Klostermedizin Kern

kneippverlag

Klostermedizin Kern

Die Kräuter

»Gegen das aber, was man

im Überfl uss hat, wird man

gleichgültig; daher kommt

es auch, dass viele hundert

Pfl anzen und Kräuter für wertlose

Unkräuter gehalten und mit

den Füßen zertreten werden,

anstatt dass man sie betrachtet,

bewundert und gebraucht.«

Sebastian Kneipp


Die Kräuter

Alant

»Inula helenium« heißt der Alant lateinisch,

im Volksmund wird er »Helenenkraut«

genannt. Der Sage nach soll

die schöne Helena die Pfl anze in ihren

Händen gehalten haben, als Paris sie

entführte. Wahrscheinlich leitet sich der

lateinische Name aber von »helios«, dem

griechischen Wort für Sonne, ab. Denn

goldgelb wie die Sonne sind die Blüten

der Heilpfl anze. Der Alant galt als

Zauberkraut. In einem alten englischen

Segensspruch aus dem 11. Jahrhundert

wird er als ideales Mittel genannt, um

Hexenschuss – so er dem bedauernswerten

Opfer von einem Widersacher »angehext«

wurde – wirksam zu vertreiben.

Und in manchen bäuerlichen Gegenden

wurde am Heiligen Abend zum Räuchern

der Wohnräume Alant verwendet,

weil er besonders dazu geeignet schien,

Dämonen zu vertreiben.

Schutz

Sechs Kräuter waren es, die

während der Raunächte zur

Weihnachtszeit zum Räuchern

von Haus und Hof verwendet

wurden, um Menschen und

Tiere vor bösen Geistern zu

schützen:

Alant, Baldrian, Eberraute,

Rainfarn, Wasserdost und

Wermut.

Hildegard von Bingen empfahl die Anwendung

von Alant. Ihr »Alantwein«

sollte bei Lungenleiden vor und nach

dem Essen getrunken werden, denn »er

nimmt das Gift von den Lungen«. So

hilfreich der Alantwein ist, trinken sollte

man ihn nur bei Bedarf – »zu fl eißig

getrunken schadet er«, schreibt Hildegard.

Die schöne Helena

stand Pate …

Der Alant stammt aus Zentralasien, ist

aber schon seit langem in Europa heimisch

und heute längst »ausgewildert«,

er wächst auch frei, an feuchten Standorten,

an Waldrändern oder unter Hecken.

Wer die Pfl anze nicht wirklich gut

kennt, sollte nur Alant aus dem Kräutergarten

verwenden. Oder die getrockneten

Wurzeln in der Apotheke kaufen. Im

Garten zählt der Alant zu den schönsten

Blumen, seine großen gelben Blütenköpfe

sehen wie kleine Sonnenblumen

aus. Die Stängel können bis zu 2 m hoch

werden, die Blätter bis zu 40 cm groß.

Das Wichtigste am Alant sind die Wurzeln.

Man sammelt sie im Herbst von

Pfl anzen, die bereits zwei oder drei Jahre

alt sind. Die Wurzeln werden gesäubert,

getrocknet und besonders dicke auch der

Länge nach halbiert. Die Heilkräfte der

Alantwurzeln haben in früheren Zeiten

viele Menschen gesund über den Winter

gebracht. Vor allem bei Bronchitis und

Husten war die schleimlösende Wir-

54


kung der »Alantwurz« stets eine große

Hilfe. Alant wirkt auch krampfl ösend

und hilft, den Hustenreiz zu mildern.

Allerdings ist der Alanttee sehr bitter

und sollte schluckweise getrunken

werden. Eine Kombination mit anderen

Kräutern ist ratsam. Schon eine kleine

Menge Süßholzwurzeln gibt dem Alanttee

einen angenehmeren Geschmack.

Anwendung

Alanttee

1 TL getrocknete Alantwurzel

1 Tasse Wasser

Für einen Aufguss die Wurzeln überbrühen

und 10 Minuten ziehen lassen.

Vor oder zu den Mahlzeiten getrunken,

hilft der mild harntreibende Altanttee

gegen Appetitlosigkeit. Gemischt mit

Spitzwegerich lindert der Tee Bronchitis

und chronischen Husten.

Alantwein

30 g frische Alantwurzeln

30 g 80-prozentiger Weingeist

960 g Weißwein

Wurzeln in Scheiben schneiden, mit

Weingeist übergießen und gut durchmischen.

Weißwein dazugießen und die

Flasche bei 25 bis 30 Grad 2 Tage stehen

lassen. Die Flüssigkeit abseihen und die

Wurzeln gut auspressen.

55

Alanttinktur

50 g fein geschnittene Alantwurzel

20 g Wermut

30 g Tausendguldenkraut

50 g süße Orangenschalen

1,5 l 60-prozentiger Ansatzbranntwein

Gegen Appetitlosigkeit, aber auch gegen

Verschleimung der Atmungsorgane

helfen dreimal täglich 15 bis 20 Tropfen

Alanttinktur. Alantwurzeln, Wermut,

Tausendguldenkraut und Orangenschalen

in Ansatzbranntwein bei Zimmertemperatur

stehen lassen. Nach 10 bis 12

Tagen abseihen und gut auspressen.

Hustenzuckerl

Vor rund 2.000 Jahren wurde

aus der Alantwurzel eine Art

»Hustenzuckerl« bereitet.

Um den bitteren Geschmack

der Wurzel zu überdecken,

kandierten die Römer Alantwurzelstücke

und färbten

sie mit der aus Schildläusen

gewonnenen Farbe (»Koschenille«)

rot.

Auch in der Küche wurde

Alant verwendet und in

kleinen Mengen als verdauungsförderndes

Gewürz den

Speisen beigemengt.

Die Kräuter


Die Kräuter

Aloe

Foto: Digi Dias

Die Aloe zählt zu den Liliengewächsen,

kommt in Afrika, Arabien und auch im

Mittelmeer in vielen verschiedenen Arten

vor. Die heute so moderne Aloe vera

(»Aloe barbadensis«) wurde in den mittelalterlichen

Klostergärten Europas bereits

als kostbare Heilpfl anze angebaut

und zur Behandlung von Wunden und

Geschwüren verwendet. Dafür wurden

oft Blätter angebrochen und das austretende

Gel wie eine Salbe aufgetragen.

Frisch sollte die Aloe innerlich nicht

verwendet werden – die Blätter wirken

stark abführend. Grundsätzlich ist

es empfehlenswert, die Aloeprodukte

– Saft, Pulver oder Trockenextrakt – in

der Apotheke zu kaufen. Aloegewächse

sind sehr empfi ndlich und müssen

vor der winterlichen Kälte geschützt

werden. Einen ganz großen Stellenwert

hatte die Aloe als magische Pfl anze.

Schon die Sumerer haben Aloe bei magischen

und religiösen Riten zum Räuchern

eingesetzt. Auch in Indien war im

heiligen Räucherwerk Aloe enthalten. In

Lateinamerika galt die Aloe als heiliges

Wesen, dessen immergrüne Lebenskraft

Kranke wieder gesunden lässt.

Ein Stück getrocknete Aloe, am Leib

getragen, schützte vor dem bösen Blick

und galt den Bewohnern des mittelalterlichen

Europas als Talisman. Und in

alten Rezepturen für erotisierende Getränke

aus den so genannten Zauberbüchern

dieser Zeit kommt immer auch als

fester Bestandteil die Aloe vor.

Anwendung

Aloe-Dragees

Der Saft der Aloe-Blätter ist in vielen

Abführmitteln enthalten, oft gemeinsam

mit anderen Wirkstoffen. Die Mittel

sollten während der Schwangerschaft

und bei Darmerkrankungen nicht eingenommen

werden.

Aloe-Hautpfl egemittel

Die wundheilende und feuchtigkeitsspendende

Wirkung des Aloe-Safts

macht sich die Kosmetikindustrie seit

langem zunutze. Es gibt zahlreiche Salben,

Cremes und Gels mit Aloe auf dem

Markt.

56


Angelika

Foto: H. Eisl

»Angelica archangelica« lautet der lateinische

Name der Pfl anze. Im Volksmund

wird sie Engelswurz genannt, auch

Heiligen-Geist-Wurz, Heiligenwurzel,

Brustwurz oder Zahnwurzel.

Ursprünglich kommt die Engelswurz aus

dem hohen Norden – Island, Grönland

und Skandinavien. In Deutschland und

Österreich wurde sie zuallererst in den

Heilkräutergärten der Klöster kultiviert

und war als Medizinalpfl anze äußerst

geschätzt. Aus dem geschützten Garten

ist die Angelika, wie so viele Pfl anzen,

»ausgewildert« und wächst heute weit

verbreitet, vorwiegend an feuchten,

halbschattigen Stellen.

Die ganze Pfl anze hat einen intensivwürzigen

Geschmack, auch die recht

fl eischige Wurzel riecht würzig. Die Blüten

der Echten Engelswurz bleiben grün,

57

die der wild wachsenden Pfl anzen blühen

weiß bis rötlich, alle Blüten duften

süßlich und Bienen und Schmetterlinge

lieben sie. Im Kräutergarten braucht die

Angelika viel Platz, die Pfl anzen werden

bis zu zwei Meter hoch.

Chartreuse und Theriak

Angelika wird gerne mit anderen

Kräutern gemeinsam

für Liköre angesetzt und ist in

beinahe allen Klosterlikören

enthalten.

Das angenehme, blumige

Aroma der Pfl anze bereichert

auch die berühmten Liköre

wie den »Benediktiner« oder

den »Chartreuse«. Ihre bittere,

verdauungsstärkende

Kraft ist überdies in diesen

Likörmischungen unverzichtbar.

Auch im berühmten »Melissengeist«,

einem Destillat

der Karmeliternonne Maria

Clementine Martin, ist Angelika

enthalten. Die Wurzel

war ebenso fi xer Bestandteil

des berühmten »Theriak«,

der beinahe 2.000 Jahre lang

als wichtigster Heiltrank galt

– vom Römischen Reich bis

ins 19. Jahrhundert. Theriak

dürfte dem heute erhältlichen

»Schwedenbitter« ähnlich

gewesen sein.

Die Kräuter

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine