Erfolgreiche Interessenvertretung für dual Studierende PDF

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Erfolgreiche Interessenvertretung für dual Studierende PDF

VorwortLiebe Kolleginnen und Kollegen,in den Betrieben des Organisationsbereichs der IG Metall steigtder Anteil der dual Studierenden stetig an. Die Ansprache undOrganisierung dual Studierender ist für einige InteressenvertretungenNeuland, da sich diese Ausbildungsform in einigen Unternehmenerst etabliert. Um die Arbeit vor Ort zu unterstützen hat die IGMetall mit dem neu aufgelegten Studierendenprojekt zusätzlichepersonelle Kapazitäten in 16 Verwaltungsstellen aufgebaut. TariflicheRegelungen für dual Studierende sind noch eine Ausnahme.Auch hieran will die IG Metall etwas ändern. Dazu muss es aberselbstverständlicher werden, dass diese jungen Menschen, genauwie viele Auszubildende, ihren Weg in die IG Metall finden.Diese Handlungshilfe informiert zum dualen Studium, darüber, wiedie dual Studierenden den Spagat zwischen verschiedenen Lernortenmachen und welche spezifischen Interessen sie haben.Die Handlungshilfe ist eine Gemeinschaftsproduktion der IGMetall mit der IG BCE. Die Best-Practice-Beispiele aus beidenOrganisationsbereichen bieten vielfältige Erkenntnisse zumerfolgreichen Umgang mit dual Studierenden im Unternehmen.Ergänzend zu den bestehenden Publikationen (IG Metall fürStudierendeStudierende für die IG Metall, Einstiegsgehälterfür Absolvent/-innen, Informationen für Studierende in dualenStudiengängen, etc.) und des regelmäßig erscheinenden Periodikums„Die Schnittstelle“, wollen wir mit dieser Handlungshilfe einenspeziellen Baustein für Betriebsratsgremien und Jugend- undAuszubildendenvertretungen anbieten.Wir wünschen euch viel Erfolg bei der Interessenvertretung mit undvon dual Studierenden.Die Handlungshilfe umfasst die rechtliche Einordnung vondual Studierenden und die Mitbestimmungsrechte vonBetriebsratsgremien und Jugend- und Auszubildendenvertretungenbeim dualen Studium. Weiterhin soll euch die Handlungshilfe beider Ansprache, Beteiligung und Mitgliederwerbung dieser Zielgruppeunterstützen..Christiane BennerDiana Kiesecker6 7


Das erste Kapitel skizziert die Grundlagen zum dualen Studium.■ Welche Modelle gibt es?■ Wie ist das duale Studium organisiert?■ Wie entsteht eine Kooperation zwischen Hochschule und Betrieb?Das zweite Kapitel beleuchtet die Situation und die Interessen vondual Studierenden, versucht mit Vorurteilen aufzuräumen und liefertAnsätze, wie sich die Arbeit mit dieser Gruppe gestalten lässt.Das dritte Kapitel erläutert die rechtlichen Rahmenbedingungenim betrieblichen Teil des dualen Studiums und wie sichMitbestimmungsmöglichkeiten zugunsten dual Studierenderausschöpfen lassen.Im Anhang finden sich für den alltäglichen Gebrauch hilfreicheAdressen, Checklisten und ein Stichwortverzeichnis.Darüber hinaus will die Handlungshilfe ermutigen. Im zweiten Kapitelfinden sich immer wieder Best-Practice-Beispiele aus Betrieben,in denen JAV und Betriebsrat bereits erfolgreiche Arbeit für dualStudierende leisten.■ Wie erkennen sie die Anliegen der dual Studierenden?■ Wie formulieren sie ihre eigenen Vorstellungen und Positionen zurQualität des dualen Studiums?■ Wie organisieren sie Veränderungsprozessebeteiligungsorientiert?■ Wie setzen sie ihre Forderungen durch?10 11


Teil 1Grundlagen zum dualen StudiumTeil 1 Grundlagen zum dualen StudiumDas duale Studium ist ein Studienangebot mit einem hohenPraxisanteil. Es unterscheidet sich sowohl in der Art des Zugangsals auch in seiner Organisation stark vom rein wissenschaftlichenStudium. Anders als bei einem Studium, das ausschließlich an derHochschule stattfindet, reicht es beim dualen Studium nicht aus, dieformalen Zugangsvoraussetzungen 1 zu erfüllen.Beim dualen Studium entscheiden – abgesehen von Ausnahmen 2– die Betriebe darüber, wer einen Studienplatz erhält. Sie wählenunter den Bewerberinnen und Bewerbern ihre zukünftigen dualStudierenden aus. Erst nach der Zusage des Betriebs erfolgt dieImmatrikulation in einen Studiengang, bei dem die Hochschule oderBerufsakademie 3 mit dem Betrieb kooperiert.Die Auswahl der dual Studierenden durch die Betriebe bietet dieserGruppe die Chance auf einen guten Einstieg in den Beruf. Allerdingswerden nicht alle dual Studierenden nach Abschluss ihres Studiumsübernommen. Daher muss darauf geachtet werden, dass dieerworbenen Fertigkeiten auch am Beschäftigungsmarkt außerhalbdes Ausbildungsbetriebs zu gebrauchen sind.1 Abitur, Fachhochschulreife oder Prüfung für besonders Qualifizierte, beizulassungsbeschränkten Fächern zusätzliche Kriterien entsprechend denAuswahlverfahren der Hochschulen.2 Etwa, wenn ein Verband oder eine Kammer eine Hochschule gründet und daherein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Hochschule und Betrieben besteht.3 Im Folgenden wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit behelfsweise derBegriff „Hochschule“ verwandt. Es ist aber immer auch die Berufsakademie miteingeschlossen.12 13


Teil 1 Grundlagen zum dualen Studium1. Modelle des dualen StudiumsOrganisatorisch ist das duale Studium in theoretische Phasen an derHochschule, oft auch noch an der Berufsschule, und in praktischePhasen im Betrieb gegliedert. Der genaue zeitliche Ablauf, dierechtliche Stellung der Studierenden und die mit dem Studiumverbundenen Abschlüsse hängen vom jeweiligen Studiengang ab. Esgibt drei unterschiedliche duale Studienmodelle:Das berufsintegrierende duale Studium als Angebot für die beruflicheWeiterbildung wird hier nur der Vollständigkeit halber angeführt. Imweiteren Verlauf werden nur die beiden Angebote für die beruflicheErstausbildung thematisiert, da es bei ihnen einen gravierendenRegelungsbedarf gibt.Tabelle 1: Duale StudienmodelleForm desStudiengangsZulassungsvoraussetzungausbildungsintegrierendpraxisintegrierendberufsintegrierendArt desBildungsangebotsAngebote für dieberufliche ErstausbildungAngebot für dieberufliche Weiterbildungi.d.R. Fachhochschul-oder allgemeineHochschulreifeberufliche ErstqualifizierungundArbeitsvertragAbschlussIHK-Prüfungund BachelorBachelorBachelor oderMasterAuch das berufsbegleitende Studium wird im Allgemeinen den dualenStudienmodellen zugeordnet. Da die Lerninhalte von Betrieb und derHochschule jedoch nicht bewusst inhaltlich miteinander verbundensind, erfüllt dieser Typ nicht das entscheidende Kriterium derKooperation mit einer Abstimmung von theoretischen Studieninhaltenund betrieblicher Praxis. Daher ist das berufsbegleitende Studiumkein duales Studium, sondern ein Hochschulstudium neben einerberuflichen Voll- oder Teilzeittätigkeit.Das ausbildungsintegrierende duale Studium (auch Studium imPraxisverbund) verbindet eine Ausbildung in einem anerkanntenAusbildungsberuf nach Berufsbildungsgesetz (BBiG) bzw.Handwerksordnung (HwO) und ein Studium an einer Hochschule.Das praxisintegrierende duale Studium setzt sich aus einemStudium an einer Hochschule und längeren Praxisphasen im Betriebzusammen. Ein Ausbildungsabschluss wird nicht erworben. Allerdingsgibt es dual Studierende, die die IHK-Prüfung als Externe absolvieren.14 15


Teil 1 Grundlagen zum dualen Studium2. Organisation des dualen StudiumsDer zeitliche Ablauf der Studien- und Praxisphasen ist in dendualen Studiengängen unterschiedlich organisiert. Die Inhalte derLehreinheiten werden in Modulen zusammengefasst. Die Leistungenin den einzelnen Modulen werden über Kreditpunkte summiert undauf das Studium angerechnet.Einen Sonderfall des Blockmodells bildet die vorgeschalteteAusbildung, bei der die ersten zwölf bis 18 Monate in Vollzeit imBetrieb gelernt werden, bevor im zweiten Ausbildungsjahr derWechsel der Lernorte beginnt. Hier das Beispiel StudiumPlus ohneBerufsschule an der TH Mittelhessen:StudienmodelleIm Rotationsmodell wird innerhalb der Arbeitswoche zwischen denLernorten gewechselt. Exemplarisch sei hier der Ablauf eines dualenStudiengangs an der FH Hannover angeführt:Tabelle 2: Ablauf des dualen Studiums im RotationsmodellStudienabschnittLernortundZeitpensumGrundstudium1.-4. SemesterBerufsschule0,5 Tagealle 2 WochenHochschule2,5 Tage/WocheBetrieb3 Arbeitstage/Woche(während dervorlesungsfreien Zeit5 Tage)Hauptstudium5.-6. SemesterHochschule5-6 Tage/Woche(während desSemesters)Betrieb5 Tage/Woche(während dervorlesungsfreien Zeit)Praxisprojekte / Extrafunktionale VeranstaltungenBachelorarbeit7. SemesterBetrieb5 Tage/WocheDie am weitesten verbreitete Variante des dualen Studiums ist dasBlockmodell. Für Phasen von jeweils vier bis 16 Wochen wechseln dieStudierenden zwischen den Lernorten Betrieb und Hochschule.Tabelle 3: Ablauf des dualen Studiums im Blockmodell mit vorgeschalteterAusbildungZeit Hochschule Betrieb1. und 2.Halbjahr(1.7.-30.9. desFolgejahrs)3. Halbjahr (1.10. - 14.2.) 1. Semester 20 WochenAusbildung15 Monate(15.2. - 14.3.) vorlesungsfreie Zeit Ausbildung 4 Wochen4. Halbjahr (1.10. - 14.2.) 2. Semester 17 Wochen(15.2. - 14.3.) vorlesungsfreie Zeit Ausbildung 9 Wochen5. Halbjahr (1.10. - 14.2.) 3. Semester 20 Wochen(15.2. - 14.3.) vorlesungsfreie Zeit Ausbildung 4 Wochen6. Halbjahr (1.10. - 14.2.) 4. Semester 17 Wochen(15.2. - 14.3.) vorlesungsfreie Zeit Ausbildung 9 Wochen7. Halbjahr (1.10. - 14.2.) 5. SemesterPraxissemesterAusbildungIHK-Prüfung20 Wochen(15.2. - 14.3.) vorlesungsfreie Zeit Praxis 4 Wochen8. Halbjahr (1.10. - 14.2.) 6. Semester 17 Wochen(15.2. - 14.3.) vorlesungsfreie Zeit Praxis 9 Wochen9. Halbjahr (1.10. - 14.2.) 7. Semester 20 Wochen(15.2. - 14.3.) Bachelorarbeit 4 Wochen16 17


Teil 1 Grundlagen zum dualen StudiumBewertung der StudienleistungenMit der Einführung des Bachelor- und des Masterstudiums wird dieStudienleistung von Studierenden in Kreditpunkten, sogenanntenECTS-Punkten (European Credit Transfer and Accumulation System-Punkten), berechnet. Das Punktesystem soll Studienleistungenvergleichbar machen.Jeder Kreditpunkt entspricht einer Arbeitsbelastung („Workload“)von 30 Stunden. Für den Bachelorabschluss sind mindestens 180ECTS-Punkte erforderlich, für den Masterabschluss insgesamt 300.Dual Studierende erhalten für ihr Bachelorstudium 180, 210 oder 240ECTS-Punkte. Entsprechend schließt das Masterstudium mit 120, 90oder 60 ECTS-Punkten ab. Insgesamt werden im kompletten Studiumeinschließlich des Masterabschlusses 300 ECTS-Punkte erarbeitet.Bewertung der PraxisphasenIm dualen Studium wird ein Teil der ECTS-Punkte für den betrieblichenTeil vergeben. Die Praxisphasen müssen also planerisch so in einendualen Studiengang eingebunden werden, dass sie überhaupt ECTSfähigsind. Das bedeutet, Praxisanteile müssenIn der Summe müssen Praxisphasen also betreuteAusbildungsabschnitte in der Berufspraxis sein. Ob die TheorieundPraxisphasen eines dualen Studiengangs tatsächlich inhaltlichaufeinander abgestimmt sind, lässt sich daraus ablesen, wiedie Hochschule das Studiengangkonzept darstellt. Aus demStudiengangkonzept geht hervor, wie die Praxisphasen gestaltet sind,wie viele ECTS-Punkte für sie angerechnet werden sollen und welcheLehrmaterialien bzw. Lernmittel den dual Studierenden zur Verfügungstehen.Auf der Ebene der Akkreditierungsverfahren richtet dasGewerkschaftliche Gutachternetzwerk zur Gestaltung undAkkreditierung von neuen Studiengängen (GNW) als Vertretungder Berufspraxis sein Augenmerk auf die Planung von dualenStudiengängen.Auf betrieblicher Ebene sollten die Mitbestimmungsgremien über dieorganisatorische und inhaltliche Gestaltung des dualen Studiengangswachen.■ in das Studium integriert werden,■ einen von der Hochschule inhaltlich bestimmtenAusbildungsabschnitt darstellen und■ im Idealfall (aber nicht zwingend) mit einer Lehrveranstaltungbegleitet werden.18 19


Teil 1 Grundlagen zum dualen Studium3. Kooperation der Partner Betrieb und HochschuleHochschule und Betrieb sind zwei Institutionen, die verschiedeneSprachen sprechen, unterschiedliche Ziele verfolgen und andereSichtweisen und Kulturen haben. Der Betriebsrat kann schon bei derAnbahnung einer Kooperation darauf achten, dass auch die Belangeder dual Studierenden berücksichtigt werden.Anbahnung einer KooperationWenn ein Betrieb plant, mit einer Hochschule zusammenzuarbeiten,um dual Studierende auszubilden, sitzt der Betriebsrat mit am Tisch.Gemäß § 97 Abs. 1 BetrVG hat der Arbeitgeber mit dem Betriebsratüber die Einführung betrieblicher Berufsbildungsmaßnahmenzu beraten. Je früher die betriebliche Interessenvertretung in dieDiskussion einsteigt, desto eher lassen sich bereits im Vorfeldoffene Fragen, etwa in welche Bereiche die dual Studierendennach Abschluss ihres Studiums übernommen werden sollen,thematisieren.Gewöhnlich nimmt der Betrieb mit einer Hochschule Kontakt auf.Diese informiert den Betrieb über ihre Rahmenbedingungen für eineKooperation. Hierzu zählen z. B.■■■■die Gewährleistung des Niveaus der fachlichen Betreuung und derPraxisphasen durch den Betrieb,das Erfüllen der gesetzlichen Voraussetzungen fürAusbildungsbetriebe (§ 27 ff. BBiG),Anforderungen an die Ausstattung unddie Bereitschaft zur Freistellung der Studierenden für dasStudium.20 21


Teil 1 Grundlagen zum dualen StudiumBevor die Kooperation formell umgesetzt wird, prüft die jeweiligeStudiengangleitung, inwieweit der Betrieb imstande ist, dieStudienfächer bzw. -inhalte der Hochschule in der Praxis abzubilden.Ein wichtiger Hinweis für die Eignung eines Studiengangs ist seineAkkreditierung. Der Kern dieses Verfahrens ist die Beurteilung derQualität eines Studienganges durch Expertinnen und Experten. Dassind unabhängige Lehrende und Studierende anderer Hochschulensowie Vertreterinnen und Vertreter der Berufspraxis. Ziel derAkkreditierung ist unter anderem die Sicherung der Qualität von Lehreund Studium, die Erhöhung der Mobilität der Studierenden und dieTransparenz der Studiengänge. Aus der Perspektive der betrieblichenInteressenvertretung ist auch wichtig, wie die betrieblichenPraxisphasen akkreditiert worden sind.Konzipierung dualer StudiengängeDie Verantwortung für die Organisation und Qualität dualerStudiengänge und damit auch für ihre Entwicklung liegt bei denHochschulen. Trotzdem werden duale Studiengänge in Abstimmungmit dem Betrieb organisiert. Betriebsrat und JAV wirken bei derOrganisation der dualen Studiengänge und der inhaltlichenAbstimmung der Theorie- und Praxisphasen mit durch:■ Beteiligung bei der Festlegung der Fach- und Studienbereichefür den betrieblichen Teil der Ausbildung einschließlich derAnsprechpartnerinnen und Ansprechpartner,■ Mitwirkung bei der Erstellung des Ausbildungsplans und■ Mitsprache bei der Auswahl der Ausbilderinnen und Ausbilder.Darüber hinaus müssen sich Betrieb und Hochschule über denzeitlichen Rhythmus der Praxisphasen, die Betreuung von unddie fachliche Verantwortung für die dual Studierenden in denPraxisphasen sowie ob und welche Lernplattformen unterstützendeingesetzt werden, abstimmen.Viele wichtige Informationen zum Aufbau und Ablauf eines dualenStudiengangs sind im Modulhandbuch zusammengefasst. DasModulhandbuch beschreibt die zum Studiengang gehörigen Module,ihre Abhängigkeiten untereinander, ihre Lernziele sowie die Art derErfolgskontrolle. Der Umfang jedes Moduls ist durch Kreditpunktegekennzeichnet, die nach erfolgreichem Absolvieren des Modulsgutgeschrieben werden. Das Modulhandbuch ist direkt bei derHochschule, oft auch auf der Webseite des jeweiligen Fachbereichs,erhältlich. Folgende Angaben sollte es enthalten:■ Dauer des dualen Studiums,■ Anzahl der zu erwerbenden ECTS-Punkte,■ Prüfungsformen,■ Voraussetzungen,■ Lerninhalte,■ Lernmethoden und Lernergebnisse,■ Arbeitsaufwand,■ Literatur,■ Modulverantwortliche der Module eines Studiengangs,■ Kompetenzziele,■ mögliche Nachfolgemodule und■ Verknüpfung der Theorie- und Praxisphasen.22 23


Teil 1 Grundlagen zum dualen StudiumVertragliche Vereinbarungen zwischen Hochschule und BetriebDie Zusammenarbeit zwischen dem Betrieb und der Hochschule mussgeregelt werden. Vor allem sind festzulegen■ die Benennung des Studiengangs,■ Art und Anzahl der Studienplätze,■ Ziele der Kooperation,■ Auswahlverfahren für die Studierenden,■ die jeweiligen Vertragspflichten,■ Laufzeit,■ die Finanzierung des Studiengangs und■ die Abstimmung der Theorie- und Praxisphasen.Die Partner sprechen sich nach Ermessen der jeweiligen Hochschulein mündlicher oder schriftlicher Form (Koordinierungsgespräche bzw.Kooperationsvereinbarung/-vertrag) miteinander ab.Durchführung des StudiengangsDie Studienleistungen der dual Studierenden werden von denzuständigen Lehrenden der Hochschule und den für den jeweiligenStudiengang Verantwortlichen begutachtet. Manche Hochschulensehen die Mitwirkung der Betriebe in den betreffenden Gremienund Beiräten vor. Auch die Rückkopplung zwischen den Lernortenist erwünscht. Der Betriebsrat und die JAV bestimmen gemäß § 98BetrVG bei der Durchführung dualer Studiengänge mit und setzensich für geregelte Abläufe und Standards, Rechte, Vorteile undVergünstigungen der dual Studierenden ein.24 25


Teil 1 Grundlagen zum dualen StudiumFinanzierung des StudiengangsAn staatlichen Hochschulen wird die Finanzierung dualerStudiengänge über die staatliche Hochschulfinanzierung bestritten.Hiernach erhalten die Bildungseinrichtungen entsprechendeFinanzzuweisungen, die mit dem jeweiligen Bundesland vereinbartwerden. Eine weitere Finanzierungsquelle können länderabhängigStudiengebühren sein. Betriebe zahlen in der Regel keine Gebühren,es gibt aber auch Ausnahmen. So erhebt die TH Mittelhessenin Friedberg für ihr StudiumPlus von den beteiligten Betriebeneinen Jahresbeitrag, der sich nach Betriebsgröße staffelt: Bis250 Beschäftigte beträgt er 100 Euro, zwischen 251 und 1.000Beschäftigten 250 Euro und bei mehr als 1.000 Beschäftigten 500Euro im Jahr. Darüber hinaus werden je Studierenden monatlich 250Euro zuzüglich Mehrwertsteuer erhoben. Diese Kosten tragen beimStudium an der TH Mittelhessen die Betriebe.Private Hochschulen erheben in der Regel entweder von den dualStudierenden oder den Betrieben Teilnahmegebühren in der Höhevon ca. 300 bis 500 Euro im Monat je Studierenden.Die Gewerkschaften vertreten die Position, dass sämtlicheanfallenden Gebühren (etwa Studiengebühren, Semesterbeiträge,Verwaltungsgebühren) generell vom Arbeitgeber zu tragen sind.Best-Practice: Beteiligung in Hochschulgremien!An der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) werdenalle Angelegenheiten, die für den Fachbereich 2 duales Studiumvon grundsätzlicher Bedeutung sind, von der dualen Kommissionbeschlossen. Ihr gehören Vertreterinnen und Vertreter derHochschule, der Studierenden und der Ausbildungsverantwortlichenaus den jeweiligen Ausbildungsbereichen, der Beschäftigtenund der Arbeitgeber, der Gewerkschaften, der Kammern und derArbeitgeberverbände an. Die Mitwirkung aller am dualen StudiumBeteiligten soll die Zusammenarbeit zwischen dem Fachbereich undden Hochschulen sichern. Der Arbeitnehmervertreter hatte sich in derIG BCE immer schon für den Bereich Ausbildung starkgemacht. So lages nahe, den Bayer-Betriebsrat in die duale Kommission der HWR zuberufen, als das Gremium installiert wurde.Die Mitwirkungsmöglichkeiten bei der Gestaltung des dualenStudiums an der HWR umfassen viele Bereiche. So trägt derArbeitnehmervertreter mit eigenen Vorschlägen zur Konzipierungneuer Studiengänge bei oder diskutiert in der Kommission dieAnforderungen an Ausbildungsstätten, etwa zur Freistellung der dualStudierenden für die Präsenzphasen an der HWR. Er positioniert sichzur zeitlichen Belastung und informiert sich über die Übernahmezahlennach Studienende. Dadurch thematisiert er wichtige Belange derdual Studierenden. Durch die Kontrolle der Regelkonformität vonÄnderungen in der Ausgestaltung von Vertragsverhältnissen sorgtder Arbeitnehmervertreter für mehr Rechtssicherheit bei der Stellungdual Studierender. Gestaltend kann in diesem Gremium auch auf diezeitliche Aufteilung des dualen Studiums eingewirkt werden: Mit gutenArgumenten lässt sich in der dualen Kommission durchsetzen, denWechsel von Theorie- und Praxisphasen nicht im Halbjahresrhythmus,sondern quartalsweise zu organisieren.2627


Teil 1 Grundlagen zum dualen StudiumAuch die Vertragsgestaltung im Bezug auf Fehlzeiten undAnwesenheitspflicht konnte zugunsten der dual Studierendenbeeinflusst werden. So kann zehntägige Abwesenheit nicht mehrautomatisch zum Ausschluss führen, besondere Umstände müssenberücksichtigt werden.Die Mitwirkung in der dualen Kommission ist sinnvoll. Zwar gibt esin manchen Bereichen aufgrund eines fehlenden Einspruchsrechts,etwa bei der Novellierung der Gesetze zur Berufsakademie, keineGestaltungsmöglichkeiten. Doch allein schon die Wahrnehmung vondual Studierenden und ihren Interessen ist bei der Zusammensetzungder dualen Kommission sehr unterschiedlich. So ist diesesGremium ein extrem interessanter Bereich, viel für dual Studierendeherauszuholen, frühzeitig die Umsetzung des dualen Studiums imZusammenwirken von Hochschule und Betrieb zu gestalten und es ineine Form zu bringen, die für alle drei Seiten – Hochschule, Betriebund dual Studierende – zufriedenstellend ist. Es erfordert Zeit, sich indie Arbeit einer akademischen Selbstverwaltung einzufinden, dochder Aufwand wird belohnt: Die dual Studierenden, die sich vielleichtzunächst eher der Arbeitgeberseite verbunden fühlen, erkennen sehrschnell, dass die Arbeitnehmervertretung als Anwältin ihre Interessenauftritt.Kontakt: Michael Vetter, Mitglied der dualen Kommission derHochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR),michael.vetter@bayer.comBest-Practice: Am Aufbau einer Kooperation frühzeitig mitwirken!Die Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG bildet jährlich ca.230 junge Menschen aus, davon über zehn Prozent dual Studierendebei steigendem Anteil. Bereits im Vorfeld einer Kooperationzwischen Betrieb und Hochschule sind der Regelungsbedarf unddie Möglichkeiten zur Gestaltung groß. Der Teamleiter LaborundPharmaberufe, der zugleich Betriebsrat ist, nutzte denGestaltungsauftrag von §§ 96-98 BetrVG aus, um an der Einführungeines neuen dualen Studiengangs im Betrieb mitzuwirken und seineEntwicklung zu begleiten.Zunächst muss mit der Ausbildungsleitung (bzw. in kleinerenBetrieben wäre es die Personalleitung) darüber gesprochen werden,wie die Ausbildung gestaltet werden soll. Sind in den nächsten vierbis fünf Jahren neue Entwicklungen im Ausbildungsbereich geplant?Welche neuen Wege können dabei gegangen werden? So verschafftman sich einen Überblick und kann verantwortliche Bereiche für einegemeinsame Zukunftsplanung für duale Studiengänge gewinnen.Hat die Ausbildungs- bzw. Personalleitung bereits eigeneVorstellungen, muss sich der Betriebsrat darüber informieren,mit welcher Hochschule kooperiert werden soll und ob es schoneinen Studiengang gibt oder ob er erst eingerichtet werdenmuss. Die Schlüssel zum Verständnis vom Aufbau eines dualenStudiengangs sind der Kooperationsvertrag und das Modulhandbuchdes Studiengangs. Denn hier erschließen sich die geplantenStudienzeiten, die Rechte und Pflichten der Studierenden und desBetriebs, wie die Praxisphasen akkreditiert und bewertet werden, wieder betriebliche Ausbildungsplan zu gestalten ist, ob es Blockwochengibt, ob Brückenseminare vor dem eigentlichen Studienbeginnvorgesehen sind und ob diese zum Studium gehören oder nicht.2829


Teil 1 Grundlagen zum dualen StudiumWenn etwa ein Brückenseminar, das Bestandteil des Studiums ist,bereits vor Studienbeginn stattfindet, muss der Vertrag entsprechendfrüh beginnen.Themen, wie Samstagsvorlesungen, betreffen die JAV. Als Vertretungder Auszubildenden muss sie klar formulieren: Studienzeit istArbeitszeit!Die Vertragssituation ist schon im Vorfeld Sache des Betriebsrates.Auch in ausbildungsintegrierenden Studiengängen werden dualStudierende nicht in allen Betrieben tariflich bezahlt. Wie sind derAusbildungsvertrag und der Bachelorvertrag aufgebaut? Wie sollenArbeitszeit, Entgelt, Freistellungsphasen und ggf. Studiengebühren imAusbildungsvertrag geregelt werden?Bei Boehringer war der Schlüssel zum Erfolg, möglichst frühzeitigdabei zu sein. Auf die Basis, die in der Kooperation bei der Gestaltungdes dualen Studiengangs geschaffen worden ist, können Betriebsratund JAV in ihrer Arbeit mit den dual Studierenden gut aufbauen.Kontakt: Volker Freudenberger,Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG,volker.freudenberger@boehringer-ingelheim.comGenauso wie bei den Auszubildenden muss der Betriebsrat möglichstfrüh die Bedingungen prüfen und sich gegebenenfalls Regelungenerläutern lassen. Gleiches gilt für die Auswahlverfahren. Auch hiermuss das Verfahren zum Beginn des dualen Studiums begleitet unddarauf geachtet werden, woran Auswahlkriterien festgemacht und wiesie angewandt werden.Das neue duale Studium der Chemie bei Boehringer Ingelheim wurdein einem zweijährigen intensiven Diskussionsprozess zwischen derHochschule und den betrieblichen Partnern ausgehandelt. Zunächstwird eine Chemielaborantenausbildung begonnen, nach einemhalben Jahr kann dann ein Bachelorvertrag geschlossen werden. Diedual Studierenden erhalten zwei Verträge: Einen Ausbildungsvertragund einen Studienvertrag, die voneinander unberührt bleiben. Sollteder Studienvertrag gekündigt werden, behalten die Auszubildendenihren Ausbildungsvertrag. Diese Absicherung ist für dual Studierendewichtig.3031


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual Studierenden>>>>„Wenn sich in den Einführungstagen einer hinstellt, den dieStudierenden noch nie gesehen haben, der sagt „komm, tritt in dieGewerkschaft ein“, funktioniert das nicht.“


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual Studierenden1. Situation von dual StudierendenEin duales Studium ist zeitintensiv. Darüber hinaus müssen dualStudierende oft einen hohen Aufwand betreiben, um für ihr Studiumgünstige Rahmenbedingungen zu schaffen.ArbeitsbelastungDie Arbeitsbelastung (Workload) für dual Studierende istdurchgängig sehr hoch. Der mittlere Workload bei einem dreijährigenBachelorstudium an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg(DHBW) mit 210 ECTS-Punkten ist im folgenden Beispiel dargestellt.In der Praxis berichten dual Studierende, dass eine Arbeitsbelastungvon über 60 Wochenstunden keine Seltenheit ist.Das Beispiel eines Studiengangs im Rotationsmodell, d.h. mit demWechsel der Lernorte innerhalb der Woche, an einer privaten Hochschuleverdeutlicht das:Tabelle 5: Exemplarischer Stundenplan im RotationsmodellZeiten Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag Sonntag08:00-09:0009:00-10:0010:00-11:00Tabelle 4: Exemplarische Arbeitsleistung der Studierenden im dualen Studium11:00-12:00Beispiel: dreijähriger Bachelor mit210 ECTS-PunktenECTS-PunkteStunden12:00-13:0013:00-14:00Arbeitsleistung (Workload) je ECTS-KreditpunktErforderliche ECTS-Kreditpunkte imdreijährigen BachelorstudiumMittlerer jährlicher Workload bei 3-jährigem Studium in ECTS-PunktenMittlerer täglicher Workload jeKalenderjahr bei 5-Tage-Woche1 30210 6.30070 2.1008,0514:00-15:0015:00-16:0016:00-17:0017:00-18:0018:00-19:0019:00-20:0020:00-21:00Mittlerer täglicher Workload jeKalenderjahr bei 6-Tage-Woche6,7LegendeAusbildungim BetriebPräsenzzeitHochschuleWegzeitenSelbststudiumSprachunterrichtGerechnet auf das Kalenderjahr haben dual Studierende bei einer5-Tage-Woche eine tägliche Arbeitsbelastung von 8,05 Stunden, beieiner 6-Tage-Woche von 6,7 Stunden – vorausgesetzt, sie haben keine„schlechten Tage“, an denen es nicht so glatt läuft.Die Arbeitsbelastung für das Selbststudium – d.h. der Zeiten, indenen die Inhalte der Lehrveranstaltungen eigenständig bearbeitetwerden – beträgt 50 Prozent der Vorlesungszeit. In diesem Beispielsind das im 5. Semester 25,35 Stunden pro Woche.34 35


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenIm Blockmodell fällt je nach Phase der Betrieb bzw. die Hochschuleweg, die Berufsschule bleibt im Stundenplan. Ihren gesetzlichenAnspruch auf Urlaub zur körperlichen und geistigen Erholungmüssen dual Studierende in der Zeit der betrieblichen Ausbildunggeltend machen. Die Praxisphasen im Betrieb fallen allerdings in dievorlesungsfreie Zeit. So benötigen dual Studierende die betrieblichenUrlaubstage zumeist für das Selbststudium oder die Vorbereitung vonSemester- oder Abschlussarbeiten.Das stark verschulte Bachelorstudium mit seinen Präsenzzeiten undPraxisphasen bedeutet für dual Studierende eine hohe zeitlicheBelastung. Während ihres Studiums haben sie keinen echten Urlaub.Organisatorischer AufwandDurch die beiden Lernorte Hochschule und Betrieb, oft kommt nochdie Berufsschule als dritter Lernort hinzu, müssen dual Studierenderäumlich sehr flexibel sein. Es ist keine Seltenheit, dass der Betrieb,in dem die Praxisphasen absolviert werden, räumlich stark getrenntvon der Hochschule liegt. In diesen Fällen haben dual Studierendenicht nur einen Wohnort zu organisieren, sondern zwei. Zwischendiesen Wohnorten pendeln sie dann entsprechend der zeitlichenGestaltung der theoretischen und praktischen Phasen des Studiums,in Intervallen von mehreren Wochen oder auch Monaten.Neben ihrer zeitlichen Arbeitsbelastung müssen dual Studierende alsooft einen hohen logistischen Aufwand betreiben, um ihr Studium zuorganisieren. Das kostet nicht nur Kraft und starke Einschränkungendes Privatlebens, sondern auch Geld. Eine Herausforderung liegt fürdual Studierende darin, ihr Studium unter Zeitmangel und hohenfinanziellem Einsatz optimal auszurichten. Die Faktoren Erfolg, Zeitund Finanzen halten sie unter ständigem psychischen Druck.Best-Practice: Hartnäckig bleiben!Bei der Sartorius Corporate Administration GmbH gab es alserstem Unternehmen bereits 2001 einen Haus-Tarifvertrag für dualStudierende. Diesen Tarifvertrag setzte der Betriebsrat zusammenmit der IG Metall durch, als er erkannt hatte, dass dual Studierendegenauso in das Unternehmen eingegliedert waren wie dieAuszubildenden, aber keine geregelten bzw. schlechtere Konditionenhatten. Als sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändertenund der Ablauf des dualen Studiums umgestaltet wurde, nahm derneue Vorstand das zum Anlass, die Geltung des Tarifvertrags zubestreiten. Der Betriebsrat lehnte eine von der Unternehmensführungangebotene „freiwillige Rahmenvereinbarung“ ab und erkämpfteeinen neuen Tarifvertrag.2006 wurden die neuen dual Studierenden zu schlechterenKonditionen eingestellt. Seit 2003 hatte sich die wirtschaftlicheSituation verschärft, es gab einen Sozialplan und auchÜbernahmeschwierigkeiten. Durch die Umgestaltung desStudienablaufs hatten die dual Studierenden wenigerAnwesenheitszeit im Betrieb, zugleich wurden die Studiengebührenzum Teil erheblich angehoben und das Studium wurde von Diplomaufdie neuen Bachelorstudiengänge umgestellt. Letzteres gabden Ausschlag, die Geltung des Tarifvertrags zu bestreiten und ihnzum 31.12.2006 zu kündigen. Der Betriebsrat hatte zwar bereits imSommer der neuen Eingruppierung widersprochen, konnte jedochkein Zustimmungsersetzungsverfahren erzwingen.Der Betriebsrat hatte die Absicht, einen neuen Tarifvertragabzuschließen. Das Unternehmen bot stattdessen eine „freiwilligeRahmenbetriebsvereinbarung“ an. Der Betriebsrat verweigerte wegen dergeringeren Rechtssicherheit einer Betriebsvereinbarung die Zustimmung.3637


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenEr stand unter Druck, schließlich hatte er eine Absichtserklärungfür einen neuen Tarifvertrag abgegeben, den die dual Studierendennun auch einforderten. Einige waren mittlerweile in der IG Metallorganisiert, auch aktiv in der JAV.Über alle verfügbaren Kanäle, über Vertrauensleute, dieBetriebsversammlung, die Betriebszeitung und den Betriebsbetreuer,der zugleich im Aufsichtsrat saß, wurde kontinuierlich Druck auf dieUnternehmensführung ausgeübt, bis das Thema „dem Unternehmenaus den Ohren rauskam“.Es war ein zäher Kampf. Denn der Betriebsrat hatte an allen Eckenmit Problemen zu kämpfen, es waren die Zeiten von Kurzarbeit undbetriebsbedingten Kündigungen. Doch aufgrund der Hartnäckigkeitder JAV, der eben auch dual Studierende angehörten, wurde dasThema immer wieder hervorgehoben.Im Frühjahr 2008 erklärte sich das Unternehmen schließlich bereit,tarifvertragliche Regelungen anzuwenden. Die dual Studierendenprofitierten rückwirkend zum Ausbildungsbeginn 2007 von dertarifvertraglichen Ausbildungsvergütung. Aufgrund des Erfolgs tratenmehrere dual Studierende in die IG Metall ein. Am 1. Oktober 2009wurde der neue Tarifvertrag schließlich unterschrieben.Ohne den Einsatz der dual Studierenden hätte sich der Betriebsratmöglicherweise aufgrund der vielen anderen Kampffelder undBaustellen mit der vom Unternehmen angebotenen „freiwilligenRahmenbetriebsvereinbarung“ arrangiert. So war der Erfolg derDurchsetzung des Tarifvertrags auch ein Erfolg der damaligen dualStudierenden.Heute ist der Betriebsrat froh darüber, dass er hartnäckig gebliebenist. Denn der Betriebsrat bei Sartorius sieht dual Studierende nicht alsExoten an, sondern als Menschen in der Ausbildung.Für diese müssen Dinge geregelt werden, sie müssen in den Betriebund in die Interessenvertretung eingebunden werden. Natürlich kannnicht losgelöst von den jungen Leuten alles für sie gemacht werden.Aber wenn sie bereit sind, sich zu engagieren, wird der Betriebsratauch etwas für sie tun.Kontakt: Annette Becker,Betriebsratsvorsitzende, Sartorius Corporate Administration GmbH,Annette.Becker@sartorius.comBest-Practice: Beteiligung einfordern!Im Jahr 2002 gab es bei der Howaldtswerke-Deutsche Werft GmbHin Kiel nur zwei dual Studierende. Seither nimmt ihre Zahl stetig zu.Anfangs waren der betrieblichen Interessenvertretung die Inhalteund Abläufe des dualen Studiums weitgehend unbekannt. So warbei den jährlichen Einstellungen auch versäumt worden, die dualStudierenden gleichermaßen wie die Auszubildenden in die Arbeitder Interessenvertretung einzubeziehen, obwohl sie alle vertraglichenBestandteile von Auszubildenden auch hatten.Im Laufe der Jahre entwickelte sich der „Zusatztarifvertrag zurflexiblen Arbeitszeit für Auszubildende“ für die dual Studierendenzunehmend zum bürokratischen Ärgernis, da er an den betrieblichenAbläufen vorbei ging. Für jeden längeren Einsatz musste diezusätzliche Arbeitszeit extra beantragt werden, die dual Studierendenkonnten sich durch die recht starre Arbeitszeit schlecht in betrieblicheProjekte einbringen. Sie forderten eine Änderung und lernten dabei,dass Interessenvertretung ohne Mitwirkung der Betroffenen nichtfunktioniert.3839


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenDer IG Metall-Betriebsrat wollte, dass die dual StudierendenVorschläge für eine neue Arbeitszeitregelung machen. Doch esoffenbarte sich ein kultureller Unterschied:Der Betriebsrat wartete auf die Forderungen der dual Studierenden,damit es überhaupt etwas zu verhandeln gäbe, diese fasstendas als Gleichgültigkeit auf. Erst nach weiteren Appellen desBetriebsrates und mit Unterstützung eines neuen Ausbilderswurden Veränderungsvorschläge gesammelt. Unter Mitwirkungder betrieblichen Tarifkommission wurde daraus ein Entwurfformuliert. Um Druck aufzubauen, traf der Betriebsrat eine befristeteRegelungsvereinbarung zur Anpassung an die Arbeitszeiten derBelegschaft. Käme innerhalb dieser Frist kein Tarifvertrag zustande,griffe wieder die Arbeitszeitregelung der Auszubildenden.Die Zusammenarbeit änderte sich mit dem neuen Einstellungsjahr.Der Betriebsrat bezog die Neuen vom ersten Tag in die Diskussionüber die Inhalte eines Tarifvertrages ein. Es ging nicht mehr nur umdie Arbeitszeit. Ziel war, alle Regelungen wie Entgelt, Urlaub undaltersvorsorgewirksame Leistungen festzuschreiben und zusätzlicheAufwandszuschüsse auszuhandeln.Unter den neuen dual Studierenden waren viele, die sich zuvorbereits im Betrieb in der Ausbildung befanden. Sie waren größtenteilsschon in der IG Metall. Endlich kam die Forderung von den dualStudierenden selbst: Wir wollen einen guten Tarifvertrag! Sieengagierten sich und organisierten den Erstsemester-Jahrgangvollständig. Denn die Betriebsräte formulierten deutlich, dassein Abschluss nur dann zustande käme, wenn sich der Großteilgewerkschaftlich organisiere.Im Januar 2012 wurde ein dual Studierender als Vertrauensmanngewählt. Zum 1. Februar 2012 wurde schließlich der Tarifvertragabgeschlossen. Zwar traten besonders in den höheren Semesternimmer noch nicht alle in die Gewerkschaft ein. Doch zum Ärger derorganisierten dual Studierenden reichten auch sie ihre Belege ein, umvon den tariflichen Leistungen zu profitieren.Der Tarifvertrag wäre sicher auch ohne den Einsatz der dualStudierenden zustande gekommen. Doch die handelnde Betriebsrätinhielt daran fest, dass die Ansprüche von der betroffenen Gruppeselbst kommen müssten. Sie forderte beharrlich die Eigeninitiativeund die gewerkschaftliche Mobilisierung der Studierenden ein. Dennohne Beteiligung wäre eine Chance vergeben worden: Der Betriebsratwäre einfach nur als Dienstleister aufgetreten.Wichtig für den Prozess war vor allem die Einbindung der dualStudierenden in die betriebliche Struktur.Sie nehmen gemeinsam mit den Auszubildenden an der Kennenlern-Fahrt und an den Jugendversammlungen teil, sie haben einenVertrauensmann gewählt, der sich besonders als Schnittstellezur Interessenvertretung versteht und sie organisieren ihreNetzwerktreffen, bei denen sie sich über ihr Studium austauschen.Zu diesen Treffen werden mittlerweile auch die betrieblichenBetreuerinnen und Betreuer sowie die Betriebsräte eingeladen.Kontakt: Stefanie Gayko,Betriebsrätin, Howaldtswerke-Deutsche Werft GmbHstefanie.gayko@thyssenkrupp.com4041


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual Studierenden2. Interessen von dual StudierendenDer Ausbildungsbetrieb ist für dual Studierende genau wie fürAuszubildende zunächst eine neue Welt, ein unbekannter Kosmos, indem sie sich neu orientieren und zu Recht finden müssen. Ebenso wieAuszubildende haben sie einen hohen Bedarf an Informationen. IhreInteressen unterscheiden sich aber aufgrund des speziellen Typs ihrerAusbildung zum Teil von denen der Auszubildenden.Um zu erfahren, wo dual Studierende Unterstützung brauchen, welcheInteressen sie haben, sollten sie am besten selbst gefragt werden.Nichtsdestotrotz gibt es „Dauerbrenner“. Immer wiederkehrendeThemen von dual Studierenden sind zum Beispiel:■ die Regelung des Gehalts und Unterstützung durch Wohngeld undUmzugsgeld, da finanzielle Schwierigkeiten die von ihnenerwartete Flexibilität hemmen,■ die Regelung der Übernahme nach Abschluss ihres Studiums,■ die Übernahme der anfallenden Gebühren durch den Betrieb,■ die Unterstützung durch den Betrieb bei berufsbegleitendenMasterprogrammen zur akademischen Weiterqualifizierung,■ verschiedene Weiterbildungsangebote, Seminare oderExkursionen (z. B. Sprachen, Rechte im Betrieb, „über denTellerrand schauen“), die die betrieblichen Angebote ergänzen und■ welche Einstiegsfunktionen nach Abschluss des dualen Studiumskonkret zur Verfügung stehen.Best-Practice: Fragen, handeln und Zusammenhänge erklären!Bei der Salzgitter Flachstahl GmbH bekommen die Beschäftigtenzusätzliche freie Tage (Y-Tage), weil sie je nach Bereich mehr als 35Stunden arbeiten. Den dual Studierenden wurden ihre sechs freienTage gestrichen, weil sie diese für die praktischen Phasen im Betriebnutzen könnten. Das rief den Betriebsrat auf den Plan: Er organisierteeine Versammlung und ließ die dual Studierenden die Regelungzunächst diskutieren. Bei der Abstimmung, die ohne Beisein desBetriebsrats stattfand, stellte sich heraus, dass die Mehrheit vonihnen die freien Tage benötigt, um für Prüfungen zu lernen.Der Betriebsrat setzte nicht nur die freien Tage für die dualStudierenden wieder durch, sondern informierte sie auch darüber,wie er die Gleichstellung mit den übrigen Beschäftigten erreicht hatte.In der Folge traten zwölf von 14 dual Studierenden in die IG Metall ein.Kontakt: Andreas Köppe,Referent des Betriebsrats, Salzgitter Flachstahl GmbHkoeppe.a@salzgitter-ag.deEs geht also darum, das duale Studium politisch zu gestalten – d.h.Anwalt zu sein –, die dual Studierenden während ihres Studiumszu unterstützen, sich für ihre Perspektiven beim Berufseinstiegeinzusetzen und sie in ihren speziellen Interessen zu stärken. Dochdiese Interessen gilt es, zunächst einmal in Erfahrung zu bringen.4243


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual Studierenden3. Populäre Irrtümer zum dualen StudiumGegenüber dual Studierenden herrscht mancherorts Befangenheit.Oft steht dabei der Gedanke im Vordergrund, dass das dualeStudium ein Modell der Unternehmen ist. Die Betriebe ziehen ihre„Eigengewächse“ im akademischen Bereich auf, aber auch dualStudierende sind Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, für die diebetriebliche Mitbestimmung zuständig ist.Deshalb heißt es Mut zeigen und dazwischenfunken! Denn derbetriebliche Alltag belegt an vielen lebendigen Beispielen: DualStudierende sind ganz normale junge Menschen in der Ausbildung,die genauso kooperativ und solidarisch sein können, wie alle anderenBeschäftigten – wenn sie einbezogen werden. Um einen Zugangzu dieser Gruppe zu finden, ist es wichtig, Vorbehalte über Bord zuwerfen und dual Studierenden offen und vorurteilsfrei zu begegnen.„Dual Studierende fühlen sich als etwas Besonderes“Dual Studierende werden im Bewerbungsverfahren aus einerUnmenge von Bewerberinnen und Bewerbern ausgewählt. Häufigkommen auf einen betrieblichen Studienplatz über 50 Bewerbungen,in großen Betrieben in Einzelfällen sogar über 1.000. Wenn diedual Studierenden dann in der Begrüßungsrunde geduzt werdenund ihr Studium als „Ausbildung“ bezeichnet wird, reagierensie möglicherweise zugeknöpft. Das hat aber nicht damit zu tun,dass sie sich für etwas „Besseres“ halten oder besonders hoheBefindlichkeiten haben. Sie sehen sich selbst anders. Sie fühlensich einfach als junge Erwachsene und als Studierende – undentsprechend nicht im ersten Ausbildungsjahr, sondern im erstenSemester.44 45


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenDass sie zielstrebig sind und oft schon einen konkreten Berufswunschhaben (bei Studienanfängerinnen und -anfängern eines reinwissenschaftlichen Studiums steht am Beginn häufig noch keingenauer Plan), lässt sie als selbstbewusst erscheinen. Vor demHintergrund sehr guter Abschlussnoten und sozialer Kompetenzen,wie Selbstständigkeit, Engagement, Flexibilität und Lernbereitschaft,mag das arrogant wirken.Wenn aber JAV und Betriebsrat freundlich auf sie zugehen, zeigtsich, dass dual Studierende für Gewerkschaftsarbeit genausoaufgeschlossen und engagiert sein können, wie gewerblicheAuszubildende. Es hängt immer von den Menschen und ihrenpersönlichen Hintergründen ab.Es ist nicht hilfreich, die dual Studierenden für ihr Unwissenanzuprangern. Hier wäre es Aufgabe der Personalabteilung, ihnen zuillustrieren, dass diese Vorstellung unrealistisch ist, bevor sie sichals Anspruchsdenken in den Köpfen festsetzt und später zu herbenEnttäuschungen führt. Wenn die dual Studierenden die betrieblichenEntwicklungswege erklärt bekommen, verstehen sie, dass das dualeStudium sie zwar wahrscheinlich dazu befähigt, irgendwann einenverantwortlichen Job auszuüben, dass sie sich bis dahin nach demStudium aber erst einmal zehn bis 15 Jahre im Angestelltenbereichbewähren müssen.Bei den Einstiegsfunktionen gibt es bestenfalls die Möglichkeit,einen Bereich zu betreuen, wo das Umfeld inhaltlich stimmt, etwa alsFachexpertin oder Projektleiter – ohne Führungsverantwortung.„Dual Studierende sind die Führungskräfte von morgen“Manche Hochschulen setzen dual Studierenden „einen Floh insOhr“: Alle, die studieren, die sind für „etwas Höheres“ bestimmt.Doch im betrieblichen Alltag hat dieses Denken keinen Bestand.Die dual Studierenden werden zwangsläufig auf den Boden derTatsachen zurückgeholt. Schon rein zahlenmäßig können nicht alleFührungskräfte werden. Auch große Unternehmen benötigen keinezwanzig Führungskräfte aus jedem Abschlussjahrgang. Zudem wirddie Luft nach oben dünner. Es kommen noch die Menschen vonder Uni, den Hochschulen, anderen Unternehmen und die aus demBetrieb hinzu, die sich über Techniker- oder Meisterausbildungenweiterqualifiziert und im Betrieb bewährt haben.Am Ende sind die Absolventinnen und Absolventen des dualenStudiums ganz normale Beschäftigte im Angestelltenbereich, nur mitdem anderen Ausbildungsweg.„Das duale Studium verschlechtert die Aufstiegschancen imgewerblichen Bereich“Es gibt immer wieder die Beobachtung, dass die Zahl dualStudierender proportional zum Rückgang von Ausbildungsplätzenansteigt. Auch wenn es hier Fragezeichen und zukünftig sicher einenRegelungsbedarf gibt, sprechen doch zwei Argumente gegen einesystematische Verdrängung:Es lohnt sich nicht, viel Geld in die Ausbildung von dual Studierendenzu stecken, um sie dann hinterher als Techniker, Meister oderFachkräfte einzusetzen, weil es auf der Ingenieurebene keinepassenden Stellen gibt. Außerdem würden die Absolventinnen undAbsolventen das Weite suchen, wenn sie mehrere Entgeltgruppenniedriger als erwartet eingestuft werden.46 47


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenAuch von der Personalentwicklung her ist es fahrlässig, zuübergehen, welche Kompetenzen im Job tatsächlich benötigt undabgefragt werden. Junge Menschen mit akademischem Hintergrundsind am gewerblichen Bereich vorbei qualifiziert, die tatsächlicherworbenen Fähigkeiten könnten dort vom Betrieb nicht genutztwerden. Werden sie auf einen technischen Lehrgang oder zuWeiterbildungsmaßnahmen geschickt, die viel Geld kosten, „habensie einen Lehrgang, sind ganz schlau, und dann hauen sie ab.“ Siekönnen sich mit der praktischen Arbeit im technischen Bereich nichtidentifizieren.Es gibt kaum Fälle von dual Studierenden im gewerblichenBereich, die sagen „oh, das finde ich jetzt total toll, hier möchteich bleiben!“ Wenn dagegen Facharbeiterinnen und FacharbeiterAufbauqualifizierungen erhalten, wird ihr Potenzial genutzt underhöht.Wo es Verschiebungen bei den Einstellungszahlen gibt, sind es eherandere Faktoren, z. B. eine strategische Neuausrichtung mit derAuslagerung von Produktionsbereichen, die zu sinkenden Zahlen beiden Auszubildenden führen. Allerdings im kaufmännischen Bereichgibt es tatsächlich Tendenzen, dass die Berufsausbildung schrittweisedurch das Studium ersetzt wird. Doch es ist abwegig, die dualStudierenden für eine Verdrängung verantwortlich zu machen.48 49


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual Studierenden4. Ansprache von dual StudierendenIn der Kommunikation geht es immer erst um Beziehungen: Jedernoch so richtige Inhalt einer Aussage wird unwichtig, wenn einGesprächspartner spürt, dass sein Gegenüber ihn nicht respektiert.Eine gute Beziehung basiert auf gegenseitiger Wertschätzung undAnerkennung. So steht auch bei der Ansprache von dual Studierendenein angemessenes Verhalten über allen Inhalten.AusgangssituationWenn sich die betriebliche Interessenvertretung – ob alsJAV, Betriebsrat oder Vertrauensleute – und dual Studierendeerstmals begegnen, kennen sie einander noch nicht. Den dualStudierenden ist die Betriebskultur fremd und die betrieblicheMitbestimmung vielleicht ein völlig neues soziales Umfeld. Deshalbkönnen sie zu diesem Zeitpunkt die Gewerkschaft kaum als ihreInteressenvertretung wahrnehmen. Betriebsrat und JAV habenihr Selbstverständnis betrieblicher Interessenvertretung und ihreErfahrung mit dem System der dualen Ausbildung nach BBiG. Aberihnen fehlt, sofern sie noch nie damit zu tun hatten, zunächst dietiefere Kenntnis vom Aufbau und Ablauf des dualen Studiums undden allgemeinen und betriebsspezifischen aktuellen Themen undProblemstellungen.Hinzu kommt, dass beide Seiten – Interessenvertretung wie dualStudierende – ihre persönlichen Einschätzungen zur anderen Gruppemitbringen.50 51


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenDer Schlüssel ist, sich zunächst einmal über das duale Studium„schlau“ zu machen, einander kennenzulernen und Vertrauen zu fassen.Aufseiten der betrieblichen Interessenvertretung sollte im Vorfeldgeklärt werden, wer die dual Studierenden „abholt“: der Betriebsrat,die JAV gemeinsam mit dem Betriebsrat oder Vertrauensleute.„Aus Betriebsratssicht ... – doch eine andere Klientel!“Schon beim Kennenlernen gilt es, erste kulturelle Klippen zuüberwinden. Dual Studierende sind aufgrund ihres höherenSchulabschlusses in der Regel älter als Auszubildende. Aus derFachoberschule oder der Oberstufe des Gymnasiums sind siegewohnt, als junge Erwachsene angesprochen und behandelt zuwerden. Kulturelle Aspekte in der Gewerkschaft, wie etwa daskollegiale „du“ treffen dual Studierende überraschend, wenn sie nichtdarauf vorbereitet sind.Es widerspricht im Allgemeinen auch der Mentalität von Studierenden, ingroßen Runden ihre persönlichen Probleme zu schildern. Sie sind ehergewohnt, ihre Probleme selbst zu lösen. Daher neigen sie dazu, wie imStudium so auch im Betrieb, alles für sich alleine zu regeln. Vielleichtempfinden sie es als ein Eingeständnis von Schwäche, den Betriebsrat inAnspruch zu nehmen. Das persönliche Selbstverständnis im Umgang mitbetrieblichen Konflikten kann sich erst in der Zusammenarbeit mit derbetrieblichen Interessenvertretung nach und nach verändern.ZeitmangelEine weitere Herausforderung ist der enge Zeitplan von dualStudierenden. Sie haben für die Vorlesungen an der HochschuleAnwesenheitspflicht und ein hohes Lernpensum.Sie sind für die Präsenzphasen räumlich vom Ablauf im Betriebgetrennt und können sich für gemeinsame Veranstaltungennicht einfach freistellen lassen. Es bedeutet nicht automatischDesinteresse, wenn dual Studierende im Laufe ihrer Ausbildungregelmäßig den zeitlichen Aufwand für den Besuch von klassischenJugend- und Auszubildendenversammlungen scheuen. Dahinterstehen Zeitmangel und Pragmatismus – dual Studierende beschaffensich ihre Informationen eher individuell. So müssen Gelegenheitenund Inhalte, um im Gespräch zu bleiben, genau geplant werden.Zugang zu dual StudierendenFür die Ansprache von dual Studierenden gibt es keinePatentlösungen. Was in einem Betrieb funktioniert, klappt anderswovielleicht nicht. Die betriebliche Interessenvertretung ist gefordert,Maßnahmen und Instrumente zu finden, die der jeweiligen Personal-,Ausbildungs- und Studiensituation, aber auch den eigenenFähigkeiten und Möglichkeiten entsprechen.Um sich gegenseitig kennenzulernen, kann eine organisierteBegrüßungsrunde ebenso passend sein, wie ein gemeinsamerKneipenbesuch oder Grillabend in der Freizeit. Entscheidend ist,dass die Umstände dazu ermutigen, offen und kritisch zu sprechen.Denn wie die Auszubildenden sind auch dual Studierende an einemDialog über ihre persönliche Ausbildungssituation interessiert.Allerdings stellen Veranstaltungen, die vor allem über aktuelleThemen informieren, für sie gerade als Einstieg möglicherweisekeinen Mehrwert dar. Doch wenn sie das Thema persönlich betrifft,kann auch ein Austausch unter Begleitung von Fachleuten schon zumBeginn der Ausbildung für sie attraktiv sein.52 53


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenZielsetzung der EinbindungDas Ziel eines Dialogs mit den dual Studierenden ist, gemeinsamverbesserungswürdige Umstände zu erkennen und siebeteiligungsorientiert zu bearbeiten. Den dual Studierenden muss aufdem Weg dorthin veranschaulicht werden, dass es um sie geht:■ dass der Rahmen und die Qualität ihrer Ausbildung ihre beruflicheEntwicklung beeinflussen und■ dass die betriebliche Interessenvertretung eine an ihrerbetrieblichen Ausbildung und an ihrem Fortkommen interessiertePartnerin ist.Für einen nachhaltigen Kontakt und für den Aufbau einer künftigenZusammenarbeit wird die Arbeit ungemein erleichtert, wenn esgelingt, dual Studierende für die Arbeit in der JAV zu gewinnen. Dabeigilt:Je eher der erste Kontakt zu den dual Studierenden hergestellt werdenkann, desto besser.Mit diesem Bewusstsein sind sie selbst und gemeinsam mit derbetrieblichen Interessenvertretung in der Lage, Vorschläge zurbesseren Gestaltung ihrer Ausbildung zu finden.Die betriebliche Mitbestimmung gewinnt, indem sie anhandkonkreter Problemstellungen juristische Hintergründe undHandlungsmöglichkeiten recherchiert, das Vertrauen der dualStudierenden und wird als kompetente Partnerin angenommen.Entwicklung der ZusammenarbeitWenn den dual Studierenden ein Grundgefühl dafür vermitteltwird, dass Umstände verbesserungswürdig sind, können sie auchein Problembewusstsein entwickeln. Dieses ist die Grundlage vonEngagement und Zusammenarbeit. Eine schlüssige Abfolge ist,■ Vertrauen zu schaffen,■ zu sensibilisieren,■ zu informieren und■ zu mobilisieren.54 55


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenBest-Practice: So früh wie möglich den persönlichen Kontakt suchen!Wenn sich gleich in den Einführungstagen einer hinstellt, den diedual Studierenden noch nie gesehen haben, der sagt „komm, tritt indie Gewerkschaft ein!“, funktioniert das nicht. So ist die Erfahrungder JAV bei der Schott AG in Mainz. Daher baut sie erst persönlicheBeziehungen auf, bevor sie offensiv in die Neuanfängerwerbung geht.Die JAV erkannte, dass sie eine berufsgruppenspezifische Betreuungund Ansprechpersonen für die dual Studierenden brauchte, als derBereich duales Studium schrittweise auf zehn dual Studierende proJahr ausgebaut wurde. So ließen sich deren Problemlagen bessererfassen. Denn bei aller gewachsenen Gleichbehandlung – alletechnischen Auszubildenden durchlaufen gemeinsame Grundkurseund lernen zusammen – ist der Umgang mit dual Studierenden fürdie JAV ein anderer als mit den Auszubildenden. Wegen der höherenSchulbildung unterscheiden sich die Themen, die Gesprächskulturund entsprechend auch die Betreuung.Die JAV stellt sich den dual Studierenden vor, wenn sie im August ihrVorpraktikum machen. Direkt nach der Schule, bevor ihnen der Betriebvertraut ist, lernen die Neuen die Personen kennen, können Gesichterzuordnen und erfahren, dass die JAV für sie und ihre Problemezuständig ist. In den Einführungstagen kennen sie die JAV bereits,erkennen sie als Ansprechpartnerin an und geben sogar schon ersteRückmeldungen, etwa zu Problemen im Vorpraktikum. Später, wenn dieStudierenden dann in die Abteilungen kommen, wäre das nicht mehrso leicht. Dort nehmen die Studierenden ein Bild auf, das schwer zuverändern ist. Bei der Vertrauensbildung und als Gesprächsplattformbewährt sich auch der Stammtisch für dual Studierende, den die JAVeingerichtet hat. In dieser Runde lernen sich alle viel besser kennen, eswird viel direkter und offener über Probleme gesprochen.Der Austausch ist sehr viel intensiver als in offiziellen Sitzungen.So erfuhr die JAV auch von den hohen finanziellen Belastungender dual Studierenden, die unter anderem dadurch entstanden,dass sie für die Praxisphasen an der Hochschule in Mannheimquartalsweise Wohnungen vor Ort nehmen mussten. Die JAV schlugvor, das Thema in die Haustarifverhandlungen einzubringen. DieWettbewerbssituation um den akademischen Nachwuchs inder Region erleichterte dem Betriebsrat die Verhandlungen. Erargumentierte damit, dass das Unternehmen durch eine lukrativeAusstattung des dualen Studiums entsprechende Anreize setzenmüsse, wenn es für die teure Ausbildung die besten Bewerberinnenund Bewerber gewinnen wolle. Für die dual Studierenden wurde eineBetriebsvereinbarung zur Kostenübernahme durchgesetzt. Sie zeigteWirkung: Der gesamte Jahrgang trat in die IG BCE ein.Errungenschaften aus der Vergangenheit haben eine kurzeHalbwertzeit. Jedes Jahr ist es wieder Überzeugungsarbeit, die neuenJahrgänge dual Studierender für die Gewerkschaft zu gewinnen, esmüssen positive Beispiele für Kompetenz und Betreuung geliefertwerden. Im Idealfall gibt es offene Themen, wie seinerzeit dieSozialversicherungspflicht: Erst bestand sie, dann nicht, dann wiederdoch – so kamen alle mit ihren Anträgen zur JAV.Die Arbeit mit dual Studierenden ist bei Schott erfolgreich, weil siefrüh ansetzt, die Betreuungsintensität hoch ist und ein Stammtisch fürpersönlichen Austausch sorgt. Alles steht und fällt mit den handelndenPersonen und ihren persönlichen Hintergründen. Wenn sich die Erfolgezeigen, steigt auch die Akzeptanz bei den anderen dual Studierenden.Kontakt: Sascha Kopp, JAV-Vorsitzender, Schott AG Mainzsascha.kopp@schott.com5657


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenBest-Practice: Dual Studierende einbinden!Bei der SCA Hygiene Products GmbH in Mannheim kritisierte derBetriebsrat vor Jahren lange den mangelnden ausbildungsgerechtenEinsatz der dual Studierenden durch die aufnehmenden Abteilungen.Dann bot er an, alle Auszubildenden einschließlich der dualStudierenden zwei Wochen ihrer Ausbildung im Betriebsratsbüroabsolvieren zu lassen. Nach einer Lernphase für den Betriebsratgelang es, sie aktiv in die betriebliche Interessenvertretungeinzubinden.Anfangs wurde der Betriebsrat von seinem eigenen Angebotüberrollt. Es fehlte an einem verbindlichen Rahmen, wie festenAnsprechpersonen und eigenen Arbeitsplätzen, es hapertean einer ordentlichen Vorbereitung und einem Abgleich mitdem Ausbildungsrahmenplan. Entsprechend fiel die Kritik derAuszubildenden und dual Studierenden aus: Sie empfanden dieArbeit im Betriebsratsbüro als nicht wirklich interessant. Sie wolltennicht nur Büroarbeiten machen, sondern sich auch an der operativenBetriebsratsarbeit beteiligen. Der Betriebsrat war gefordert: Istes überhaupt richtig, beim Betriebsrat auszubilden? Sowohlorganisatorisch als auch inhaltlich musste die Arbeit für die neueGruppe beim Betriebsrat definiert werden. Ein Willkommensgesprächwurde eingeführt, wo die Strukturen und Aufgaben des Betriebsratsund der Zusammenhang mit der IG BCE erläutert wird. Gemeinsammit den Auszubildenden wurden Möglichkeiten zur Mitwirkung, etwaan Sitzungen der JAV, der Fachausschüsse und der Vertrauensleuteerarbeitet. Auch an Projekten sind Auszubildende und dualStudierende beteiligt: Sie erstellen Präsentationen für die Betriebsundfür die Jugendversammlung, sie wirken an Positionspapieren zubeschäftigungspolitischen Themen und – auch in eigener Sache – zuden Tarifforderungen für Studierende der DHBW mit.5859


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenInzwischen haben die Auszubildenden und dual Studierendenschon vor dem eigentlichen Ausbildungsbeginn ihren erstenSozialkontakt mit dem Betrieb. Denn Betriebsrat und JAV laden alleper Post zu einer Spaghetti-Party des Bezirksjugendausschussesein. Wenn die dual Studierenden dann am Beginn der Ausbildungzum Willkommensgespräch in das Büro des Betriebsrats kommen,können viele bereits für die Gewerkschaft gewonnen werden. Bei denAnderen leisten die Vertrauensleute, JAV und Betriebsrat in der Folgeerfolgreich Überzeugungsarbeit.Der Kontakt zu den dual Studierenden hat sich deutlich verbessert:Sie sind in der JAV vertreten, gemeinsame Aktivitäten, wie einStammtisch, und Erfolge, wie eine Betriebsvereinbarung, tragen dazubei, diese Gruppe vollständig als Mitglieder zu gewinnen.Der Schlüssel zum Erfolg war bei SCA, eine dual Studierende fürdie JAV zu gewinnen. Zu Beginn ihres zweiwöchigen Einsatzes imBetriebsratsbüro war sie nicht organisiert, ist danach aber in dieIG BCE eingetreten. Sie richtete den Stammtisch ein, organisierteProjekte, machte die Interessen von dual Studierenden zum Thema inder JAV und übernahm den JAV-Vorsitz.Kontakt: Frank Gottselig,Betriebsratsvorsitzender, SCA Hygiene Products GmbH MannheimFrank.Gottselig@sca.comBest-Practice: Durch Kompetenz Vertrauen herstellen!Bei Daimler in Gaggenau gibt es keine schriftliche Regelung für dualStudierende. Tariferhöhungen werden unregelmäßig und nicht involler Höhe an die dual Studierenden weitergegeben. Auch für dieStudiengebühren mussten die dual Studierenden selbst aufkommen.Der Betriebsrat beteiligt sich schon immer aktiv beim Auswahlverfahren,doch die JAV hat die dual Studierenden jahrelang nicht betreut. Dahermachte sie das duale Studium 2010 zum Projekt.Die JAV versuchte, einen Zugang zu den dual Studierenden zu finden,indem sie regelmäßige Treffen anregte. Einerseits bot sie sich durchInformationen und Beratung als kompetente Partnerin an, andererseitsversuchte sie, durch Zuhören und Nachfragen die Wünsche der dualStudierenden kennenzulernen. Aus diesen Treffen entstand einregelmäßiger Kontakt über die privaten E-Mail-Adressen der dualStudierenden, die in den Theoriephasen ja nicht vor Ort sind. Fürdie neuen Jahrgänge wurden erfolgreich eigene Begrüßungsrundeneingeführt. Auch die dual Studierenden von 2009 wurden angesprochen.Zwar traten diese nicht in die IG Metall ein, gaben der JAV aber das ThemaGleitzeitrahmen mit.Um den Kontakt zu verstärken, ging die JAV in die Hochschule. Aufdiese Weise konnte der E-Mail-Verteiler mit den privaten Adressen allerdual Studierenden vervollständigt werden. Die JAV nutzte das, um sieregelmäßig über Sachthemen und Verabredungen zu informieren. Beiihren Besuchen an der Hochschule punktete die JAV mit dem ThemaSozialversicherungspflicht, das zu der Zeit noch uneinheitlich geregeltwar, und erarbeitete sich einen Vertrauensvorschuss. Mit diesem Vorlaufkonnten in vielen Einzelgesprächen Mitglieder für die IG Metall gewonnenwerden. Ausschlaggebend für den Beitritt war bei den inzwischenorganisierten dual Studierenden die Freizeitunfallversicherung.Kontakt: Mario Boh,JAV-Vorsitzender, Daimler AG Mercedes-Benz Werk Gaggenaumario.boh@daimler.com6061


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual Studierenden5. Themen für die Werbung zumAusbildungsbeginnAufgabe der betrieblichen Interessenvertretung ist es, die dualStudierenden in einem neuen Lebensabschnitt bei der Verwirklichungihrer Wünsche im Rahmen der Möglichkeiten zu unterstützen undmögliche Befürchtungen durch Information oder gegebenenfalls durchIntervention aufzulösen.Doch wenn den dual Studierenden ihre Wünsche im unbekanntenKosmos Betrieb noch gar nicht so klar sind, fällt eineMeinungsbildung in den unterschiedlichen Interessengemengenzwischen Arbeitgeber und Beschäftigten schwer. Positionen könnensie am besten zu konkreten Themen, bei denen sie selbst beteiligtoder betroffen sind, entwickeln.Dual Studierende haben jedoch zum Beginn ihres Studiums oft nochgar keine Themen, von denen sie sich „betroffen“ fühlen. Sie könnenstudieren, bekommen dafür im Gegensatz zur großen Masse derStudentinnen und Studenten sogar eine Vergütung, unter Umständendarüber hinaus noch andere Leistungen, die in Tarifverhandlungenfür sie erstritten wurden. Einige Arbeitgeber gewähren sogar freiwilligLeistungen, um die Attraktivität des Betriebs für dual Studierendeanzuheben.Alles ist zu diesem Zeitpunkt neu, vieles erscheint möglicherweisenoch ideal. Da macht es wenig Sinn, künstlich Themenauf die Tagesordnung zu setzen, die beide Seiten mangelsProblembewusstseins ohne Leidenschaft angehen würden.Kontraproduktiv wäre, das Programm des dualen Studiums garschlechtzureden. Das könnte niemand nachvollziehen, es käme beiden dual Studierenden schlecht an. Sie sind schließlich erst einmalfroh über ihr Studium!62 63


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenMitwirkung eröffnet persönliche Chancen!Dual Studierende sollten konkret darauf angesprochen werden, dasssie sich einbringen müssen, damit die Interessenvertretung wirksamfunktionieren kann. Das gilt nicht nur für die kollektiven, sondernauch für ihre eigenen Interessen. Denn einerseits schützt auch einakademischer Abschluss nicht vor Ausbeutung, Diskriminierungund sozialem Abstieg. Andererseits können auch im Beruf nurMenschen Einfluss nehmen und die Interessen anderer vertreten, diebeizeiten gelernt haben, für ihre eigenen Anliegen einzustehen. DasEngagement in der betrieblichen Mitbestimmung ist das geeigneteForum, diese Fähigkeit einzuüben.So sollte klar werden, dass es auch für dual Studierende wichtigist, sich zu organisieren und sich bei den JAV-Wahlen zu engagieren– schon im eigenen Interesse: Auch für dual Studierende gilt § 78aBetrVG zur unbefristeten Übernahme, wenn sie Mitglied in JAV oderBetriebsrat sind.Vorteile der Gewerkschaftsmitgliedschaft darstellen!Neben den mit der Gewerkschaftsmitgliedschaft verbundenenLeistungspaketen sind für dual Studierende auch Angebotejenseits der betrieblichen Ausbildung attraktiv. Sie sollten aberzielgruppenspezifisch auf dual Studierende zugeschnitten sein. Dennviele Aktivitäten sind für dual Studierende schon aus Zeitmangel nichtinteressant.Mit Angeboten, die mit einem Nutzen verbunden sind, z. B.Sprachreisen, Seminare oder Workshops, können dualStudierende wahrscheinlich eher überzeugt werden als mit reinenFreizeitaktivitäten.Einander auf Augenhöhe begegnen!Es reicht nicht aus, dual Studierenden Einsichten zu vermitteln.Genauso wichtig ist, sie und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Dahersollten sie auch zu Wort kommen. Welche Herausforderungen sehensie? Welche Wünsche haben sie? Es sollte in der Begrüßungsrundeklar werden, dass JAV und Betriebsrat tragende Funktionen in derBetriebskultur einnehmen. Dabei müssen die dual Studierendenaber auch die Möglichkeit haben, sich ihrer eigene Rolle und dendamit verbundenen Möglichkeiten bewusst zu werden. Wenn sieetwas Zeit bekommen, das System zu erfassen und ihren Platz darinzu erkennen, sind sie imstande, eine eigene Wertung vorzunehmen.Es ist ein Geben und Nehmen. An dem Punkt setzt die direkteNeuanfängerwerbung an.66 67


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenBest-Practice: Persönliche Beziehungen aufbauen!In einem schwäbischen Metallbetrieb wurde mit einerBetriebsvereinbarung geregelt, dass die Einführung des dualenStudiums nicht zulasten der Ausbildung gehen darf. Da für die dualStudierenden kein Tarifvertrag gilt, wurde auch durchgesetzt, dassfür sie sämtliche tarifvertraglichen Regelungen von der Anzahl derUrlaubstage bis hin zur Übernahme anzuwenden sind.Zwar ist der Organisationsgrad im Betrieb allgemein hoch, dieBelange der dual Studierenden sind geregelt und manche von ihnenhaben über persönliche Kontakte schon vorab einen Betriebsbezug.Trotzdem würden wohl einige von ihnen kaum von alleine zur IG Metallkommen. Denn sie sind von der Schule her so sozialisiert, dass sieviele Probleme selbst lösen und mit Gewerkschaft vor allem Themenwie Streik assoziieren. Doch im Betrieb lernen sie auch ihre Grenzenkennen und merken, dass sie allein nicht weiterkommen. Um dieNeuen für die IG Metall zu gewinnen, setzt die JAV bei der Integrationund dem Aufbau guter persönlicher Beziehungen an.Die dual Studierenden kommen zum 1. Juli in den Betrieb undlernen zweieinhalb der ersten drei Monate gemeinsam mit denAuszubildenden. Ende Juli trifft sich die JAV mit allen im Biergarten.Bei der Begrüßungsrunde im Betriebsratsbüro stellt sich derBetriebsrat zunächst vor, alle Inhalte gestaltet die JAV komplettalleine. Zwar werden die errungenen Erfolge anhand praxisnaherBeispiele, mit denen sich die dual Studierenden identifizierenkönnen, erläutert. Doch das Treffen ist mehr ein kurzweiligerNachmittag, an dem viel gelacht und persönlich gesprochen wird. DieJAV spendiert eine Brotzeit, die Zeit ist gespickt mit vielen lustigen IGMetall-Filmen, die Atmosphäre ist locker, manche sind gleich Feuerund Flamme.Zum Abschluss der Begrüßungsrunde beginnt schon dieNeuanfängerwerbung, die JAV gibt die Anmeldezettel aber erst zum 1.November weiter. Denn das Studium beginnt erst im Oktober, vorher istnicht sicher, dass tatsächlich alle auch einen (an die Einschreibung in derHochschule geknüpften) Ausbildungsplatz haben. Außerdem sagt mancheiner in der großen Runde zu, ist sich aber eigentlich nicht sicher. Die JAVmacht den Neuen einerseits klar, dass ihre Regelungen nur existieren,weil JAV und Betriebsrat sie abgeschlossen haben, andererseits gibtsie ihnen mit auf den Weg, sich in der Ausbildungsabteilung über dieWirkung der Arbeit von JAV und Betriebsrat kundig zu machen.Die JAV pflegt einen engen und guten Kontakt zum gesamtenAusbildungsbereich einschließlich der Betreuerin der dualStudierenden. So bekommt sie die relevanten Themen, Interessenund Probleme der dual Studierenden direkt mit. Zur gewachsenenBetriebskultur gehört auch, dass Betriebsrat und JAV bei allenVeranstaltungen im Ausbildungsbereich eingebunden sind. Damitihre Arbeit nicht verpufft, diskutiert die JAV regelmäßig mit der ganzenGruppe der dual Studierenden, was gut oder schlecht läuft undwelche Vorschläge und Ideen sie haben, Umstände zu verändern. Dadie dual Studierenden nur einen halben Tag in der Woche im Betriebsind, macht es wenig Sinn, sich als dual Studierende aktiv in dieGremienarbeit der JAV einzubringen. Das ist allen Beteiligten bewusst.Die JAV erwirbt das Vertrauen der dual Studierenden, indem siefrüh gute Beziehungen aufbaut, durch Fachwissen überzeugt undProbleme und kompetent klärt. Obwohl die Regelungen in derBetriebsvereinbarung auch ohne Mitgliedschaft in der IG Metall für diedual Studierenden gelten, hat die JAV ein „As im Ärmel“: Spätestensdie geregelte Übernahme würde als Argument ziehen, denn nur beiMitgliedschaft in der Gewerkschaft besteht ein einklagbarer Anspruch.6869


Teil 2 Betriebsratsarbeit mit dual StudierendenBest-Practice: Zur Lobbyarbeit in eigener Sache motivieren!Bei der Bayer AG in Leverkusen erwerben JAV und Betriebsrat dasVertrauen der dual Studierenden durch professionelles Auftreten,Fachkompetenz und die Vermittlung des Dienstleistungsgedankens.Dabei zeigen sie ihnen viele gemeinsame Interessen auf.Den ersten Kontakt knüpfen JAV und Betriebsrat vor dem Beginn derAusbildung bei einem gemeinsamen Grillabend mit allen neuen dualStudierenden und Auszubildenden. Zum Ausbildungsbeginn wird einhalbtägiger Workshop veranstaltet, der sich klar an der Zielgruppeorientiert. Das fängt schon bei der Auswahl der Vortragenden an. DieAnsprechpersonen der JAV für dual Studierende sind teilweise selbstStudierende. Das signalisiert Kompetenz: Die JAV ist nicht nur formaldas Sprachrohr für dual Studierende, sondern weiß auch, wovon siespricht, wenn es um das Studium geht. Vom Betriebsrat stellt sich derVorsitzende vor, der zugleich Aufsichtsrat im Unternehmen ist, er kanndie Brücke zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten schlagen. Die IGBCE ist mit studierten Fachreferent/-innen und Jugendsekretär/-innenadäquat vertreten. Die Rolle der betrieblichen Mitbestimmung wirdden dual Studierenden systematisch über die Zusammensetzungder Gremien und die internen Prozesse bei ihrer Arbeit erläutert.Belegt wird das durch Beispiele, etwa dem Demografie-Fonds, derim Tarifvertrag geregelt ist. So wird greifbar, dass JAV und BetriebsratPlattformen für Interessengestaltung und Lobbyarbeit sind: DieArbeitnehmervertretung stößt meinungsbildende Prozesse an, wirktin paritätischen Arbeitskreisen an den demokratischen Abläufen imBetrieb mit und beeinflusst damit die Unternehmensstrategie. Auchdas ehrenamtliche Engagement von Betriebsratsmitgliedern in derKommunalpolitik, in Vereinen oder in sozialen Einrichtungen wirdthematisiert. Die dual Studierenden lernen, dass die Gewerkschaft imSinne ihrer Mitglieder Einfluss auf die Gesellschaft ausübt undzugleich eine gute Plattform für Networking ist. Auch dieHerausforderungen – die JAV vermeidet das Wort „Probleme“ – unddie errungenen Erfolge im Thema duales Studium werden dargestellt.An wichtigen Stellen wird deutlich, dass Ausbilderinnen und Ausbilderbei der Umsetzung individueller Vorschläge der dual Studierendenauf die Unterstützung der JAV und des Betriebsrats angewiesen sind.Die Kommunikation wird im Verlauf des dualen Studiums über einbreites Bündel an Maßnahmen in Gang gehalten. Dabei geht dieJAV beteiligungsorientiert vor: Seminare und Betriebsbegehungenwerden veranstaltet, Quartalstreffen mit den Jugend-Vertrauensleutenmit Berichten aus den Gruppen und Klassen finden statt und dieWahrnehmung der JAV-Arbeit wird abgefragt. Durch die Steuerung derAnsprache über zielgruppengerechte Angebote ist die Arbeit der JAVmit dual Studierenden erfolgreich.Kontakt: Firat Aslan, Mitglied der JAV, Bayer Aktiengesellschaft WerkLeverkusen, firat.aslan@bayer.comBest-Practice: Gutes tun und darüber reden!Bei einem südwestdeutschen Automobilhersteller werden dieneuen dual Studierenden zu Beginn der Ausbildung durch denBetriebsrat und die JAV begrüßt. Die Vorstellungsrunde wird dazugenutzt, die dual Studierenden darüber zu informieren, welchespeziellen Vereinbarungen die betriebliche Interessenvertretung fürsie abgeschlossen hat. Die Übernahme eines Mobilitätszuschussesfür den Besuch der DHBW durch den Betrieb, 30 Tage Urlaub und dieunbefristete Übernahme nach dem Ende des dualen Studiums sindArgumente, die überzeugen. In den Einzelgesprächen, die nach einpaar Wochen beim Betriebsrat stattfinden, werden neunzig Prozentder dual Studierenden Mitglieder der IG Metall.7071


Teil 3 Rechtliche Rahmenbedingungen>>>>„Das Betriebsverfassungsgesetz erteilt uns einen klarenGestaltungsauftrag in Sachen duales Studium. Den nehmen wir anund regeln Dinge für die dual Studierenden. Meine Erfahrung dabei:Je eher wir anfangen, desto mehr können wir bewegen. Je mehr wirbewegen, desto mehr bekommen wir auch zurück.“


Teil 3 Rechtliche RahmenbedingungenTeil 3Rechtliche Rahmenbedingungen imbetrieblichen Teil des dualen StudiumsOftmals sind weite Bereiche der Rechte dual Studierenderim Betrieb ungeregelt. Da sie nach BetrVG in Ausbildungbefindliche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind, fällt ihreInteressenvertretung unter die Zuständigkeit von Betriebsrat undJAV. Viele Regelungen im Betrieb sind auch auf dual Studierendeanzuwenden. Sie selbst haben aktives und passives Wahlrecht inbeiden Gremien.Das BetrVG erteilt der betrieblichen Interessenvertretung einenGestaltungsauftrag für das duale Studium im Betrieb und eröffnetihr zugleich ein breites Spektrum an Handlungsmöglichkeiten. Auchdann, wenn die dual Studierenden nicht in den Geltungsbereich desBBiG fallen, bieten Instrumente wie Betriebsvereinbarungen bzw.Haustarifverträge die Möglichkeit, zumindest Teilbereiche des dualenStudiums im Betrieb zu regeln.1. Vertragsverhältnisse der StudierendenDuale Studiengänge verfolgen bei der beruflichen Bildungunterschiedliche Qualifizierungsziele. Das spiegelt sich in denmöglichen Vertragsbeziehungen mit dem Betrieb und der Hochschulewider. Die Grundkonstellationen beim ausbildungsintegrierenden undbeim praxisintegrierenden Studium sind:■ Zwei separate Verträge regeln erstens die theoretischen Phasenan der Hochschule und zweitens den praktischen Teil derAusbildung im Betrieb.■ Ein Vertrag regelt die Verhältnisse zwischen dual Studierendenund den beiden Lernorten.Der Gestaltungsspielraum des Vertrags ist für die Betriebe undHochschulen beim ausbildungsintegrierenden Studium amgeringsten, weil die dual Studierenden bis zum IHK-Abschluss nachBBiG/HwO als Auszubildende gelten. Beim praxisintegrierendenStudium ist die Freiheit zur Gestaltung größer und wird von denAnbietern dualer Studiengänge auch genutzt. Dabei müssen sie sichallerdings immer noch an die geltenden Gesetze halten.Der Ausbildungsvertrag bildet den zentralen Rahmen zurDurchführung der Ausbildung in den betrieblichen Praxisphasen. Derbetrieblichen Interessenvertretung bietet er eine Vielfalt an SchutzundGestaltungsansätzen. So können z. B. unter Bezugnahme aufgeltende Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen Grundrechte und-pflichten der Vertragspartner definiert werden.74 75


Teil 3 Rechtliche Rahmenbedingungen2. Arbeitsrechtlicher StatusDual Studierende werden je nach Typ des dualen Studiengangsrechtlich unterschiedlich eingeordnet. Für dual Studierende imausbildungsintegrierenden dualen Studium gelten bis zum Abschlussihrer dualen Berufsausbildung nach BBiG/HwO im Betrieb allegesetzlichen, tariflichen und betrieblichen Regelungen, nach denenauch die Auszubildenden behandelt werden. Nach dem IHK-Abschluss haben sie arbeitsrechtlich den Status von Studierenden impraxisintegrierenden dualen Studium.Dual Studierende im praxisintegrierenden dualen Studiumsind Beschäftigte im Sinne des BetrVG. Damit gelten für sie dieBetriebsvereinbarungen immer dann, wenn dual Studierende nichtausdrücklich aus dem Geltungsbereich ausgeschlossen werden, wasnatürlich nicht grundlos erfolgen kann.Tarifverträge gelten unmittelbar und zwingend für dual Studierende,wenn■ sie in der abschließenden Gewerkschaft organisiert sind und■ die Arbeitgeber im Verband bzw. Haustarifvertrag und dualStudierende vom Geltungsbereich des Tarifvertrags umfasst sind.Außerdem gelten für dual Studierende auch die individuellenarbeitsrechtlichen Regelungen, sofern sie nicht ausdrücklich aus demGeltungsbereich heraus definiert worden sind.3. Rechte von dual Studierenden nach BetrVGDas BetrVG enthält neben dem Vertretungs- und Gestaltungsauftragan den Betriebsrat auch Rechte für dual Studierende.Sie haben ein aktives Wahlrecht für die Wahl des Betriebsrats nach§ 7 BetrVG. Nachdem sie sechs Monate ihres dualen Studiumsabsolviert haben, können sie gemäß § 8 BetrVG das passiveWahlrecht in Anspruch nehmen und selbst für die Betriebsratswahlenkandidieren. Bei den JAV-Wahlen sind dual Studierende aufgrundihres besonderen Ausbildungsverhältnisses gemäß § 61 Abs. 1 BetrVGwahlberechtigt. Soweit sie die in § 61 Abs. 2 BetrVG vorgegebenenBedingungen erfüllen, haben dual Studierende auch bei den JAV-Wahlen das passive Wahlrecht. Wenn dual Studierende Mitgliederdes Betriebsrats oder der JAV sind, gelten für sie gemäß § 78aBetrVG auch die Regelungen zur Übernahme in ein unbefristetesArbeitsverhältnis.Neben dem aktiven und passiven Wahlrecht haben dual Studierendeein Teilnahmerecht an Jugend- und Auszubildendenversammlungenund an Betriebsversammlungen. Zudem können sie ihrePersonalakten einsehen (§ 83 BetrVG) und haben einBeschwerderecht (§ 84 BetrVG) sowie ein Vorschlagsrecht derArbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer (§ 86a BetrVG).76 77


Teil 3 Rechtliche Rahmenbedingungen4. Betriebliche MitwirkungsrechteAnwendbarkeit des BetriebsverfassungsgesetzesDual Studierende sind Auszubildende, aber nicht im Sinne desBBiG. Zwar handelt es sich bei den Praxisphasen des dualenStudiums entsprechend der Definition des § 1 Abs. 3 BBiG umeine Berufsausbildung. Doch § 3 Abs. 2 Nr. 1 BBiG schließt dualStudierende vom Geltungsbereich des BBiG aus, da ihr Studiumauf Grundlage der jeweiligen Landeshochschulgesetze erfolgt. DieAusnahme bilden dual Studierende in ausbildungsintegrierendendualen Studiengängen während der Berufsausbildung.Somit befinden sich dual Studierende unabhängig von ihremStudienmodell in einem besonderen Ausbildungsverhältnisnach §§ 5, 96-98, 99 BetrVG. § 5 BetrVG definiert die dualStudierenden als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Sinneder Betriebsverfassung. Diese setzt für eine Berufsausbildungin Verbindung mit der Arbeitnehmerschaft lediglich einenprivatrechtlichen Vertrag voraus, dessen Gegenstand eineAusbildung ist. Dabei sind die Beschäftigten dem Weisungsrechtder Ausbildenden im Bezug auf den Inhalt, die Zeit und den Ortder Tätigkeit unterworfen. Diese Bedingung ist in den Verträgenzwischen dual Studierenden und dem Betrieb gegeben. Demzufolgesprechen alle Umstände für eine persönliche Abhängigkeit der dualStudierenden und das Vorliegen eines Arbeitsverhältnisses im Sinnedes BetrVG.78 79


Teil 3 Rechtliche RahmenbedingungenGestaltung des dualen Studiums im BetriebDie rechtliche Grundlage für die Eingabe aller Anregungen seitensder dual Studierenden und der JAV als ihrer Vertretung in dieVerhandlungen mit dem Arbeitgeber sind für den Betriebsrat die§§ 96-98 BetrVG zur Förderung, Einrichtung und Durchführungbetrieblicher Bildungsmaßnahmen. Auf Basis dieser Paragrafen kannder Betriebsrat konkrete Beteiligungsrechte nutzen und das dualeStudium im Betrieb aktiv gestalten. Nach §§ 96-98 BetrVG hat derBetriebsrat folgende Rechte der Mitgestaltung:Förderung der Berufsbildung (§ 96 BetrVG)§ 96 BetrVG (Auszug)(1) Arbeitgeber und Betriebsrat haben im Rahmen derbetrieblichen Personalplanung und in Zusammenarbeit mit denfür die Berufsbildung und den für die Förderung der Berufsbildungzuständigen Stellen die Berufsbildung der Arbeitnehmer zufördern. Der Arbeitgeber hat auf Verlangen des Betriebsratsden Berufsbildungsbedarf zu ermitteln und mit ihm Fragen derBerufsbildung der Arbeitnehmer des Betriebs zu beraten. Hierzu kannder Betriebsrat Vorschläge machen.Der Betriebsrat kann frühzeitig aktiv werden, indem er mit derAusbildungs- und der Personalleitung klärt, welche Entwicklungenin den nächsten Jahren im Ausbildungsbereich geplant sind und obes bereits konkrete Vorstellungen vonseiten des Arbeitgebers gibt.Zugleich kann der Betriebsrat durch die Ermittlung des tatsächlichenBildungsbedarfs (IST-Analyse vs. Soll-Konzept) und des betrieblichenBildungsinteresses der Beschäftigten die Pläne des Arbeitgebersdiskutieren und ggf. Alternativen aufzeigen.Bei der Ermittlung des Berufsbildungsbedarfs kann der Betriebsratbetriebliche Auskunftspersonen (§ 80 Abs. 2 Satz 3 BetrVG) oderSachverständige (§ 80 Abs. 3 BetrVG) hinzuziehen.Durch eine gemeinsame Zukunftsplanung kann der Betriebsrat bereitsbei der Planung, Errichtung und Ausstattung des dualen Studiums imBetrieb seine Mitsprache- und Gestaltungsmöglichkeiten ausnutzen,z. B. was Modell des Studiengangs, Bedarf an dual Studierendenoder Kooperationsmöglichkeiten mit Hochschulen und bestehendenStudiengängen betrifft.Denn wenn der Betriebsrat frühzeitig mitwirkt, kann er schon imVorfeld die Qualität der geplanten Maßnahmen beeinflussen.Quelle: Bundesministerium der Justiz§ 96 BetrVG bindet den Betriebsrat in die Förderung der Berufsbildungein. Der Arbeitgeber muss den Betriebsrat auf Verlangen an derBeratung aller Fragen der Berufsbildung und so auch des zukünftigenBildungsbedarfs beteiligen.80 81


Teil 3 Rechtliche RahmenbedingungenEinrichtungen und Maßnahmen der Berufsbildung (§ 97 BetrVG)§ 97 BetrVG(1) Der Arbeitgeber hat mit dem Betriebsrat über die Errichtungund Ausstattung betrieblicher Einrichtungen zur Berufsbildung,die Einführung betrieblicher Berufsbildungsmaßnahmen und dieTeilnahme an außerbetrieblichen Berufsbildungsmaßnahmen zuberaten.(2) Hat der Arbeitgeber Maßnahmen geplant oder durchgeführt, diedazu führen, dass sich die Tätigkeit der betroffenen Arbeitnehmerändert und ihre beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten zur Erfüllen[sic] ihrer Aufgaben nicht mehr ausreichen, so hat der Betriebsratbei der Einführung von Maßnahmen der betrieblichen Berufsbildungmitzubestimmen. Kommt eine Einigung nicht zustande, so entscheidetdie Einigungsstelle. Der Spruch der Einigungsstelle ersetzt dieEinigung zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat.Quelle: Bundesministerium der JustizDer Arbeitgeber muss sich mit dem Betriebsrat über die Einführungund Ausstattung betrieblicher Berufsbildungsmaßnahmen beraten.Dabei hat der Betriebsrat – so auch bei der Einführung dualerStudiengänge – ein Mitbestimmungsrecht.Wenn es konkret wird, geht es um die Auswahl der Hochschule undder Studiengänge, bzw. ob sie erst eingerichtet werden müssen sowieum die Ausgestaltung eines Kooperationsvertrags, der Praxisphasenund des betrieblichen Ausbildungsplans. Zudem stellt sich hier dieFrage nach den konkreten Einsatzfeldern der dual Studierenden undihrer Perspektiven im Betrieb nach Abschluss des Studiums. Dabeimuss der Betriebsrat berücksichtigen, dass sich die betrieblichenZielfunktionen von dual Studierenden – vor allem mit Blick auf die82 83


Teil 3 Rechtliche Rahmenbedingungenbetrieblichen Aufstiegswege im gewerblichen Bereich – nicht mit denender Auszubildenden überschneiden. Denn dies könnte zur Verdrängungder Berufsausbildung zugunsten des dualen Studiums führen.Durchführung betrieblicher Bildungsmaßnahmen (§ 98 BetrVG)§ 98 BetrVG (Auszug)(1) Der Betriebsrat hat bei der Durchführung von Maßnahmen derbetrieblichen Berufsbildung mitzubestimmen.(2) Der Betriebsrat kann der Bestellung einer mit der Durchführungder betrieblichen Berufsbildung beauftragten Person widersprechenoder ihre Abberufung verlangen, wenn diese die persönliche oderfachliche, insbesondere die berufs- und arbeitspädagogische Eignungim Sinne des Berufsbildungsgesetzes nicht besitzt oder ihre Aufgabenvernachlässigt.(3) Führt der Arbeitgeber betriebliche Maßnahmen der Berufsbildungdurch oder stellt er für außerbetriebliche Maßnahmen derBerufsbildung Arbeitnehmer frei oder trägt er die durch die Teilnahmevon Arbeitnehmern an solchen Maßnahmen entstehenden Kosten ganzoder teilweise, so kann der Betriebsrat Vorschläge für die Teilnahmevon Arbeitnehmern oder Gruppen von Arbeitnehmern des Betriebs andiesen Maßnahmen der beruflichen Bildung machen.Quelle: Bundesministerium der Justiz§ 98 BetrVG richtet an den Betriebsrat den Auftrag, umfassend beider Durchführung von Maßnahmen der beruflichen Bildung im Betriebmitzuwirken.Das Spektrum der Gestaltungsmöglichkeiten ist gewaltig. Dazu sollteder Betriebsrat den Kooperationsvertrag mit der Hochschule und dasModulhandbuch des Studiengangs genau kennen und verstehen. DerBetriebsrat hat Mitbestimmungsrechte zum Beispiel bei:■ der Erstellung und Kontrolle des betrieblichen Praxisplans,■ der Erstellung eines betrieblichen Versetzungsplans,■ der inhaltlichen Abstimmung mit den Ausbildungsinhalten an derHochschule,■ der Auswahl geeigneter Projekte und Ausbildungsformen,■ der Vermittlung und praktischen Vertiefung vonAusbildungsinhalten wie Aufgaben des Betriebsrats und der JAV,■ der ausreichenden Bereitstellung von Lehr- und Lernmitteln,Lehr- und Lernmethoden,■ dem Medieneinsatz oder■ der Einigungsstelle bei Nicht-Einigung.Der Betriebsrat beeinflusst die Qualität des betrieblichen Teils desdualen Studiums nach § 98 Abs. 2 BetrVG auch über die Bestellungund Abberufung von Ausbilderinnen und Ausbildern. Auch die JAVkann indirekt durch eigene Beschlussfassung über den Betriebsrat aufdie Bestellung und Abberufung des Ausbildungspersonals Einflussnehmen.Die Mitbestimmungsfunktion des Betriebsrats bei der Durchführungbetrieblicher Bildungsmaßnahmen erstreckt sich gemäß § 94 Abs. 2BetrVG auch auf die Aufstellung allgemeiner Beurteilungsgrundsätze.So soll sich ein System zur Evaluation der Ausbildungsqualität an denPrinzipien der Förderung, der Ursachenanalyse (bei „Schwächen“)und der Verantwortlichkeit der Ausbildenden orientieren.84 85


Teil 3 Rechtliche RahmenbedingungenGestaltung der RahmenbedingungenÜber die Mitbestimmung bei der Förderung, Einrichtung undDurchführung betrieblicher Bildungsmaßnahmen hinaushaben der Betriebsrat und die JAV vielfältige Möglichkeiten, dieAusbildungsinteressen von dual Studierenden wahrzunehmen unddabei die Rahmenbedingungen des dualen Studiums im Betrieb zugestalten. So lassen sich die Mitsprache- und Mitwirkungsrechte desBetriebsrats hinsichtlich der Beschäftigten auf die dual Studierendenübertragen. Der Betriebsrat kann die Rahmenbedingungen des dualenStudiums im Betrieb beeinflussen, indem er zum Beispiel folgendeGestaltungsmöglichkeiten nutzt:■ Mitbestimmungsrechte bei Beginn und Ende der täglichenArbeitszeiten nach § 87 BetrVG,■ Mitbestimmungsrechte bei Zeit, Ort und Art der Auszahlung vonArbeitsentgelten sowie Aufstellung allgemeinerUrlaubsgrundsätze,■ Mitbestimmung bei der Aufstellung von Richtlinien über diepersonelle Auswahl bei Einstellungen nach § 95 BetrVG,■ Mitbestimmung bei Einstellung, Eingruppierung, Umgruppierungund Versetzung nach § 99 Abs. 1 BetrVG und■ Mitbestimmung bei Kündigungen nach § 102 BetrVG.Bei diesen und vielen anderen Themen kann der Betriebsrat Einflussnehmen, z. B. indem er Betriebsvereinbarungen durchsetzt.86 87


Teil 3 Rechtliche Rahmenbedingungen5. Steuerrechtliche BehandlungDual Studierende sind Auszubildende, aber nicht im Sinne desGeldleistungen des Betriebs an die dual Studierenden werden wieEinkommen aus unselbstständiger Arbeit behandelt und müssennach Einkommenssteuergesetz (§ 2 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 EStG)versteuert werden.Bei anfallenden Studiengebühren sind die Regelungen knifflig. Zwarwird bei der Übernahme der Studiengebühren durch den Arbeitgeberseitens des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) „steuerrechtlichkein Vorteil mit Arbeitslohncharakter“ angenommen, da „im Rahmeneines Ausbildungsdienstverhältnisses …“ „… ein ganz überwiegendeigenbetriebliches Interesse des Arbeitgebers unterstellt“ wird.Jedoch gilt das nur für eine von zwei denkbaren vertraglichenKonstellationen uneingeschränkt und ohne den zwingenden Einbaueiner Rückzahlungsklausel in den Arbeitsvertrag. Entscheidend ist,wer als Schuldner der Studiengebühren bestimmt ist. 1Arbeitgeber als Schuldner der StudiengebührenWenn der Arbeitgeber Schuldner der Studiengebühr ist, erfolgt dasduale Studium ganz überwiegend im eigenbetrieblichen Interessedes Arbeitgebers, es entsteht steuerrechtlich kein Vorteil mitArbeitslohncharakter. Damit sind auch die Studiengebühren, die derArbeitgeber aufgrund seiner Vereinbarung mit der Hochschule alsunmittelbarer Schuldner übernimmt, kein Arbeitslohn.1 Siehe hierzu das Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen vom 13.April 2012 „Lohnsteuerliche Behandlung der Übernahme von Studiengebühren fürein berufsbegleitendes Studium durch den Arbeitgeber“, Geschäftszeichen IV C5-S2332/07/0001.Abrufbar über die Suchmaske auf der Webseite des BMF.Betriebsräte sollten unbedingt durchsetzen, dass im Ausbildungsbzw.Arbeitsvertrag zwischen Arbeitgeber und dual Studierenden derArbeitgeber Schuldner der Studiengebühren ist. Denn nur so kannvermieden werden, dass in den Vertrag eine Rückzahlungsklausel –für den Fall, dass das Unternehmen innerhalb von zwei Jahren nachAbschluss des dualen Studiums auf eigenen Wunsch verlassen wird– eingebaut werden muss.Dual Studierende als Schuldner der StudiengebührenBei diesem Modell sind die Studiengebühren nur steuerfrei,wenn sich der Arbeitgeber erstens vertraglich verpflichtet,die Studiengebühren zu übernehmen und zweitens zurDokumentation seines überwiegend eigenbetrieblichen InteressesRückzahlungsverpflichtungen mit den dual Studierenden abschließt.Diese greifen, wenn das Unternehmen innerhalb von zwei Jahrennach Abschluss des dualen Studiums auf eigenen Wunsch verlassenwird. Zwar weist das BMF darauf hin, dass die abgeschlosseneRückzahlungsverpflichtung nach arbeitsrechtlichen Grundsätzenhinfällig sein kann, wenn das Unternehmen zwar auf eigenenWunsch verlassen wird, der Grund dafür aber in die Verantwortungoder Risikosphäre des Arbeitgebers fällt – z. B., wenn der vertraglichzugesagte Arbeitsort entfällt, weil der Standort geschlossen wird.Betriebsräte sollten aber trotzdem darauf achten, dass immer derArbeitgeber als Schuldner der Studiengebühren auftritt, weil nurso die für Gewerkschaften abzulehnende Rückzahlungsklauselumgangen werden kann.88 89


Teil 3 Rechtliche Rahmenbedingungen6. Sozialversicherungsrechtliche BehandlungSonderfall ausbildungsintegrierendes duales StudiumBeim ausbildungsintegrierenden dualen Studium ist für den Zeitraumbis zum Abschluss der IHK-Prüfung § 12 BBiG zu berücksichtigen,wonach Auszubildende für die Zeit nach ihrer Berufsausbildung nichtin der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit beschränkt werden dürfen,es sei denn, sie verpflichten sich innerhalb der letzten sechs Monatedes Berufsausbildungsverhältnisses dazu, nach dessen Beendigungmit dem Ausbildungsbetrieb ein Beschäftigungsverhältniseinzugehen. Hierdurch lässt sich eine Rückzahlungsverpflichtung– falls doch im Vertrag eingebaut – für den Studienabschnitt bis zurIHK-Prüfung ausschließen.Praxis bei StudiengebührenIn der Praxis schließt nur ein Teil der Betriebe, die dieStudiengebühren übernehmen, mit den dual StudierendenRückzahlungsverpflichtungen ab. Zudem raten mancheArbeitgeberverbände ihren Mitgliedern davon ab, etwaigeRückzahlungsklauseln anzuwenden, zumal sich darausfolgende arbeitsrechtliche Prozesse unter Studieninteressiertenherumsprechen und die Attraktivität des Arbeitgebers empfindlichbeeinflussen könnten.Auf der anderen Seite gibt es aber auch Hochschulen, dieihre Kooperationspartner vertraglich verpflichten, in dieAusbildungsverträge zur beruflichen Erstausbildung keineRückzahlungsklauseln einzubauen. Im Gegenzug sollen die Verträgeauch keine Übernahmeverpflichtung nach Abschluss des dualenStudiums enthalten.Seit 1. Januar 2012 sind dual Studierende sozialversicherungsrechtlichden Auszubildenden gleichgestellt. Damit unterliegen sie für diegesamte Studiendauer der Sozialversicherungspflicht in der Kranken-,Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung (§ 25, 1 SGB III, § 5, 4aSGB V, § 1 SGB VI).7. ArbeitsschutzrechtDie dual Studierenden werden in den Praxisphasen in den Betriebeingegliedert. Entsprechend gelten für sie unabhängig von dervertraglichen Gestaltung alle Arbeitsschutzbestimmungen. Zuständigfür die dual Studierenden sind wie für alle anderen Beschäftigten dieFachkräfte für Arbeitssicherheit.8. SchwerbehindertenrechtIm Rahmen der Beschäftigungspflicht von schwerbehindertenArbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern werden bei der Ermittlung derAnzahl der Arbeitsplätze (§ 73 Abs. 1 SGB IX) dual Studierende nichtberücksichtigt (§ 74 Abs. 1 SGB IX).9. Zuständigkeit der GerichteFür Rechtsstreitigkeiten zwischen dual Studierenden und Betrieb sind,sofern ein eigenes Vertragsverhältnis mit dem Betrieb vorliegt, dieArbeitsgerichte zuständig. Streitigkeiten zwischen der Hochschuleund dual Studierenden fallen in der Regel in die Zuständigkeit derVerwaltungsgerichte.90 91


■ Checklisten■ Stichwortverzeichnis■ Hilfreiche AdressenAnhang92 93


Checkliste 1:Einführung eines dualen StudiengangsAbstimmung des Betriebsrats mit dem Arbeitgeber bei der Planung der Kooperation■ Wer sind die Gesprächspartner für Beratung über die Einführung(Ausbildungsleitung/Personalleitung)?■ Welcher Studiengang ist geplant?■ Welche Hochschule wird Kooperationspartner?■ Ist ein Studiengang vorhanden oder einzurichten?■ Welche Konsequenzen hat die Einführung des dualen Studiums fürAusbildung und Aufstiegswege?■ Wo sollen die dual Studierenden in den Praxisphasen eingesetzt werden?■ In welche Bereiche/Funktionen ist die Übernahme der dual Studierendennach Studienende geplant?Einführung eines dualen Studiengangs■ Ist das Niveau der fachlichen Betreuung sichergestellt?■ Ist das Niveau der Praxisphasen sichergestellt?■ Sind die gesetzlichen Voraussetzungen für Ausbildungsbetriebe (§ 27 ffBBiG) erfüllt?■ Sind die Anforderungen an die betriebliche Ausstattung erfüllt?■ Besteht Bereitschaft zur Freistellung der Studierenden für das Studium?Hat die Studiengangleitung der Hochschule die betrieblichen Rahmenbedingungenüberprüft?■ Kann der Betrieb die Studieninhalte in der Praxis abbilden?Mitwirkung des Betriebsrats bei der Organisation des Studiengangs undAbstimmung von Theorie- und Praxisphasen■ Ist der Betriebsrat bei der Festlegung von Fach- und Studienbereichen beteiligt?■ Wirkt der Betriebsrat bei der Erstellung des betrieblichenAusbildungsplans mit?■ Hat der Betriebsrat Mitsprache bei Auswahl von Ausbilderinnen und Ausbildern?Wurde der Rahmen des Studiengangs zwischen Hochschule und Betrieb vereinbart?■ Wie ist der Rhythmus von Theorie- und Praxisphasen?■ Welche Lernplattformen sollen eingesetzt werden?■ Wem obliegt die fachliche Verantwortung für Studierende in denPraxisphasen?Hat der Betriebsrat sich das Modulhandbuch erläutern lassen?■ Dauer des Studiengangs■ Anzahl der zu erwerbenden ECTS-Punkte■ Prüfungsformen■ Voraussetzungen■ Lerninhalte■ Lernmethoden und Lernergebnisse■ Arbeitsaufwand■ Literatur■ Modulverantwortliche der Module eines Studiengangs■ Kompetenzziele■ Mögliche Nachfolgemodule■ Verknüpfung der Theorie- und Praxisphasen■ Brückenseminare als StudienteileRegelung der Kooperation zwischen Betrieb und Hochschule■ Form der Kooperationsvereinbarung mündlich/schriftlich?■ Benennung des Studiengangs■ Art und Anzahl der Studienplätze■ Ziel der Kooperation■ Gestaltung des Auswahlverfahrens■ Vertragspflichten der Hochschule■ Vertragspflichten des Betriebs■ Rechte und Pflichten der Studierenden■ Laufzeit des Vertrags■ Studiengebühren■ Akkreditierung und Bewertung der Praxisphasen■ Gestaltung des betrieblichen Ausbildungsplans94 95


Checkliste 2:Regelungsbedarf im BetriebAllgemeine Übersicht■ Studienform: ausbildungsintegrierend/praxisintegrierend■ Studienorganisation: Rotationsmodell/Blockmodell■ Räumliche Entfernung zwischen Betrieb und Hochschule■ Anzahl der dual Studierenden■ Beschäftigungsdauer in Monaten■ Wochenarbeitszeit in StundenBegleitung des Auswahlverfahrens■ Festlegung der Auswahlkriterien■ Anwendung der Auswahlkriterien■ Anhörung des Betriebsrats bei EinstellungTarifvertrag■ Aushandeln eines Tarifvertrags■ Anwendung Tarifvertrag■ Vergütung von Mehrarbeit■ ZeitkontenAnwendung tariflicher und betrieblicher Regelungen zum Urlaub■ Anzahl Urlaubstage■ Höhe des zusätzlichen UrlaubsgeldsAnwendung Tarifvertrag betriebliche Sonderzahlungen■ Höhe der Jahresleistungen, betrieblicher Bonus etc.Anwendung Entgelt-TVe/Auszahlung bei TariferhöhungenBetriebsverfassungsgesetz■ Besteht eine Betriebsvereinbarung über die Arbeitsbedingungen?■ Welche Betriebsvereinbarung wird angewendet?■ Nimmt der Betriebsrat Einfluss auf die Ausbildung?■ Ist die Ausbildungsqualität Thema im Bildungsausschuss?■ Besteht ein Ausbildungsplan?■ Wurden Verantwortliche für die Ausbildung benannt?Diverse Leistungen■ Wohngeld■ Umzugsgeld■ Fahrkostenunterstützung■ Büchergeld/Lernmittel■ Kopiergeld■ Bereitstellung von Arbeitsmaterialien (Laptop etc.)■ Übernahme von anfallenden Gebühren■ Vermögenswirksame LeistungenBetriebliche Weiterbildungsangebote■ Sprachkurse■ Auslandsaufenthalte■ Seminare■ Werksbegehungen/-besichtigungenRegelungen zum Studienabschluss/Berufseinstieg■ Übernahme befristet/unbefristet■ Konkrete Einstiegsfunktionen■ Eingruppierung nach der Übernahme■ Unterstützung bei Masterprogrammen96 97


Checkliste 3:Qualität des dualen StudiumsRahmenbedingungen■ Ist der Studiengang akkreditiert?■ Wie sind die betrieblichen Praxisphasen akkreditiert worden?■ Besteht ein Ausbildungsverbund?■ Hat der Betriebsrat vom Arbeitgeber eine Übersicht der aktuellenAusbildungsplatzzahlen erhalten?■ Hat der Betriebsrat vom Arbeitgeber eine Ausbildungsübersicht erhalten?■ Hat der Betriebsrat vom Arbeitgeber die fachspezifischen und evtl. auchpersonenspezifischen Ausbildungspläne erhalten?■ Welche Dokumente erhalten die dual Studierenden beiVertragsniederschrift über den Ausbildungsvertrag hinaus?■ Besteht die Möglichkeit, die IHK-Prüfung extern zu absolvieren(praxisintegrierendes Studium)?Auswahl der Ausbildungsverantwortlichen■ Welche Grundsätze der persönlichen Eignung von Ausbildungspersonalsind mit dem Arbeitgeber vereinbart?■ Welche Grundsätze der fachlichen Eignung von Ausbildungspersonal sindmit dem Arbeitgeber vereinbart?■ Entspricht die fachliche Eignung der Ausbildungsleitung denEmpfehlungen der zuständigen Ministerien?■ Hat der Betriebsrat eine Übersicht der mit der Ausbildung Beauftragtenerhalten?Mitwirkung bei der Durchführung■ Wie viele dual Studierende bilden die mit der Ausbildung Beauftragtentatsächlich aus?■ Welche konkreten Ausbildungsmittel werden in welcher Anzahl den dualStudierenden zur Verfügung gestellt?■ Werden die dual Studierenden über den Ablauf ihrer betrieblichenPraxisphasen hinreichend und rechtzeitig informiert?■ Dienen die tatsächlichen Ausbildungstätigkeiten in den Abteilungen demAusbildungsziel?■ Welche Zielvereinbarungen bzw. Beurteilungssysteme existieren für diedual Studierenden?■ Erfassen die betrieblichen Arbeitszeitmodelle die dual Studierenden undnehmen sie Rücksicht auf ihre besondere Ausbildungssituation, z. B. diePhase zur Anfertigung der Bachelorarbeit?Rückkopplung mit der Hochschule■ Begutachten die Lehrenden und die Studiengangverantwortlichen dieArbeitsergebnisse der Praxisphasen?■ Gibt es regelmäßige Audits zur Überwachung der Eignung derAusbildungsstätte durch die Hochschule?■ Ist die Mitwirkung des Betriebs in den Gremien oder Beiräten derHochschule vorgesehen?98 99


Checkliste 4:Ansprache von dual StudierendenAuswahl der Akteure■ Bestehen Vorbehalte gegenüber dual Studierenden, die sich im Vorfeldausräumen lassen?■ Wer in JAV/Betriebsrat hat konkrete Kenntnisse über das duale Studium?■ Wer kann sich in die Mentalität und die Situation dual Studierendereinfühlen (etwa aufgrund eines eigenen Studiums)?■ Wer in JAV/Betriebsrat hat zielgruppengerechte Erfahrungen zum ThemaMitbestimmung?■ Sollen Betriebsräte in betrieblichen Leitungs- oder Führungspositionen(Betriebsratsvorsitz, Abteilungsleitung, Aufsichtsrat usw.) einbezogenwerden?■ Sollen Referentinnen und Referenten aus der Bezirksleitung einbezogenwerden?■ Wer holt die dual Studierenden ab (JAV, Betriebsrat, Vertrauensleute)?Form der Ansprache■ Welche Begrüßungsformeln werden verwandt?■ Soll das kollegiale „du“ eingangs erläutert werden?■ Soll das duale Studium im Betrieb als „Ausbildung“ bezeichnet werden,die Studierenden als „Azubis“?Programmpunkte■ Kennenlernen■ Referate■ Filme, Musik etc.■ Gemeinsames Essen■ Diskussion■ Spaß haben!Anlass und Organisation des Erstkontakts■ Findet der Erstkontakt zielgruppenspezifisch oder gemeinsam mit allenneuen Auszubildenden statt?■ Soll der Kontakt bereits vor dem eigentlichen Ausbildungsbeginnhergestellt werden?■ Welcher Rahmen kann geschaffen werden (z. B. Biergarten, Party,Stammtisch, Exkursion, Betriebsbegehung, besondere Veranstaltung)?■ Soll der Erstkontakt in einer Begrüßungsrunde im JAV-/Betriebsratsbürostattfinden?■ Wie werden die dual Studierenden eingeladen (z. B. per Post mit Bitte umZu-/Absage per E-Mail)?■ Welche Referentinnen und Referenten können welche Themen kompetentvorstellen?■ Wie lange soll das Treffen dauern?Auswahl an Themen■ Standardinformationen über Mitbestimmung und gelebte Demokratie imBetrieb■ Ist gewerkschaftliches Engagement ein Karrierekiller?■ Persönliche Chancen der Mitbestimmung (für eigene und kollektiveInteressen einstehen, soziale Kompetenz schulen, Networking …)■ Möglichkeiten der Mitwirkung, Studiengang-/Jahrgangvertretung, aktivesund passives Wahlrecht■ Wünsche, Befürchtungen und Herausforderungen der dual Studierenden■ Zielgruppenspezifisch errungene Erfolge und anstehende Problemedarstellen■ Neuanfängerwerbung: Angebote von JAV/Betriebsrat und des Bezirks,Vorteile im Betrieb durch Mitgliedschaft, Leistungen der Gewerkschaft■ Möglichkeiten, um in Kontakt zu bleiben (Vereinbarung künftiger Treffen,Besuch in der Hochschule durch JAV)100 101


StichwortverzeichnisErläuterungen:1. Fett gesetzte Ziffern weisen aufeine ausführliche Erläuterung desBegriffs im jeweiligen Kapitel hin.2. Das Kürzel „C“ steht für Checkliste.Ein mit C-2 angegebener Begrifffindet sich in Checkliste 2.Abberufung von Ausbildern 3.4Akkreditierung 1.3Akkreditierungsverfahren 1.2Anspruchsdenken 2.3Anwesenheitspflicht 2.4Arbeitsbelastung → Workload1.2, 2.1Arbeitslosenversicherung 3.6Arbeitsmaterialien C-2Arbeitsrechtliche Regelungen 3.2Arbeitsschutzbestimmungen 3.7Arbeitsschutzrecht 3.7Arbeitszeit 1.3, 3.4Assessment → Bewerbungsverfahren2.3Ausbildungsintegrierendes dualesStudium 1.1, 3.1, 3.2, 3.5, C-2Ausbildungsplan 1.3, 3.2, C-1, C-2Ausbildungsvertrag 1.3, 3.1Auslandsaufenthalte C-2Bachelorstudium 1.2, 2.1Bachelorvertrag 1.3Bedarf an dual Studierenden 3.4Berufsbegleitendes Studium 1.1Berufsintegrierendes duales Studium1.1Berufsschule 1.1, 2.1, 2.1Beschwerderecht 3.3Bestellung von Ausbildern 3.4Betrieblicher → Bonus C-2Betriebsverfassungsgesetz1.3, 3, 3.2, 3.3, 3.4Bewerbungsverfahren 2.3Bildungsbedarf 3.4Bildungsmaßnahmen 1.3, 2.3, 3.4Blockmodell 1.2Bonus → Jahresleistung C-2Brückenseminar 1.3Büchergeld C-2Curriculum → Studienordnung 1.2DHBW → Duale Hochschule Baden-Württemberg 2.1, 2.4, 2.5Druck 2.1Duales Studium 1.1Durchführung des Studiengangs 1.3ECTS-Punkte 1.2, 1.3, 2.1, C-2Eigenbetriebliches Interesse 3.5Eingruppierung 2.1, 3.3, C-2Einigungsstelle 3.4Einsatzfelder 3.4Einschreibung → Immatrikulation1, 2.5Einstellungen 3.4, C-2Einstiegsfunktionen 2.2, 2.3Entgeltregelung → Eingruppierung2.1, 3.4, C-2Fahrkostenunterstützung C-2Finanzierung des Studiengangs 1.3Finanzzuweisungen 1.3Förderung der Berufsbildung 3.4Führungskräfte 2.3Führungsverantwortung 2.3, 2.5Gebühren 1.3, 2.1, 3.4, C-1, C-2IHK-Abschluss 3.1, 3.2IHK-Prüfung 1.1, 3.5Immatrikulation → Einschreibung1, 2.5Individuelle arbeitsrechtlicheRegelungen 3.2Inhaltliche Abstimmung → Verzahnung1.3, 3.4Jahresbeitrag 1.3Jahresleistung → Bonus C-2Konzipierung der Studiengänge1.3, C-1Kooperation Betrieb - Hochschule1.3, C-1Kooperationsvereinbarung 1.3, 3.4Kooperationsvertrag 1.3, C-1Koordinierungsgespräch 1.3Kopiergeld C-2Krankenversicherung 3.6Kreditpunkte → ECTS-Punkte1.2, 1.3, 2.1, C-2Kündigung 2.1, 3.4Leistungsdruck → Druck 2.1Lernorte 1.2, 1.3, 2.1. 3.1Masterprogramm 2.2, C-2Masterstudium 1.2Medieneinsatz 3.4Mitwirkungsrechte 3.4Mobilitätszuschuss 2.5Modelle des Studiums 1.1Modulhandbuch 1.3, 3.4, C-3Organisation des Studiums 1.2Personalakte 3.3102 103


Personalentwicklung 2.3Personelle Auswahl → Einstellungen3.4, C-2Pflegeversicherung 3.6Präsenzphase 2.1, 2.5Praxisintegrierendes duales Studium1.1, 3.1, 3.2Praxisphasen1.1, 1.2, 1.3, 2.1, 3.1, 3.4, 3.7, C-1,2,3Privatrechtlicher Vertrag 3.4Punktesystem → ECTS-Punkte1.2, 1.3, 2.1, C-2Rahmenbedingungen für Kooperation1.3, C-1Rechtsstreitigkeiten 3.9Rentenversicherung 3.6Rotationsmodell 1.2, 2.1, C-1Rückzahlungsklausel 3.5Rückzahlungsverpflichtung 3.5Schwerbehindertenrecht 3.8Selbststudium 2.1Semester 2.1, 2.3Semesterbeitrag → Gebühren 1.3Semesterferien → vorlesungsfreie Zeit2.1Seminare 1.3, 2.2, 2.5, C-1, C-2SGB 3.6, 3.7, 3.8Sonderurlaub → Urlaub 2.1Sonderzahlungen C-2Sozialversicherungspflicht 2.4, 3.6Sozialversicherungsrecht 3.6Sprachkurse 2.5, C-2Stress → Druck 2.1Steuerrecht 3.5Studiengang 1.3Studiengangkonzept 1.2Studiengangleitung 1.3, C-1Studiengebühr → Gebühren1.3, 2.1, 2.4, 3.5, C-1Studienleistung 1.2, 1.3StudiumPlus 1.2Stundenplan 2.1Tariflicher → Sonderurlaub 2.1Tarifvertrag 2.1, 2.5, 3.2, C-2Teilnahmerecht 3.3Übernahme nach Abschluss desStudiums 2.2, 2.5, 3.3Übernahme von anfallenden Gebühren2.2Übernahmeverpflichtung 3.5Umgruppierung 3.4Umzugsgeld 2.2, C-2Urlaub 2.1Urlaubsgrundsätze 3.4Urlaubstage 2.1, 2.5, C-2Verdrängung der Berufsausbildung2.3, 3.4Vermögenswirksame Leistungen C-2Versetzung 3.4Verwaltungsgebühr → Gebühren 1.3Verzahnung 1.3, 3.4vorgeschaltete Ausbildung 1.2Vorlesung 1.3, 2.4vorlesungsfreie Zeit 1.2Vorschlagsrecht 3.4Weihnachtsgeld C-2Weisungsrecht 3.4Weiterbildungsangebote 2.2, C-2Werksbegehungen 2.5, C-2, C-4Wohngeld 2.2, C-2Wohnorte 2.1Workload→ Arbeitsbelastung 1.2, 2.1Zeitmangel 2.1, 2.5Zugangsvoraussetzungen 1Zusätzliches Urlaubsgeld C-2Zuständigkeit für → Rechtsstreitigkeiten3.9104 105


Hilfreiche AdressenIG MetallWebsite des Hochschulinformationsbüros:Hochschulinformationsbuero.de/Ansprechpartnerin:Diana KieseckerIG Metall VorstandRessort Angestellte, IT, StudierendeE-Mail: diana.kiesecker@igmetall.deTel.: 069 6693 2308Gewerkschaftliches Gutachternetzwerk zur Gestaltung undAkkreditierung von neuen Studiengängen (GNW)Webseite des Gutachternetzwerks: gutachternetzwerk.de/Ansprechpartner bei der IG Metall:Dr. Bernd KaßebaumE-Mail: Bernd.Kassebaum@igmetall.deAnsprechpartnerin bei der IG Bergbau, Chemie, Energie:Dr. Rita WeberE-Mail: Rita.Weber@igbce.deIG Bergbau, Chemie, EnergieWebseite zum dualen Studium:igbce.de/aktive/junge-generation/Ansprechpartnerin:Jennifer ManseyIG Bergbau, Chemie, EnergieAbteilung Junge Generation/Ausbildung, Projekt Junge KompetenzE-Mail: Jennifer.Mansey@igbce.deTel.: 0511 763 1283106 107


Herausgeber:IG Metall-VorstandRessort Angestellte, IT, Studierendewww.igmetall.de, www.engineering-igmetall.deKonzeption und Redaktion: Andreas Becker, oponi PublizistikBerlin, www.oponi.dein Kooperation mit Diana Kiesecker, IG Metall Vorstandund Jennifer Mansey, IG Bergbau, Chemie, EnergieGestaltung: Andreas Becker, oponi Publizistik BerlinFotos: Titel: Matthias Enter/Fotolia.com, S. 2: AllzweckJack,S. 8: Amapolchen, S. 12: luxuz::., S. 20: kallejipp, S. 24:AllzweckJack (alle Photocase.de), S. 32: Tyler Olson/Fotolia.com, S. 44: kallejipp, S. 50: einmachglas, S. 58: cydonna,S. 62: kallejipp, S. 72: designer111, S. 78: cydonna, S. 82:AndreasF., S. 86: Mr.Blank, S. 92: zettberlin (alle Photocase.de)Druck: Druckhaus DresdenErstauflage: Dezember 2012108 Produktnummer: 25186-40849

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