Selbstbestimmt Leben mit Persönlichem Budget - YAEL ELYA Institut

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Selbstbestimmt Leben mit Persönlichem Budget - YAEL ELYA Institut

Präzedenzfälle geschaffen werden müssen, dies war auch die Antwort des Bundesministeriumsfür Arbeit und Soziales, das über die Praxis des LWL informiert wurde.Es folgen nun ein paar Beispiele, zur Verdeutlichung der Probleme, mit denen Psychiatrie-Erfahrene konfrontiert werden, wenn sie Leistungen zur Teilhabe in Form eines PersönlichenBudgets beantragen. Alle Beispiele stammen von Anrufern, die sich an die Projektleitunggewandt haben:• Beispiel 1: Die zuständige Hilfeplanerin des Kostenträgers kontaktiert die gesetzlicheBetreuerin einer Antragstellenden und kündigt an, den Antrag auf PB direkt abzulehnen.Eine Anwältin wurde eingeschaltet.• Beispiel 2: Der LWL unterstellt in einem Antwortschreiben auf einen durch dieProjektleitung verfassten PB-Antrag, die Antragstellerin hätte Ambulant BetreutesWohnen beantragt und schickt gleich eine zweiseitige Liste mit vom LWL anerkanntenAnbietern des Ambulant Betreuten Wohnens mit, mit der Aufforderung, dieAntragstellerin möge sich aus dieser Liste einen Dienst aussuchen, der ihr dieLeistungen zur Teilhabe erbringen soll. Die Antragstellerin hatte jedoch keine Leistungendes Ambulant Betreuten Wohnens beantragt. Sie hatte stattdessen konkret sowohl ihreeigenen Ziele, als auch die beantragten Leistungen und die selbst gewähltenLeistungserbringer benannt. Eine Anwältin wurde eingeschaltet.• Beispiel 3: Der Kostenträger fordert den Antragsteller auf, den Antrag auf PBzurückzunehmen, die Leistungen stünden ihm nicht zu. Der Betroffene war völligverunsichert nach dieser Reaktion. Die Projektleitung wandte sich daraufhin selbst anden Kostenträger. Der Projektleitung gegenüber verhielt sich der zuständigeSachbearbeiter höflich, der Antrag wurde abgegeben und ist nun in Bearbeitung.• Beispiel 4: Der Sozialdienst reagiert auf einen PB-Antrag mit dem Satz: „Entweder Sieentscheiden sich für Betreutes Wohnen oder Sie erhalten gar nichts!“ Der Antragstellerhatte keine Leistungen des Betreuten Wohnens beantragt, da er andere Hilfen brauchte.Eine Anwältin wurde eingeschaltet, der PB-Antrag ist mittlerweile bewilligt.• Beispiel 5: Der gesetzliche Betreuer einer Anruferin hatte im Juni 08 einen PB-Antrag fürdie Betroffene gestellt, ohne sie darüber zu informieren. Die Anruferin wusste nichts überdas PB, bevor sie sich – im September 08 – bei uns meldete. Der PB-Antrag war jedochbereits für 2 Monate bewilligt worden, ohne Absprache über Ziele, Leistungen undLeistungserbringer und ohne Clearing-Verfahren. Der bewilligte monatliche PB-Satz von1200 Euro sollte laut Angabe des Betreuers an eine mit ihm befreundeteSozialarbeiterin gehen. Die Betroffene kannte diese Sozialarbeiterin seit mehrerenJahren und hatte bereits regelmäßig Unterstützung durch sie erfahren, in Form vonSachleistung. Die Sozialarbeiterin forderte nun im Rahmen des PB 70 EuroStundenlohn…• Beispiel 6: Ein Anrufer hatte, bevor er sich bei uns telefonisch meldete, bereits beimSozialamt versucht, PB zu beantragen. Dort sagte ihm die Sachbearbeiterin: „Wenn Sienicht einmal ein Zeichen in ihrem Behindertenausweis haben, müssen Sie gar nicht herkommen, um PB zu beantragen!“• Beispiel 7: Ein Anrufer hatte vor der Kontaktaufnahme mit uns bei der Krankenkasseversucht, PB zu beantragen. Dort sagte man ihm: „Sie können kein PB beantragen,wenn Ihre Kinder bei Ihnen leben.“• Beispiel 8: Ein Anrufer hatte bereits vor der Kontaktaufnahme mit uns versucht, einenPB-Antrag zu stellen. Man sagte ihm: „Sie können nicht mit Geld umgehen, darumkönnen Sie auch keinen PB-Antrag stellen, Sie brauchen eine gesetzliche Betreuung!“• Beispiel 9: Die zuständige Hilfeplanerin des Kostenträgers (LVR) kontaktiert diegesetzliche Betreuerin einer Antragstellerin und teilt ihr mit, der Antrag auf PB sei völligfalsch formuliert: „So werden die Anträge im Einzugsbereich des LWL formuliert, wirmachen das aber hier beim LVR anders“. Der Antrag werde aus diesem Grunde nichtbearbeitet werden. Es handelt sich um einen formlosen Antrag, den die Projektleitungselbst verfasst hat. Die Antragstellerin hat sich durch die Aussage der Hilfeplanerin4


einschüchtern lassen und den Antrag zurückgenommen. Sie erhält jetzt – wie bereits vorder Antragstellung – Sachleistungen.• Beispiel 10: Ein Antragsteller erhält PB unter anderem für musikalische Weiterbildung.Der Kostenträger drängt den Antragsteller im Clearing-Gespräch dazu,Instrumentalgruppenunterricht zu wählen, „Gruppenunterricht sei für ihn die richtigeMaßnahme zur Förderung der sozialen Kompetenzen“. Der Antragsteller wähltstattdessen Einzelunterricht und einen Kurs für Home-Recording, die Kosten bleibengleich, er selbst ist zufrieden mit den eingekauften Leistungen. Ein halbes Jahr später –beim Clearing-Gespräch zur Verlängerung des PB – wird der Antragsteller von demKostenträger aufgefordert, das Geld, das er für die musikalische Weiterbildungausgegeben hat, an den Kostenträger zurückzuzahlen, da es nicht im Sinne derZielvereinbarung für Gruppenunterricht ausgegeben wurde, sondern für Einzelunterrichtund Home-Recording. Das gesamte PB-Verfahren wird von dem Kostenträger gestoppt.Die Wiederaufnahme des Verfahrens werde erst nach Rückzahlung der „Schulden“erfolgen. Bis dahin könne der Betroffene Unterstützung durch einen anerkannten Dienstdes Ambulant Betreuten Wohnens in Form von Sachleistung erhalten. Ein Anwalt wurdeeingeschaltet.Zusammengefasst haben die bisherigen Erfahrungen in der Projektarbeit gezeigt:1. Der Aufklärungsbedarf über effektive Möglichkeiten des Ausstiegs aus chronischenBeziehungen zur Psychiatrie ist hoch. Dies impliziert, dass viele Psychiatrie-Betroffenegar nicht den Schritt in Erwägung ziehen, PB zu beantragen.2. Diejenigen Betroffenen, die daran interessiert sind, einen PB-Antrag zu stellen,benötigen meistens sehr viel Unterstützung, Beratung und kontinuierliche Begleitung -sowohl bei der Vorbereitung und Formulierung des Antrags als auch im gesamtenAntrags- und ggf. Widerspruchsverfahren.3. Die Hürden von Seiten der Kostenträger, Psychiatrie-Betroffenen Persönliche Budgetszu gewähren, mit denen Alternativen zur Psychiatrie finanziert werden, sind hoch.4. Die Anzahl der Falsch-Informationen von Seiten der Kostenträger ist ebenfalls hoch.5. Der vom Vorstand des BPE e.V. vor Projektbeginn angenommene hohe Bedarf anunabhängiger Beratung, Aufklärung und Begleitung im Sinne der Ziele des BPE, hat sichbestätigt.Eine Fortführung der in den ersten sechs Projektmonaten initiierten Aktivitäten ist mehr alswünschenswert. Die Weiterfinanzierung des Projekts wurde vom Vorstand des BPE e.V. imDezember 08 beantragt.Aus den 6-monatigen Erfahrungen ergeben sich folgende Aufgaben für 2009:• Fortsetzung der bisherigen Beratungs-, Werbe- und Vortragsaktivitäten im gesamtenBundesgebiet in Zusammenarbeit mit den MultiplikatorInnen: Die praktischen Vorteile,die das PB jedem einzelnen Menschen bieten kann, sollen systematisch in jedemBundesland bekannt gemacht werden. In der Betroffenenszene herrscht die „Armut derBegierde vor“ – so Heidi Höhn, Multiplikatorin für Hessen… die meisten Menschen mitPsychiatrie-Erfahrung wünschen sich nämlich gar nichts mehr. Dies zu ändern istdringend notwendig und vorrangiges Ziel des Projekts!• Gezielte Verbreitung des Persönlichen Budgets auch unter Psychiatrie-Betroffenen, diein stationären oder teilstationären Einrichtungen leben sowie Werbung für dasPersönliche Budget bei interessierten MitarbeiterInnen dieser Einrichtungen. SchulungPsychiatrie-Betroffener im Bereich „Selbstbestimmt Leben mit Persönlichem Budget alsAlternative zu Heim und Betreuung“.• Gezieltes Herantreten an die Krankenkassen, mit dem Ziel der Durchsetzung derFinanzierung ganzheitlicher, alternativer Ansätze zwecks Verhinderung bzw. Beendigungchronischer Beziehungen zur Psychiatrie.• Vereinheitlichung des Wissenstands der MultiplikatorInnen zum Thema PersönlichesBudget, Akquise weiterer MultiplikatorInnen und Fortbildung zu „Peer-Counselorn fürPersönliches Budget“.5


• Ende 2009: Auswertung der Erfahrungen, die BudgetnehmerInnen mitselbstorganisierter Hilfe gemacht haben.• Akquise und Weiterbildung von psychiatrie-erfahrenen und nicht psychiatrie-erfahrenenMenschen, die im Rahmen des PB als Unterstützer, Krisenhelferinnen und/oderPersönliche Assistenten arbeiten möchten, denn die bisherigen Erfahrungen zeigen: DerWunsch nach alternativen Hilfeformen ist bei Betroffenen vorhanden, die geeignetenUnterstützer zu finden, gestaltet sich oftmals noch als schwieriges Unterfangen.• Aufbau einer bundesweiten Online-Datenbank „Psychiatrieerfahrene und andere anSelbstbestimmt Leben und Empowerment orientierte Leistungserbringer im Rahmen desPB“; Die Datenbank soll sowohl Budgetnehmenden als auch Leistungserbringenden dieMöglichkeit bieten, Inserate zu schalten.• Vorantreiben struktureller Veränderungen im Bereich „Persönliches Budget für Arbeit alsAlternative zur Werkstatt für behinderte Menschen“ und Aufbau einer Datenbank „Budgetfür Arbeit“ mit Auflistung erfolgreicher Beispiele der Umsetzung.• Untersuchung der Frage, wie viele Psychiatrie-Erfahrene bislang in der BRD das PB zurFinanzierung effektiver Alternativen zur Psychiatrie nutzen, wie sie dies konkret tun undmit welchem Ergebnis.• Durchführung von Veranstaltungen, in denen Vertreter des Bundesministeriums fürArbeit und Soziales, Vertreter der Kostenträger und Vertreter des BundesverbandsPsychiatrie-Erfahrener miteinander ins Gespräch gebracht werden sollen, mit dem Ziel,strukturelle Veränderungen der bisherigen Bewilligungspraxis herbeizuführen.• Erschließung von Finanzierungsmöglichkeiten unabhängiger Beratung zum PersönlichenBudget im Sinne der Ziele des BPE e.V. in allen Bundesländern.• Erschließung von Finanzierungsmöglichkeiten der bislang ehrenamtlich geleistetenArbeit der Multiplikatoren und Multiplikatorinnen.Trotz der geschilderten Schwierigkeiten gehen wir gestärkt in das Jahr 2009: Das Team derProjektmitarbeiterInnen umfasst am Ende der ersten Projektphase 28 MultiplikatorInnen ausdem gesamten Bundesgebiet und neben Karin Roth stehen mittlerweile auch Peter Weinmann(Saarbrücken), Dagmar Barteld-Paczkowski (Itzehoe) und Sabine Dick (Berlin) für Beratung undSchulungen zum Persönlichen Budget zur Verfügung. In der Hoffnung auf Projektverlängerung,mit herzlichem Dank an alle Multiplikatoren und Multiplikatorinnen und an das Theater Sycoraxaus Münster, das das Stück „Fit fürs Persönliche Budget“ entwickelt hat und mit dem wir eineschöne Zusammenarbeit aufbauen konnten, möchte ich diesen Bericht über die ersteProjektlaufzeit schließen.Abb. 1 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für Persönliches Budget im Rahmen des BPE-Projekts (das Photoentstand während des Workshops in Bochum im Dezember 2008)Von rechts nach links:6


Vordere Reihe: Dieter, Jurand, Dagmar, Andrea, JörgHintere Reihe: Ronald, Tuula, Nicola, Peter, Birgit, Heidi, Gabriele, Sabine, MandyKontakt zum ProjektKarin RothProjekt „Selbstbestimmt Leben mit Persönlichem Budget“ des BPE e.V.Ovelackerstr. 1044892 Bochumfon+fax 0234-8906153karin.roth@yael-elya.dehttp://www.yael-elya.de/index.php?spath=3967

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