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KONFLIKT

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Schweizer Hunde Magazin 3/06

Hundehaltung gewisser Rassen

B R I

Gedanken zur aktue

von Sonja Rohr

Besteht tatsächlich ein Bedarf, dass der nachstehende Aufsatz veröffentlicht

wird? Diese Frage habe ich mir während des Schreibens

immer wieder gestellt, stets all die Artikel, Stellungnahmen und Leserbriefe

vor Augen, die nach den tödlichen Bissunfällen durch Pit

Bull Terrier im Juni 2000 in Hamburg und am 1. Dezember 2005

in Oberglatt ZH bereits veröffentlicht worden sind.

Eine Autorität in Kampfhundefragen bin ich nicht, dafür unabhängig,

niemandem Rechenschaft schuldig, keiner Interessengemeinschaft,

keinem Verband, keiner Behörde verpflichtet und

kann mich deshalb unbefangener darüber äussern.

Also will ich doch versuchen, einen grossen Bogen zu machen über

möglichst viele Aspekte und Blickwinkel, aus denen die Zusammenhänge

betrachtet werden können, und dabei nichts fordern,

nur auffordern – zum Nachdenken.

Statussymbole

Über verschiedene Gründe und Hintergründe,

weshalb Menschen früher schon und

heute noch Hunde halten, ist schon viel sinniert

worden. Darunter finden sich je nach

Lebensumständen Motive, die den Nutzen

für den Menschen bei Jagd, Vieh Hüten und

Treiben oder beim Bewachen von Hab und

Gut betonen, oder solche, welche die emotionalen

Seiten der Mensch-Hund-Lebensgemeinschaft

hervorheben.

Was gewiss schon seit jeher eine gewisse

Rolle spielte, ist der Umstand, dass Hunde so

gut wie andere Besitztümer als Statussym-

bole dienen können. Dabei muss „Statussymbol“

gar nicht zwingend mit „Protzertum“

negativ besetzt werden. Statussymbole

sind in erster Linie Erkennungssignale für die

Stellung eines Menschen in der Gesellschaft.

Sofern man die Tatsache akzeptiert, dass

hierarchische Unterschiede existieren, ist

daran nichts Ungutes, weil Statussymbole

auf den ersten Blick für Klarheit sorgen:

Früher war der mit Krone, Reichsapfel und

Zepter der König, heute jener mit sonnenbebrillten

und mit Ohrknopf versehenen Bodyguards

an seiner Seite ein hohes Tier, eine

VIP oder wie auch immer.

Dass besonders der hohe Rang gerne freiwillig

markiert wird, bedarf kaum einer Erklärung.


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llen Diskussion

Falsche Statussymbole

Mit Hilfe von ungerechtfertigten Statussymbolen

lässt sich ein höherer als der wahre Stellenwert

in der Gesellschaft vortäuschen. Mehr

Schein als Sein und so tun als ob machen bekanntlich

einen erheblichen Teil im menschlichen

Miteinander aus. Es wäre bestimmt

spannend, über die Mechanismen nachzudenken,

die dazu führen (ähnliche wie beim

Dominanzstreben unserer Hunde?).

Derartige Imagekorrektur wird häufig mit Hilfe

von Accessoires betrieben, welche Eigenschaften

zum Ausdruck bringen, die der Träger

gerne in einem grösseren Masse ausstrahlen

möchte, als es ihm seine eigene

Person ermöglicht: Sexappeal, Sportlichkeit

oder Wehrhaftigkeit und Durchsetzungsvermögen.

Als Mittel zum Zweck eignen sich

Kleider, Gadgets, Autos – und Hunde.

Und damit zurück zum Hund in seiner Rolle als

Statussymbol und speziell in seiner Rolle als

Bodyguard. Es gibt zweifellos Menschen, die

ganz bewusst auf eine Angst einflössende

Wirkung ihres Hundes setzen, um ihre eigene

Stellung zu stärken. Welcher Hundetyp wäre

da geeigneter als der Kampfhund? Die Vorliebe

für diesen Typ im Zuhälter- und neuerdings

im Gangsta-Rapper-Milieu spricht für

sich.

Daneben gibt es jedoch auch „normale“ Menschen,

die Kampfhunde halten, denen diese

Hunde „einfach gefallen“, die sich bemühen,

ihre Hunde gut zu sozialisieren. Gerne sehen

sie sich im Rahmen der aktuellen Diskussion

als Opfer von Hetzkampagnen. Zu Recht? Es

gibt so viele verschiedene Hunderassen, dass

es nach all den Kontroversen der letzten Jahre

niemals Zufall sein kann, wenn sich jemand

nichtsdestotrotz ausgerechnet einen Kampfhund

aussucht.

Ob wir uns für einen stets hellwachen Schäfer-

oder Hütehund, der so viel fitte Sportlichkeit

ausstrahlt, einen schnittig-eleganten

Windhund mit der Aura vornehmer Distan-

ziertheit oder für den kunterbunt durchmischten

Tierheimhund vom Typ unabhängiger

Bohemien entscheiden: Durch unsere Wahl

senden wir, ob gewollt oder nicht, eine Mitteilung

an Mitmenschen darüber, was uns gefällt,

und somit ein klein wenig, wer wir sind

– oder eben auch, als wer wir wahrgenommen

werden möchten.

So naiv und blauäugig dürfte inzwischen niemand

mehr sein und glauben, dieser Beurteilung

erst recht mit einer umstrittenen Hunderasse

zu entkommen! In diesem Zusammenhang

von Diskriminierung zu sprechen

erscheint zynisch, denn hier liegt etwas selbst

Gewähltes vor, nicht zu vergleichen mit Hautfarbe,

Volkszugehörigkeit oder Bildung. Wir

können uns nicht darum herumdrücken und in

Selbstmitleid zerfliessen, wenn der von uns

freiwillig ausgesuchte Hund an unserer Seite

bei Mitbürgern einen bestimmten Eindruck

hinterlässt.

Kampfhund

Es ist paradox, wenn sich die Leute durch die

Bezeichnung „Kampfhund“ verunglimpft

fühlen und gleichzeitig selbst ihren Hund als

„Pit Bull Terrier“ bezeichnen, was übersetzt ja

etwa das Gleiche bedeutet.

Auf Englisch heisst „pit“ in seiner engsten Bedeutung

„Grube“ und bezeichnet ausserdem

sehr vieles, das sinngemäss damit zu tun hat,

unter anderem das Parterre oder den Orchestergraben

eines Theaters, worunter sich im erweiterten

Sinn die Mitte einer Kampfarena

vorstellen lässt. Und tatsächlich wird der quadratische,

etwa zimmergrosse, mit kniehohen

Holzplanken begrenzte Hundekampfplatz als

„pit“ bezeichnet; ein „pitdog“ ist ein „Kampfhund“.

Auch das Verb „to pit“ verweist in Richtung

Kampf: seine Kraft messen mit ..., sich feindlich

gegenüberstellen, jemanden ausspielen

gegen ..., mit Narben bedecken (Verben aus:

Langenscheidt Handwörterbuch Englisch

2001).

Weshalb soll der Ausdruck „Kampfhund“ also

ausgemerzt werden? Hunde, welche ursprünglich

auf der Jagd gebraucht und dafür

gezüchtet wurden, werden noch heute als

Jagdhunde bezeichnet, selbst wenn sie nicht

mehr dafür eingesetzt werden, und niemand

stösst sich an dieser Bezeichnung. Entsprechend

verhält es sich mit Vorsteh-, Treib-, Apportier-,

Hüte-, Schweiss- und Herdenschutzoder

Schosshunden. Weshalb sollte bei den

Kampfhunden eine Ausnahme gemacht werden?

Tierkämpfe umd Hundekämpfe

Für eine Beurteilung sollte allerdings eine bestimmte

Wendung in der Entwicklung des Tierkampfes

genauer berücksichtigt werden.

Tierkämpfe, bei denen Hunde auf ein grösseres

Tier (vor allem Bullen, seltener Bären, in

der Mitte der Arena an einen Pflock gebunden)

gehetzt werden, waren und sind sogar

heute noch bekannt (beispielsweise in Pakistan,

1993 dokumentiert durch den Schweizer

Filmer Mark Rissi). Das hierbei gezeigte Verhalten

der Hunde, den Bullen mit gezieltem

Biss in die Nase festzuhalten, kann noch (obwohl

unter menschlichem Einfluss abartig verändert)

verglichen werden mit der Situation,

wenn ein Rudel Wölfe ein Huftier als Beute

durch Anspringen und Festbeissen niederreisst.

Jedoch hängt bei wilden Raubtieren

das Angriffsverhalten auf Beutetiere, als Appetenzverhalten

für die Nahrungsaufnahme,

vom Hunger (Ernährungsbereitschaft) ab.

Die auf diese Tierkampfart spezialisierte Rasse

im England des 17. und 18. Jahrhunderts

war der Old English Bulldog.

Im Alltag waren damals viele Hunde „Nutztiere“,

indem sie in den Städten für die Menschen

die Mäuse- und Rattenplage im Rahmen

zu halten hatten. Aus dem nützlichen Gebrauch

entwickelte sich, wie in anderen

Bereichen auch, ein Wettkampfvergnügen.

Für das Rattenbeissen, bei dem der Hund innerhalb

einer vorgegebenen Zeit seinem Kör-

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pergewicht entsprechend viele Ratten töten

musste, waren wendigere Hunde gefragt, die

mit einem einzigen Biss töteten anstatt totzuschütteln

oder festzuhalten, weshalb die Bulldogs

mit verschiedenartigen Terriern verpaart

wurden: Es entstand der Bull-and-Terrier.

Auch diese Art von Tierkampf ist abscheulich,

erinnert aber immer noch irgendwie an abnormes

Beutefangverhalten, lösen doch rennende

Nager bei sehr vielen, auch gesättigten

Hunden Jagen aus. In der gleichen Epoche

wurden neben weiteren Tierkampfarten bereits

auch Hundekämpfe ausgetragen.

Alle Arten von Tierkämpfen wurden in England

1835 durch parlamentarischen Beschluss

verboten. Dies ist ein Beispiel dafür,

dass gesetzliche Verbote alleine, ohne Kontrolle

der Szene, nicht ausreichend verhindern,

dass das Verbotene im Untergrund weiter

gedeiht. In Hinterhöfen und Kellern fanden

weiterhin Tier- und Hundekämpfe statt, jedoch

den engen Verhältnissen angepasst im „kleineren“

Rahmen, ohne Bullenbeissen.

Das war die Geburtsstunde des Bull Terriers,

einer Kreuzung der altenglischen Bulldogge

mit dem heute ausgestorbenen Old English

White Terrier, sowie des Staffordshire Bull Terriers,

einer Kreuzung dieser Bulldoggen mit

verschiedenen Terriern (vermutet wird insbesondere

der Foxterrier).

Ein verhängnisvoller Schritt geschah mit dem

Wechsel vom Tierkampf zum Hundekampf, also

zum Kampf Hund gegen Hund. Es ist ein

wesentlicher Unterschied, ob ein Tier gegen

ein potenzielles Beutetier mit artfremdem Ausdrucksverhalten

oder aber gegen einen Artgenossen

oder -verwandten kämpfen muss

und dabei nicht auf dessen Unterwerfungsgesten

eingehen darf.

Natürlich kommt es unter Hunden auch ohne

menschliches Zutun aus verschiedenen Motivationen

gelegentlich zu Kämpfen, die dann

aber nach bestimmten sozialen Regeln meist

ohne Beschädigungsbeissen ablaufen und

deshalb nur ausnahmsweise bis zum Tod eines

Gegners ausgetragen werden. In der lauten,

aufgeheizten Atmosphäre eines organisierten

Hundekampfes, unter beengenden

Verhältnissen ohne Fluchtmöglichkeit können

einerseits diese Regeln schwerer greifen. Andererseits

entstanden über gezielte Zuchtauswahl

Linien, welche sich durch herabgesetzte

Schmerzempfindlichkeit, vermindertes Drohverhalten

vor dem Angriff und bedingungsloses

Festhalten, also durch eine einmal in

Gang gesetzte, im wahrsten Sinne verbissene

Wehrhaftigkeit auszeichnen.

Rassen, die auch oder ausschliesslich für den

Hundekampf gezüchtet wurden, sind der Bull

Terrier, der Staffordshire Bull Terrier und später

der American Pit Bull Terrier. Der American

Staffordshire Terrier ist in Amerika als Nachfahre

der von Auswanderern mitgeführten

Bull-and-Terrier entstanden und diente neben

dem Kampf hauptsächlich dem Schutz der

Farmen.

Fachleute gehen heute davon aus, dass solches

Verhalten gegenüber Artgenossen auf

erblich bedingt eingeschränkte Lernfähigkeit

für soziale Signale zurückzuführen ist. Spezielle

Fähigkeiten oder Eigenschaften müssen

nicht durch einen Zusatz, sondern können

ganz im Gegenteil durch ein Fehlen bestimmter

genetischer Information zustande kommen.

Für die Stufe der Haushunde als hoch entwickelte,

soziale Säugetiere sind Brutpflegeverhalten

und die Fähigkeit, auf das Verhalten

von Artgenossen eingehen zu lernen, typische

Merkmale und wichtige Anpassungsprozesse.

Fallen solche Verhaltensweisen bei einzelnen

Zuchtlinien auch unter günstigen Lernbedingungen

weg, kann das nichts anderes bedeuten

als einen Verlust an wertvollen erblichen

Voraussetzungen für diese Eigenschaften.

Verloren gegangenes Erbmaterial kann nicht

durch noch so gute Sozialisation wettgemacht

werden, wenn es als Grundlage für diese Entwicklungsschritte

fehlt. Der Genpool der

Kampfhunderassen gründet von Anfang an

auf aggressiven, kampferprobten Hunden

und wurde durch züchterische Selektion über

lange Zeit weiter in diese Richtung eingeengt.

Ob auch andere Hunderassen, insbesondere

einige Jagdhunde, ähnliche Defekte in ihrem

Erbgut aufweisen, ist nicht ausgeschlossen

und müsste sorgfältig erforscht werden.

Vielfach wird den Kampfhunden eine grundsätzliche,

das heisst erblich verankerte Men-


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llen Diskussion

schenfreundlichkeit zugesprochen mit der Begründung,

dass aktive Kampfhunde vor,

während und nach dem Kampf von Menschen

müssen gehandhabt werden können.

Tatsächlich werden die Hunde während des

reglementierten Hundekampfes wiederholt

von Menschen aufgehoben und müssen das

ohne Zurückschnappen gestatten. Solche

Hunde werden aber meistens einzeln von

Hand aufgezogen. Etwas anderes ist oft gar

nicht möglich, weil die Hündinnen ihre Welpen

töten würden und Wurfgeschwister nach

kurzer Lebensdauer gegeneinander zu aggressiv

werden. Menschen sind für solche

Welpen also die einzigen möglichen Sozialpartner.

Das Bedürfnis nach Bindung ist bei

jungen Säugetieren erwiesenermassen so

gross, dass unter misslichen Umständen das

Nächstbeste als Bezugswesen oder sogar

-objekt angenommen wird (vgl. die „Muttermaschine“-Versuche

mit Resusaffenbabys in

den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts

durch Harry Harlow).

Der Menschenfreundlichkeit solcher Kampfhunde

liegt somit nicht eine neu entwickelte

Veranlagung zugrunde, sondern das Bindungsbedürfnis

des Jungtieres, das allen Hunden

gleichermassen zur Verfügung steht.

Inzwischen distanzieren sich die allermeisten

Kampfhunderassen-Klubs von Hundekämpfen.

Stattdessen werden mit Pit Bull Terriern

„Gewichtzieh“-Wettbewerbe (Hunde ziehen

10- bis 40-fache Lasten ihres Körpergewichtes)

und „Hängezeit“-Wettbewerbe (Hunde

bleiben bis gegen eine Stunde in einen Gegenstand

verbissen frei in der Luft hängen)

ausgetragen, bei denen die Tiere nach wie

vor ihren anhaltenden Kampfwillen bis zur Erschöpfung

beweisen können.

Massnahmen „Gefährliche Hunde“

und Spezielle Massnahmen

für bestimmte Hunde des Bundesamtes

für Veterinärwesen

BVET

Laut Statistiken über Unfälle durch Hundebisse

sind Kampfhunde weder in Deutschland

noch in der Schweiz prozentual übervertreten.

Nur bei den extremen Unfällen der letzten

Jahre mit tödlichen Folgen fielen besonders

Pit Bulls auf. Als nicht FCI-anerkannte Rasse

kann deren Zucht nicht offiziell kontrolliert

werden, weshalb das BVET sie künftig verbieten

will.

Um in der Diskussion über geplante Massnahmen

den Fokus von dieser und ihrer nah

verwandten Rassen abzuwenden, wird der

Begriff „Kampfhund“ gerne durch „gefährlicher

Hund“ ersetzt und es werden weitere

Rassen für Spezielle Massnahmen für bestimmte

Hunde aufgelistet. Zu erwarten wären

hier eigentlich Hunde, die besonders häufig

für schwerwiegende Hundebissunfälle verantwortlich

sind.

Unter den 13 Rassen, die das BVET als bestimmte

Hunde bezeichnet, finden wir neben

American Staffordshire Terrier, Bull Terrier und

Staffordshire Bull Terrier jedoch fast ausschliesslich

solche, die mit diesen via Bulldog

gemeinsame Vorfahren, doggenartige Hunde

des Altertums, haben: Molosser (Gruppe 2,

Sektion 2), zu denen neben den Doggenartigen

(auf der Liste: Cane Corso Italiano, Dogo

Argentino, Dogo Canario, Fila Brasileiro,

Mastiff, Mastino Napoletano, Rottweiler und

Tosa) auch Berghunde zählen (auf der Liste:

ì

Mast n Español).

Ganz ohne zoologischen, mindestens zoologisch-systematischen

Hintergrund, wie oft kritisiert

wird, ist die Liste also nicht. Ob sie deswegen

gerechtfertigt ist, bleibt trotzdem eine

offene Frage.

Frei von Willkür ist sie nämlich doch nicht,

denn Bulldog, Bullmastiff, Bordeauxdogge,

Boxer oder der St. Bernhardshund sind ebenfalls

Molosser. Was macht nun den Cane Corso

gefährlicher als den Bullmastiff? Dagegen

finden wir auf der Liste den Dobermann, auch

aus Gruppe 2, aber Sektion 1. Wodurch ist er

a priori bedenklicher als etwa Rhodesian Ridgeback

und Riesenschnauzer?

Übrigens: Unter den beissenden Hunden laut

Statistik übervertreten sind ausgerechnet die

als Schutz- und Diensthunde beliebten Deutschen

und Belgischen Schäferhunde. Auf der

Liste aber finden wir sie nicht.

Gleichwohl sollte die geforderte Bewilligungspflicht

für diese 13 Rassen bei „anständigen

und ordentlichen“ Erwachsenen

keine roten Ohren verursachen: An Zulassungsprüfungen

für Autos haben wir uns

längst gewöhnt und deren Versicherungsprämien

sind auch umso höher, je grösser

ihr Hubraum. Auflagen wie genügende

Kenntnisse kennen wir aus der theoretischen

Führerprüfung. In die Bedingung älter als

20 Jahre wachsen alle hinein. Wer aber

Mühe hat, einen einwandfreien Leumund

vorzuweisen, nun ja ... der darf eben „nur“

einen anderen Hund halten. Die betroffenen

Klubs könnten sich fortan brüsten, garantiert

nur Mitglieder mit gutem Leumund zu betreuen.

Die nötigen Tests für verhaltensauffällige

Hunde seriös durchzuführen, ist hingegen

kein leichtes Unterfangen. Wer testet wann

wie wen? Die Antworten darauf sind fachlich

schon schwierig genug, politisch erst sind sie

extrem heikel.

Statistiken

Präventive Massnahmen zur Vermeidung

von Hundebissunfällen werden auf statistische

Erhebungen bei medizinisch versorgten

Opfern gestützt. Wie wird dabei der

Schweregrad der Verletzungen berücksichtigt?

Kratzer, eigentlich Bagatellen, werden

wegen der Infektionsgefahr oder aus rechtlichen

Gründen oft auch ärztlich versorgt.

Die 2002 in der Schweiz erfasste Statistik unterschied

zwischen Verletzungen, die entweder

beim Hausarzt oder in einem Spital mit

oder ohne Anästhesie behandelt wurden.

„Mit Anästhesie“ kann aber sowohl „unter lokaler

Betäubung“ als auch „in Narkose“ bedeuten.

Die Notwendigkeit einer Narkose ihrerseits

ist nicht nur vom Schweregrad der

Verletzung, sondern auch vom Patienten abhängig:

Kinder halten für die Wundversorgung

wach oft nicht still. Aufgrund der erfassten

Daten lässt sich somit genau genommen

nichts Exaktes über den Schweregrad

der Bissverletzung sagen.

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Weiter gilt es die Zeit zu bedenken, die ein

Hund in der Öffentlichkeit verbringt (Spaziergang,

direkter Kontakt mit Menschen,

auch Fremden und Kindern, und Hunden)

und damit überhaupt Gelegenheit zum Beissen

hat. Typische Familienhunde sind solchen

Situationen bestimmt am häufigsten ausgesetzt.

Zudem müsste berücksichtigt werden,

welcher Reiz den Biss unter welchen Umständen

ausgelöst hat.

Der prozentuale Anteil an Bissverletzungen

einer Rasse darf also nicht nur über ihren Anteil

innerhalb der Gesamthundepopulation

bereinigt werden, um etwas über ihre generelle

Gefährlichkeit aussagen zu können.

Über Erhebungen mittels Fragebogen ist das

alles aber gar nicht möglich.

Der Mensch hinter dem Hund

Wie steht es um das Argument, die Ursache

für die Bissunfälle sei nicht bei den Hunden,

sondern bei den Menschen dahinter zu suchen,

die Hunde seien schuldlos und deshalb

weder zu verurteilen noch zu verbieten? Dagegen

ist bis auf die Frage nach dem gezielten

Verbot nichts einzuwenden. Aber

nähern wir uns dieser Sache doch aus einer

anderen Richtung:

Historisch betrachtet gäbe es ohne die aus

tierschützerischer Sicht äusserst verachtungswürdigen

Tier- und Hundekämpfe, Voraussetzung

für die verbreitete Wettleidenschaft

und zur rohen Volksbelustigung organisiert,

keine Kampfhunderassen.

Ohne Zweifel sind Hunderassen auch als Kulturgüter

zu betrachten und ProSpezieRara

müsste sich vielleicht neben dem Rätischen

Grauvieh, dem Appenzeller Spitzhaubenhuhn

und der Stiefelgeiss auch der Schweizer

Niederlaufhunde annehmen. Bloss: Gibt

es nicht auch menschliche Errungenschaften,

die es nicht wert sind, um jeden Preis erhalten

zu bleiben, oder die uns höchstens als

museale Mahnmale an düstere Kapitel der

Geschichte erinnern sollen? Morgenstern,

Guillotine, Atombombe und anderes mehr?

Möglicherweise auch für den Hundekampf

gezüchtete Hunderassen? So betrachtet stellte

ein Verzicht auf diese belasteten Rassen

keinen kulturellen Verlust dar; es blieben

genügend andere übrig für die Rolle des viel

zitierten „Besten Freund des Menschen“.

Oh, ich höre schon den Aufschrei derjenigen,

die mir nun vorwerfen, unschuldige

Tiere für die Schreckenstaten der Menschen

büssen zu lassen. Nein, eben nicht! Kein einziger

zusätzlicher Hund soll weiter leiden

müssen, geächtet und mit Leinenzwang und

Maulkorb bestraft. Dieses traurige und entgegen

der Meinung der Allgemeinheit nicht

nur historische Kapitel der Hundekämpfe mitsamt

dazu gehörender Kampfhunde könnte

theoretisch geschlossen werden innerhalb einer

einzigen Hundegeneration, ohne dass

ein Tier getötet werden müsste. Die lebenden

reinrassigen Kampfhunde sowie ihre Mischlinge

(welche durch Äusserlichkeiten meistens

zu erkennen sind) müssten nur konsequent

kastriert werden.

Keine von Menschenhand gezüchtete Rasse

ist „natürlich“ und so kann die Elimination

durch Zucht- und Importverbot einer Rasse

nicht widernatürlich sein. Hundehaltung als

„elementare Erscheinung der Persönlichkeitsentfaltung“

würde dadurch nicht beschnitten,

ausser dann, wenn der Hund für zweifelhafte

Selbstdarstellung herhalten muss.

Eine Rasse aussterben zu lassen hat nichts zu

tun mit vorzeitigem Töten von Einzeltieren;

niemand müsste sich von seinem geliebten

Begleiter trennen, solange er unauffällig ist.

Der Akt des Sterbens aber ist mit Nachfahren

nicht grausamer als ohne; der letzte Saurier

hat sich beim Sterben höchstens einsamer gefühlt

als seine scheidenden Artgenossen vor

ihm. Wem es um die Liebe zum Hund geht,

wird sich nach dem Tod seines Kampfhundes

ohne weiteres auch mit dem Vertreter einer

anderen Rasse anfreunden können.

Wie die Erschaffung ist also auch die weitere

Existenz dieser Rassen von nichts anderem

abhängig als vom Willen der Menschen. Die

Erhaltung der Kampfhunderassen liegt nicht

den Kampfhunden, sondern einzig deren

Liebhabern am Herzen. Wenn sich eine Gesellschaft

einig ist, dass sie keine Hunde-


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llen Diskussion

kämpfe will, braucht sie auch keine jungen

Kampfhunde mehr.

Nicht zu unterschätzen ist jedoch die Belastung,

welcher die Kampfhund-Haltenden

während der Übergangsfrist, die logischerweise

ein Hundeleben lang dauern müsste,

ausgesetzt wären. Bürgerwehrähnliche Zustände

mit Drohungen und Anfeindungen

aller Art gegenüber diesen Leuten zeugen ihrerseits

von wenig Humanität und dürften

nicht geduldet werden.

Dass einige Kampfhunde als Verzichthunde

in Tierheimen abgegeben würden, wäre

trotzdem zu erwarten und stellte für diese

grosse Probleme dar. Schwierigkeiten dürfen

jedoch nicht davon abhalten, Grundprobleme

ursächlich anzugehen.

Als weiteres Gegenargument wird jeweils

die Durchsetz- und Kontrollierbarkeit solcher

Massnahmen angezweifelt. Ein Schwarzmarkt

entstehe, es käme zu illegalen Importen

aus Ländern, welche diese Verbote nicht

kennen, überhaupt zu viel Bürokratie.

Und wirklich, bisher ist es keiner Gesellschaft

gelungen, mittels Gesetzen, Verboten, Polizeikontrollen

und Strafverfolgungen Kriminalität

und Perversität aus der Welt zu schaffen,

und auch das internationale Drogengeschäft

floriert weiter! Das darf aber kein

Grund sein, auf die Instrumente des Rechtsstaates

gleich ganz zu verzichten. Gesetzesübertretungen

gibt es in allen Bereichen immer

und überall.

Das Abwägen, wo der Schutzbereich der

persönlichen Freiheit gegenüber den Interessen

der Allgemeinheit höher einzuschätzen

ist, muss sehr sorgfältig geschehen.

Ausklang

Die Quintessenz könnte wie folgt lauten:

Obwohl pauschale Urteile über alle Tiere einer

Rasse meistens zu kurz greifen, kann die

Daseinsberechtigung einzelner Rassen unter

anderen Gesichtspunkten doch legitim in

Frage gestellt werden.

Der Mensch steht nicht erst während Aufzucht

und Haltung verantwortlich hinter jedem

einzelnen Hund, sondern bereits während

der Erschaffung eines Rassentypus. Der

Hund darf als selbstständiger, eigenaktiver

Organismus nicht verglichen werden mit einer

Tatwaffe bei Gewaltverbrechen, die erst

in der Hand eines Täters gefährlich wird. Der

Hund kann selbst zum Täter werden, auch

wenn er dafür nicht zur Rechenschaft gezogen

werden kann.

Es ist erfreulich, dass man sich inzwischen

weitgehend einig ist, dass Mensch und

Umwelt besonders während der Prägungsphase

einen grossen Einfluss auf das Wesen

des Hundes haben. Im Sinne eines Pendelausschlages

ins gegenteilige Extrem wäre es

aber falsch zu meinen, dass die Wesensentwicklung

gar nicht von Erbanlagen abhängig

ist, dass also verhaltensmässig un-

abhängig von genetischen Voraussetzungen

alles möglich sei, wenn nur der Mensch

die Entwicklung in entsprechende Bahnen

lenke.

Solche Gedanken lassen sich zu diesem

emotional überfrachteten Thema auch machen.

Sie sollen zeigen, wo überall reflexartig

hervorgebrachte Argumente bei

gründlicher und nüchterner Betrachtung

eine ganz andere Logik entwickeln können.

Literatur und Quellen:

HUNDEVERHALTEN – DAS LEXIKON von Andrea Weidt

Fr. 29.50

• „Kampfhunde“ – Geschichte, Einsatz,

Haltungsprobleme von „Bull-Rassen“ –

Eine Literaturstudie; Inaugural-Dissertation

von Andrea Steinfeldt, Institut für Tierschutz

und Verhalten der Tierärztlichen

Hochschule Hannover

• „Tod und Spiele“ von Herbert Cerutti, Weltwoche

Nr. 49.05

• Kapitel Allgemeine Verhaltensbiologie

aus „Verhaltensbiologie des Kindes“ von

Bernhard Hassenstein

• „HUNDEVERHALTEN – DAS LEXIKON“

von Andrea Weidt

• „Der Kosmos-Hundeführer“ von Eva-Maria

Krämer

• www.bvet.admin.ch Massnahmen „Gefährliche

Hunde“ und „Dissertation über

Hundebissverletzungen in der Schweiz“

• www.fci.be: Nomenklatur und Standards

Einzigartig in der Kynologie: In klarer Art und Weise erklärt die Biologin Andrea Weidt,

worauf es im tiergerechten Umgang mit dem Hund ankommt. Noch nie gab es ein Werk

mit derart umfassenden, aktuellen Erkenntnissen aus der Verhaltensbiologie, die im praktischen

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Tel. +41 44 835 77 35, E-Mail: info@hundemagazin.ch www.hundemagazin.ch

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