weiter zu schlagen –

diesmal bedrohlich leise. Wie aus Trotz versetzte

der Aufseher erst Margret, dann Ida noch einige

heftige Hiebe mit der Rute, bis der Fremde unmittelbar

vor ihm st and. Im Gegensatz zu dem

Wachmann schien dieser keineswegs wütend zu

sein, sondern wirkte kontrolliert und beherrscht,

obwohl er gut einen Kopf kleiner als der Aufseher

war, der ihn ungläubig und bewegungslos anst arrte.

Die st echenden grüngrauen Augen des Fremden

schienen ihn zu durchleuchten und an seinem Platz

fest zunageln – konnte eine Kreatur mit solchen

Augen etwas anderes sein als ein höllischer Dämon?

War dieser Mann ein Fremder? Ein Franke, der

ihm Befehle erteilen wollte? Nun nahm dieser dem

Post en die Rute einfach aus der Hand, schlug sie

ihm einige Male um die Ohren, brach sie dann

mittendurch und warf sie ins Feuer. Alle schauten

sp rachlos und ängst lich zu. Wer war dieser Mann,

der so off ensichtlich kein Muslim war und doch

von seiner Umgebung mehr Ehrfurcht einforderte

als der Sultan selbst ?

Erst jetzt trat der Kommandant der Truppe hinter

ihn und bellte seinerseits Befehle an seine Wachen.

»Er hat die Frauen freigekauft!«, erklärte er auf

Arabisch. »Lasst sie gehen, allesamt.«

Nur der gemaßregelte Wächter rührte sich nicht

und hielt die Augen nach wie vor auf den Fremden

gerichtet. […]

Margret war nicht mehr bei Bewusst sein, aber

ein Griff an ihren Hals verriet dem Fremden, dass

sie noch lebte. Wieder gab er den Arabern rasche

Befehle, und sie gehorchten: Sie hoben Margret

vorsichtig auf und trugen sie aus der Höhle, vor

der mehrere mit Zeltplanen überdachte Wagen

warteten. Der Fremde untersuchte nun Ida, die

inzwischen den noch immer schreienden Gereon

losgebunden und auf ihren Arm genommen hatte.

Idas Striemen waren bei Weitem nicht so schlimm

wie die Margrets, und auch dem Kleinen ging

es gut, obwohl er vor Dreck st arrte.

•Er

war vergleichsweise klein und

drahtig und trug einfache arabische

Kleidung, zuoberst eine hell

gest reifte Djellaba und auf dem

Kopf einen Turban. Bis auf einen am

Gürtel befest igten Dolch war er

unbewaff net – und doch war er es

off enbar gewohnt, Befehle

zu geben und sie augenblicklich

ausgeführt zu sehen.


Die übrigen Gefangenen wurden aus

der Mine hinausgeleitet, und einige

der Wachen holten sogar deren wenige

Habseligkeiten sowie die Korbwiege von den

Schlafplätzen und trugen sie dem seltsamen Geleitzug

hinterher. Margret wurde in einem der Wagen

auf Decken gebettet, und Ida setzte sich mit ihrem

Sohn im Arm neben sie. Der Fremde reichte Ida

einen Wasserschlauch, aus dem sie sofort begierig

trank, bevor sie ihn an die anderen Frauen weitergab.

Auch Margrets aufgeplatzte Lippen wurden

mit dem kühlen Nass befeuchtet, doch wirklich

trinken konnte sie nicht. Sie war noch nicht ganz

ins Leben zurückgekehrt. Der Fremde warf einen

weiteren prüfenden Blick auf sie und wandte

sich dann den anderen Frauen zu.

»Ihr seid frei!«, sagte er auf Fränkisch, ohne den

Anfl ug eines Akzentes. War er also doch ein Franke?

»Ich habe euch freigekauft, ihr könnt gehen, wohin

es euch beliebt. Ich werde mit meinen Begleitern

und den Verwundeten nach Tyrus ziehen, wo ich

ein Spital betreibe. Wer uns begleiten möchte, kann

das gerne tun – ich st elle es euch frei.«

»Seid Ihr ein Medicus?«, fragte eine der Frauen

vorsichtig.

»Ja, das bin ich. Und ich habe es mir zur Aufgabe

gemacht, den Opfern dieser unseligen Glaubenskämpfe,

die mich am nötigst en brauchen, zu helfen –

wo immer es mir möglich ist . Heute wart ihr das.«

Er wandte sich ab. Die Frauen st anden noch immer

schweigend da und betrachteten ihn wie ein Wesen

aus dem Paradies. Ein reicher Franke, der es sich

zur Aufgabe machte, Gefangene zu befreien und

Verwundete zu pfl egen? So etwas hatten sie noch

nie gesehen.

Schließlich ergriff eine der Frauen doch noch das

Wort und st ammelte einige wirre Worte des Dankes.

Der Fremde drehte sich wieder um und lächelte.

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