waffen- arsenal

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HI»>· Versuchsanlage in Misdroy. Wie in der verkü .... J.ten Variante in Hillcrsleben sind auch hier die Scitcnkammcrn waagerecht

angebnlchL Die zunächst hölzernen Bettungen wurden im Laufe der Versuche durch große ßetonstufen ersetzt, die noch heute im

Gelände sichtbar sind. Die Hanglage bedingte zu heiden Seilen stählerne Treppen und ein ausgeklügeltes Windensystem zum

Transport der Kartuschen für die Seilem"erschlüsse. Hersteller des letzIeren war die Finna Berliner Stahlbau.


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"

Sog. /IIiue/alter/iehe Legsliicke im Sauet. wie die im Boden verankerle Holzk,OIlSlntkt;oll gelllll/Ift wllrde, die der Lagerlll/g des

Geschützes lind dem Auffangen des Rückstoßes dieme.

Das sächsische Stabrill8gcschiilz .. Faule Magd", Tei/rekonstruktion des mittelalterlichen ,,35-cm-Ge.n:hiilze.I·", das sich helile

im Militiirhistorischen Mllselml der Bundeswehr i" Dre.stlen befindet. Dus im Vergleich zur La/elle nil/ti /50 lahre ältere Rohr

war urs[Jriinglich eil! aU,I' wlIgsstäben durch llllfgekntlllpfte Rillge verschmiedetes Legstiick.

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Blick in eine der Produktionshalfen der Finna Krupp. Scheinbar endlos erhebt sich das Rohr eines sog. "Wilhelm "-Geschützes,

das dann vor Pari.v zum Einsatz kommen sollte.

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Vorbeimarsch einer Balferie 15-cm-Kallonen 18 an 12-t-ZugkraJtwagen (Solider-Kfz. 8) am Tag der Wehrmacht ZlIm Reichspaneitag

der NSDAP 1935 ill Niimberg. Motorisierte schwere Verbände bildeten zu diesem Zeitpunkt eher die Ausnahme und

waren sichtbarer Teil der modems/eil wa./Jelllechnischen Entwicklungen ihrer Zeit.

Fronten eher dezentralisiert werden mußten, um militärischen

Erfolg zu erLielen. Das erforderte eine hohe Beweglichkeit

auch der Artillerie, verbunden mit großen Reichweiten

und hoher Treffergenauigkeit.

Der \'erlorene erste Krieg in diesem Jahrhundert, die harten

Beschränkungen und Knebelbedingungen des Versailler

Vertrages und die revolutionären Veränderungen der

Gesellschaft in Deutschland und Europa stellten fürdie Entwicklung

der deutschen Militärtechnik in der Weimarer

Republik erhebliche Einschränkungen dar. Nur aufTeilgebieten,

unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit und

auch jenseits von aller Legalität, wurde der Versuch unternommen,

Lehren aus den Erfahrungen des Weltkrieges zu

ziehen. Dieses Bestreben betraf allerdings nicht die Haupterkenntnis,

Kriege auf Dauer zu verhindern, sondern schlug

sich im Gegenteil in der Auffassung nieder, daß militärische

Konflikte zwischen Staaten auch künftig nicht vermeidbar

wären.

Mit der Veränderung der Machtverhältnisse im Jahre 1933

schlug auch die Stunde der deutschen Militärs und Militärtechniker,

dem deutschen Volk, wie sie sagten, wieder jenen

Raum und jene Geltung zu verschaffen, die ihm gebührten.

Obschon nicht vordergründig von Anfang an darauf aus,

einen erneuten Weltbrand zu entfachen, gehörte es doch zur

außenpolitischen Drohgehärde des neuen Reiches, mit den

Säbeln zu rasseln. Der schrittweise Bruch völkerrechtlicher

Verträge, die Wiedereingliederung des Saargebietes, der

8

Anschluß Österreichs sowie der Eirnnarsch in ßöhmen und

Mähren machten deutlich, dan die deutsche Reichsführung

bereit war, sich der militärischen Instrumente, die sie gemeinsam

mit der Wehrmaehtsfübrung schuf, auch konsequent

zu bedienen.

Der im September 1939 beginnende zweite grone Krieg

schien zunächst durch seinen glückhaften Verlauf auch für

die politische und letztlich moralische Berechtigung zu bürgen,

der dem späteren Sieger den Ruhm, nicht aber Schuld

und Sühne aufbürdet. Wenngleich es sich dabei wohl eher

um moralische Kategorien handelt. Und so der alte Clausewitz-Satz

eherne Gültigkeit hat, daß der Krieg nicht bloU

ein politischer Akt, sondern ein " wahres politisches Instrument

ist, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein

DurchItihren desselben mit andern Mitteln", wie will man

vom Krieg Moral einfordern, wenn Politik schon keine hat.

Mit der Wende des Krieges, mit der Erfahrung, daß die gefallenen

deutschen Soldaten nicht nur notwendiges Beiwerk

glänzender Siege, sondern auch leidvolle Erfahrung

schmerzhafter Niederlagen waren, mit jedem Thg, den der

Krieg wieder zurück nach Deutschland kam, wuchsen die

Forderungen der Reichsführung, insbesondere die ihres

Reichskanzlers und Obersten Befehlshabers, nach neuen,

noch gigantischeren, noch wirkungsvolleren Waffen.

Das war die Stunde der sogenannten Vergeltungs- oder V­

Waffen, von der national-sozialistischen Propaganda auch

zu Wunderwalfen des totalen Krieges \'erkJärt.


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Eine wahre Legende -feuerbereifes 80-cm-EisenbalmgeschiiTZ "Dom" Anfang Juni 1941 in der Schießkllrve vor Sewastopo!.

Der Oberbefehlshaber der Wehnnachl, Adolf HiLfer. zur Besichligung der in einer Behelfslafeue momierlell " Dom" auf dem

Schießplatz in Rügellwalde 1943. (v./.n. r.) Dr. Ferdinand Porsche; GFM Wilhclm Keife/, ChefOKW; Martill Bormanll. Reichsleiterder

N5DAP; Adolf Hitler; General EmU Leeb, Chef des Heereswaffenamtes; Albert Speer. ab 1942 Nachfolger )Ion Fritz

Todt, ab 1943 Reichsminister fiir Rüstung lind Kriegsprodllklion; Gruppenffihrer und Gen.Lltn. der Waffen-55. Hall.s Kammler.

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/'-euemde 31-cm-K(1I10Ile (Glatt) an der fran zösischen Kallu/kiiste. Mit die,l'ell! Geschiltz wllrden IW. in der letzten PlIase fiel'

Kriege,l' l/Iu:h 31-cm-PPG, das sog. Peellemiinder Pfeilgeschoß, l'erschossell, Die K 5, allch .. Schlanke Berta" genaf/III, wal' das

beste Eisenbaflllgeschütz des 11. IVdtkriegn'. .

\im amerikcl/Iüc;fum Streirkräften erbeillele K 5 in der Sammlung ill Aberdeell.

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DIE HOCHDRUCKPUMPE IN HILLERSLEBEN

Das Nachdenken über sog. "Wunderwaffen" ist keine deutsche

Erlindung des 20.Jahrhunderts. Es läßt sich zurückverfolgen

bis in die Antike. Die Entwürfe, Zeichnungen und

Pläne waren oft genug Grenzausweitungen der technischen

Möglichkeiten ihrer Zeit. Beim tatsächlich erreichten und

praktisch realisierbaren Stand der Technik ansetzend, lH!traten

siejene Grauzone der EntwickJung, wo einerseits aus

der kühnen Vision die ungeheure Herausforderung zur

Konstruktion und Herstellung neuer WatTen und WalTensysteme

erwuchs und andererseits zu hunderten waffentechnische

Phantastereien auf dem Müllhaufen der Geschichte

landeten.

Je mehr sich das Kriegsglück scinem Ende entgegen neigte,

um so lauter wurde auch im Zweiten Weltkrieg auf deutscher

Seite der Ruf !lach einem Wunder, nach gewaltigen

WalTen, durch deren Einsatz da'i Schicksal noch ein letztes

Mal gewendet werden könnte. Und wie stets fanden sich

Techniker, die tatsächlich zu neuen Ufern vorstießen - von

da Vinci bis zu von Braun. Den Lauf der Geschichte aber

konnten sie nie aufhalten.

So lebten auch die deutschen V-Waffen als geradezu sagenumwobene

militärtedmische Wunderwerke in der öffentlichen

Meinung fort. Aber nicht nur Laien, auch durchaus

ernst zu nehmende Militärs \"erstiegen sich mit Blick auf

diese WatTen zu gewagten Feststellungen. So schrieb Generalmajor

a.D. Adulf Röpnack noch 1960: "Im Hinblick auf

solche Konstruktions- und Erprobungsmöglichkeiten bleibt

es nir uns eine erschütternde Tragik und für unsere damaligen

Gegner ein zufalliges, großes Glück, daß es einer im

Kriegswesen neu entstandenen Raketenartillerie von allergrößtem

Format nicht mehr vergönnt war - weil zu spät - ...

dCII Kricgslorbccr auf diese Art zu sichern."

Interessanterweise sind demrtigeA ulTassungen einerseits die

überdeutliche Spiegelung der Wirkung deutscher Propaganda,

aber auch alliierter Äußerungen, die damit die Größe

ihres Siege. .. noch steigern wollten und andererseits wurden

WalTen dieser Art, angesichts der Auswirkungen des bisher

einzigen Abwurfes VOll Atombomben im Sommer 1945 auf

demjapanischen Kriegsschauplatz, für Jahrzehnte zur zentralen

Drohgebärde im Kalten Krieg.

Am 17. Juni 1944 machte der " Völkische Beobachter" mit

der Schlagzeile auf: " Mit neuen Sprengkörpern grönten

Kalibers gegen London und Südengland". Damit wurde der

mit propagandistisch völlig überzogenen Vorstellungen erwartete

Einsatz der ersten Wunderwaffe V I gefeiert. Das

keineswegs einheitliche \Vunderwaffen-Programm, das unter

der Zerstrittenheit der einzelnen Wehrmachtsteile und

Reichsminister Speer zeichnete 1943 deI/ Industriellen

Riichling, Chef der" Reichsvereinigung Eisen ", mit dem

KriegverdienstkrellZ mit Schwertem aus.

der SS sowie den pekuniären Interessen der deutschen In·

dustrie litt, umlaUte letztendlich bis Kriegsende die Entwicklung

einer Flüssigkeitsrakete; der späteren A 4 bzw. V

2 (WaPrüf 11 - Hccresversuchsstclle Pccnemündc - Dornberger,

von Braun), einer Flügelbombe Fi-l03, später V 1,

in Zuständigkeit der Luftwaffe, ein Ferngeschütz besonderer

Bauart, die Hochdruckpumpe, V 3, so"ie eine vierstutige

Pulverrakete, die mit Billigung des Heereswaffenamtes

seit 1941 im wesentlichen auf Eigeninitiative ihres Erfinders

enhvickelt wurde,

Es war der Oberingenieur der Röchlingschen Eisen- und

Stahlwerke,August Coenders, der 1942 bei der Durchsicht

fmnzösischer Patente aus der deutschen Beute von 1940 auf

die Unterlagen eines Ferngeschützes stien, das unter dem

Eindruck des Einsatzes des Kruppschen Parisgeschützes

1918 von französischer Seite entwickelt wurde. Dabei konnten

sich die Franzosen aufden Entwurt" eines Mehrkannnergeschützes

berufen, der von dem Ingenieur Perreaux bereits

auf der Weltausstellung 1878 in Paris vorgestellt wur·

de. Pikallterweisc übergab damals der Vorstand der Prä-

Auf der Pariser Weltausstellung im jahre 1878 stellte der frallzösische Ingel/ieur Perrea/IX diesel/ Entwwf eines Mehrkammergeschützes

vor. Der Vorstand de r Prämienmgskommisssioll übergab die UnterlageIl dem amerikallischen General Davi!i.

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Sandini Archiv mienmgskommission die Unterlagen dem amerikanischen

General Davis. Die Amerikaner ihrerseits reklamierten die

Idee alsbald für sich, auf ein Patent aus dem Jahre 1855 und

praktische Versuche von Lyman und Hashell aus dem Jahre

1860 verweisend. Die Lyman-Hashell-Kanone soll ein Kaliber

von 203 mm gehabt haben. Das Briüsh Ordonance

Board beanspruchte die Weitsicht f'tir sich, 1941 bereits das

dritte seit 1918 eingebrachte Angebot eines solchen Geschützes

abgelehnt zu haben.

Den Grundgedanken des französischen Patentes aufgreifend,

entwickelte Coenders 1942eine Fernwaffe,die u.a. im Kampf

gegen London vom Festland aus zum Einsatz kommen sollte.

Das Mehrfachkanuner-Geschütz verfügte über einen aus

einzelnen Segmenten zusammengesetzten überlangen Kanonenlauf,

an dem seitlich in regelmäßigen Abständen Pulverkammern

für zusätzliche Treibladungen angebracht wa·

ren. BeimAbfeuern des Geschützes sorgte der Gasdruck der

ersten Kartusche im Ladebereich für eine Beschleunigung

des Geschosses. Beim Passieren der nächsten Pulverkammern

zündeten die hier angebrachten Kartuschen und verliehen

dem Geschoß auf diese Weise bei möglichst gleichblei.

bendem Gasdruck im Rohr eine immer höhere Geschwindigkeit

Wie bei einer durch einen Pfropf verschlossenen

Pumpe erhöhte sich der Druck von Kammer zu Kammereine

Hochdruckpumpe.

Mit der so erzielten sehr hohenAnfangsgeschwindigkeit sollten

entsprechend große Reichweiten des Geschosses erzielt

werden.

Der rührige Hermann Röchling erschien gemeinsam mit

seinem Oberingenieur bereits im Januar 1943 in Hitlers

Hauptquartier "Wolfsschanze" und führte ein im Werk

Wetzlargebautes Modell, das 2-cm-Granaten zum Verschuß

brachte, erfolgreich vor. Mitte Mai 1943 stellten Reichsminister

Speer und Kommerzienrat Röchling erneut gemeinsam

das Ferngeschütz Hitler vor. Dieser unterstützte das

Projekt mit Nachdruck, kam es doch seinem artilleristischen

Verständnis, analog überschwerer Eisenbahngeschütze, entgegen;

ganz im Unterschied zu den für ihn offensichtlich

über weite Zeiträume nicht konkret faßbaren Raketenentwicklungen.

So hatte bereits im Jahre 1936 HitleI' selbst anläßlich

eines Werksbesuches bei Krupp in Essen die Richtung

zur Fertigung eines "Wunderwerkes der Militärtechnik"

"ausgebrütet", das in der Lage sein sollte, die "chinesische

Mauer der Franzosen" - so die SS-Propaganda über

die Maginot-Linie - eindrucksvoll in den ,,staub der Geschichte

sinken zu lassen". Die Fachsimpelei mit dem Kruppschen

Chefkonstrukteur Dr. ·Erich Müller, "Kanonenmüller",

führten damals schon zwanghaft zu der Frage Hitlers,

ob sich Müller ein Geschütz vorstellen könne, dessen Geschosse

wirkungsvoll die französischen Anlagen mit ihren 7

m starken Eisenbetondecken und Ein-Meter-Panzerstahlplatten

durchschlagen könnten. OerüberzeugendenAntwort

Müllers schlossen sich seinerzeit erste überschlägige Berechnungen

an, die letztlich flir die Firma Krupp entsprechende

Aufträge zeitigten, in deren Ergebnis die schwersten großkalibrigen

deutschen Artilleriegeschülze entwickelt wurden.

Verwiesen sei nur auf den 6O-cm-Mörser "Kari" und das

SO-cm-Eisenbahngeschütz "Dora".

Der Vorgang macht deutlich, in welchem Maße Hitler seinem

Erfahrungshorizont als Gefreiter im Ersten Weltkrieg

verhaftet war und wie die besonderen inneren Bedingungen

der national-sozialistischen Diktatur geeignet waren, dieses

rückwärts gewandte waffentechnische Weltbild zu heiligen

und daraus Rüstungsaufträge zu erhaschen. Zugleich wird

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das militärtechnische Spannungsfeld verdeutlicht, an dessen

einem Pol das Supergeschütz der konventionellenArtillerie

steht und dessen anderer Pol von der Raketenentwick·

lung bestimmt ist. Es ist ein Spannungsfeld, das sich auch

durch zwei Zitate belegen läßt. Das eine Wort ist aus dem

Munde des letzten deutschen Kaisers aus dem Jahre 1923.

"Unsere in Friedenszeiten zu großer Überlegenheit entwi·

ckelte SchwereArtillerie errang im Festungs- und Feldkriege

unvergleichliche Erfolge. - die höchsteAnerkennung zollten

ihr die Gegner selbst, als sie diese Waffe durch das Diktat

von Versailles zerschlugen. Möge der Geist, der die Schwere

Artillerie beseelte, weiterleben! Dann wird sie allen Machenschaften

zum Trotz auch in Zukunft von entscheidender Bedeutung

sein. Dann wird sie bleiben, was sie immer war, die

ultima ratio regis."

Nurzehnjahre später, 1933, formulierte derdeutsche Raketenpionier

Hermann Oberth mit Blick auf die Konsequenzen

der technischen Entwicklung: ,,Das gibt geradezu unheimliche

Aussichten rur einen zukünftigen Krieg. Es wird

möglich sein, mit einem einzigen riesigen Raketengeschoß

ganze feindliche Städte zu zerstören, und all unsere heutigen

Verteidigungsmittel werden dagegen machtlos sein.Aber

vielleicht wird gerade die Möglichkeit so furchtbarer Waffen

die Menschheit endlich zur Vernunft bringen."

Bei Albert Speer findet sich unter dem Datum 25. bis

28.01.1944 folgende Notiz: "Der Führer liest mit großem

Interesse den Bericht über die Beschußversuche mit der

Hochdruckpumpe vom 18. und 19. Jan. 1944. Er befiehlt,

daß mit allem Nachdruck sowohl die Versuchsarbeiten wie

die Fertigung vorangetrieben werden und verlangt, daß die

Munitionserzeugung kurzfristig über das bisher als möglich

gemeldete Maß von 2 500 - wie seit längerer Zeit festgelegt

- 10000 Schuß pro Monat gebracht wird."

Nach den Ausgangsüberlegungen von Coenders sollten mit

dieser Waffe drei Meter lange, nügelstabilisierte Geschosse

von ca. 140 kg Gewicht mit einer Sprengladung von 2S kg

TNT über eine Entfernung von rund 160 km verschossen

werden können. Die Feuergeschwindigkeit sollte bei einem

Schuß pro Rohr in runf Minuten liegen. Coenders ging bei

seinen Überlegungen von einer Dislozierung von 25 bis 50

HOP an der Kanalküste aus, aus denen dann die britische

Hauptstadt mit 300 bis 600 Geschossen stündlich hätte niedergehalten

werden können, was u.a. auch zu der Bezeichnung

"Fleißiges Lieschen" (- 1944 als Suggesüvname offiziell

bestätigt -) rührte. Daneben finden sich auch die Bezeichnungen

Langrohrkanone LRK (in den Modifizierungen

LRK 15 F39, G 56, F 58 und G 66), "Vielkartuschgeschütz".

"FernkampfwaO'e" und ,,Fernzielkanone".

Bemerkenswerterweise wurde das Heereswaffenamt auf Betreiben

Röchlings aus der konkreten Entwicklung des ,.Englandgeschützes"

oder "Thusendfüßlers" (- angesichts der

paarweise angeordneten Seiten kammern -) weitestgehend

herausgehalten. Speeräußerte gesprächsweise 1980 die Vermutung,

daß es RöchJing & Co. wohl vorrangig um die Mittel

eines lukrativen Rüstungsauftrages gegangen wäre und

die Experten des WalTenamtes sehr rasch hinter die Fragwürdigkeit

des Projektes gekommen seien.

Unter dem Eindruck der Ergebnisse der zunehmenden Luftangriffe,

vor allem von Kräften der Royal Air Force, suchte

man fieberhaft nach Lösungen, um die auf ihrer Insel weitestgehend

sicheren Briten niederhalten und endgültig besie.gen

zu können. In diesem Zusammenhang erfreute sich auch

das ,,Fleißige Lieschen" erneuter dringlichster Aufmerksam-


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Luftbild Nr. 7057 des Bildfluges 7-/00C der USAF vom 15. April 1945 - zwei Tage ,wch der Obergabe der Heen!Sl'ersuchsstelle

Hillersleben - Flughöhe 25 000 Fuß (Brf!fIJ1weite 152,4 mml Maßstab ca. 1 .' 50 000): I. A-Platz. 2. I-Platz. 3. 8-Platz. 4. E·

PlDtz. 5. Feuerstellung 27000 m, 6. Feuerstellung 28500 m (lIi1fersleben Nord). 7. Parallele Betonzielgruppe zwischen A- und

I·Platz,.

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keit von höchster Stelle. Albert Speer notierte in seincnAufzeichnungen

fürden Zeitraum 19. bis 22.August 1943: " Der

Führer entscheidet auf meineIl Vorschlag, daß das Risiko

cingegangen werden muß, die Hochdruckpumpe ohne Abwarten

des Bcschußcrgcbnisscs sofort in Auftrag zu geben.

Sowohl den Versuchsständen in Hillerslcben und Misdroy

wie "ar allen Dinboen dem endgilltigen Einbau an der EinsatzsteIle

ist jede Unterstützung zu gewähren." Ungewöhnlich

war ein solches, aus der Zeitnot geborenes Vorgehen nichl,

es haUe im Fall der U-Boof-Waffe lind bei der Fertigung

sog. geschleuderter Geschützrohre zum Beispiel zu beachtenswerten

Ergebnissen gefiihrt.1nnerhalb eines Jahres soUte

aus fünf Batterien zu je fünf Rohren der Beschuß Londons

erfolgen. Verhällnismäßig geringer Fertigungsaufwand bei

Verwendung nicht hoch legierter Stähle, unaufwendige Feuerstellungen

und einfache Zündmechanismen sprachen von

der Herstellung, Dislozierung bis zur Bedienung und geringer

Störanfalligkeit am griinen Tisch für das verblüffcnd

einfachc Gerät

Im Herbst 1943 begannen an einem ersten verkürzten Versuchsmuster

innenballistische Erprobungen auf dem I-Platz

in Hillerslebcn. Aus unterschiedlichen Aussagen von Zeit-

18

Oberst Seither, Kommandant der

HeeresverSJ/chstelle Hillersleben

/943 - 45.

zeugen sowie spärlich überliefertem Material kann davon

ausgegangen werden, daß hier ein ca. 30 Meter langes Versuchsrohr,

zusammengesetzt aus sechs Verbindungsrohren

und einem Dodenstück der 15-cm-s.F.H. 18 installiert wurde.

Die Erprobungsvariante besaß noch keine durchgehenden

T-Tr.iger-Traversen und rechtwinklig zum Hauptrohr

angeordnete seitliche Zündkammern. Das Bodenstück der

IS-an-s. f.H. 18 haUe einen QuerkeilverschluU mit elektrischer

Abreuerung. Die seitlichen Kammern waren mil

Schraubverschlüssen "crsehcn. Mit diesem Gerät wurden

Reichweiten bis zu 8 000 Metern erzielt.

Amcrikanischc Qucllen ,·crweisen im Zusammenhang mit

dem Einmarsch alliierter Kräfte in Hillersleben im April

1945 auf zwei zcrstörte Anlagen der HDP. Davon soll die

eine aus fünr, die andere aus zehn Kreuzstücken zusammengesetzt

gewesen sein. Als weiterer Unterschied wird in dem

Bericht darauf vcrwiescn, daß die Seitenkammern des eincn

Gerätes im rechten Winkcl zum Rohr angebracht wa·

nm und eincn Durchmesser von 13 cm hatten. Bei dem zweitcn

Gerät waren dic Kammern im 45°-Winkel zum Rohr

angebracht und hatten eincn Durchmesser von 15 cm.


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Diemen diese kiilJSllich angebrachTen Ge/älJdeeinschnilte mif dem ehemaligen I-PlaIZ vielleicht auch für den VerslI(;hsaujbal/

der HDP in HiIler:ilebell ?

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Versllchsaujbau der HDP

in Hil/ersleben. Die

Aufnahme zeigt die zum

Teil zerstörten, schräg

angeordneten Seitenkammt!m,

wie sie 1945 von

amerikanischen Spezialisten

vorgefunden wurden.

Weiterer verkiirzter Versl/chsaujbau der HDp, hier mit waagerecht angeordneten Seitenkammem. Diese Version wurde sowohl

in Misdroy als auch wöhreluJ der Ardennen-Offensive zum Einsatz gebmcht.

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Der Versch/llß

der flDP - das

Bodens/iick

einer /5-clII

schwereI! Feldhallbi/Ze

/8 in

emsprechender

Modijizie/'Ullg.

HDP·MiindulIg. Sehr gilt i.ft die aU,f stähleml!ll T-Triigem bestehende Bemmg des Geschiitzes l)i erkenllen

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Blick auf eine scllräg

angeon/nete Seitell­

Jwmmer mit am Botlell

liegendem Kolbellverschluß.

Verbindungsstück der HDP mit schräg angeordneten Seitellknmmem lind Kolbelll'erschlt!ß. Auf tlell erSlen Blick ähnelt die

KOI/Strnktioll eher einem Abfli!ßrohr.


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Kreuzstück mit schrägen Seite/!kammern.

RückslOßpuffer fiir den Versuchsaujmlll

eines Gerätes.

2E

-

Kreuzsfiick mit rech/IVinkligen

Kammern .

Gerät mit fiinj Kreuzstücken ill

Hillersleben. Leider ist die Qualität

der Aufnahme sehr schlecht.


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Auf dem amerikanischen Foto ist IIl1r noch mit Mühe der

Rückstoßpuffer des zweite" bekallllfen Gerätes in Hillerslebell

V.I erkenne".

Die Rekonstrukrionszeiclmung verdeutlicllf den Aufbau VOll

Verschluß und rechtwinkligen Seitellkammi!nI des Gerätes 1'011

Hillersieben. 1. Ladullgsraum fijr die HauptkartIIsche, 2.

Seitenka.mmern für Zusatz!adullgell.

Einer der alls Stahl-T-Trägern geferligte Lagerblöd.e [ur llu.f

RollT der HOP

Prillv.pski:a.e eilll!S Teilstückes für das Gerät mit schräge"

Seitenkammem.

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US amerikunischer Impek/ionsoffizier /945 in Hillersleben

mit Verschluß/eiien der HDP-Seitenkammern.

Diese Munitionskiste mit Segmenten

der 15-cm-Sprenggranate 448/

wurde lieben zerstörten Versuchs ­

aufbauten der HDP in Hillerslehen

gefunden. Die kleinere Abb. daneben

zeitg Sprengstoff streifen der Treibladung

dieses Geschosses.


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U5-ameriktmische Illspektorell 1945 mit einem Röchling-Speer.

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Eröffnung des ersten Teilstückes (Jer Reichsautubahn 1935. Beim Bau dieses Verkehrs- Wegenetzes konmen Elfahrungen gewollnen

und Strukturen erpmblwerden. die sich bei der Tiitigkeit der Organisation Todt an verschiedenen militärischen BpJestigungsbaulen

im Krieg eben.\"o bewährten - nur daß das delll.Khe Personal ZUllehmemf {lurch ausländische Zwallgsarbeiter

ersetzt wurde.

Angehörige der Organisation Todt (0. T.) bei Arbeiten am Westwall.

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Th. Do ••• '\

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Ein interessantes Detail: Die Ideallinie l:wischen der vorgesehenen HDP-Stellufl8 an der französischen Kanalküste und der

englischen Ha/em/adl Dover ist fast identisch mit dem vor wenigen Jahren eröffneten Euro-Tunnel.


Sandini Archiv DIE LETZTEN TAGE DES "FLEISSIGEN LIESCHENS"

Ein tatsächlicher Einsatz der HDPerfolgte unter Weisungsbefugnis

des Sonderbevollmächtigten 2 des Reichsführers

S5, Obergruppenführer und General der Waffen-SS, Dr.lug.

Hans Kammler, bei Lampaden am linken Ufer der

Ruwer südlich von Trier mit Ziel Luxemburg.

Mit einem letzten Aufbäumen unternahmen die herangeführten

und konzentrierten deutschen Kräfte der sog. Ardennen-Offensive

den Versuch, das alliierte Vorrücken im

Westen aufzuhalten. In Verfügung der Heeresartillerieabteilung

(mol.) 70S waren hier zwei stark verkürzte Rohre

disloziert. Der Einsatzbefehl vom Dezember 1944 verdeutlicht

zum einen die zwischenzciUich an der Waffe vorgenommenen

Veränderungen, vor allem hinsichtlich einer starken

Verkürzung der Rohre und damit Verringerung der Reichweite

und zum anderen den Übergang der Zuständigkeit

ftir Entwicklung und Einsatz in die Hände der SS. Der Aufbau

von zwei Rohren in Lampaden wurde aus dieser Konsequenz

heraus als Truppenversuch bezeichnet. Zunächst jedoch

beantwortete der zuständige Generalmajor Zimmermann

am 18.12.1944 wegen der TrefTerungenauigkeit und

der mangelnden Erfahrungen den Einsatzbefehl hinhaltend.

"Im Hinblick auf die z.Zt.laufenden Kampfbandlungen der

Heeresgruppe B bittet der Herr Oberbefehlshaber West, das

im Bezugsfernschreiben genannte Ziel ftir HDP nicht zu

wählen, da unter Umständen eine Gefahrdung der eigenen

Truppe eintritt."

Erst am 30. Dezember 1944 konnte um 21.45 Uhr der erste

Schuß auf die 42,5 km entfernte Stadt Luxemburg abgegeben

werden, dem innerhalb von 24 Shmden 34 weitere Schüsse

folgten. Ab dem 2. Januar 1945 schloß sich das zweite

Gerät mit insgesamt 44 Schuß an. Die bei den Geräte unter

der Bezeichnung "LKR 15 F 58" wogen je 28 000 kg und

stellten gewissermaßen eine erneut verkürzte Variante dar.

Das bekannte Bodenstück der 15-cm-s.F.H. 18, zwölf Zwischenstücke

mit je zwei Ladekammern und dreizehn glatten

Verbindungsrohren. Das ergab eine Gesamtlänge von

50,01Meter. Zum Verschuß kam die 15-cm-Sprenggranate

4481 mit einem Verschußgewicht von 97 kg und nach Abfall

des Treibspiegels von 85 kg. Die Treibladung bestand aus

einer 5 kg schweren Grundladung und 24 Zuladungen, insgesamt

72,8 kg Sprengstoff. Bei einer vi' von 935 mls errechnete

man eine maximale Schußweite von 49.265 km.

Die Geschütze, am linksseitigen Ufer der Ruwer, waren in

einem Winkel von 34° auf eine 0,60 m starke Betonunterlage

montiert und wurden durch eine spezieJleStahl-Holz-Konstruktion

unterstützt, entstand doch beim Abschuß ein Bodendruck

von fast 90 Tonnen. 557 Mann der Art.-Abt. 705

standen für den Einsatz zur Verfügung.

Nach diesem ,,Erfolg" wurde erneut die Forderung nach

Munition weitergeleitet und es schienen sich auch neue Ein-

Die Karte verdeutlicht Lage und Entfernungen der HDP-Stellung bei lAmpaden an der Ruwer südlich von Trier, aus der im

Zuge der Ardennen-Offensive der Beschuß von Luxemburg etfolgte.

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