Eltern freuen sich über die Nachsorge durch das Team der ...

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Eltern freuen sich über die Nachsorge durch das Team der ...

Schwangerschaft & GeburtWurden in den letzten siebenMonaten ein eingespieltes Team:Marlon, geboren mit 630 Gramm,und seine Mutter KatharinaMärz 2012 ELTERN 71


Schwangerschaft & GeburtMarlon liegt auf seiner Krabbeldeckeund sieht auf denersten Blick wie ein ganznormales Baby aus: rund,satt und zufrieden. Wäre da nicht dieserSchlauch. Er schlängelt sich über denWohnzimmerboden, teilt sich kurz vorseinem Näschen und führt mit jedemEnde in ein Nasenloch. Durch diesenSchlauch bekommt Marlon Sauerstoff –das letzte sichtbare Überbleibsel einesharten Starts ins Leben, bei dem Marlondem Tod manchmal sehr nah war.Vor sieben Monaten wurde MarlonsMutter mit heftigen Bauchschmerzen ineine Münchener Klinik eingeliefert, wosie kurz darauf ihren Sohn bekam. In der24. Schwangerschaftswoche! Damit istMarlon ein „Neugeborenes mit extremerUnreife“, wie eine internationale KlassifizierungKinder nennt, die vor der 28.Woche geboren werden. Die wenigstenKliniken sind für solche Hochrisiko-Geburtenausgestattet, auch diese war esnicht. Deshalb mussten zwei herbeigerufeneSpezialisten aus dem MünchenerPerinatalzentrum Harlaching das Baby„improvisiert“ auf die Welt holen.Marlon wog nur 630 Gramm, maß 30Zentimeter, der Kopf war klein wie eineMandarine, die Haut glasig-blau. „Daswar kein schöner Anblick“, sagt seinVater Martin Hirschler. Für KatharinaWallner, die 20-jährige Mutter, war esein Schock. Noch belastender empfandsie allerdings die folgenden Tage undWochen: „Es war ein dauerndes Auf undAb“, sagt Katharina, ein ständiges Hoffenund Bangen. Denn trotz Transportrisikomusste Marlon nach Harlachingverlegt werden, wo man auf Frühgeboreneunter 1250 Gramm spezialisiert ist.Dort hatte er im weiteren Verlauf nocheinige schwere Hürden zu bewältigen:Hirnblutungen, die unreife Lunge, Infekte,Bluttransfusionen, Probleme mitder Magensonde, eine Netzhautwölbungund eine Operation am Herzen.Aber Marlon hat sich durchgekämpftund durfte nach vier Monaten und 17Tagen endlich nach Hause. Katharinawar darüber unendlich froh, einerseits.Probleme mit der Sauerstoffflasche?Schuldgefühle? Nachsorgeprofi FrauKöhler-Sarimski (li.) hilft KatharinaAndererseits hatte sie Angst: „Mir grautevor dem Alleinsein“, gesteht sie. „Nichtwegen der Verantwortung. Ich hab Marlonin der Klinik ja auch schon alleineversorgt.“ Aber auf der Station hatteKatharina auch immer andere Mütterund Krankenschwestern zum Reden.Und jetzt: Der Freund arbeitete, Babygruppenwaren wegen Infektionsgefahrtabu, und die jugendlichen Freundinnenkonnten Katharinas Gefühlslage kaumnachvollziehen.Wie Nachsorgeexperten wissen, istdie zweite Abnabelung, die Phase nachdem Verlassen der Klinik, für die weitereEntwicklung des Frühchens entscheidend.Jetzt geht es zwar nicht mehr umsnackte Überleben, aber um die Basis füreine gute Eltern-Kind-Bindung.Oft genug wird diese Bindung durchSchuldgefühle und Überforderung gestört:Frühchen-Eltern haben es zumBeispiel nicht immer leicht, ihr Babyzu verstehen – Frühchen senden andere(Hunger- oder Müdigkeits-)Signale alsreife Kinder. Nachsorgeschwestern helfenden Eltern, ihr Kind zu „lesen“.Katharinas und Martins Glück war,WEBTIPPIhr Kind war ein Frühchen? Dann schickenSie uns unter www.eltern.de/fruehchen-bilder zwei Fotos von IhremKind – eines aus den ersten Lebenstagenund eines von heute. Wir freuen uns auftolle, Mut machende Bilder!mit Marlon in München-Harlaching gelandetzu sein. Die Klinik gehörte zuden ersten, die mit einer Rundum-Frühchen-Nachsorgeernst machten. Schon2003 entstand dort das Modellprojekt„Harl.e.kin“, das inzwischen in zwölfweiteren bayerischen Kliniken umgesetztwird: Es erleichtert Frühchen-Elternden Übergang von der Vollbetreuung imKrankenhaus zur selbstständigen Versorgungzu Hause. Mitarbeiter, die dieEltern aus der Klinik kennen, helfen ihnenzu Hause – egal, ob es um medizinischeFragen beim Baby geht oder umseelische Probleme der Eltern.Bis heute gibt das Harl.e.kin-TeamKatharina und Martin „unkomplizierteSicherheit“, wie es der 27-jährige Vaterausdrückt. Pflegerisch brauchen sie nurgelegentlich Hilfe – mal sind da Fragenzu Medikamenten, Babynahrung oderKrankengymnastik, mal technische Problememit der Sauerstoffüberwachung.„Aber mir tut es gut, mit Frau Köhler-Sarimski über mich selbst zu sprechen“,sagt Katharina. Die Pädagogin, die geradezu Besuch ist, nickt: „Schon in derKlinik war klar: Katharina versteht ihrKind gut und ist sehr kompetent. Dennochgab’s Gesprächsbedarf.“Katharina knabbert zum Beispielimmer noch an dem Warum: Die medizinischenGründe für ihre Frühgeburtblieben unklar. Aber da waren in ihrerSchwangerschaft diese schrecklichenTräume von verkrüppelten Babys: IhrGynäkologe hatte fälschlicherweiseein Downsyndrom diagnostiziert undzur Abtreibung gedrängt. Kann das dieFrühgeburt ausgelöst haben? Katharinasucht immer noch nach einer Antwort,aber sie weiß: Die Profis vom Harl.e.kin-Nachsorgeteam helfen ihr dabei.Auch Silke Bailer aus Ulm bietetFrühchen-Eltern Hilfe zur Selbsthilfe an.Jetzt schaut die Nachsorgeschwesterund Case-Managerin nach längerer Zeitmal wieder bei Diana Häußler vorbei.Als die Tür aufgeht, strecken sich derBesucherin zwei kleine Hände entgegen– Anton, inzwischen eineinhalb, hat dieBesucherin sofort wiedererkannt.FOTOS: Astrid Prangel (3), Thomas Bernhardt (2)72ELTERN März 2012


„Guck mal, das war in derKlinik!“: Silke Bailer vom UlmerNachsorgeteam ist zuBesuch bei Anton, 17 Monate,und Mama Diana (li.)März 2012 ELTERN 73


Schwangerschaft & GeburtSilke Bailer vom Ulmer Frühchen-Nachsorgeteam (siehe Kasten rechts)hat Anton und seine Eltern im vergangenenJahr etwa sechs Monate langzu Hause betreut. Heute können sichdie Häußlers nicht nur über das Wiedersehenfreuen, sondern auch, weil Antonein fröhliches und gesundes Kind ist.Vor anderthalb Jahren war das nichtso klar: Dianas Zwillingsschwangerschaftverlief gut, bis in der 19. Wocheeine Fruchtblase undicht wurde.Bis zur 25. Woche hatten die Ärzte dieGeburt noch hinauszögern können,dann setzten die Wehen ein. Anton undsein Zwillingsbruder Jakob mussten mitNot-Kaiserschnitt entbunden werden.Jakob schaffte es nicht – er starb dreiStunden nach der Geburt.Die 31-jährige Mutter spricht sehr offenund gefasst über diese Tage: wie sieEin Foto von Anton aus den erstenTagen und eine der Windeln, die er trug:Sie war gerade mal handgroßsich den verstorbenen Jakob noch zumKuscheln und Verabschieden ans Bettbringen ließ. Wie sich in ihrem Kopf allesum Leben und Tod drehte. In dieserschweren Zeit war Diana froh, dass esin der Klinik die Betreuung durch eineNachsorgepsychologin und eine Seelsorgeringab. Sie haben die Mutter in ihrerTrauer von Anfang an begleitet, mitihr gebetet, ihr zugehört.„Es war ein Gefühls-Chaos“, sagt Diana:„Einerseits Trauer um Jakob, andererseitsFreude über Anton.“ Der lebte:820 Gramm leicht und 36 Zentimeterklein, aber gut entwickelt. Weil Dianavor der Geburt noch ein Mittel für dieLungenreifung gespritzt wurde, mussteAnton nicht lange beatmet werden.Nur zunehmen wollte er anfangsnicht. „Ein fauler Trinker war er“, sagtKrankenschwester Silke Bailer heuteund lacht. Damals aber hat sie sichzusammen mit einer Ernährungsexpertinregelrecht den Kopf zerbrochen.Mit vielen Tricks schafften sie es schließlich,Anton aufzupäppeln, Milliliter fürMilliliter. „Ohne die Nachsorge hätte


Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?Bewerten und kommentieren Sie ihn unterwww.eltern.de/abstimmenich das nie so geschafft,“ sagt Diana.Anton ist heute vielleicht noch einbisschen schmal, aber ansonsten ziemlichfit. Die positive Entwicklung lässtDiana inzwischen auch souverän überdumme Kommentare hinweghören.Sprüche wie „Sei froh, dass du nichtzwei behinderte Kinder hast“ kamen inihrem kleinen Dorf immer wieder.Frühgeboren gleich behindert? Dasmag Provinzdenken sein, aber als betroffeneMutter muss man sich erst maleine dicke Haut zulegen. Lange aufbauendeund tröstende Gespräche mit SilkeBailer und ihren Kolleginnen halfen ihrdabei. „Dafür bin ich sehr, sehr dankbar“,sagt Diana Häußler. Dann streichtsie Anton liebevoll über das Köpfchen,und man spürt deutlich, dass diese Familieaus einer schweren Krise gestärkthervorgegangen istFrühchen-Elternstark machen„Harl.e.kin“, das Programm des StädtischenKlinikums München-Harlaching,ist Vorreiter der Frühchen-Nachsorge. Elternprofitieren neben der ärztlichen Diagnostikvon meheren Nachsorgebausteinen:Intensivkrankenschwestern helfenbei Fragen rund ums Baby, eine Pädagoginmit familientherapeutischer Ausbildungbetreut die Eltern, eine Sozialpädagoginkoordiniert das Team und berät,zum Beispiel in Behörden-Angelegenheiten,eine Physiotherapeutin bietet einbiszweimal monatlich eine Frühchen-Gruppe an. Das Angebot wird durchdas Bayerische Sozialministerium, durchSpenden und Krankenkassen finanziert.In der sozialmedizinischen Nachsorgeder Uniklinik Ulm arbeitet ein achtköpfigesTeam: drei Kinderkrankenschwesternin der Kinderpflege, zwei Kinderärztefür medizinische Kontrollen, außerdemeine Sozialpädagogin für Organisatorisches,eine Psychologin zur seelischenStärkung der Eltern und eine ehrenamtlicheBetreuerin aus dem Förderkreis fürintensivpflegebedürftige Kinder Ulm e. V.,der die Arbeit neben den Krankenkassendurch Spenden mitfinanziert.Infos und Spendenkontakte:• www.harlekin-verein.de• www.intensivkinder-ulm.de• www.fruehgeborene.de (Bundesverband„Das frühgeborene Kind“)• www.bunter-kreis-deutschland.de(Verbund von Nachsorgeeinrichtungen)

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