DELPHANIA

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DELPHANIA

Wladimir Lermontow

DELPHANIA

das zweite Buch der Serie

„Die Glocken des heiligen Russlands“

Vega* e. K.

2003


©2003 Autor Wladimir Lermontow

©2003 Vega* e.K.

Alle Rechte vorbehalten

Nach Vorlage von Barbara Grimm-Raabe

frei übersetzt von Alexander Markow

Lektorat: Oliver Gondring

Titelbild: Wladimir Lermontow

Satzt: Daniel Samulevic

Druck: Standartu spaustuve, Vilnius

ISBN 3-9808339-6-8


Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers................................................... 5

Kapitel 1. Die Wanderer ziehen gen Himmel

Durch die Wüste gehen ........................................................ 7

Beunruhigende Zeichen ...................................................... 13

Fest des Lebens..................................................................... 19

Feuer bis zum Himmel........................................................ 22

Die Nacht der Seele ............................................................. 27

Kapitel 2. Ein Weg ohne Weg

Konstantin und Maria ......................................................... 34

Passionstage in Nowij Afon ............................................... 39

Otschelnik ............................................................................. 41

Die Gefangene im Kaukasus .............................................. 49

Ein Sternchen fiel vom Himmel......................................... 58

Eine schreckliche Nacht ...................................................... 64

Der letzte Dienst .................................................................. 68

Das Glöcklein des Heiligen Russlands ............................. 71

Ein Weg ohne Weg .............................................................. 73

Der sprechende Strauch ...................................................... 79

Die Offenbarungen des Einsiedlers .................................. 81

Das Geheimnis des Gebets von Afon................................ 88

Die Kraft des singenden Herzens .................................... 100

Kapitel 3. Ein Leben ohne Grenzen

Ein Weg ins Ungewisse ..................................................... 108

Ein Ort der Kraft ................................................................ 118

Die Weisheit des Steins ..................................................... 126

Auf den Gipfeln des Kaukasus ........................................ 132

Die letzte Zuflucht des Wanderers ................................. 137


Kapitel 4. Delphania

Ein wunderbarer Herbst in den Bergen .......................... 149

Bolschoj Utrisch.................................................................. 162

Iljuscha................................................................................. 167

Der Tag der Tiere ............................................................... 175

Wird sie kommen? ............................................................. 180

Die Nacht der Offenbarungen ......................................... 187

Das All ist eine sich öffnende Blume .............................. 196

Die Tragödie auf dem Meer ............................................. 208

Die Rätsel des Himmels und der Erde ........................... 212

Nächtliche Offenbarungen ............................................... 225

Der Mount Everest der Liebe ........................................... 234

Ein ununterbrochener Flug .............................................. 241

Meine Rückkehr ................................................................. 249

Die Ballade von den Glöcklein des Heiligen

Russlands ......................................................................... 256

Mehr als die Liebe, mehr als das Leben ......................... 264

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Vorwort des Herausgebers

Heute ist der russische Mensch strengsten Prüfungen unterworfen,

vor denen ihn das Gesetz nicht zu schützen vermag. Armut,

Trostlosigkeit und Krankheit walten im Lande. Und gerade hier

reicht Wladimir Lermontow seine Hand, er erscheint als Stütze

auf dem hindernisvollen Weg und heilt die seelischen Wunden. In

seinen Werken verbindet sich das Wunderbare mit der Realität,

dringt in sie hinein, führt einen Wandel in ihr herbei und veredelt

sie. Der Leser gelangt zur tiefen Überzeugung, dass die Weiten

seiner Seele ebenso real sind wie die irdischen Räumlichkeiten,

obwohl sie weniger beschritten sind.

Wie das „Immer währendes Fest“ erscheint auch das dem deutschen

Leser vorgelegte zweite Buch W. Lermontows als eine Mischung

des Alltäglichen, des Religiösen und des Mystischen. Der

Leser findet laufend darin einen ihm verständlichen und nahen

tiefen kosmischen Sinn. Tausende von Danksagungen erreichen

den Autor aus allen Ecken des Landes, darin viele aus den Gefängnissen,

wo Menschen über ihr Leben nachdenken und die ersten

Schritte zum Lichte hin zu machen wagen.

Wenn in unserer Reihe über Anastasia ein solches Licht aus der

geheimnisvollen Taiga aufleuchtet, dann wird im vorgelegten Buch

ein Feuer der Vernunft auf dem bis in die heutigen Tage blutgetränkten

Kaukasus gezündet. Und wieder, in der Welt der Trennung

und des Kampfes, ruft eine reine weibliche Stimme,

Delphania, zur Liebe und zum Eins - Werden mit der Natur.

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Meine lieben Leser!

Seien Sie niemals bedrückt!

Nach jeder Niederlage,

jedem Unglück, jedem Scheitern

eröffnet sich ein neuer Weg,

der zu neuen, noch nie

erreichten Höhen der Liebe,

ungeahnten Tälern des Glücks und

grenzenlosen Weiten der Freude führt.

Das Wichtigste ist, dies zu wissen,

nicht stehen zu bleiben,

nicht in Kummer zu versinken,

sich nicht seelisch und gedanklich

in endlose Leiden zu verstricken.

Schreiten Sie weiter vorwärts,

dort erwartet Sie ein Fest

des Glücks und der Zärtlichkeit.

Dort wandelt sich alles, alle Träume werden wahr

und ein neues, wunderbares Leben beginnt!

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Kapitel 1. Die Wanderer ziehen gen

Himmel

Durch die Wüste gehen

Ich sitze auf der Bank am offenen Herd in meinem Lehmhäuschen

in der Ortschaft Gornij und schaue ins Feuer. Vor den Fenstern

weht ein starker Herbstwind, ein Nordwind. Pappeln säuseln.

Trockene Blätter werden in letzten Tänzen durch die Gegend gewirbelt.

Was kann angenehmer sein als in ein Feuer im Ofen zu

schauen? Welche Gedanken gehen dir in solchen magischen Momenten

durch den Kopf, welche Gefühle stellen sich ein! Du lässt

dich wegtragen und verlierst dich in ungeahnte Weiten, dorthin,

wo Träume und Realität, Fantasie und Wirklichkeit sich zu seltsamen

Gebilden verweben und wo du nicht mehr weißt, was wirklich

ist und was du dir einfach nur erträumt hast.

In meinem Leben ist es jedoch umgekehrt. Was ich in den letzten

Jahren erlebt habe, was mit mir vorging, glich einem märchenhaften

Zauberschlaf. Ich begriff in dieser Zeit, dass die Wirklichkeit

bei weitem fantastischer ist als das, was die raffinierteste Einbildungskraft

aus ihr zu spinnen vermag. Wir müssen nur unser

Bewusstsein erweitern, damit uns das Leben seine unglaublichen

Wunder offenbart. Wer sich irgendetwas vollkommen Neues ausdenken

will, übersieht, dass alles bereits erdacht wurde und die

erstaunlichsten Dinge vor ihm liegen. Man muss es nur erkennen

und einen Schritt darauf zu machen. Meine Träume sind für mich

daher, so paradox es klingen mag, realer als die Welt um mich

herum. Wie sollte ich sonst all das, dessen freiwilliger oder unfreiwilliger

Zeuge ich wurde, in einen allgemein verständlichen

Rahmen fügen?

Im Schein des Feuers blättere ich mein Buch „Ein immerwährendes

Fest“ durch, das noch nach der frischen Druckfarbe riecht.

Ich habe dieses Buch gerade auf die Aufforderung des Starez’

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Arsenij hin geschrieben. Jetzt beschäftigt mich bereits die Frage

der Leser: „Ist all das, was in diesem Buch beschrieben ist, wirklich

geschehen?“ Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Vieles,

wovon die Menschheit lebt, was das Leben mit Sinn erfüllt und

die Menschen zum Herrlichsten und Größten befähigt, ist nicht

sichtbar, befindet sich jenseits der sichtbaren Realität. Milliarden

Menschen haben Gott nie gesehen, aber sie glauben an Ihn, folgen

Seinen Gesetzen, empfinden Seine Anwesenheit und spüren

Seine Unterstützung. Daher gebe ich auf diese Frage keine Antwort:

Jede/r muss sie selbst beantworten. Und ich füge hinzu:

Das, was mit mir geschehen ist, nachdem mich Arsenij verlassen

hatte, ist noch unwahrscheinlicher und erstaunlicher.

Jetzt wärme ich mich am Ofen und denke nach, ob ich darüber

schreiben soll. Lohnt es sich, mir noch einmal tausendfach die

Frage anhören zu müssen: „War das wirklich so?“ Für mich jedenfalls

ist ES wirklich gewesen und wärmt heute mein Herz und

meine Seele, erfüllt mein ganzes Wesen mit Freude und Glück.

Bevor ich aber meine geheime Geschichte beginne, stelle ich Ihnen

eine für mich sehr wichtige Frage. Dann hole ich Brennholz,

und Sie denken inzwischen nach. Die Frage ist: „Sagen Sie mir,

liebe Erdbewohner, was sollten wir in diesem Leben als Wichtigstes

lernen? Was müssen wir können, um unseren Weg auf der

Erde zu gehen?“ Denken Sie bitte nach, ich gehe kurz weg.

Auf der Straße liegt der erste Schnee! Welch ein Wunder, wenn

weiße Flocken vom Himmel fallen! Darin liegt so viel Musik und

Tanz, so viel Spiel und Freude, als hätten wir, die Zuschauer, die

Welt gleichsam von innen gesehen, das Sein in seinem Grunde,

wo ewig Zärtlichkeit und Liebe strömen.

Auch mein Häuschen wird von Schnee zugedeckt. Es gleicht dem

von Michail Jurjewitsch Lermontow in Taman’ (ein Gebiet im Westkaukasus,

das in M. J. Lermontows (1814-1841) Roman „Ein Held unserer

Zeit“ vorkommt, Anm. des Übersetzers). Hier baut man genauso:

ein Rechteck, das im Wesentlichen einen Raum bildet, der

durch den Ofen in zwei Hälften unterteilt wird. Rechts vorne ist

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ein kleiner Anbau, der Windfang. Masanka (eine Lehmhütte, von

russ. „masat’“ – schmieren, Anm. des Übersetzers) wird so ein Bau

genannt.

Oberhalb des Häuschens gibt es eine Wiese, auf der im Sommer

alle möglichen Wildkräuter wachsen, und im Frühjahr duftet hier

das wilde Bohnenkraut. Gleich hinter der Wiese beginnt ein Wald,

dessen Pilze sich bereits am Waldessaum zeigen.

Das Dorf Gornij ist für mich das wunderbarste und das rätselhafteste

im Nordkaukasus. Hier verläuft die Grenze, hinter der das

Unmögliche möglich wird, der Himmel die Erde berührt und das

Land beginnt, wo sich unsere geheimsten Träume erfüllen. Ich

lebe schon einige Jahrzehnte hier und versuche das Geheimnis

dieses Landes zu lüften. Es eröffnet sich dem, der das Land nur

durchwandert, jedoch nicht, sondern nur dem, der in sich selbst,

in das Innere seiner Seele und seines Herzens hineingeht. Die irdischen

Weiten erschließen sich leichter als die inneren, geistigen,

Welten. Daher ist das Gesetz dieser geheimnisvollen Gegend

folgendes: Öffne zuerst selbst in Dir eine Tür und geh eine Stufe

hinauf dem Licht der Liebe und der Güte entgegen, dann öffnet

dieses rätselhafte Land für dich eine entsprechende Pforte und

ermöglicht dir so eine Berührung mit dem Geheimen.

Wenn Du in dir nichts verändern kannst oder willst, dann wirst

du nichts sehen, nichts wird sich dir offenbaren. Wie viele Touristen

oder Pilzsammler wirst du zauberhafte Orte betreten ohne

sie wahrzunehmen.

Dabei verschließt und versteckt dieses innere Land sich nicht,

sondern ruft dich vielmehr regelrecht zu sich: „Komm und ergötze

dich an all meinen Reichtümern. Sie sind für dich da, für dein

Glück, deine Gesundheit und deine Liebe. Greif nur zu und sei

für immer glücklich!“

Einst standen auf jener Wiese oberhalb des Hauses, die jetzt mit

Schnee bedeckt ist, zwei „Wanderer“. So nenne ich jene Kapelle

und jenen Glockenturm. Ich hatte sie damals gebaut, um mit ihrer

Hilfe himmlische Sphären zu erreichen. Die beiden Holzbauten

standen sozusagen am Eingang zum Reich der Wunder und wa-

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en immer für all diejenigen geöffnet, die es betreten wollten.

Jetzt gibt es sie nicht mehr. „Die Wanderer“ sind fortgegangen,

wahrscheinlich für immer. Sie stiegen in einer Feuersäule zum

Himmel auf. Übrig geblieben sind nur Steine und das Fundament.

Wie ist das geschehen? Ich werde es Ihnen erzählen, obwohl ich

mich nicht gerne daran erinnere... Weshalb mir Tränen über die

Wangen laufen? Ach, das ist bloß getauter Schnee. Auch Sie hatten

sicher schon Augenblicke im Leben, in denen Schneeflocken auf

Ihrem Gesicht tauten. Kommen Sie ins Haus, hier auf der Straße

ist es schon kalt. Wärmen wir uns am Ofen auf, trinken wir Tee

und ich selbst werde die Frage beantworten, welche ich Ihnen

vorhin gestellt habe.

Das Wichtigste, was ich in diesem Leben lerne, ist das Durchqueren

der Wüsten, die auf meinem Weg liegen. Eine Einöde, die –

wie mir jedes Mal scheint – kein Ende hat. Ich gehe Hand in Hand

mit mir selbst, mit der Ewigkeit, die ich bewältigen muss. Wie

einfach: Ich muss nur die Ewigkeit bezwingen! Wie viele solcher

Wüsten muss jeder von uns immer dann überwinden, wenn plötzlich

etwas Trauriges und Kränkendes geschieht und uns in unendliche

Weiten der Sehnsucht, des Kummers und der Ausweglosigkeit

wirft! Einer weint, der Andere stöhnt und ein Dritter

verflucht das Schicksal, sich und die ganze Welt. Auch ich habe

früher so reagiert, lernte aber dann, damit zu leben, solche Momente

zu überstehen und ein neues Leben eben an der Stelle zu

beginnen, wo das alte seinen Sinn verloren hat. Ein neues Leben

aufbauen, mitten im grau gewordenen Dasein, unter dem bleiernen

Himmel der Seele, im Nebel des Kummers...

Weiterleben und weitergehen!

Wir haben uns das Leben nicht selbst ausgedacht, uns nicht zur

Welt gebracht, uns unser Leben nicht ausgesucht. Wir müssen

unser Leben annehmen, so, wie es ist, wie es uns der Allmächtige

geschenkt hat, ohne zu grübeln, zu urteilen und niedergeschlagen

zu sein. Es gibt viel Böses, Grausamkeiten, Gewalt und Unge-

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echtigkeit. Die Erde scheint unterzugehen, und sie geht wahrhaftig

unter. Aber es ist genauso wahr, dass man sich davor nicht

verstecken darf, nicht davon laufen darf. Das Leben fordert uns

ständig heraus.

Du sollst leben!

Du musst der Wüste furchtlos entgegensehen, um hinter allem

Leid die göttliche Anwesenheit zu sehen, die göttlichen Ordnung

wie auch den Kummer, den wir Menschen dem Höchsten durch

unsere Lebensweise bereiten. Dann wird dir vielleicht bewusst,

dass wir das Leben gepeinigt und mit Nägeln ans Kreuz geschlagen

haben und dass es langsam seinen Geist aushaucht. Du wirst

für das Glück erkennen, das Gott den Menschen geschenkt hat.

Er gab uns eben das, was Er selbst besaß, teilte mit uns Sein Leben.

Den Himmel und die Sonne, die Meere und die Winde, die

Wälder und die Flüsse, die Sterne und die Planeten, die Liebe und

das Glück, das Herz und die Seele, die Vögel und die Wolken – all

dies gab uns Gott nur aus unaussprechlicher Liebe.

Wir müssen leben und durch Jammertäler gehen...

Alles annehmen und durchleben!

Alles durch uns hindurchlassen, durch unsere Herzen, und dadurch

alle Kümmernisse, Kränkungen und Leiden überwinden.

Dann werden Liebe und Seligkeit uns erfüllen. Sie sind nicht wie

ferne, unerreichbare Sterne, die man nur bei Nacht sehen kann,

wenn ruhiges, klares Wetter ist; sie kommen wie ein Sonnenaufgang

mit all seiner Musik, seinen Tänzen und Gesängen, die alles

Tote, Graue und Trübe beleben. Aber vorher müssen wir das alte

Leben durchleben: durch die Einöde hindurchgehen, in der wir

uns jämmerlich und verloren wie ein Sandkörnchen fühlen, in

der es uns scheint, dass es Gott nicht gibt oder dass Er uns verlassen

hat.

Zum Schluss will ich Ihnen zeigen, was ich niedergeschrieben

habe, nachdem ich die letzte Wüste hinter mir gelassen hatte.

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Ich sprach zum Vogel, zum wilden Tier

Wo ist mein Zuhause, warum bin ich hier?

Nichts antwortete mir im Frühlingswald

Alles sang nur und tanzte rings um mich her.

Das lautlose Gleiten der Wolken, sonst nichts.

Der Himmel schwieg, ich blieb allein in der Not.

Doch während die Jahre vergingen im Flug,

Der Schnee taute von meiner Seele hinweg.

Und schließlich, und endlich – mein Traum wurde wahr!

Denn Gott kam hervor, offenbarte sich mir:

Mein lieber Sohn, du bemerktest mich nie,

Doch an deiner Seite war ich, stets bei dir!

Ich sprach zu dir durch der Vögel Gesang,

Durch Blumen des Waldes, das Rauschen des Bachs,

Durch Wind und die Sonne, durch Himmel und Erde,

Und durch sie alle sprach ich auch zu dir:

Denn alles umher, was du siehst und hörst,

Ist durch meinen Geist, meinen Atem beseelt,

Meiner Stimme lauscht doch die ganze Natur,

Denn ich bin stets da und verberge mich nie.

Mir scheint, darin liegt etwas von Poesie. Aber das Wichtigste ist,

dass darin etwas liegt, das helfen kann die Wüsten zu überwinden.

Sie scheinen unendlich zu sein, aber früher oder später haben

sie ein Ende für diejenigen, die selbst dann noch weiterlaufen,

wenn sie keinen Weg mehr sehen. Und nur diese erreichen

den Ort der unermesslichen Liebe. Ich werde Ihnen das Wesentliche

verraten und damit ein Geheimnis lüften: Am Ende jeder

Wüste erwartet uns ein Märchen. Dort werden alle, alle unsere

Träume wahr. Das ist wirklich so! Ich habe es erlebt.

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Beunruhigende Zeichen

Der Frühling kam. Bereits einige Monate waren vergangen, seit

der Starez Arsenij unsere Gegend verlassen hatte. Ich wusste nicht,

wo er jetzt war und wie es ihm ging. Mein Leben ging weiter. Nur

eine Sache erinnerte mich noch an die wundersamen Ereignisse

der Vergangenheit – das Knäuelbuch des Greises. Ich bewahrte

es in der Kapelle unter der großen Ikone der Mutter Gottes auf.

Bisweilen – nicht oft – streckte ich meine Hand unter der Ikone

hindurch und berührte es. Für mich stellte es ein Heiligtum dar.

Ich wollte nicht, dass diese Berührungen ihre Feierlichkeit verlören.

Ich befürchtete, dass dieses seltsame Knäuel sein Geheimnis

verlieren würde, wenn ich es häufig berührte. Der Faden strahlte

gleichsam die Zartheit der Seele Arsenijs und die Wärme seiner

Hände aus. Ich sah ihn und in mir stiegen Bilder unglaublicher

Erlebnisse auf, die bereits ganz weit weg schienen. So verbrachte

ich manch einen späten Abend, denn ich berührte das Knäuelbuch

immer nur, wenn nichts und niemand meine Ruhe stören

konnte.

Auch Lutschik erinnerte mich an die Vergangenheit. Er tollte fröhlich

über die Wiese neben dem Haus und dachte wahrscheinlich

gar nichts, sondern nahm das Leben so an, wie es war, ohne darüber

nachzudenken. Das hatte ich noch nicht gelernt, aber ich

wollte es.

Ausgerechnet im Frühjahr befiel mich aus heiterem Himmel die

Vorahnung einer herannahenden Gefahr. Anfänglich schob ich

diese spontanen Empfindungen der Unruhe beiseite, aber dann

wiesen sie immer öfter und deutlicher auf eine bestehende Bedrohung

hin. Die Sonne schien warm. Erste Blumen kamen zum

Vorschein, die Spatzen zwitscherten übermütig. Ich hatte dennoch

ein ungutes Gefühl.

Ich weiß, dass jedes beliebige Ereignis Vorboten hat – Zeichen.

Anfangs sind diese Zeichen schwach und erscheinen jemandem,

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der sie nicht zu lesen versteht, als bedeutungslos. Das Leben hat

mich jedoch gelehrt, dass es keine Bedeutungslosigkeiten gibt.

In jenem Frühling bevölkerte sich der Wald mit Schildkröten. Das

beobachtete ich zum ersten Mal. Wenn ich einige hundert Meter

durch den Wald spazierte, konnte ich ein paar oder auch mehr

dieser Waldbewohner sehen. Wenn sie sich bewegten, verursachten

sie einen solchen Lärm, dass es schien, als würde ein großes

Tier durch den Wald trampeln. Ich gebe zu, dass ich anfangs Angst

hatte: Man geht durch den Wald und plötzlich ertönt ein lautes

Geräusch! Man bleibt stehen und hält nach einem großen Tier

Ausschau, aber es ist nirgends zu sehen. Wieder hört man Lärm

und wieder sieht man nichts. Erst wenn man genau bestimmt hat,

aus welcher Richtung der Lärm kommt und ihm nachgeht, entdeckt

man die kleinen Störenfriede. Ich habe die Alten im Dorf

gefragt, ob es einen solchen Zug von Schildkröten schon einmal

gegeben habe. Sie sagten, vor dem Krieg habe sich dies schon einmal

ereignet...

Aber das Leben ging weiter und ich glaubte trotz allem, dass alles

gut werden würde. Jedenfalls wünschte ich es sehnlich. Als ich

die Kapelle gebaut hatte, hatte ich zu Ehren der zwölf Apostel auf

die Lichtung neben ihr zwölf Birken gepflanzt. Mit der Zeit waren

neun Setzlinge eingegangen, nur drei überlebten. Die Birke,

die der Eingangstür der Kapelle am nächsten stand, in etwa drei

Meter Entfernung, wurde besonders groß und prächtig. Vermutlich

strahlte die Kapelle eine besondere Lebensenergie aus und

begünstigte ihr Wachstum. Es ist ja bekannt, dass dort, wo besondere

geistige Energie ist, wo die Menschen nach Vervollkommnung

streben, Bäume ganz besonders gut wachsen. Dieses Wachstum

wird durch die Jahresringe sichtbar. So kann man sogar an

den Bäumen, die um ein Kloster herum wachsen, bestimmen, wie

lange das Kloster wirklich als solches bestand und wann die Mönche

es verließen.

In unserer Gegend sind Birken selten. Ich hatte eine besondere

Beziehung zu ihnen, denn man sehnt sich doch hier im Süden oft

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nach den nördlichen Wäldern. Daher verhielt ich mich diesen

gebrechlichen und zarten Gästen aus dem Norden gegenüber besonders

warmherzig.

Es war ein gewöhnlicher, klarer Frühlingsmorgen: Jemand hatte

alle Birken umgeknickt..! Es gab sie nicht mehr. Ich fand keine

Worte, um meinen Seelenschmerz zu beschreiben. Der Schmerz

ergriff Besitz von meinem Herzen. Es war, als wären Freunde von

mir erschlagen worden.

Nach einiger Zeit verschwand auch Lutschik. Ich fand ihn auf der

Waldlichtung. Anscheinend war er erwürgt worden, möglicherweise

von einem fremden Hund. Ich begrub ihn im Wald. Und

dann geschah etwas, was eindeutig auf eine zukünftige Bedrohung

hinwies.

Es war ein sonniger, warmer Maitag. Ich schrieb an einem Buch,

als plötzlich Leute zu mir kamen und zu reden anfingen. Ich konnte

sie nicht sofort verstehen, da sie äußerst erregt und durch irgendetwas

entsetzt waren. Es stellte sich heraus, dass sie in die Kapelle

gekommen waren um zu beten. Ein etwa zehn Jahre alter Junge

war bei ihnen. Während die Erwachsenen beteten, wartete er auf

dem Weg, der etwas oberhalb der Kapelle verläuft. Plötzlich

sprang eine riesengroße Schlange den Jungen an und verfolgte

ihn. Er rannte durch die geöffnete Tür in die Kapelle hinein zu

seinen betenden Eltern. Die Schlange aber sprang ihm nach und

schlängelte sich an den Menschen vorbei bis zur Ikonenwand. Sie

kroch hinter die große Ikone der Mutter Gottes und sah hinter ihr

hervor.

Mein Herz klopfte rasend. Was für eine teuflische Situation, was

für ein Irrsinn, dachte ich. Solange ich hier lebe, ist so etwas noch

nie geschehen. Natürlich gab es Schlangen, aber wenn sie Menschen

sahen, flohen sie unverzüglich und versteckten sich. Und

auf einmal greift eine ein Kind an, hat keine Angst vor Menschen

und kriecht an ihnen vorbei in die Kapelle hinein. Das ist zuviel!

Dann geschah alles wie im Traum. Ich stieg zur Kapelle hinauf,

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schickte alle in Richtung meines Hauses und sah mir die Kapelle

an. Das Tier war in der Tat riesengroß. Es war etwa so dick wie

mein Handgelenk und um die zwei Meter lang. Es saß genau hinter

der Ikone, hinter der ich das Knäuelbuch versteckt hatte, und

sah hinter ihr hervor. In all dem war deutlich ein Teufelswerk zu

erkennen oder zumindest ein ernstes Vorzeichen. Eine Schlange

hinter einer Ikone!

Man konnte nicht mehr beten, denn sonst hätte man die Schlange

angebetet. Ich wusste nicht, was zu tun sei. Ich nahm eine Axt

und begann zu warten. Das Tier unternahm nichts und auch ich

konnte mich nicht entscheiden. Einerseits wollte ich die Schlange

nicht töten, andererseits fürchtete ich, dass sie wegen ihrer Aggressivität

später wieder hierher zurückkehren würde.

Ich wandte mich an die Einheimische Valja Schuk, eine Kennerin

der hiesigen Natur. Wir gingen zusammen in die Kapelle, sie nahm

eine Hacke und ich meine Axt mit. Mit Holzpflöcken langten wir

bis hinter die Ikone und versuchten, zum Äußersten angespannt,

die Schlange aus ihrem Versteck zu treiben. Sie kroch hervor und

strebte einem Spalt im Fußboden zu. Wir begannen, fieberhaft auf

das Tier einzuschlagen. Ich schlug drei Mal und verfehlte sie jedes

Mal, Tante Valja ebenso. Eine unsichtbare Kraft lenkte unsere

Schläge vom eigentlichen Ziel ab, dem Tier. Die Schlange verschwand

im Boden. Und nun wussten wir nicht mehr, wie wir an

sie herankommen sollten.

Tante Valja sagte, es sei eine Ringelnatter. Sie könne beißen und

dem Vieh schaden, da sie ganze Fleischstücke aus dem Leib herausreiße.

Valja erzählte, wie sie ein Kalb auf der Weide zurückgelassen

hatte und es wenige Minuten später mit einer tiefen

Wunde am Bauch am Verbluten vorfand. Auch das noch, dachte

ich. Tante Valja ging weg und ich blieb allein in der Kapelle, unter

der sich dieses Ungeheuer versteckt hielt. Ich wartete wie ein

Jäger darauf, dass die Schlange herauskröche. Nach einer Stunde

wurde mein Warten belohnt: Unter der Wand der Kapelle entdeckte

ich den Schlangenkopf, die Schlange kam nach außen auf

das Fundament. Das Loch war klein und sie kam nur ganz lang-

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sam daraus hervor. Ihr Kopf versteckte sich hinter einer Ecke der

Kapelle und ihr Körper kroch weiter. Sie sah mich nicht. Ich sprang

schnell herbei und für einen Augenblick hätte ich die Schlange

entzweischlagen können. Aber ich sah unentschlossen auf das Tier

und tat nichts. Ich wollte es nicht erschlagen. Dann erschien ihr

Schwanz und sie kroch weiter auf die Wiese. Die Gelegenheit sie

zu töten war verpasst. Ich folgte ihr auf die Wiese, um sie weiter

von der Kapelle, dem Haus und unseren Wegen wegzujagen. Aber

so sehr ich auch suchte, sie war verschwunden, wie vom Boden

verschluckt.

Tante Valja überzeugte mich dann davon, dass wir die Schlange

ernstlich erschreckt hätten, und dass sie keinesfalls wieder zur

Kapelle zurückkommen würde. Doch in meinem Herzen verstärkte

sich die Unruhe, da in dem Geschehen zweifellos ein Omen

lag, das uns zu einer wichtigen Entscheidung bewegen sollte. Der

nächste und der übernächste Tag brachten aber nichts Bedrohliches

mehr, und wir beruhigten uns.

Am dritten Tage saßen mein Freund und ich miteinander am Herd,

der sich fünf Meter vom Haus entfernt befand. Darauf blubberte

unsere Grütze, die Kascha. Es war um Mitternacht. Wir saßen unter

dem dunklen Sternenhimmel, blickten auf die glühenden Holzscheite

und unterhielten uns. Unsere Stimmung war friedlich, erhaben,

denn nun war endlich die Zeit gekommen, da man in Stille

zusammensitzen, sich entspannen und sich von der Hetze des

Tages, seiner Hitze und seinen Sorgen erholen konnte. Neben der

Feuerstätte lag ein großer flacher Stein, der uns als Tisch diente.

Der Stein lag mit einem Ende unmittelbar auf der einen Wand

des Herdes. Langsam überkam uns Müdigkeit, und wir wollten

schlafen gehen. Ich nahm einen Eimer und lief zum Brunnen

Wasser holen. Mein Freund ging indessen ins Haus und kehrte

mit einem Teller zum Herd zurück, um den Rest Kascha aus dem

gusseisernen Topf zu nehmen. Der Topf stand auf unserem improvisierten

Tisch, es war dunkel und außerdem konnte mein

Freund nicht gut sehen, er trug eine Brille. Er stellte den Topf auf

den Herd und begann die Kascha zu schöpfen.

Später erzählte er, dass er fühlte, wie er mit seinem rechten Fuß

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auf etwas Weiches, einen Gummischlauch, wie er dachte, getreten

war. Er achtete zunächst nicht darauf, aber dann schaute er

doch genauer hin. Er stand auf einer riesengroßen Schlange! Ihr

Hinterteil war zu einer Spirale geringelt, aber der Kopf reichte bis

zu seinem Gürtel! Sie sah aus wie eine Kobra in ihrer berühmten

Drohhaltung. Er ließ den Teller fallen und rannte zu Tode erschreckt

ins Haus. Ich ergriff augenblicklich meine Lampe und

lief zum Feuer. Aber dort war nichts mehr zu finden. Ich suchte

das Gelände vergebens ab – die Schlange war wieder verschwunden.

Das bedrückte und erschreckte uns. Ich verstand, dass dies

die gleiche Schlange gewesen war wie vorher in der Kapelle.

Was sollte das alles? Wir waren doch buchstäblich nur für einen

Augenblick vom Herd weggegangen, als sich die Schlange dorthin

getraut hatte. Sie war weder vor uns noch vor dem Feuer zurückgeschreckt,

sie hatte nur einen halben Meter davon entfernt

gelegen! Was war das für ein Wunder? Weshalb war sie zum Feuer

gekrochen? Und seltsam ist, dass mein Freund auf ihr stand

und sie das duldete, überhaupt nicht darauf reagierte...

(Viel später schlug ich in einem Lexikon über Schlangen nach und

erfuhr, dass es eine olivenfarbene kaukasische Ringelnatter gewesen

war, die schnellste aller Schlangen. Sie kann sich so schnell

an einem Menschen vorbeischlängeln, dass der Eindruck entsteht,

ein graues Band gleite vorüber. Einige Ringelnattern haben keine

Angst vor Menschen, springen sie an und zielen sogar auf ihr

Gesicht!)

„Was ist das für ein Omen?“, dachte ich. „Was will es mir sagen?“

Ich verlor mich in Gedanken und Überlegungen, aber nichts Rechtes

kam mir in den Sinn. Doch mein Herz wurde unterdessen trüber

und trüber.

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