Programmheft zum downloaden (PDF, 2,5 MB) - LiMA – Akademie ...

linke.journalisten.de
  • Keine Tags gefunden...

Programmheft zum downloaden (PDF, 2,5 MB) - LiMA – Akademie ...

RECHTHABER VON BERUF GUTERHETORIKER BEHERRSCHEN DIE KUNST, ZU REDEN UND ZU ÜBERZEUGEN. MITWAHRHEIT UND ÜBERZEUGUNGEN NEHMEN SIE ES ALLERDINGS NICHT IMMER SOGENAU. DIE GRENZE ZWISCHEN REDEKUNST UND POPULISMUS IST FLIESSEND.VON TIMO BRÜCKENMartin lässt die Bombe platzen: „Meine Damenund Herren, unser Land ist unterwandert von selbstherrlichenSnobs: den Bayern!“ Er fordert, das südlichsteBundesland solle vom Rest Deutschlands abgespaltenwerden. Der Freizeit-Rapper poltert, spitzt zuund haut auf den imaginären Tisch. Die Szene wirkt einwenig absurd: In Baggy-Pants und Rasta-Mütze stehtMartin vor den Teilnehmern eines Rhetorik-Workshopsund spricht von Patriotismus in Deutschland. Von äußerlichenWidersprüchen lässt sich Martin aber nichtbeirren und vertritt glaubwürdig seinen Standpunkt vollkommen egal, wie viel eigene Überzeugung indem steckt, was er gerade erzählt: Erst vor zwei Minutenhat er sein Redethema erfahren, zieht rhetorischaber bereits alle Register.FÜHREN RHETORIKER IHREMITMENSCHEN GEZIELT HINTERS LICHT?Es sei gar nicht nötig, hinter dem zu stehen, wasman vermitteln wolle, sagt Rhetorik-Trainer MoritzKirchner. Ein wahrer Redekünstler könne sein Publikumauch von etwas überzeugen, an das er selbst nichtzu 100 Prozent glaube. Andere würden das vielleichtlügen nennen, Kirchner nennt es gute Rhetorik: „DasPolitikerdasein besteht eben nicht nur daraus, seine eigenenPositionen zu vertreten. Fremde Meinungen zuverteidigen, kann doch auch sehr bereichernd sein.“Rhetorik bedeutet im Grunde nur: „Man selbst hat ersteinmal Recht und der andere nicht“, sagt Kirchner.Den griechischen Begriff könne man mit den Worten„Redekunst“ und „Redetechnik“ übersetzen, aber auchals „Redelist“, erklärt sein Kollege Vitalij Spak. FührenRhetoriker also hinters Licht? Die Profis winken ab:„Die eine Wahrheit gibt es sowieso nicht. Rhetorik istein Wert an sich.“ Schließlich floriere sie vor allemin Gesellschaften mit freier Meinungsäußerung. Meinungsfreiheitheißt aber auch, Politikern Populismusvorwerfen zu dürfen. Oft geschieht dies im selben Satzmit dem Wort Rhetorik. Redebegabte gelten schnell alsPopulisten. Sind Rhetorik und Populismus identisch?Nein, das müsse man trennen, sagt Moritz Kirchner.Rhetorik sei die „Zuspitzung und Verbildlichung“ vonThemen etwas pointiert auszudrücken und den MenschenBilder in den Kopf zu pflanzen. Populisten neigtenhingegen zur „Übervereinfachung“. Sie würdendie Dinge „zu flach machen“ und ständig Kritik üben,ohne selbst Lösungen anbieten zu können.GREGOR GYSI ALSPLAPPERNDES VORBILDNur meckern, aber nichts besser machen diesenVorwurf bekommt auch die Partei Die Linke oft zu hören.Linkspartei und Populismus werden oft im selbenAtemzug genannt. Kirchner kann das nicht nachvollziehen:Für ihn zeichnet sich die Linke vor allem durchbesondere Rhetorik-Fähigkeiten aus. Auch andere Parteienhätten ihre Talente, zum Beispiel Sigmar Gabriel(SPD) oder Karl-Theodor zu Guttenberg (CDU). Aberdie Linke sei dem Rest deutlich überlegen, glaubt er.„Das muss ich als Parteimitglied natürlich so sagen.“Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass der Rhetorik-Coachals bestes Beispiel Gregor Gysi nennt. DerFraktionsvorsitzende spricht auf der Linken Medienakademie(LiMA) zur „Kunst der Rede in der Politik“. DerFraktionsvorsitzende der Linken hält eine Rede übersReden halten was könnte passender sein? Schließlichgilt Gysi bei vielen als Rhetorik-Ass, erntet aber bisweilenPopulismus-Vorwürfe. Bei der LiMA bietet Gysiein wahres Schauspiel, das zwar inhaltlich wenig zumThema Rhetorik aussagt, aber darüber hinaus viel Anschauungsmaterialliefert. Der Einmeterfünfundsechzig-Mannlässt seinen Charme spielen, reißt Witze undplaudert aus dem Nähkästchen. Eine Hand steckt dabeilässig in der Hosentasche, während die andere dieWorte mit Gesten unterstreicht. Das ständige Grinsenauf seinem Gesicht wirkt immer dann besonders zufrieden,wenn er das Publikum ein weiteres Mal zumLachen gebracht hat. Die Zuhörer fressen Gysi förmlichaus der Hand und verzeihen schnell, dass er lieberwitzige DDR-Anekdoten zum Besten gibt, als wirklichetwas zur „Kunst der Rede“ zu sagen. Das Publikumhängt an seinen Lippen, wenn er Helmut Kohl imitiertund zahlreiche Lacher erntet. Man merkt schnell: Hierist ein wahrer Rede-Profi am Werk.„LINKE KÖNNENNICHT VEREINFACHEN“Neben der großen Charmeoffensive sagt der Bundestagsabgeordneteauch etwas zum Thema: Rhetoriksei ein Instrument, „das der Wahrheit dienen kann,aber nicht muss.“ Für ihn diene sie vor allem zur Übersetzungschwieriger Sachverhalte. Er selbst versucht,mit einfachen Beispielen den Kern einer Sache bloßzulegen:„Damit auch jede Verkäuferin versteht, wasich meine, wenn sie mich nur eine Minute am Tag inder Tagesschau sieht.“ Um in so kurzer Zeit nicht zuoberflächlich zu bleiben, brauche man allerdings rhetorischeFähigkeiten. Und daran fehle es in Deutschland,besonders bei den Linken. Das Problem: „Linkekönnen nicht vereinfachen.“ Gysis Lösung: mehrRhetorik-Lehrstühle. Spekuliert er da etwa selbst aufeinen Posten?Timo Brücken,23 Jahre, LandauStudiert in Landau Sozialwissenschaftenund schreibt für dieRheinpfalz sowie back view.5 //Foto: Julia Kneuse


SELBST LINKE LASSEN SICH MIT DEN RICHTIGEN PR-INSTRUMENTEN INS RECHTE LICHT RÜCKEN.Foto: Julia Kneuse7 //


SPRUCHREIF! VON WAGENKNECHT BIS WESTERWELLE EINS KÖNNENSIE ALLE: GROSSE SPRÜCHE KLOPFEN! VERBALE VERWIRRUNGEN SIND DABEI KEINE SELTENHEIT.WELCHER SPRUCH GEHÖRT ZU WELCHEM KOPF?! VERSUCHE,DIE BUCHSTABEN DEN RICHTIGEN ZAHLEN ZUZUORDNEN.VON LAURA BOHLMANN UND SOPHIE HUBBEBAFoto: US Library of Congress‘s Prints and Photographs DivisionFoto: Zentralrat der Juden in Deutschland1. „Um dem braunen Gedankengutden Nährboden zu entziehen, gilt es,die junge Generation aufzuklären undsie in ihrem Selbstwertgefühl und inihrem Demokratiebewusstseinzu stärken.“2. „In Deutschland kann es keine Revolution geben,weil man dafür den Rasen betreten müsste.“3. „Wirkliche Demokratie gibt es imKapitalismus ebenso wenig wie in der DDR.“5. „Ein Stück Apartheid fi ndetmitten unter uns statt in unserer Demokratie.“Foto: Elke Wetzig/wikipedia.deI4. „Bisher ist es so, dass denBanken Milliarden zur Verfügunggestellt werden. Den‚kleinen Leuten‘ aber wirdkaum geholfen.“6. „Wir werden nicht länger zusehen, dass beiden Großen der Bundesadler kommt undbei den Kleinen der Pleitegeier.“\\ 8


8. „Die linke Mehrheit bei Wahlen sollteperspektivisch zu einer linkenRegierungsmehrheit führen.“Foto: Codeispoetry/wikipedia.deCFoto: www.kremlin.ruD7. „Zweimal Hausaufgabennicht gemacht, Kindergeld um50 Prozent gekürzt.“Foto: BundesbankEEFFoto: own photo/wikipedia.deHFoto: www.guido-westerwelle.deG9. „Ich rede nurmit Journalisten, diemeiner Meinung sind.“Foto: Willi WallrothLÖSUNGJosef Stalin: A2.Charlotte Knobloch:B1. Günter Wallraff: I5.Hans-Christian Ströbele:C8. Wladimir WladimirowitschPutin:D9. Thilo Sarrazin: E7.Sahra Wagenknecht: F3.Guido Westerwelle: G6.Lothar Bisky: H4. GünterWallraff: I5.9 //


DIE SUCHTNACH DER GESCHICHTE WENIGER FAST-FOOD-JOURNALISMUS -DAS FORDERT GÜNTER BARTSCH, GESCHÄFTSFÜHRER DER INITIATIVE NETZWERK RECHERCHE.NUR HOCHWERTIGER JOURNALISMUS RETTET DIE MEDIENLANDSCHAFT, GLAUBTDER 30-JÄHRIGE. DAFÜR CHECKT ER SEINE TEXTE GERNE EIN ZWEITES MAL.VON NATASCHA VERBÜCHELNPERSÖNLICHDie Initiative Netzwerk Recherchekennt fast jeder Journalist, nursein Gesicht ist oft unbekannt: GünterBartsch ist seit August des vergangenenJahres der Geschäftsführer desInteressenverbandes. Der 30-jährigePolitologe aus Füssen im Allgau istals Freier Journalist für verschiedenenMedien tätig und schreibt imHauptstadtblog über seine Berlin-Erlebnisse.Bei Netzwerk Recherche machter sich für mehr Mut zu vernachlässigtenThemen stark. Der Verein bietetdazu verschiedene Seminare, zumBeispiel zu den Themen Interview,Fact-Checking und Undercover-Recherchean.Herr Bartsch, was verstehen Sieunter einer guten Recherche?„Es geht darum, nach etwas zu suchen.Rechercheure fördern Dinge zutage,die ohne dieses Suchen nicht publik würden.Das ist der Unterschied zur inzwischenleider weit verbreiteten Praxis, bloßPressemitteilungen, Agenturmeldungenoder Pressekonferenzen zu verarbeitenoder aus Wikipedia-Artikeln abzuschreiben.Viele Kollegen, die sich lange miteinem Themenbereich beschäftigen, berichten,dass ihnen Themen regelrecht zufliegen das funktioniert aber nur, wennman sich Spezialgebiete sucht und mitAusdauer dran bleibt. Investigativer Journalismusbraucht Zeit: Man führt Gespräche,wertet Studien aus, nutzt das Internetals Quelle. Aber die Arbeit lohnt sich: DieErgebnisse guter Recherche sind das, wasden Journalismus spannend macht.“Netzwerk Recherche kämpft fürmehr investigativen Journalismus. Sinddie deutschen Journalisten denn sofaul?„Die Erfahrung zeigt uns, dass esviele Geschichten mit inhaltlichen Mängelngibt, die nicht sein müssten. Dashat oft mit mangelnder Ausstattung derRedaktionen zu tun, manchmal mit derBequemlichkeit der Journalisten, aber\\ 10auch mit unzureichender Ausbildung. Ichglaube aber nicht, dass es Fast-Food-Journalismussein wird, der die Medien ausder Krise holt. Gute Arbeit wird honoriert von Lesern und Anzeigenkunden.“In welchen Bereichen besteht IhrerMeinung nach denn noch Potenzialzur Recherche?„Davon kann man nicht genug haben.Ich sehe aber gerade im lokalen undregionalen Bereich große Chancen. VieleLokalredaktionen neigen dazu, sich fürThemen zu entscheiden, die schnell gemachtwerden können Terminjournalismuskönnte man sagen. Aber geraderegionale Tageszeitungen können von einemstarken Lokalteil nur profitieren. Ichdenke sogar, dass dies der einzige Weg ist,dauerhaft zu überleben. Denn wo liegenexklusive Inhalte, die nicht von SpiegelOnline und anderen abgedeckt werden?Für bundesweite Themen müssen dieLeute heute nicht mehr unbedingt die Regionalzeitungabonnieren, gerade die Jüngerenholen sich die Informationen längstkostenlos im Internet.“Im World Wide Web gibt es heutzutagebreit gefächerte Informationenzu allen Themen. Einen Begriff in eineSuchmaschine einzugeben geht schneller,als in Büchereien oder Archiven zuwälzen. Ist Recherche dadurch nichtviel einfacher geworden?„Das Internet ist ein sehr wichtigesRecherchemedium. Aber man darf nichtGefahr laufen, zu glauben, im Internetließe sich alles finden. Man muss Leutepersönlich treffen, in Bücher schauen undbewusst zum Telefonhörer greifen. Oft erfährtman über ein persönliches Gesprächetwas, das im Netz noch gar nicht steht.“Eine gute Recherche braucht sehrviel Zeit, sagen Sie. Zeit aber ist kostbar.Und Kosten haben die Verlage schon zugenüge. Wie kann man den investigativenJournalismus in Zeiten der FinanzundWirtschaftskrise überhaupt finanzieren?„Solche Krisen werden von manchemVerlag auch gern als Vorwand für Einsparungengenutzt. Aber natürlich muss mansich Gedanken darüber machen, ob privateMedien auch in Zukunft in der Lagesind, Journalisten genug Ressourcen füraufwändige Recherchen zur Verfügung zustellen. Ich hoffe das. In den USA, wo dieMedienkrise schon weiter fortgeschrittenist, gibt es inzwischen allerdings auchstiftungsfinanzierte Recherche-Redaktionenwie ProPublica. Solche Projekte beobachteich mit großem Interesse.“Wirft man einen Blick in die Fernsehzeitung,fallen auf den besten Sendeplätzenvor allem Unterhaltungssendungenauf. Auch Zeitungen und Magazineentscheiden sich immer häufiger für„weichere“ Themen. Der Leser oder Zuschauerscheint unterhalten und nichtaufgeregt werden zu wollen. Lohnt sichdie Mühe einer aufwendigen Recherchedann überhaupt?„Schwer zu sagen, ein hohes Maßan Unterhaltung in den Medien ist janicht zu übersehen. Es gibtaber auch gute Reportagenauf schlechten Sendeplätzen,die erstaunlich hoheZuschauerzahlen erreichen.Eine Nachfrage nach seriösenMedien ist auf jeden Fallda. Die Verlage und Senderunterschätzen ihr Publikumviel zu oft.“ALLEIN AUF WEITER FLUR:NETZWERK RECHERCHE KÄMPFT FÜR INVESTIGATIVEN JOURNALISMUS.Der Alltag einer Redaktion iststressig. Kann ein Journalist es überhauptschaffen, immer alles gründlichzu recherchieren?„Es ist schon viel erreicht, wennsorgfältig gearbeitet wird: Wenn man zumBeispiel Meldungen von Nachrichtenagenturennicht blind übernimmt, sondern dieQuellen vorab checkt. Dann ist man nochnicht unbedingt ein investigativer Journalist,aber es wird glaubwürdiger zumalder Leser oder Zuschauer ja dank Internetselbst mehr Möglichkeiten hat, zu überprüfen,was hinter einer Nachricht wirklichsteckt. Das verlangt von Journalistenumso mehr, akkurat zu arbeiten.“Und wie sieht es bei Ihnen aus?Halten Sie sich für einen sorgfältigenRecherchierenden?„Jeder macht natürlich Fehler, aberich versuche zumindest, möglichst sorgfältigzu recherchieren. Es reicht ebennicht, kurz über den fertigen Artikel zulesen. Ich denke über die Plausibilität derAussagen nach, überprüfe Zahlen und Namen.Auch wenn es Zeit kostet, es lohntsich, einmal mehr genau hinzusehen.“Natascha Verbücheln20 Jahre, KrefeldStudiert Biologie sowie Deutschauf Lehramt und arbeitet alsFreie für die Rheinische Post.Foto: Julia Kneuse


TÖDLICHER IRRTUM:DAS DESIGN WAR SCHULD DESIGNER ENTWERFENPRODUKTE, DIE UNS TÄGLICH UMGEBEN. DIE DINGE, DIE SIE GESTALTEN, KÖNNEN NUTZEN ODERSCHADEN. ABER KÖNNEN SIE AUCH DIE GANZE WELT ZUM BESSEREN VERÄNDERN? JA, SOLANGEDESIGNER SICH VERANTWORTLICH VERHALTEN, SAGT BORIS BUCHHOLZ.VON TIMO BRÜCKEN„Design kann im schlimmsten Fallverletzen oder sogar töten“, erklärt BorisBuchholz. Der freischaffende Designererzählt die Geschichte eines jungenMannes, der irgendwo in Berlin mit einerSchreckschusspistole ein Geschäft überfallenwollte und dabei von der Polizeiangeschossen wurde. Sein Verhängnis:Die Pistolenattrappe sah täuschend echtaus, weshalb die Beamten das Feuer eröffneten das Design war schuld. „Muss essein, dass eine nicht-scharfe Waffe genauso aussieht, wie eine scharfe“, fragt Buchholzschließlich und antwortet selbst:„Nein, muss es nicht. Und genau hierfängt die Verantwortung des Designersan.“ Nach seiner Meinung sind professionelleGestalter für die Dinge, die sie entwerfen,verantwortlich: „Man muss sichimmer fragen: Gibt es da vielleicht einmoralisches Problem? Was ist die Funktiondes Produkts und ist sie klar erkennbar?“Ein Spielzeug, das einer tödlichenWaffe zum Verwechseln ähnlich sieht, istinsofern eben bedenklich.NACHHALTIGKEIT ALSEIN MARKETING-VORTEIL.Aber Buchholz geht es nicht nur umbedenkliche Produkte. Auch darüber hinauskönnten Designer etwas bewegen.Sein Credo ist die Nachhaltigkeit: „Eigentlichmüssten wir in unserer Zeit ganzanders mit Ressourcen umgehen. Designkann dabei helfen.“ Das fängt zum Beispielbei der Auflage von Print-Produktenan, die Buchholz „den größten CO2-Killer“nennt, und reicht übers Aussuchender Papiersorte bis hin zur Wahl der richtigenDruckerei. „Wie viel, wie und beiwem drucke ich?“ das seien in diesemBereich die wichtigsten Fragen. „So kannDesign helfen, den Klimawandel zu bremsen“,sagt Buchholz und fordert seineKollegen auf, sich nicht nur als Techniker,sondern auch als Berater zu verstehen.Designer sollten ihren Auftraggebernneue Wege aufzeigen. „Nachhaltigkeit istschließlich auch ein Marketing-Vorteil.“Sind Designer also die neuen Weltverbesserer?„VIELE GESTALTER SINDLEIDER ZU UNPOLITISCH“Zumindest können sie nach Buchholz`Meinung das Leben der Menschenein bisschen angenehmer machen. Dasso genannte Universal Design soll allenhelfen, vor allem denjenigen, die körperlichin irgendeiner Weise eingeschränktsind beispielsweise Alten, Kranken oderBehinderten. Und nicht nur denen: NiedrigereRegale im rollstuhlgerechtenSupermarkt oder Broschüren in großerSchriftgröße machen das Einkaufen undLesen schließlich auch für alle anderen angenehmer.Man kann immer die Cornflakesim obersten Fach erreichen und mussnicht ständig eine Brille tragen. „Niemandwird ausgeschlossen“, sagt Buchholz.Aber auch höhere Ziele sollte seineBerufsgruppe ins Auge fassen: „Leidersind viele Designer jedoch vollkommenunpolitisch“, beklagt er. Dabei sei es soeinfach: „Design ist ein politisches Mittel,das kleinste Symbol reicht.“ Schon die KZ-Häftlinge in Auschwitz hätten ihren Widerstanddurch eine gestalterische Gesteausgedrückt: Als die Nazis sie zwangen,den Schriftzug „Arbeit macht frei“ selbstanzufertigen, hätten sie das „B“ einfachverkehrtherum angebracht, erzählt derDesigner. So viel Mut lassen die meistenseiner Kollegen jedoch vermissen.„Nachhaltiges Design ist keine Massenbewegung“,gibt Boris Buchholz zu:„Aber sie wächst!“ Geld- und Zeitmangelhalten die Mehrheit der Zunft aber anscheinendnach wie vor von Engagementund Rebellion ab. Allerdings bieten längstangestoßene gesellschaftliche Trendseinen Ansatzpunkt für gestalterischenEinfluss, zum Beispiel die Klimaschutz-Debatte. Boris Buchholz ist jedenfallsoptimistisch: „Designer verändern immerdie Welt. Und wer sich bewusst dazu entscheidet,übernimmt Verantwortung.“Foto: Dmitriy Elyuseev/fotolia.deFRUCHTFLEISCH WELCHE ZEICHENSOLLTE DIE LINKE MEDIENAKADEMIE SETZEN?„BELEBEN“„BEKOMMEN“„BEFÄHIGEN“Fotos: Danilo BretschneiderFoto: XXXXXyCELINE MEYER, 31 JAHRE, SCHWEIZMITARBEITERIN BEIM BURMA-PROJEKT„DIE LIMA FINDET IN SCHÖNEWEIDE STATT.DAS IST EIGENTLICH EINE RECHTE HOCHBURG.ALLEIN DAS IST EIN ZEICHEN.“MATTHIAS DÖRR, 44 JAHRE, FRANKFURT (ODER)BETREUER IN EINER BEHINDERTENEINRICHTUNG„DIE LINKE MEDIENAKADEMIE SOLL DASHANDWERKLICHE RÜSTZEUG DAZU GEBEN, EINEANDERE ART VON MEDIEN ZU SCHAFFEN.“FRANZISKA STIER, 25 JAHRE, KONSTANZSTUDIERT SOZIALWISSENSCHAFTEN„DIE TEILNEHMER SOLLEN HIER BEFÄHIGT WERDEN,EINE GEGENÖFFENTLICHKEIT ZUR POLITISCHEN MEI-NUNGSMACHE HERZUSTELLEN.“11 //


„ES IST SCHWER,GEGEN DIE GROSSENDAMPFER ANZUKÄMPFEN“EIN STAPELVOLLER GLÜCK WIE VIEL IST DEN DEUTSCHEN EINE GUTEREPORTAGE HEUTZUTAGE NOCH WERT? GIBT ES FREIEN JOURNALISMUS NUR NOCHZWISCHEN HARTZ IV UND SELBSTAUFGABE? EXISTENTIELLE FRAGEN, DIE SICH INZEITEN DER WIRTSCHAFTSKRISE UND DES WACHSENDEN ONLINE-JOURNALISMUSVIELE FREIE JOURNALISTEN STELLEN.VON SOPHIE HUBBEDie goldenen Zeiten des Journalismus gehörenschon lange der Vergangenheit an. Längere Arbeitszeiten,höherer Zeitdruck und niedrige Honorare machen vielenJournalisten zu schaffen. Kai Schächtele, Gründungsvorsitzenderder „freischreiber“, möchte darauf aufmerksammachen, was auf dem journalistischen Schlachtfeldabgeht. „Es ist schwer gegen die großen Dampfer anzukämpfen,die zurzeit auf dem Meer unterwegs sind.“ DieDampfer sind die großen Verlage, die ihre Inhalte immerhäufiger von Freien anstatt von festangestellten Journalistenbeziehen. Gerade für Berufseinsteiger ist es schwersich auf dem Markt zu etablieren. Ein Patentrezept, wieman am besten seine Karriere startet, konnte keiner derTeilnehmer bei der von der Jugendpresse Deutschlandorganisierten Podiumsdiskussion liefern.MEHR MUT ZURFREIWILLIGEN FREIHEITDer Freie Journalist steht als Einzelkämpfer gegendie Verlage oftmals hilflos da. Controller, die Geld sparen,kümmern sich hauptsächlich um die Sicherung derZukunft des Unternehmens. Sie haben wenig Interessean den Existenzkämpfen, mit denen sich Freie Journalistentäglich herumschlagen müssen. „Der Journalismusist auf jeden Fall mehr wert, als für ihn bezahlt wird“,bekräftigt auch Eva Werner. Sie ist stellvertretende Pressesprecherindes Deutschen Journalisten-Verbandes undkennt somit die Sorgen vieler Journalisten. Nach übersechs Jahren Verhandlungen konnte sich ihr Verband mitden Verlegern auf Mindesthonorare für Freie Journalisteneinigen. Diese sollen eine angemessene Vergütungsicherstellen und Dumpinghonorare verhindern.Das Problem: Viele Verlage halten sich nicht an dieVorgaben. Zwar könnten die Betroffenen die Honorareeinklagen, doch zahlreiche Freie Journalisten scheuenden Rechtsweg. Zu groß ist die Angst davor, keine Aufträgemehr zu bekommen. Auch für den Freien JournalistenAndreas Kubitza ist klar, dass er sich nicht mehr demredaktionellen Druck ausliefern möchte. Um nicht jedenTag unter dem Zwang zu stehen, pünktlich seine Texte in\\ 12der Redaktion abliefern zu müssen, hat er sich dazu entschieden,Medienpädagoge zu werden und den Journalismuszu seinem Hobby zu machen. Auch Kai Schächtelelebt vom Freien Journalismus. Er entschied sich ganzbewusst gegen eine Festanstellung. Denn während er alsfestangestellter Redakteur in seiner Positon fast nur organisierte,delegierte und Freie Journalisten betreute, kanner jetzt als Selbstständiger viel mehr selbst schreiben.Das ist genau das, was er wollte. Er erlebt immer wiederin seinem Alltag, dass viele Festangestellte die Freien alsJournalisten zweiter Klasse ansehen, die es nicht zu einerfesten Anstellung gebracht haben.Das Problem, dass die Anzahl der festangestelltenRedakteure immer weiter schrumpft und Freie Journalistengezwungen sind, für einen nicht vertretbaren Lohnzu arbeiten, liegt laut Konny Gellenbeck zu großen Teilenan der Entwicklung des Internets. Für die Leiterin dertaz-Genossenschaft ist die große Schwierigkeit, dass eszur Gewohnheit geworden ist, Journalismus heutzutageumsonst zu bekommen. Die taz kann sich als unabhängigesMedium auch aus dem Grund halten, dass die Mitarbeiterein geringeres Honorar akzeptieren, um so dieZeitung zu unterstützen.STRUKTURFEHLERIM MEDIALEN SYSTEMDie Medienlandschaft darf sich laut Kai Schächteleallerdings nicht über Spenden finanzieren, denn Journalismusist für ihn keine Wohltätigkeitsdienstleistung. Erfordert einen „gesellschaftlichen Diskurs“, indem klargemacht wird, wie auch Freie Journalisten es schaffenkönnen, weiterhin mit Leidenschaft und dennoch nichtam Rande der Existenz arbeiten zu können. Auch die vonvielen verteufelte Öffentlichkeitsarbeit für Unternehmenoder Organisationen ist im täglichen Überlebenskampfder Medienvertreter für Eva Werner nicht moralischverwerflich. Niemand könne Freien Journalisten vorwerfen,dass sie sich nicht jeden Monat um die nächsteMiete sorgen wollen und für PR-Agenturen arbeiten. KaiSchächtele unterstützt diese Bemerkung. „PR-Agenturensind nicht die Vorhöfe zur Hölle.“ Das Wesentliche fürihn ist dabei jedoch, die Arbeit nicht zu vermischen.Wer für Kunden PR-Arbeiten übernimmt und gleichzeitigüber diese in journalistischen Artikeln berichtet, gerätsehr schnell in eine Glaubwürdigkeitsfalle.GEMEINSAM INTERESSENGEGEN DIE VERLAGE DURCHSETZENIn seinem Berufsverband für Freie Journalisten, derim November 2008 gegründet wurde, sieht Kai Schächteleviele Chancen für die freischaffenden Schreiber. „Wirmüssen uns zusammentrommeln und dürfen nicht mehralleine gegen die Verlage vorgehen.“ Für Eva Werner liegtdie Hauptschwierigkeit Freier Journalisten in der Selbstvermarktungsfähigkeit.Viele Autoren besitzen nicht dasSelbstbewusstsein sich zu verkaufen. Sie rät dazu, mitoffenen Augen durch die Stadt zu gehen, um nach Alternativenzu suchen. Man sollte Ideen entwickeln undRückgrat haben, diese zu präsentieren. „Man muss Niederlagenwegstecken können und mit Kritik klar kommen“,sagt sie. Journalismus sei trotz der Rahmenbedingungenein erstrebenswerter Beruf. Bevor Journalistendiesen aufgeben, sollten sie alternative Wege ausprobierenund den Mut haben mal auf den Tisch zu hauen.Die Zukunft, so die Hoffnung von Kai Schächtele,liegt in Zusammenschlüssen Freier Journalisten, kleineGruppen, die sich rund um die großen Redaktionen bildenund mit neuen Ideen Alternativlösungen finden.Sophie Hubbe,19 Jahre, BerlinStudiert Politikwissenschaften ander Freien Universität Berlin.


Anzeige15 //

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine