Zwischen Himmel und Erde

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Zwischen Himmel und Erde

Predigt an Karfreitag, 22.4.2011 in SteinenbronnJes 53,12 – Zwischen Himmel und ErdeLiebe Gemeinde,Als Schriftlesung haben wir die Kreuzigungserzählung nach demLukasevangelium gehört, Lk 23,33-49.In meiner Beschäftigung mit dieser Stelleist mir ein Vers in den Sinn gekommen,der das abbildet, was dort,in den letzten Stunden des Erdenlebens Jesu, geschehen ist:Im letzten Vers des Gottesknechtsliedes aus Jes 53spricht Gott über den leidenden Gerechten:Ich will ihm die vielen zur Beute gebe und er soll die Starken zum Raubhaben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und denÜbeltätern gleich gerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragenhat und für die Übeltäter gebetet.700 Jahre vor Jesu Leben wird hier vom Leidensweg eines Menschen,eines Knechtes Gottes,so lebendig und plastisch berichtet,dass man den Verlauf der Kreuzigung Jesu vor Augen hat.Lassen Sie uns anhand dieser Worte aus Jes 53,12 dem Geschehenentlanggehen:Otto Dix, Kreuzigung1.: Er ist den Übeltätern gleich gerechnet worden.Jesus wird in der Mitte von zwei Verbrechern gekreuzigt.Die Kreuzigung wurde von den Römernan Gegnern der römischen Staatsmacht vollstreckt.Viele Juden, die sich gegen die Römer verschworen hatten,traf diese Strafe,die meisten hatten Gewalt im Sinn oder Blut an den Händen.Diese beiden jedenfalls, so gibt ja der eine später zu,haben tatsächlich an anderen gesündigt und sie hatten


nach damaliger Sichtweise den Tod zu Recht verdient.Der in der Mitte gekreuzigt wurde,galt damals als der Schlimmste von ihnen.Jesus stirbt als schlimmer Übeltäter –ein erster Hinweis unseres Textes darauf,dass er sich große, größte Schuld,die Schuld der ganzen Menschheit, auflädt,wenn er hier – selbst unschuldig – dem Tod entgegenleidet.Und wie geht man mit ihm um?Er wird behandelt wie einer, der nichts wert ist- wie sagt man: -keinen Pfifferling mehr wert ist.Seine Kleider werden verlost,die Leute kommen und spotten drauf los,wie man nur gegen jemand spottet,den man für einen Nichtsnutz hält:Der Helfer kann sich selbst nicht helfen, lachen sie.Wer vorgibt, anderen zu helfen, der muss sichtbare Stärke zeigen,damit die Leute an ihn glauben. So dachten sie.Dass sich wahre Stärke gerade im Ertragen eigener Ohnmacht zeigt,hatten die Spötter nicht im Blick.Schauen wir auf das Kreuzigungsbild von Otto Dix,das Sie auf Ihrem Gottesdienstzettel haben:Ganz zentral, von oben nach unten durch das Bild gezogen,hängt Jesus am Kreuz. Seine Haltung:Wehrlos, gedemütig, leidend,die Arme unnatürlich gespreizt,der ganze Körper wird durch die Schmerzen nach unten gezogen,der Kopf hängt tief zwischen den Schultern,die Dornenkrone drückt schwer.Sein Blick: Augen und Mund weit aufgerissen,vor Schmerz, äußerem und innerem.Neben seinen Wunden sticht der Spott seiner Gegnerwie zusätzliche Pfeile in sein Herz…Was lesen wir davon, wie Jesus auf diesen beißenden Spott reagiert?2. Er hat für die Übeltäter gebetetViele der Gekreuzigten haben noch schnell ihre Sünden vor Gottbekannt, bevor der Tod sie übermannte.Jesus ist frei, etwas ganz anderes zu tun:Er tritt für die Sünden der anderen ein.Erwarten würde man, menschlich wäre es,dass Jesus ebensoviel Hass für seine Spötter empfindetwie sie für ihn.Jesus drückt das Gegenteil davon aus,er versetzt sich in die Lage seiner Henker,denkt an ihre Unwissenheit,bittet für sie um Vergebung.Wie kann man bloß so reagieren?Es mutet einen übermenschlich an,wie einer, der von allen Seiten verklagt wird,statt Resignation und HassMitleid und Liebe für seine Gegner aufbringt:Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.Und es geschieht noch mehr:Es kommt zu einem Gesprächzwischen ihm und einem der Mitgekreuzigten:Einer, der anderen Menschen Schlimmes angetan hat,bittet Jesus, dass er an ihn denkt, wenn er zu Gott gelangt.


Und Jesus verspricht ihm,ja, er sagt ihm auf den Kopf zu: Du wirst von Gott aufgenommen!Die ganze althergebrachte jüdische Lehre vom gerechten Gott wirdhier unterwandert! Nicht die Guten und Gewissenhaften,nein, die des Todes schuldig sind,denen wird versprochen, dass sie in den Himmel kommen.Wie kommt Jesus dazu, so anders zu denken als die FrommenIsraels?3. Er hat die Sünde der Vielen getragen.Das Geheimnis dieser Worte Jesu liegt darin,wie er seinen Tod verstanden hat.Darin, was Gott mit diesem Tod Wirklichkeit werden lassen wollte.Die Sünde - nicht die einzelnen Sünden der Vielen - hat er getragen,heißt es in diesem Satz aus Jes 53.Die Sünde, das ist unser Getrenntsein von Gott,der Wesenszug, dass wir eigenständig sein wollen,dass wir immer wieder voll Misstrauen gegenüber Gottund voll Bezogenheit auf unsere eigenen Wünsche und Vorstellungenunsere eigenen Wege gehen wollen.Wenn´s hart auf hart kommt, ist sich jeder selbst der Nächste.Darum geht es bei der Sünde,das ist uns angelegt,das ist so schwer oder unmöglich,dagegen anzugehen und wirklich selbstlos zu leben,voll Vertrauen, dass Gott schon für uns sorgen wird…Und dieser Wesenszug,der bei den einen stärker und bei den anderen schwächer hervortritt,der verbaut - oder erschwert zumindest –so oft ein friedliches Miteinander zwischen uns Menschen,der führt zu Krieg und Gewalt, zu Hass bis hin zum Mord.Diesen menschlichen Wesenszug, den wir selbst nicht bei uns undnicht bei anderen beiseite schieben können,wollte Jesus beiseite schieben und verdrängen,nein besser ertragen und überwinden durch seine Liebe,die bereit ist, auch durch den Tod zu gehen.Er liebt die, von denen ihm der Hass nur so ins Gesicht schlägt.Und in diesem Ertragen und dieser Liebe steckteine so unerhörte Kraft, dass der Hass dahin schmelzen muss.Und lassen Sie uns daran denken,dass hinter dem Leiden und der Liebe Jesudas Leiden Gottes um uns Menschen,die Liebe Gottes für jeden einzelnen hervortritt.Gott will um alles in der Welt,dass der zerstörerische Wesenszug, der allen Menschen eingepflanztist, überwunden wird.Und er will und wird eine neue Welt schaffen, wo Menschenohne diesen Wesenszug in Frieden miteinander leben können.Der erste, der in die neue Welt Gottes eingeladen wurde,war ein Übeltäter.Einer, der den Tod verdient hatte,der aber im Leiden JesuJesu übergroße Liebe zu den Menschen entdeckt hatund von dieser Liebe einfach innerlich überwunden wurde.Der, der vielleicht mit unübertroffener Coolnessandere Menschen umbringen konnte,wird dadurch schwach, wird zum Bittsteller,vertraut dem, der so ganz anders lebt und denkt wie er.Und Jesus trägt seine Sünde und nimmt ihn auf.


Um wie viel sicherer wird er auch unsere Schuld tragenund uns in sein Reich aufnehmen.Lassen Sie uns heute an Karfreitag, daran denken,dass nicht wir selbst das Böse, das in uns lauert überwinden können,sondern dass wir uns von der leidenden Liebe Gottes überwindenlassen müssen, die sich in Jesu Kreuz zeigt.4. Jesus hat sein Leben in den Tod gegeben.Am Ende kommt der Tod mit Macht.Eine Dunkelheit mitten am Tag, eine Sonnenfinsternis,das war mit das Schlimmste, was sich die Alten vorstellen konnten.Warum? Weil damals niemand wusste,was diese unnatürliche Finsternis,die niemand ein zweites Mal im Leben erleben würde,bedeuten würde. Kommt die Sonne jemals wieder,wenn sie mitten am Tag verschwindet –oder ist das das Ende der Weltzeit?Das Bild von Otto Dix zeigt viel Dunkelheit.Es dämmert dort höchstens, wenn sich nicht ein Nachthimmel zeigt,und alles auf dem Bild scheint nach unten gezogen zu werden,so wie der Körper Jesu unter der Last der Schmerzen zu Bodengezogen wird.Die beiden Trauernden ganz unten,sie sind schon fast im dunklen Boden versunken.Am Ende sieht Jesus dem Tod ins Augeund gibt sein Leben wieder zurück.Er gibt seinen menschlichen Geist,der durch Gottes Geist,durch Gottes Atem am ersten Lebenstag zum Leben erweckt wurde,wieder zurück an den, von dem er kam.Vater nennt er ihn,wörtlich heißt es „Abba“, ein Kosewort für den eigenen Vater,Papa müsste man übersetzen.Viel Vertrauen spricht da heraus.Mein Vater weiß, was geschieht.Er ist Herr über Leben und Todund wird mich nicht dem ärgsten Feind übergeben,sondern mich bei sich halten.In deine Hände – so heißt es auch in einem alten jüdischenAbendgebet, angelehnt an Ps 31 – befehle ich meinen Geist.Jesus gibt sein Leben in den Todund weiß sich durch den Tod hindurch in seinem Vater geborgen.Lukas selbst schreibt nichts über das Gefühl der Gottverlassenheit,das Jesus nach Mk und Mt gepackt hat.Aus den Kreuzigungsberichten der vier Evangelisten hören wirbeides heraus, Vertrauen und Angst,und wir wissen selbst darum,dass unser Glauben in solch extremen Situationenzwischen beiden Polen hin und herpendelt.Und machen uns im Nachdenken darüber bewusst,dass gerade dies zeigt:nicht wir, nein Gott hat uns und unseren Glauben in der Hand,und wir dürfen vertrauen,dass er ihn uns auch gegen eine noch so große Angst erhalten wird.Als letztes Zitat der Anfang unseres Verses aus Jes 53:5. Ich will ihm die Vielen zur Beute geben,


und er soll die Starken zum Raub haben, sagt Gott dort über seinenKnecht.Am Ende hatte Jesus sie alle überwunden,überwunden durch die Art, wie er dieses Leiden durchstanden hat,überwunden durch die Liebe, die sie daraus ablesen konnten:Den Übeltäter, dem er das Paradies versprach,den Hauptmann, seinen Henker, den Starken,dem er ein Gotteslob entlockt hat,das Volk, das dabeistand, die Vielen,die sich an die Brust schlugen als Zeichen ihrer Trauer,ein Zeichen, das die eigene Schuld an dem Geschehenen ausdrückt.Die, die gespottet hatten, schwiegen still,wer jetzt noch sprach, der lobte Gott oder bekannte seine Schuld.Und seine Jünger und Jüngerinnen?Otto Dix hat zwei davon unter das Kreuz gemalt,zwei Frauen, oder ist es ein Mann und eine Frau,sind es Johannes und Maria,die im Bericht nach Jh unter dem Kreuz Jesu stehen?Die Frau hat tiefe Augenränder, die von unsäglicher Trauer zeugen.Sie stützt ihren Kopf mit einer Hand,das Kopftuch hängt schlaff auf ihr,und ihr Kleid scheint wie umwickelt von Seilen, die sie fesseln.Gefesselt, gelähmt, resigniert, einfach fertig.Die Person links hält die Hand vor´s Gesicht, weinend vielleicht,vielleicht auch voll Scham darüber,dass sie Jesus nicht vor dem allem bewahren konnte,dass sie ihn durch ihre Flucht wohl gar mit dahin gebracht hat,wo er jetzt hängt.Die Hand liegt nicht locker, nein verkrampft im Gesicht,von tiefem inneren Schmerz gezeichnet.Seine Jüngerinnen und Jünger,sie waren noch gelähmt, schwach, perspektivlos.Den Triumph, die Überwindung,die sich am Ende der Kreuzigungsszene andeutet,das haben sie noch in keiner Weise wahrgenommen.Sie standen und sahen von weitem, was geschah.Bevor der Triumph Jesu offenbar wird,muss er erst noch durch die Nacht des Todes,bis der dritte Tag anbricht.Aber dann wird seine Vergebung und Liebe auch die einholen,die ihm nahe standen.Wer seine Liebe erfasst und ergreift, der bekommt Anteil an ihr,und so dürfen auch wir uns unter das Kreuz stellen ,betroffen von dem was geschehen ist,und gleichzeitig dankbar und zuversichtlich,dass er unsere inneren Fesseln löstund uns in ein neues Leben hineinführen wird. Amen.

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