Im März vor 80 Jahren - Welt der Arbeit

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Im März vor 80 Jahren:Der Frauentag wird abgeschafft2013 – eine bittere Zeit des Gedenkens: Vor 80 Jahren begann inDeutschland das Regime der Nationalsozialisten. Schon im FrühlingsmonatMärz 1933 wurde das erste Konzentrationslager errichtet, fanden dieletzten noch annähernd demokratisch verlaufenen Reichstagswahlenstatt, wurden anschließend die 81 Reichstagsmandate der KPD für „annulliert“erklärt. Ebenfalls bereits im März 1933 begann die Ausgrenzungder Juden durch erste Berufsverbote für jüdische Ärzte und Juristen. Unddann, am 23. März 33, kam das so genannte Ermächtigungsgesetz, dasdie Entrechtung missliebiger Menschen – scheinbar – legitimierte.Zu diesen Menschen gehörten auch die vielen Frauen, die 15 Jahre zuvorin Deutschland das allgemeine, gleiche, geheime Wahlrecht erkämpfthatten und sich danach erst Recht für weitere Frauen- und besonders fürArbeiterinnenrechte einsetzten. Doch das war unerwünscht; unerwünschtwar aus Nazi-Perspektive auch der internationale Aspekt des 8. März:Der Internationale Frauentag wurde in Deutschland verboten. Er fandmancherorts heimlich, hinter verschlossenen Türen statt, aber zwölf Jahrelang nie mehr dort, wo er hingehörte - auf offenen Straßen und Plätzen.Das war vermutlich besonders bitter für die Sozialistinnen aus Deutschland,denn es war mit Clara Zetkin eine von ihnen gewesen, die als Sekretärinder Sozialistischen Fraueninternationale 1910 in Kopenhagen eineFrauenkonferenz einberufen und geleitet hatte. Und es war unter denknapp 100 Delegierten aus 17 Ländern die deutsche Gruppe gewesen,die den Antrag zur Schaffung eines internationalen Frauen-Kampftageseingebracht hatte. In der Sprache der damaligen Zeit hieß es darin: „ImEinvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichenOrganisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten diesozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der inerster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient.“ Der Antrag wurdeangenommen, und schon am 19. März 1911 wurde der erste InternationaleFrauentag veranstaltet.Das Wahlrecht zu erhalten war damals die dringlichste Forderung dersozialistischen, aber auch der radikalen bürgerlichen Frauenbewegung.„Heraus mit dem Frauenwahlrecht!“ war das Motto, unter dem sich imMärz 1911 allein in Berlin 45.000 (!) Frauen versammelten. „Desgleichenhatte man noch nicht erlebt“, konnte man damals im ‚Vorwärts’ lesen,„dass Frauen in solchen Massen mit der Forderung des gleichen Wahlrechtsan die Öffentlichkeit traten.“ Sowohl der ‚Vorwärts’ als auch dieSPD-Frauenzeitung ‚Die Gleichheit’ berichteten von mächtigen Polizeiaufgeboten.„Zahlreiche Polizeimannschaften in der Nachbarschaft derVersammlungslokale bewahrten revolvergerüstet die Stadt vor dem Umsturzder Frauen.“ Der Berliner Polizeipräsident verstieg sich 1914 sogarzu der Behauptung, die Formulierung „Heraus mit dem...“ wirke „beleidigendfür die Obrigkeit“. Die Worte mussten auf den Plakaten überklebtwerden.Später, nach Ende des Ersten Weltkriegs, standen andere wichtige Forderungenauf den Plakaten zum Internationalen Frauentag, vor allem1


Forderungen nach Arbeits- und Mütterschutz, nach Arbeitszeitverkürzungund gerechter Entlohnung. Damit war 1933 Schluss.Als Äquivalent erklärte das Regime einen US-Import aus den frühenZwanzigerjahren zum offiziellen Feiertag: den Muttertag. Unter diesemBegriff ließ sich die Nazi-Ideologie von Mutterschaft und Muttertum, vonder Hüterin von Haus und Hof, von der Hegerin des Mannes und desNachwuchses viel sinnvoller vermitteln. Hitler fasste seine frauenbezogeneIdeologie im Wortsinn in einem Punkt zusammen: „Das Programmunserer national-sozialistischen Frauenbewegung (enthält) eigentlich nureinen Punkt, und dieser Punkt heißt: Das Kind.“ Er wusste auch, was esmit dem nun verbotenem Frauenkampf um gleiche Rechte auf sich hatte:„Das Wort von der Frauenemanzipation ist ein nur vom jüdischen Intellekterfundenes Wort.“Hitlers Vorkämpferin fürs nationalsozialistische Muttertum war die‚Reichsfrauenführerin’ Gertrud Scholtz-Klink. Sie entstammte einer kleinbürgerlichenFamilie im Badischen. Eine Schule hatte sie bis zur MittlerenReife besucht, eine berufliche Ausbildung absolvierte sie nicht. Schon1930 war sie der NSDAP beigetreten. Erste Meriten verdiente sie sich imNS-Staat durch den Aufbau nationalsozialistischer Frauenarbeit in ihrerHeimatregion. Das für Frauen höchste politische Amt im NS-Staat, dasAmt der ‚Reichsfrauenführerin’, bekam sie 1934 und behielt es bisKriegsende.Originalton Scholtz-Klink auf dem NSDAP-Parteitag 1934: "Nehmen wirsie (d.i. die Frau) nun noch bei ihrer tiefsten Kraft – bei ihrem Muttertum –an dem wir ihr am deutlichsten klarmachen können, wie stark sie alsGlied in der Kette ihres Volkes steht, dann merkt sie eines Tages vonselbst: Ich bin ja selber Geschichte! Und es überfällt sie die tiefe Erkenntnis:was heißt denn Volk? – Volk bin ich! – und dann versteht sie unserenationalsozialistische Forderung: dass das kleine eigene Ich sich diesemgroßen Du – Volk – unterordnen muss!" Keine Eigenverantwortung, keineSelbstbestimmung, keine Individualität, nur Unterordnung... Frauenlebenbesaß, wie Hitler schon in ‚Mein Kampf’ formuliert hatte, ausschließlichden Sinn, „der Vermehrung und Erhaltung der Art und Rasse“ zu dienen.Wegen dieser verantwortungsvollen Aufgabe genoss, nach Hitler,der „Gebärdienst der Frau“ das gleiche Ansehen wie der Wehrdienst derMänner. Diese Position vertrat selbstverständlich auch die ‚Reichsfrauenführerin’.Darüber hinaus stimmte sie die Frauen mit Hilfe von karitativenund hauswirtschaftlichen Veranstaltungen thematisch nach und nach aufden bevorstehenden Krieg ein.Die gebärfreudige Mutter – notfalls auch ohne zugehörigen Ehemann –stand im NS-Staat also in höchstem Ansehen. „Viele Kinder für den Führer“wurde propagiert; de facto wurden viele Kinder für den Krieg gezeugt.Da ist es eigentlich erstaunlich, dass die Mutterkreuz-Verleihung erst vor75 Jahren, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, eingeführt wurde.Den Orden in Bronze erhielten Frauen mit mindestens vier Kindern; dasgoldene Mutterkreuz gab es erst bei acht und mehr Kindern. Zum offiziellenTag der Verleihung wurde der Muttertag erklärt.Anna Riedel2

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