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Liebe Leser,im Angesicht weltweiter Krisenszenarien, wachsendergegenseitiger Kritik von Politik und Wirtschaft, wer dieVerantwortung für welche Fehlentwicklung trägt, wollen wirwieder Personen und Unternehmen vorstellen, die vorbildhaftan der Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens und derwirtschaftlichen Entwicklung arbeiten. Sie sind die Nachdenker,Vorbilder und Mutmacher, die wir jetzt brauchen.Andreas Lukoschik hat gemeinsam mit uns Gesprächspartnerausgewählt, die mit Erfolg ihre Projekte umsetzen, ihr Leben leben.Und dies im Sinne der Gesellschaft und der Schaffung dauernderWerte. Glaubwürdig.Unser beruflicher Alltag zeigt uns, dass es viele Gedankenund Projekte gibt, die uns Mut und Hoffnung geben, weil sieauf eine qualitativ wachsende Wirtschaft und eine vernünftigeWeiterentwicklung der gesellschaftlichen Lebensgestaltunggerichtet sind. Es gibt so viele engagierte, innovative undleistungsbereite Menschen, dass uns im Grunde nicht Bangesein muss, wenn wir nur notwendige Korrekturen nicht alsWeltuntergang, sondern als normalen Gang der Dinge betrachten –also mehr Gelassenheit als Gebot der Stunde.Jede Krise bietet auch die Chance, sich auf Grundsätzlicheszu besinnen. So zum Beispiel, dass Kapital und Produktivitätzusammengehören und Wetten auf Unternehmen und Staatenverboten werden müssen. Oder dass wir den kleinen Einheitenwieder mehr Glauben schenken sollten, dem was wir politisch undwirtschaftlich überblicken können und wo Korrekturen wenigerschmerzhaft, weil begrenzter sind.Wir hoffen, dass wir wieder einen Sie interessierenden Mix ausThemen, Menschen und unterhaltsamen Texten zusammenstellenkonnten. Wir danken Andreas Lukoschik, der neugierig und offenunsere Interviewpartner für spannende und aussagekräftigeGespräche gewinnen konnte.Mit besten Grüßen,Ihr Josef NachmannKINDLER/NACHMANNHandbuch Insolvenzrecht in EuropaHerausgegeben von Prof. Dr. Peter Kindlerund Rechtsanwalt Josef NachmannDas neue deutsche Insolvenzrecht – Deutschland-Teildes Handbuchs in überarbeiteter Neuauflage.Zum 1.1.2012 wird das Gesetz zur erleichterten Sanierung vonUnternehmen (kurz: ESUG) in Kraft treten und die seit dem 1.1.1999 geltendeInsolvenzordnung erneut reformieren. Neben der Einführung eines sog.„Schutzschirmverfahrens“, in dem dem potentiellen Insolvenzschuldner dieMöglichkeit gegeben werden soll, unter Aufsicht eines vorläufigen SachwaltersSanierungsmaßnahmen einzuleiten, wird insbesondere der Einfluss derGläubiger auf die Maßgaben des Insolvenzverfahrens gestärkt. Schon beiüberschaubaren Unternehmensgrößen (mehr als 10 Mitarbeiter, mehr als2 Mio. € Jahresumsatz) soll künftig vom Insolvenzgericht ein vorläufigerGläubigerausschuss bestimmt werden, der bei der Auswahl des (vorläufigen)Insolvenzverwalters mitwirkt.Die Konkurrenzfähigkeit des „Insolvenzstandortes“ Deutschlandsoll nach den Vorstellungen des Gesetzgebers nicht nur durch daso.g. Schutzschirmverfahren, sondern auch durch eine Stärkung desInsolvenzplanverfahrens verbessert werden. Künftig wird die Eigenverwaltungdurch den Schuldner bzw. dessen Geschäftsführung die Regel werden.Erstmalig wird auch der sog. Debt-Equity-Swap als Mittel zur Stärkung derEigenkapitalbasis eines Unternehmens in einen gesetzlichen Rahmen gegossen.Neue Wege beschreitet der Gesetzgeber zudem bei der sog. Vorbefassungdes Insolvenzverwalters. War es nach der bisherigen Praxis bundesdeutscherInsolvenzgerichte noch undenkbar, dass ein Insolvenzverwalter bereits vor demInsolvenzantrag beratend oder sanierungsbegleitend für das schuldnerischeUnternehmen tätig war, so soll jetzt – wenn auch in engen Grenzen – eineVorbefassung kein Ausschlusskriterium mehr darstellen. Es bleibt abzuwarten,welche Auswirkungen diese Regelungen auf die Auswahl eines geeignetenInsolvenzverwalters haben.Diese und vorangegangene gesetzliche Änderungen wurden in demumfassend neu bearbeiteten Deutschland-Teil des Handbuchs für Insolvenzrechtin Europa berücksichtigt. Auch künftig wird damit eine kurze und prägnanteEinführung in die deutsche Insolvenzpraxis zur Verfügung gestellt.Erscheinungstermin der Ergänzungslieferung: voraussichtlich1. Quartal 2012.


my artSeite 8GüntherUecker –ein Titanin WeiSSFeld 2008, 90 x 90 cm, Nägel,Latex, Leinwand, HolzSeine Arbeiten hängen in allengroßen Museen der Welt und werdenmeist an einem Element seinerHandschrift erkannt – dem Nagel.Unser Autor Andreas Lukoschik trafihn in seinem Atelier und sprachmit ihm über Bleistift und Nagel,Versenkung und Ausdruck, Wort undBildsprache.Günther Uecker's bauchtiefeHeiterkeit der diesseitigen Weltgegenüber – bei gleichzeitiger tieferKenntnis anderer Gesetzmäßigkeitenund Zusammenhänge – hat etwas voneinem Zen-Meister. Diese Urkraft wirdimmer wieder schalkhaft erschüttertdurch sein, den ganzen Mann zumBeben bringendes Lachen. DieserMann ist trotz seiner 81 Jahre ein Bergvon einem Kerl. Und gleichzeitig derempfindsame Übergang einer anderenWelt in die unsere.? Herr Uecker, Sie haben in einemInterview gesagt: „Da, wo ich immermehr sprachfähig werde, vermindertsich meine Gestaltungsfähigkeit imBildnerischen.“ Ist das so?! In meiner Kindheit auf der Insel indem mecklenburgischen Traum war ichrecht sprachlos. Dort schaut man zumHorizont und sagt nicht so viel. Manüberlegt erst lange, was man sagt. Dannist es zu spät, es zu sagen. Und man sagtsich am nächsten Tag: „Hättste das dochmal gesagt.“ Und so geht die Zeit dahin.Das Sprechen habe ich hier im Rheinlandgelernt. Hier spricht man ja alles aus.Aber es stimmt schon. Das Sprachlichevernichtet das bildphänomenologischeDenken.Ich hab´ mich schon mit 22 Jahrenbemüht, unalphabetisch zu denken. Was ganzschwierig ist, Gedanken im Sinne alphabetischerZusammenhänge auszulöschen.Denken ist ja nicht, Buchstaben aneinanderzu reihen, sondern Erkenntnis – und Wahrnehmungspraxis!Und das Wahrgenommenedann in Sprache zu überführen, also in Buchstabenmit kausalen Zusammenhängen unddem eine semantische Bedeutung zu geben,das ist erst erlernbar mit der Zeit.Das phänomenologische Denken aber,das ja eigentlich den Philosophen zu eigenist, ist mir erst mit großer Konzentrationgelungen: für Zehntelsekunden eineWahrnehmung zu erlangen, die ohneBuchstaben und Satzbedeutungenauskommt. Das war sozusagen dieerste Hoffnung. Denn die Welt denktsich selbst. Und wir partizipieren mitunseren Synapsen in Kurzschlussformund erfahren so die Ereignisse desGeschehens.? Wenn Sie sagen „phänomenologischesDenken“, ist das dann bildhaft?! Es ist farbig und auch ausgelöscht –und erhellend. Es hat vielleicht etwas zutun mit den Versenkungspraktiken derbuddhistischen Lehre. Aber die gibt´s auchbei den christlichen Mystikern. Auf jedenFall habe ich diese Gegenwelt erfahren.Ich war von der DDR geprägt, dass allessagbar sein muss. Demzufolge stand dieseAussagbarkeit im Vordergrund und eineandere Existenz trat in den Hintergrund,wurde verschwiegen und verkümmerte.Durch diese Prägung im dialektischenMaterialismus habe ich eine Gegenweltgesucht und fing erstmal damit an, denKoran zu lesen. Da ich ja atheistischerzogen war, gab es keine herkömmlichenVorbehalte gegenüber anderen Religionen.Ich habe dann auch in der Bhagavad Gita,dem Taoismus, im großen und kleinen Boot,in der christlich-jüdischen Glaubenslehreund im Zen Vertiefungen erlebt, die es mirermöglichten, zu erfahren, dass es eineandere Seinsdimension gibt. Die ist nichtunbedingt individuell identisch mit dereigenen figurierenden Seinserfahrung,


zunehmende Verminderung des Lichts.Zunehmendes Licht ist abnehmendesDunkel – und umgekehrt.? Gibt es eine Tageszeit, in der Sieam liebsten arbeiten?! Ja, bildnerisch nach der Mittagszeitbis abends um zehn. Und vormittags eheram Schreibtisch oder im Garten.? Sie sagten einmal: „Ich wollteimmer alt werden.“! Ich wollte nicht. Ich will! Das Eigentlicheist noch nicht getan.? Ist das wichtigste Werk noch nichtgeschaffen?! Das eigentliche Werk ist das Gesamte, woim Ganzen das Einzelne erkennbar bleibt.„Das Eigentliche istnoch nicht getan.“? Kommen wir zu Ihrer Arbeitsweiseganz konkret. Ich finde, wenn man sichals Betrachter einem Werk nähert, sollteman den Arbeitsabstand des Künstlerszur Leinwand einhalten, um zu fühlen,was ihn dabei bewegt und gezwungen hat.! Jeder Schritt zurück, den der Künstlervor seinem Werk tut, ist der Abgrund. Mandarf nie vor seinem Werk zurücktreten,um eine Korrektur anzubringen. Diesesvor und zurück ist eine alte Praxis, die aufKorrekturen beruht, in dem Sinne, dass derKünstler eine bestimmte Vorstellung hat, dieer verwirklichen will und für die er dauerndseine Arbeit korrigiert. Dabei verfälscht ersich über viele Schritte hinweg. Was ja auchein interessanter Prozess ist. Gerade habeich die Willem de Kooning-Ausstellung inNew York gesehen: erschütternd, existenziellringend – er und die Malerei. Er ist der Stierund der Torero zugleich, ringend um diese„Women Faces“, dieses Zahn-orientierteLachen.? Ringen Sie auch mit der Leinwand?! Ich ringe schon mit dem Material. Eswird ja nicht nur eine Leinwand gespanntoder auf eine Holzplatte aufgebracht,sondern verwurschtelt. Es geschieht auf demflachen Boden oder hängend oder gespannt.Das Material wird so behandelt, wie manfrüher die Wäsche gewaschen hat, wo dieFrauen noch am Fluss die Wäschestückeauf den Stein geschlagen haben: dieVerlorenheit des Jüngferlichen in derAussage als Hervorbringung von Ausdruck.Da ist der Ausdruck in seiner Präsenzerfahrbar.? Hören Sie dabei Musik?! Nein, nein. Wenn Sie mich sehenkönnten, wie ich arbeite, dann würden Siedenken, wie mein Vater sagte: „Der Jungeist nicht ganz normal.“ Wenn ich arbeite,arbeite ich sehr intensiv – auch immerallein in Obsession und erwecke mich dannaus diesem Zustand, der manchmal auchder Endzustand des Bildes ist. Aber dashat etwas Manisch-Konvulsivisches. Dasgeschieht in einer großen Geschwindigkeitund ist wie eine platzende Kaugummiblase,die in die Zeit hinausplatzt. Der Atem, derin die Zeit und den großen Raum platzt. Essind ganz große Selbsterfahrungen auf denSpuren der sichtbar werdenden Erinnerung.Darin offenbart sich etwas, von dem ichsage: „Das ist also in mir.“Damit muss man ja erst mal umgehen –ohne Korrektur – und sagen: „Ah, da könnteman im Sinne einer Vorstellung von Kunstkorrigieren, was es werden soll.“Diesen Prozess sehr konzentriertdurchzuhalten, dauert Stunden, Tagemanchmal auch nur wenige Zeit. UndSpirale 2008, 90 x 90 cm,Nägel, Latex, Leinwand, Holz


Kosmisches Feuer, 2010, Pigment, Sand,Leim auf Leinwand, 300 x 300 cmPlanet - Blau, 2010/11,Pigment, Tinte, Leim aufLeinwand, 300 x 300 cmAlle Abbildungen sindcourtesy walter stormsgalerie.Günther Uecker wird seit 30 Jahrenvertreten von der walter stormsgalerie, Schellingstr. 48, 80799München. www.storms-galerie.de


das Ergebnis dann zu akzeptieren undnichts mehr daran zu ändern, DAS istdie Wahrhaftigkeit, die man entwickelnmuss, um mit sich umzugehen und darausErkenntnisse zu gewinnen. Statt immerkorrektiv zu arbeiten und zu sagen:„Das ist nicht gelungen, das muss ichwegwerfen und dann mach ich dochwieder was Neues.” Alles muss erhaltenbleiben, um es im Zusammenhang – alsoals Gesamtwerk – erkennbar zu machen.? Wann ist ein Bild oder eine Arbeitfertig?! Das ist überhaupt nicht benennbar.Es ist ein Gefühl. Das Bild-Werk isthervorgebracht und der bildnerischeAusdruck ist die Wahrnehmung für den,der davor steht und es sieht. Damit ist dasBild erst erfüllt. Wenn Sie es in den Kellerstellen und das Licht ausmachen, existiertKunst nicht. Es ist nur Augenschein.? Gibt es etwas, das Sie sichwünschen, was im Betrachter passierensollte, wenn er mit Arbeiten von Ihnenin Kommunikation tritt?! Niemals. Es ist schon schwer genug,dass ich es aushalte, was ich da gemachthabe. Und es zu akzeptieren, das ist dergrößte Schritt, den man zu sich selber tunkann.Wenn man das so konsequentmacht, ist das wahrscheinlich auchdie Faszination für den Betrachter imMuseum oder in einer Galerie. Der dannsagt: „In dieser Arbeit ist etwas enthalten,das in mir auch vorkommt, aber bishernoch nicht entdeckt war.“? Sie arbeiten ja nicht nur mit demallen Menschen bekannten Nagel,sondern auch mit vielfältigen weichenMaterialien. Ändert sich dadurch IhrZugang zu dem, was ausgedrückt wird?! Ja, ja. Viele sagen, der Uecker nageltnur. Aber eigentlich sind das wehrhafteProzesse, die eine Bildsensibilität imHintergrund verbergen. Eigentlichvergleichbar mit einem Liebesbrief inder Schule: das erste Mädchen, dem maneinen Liebesbrief schreibt und den mandann in der Tasche zusammenknülltund ihn lange mit sich herumträgt.Diese verborgenen Geheimnisse habeneine starke Wirkung. Auch über dasganze Leben hinweg. Das Verheimlichteführt zu „Heimeligkeiten“, indemman Elternverhältnisse durch Ehewiederherstellt und sich ein Sofaanschafft.„Erste Liebesbriefe an einenUnbekannten, zerrissen, über den Berggeweht und unerhalten” – das ist dieserzerrissene Wahnsinn im Kopf und derist zu benennen als eine schöpferischeQualität im bildnerischen Ausdruck.Diese innere Struktur, die den Aufbau derFiguration „Mensch“ bedeutet und seineFunktion erkennbar werden lässt, istfür mich so etwas wie ein Blick in einenSternenhimmel.Es gibt dabei aber auch Künstlervernichtungsprozesse,mit denen man gutumgehen muss, um nicht daran Schadenzu nehmen. Wenn man nicht dauerndarbeitet, kondensieren sich die manischenVerdichtungen so stark, dass sie einenvernichten und sich gegen den Künstlerselbst wenden. Also ist er darum bemüht,das zu bannen und bildhaft zu machen,was ihn so erschüttert und drängt.? Malt ES sich durch Sie, wasGestalt annehmen soll?! Das ist eigentlich besser gesagt, als iches sagen kann. Ich begreife mich schon wieein Medium. Und früher habe ich das auchgeschrieben: „Ich möchte ein Loch sein. Undalles geht durch mich hindurch, so dassnichts aufgehalten wird.“? Wenn „ES sich malt“, waskommt dann als Erstes? Der Impulsoder das Material? Wie ist IhrSchaffensprozess?! Ich arbeite bewusstlos. Ich denkenicht Bilder vor. Ich denke nicht überBilder nach.? Dennoch berücksichtigen Sieaber bestimmte ästhetische Dinge wieProportionen dabei.! Ja, das sind die erarbeiteten handschriftlichenNotationen, wie ich sie amAnfang beschrieben habe. Da habe ichmir sozusagen eine Handschrift geschaffen,die manchmal sehr plastischenAusdruck findet und manchmal einfachnur ein steuerndes Moment ist, das manwegwischen möchte, das irritiert und einstarkes Energiefeld bildet.Ab 1962 war ich beteiligt, zusammenmit Mathematikern des MIT, in New Yorkauszustellen, auch 1965 im Museum ofModern Art in „The Responsive Eye“-Exhibition – „Die Irritierung des Augesmit Hilfe optischer Mittel“. Man kann mitHilfe von Interferenzen Welterkenntnisgewinnen. Und: Man braucht nicht zusehen, wo man den Ansatz setzt.Interferenzen, also die Ringe, diesich durch ins Wasser geworfene Steinevon zwei Punkten ausgehend bilden undüberlagern, sind eine Wahrnehmung derWirklichkeit. Meine Handlung, diesebeiden Punkte anzulegen, ist nur, um dieWirklichkeit zu provozieren. Und so sindmeine Bilder auch zu verstehen.? Ins Wasser geworfene Steine?! Da wirken Interferenzen ineinanderund geben mir die Freiheit der Verfügbarkeit,was dann zum bildnerischenAusdruck führt.Da wird nicht der einzelne Punktüberlegt eingesetzt, sondern eineminnergesetzlichen Kontinuum folgend einszum anderen vermehrt. Wie wenn mandie Null und auch die digitalen Systemeverwendet, die die Grundlage bieten fürunsere heutige Kommunikation.Das ist das, was meiner Arbeitzugrunde liegt. Was ja auch in den großenBildern zu sehen ist, die jetzt bei WalterStorms in seiner Münchner Galeriegezeigt werden.? Die letzte Fragen: Was bedeutetGlück für Sie?! Haben! Glück hat man, oder nicht.Und man kann damit nie umgehen.Man kann nur überwältigt sein, wennman´s hat (lacht aus vollem Herzen).Und dann ist es wieder weg. Und dannkommt die Melancholie. Deswegen habeich mir als Kind immer gesagt: „Ganztief fallen, irgendwann gibt es danneine Gegenenergie, die dich in äußersteHöhen schleudert.“ Und so habe ichmich immer fallen lassen. Auch in dieseUnbehaglichkeit der Empfindung vorder Welt. Und dann schleudert es einenwieder daraus hervor.•N7 Günther Uecker´s Werk steht für dieKraft deutscher Künstler, am Weltmarkt mitnachhaltigem Schaffen zu bestehen.


my neighbourhoodSeite 18Fotos: Ralf KaspersIST UNSERPOLITISCHESSYSTEM AM ENDE?Eine ProvokationEr hat den Lehrstuhl fürSozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität zu Müncheninne, ist akademischer Leiter derBayerischen EliteAkademie und Leiterdes LMU-Centers for Leadershipand People Management. Das machtProf. Dr. Dieter Frey zu einem höchstkompetenten Gesprächspartner für dieaktuellen Fragen der Gegenwart. Insbesondereauch deshalb, weil er sich nichthinter beschönigenden Formulierungenversteckt, sondern Missstände beimNamen nennt.? Herr Professor Frey, ist es nichteine merkwürdige Situation, wiesich in geradezu hysterischer WeiseFinanzinstitutionen, Politik, Börseund Journalismus gegenseitig in eineAbwärtsschraube der Vernichtungwirtschaftlicher Werte hineintreibenund man sich die Frage stellen muss:Ruiniert sich gerade der Kapitalismusselbst?! In der Tat kann man erschrecken,wenn man die Medienberichte jeden Tagliest. Man erkennt in der Politik das sehrhäufige Versagen, Führung zu zeigen ebensowie wissenschaftlich-ethische Standardseinzuhalten. In der Finanzwelt regiert nachwie vor die vorhandene Gier, schneller zugroßem individuellen Reichtum zu kommen,und der Glaube, dass Geld die Welt regiert.Es hat in der Tat den Anschein, dass dieVerteilung des Geldes die zentrale Frage derMenschen ist. Materialismus und Egoismus– ich wünschte man könnte es andersnennen – scheinen die entscheidendenTriebfedern zu sein.Es gibt Gott sei Dank zwar auchnoch andere Personen, die sich jenseitsvon reinem Materialismus und reinerGier gesellschaftlich wichtigen Aufgabenzuwenden. Aber leider muss man wohlsagen: Es herrscht die Devise „Was habich davon?“, „Was bringt es mir?“, „WelcheVorteile habe ich?“ – also dieses Ich-Denken,dieses egozentrische, kurzfristige Denkengepaart mit dem Ignorieren dessen, wasdie Schwachen und die Zukunft betrifft.Und in der Tat kann man sagen: Mit diesemVerhalten ruiniert sich der Kapitalismusselbst.? Was glauben Sie, wie es weitergeht?! Ich bin nicht sehr optimistisch, dasssich vieles bessern wird. Oft brauchtIllustration: Liga Kitchen


es die Oberkatastrophen, wie zumBeispiel die Erdbebenkatastrophe inJapan, die gleichzeitig auch mit einerReaktorkatastrophe verbunden war,damit ein Umdenken einsetzt. Bei derFinanzkrise 2008 dachte man, es habe sichim Anschluss vieles verändert. De factohat es das aber nicht getan, weder anden Kontrollmechanismen noch an denMechanismen der Finanzinstitutionen.Schneller Erfolg, die Gier nach mehr, hoheund höchste Renditen, Rücksichtslosigkeit,kurzfristiges Denken herrschen vor. Unddieses wird begründet mit „Systemzwang“.? Müssen wir Bürger uns gefallenlassen, wie eine kleine Scharhöchstdotierter Angehöriger einerFinanzelite kokainrauschgleich dieGrundwerte eines funktionierendenWirtschaftslebens ruinieren?Ralf Kaspers, Frankfurter Bõrse, 2008! Die Bürger, teilweise auch die Medienund natürlich auch die Politik stehen demohnmächtig gegenüber. Wir lassen uns vomPrimat des Geldes und des Marktes zu sehrbeeinflussen. Es gibt nach wie vor keinePersonen und Institutionen, die hier Titfor-Tatsagen und handeln. Mehrere Punktekommen dabei zusammen:• Das Phänomen Too-Big-to-Fail: Wirhaben Institutionen, wie zum BeispielBanken, bei denen man sich sagt, sieseien zu groß, als dass sie untergehendürften, weil sonst das gesamte Systemzusammenbricht.• Der Lobbyismus der Banken undFinanzinstitutionen und deren Ignoranz.• Und das internationale Spiel, bei demnationale Politik und nationale Alleingängemachtlos sind.Ich wünschte, ich könnte sagen: „Die Bürgermüssen sich gar nichts gefallen lassen.“ Abersie sind hilflos. Gefragt ist die Führungin der Politik und zwar sowohl nationalwie international in Form gemeinsamenHandelns. Gefragt ist aber auch Führungan den Universitäten, wo hochrangigeWissenschaftler sich mehr positionierenmüssen. Aber von denen hört man ja, vonAusnahmen abgesehen, nichts.? Deswegen ist es ja schon mal gut,wenn Sie jetzt die Stimme erheben.! Einen Aha-Effekt hatte ich durch denBeitrag von Frank Schirrmacher in derFAZ, in dem er sagte, er glaube, dass dieLinken Recht hatten und dass die so genanntenReichen unser Wirtschaftssystemkaputtmachen (siehe ders., „Ich beginnezu glauben, dass die Linke recht hat”, in:FAZ.NET vom 15. 8. 2011). Ich glaube, daist etwas Wahres dran. Wobei ich die Lagenoch wesentlich dramatischer einschätze.Es bricht ja noch viel mehr über dasbürgerliche Lager herein.Bedenken Sie doch einmal, wie vieleKehrtwendungen in der jüngsten Vergangenheitstattgefunden haben. Die Mitgliederder bürgerlichen Schicht gingen doch bishereigentlich davon aus, dass sie die Gutensind, die nicht betrügen. Und plötzlichwurde einem Freiherrn zu Guttenberg genaudas Gegenteil nachgewiesen. Und mit ihmeinigen weiteren Vertretern des politischenLebens. Sie alle hatten sich akademischeWürden erschummelt.Ein anderes Beispiel ist die Atompolitik.Da haben die meisten Anhänger konservativerParteien über Jahrzehnte hinwegallen, die es hören wollten – oder auch nicht– vorgebetet, diese Technologie sei sicher,ohne Risiko und würde die Energiefrage fürdie Zukunft nachhaltig sichern. Und dannpassiert Fukushima und die Konservativenmüssen sich fragen, ob die Anti-Atomkraft-Aktivisten nicht doch Recht hatten.Und zum Schluss – zumindest hoffeich, dass das der Schluss ist – stellt sich dieFrage, ob der Markt wirklich alles so vielbesser regeln kann oder ob nicht doch nureinige wenige superreich werden und derMittelstand nichts davon hat, sondern in dieRöhre schaut und verarmt.? Was verstehen Sie unter dem„bürgerlichen Lager“ oder den„Konservativen“?! Konservativ bedeutet für mich, eingefestigtes Wertegerüst zu haben, von demaus man neue Entwicklungen beurteiltund im Prinzip begrüßt, sofern dieseNeuerungen in Einklang zu bringen sindmit diesem Wertegerüst. Aber da liegtaus meiner Sicht der Hase nur allzu oftim Pfeffer. Es wird zu wenig klar und zuwenig überlegt auf richtige Neuerungeneingegangen, sie durchdacht und integriert.Im Gegenteil: Erst wird zu lange im Altenverharrt und dann, wenn es gar nichtmehr anders geht, aktionistisch „gehudelt“,wie der Bayer sagt. Manchmal aber wirdauch gar nichts getan, obwohl dringenderHandlungsbedarf besteht. Das gilt vor


allem für Themen, die kompliziert sind.Dann kann das notwendige Handelnnämlich leicht im Dickicht der Fachdetailsverschleppt werden. Stichwort: Finanzkrise.Da hat sich doch nicht wirklich etwasverändert. Banken können sich auchweiterhin durch Fusionen zu systemischenMachtapparaten aufschwingen, GeschäftsundInvestmentbanken sind auch weiterhinnicht konsequent separiert und durchimmer neues, billiges Geld wird ein neuesSpekulationskarussell in Gang gesetzt. Alldas legt die Vermutung sehr nahe, dass derStaat von der Finanzelite gekapert wordenist und die altkommunistische Stamokap-Theorie in die Tat umgesetzt wird: UnterFührung einer Finanzoligarchie wird dieEndphase des Kapitalismus eingeleitet,bei dem die Gewinne privatisiert und dieVerluste sozialisiert werden. Und damitdas ungestört vonstatten gehen kann,muss der Staat seine Verbindlichkeiten ausden Steuern seiner Bürger auch weiterhinbedienen, was Zinslasten und Fälligkeitenbetrifft, die natürlich in die Finanzweltzurückfließen. Eigentlich sind wir Zeugeeines ungeheuerlichen Prozesses.? Wie konnte es dazu kommen?! Streng genommen, kann man sagen:Wenn die gesamte Elite von Politik, Wirtschaftund Wissenschaft nicht versagt hätte,wäre diese Entwicklung nicht in dieser Formentstanden. Diese Elite hat zu wenig gezeigt,dass sie sich ihrer Verantwortung bewusstist, sowohl was die Ursachenbekämpfungals auch die Entwicklung von Lösungsideenbetrifft. Aber es ist nicht allein die Elite,die versagt hat. Wir brauchen überalleinen Aufbruch – in den Schulen undUniversitäten, in Firmen, Verbänden. Wirbrauchen mehr Diskussionen über dieUrsachen und die Lösungsmöglichkeitenim Sinne von Think-Tanks. Wir müssen unsin ganz Europa fragen: Wo hat ein LandPotenzial? Wie kann es das Potenzial vonMotivation und Kreativität seiner Bürger, seinerInstitutionen, seiner Infrastruktur nochstärker ausschöpfen? Wo kann und mussman sich gegenseitig helfen? Wo brauchtman ganz simple Marschallpläne, um Regionenvoranzutreiben? Hier ist Politik alleineüberfordert. Genauso wichtig ist es, dass dieElite aus Wirtschaft und Wissenschaft nichtverstummt, sondern ihre intellektuellenBeiträge leistet. Dazu gehört vor allem auchder Bezug zu den Werten, die EuropasKultur prägen. Nämlich eine offene Gesellschaftim Sinne einer funktionierendenDemokratie sowie eine sozial-ökologischeMarktwirtschaft. Dieses ist ein hohesKulturgut, das durch die jetzige Finanz- undSchuldenkrise auf Dauer massiv bedroht ist.Es hat den Anschein, dass dieser Bezugzu den zentralen Werten Europas denEliten noch zu wenig bewusst ist. Kurzum:Leadership ist gefragt – in allen Bereichen,insbesondere in Politik, Wirtschaft undWissenschaft.Es bedarf also nicht nur des Vorbildesder politischen Führung, sondern auchder Führung aller anderen Institutionen,die glaubwürdig das Warum und Wozuvermitteln und kreative Lösungsideenimplementieren müssen.? Sie vertreten das Fach der SozialundWirtschaftspsychologie an derLudwig-Maximilians-Universität inMünchen. Welche Möglichkeiten sehenSie als Experte für eine Veränderung derVerhältnisse in dieser Zeit?! Zuerst muss der Sinn, das Wozu,politischer Maßnahmen vermitteltwerden. Dazu muss den unterschiedlichenBevölkerungsgruppen zum Beispiel inden Ländern, die jetzt für die Schuldengeradestehen, erklärt werden, warum dieRettungsmaßnahmen notwendig sind. InLändern wie Griechenland muss man denMenschen erklären, warum sie Opfer bringenund warum sie Abstriche vom Status quoRalf Kaspers,Einemilliondreihundertsechzigtausend, 2007


machen müssen. Gelingt es nicht, die WozuundWarum-Frage zu vermitteln, besteht dieGefahr, dass die Bevölkerung jeweils daseigene Land als unfair behandelt sieht.Die Europäische Union und der Eurosind kein Selbstzweck. Deshalb solltenicht nur erklärt werden, dass wir Europabrauchen, sondern auch warum wir Europaund den Euro brauchen. Bedingt durch diemangelnde Idee, was man mit Europa eigentlichanfangen will, mangelt es auch ander Zielvorstellung, wo man hin will. Dochgerade wer Änderungen und Opfer fordert,muss Sinn und eine Vision bieten.? Nun ist das Einfordern von Opfernja nicht gerade populär...! Ohne Einsparungen verbunden mitharten Einschnitten werden sich die Problemenicht lösen lassen. Wer Akzeptanz beiEinsparungen in der Bevölkerung erreichenwill, muss transportieren, dass es nachdem Fairnessprinzip zugeht. Dabei gibt esmindestens drei Arten von Fairness, nämlich• Ergebnisfairness,• prozedurale Fairness und• informationale Fairness.Es stellt sich dabei die Frage, ob alle imVerhältnis gleich viel einsparen sollen, obdie finanziell Leistungsfähigeren stärker zurKasse gebeten werden oder ob man auf sozialSchwache besondere Rücksicht nehmensoll? Es liegt in der Natur der Sache, dassdiese Ergebnisfairness am schwierigstenzu erreichen sein wird, da Einsparungenimmer schmerzliche Einschnitte für denEinzelnen bedeuten. Jeder Betroffene präferiertnatürlich jenes Verteilungsprinzip, woer am wenigsten Opfer zu bringen hat. Wieauch immer man sich entscheidet, ist eswichtig, dass der Bevölkerung die Kriterientransparent gemacht werden, nach denenOpfer gebracht werden müssen. Dabei mussdie Ursache bzw. die Kausalität und dasZiel bzw. die Finalität der Einsparungenveranschaulicht werden.Prozedurale Fairness bedeutet, dass dieKriterien offengelegt werden, warum welcheEinsparungen umgesetzt werden müssen.Der Philosoph Friedrich Nietzsche umschriebes so: „Wer ein Warum zu leben hat,erträgt fast jedes Wie.“Ebenso ist informationale Fairnessgeboten, das heißt, die Menschen müssen dasGefühl haben, dass es keine Hidden Agenda,also keine Hintergedanken, gibt, sonderndass sie ehrlich und umfassend informiertwerden. Die Fairnessforschung liefert alsogute Grundlagen über die Akzeptanz vonEinsparungen.? Was ist, wenn die Einschnittegemacht sind? Wie soll's dannweitergehen?! Die Europäische Union sollte sich imSinne eines Problemlösers hinsichtlich derVerbesserung der Wettbewerbsfähigkeit derkrisengebeutelten Länder verstehen. Aufbauendauf traditionellen Stärken sollte derFokus vor allem auf Förderung von Innovationenliegen. Notwendig dazu wären geballteThink-Tanks, die ausloten, wie die bisherungenutzten Potenziale aktiviert werdenkönnen. Innovationszentren in Universitätenund Firmen wären genauso wichtig wie dieFörderung von Existenzgründern. In Unternehmen,aber auch in den Behörden könntedie Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisseüber Innovationen forciert werden. Esgilt, dass jedes Land seine gesamten Ressourcenmit Hilfe Europas aktiviert. Vor allemneue, weitgehend unbesetzte Technologien,etwa im Bereich der erneuerbaren Energien,könnten durch die EU gefördert werden. Inder effektiven Hilfe zur Selbsthilfe liegt dieeigentliche Solidarität, die die EU seinenMitgliedsländern schuldet. Vor allem ist einkonkreter, nachvollziehbarer Maßnahmenplannotwendig. Ansonsten drohen viele derVorschläge bereits im Keim zu ersticken.Besonders wichtig ist es auch, den Menscheneine Perspektive zu geben. Es muss vermitteltwerden, dass die krisengebeutelten Länderes tatsächlich schaffen können, wenn siesich anstrengen. Es gilt, dabei eine Kultur derEigeninitiative zu etablieren. Es geht darum,dass in den Schulen und Universitäten, aberauch in den Firmen verstärkt unternehmerischesDenken und Handeln aktiviert wird,dass mehr reflektiert wird: Wo kann jedersein Know-how umsetzen, um sich möglicherweiseselbständig zu machen? Wo gibtes innerhalb der Firmen, der Universitäten,des Landes Know-how, das in Produkte oderDienstleistungen umgesetzt werden kann?Alle von der Schuldenfrage betroffenenStaaten müssen sich mit Hilfe der Führungvon Wirtschaft, Politik, Wissenschaft undVerwaltung darauf besinnen, ihre Potenzialeund Stärken zu aktivieren.? Welche Rolle spielen die Medienbeim notwendigen Entstehen einessolchen Aufbruchs. Müssen die Mediendazu nicht erst selbst ihr Menschenbildverändern? Wird der Mensch imFernsehen nicht von einer breiten Frontvon Sendeanstalten als Pausenclownvorgeführt – und damit nicht gerade alsVorbild für andere gezeigt? Wer schautden Verantwortlichen, die nur mit derWurst nach der Speckseite werfen, auf dieFinger und hindert sie daran, die Verdummungsmaschinerieimmer weiter laufenzu lassen. Wer von den Gebührenzahlernempört sich endlich, dass auch öffentlichrechtlicheSender oft gebührenfinanzierteBedürfnisbefriedigung betreiben,statt ihrem Auftrag nach Bildung undInformation nachzukommen? Finden wirdaraus selbst einen Ausweg oder musserst wieder einer kommen, der von obenein Konzept wie das „gesunde Volksempfinden“durchsetzt?! Gott sei Dank gibt es einige Medien, dieden Anspruch von Information und Aufklärunggut umsetzen – zum Beispiel DIE ZEIT,Süddeutsche Zeitung, FAZ und auch einigeRundfunk- und Fernsehsender. Andererseitsmuss man aber schon sagen, dass die Mehrzahlder Medien dazu beiträgt, den Menschendie Realität zu verschleiern – oder nochschlimmer – die Bürger zu entmündigen. Miteiner, wie ich es nenne, „Karnevalisierung derGesellschaft”: Fun, Action und Unterhaltung.Am meisten ist der Rückzug der Intellektuellenzu beklagen – fast überall. Politik,Wirtschaft und Wissenschaft sind dabei nurZuschauer, aber nicht Akteure. Es fehlt, auchan den Universitäten, eine kritische Analysedes Status quo – ganz in dem Sinne, wie Siees beschreiben. Es wird viel zu wenig getan,um sich der unglaublich wertvollen WerteEuropas bewusst zu werden. Weiterhin unternehmenwir einzeln und als Gemeinschaftzu wenig dafür, dass wir dieses nur bewahrenkönnen, wenn wir ökonomisch erfolgreichsind: mit Produkten und Serviceleistungen,die international Anklang haben, zum BeispielUmwelttechnik, Medizintechnik – letztlichauch Produkte, die die Probleme dieserWelt minimieren, etwa Umweltprobleme oderProbleme der Demographie. Das ist aber miteiner Fun-Gesellschaft nicht möglich. Werkennt schon unsere Nobelpreisträger?Ich möchte unser Land nicht schlecht reden.Aber es wird in der Tat zu wenig getan,um die „Verblödung der Massen” durch dieMedien zu verhindern und zu vermindern.Und dies wird viel zu wenig thematisiert.Letztlich beginnt es doch schon in denFamilien: Chaos, mit hohen TrennungsundScheidungsquoten und einer massivenVerunsicherung, welche Werte der nächstenGeneration weitergegeben werden sollen.Diese Wertediskussion ist für mich daszentrale Moment. Es kann eben nicht nurdarum gehen, „Me, Myself, and I“ im Sinnevon Narzissmus, Ichlingen und Fun zu fördern.Sondern es geht letztlich um wichtigereDinge in unserer Gegenwart und Zukunft:Verantwortung für sich und andere übernehmen.Das heißt, sich zuständig fühlen


my munichSeite 28Luxus istdie Idee desSchönenin unsFoto: © Hubertus Hamm / BMW Gran Coupé


Wussten Sie eigentlich, dass dieHerstellung von Luxusprodukteneine Vielzahl an Arbeitsplätzen inDeutschland sichert und damit nichtnur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor,sondern vor allen Dingen ein wichtigerKulturfaktor ist?Die öffentliche Wahrnehmungin unserem Land ist bekanntermaßenanders, oft ideologisch. Wer dasWort Luxus in den Mund nimmt,muss damit rechnen, als jemandeingestuft zu werden, der abgehobenerSuperverdiener ist, dessen Herz nichtam richtigen Platz sitzt und der für diewirtschaftlich schwierige Situationvieler Menschen in unserem Landeeigentlich persönlich haftbar gemachtwerden müsste.Andere verkürzen Luxus aufdie Magazin-VIPs, die es geschaffthaben und mit den Oligarchenauf den Yachten dieser Welt dieChampagnergläser kreuzen. Mitanderen Worten: Luxus wird mithochemotionalen Assoziationenversehen, die mit der Realität nur wenigzu tun haben. Doch das ist sowohlfalsch als auch kontraproduktiv. DennLuxus „Made in Germany” ist meist dasResultat deutscher Ingenieursleistungund ebensolcher Handwerkskunst. Undbeides ist eine Kulturleistung.Um das Thema also einmalemotionslos und in seiner wirtschaftlichenBedeutung beleuchten zulassen, habe ich mich mit Petra-Anna Herhoffer vom „Institut fürLuxus“ – kurz „Inlux” – getroffen.Nicht zum Champagnertrinken,sondern auf eine Latte Macchiato ausder institutseigenen NESPRESSO-Maschine. Ich wollte von derLuxusexpertin mit Lehrauftrag an derMunich Business School wissen, wasman eigentlich unter Luxus subsumiert.! Luxus ist etwas, das erst stattfindet,wenn ich meine notwendigstenLebensbedürfnisse erfüllt habe. Da gibtes die Definition von den Soziologen, diesagen, dass das Kleidung, Nahrung, Bildungund ein Dach über dem Kopf ist. Für michgilt eine Erweiterung dieser Definition.Ich finde, jeder hat auch ein Anrecht aufeine bestimmte Form des Vergnügens. Alsoetwas, das mit Freizeit (= freier Zeit) zu tunhat, die ich mit etwas Schönem für micherfülle. Aber sobald ich einen Tick überdiese Grundbedürfnisse hinausgehe, wennich zum Beispiel den Bedarf nach Kleidungdadurch erfülle, dass ich mir hochwertigeMode kaufe, die mir gefällt – oder nochweiter gehend – die meine Persönlichkeitausdrückt, dann ist das schon kein Erfülleneines Grundbedürfnisses mehr, sonderndie Realisierung eines Wunsches nachLuxus. Nach diesem Verständnis erfüllensich die meisten Menschen in entwickeltenIndustrienationen meistens Luxuswünsche.Nur die wenigsten fahren aus Überzeugungeinen DACIA, sondern ein Auto, daseine gewisse Facette ihrer Persönlichkeitherausstellt – von Sportlichkeit überFamilientauglichkeit bis zu ökologischenEinstellungen. Insofern treffen wir allepermanent Kaufentscheidungen, diedurchaus schon mit Luxus zu tun haben.Woran man sieht – und darauf werden wirin diesem Gespräch sicher noch einmalzurückkommen –, wie wichtig eine genaueDefinition von Luxus ist und wie abhängigdiese vom persönlichen Blickwinkel odereiner Branche ist.Ich würde mich über mehrwissenschaftliches Engagement undUnterstützung von Seiten der Industrieim Bereich der Luxusforschung freuen.Zum Beispiel über das Einrichten einesLehrstuhls, in den Sozial- und – wichtigernoch – in den Wirtschaftswissenschaften.Zum Beispiel könnte ich mirvorstellen, dass die eher ablehnendeHaltung in Deutschland gegenüber LuxusIllustration: Liga Kitchen


auch durch einen „Overload” an Vulgäremin Zusammenhang mit Luxus zustandekommt. Zu Recht finden es die Menschenunanständig, wie die Oligarchen inRussland oder die Neureichen in Chinaihren Reichtum zur Schau stellen. Daswird noch dadurch unterstützt, dass sichLuxusartikel auch in gewissen Milieus– genauer gesagt in der Prostitution undZuhälterei – durchgesetzt haben. Oder inder Rapper-Kultur, wo dicke Goldketten undhochkarätige Diamanten gerne zur Schaugestellt werden.? Haben diese Milieus den Begriff„Luxus“ eigentlich beschädigt?! Nein. In Amerika, wo diese Milieusja sehr stark auf sich aufmerksam machen,gibt es eine neue Begrifflichkeit dafür.Da gilt so etwas als „Bling-Bling“. DiesesWort zeigt sehr schön die Inhaltslosigkeitderartiger Protzerei. Solch spielerischeBegrifflichkeit gibt es bei uns im Deutschennoch nicht. Der deutsche Ausdruck„protzen“ hat ja schon von der Lautmalereiher etwas Aggressives an sich.? Welche Vorteile für dieWirtschaft hat die Beschäftigung mitdem Luxus?? Wolfgang Reitzle, früher Vorstandbei BMW und dann bei Jaguar, hat sich alseinziger Industriekapitän die Frage nachdem Luxus gestellt und darüber sogarein Buch mit dem Titel „Luxus schafftWohlstand“ geschrieben. Seine Aussagedarin lautet: Luxus ist Innovationsmotorund braucht Forschung und Entwicklung.Denn nur so findet man das bessereProdukt. Eines seiner Beispiele dafür istdas Navigationssystem, das ursprünglichmit großem Aufwand für sehr luxuriöseLimousinen entwickelt wurde und heute beiALDI im Angebot ist. Das ist der „Trickle-Down-Effekt“ von solchen Innovationen,die letztendlich für viele Konsumentenverfügbar werden.? Haben Sie eine Ahnung, wie vieleArbeitsplätze in Deutschland mit derHerstellung von Luxusprodukten zu tunhaben?! Wir arbeiten gerade daran, dasherauszufinden. Dabei hängt diese Zahlvon der Definition ab, wen wir zu denLuxusproduzenten rechnen: Teile derUhren- und Schmuckindustrie gehören mitSicherheit dazu. Aber welche Segmentein der Textil- und Modeindustrie mitihren 4ooooo Arbeitsplätzen? Wo ziehenwir die Grenze zwischen Premium undLuxus? Produzieren Unternehmen, dieDesign, Funktionalität und Materialität imSinne der „Best of Category“ verdichten,ebenfalls Luxusprodukte? Und wie siehtes mit denjenigen Unternehmen aus, diees schaffen, ein Produkt emotional soaufzuladen, dass der Verbraucher einenpsychologischen Nutzen hat und schonbeim Kauf weiß, dass er dafür einenMehrpreis bezahlt?Daran können Sie sehen, dass da eineganze Menge deutscher Arbeitsplätze imGespräch sind. Und das finde ich auchrichtig. Denn ich bin sehr dafür, nicht sozu tun, als ob es sich bei Luxusproduktenum ein kleines, nettes Nischchen handelnwürde, bei dem nur ein paar hundertMännlein als fleißige Maßschuster,Sattelmacher oder Edeltäschner in ihrenWerkstätten Maßgeschneidertes für einevöllig abgehobene Klientel mit dem Mundedengeln.Man muss auch unterscheiden,ob man den Begriff „Luxus” für dieGesellschaft definieren möchte – oder obein Unternehmen eines seiner Produkte zueinem Luxusprodukt stilisieren möchte.Ein Beispiel für Letzteres: Ich habe hierauf dem Tisch dieses Wasser aus Osttirol:„Urleiten“. Das sprudelt seit vielen hundert


Jahren aus der Erde. Damit ist es also wederein neues Produkt, noch per se Luxus. Umdieses Wasser nun zu einem Luxusproduktzu machen, brauche ich ein Gutachten,das die Qualität dieses Wassers ermittelt.Das fiel in diesem konkreten Fall sehrgut aus. Im nächsten Schritt hat man eineneue Flaschenform entwickelt, welchedie Eleganz und Qualität dieses Wassersverkörpert. Dann mussten Textetikettenentwickelt werden, die klar machten, dasses sich um ein artesisches Wasser handelt,das nur aus dieser einen Quelle sprudelt.Darüber hinaus kommuniziert manheute dem Handel und Verbraucher, dass„Urleiten” von seinem Geschmack her einidealer Begleiter zum Wein ist. Kurzum:Um eine Marke zu einer Luxusmarke zumachen, muss sie viele Inhalte in sichtragen. Und wenn wir nochmal zu denArbeitsplätzen kommen, dann mussman all diese Arbeitsplätze, an denensolch eine „Raffinierung“ eines Produktsstattfindet, eigentlich auch dazurechnen.Womit wir bei bestimmten Zweigen desDienstleistungsgewerbes sind.Es kommt also bei der gesamtenLuxusdiskussion sehr darauf an, dass manganz genaue Kriterien schafft, um denBegriff „Luxus“ in den Griff zu bekommen.? Luxusprodukte müssen also aucheine gewisse Nachhaltigkeit haben?! Ja, in jedem Fall! Verlassen wirmal den Lebensmittelbereich, dannwird das deutlicher. Luxusgüter sindimmer an eine gewisse Langlebigkeitgekoppelt. Das Unternehmen HERMÈS hatLuxusgegenstände als Objekte definiert, diees lohnt, zu reparieren. Und für die es auchdie Ersatzteile gibt, sowie die Bereitschaft,die Objekte zu erhalten.Luxusprodukte werden ja auch gernein die nächste Generation weitergegeben.Dabei leidet auch nicht ihre Schönheit,weil Luxusgegenstände eine gewisseZeitlosigkeit in ihrem Design haben. DasGegenteil ist... „Bling-Bling”!Luxushersteller müssen sichdarüber hinaus heute noch einer weiterenHerausforderung stellen: Sind die einzelnenKomponenten auch recycelbar? Gehensie also in den Kreislauf zurück oderwandern sie auf eine Müllhalde. Allein dieAssoziation Müllhalde ist ausgesprochenkontraproduktiv für jedes Luxusprodukt.? Gehört das wirklich zurDefinition von Luxusgegenständendazu?? Wenn ich bei Ihrem Beispielbleibe und mal den Advocatus Diaboligebe, dann taucht ja schnell bei einersolchen Beschreibung die Vermutungauf, dass es sich bei Luxusproduktenum Marketing-Geraschel handelt.! Nein, weil die Qualität diesesWassers stimmt – wenn wir bei diesemkonkreten Beispiel bleiben. Man kannnatürlich auch ein Wasser über einenGoldfilter fließen lassen, wie „Gize” ausKanada das macht. Das funktioniertsicherlich auch eine Zeit lang ganz gut.Aber ich denke, das ist nicht nachhaltig.! Ich finde schon. Stichwort„NESPRESSO“. Sehr guter Kaffee in genialerVerpackung mit stylischen Apparatenproduzierbar, dargeboten von einerHollywood-Ikone. Die gesamte Erscheinung,Geschichte und Qualität ist also absolutstimmig. Aber es gibt keine vernünftigenBehälter, in denen man die gebrauchtenKapseln sammeln kann – ohne dass sieschimmeln – und retournieren kann. Dafehlt der letzte Schritt.? Damit sind wir bei der Frage, obLuxusgegenstände zwangsläufig nurin kleinen und kleinsten Stückzahlengefertigt werden müssen. Ein 7er BMWFoto: © Hubertus Hamm


Foto: Ralf Kaspers, Kaviar, 2008? Wenn man berücksichtigt,dass Deutschland bereits jetztweltweit den dritten Platz als Luxus-Produktionsstandort einnimmt, würdeich gerne Ihren Vergleich kennen lernenzwischen der Wahrnehmung von Luxus„Made in Germany“ und Luxus „Madein France“ oder Luxus „Made in Italy“?! An erster Stelle unterscheidensich diese drei Ursprungsorte durch dieWahrnehmung. Wir Deutsche bezeichnenja freiwillig Frankreich als die Wiege desLuxus. Das hat gewisse geschichtlicheWurzeln. Am französischen Hof inVersaille lebten immerhin 20000 Menschen,die sich alle mit immer größeren undschöneren Luxusgegenständen gegenseitigzu übertrumpfen trachteten. Das hat einegroßartige Qualität an Handwerkskünstenhervorgebracht, die bis heute ihreAusstrahlung auf unser kollektivesUnbewusstes haben. Daraus leitet sich auchdie Wirkung von Kofferherstellern wieLOUIS VUITTON oder Sattelmachern wieHERMÈS her. Dennoch steht Frankreich imLuxusbereich schwerpunktmäßig für Mode– allerdings mit diesem Handwerksaspekt,denn Haute Couture ist ja auchMaßanfertigung per Hand. Dazu kommtKosmetik und Parfüm, also weitgehendalles, was mit weiblicher Selbstoptimierungzu tun hat.Auch Italien steht für Mode, abermehr in Richtung „Bella Figura“, wozu eineZeit lang auch eine gewisse Schnittigkeitvon Autokarosserien dazugehörte. Nichtzuletzt gestattet das Matriarchat in Italiendem Mann in dieser Hinsicht eine ArtPfauenrolle zu übernehmen, weshalb wireinen gewissen männlichen Schwerpunktbei der Selbstdarstellung haben. Generellliegt die Hauptkompetenz der LuxusartikelItaliens aber im Bereich des Leders. AlsoSchuhe und Taschen. Damit ist es auch einsehr handwerkslastiger Luxus.Im Luxus „Made in Germany“ findetsich ebenfalls eine starke Fraktion imManufaktur- respektive Handwerksbereich(von Meißen über Arzberg bis Dibbern),die sowohl in einem traditionellen als auchsehr frischen Design daherkommen. Dieandere starke, sehr viel modernere Seiteliegt im Ingenieursbereich. Stichwort:Luxusautos (PORSCHE, MAYBACH,ROLLS ROYCE, BENTLEY usw.), Uhren (A.LANGE & SÖHNE, die Glashütte-Region),Musikakustik (Burmester), aber auch imEinrichtungs- und Ausstattungsbereich vonHäusern (DEDON, ROLF BENZ, WALTERKNOLL). Manche Branchen werden vondeutschen Herstellern sogar dominiert –beispielsweise Küchen, Badeinrichtung,Musikinstrumente und Megayachten.Und damit nicht genug: Wir haben,wie die Uni Berlin erforscht hat, einenGründerboom im Luxusbereich in der Zeitzwischen 2000 und 2005 erlebt. Und zwar– große Überraschung – in Berlin (!), wosich viele junge Firmen gegründet haben.Wie zum Beispiel die Brillenmanufaktur„MYKITA“ oder „ic! Berlin“, die ja von derMaterialität her innovativ sind mit ihrenScharnieren und Gelenken. Die außerdemeinen tollen Werbeauftritt haben undsehr schnell global Erfolg hatten. Undwenn wir in Berlin bleiben, weil es jaimmer heißt, Berlin habe kein Geld, seiaber sexy, dann muss man auch einmaldie vielen jungen Firmengründungen imModebereich dort sehen wie „lala Berlin“,„kaviar gauche“ aber auch „Irene Luft“hier aus München. Da sieht man bei allendreien ein Superdesign aus hochwertigstenMaterialien, die alle fantastisch in unsereZeit passen. Diese Labels werden es –wenn sie nicht von Investoren aufgekauftwerden – sicher noch eine ganze Zeitsehr schwer haben, ehe sie ihre Markenetabliert haben. Aber das ist nur einewirtschaftliche Frage. Keine, welche dieQualität in Frage stellt. Und all das basiertnicht so sehr auf Ingenieurskunst, sondernauf Kreativität! Mein Kollege Klaus Heine


von der TU Berlin spricht sogar von einemLuxusbranchenwunder, dessen Ausmaßeman besser beurteilen könnte, wenn dieLuxuslandschaft bereits katalogisiert,vermessen und kommuniziert wäre.All das sollte passieren, damitsich so etwas einstellt wie Stolz auf dieeigene Luxusgüterindustrie, statt gebanntjenseits des Rheins zu schauen und dasfranzösische „Savoir Vivre“ zu bestaunenrespektive das „Dolce Vita“ jenseits derAlpen. Denn auch wir Deutsche habeneine stark hedonistische Komponente inunserem Lebensgefühl – auch wenn wirnoch keine Begrifflichkeit dafür gefundenhaben. Wobei wir natürlich wissen, dass das„Wording” – siehe „Savoir Vivre“ und „DolceVita“ – sehr wichtig für die Bewusstwerdungdessen ist. Da mangelt es uns noch anIdentität und Selbstdarstellung. Allerdingsglaube ich, dass wir kurz davor sind,diese Hürde zu nehmen und uns dazu zubekennen.? Fehlt es uns vielleicht an denmedialen Plattformen für diese Welt desLuxus?! Absolut. Wie kaum ein anderesLand verfügt Deutschland mit über 1400Weltmarktführern – „Hidden Champions”genannt – über ein enormes Potenzial,dass aber eben gerade auch das deutscheDefizit zum Ausdruck bringt. Nämlichführend zu sein in Ingenieurs- undHandwerkskunst, aber zu bescheidenund unsicher in der Verwertung dieserQualität und dem Aufbau strahlenderMarken und ihrer Emotionalisierung.Bisher verdient nur der Boulevard seinGeld damit. Und das ist maßlos schade.Dieses „Red Carpet-Phänomen“ lässt uns zuSchlüssellochguckern verkommen, obwohlwir Regisseure und Ausstatter großerLuxusmarken sein könnten. Und von dieserChance sollten wir unbedingt Gebrauchmachen.Denn Luxus ist ein genialerGegenentwurf zum marodierendenDiscount, der mit seiner „H&M-isierung”die Innenstädte verstopft und die Leutemit seinen Billigversprechen in dieDiscountmärkte der Vorstädte lockt.Und dann haben wir plötzlich wiederirgendeinen Lebensmittelskandal undmerken, dass man eben doch ein bisschenmehr Geld für saubere und reine Nahrungausgeben muss. Das ist nämlich ebenfallseine Seite des Luxus – die gute, saubere,nachhaltige Qualität, die Kennerschaft undEinsicht erfordert, statt „Instant Pleasure“für kleines Geld zu versprechen. EinConnaisseur weiß, WAS er genießt, undwarum es gut ist. Und zwar im Detail. Under kennt und schätzt auch den Mangel. Ja,er sucht ihn sogar gezielt auf, um aus demKontrast die Fähigkeit zum Genuss zurKunst zu verfeinern. Eine Haltung, die demFastfood-Anhänger völlig abgeht. All dasverdichtet sich in dem Satz: „Nicht das Teureist das Bedenkliche, sondern das Billigeist das, worüber wir nachdenken müssen!“Es hört sich zwar ungewohnt an, aber dasThema „Luxus“ könnte uns einige wichtigeIdeen genau dafür geben.•N7 Nachmann Rechtsanwälte begrüßendie Einstellung, dass die Herstellung vonLuxusgütern eine wichtige Rolle in derdeutschen Wirtschaft spielt und ihr ermöglicht,in einer immer globaleren WettbewerbssituationSpitzentechnologien zu entwickeln.


Nachmann ClientSeite 42Fotos: Hans-Günther KaufmannSchwestern Werkund Gottes BeitragOder wie einSchwesternordenWasser in Güteverwandelt.Die „Kongregation derBarmherzigen Schwestern vomhl. Vinzenz von Paul“ mit ihremMutterhaus in München ist die100-prozentige Gesellschafterin derAdelholzener Alpenquellen GmbH. DieQuelle sprudelt und die Schwesternverwandeln Wasser nicht in Wein,sondern in Wohltaten. Die Erlösestellen einen hohen Standard in ihrendrei Krankenhäusern, sechs AltenundPflegeheimen sowie in ihrerBerufsfachschule für Krankenpflegesicher. Außerdem finanziert dieOrdensgemeinschaft aus den Gewinnenihre Werke der Barmherzigkeit.Dazu zählen unter anderem auchSpenden an soziale Projekte imLandkreis Traunstein, in dem dieAdelholzener Alpenquellen ihren Sitzhaben. Ebenfalls unterstützt werdenKindergärten, Schulen, die Feuerwehr,das Rote Kreuz und Sportvereine –unternehmerisch wie auch sozial eineGlanzleistung.Ich sprach mit der GeneraloberinSchwester Theodolinde Mehltretter,die in der Geschäftsführung vonAdelholzener lange Jahre das Personalgeführt hatte und seit 2004 dieGeschicke des Ordens leitet, über ihrefrühere und jetzige Arbeit.Als ich ihr zum ersten Malbegegnete, fielen mir als Erstes dieHände der Generaloberin auf. Große,liebevolle Hände, die gepflegt sind unddennoch ein Leben lang gewohnt waren,zu arbeiten. Und dann ihre wachen,gütigen Augen. Besser kann man „Oraet Labora“ nicht verkörpern, dachteich bei mir. Und wollte als Ersteswissen, wie es dazu gekommen ist, dassein Orden christlicher Nonnen einLifestyle-Wasser wie „ACTIVE O2“ aufden Markt bringen konnte.! Wir hatten damals Herrn FriedrichSchneider als Geschäftsführer. Er wusstevon diesem mit Sauerstoff angereichertemWasser. Ich habe ihm damals gesagt: „HerrSchneider, wenn wir zwei a Stund z´sammspazieren gehen, ist es genauso, als wennich dieses Sauerstoffwasser trinken tät.”Das war meine erste Einschätzung. Und ichblieb auch ziemlich lange skeptisch. Aberdurch viele Gespräche und die Entwicklungdes Produkts habe ich gesehen, dass eswirklich etwas Gutes ist und dem Körpereinen Impuls, ja richtig Leben gibt. Dasist wirklich so. Ich kann es zum Beispielauf d'Nacht nicht trinken. Da kann ichgar nicht mehr richtig einschlafen. Dasist der Sauerstoff. Der geht sofort in diesauerstoffunterversorgten Organe über. Ichtrink´s deshalb mittags, wenn ich müd´ bin.? Vielleicht sollten Sie’s zumFrühstück trinken...! Ja, aber da mag ich lieber Kaffee. Also,es ist wahr, dass es wirkt. Und wir sind frohund glücklich, dass wir damals gesagt haben:„Das wollen wir jetzt versuchen.“ Wir habenin der Kongregation sogar dem Wunschstattgegeben, in andere Länder damit zugehen.? Kein schlechter Entschluss!Adelholzener „ACTIVE O2“ istMarktführer in Deutschland und wirdauch in einigen anderen Ländernvertrieben. Reicht es Ihnen, wenn einesolche Entscheidung gut für’s Geschäftist, oder gibt es da noch andere Motive,die wichtig sind.! Schauen S', „Adelholzener“ ist einName, durch den eine Botschaft rüberkommt.Wir haben das Glück, dass wir unserWasser aus der Tiefe der bayerischen Alpenbeziehen. Und das rüberzubringen, ist unsganz, ganz wichtig.Deshalb symbolisieren die Berge auf


den Etiketten die Klarheit und Reinheitund Ursprünglichkeit. Der Kunde will jaein Produkt, das ehrlich ist. Und das ist beiAdelholzener gegeben.Wir versuchen, mit unseremUnternehmen darüber hinaus das zu tun,was allerorts „Nachhaltigkeit“ genanntwird, was für uns aber einfach unserSchöpfungsauftrag ist: Dass man Wasserund Energie nicht unnötig vergeudet, dassman die Natur nicht belastet. Wissen Sie,alle Welt hat das Wort „Umwelt“ im Mund.Das hört sich so an, als ob das die Welt sei,die um den Menschen herum stattfindet. Ichfinde das ein bisschen wenig. Denn es istdoch unser aller Welt. Deshalb haben wirden Auftrag bekommen, unsere Schöpfungzu bewahren und zu verwalten, um sie derNachwelt so gut wie möglich in die Händezu geben. Und da gehört es einfach dazu,sie zu schonen. Das ist ja noch nicht malwas Neues. 1807 hat Joachim HeinrichCampe – das war der Lehrer von Wilhelmvon Humboldt – zum Thema Nachhaltigkeitgesagt: „Nachhalt ist, woran man sich hält,wenn alles andere nicht mehr hält!“ Das istein toller Satz. „Nachhalt ist, woran man sichhält, wenn alles andere nicht mehr hält!“Dieses verbreitete Immer-mehr-undnoch-mehr,das hält ja nicht lange. Dasbricht zusammen. Und drum ist das Wortvon Campe ganz wichtig. Dieser Ausspruchist mir übrigens zugefallen.? Wobei wir ja wissen, dass dieses„Zufallen“ einem nicht zufällig passiert.! Das ist richtig. Das ist wirklich immerein Zeichen.? Wenn Sie sagen, dass „Wir“ diesenAuftrag haben, meinen Sie das dann fürIhren Orden oder...?! Nein, nein, für alle Menschen. Das giltmeines Erachtens für jeden Unternehmer –einfach für jedermann: Dass man sich nachKräften einsetzt, die Zukunft so zu gestalten,dass sie lebenswert ist. Das ist nicht aneinzelne Menschen gebunden. Das gilt füralle Menschen!? Ist das Ihre philosophischeWeltsicht oder leitet sich das aus demkatholischen Glauben heraus ab?! Jeder muss so handeln, der vernünftigdenkt. Wir haben doch auch etwas vonunseren Vorfahren als Erben in die Händebekommen. Sie, ich, jeder. Und wir müssenmit dem Erbe so umgehen, dass wir eswieder in andere Hände geben können. Sowie wir auf den Schultern unserer Elternstehen, so steht die kommende Generationauf unseren Schultern. Und das soll ja auchwieder eine lebbare Welt sein, in der dienächste Generation leben wird. Das ist docheinfach logisch. Da muss ich nicht einenkatholischen Glauben dazu haben. Das ist ankein Alter und keine Religion gebunden. Sowie „Gutes tun” auch an kein Alter und keineReligion gebunden ist.? Wir erleben in unserer heutigenZeit eher das Gegenteil. Die Leute wollenimmer mehr Geld und werden trotzdemnicht besonders glücklich.! Geld braucht man. Das ist nun malso. Aber es ist eine Frage, welche Prioritäträume ich dem Geld ein.Es ist ein Ziel unseres Unternehmens,Adelholzener so zu wirtschaften, dassauch was übrig bleibt, wenn die Löhnebezahlt, die Investitionen getätigt sind, umauf dem Markt bestehen zu bleiben. Es istein wichtiger Auftrag an und von uns, dieArbeitsplätze zu sichern.Dennoch soll so gewirtschaftet werden,dass etwas übrig bleibt. Denn das bleibtnicht bei der Geschäftsführung, sondernfließt in die Kongregation zurück, und diesefinanziert soziale Projekte. Außerdem sindwir als Kongregation für die Versorgungunserer alten Schwestern zuständig. Wirhaben im Augenblick 345 Schwestern.Davon sind sehr viele im Altenheim unddafür müssen wir Sorge tragen. Dafürbrauchen wir auch dieses Geld.? Geld verdienen ist ja auch nichtunanständig.! Nein. Es steht ja in der Bibel: „MachtEuch die Erde untertan“ – und schaugts,dass was Gutes damit getan wird.? Bekommt die Kongregation fürihre Aufgaben noch von anderswoherGeld?! Nein. Also früher bekamen unsereSchwestern Gestellungsgelder, weil sie inden Kliniken angestellt waren. Das ist jetztnicht mehr der Fall, weil wir keine jungenSchwestern mehr haben und die meistennicht mehr im Arbeitsleben stehen. Deshalbmüssen wir sehen, dass wir uns selbständigerhalten. Wir bekommen auch keinenPfennig Kirchensteuer, weil wir als Orden jaunabhängig von der Institution Kirche sind.Die Kongregation muss also schauen, dasswir mit dem Erwirtschafteten die Häuser indie Zukunft führen können.? Adelholzener Mineralwasserzu trinken, ist also nicht nur gesund,sondern hilft Ihnen auch Ihrekaritativen Arbeiten leisten zu können.! Wir tun viel Gutes mit dem Erlös, denwir aus dem Verkauf des Wassers erzielen.Man darf darüber auch sprechen. Aber mansoll es auch nicht übertreiben. Dennochkann ich mit Fug und Recht sagen, dass vielGutes getan wird.? Wie haben Sie die Marke„Adelholzener“ strukturiert, damit sieauf dem Markt bestehen kann?O2ACTIVE


! Die Philosophie von Adelholzenerbesteht aus vier Säulen. Die eine istdie „Tradition“. Die „Kongregation derBarmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenzvon Paul“ gibt es seit 1832 in Bayern. Dassind nächstes Jahr 180 Jahre. Und wirhaben die Adelholzener Primusquelle 1907erworben. Das sind auch immerhin mehrals 100 Jahre. Da kann man schon von einerTradition reden.Die zweite Säule ist die „Innovation“.Unsere Geschäftsführer schätzen sehr, dassdie Kongregation der Innovation immerwieder neuen Raum gibt.Dann die menschliche„Kommunikation“ – einer der wichtigstenGrundpfeiler trotz der elektronischenVermittlung wie E-Mail, Fax und wer weiß,was da noch alles kommen wird.Und dann die „Vision“: Wir müssenja auch bedenken, was in fünf Jahrensein wird. Auf diese Gedanken muss mansich aber nicht allein verlassen, weil jaauch noch einer von oben, Gott, mitlenkt.Aber wir müssen alle unsere Fähigkeiteneinsetzen, um zu schauen, wie man unsereUnternehmen – ob Industrie, Altenheimoder Krankenhaus – in die Zukunft führenkann.Dieses „Vier-Säulen-Modell“ haben wirin Bad Adelholzen immer praktiziert. Unddas hat sich gut bewährt. Wir haben dasimmer mit einem einfachen Bild dargestellt:Man darf nicht nur den Wald zu verstehensuchen, sondern auch jeden einzelnen Baum.So ist die Kongregation der Wald und jedeEinrichtung unserer Kongregation sinddie Bäume – und die muss ich pflegen undhüten, damit es einen gesunden Wald gibt.? Wenn Sie „Kommunikation“sagen, dann ist damit ja nicht nurgemeint, eine Botschaft von A nach Bzu transportieren, sondern da gehörtviel mehr dazu. Was ich über Sie gelesenhabe, würde ich das mit „viel Herz“beschreiben. Oder?! Ja, das ist wichtig. Als ich noch inBad Adelholzen operativ tätig war, warmir wichtig, dass die Mitarbeiter ausihrer Erfahrung heraus Vorschläge in dasUnternehmen einbringen sollten. Unddiese Erfahrung der älteren Mitarbeiter mitder Flexibilität der jüngeren Mitarbeiterzusammenzubringen, das habe ich immerversucht. Und wenn´s gar zu rau wurde,dann habe ich mit denjenigen einen langenSpaziergang gemacht. Da kann man andersmiteinander reden als in einem Büro. Unddann ging´s meistens wieder gut.? Was bedeutet es, wenn Sie sagen,man müsse auch eine „Vision“ haben?! Wir haben – zunächst in derKongregation – damit begonnen, einezeitgemäße Wertearbeit zu installieren.In der Kongregation wurden Werteimmer schon gelebt. Nur muss man sieheute in unserer Zeit neu definieren undaussprechen. Das haben wir versucht.Die christlichen Grundwerte unsererKongregation sind:• „Barmherzigkeit leben.” Das heißt,miteinander und füreinander da sein.• „Leben würdigen“ nicht nur imKrankenhaus, sondern auch im Altenheim.• „Miteinander und füreinander dienen.“Das ist einer der wichtigsten Grundsätze,den wir einfordern.• „Wertschätzung pflegen und fördern.“• „Wirtschaftlich und verantwortlichhandeln als Schöpfungsauftrag.“Diese Werte gelten für die Kongregation.Die Werte für die Führungskräfte inBad Adelholzen werden wir demnächstdefinieren, weil ein wirtschaftlichesUnternehmen ja doch noch andersfunktioniert wie eine Kongregation. Dazugehört: „Verlässlichkeit“, „Toleranz“,„Beständigkeit“, „Offenheit“, „Ehrlichkeit“,„Maßhalten“ und auch „Mut zeigen“. Wenndas zusammenwirkt, stellt sich aus meinerSicht auch ein unternehmerischer Erfolgein. Denn nur mit Ellenbogen kommt mannicht weit. Das größte Kapital in einemBetrieb ist immer noch der Mensch – nichtdie Maschinen und nicht die Abfüllanlagen.Der Mensch bringt das Leben in einUnternehmen.? Das heißt aber doch – wenn wir malbei Adelholzener bleiben, weil das ein sehrweltliches Unternehmen ist und unserenLesern am nächsten –, dass die Mitarbeiternicht nur ausführende Handlanger sind?! Wir wollen unseren Mitarbeiternmehr geben als Lohn. Denn jeder isteinmalig und hat viele Fähigkeitenund Talente. Das macht eben diesesZusammenspiel aus, das das gemeinsameArbeiten schön und erfolgreich macht. Abernatürlich sind wir auch dabei, Prozessezu optimieren, Arbeitsabläufe engerin den Blick zu nehmen. Aber immer


im Zusammenhang mit denen, die dasausführen – das „Warum“ und „Weshalb“.Man muss die Menschen dort abholen, wosie stehen. Das versuchen wir täglich. Daskann man nur, wenn einer die Richtungangibt und die anderen mitnehmen will undzwar jeden mit seinen Fähigkeiten. Einerkann mehr, der andere bewegt weniger. Dasist nun mal so. Man muss der Ehrlichkeithalber auch sagen, dass das nicht immergelingt. Aber ich denke, der Wille zu diesemMitnehmen der Mitarbeiter ist da.Als ich damals in Bad Adelholzen alsPersonalleiterin für unsere Mitarbeiter imBetrieb zuständig war und dort tagtäglichmitgearbeitet habe, habe ich das wie eineFamilie erlebt. Natürlich war ich damalsmehr anwesend im Betrieb, als es jetztmein Nachfolger sein kann, weil ich alsOrdensschwester ja keine Familie habe.Mein Nachfolger hat aber eine Familie.Die darf unter der Arbeit nicht leiden.Denn eine Familie ist das Rückgrat einesArbeitnehmers und die darf er nichtvernachlässigen. Deswegen kann und sollman meine Arbeit und seine Arbeit nichtvergleichen.? Kommen wir nochmal zur„Innovation“. Da haben Sie alsoMarketingexperten, eine Werbeagenturund andere Spezialisten. Aber Siemüssen ja letztendlich entscheiden,welche Strategie eingeschlagen und wasgemacht werden soll. Wie finden Sie denrichtigen Weg für das Unternehmen? Istes der Heilige Geist oder gründlichesNachdenken, was Sie weiterbringt beisolchen Entscheidungen.! (Lacht aus vollem Herzen) Wichtigist für uns, Produkte zu entwickeln, dieein langsames aber stetes Wachstumhaben. Wenn wir jetzt zum Beispiel einEnergiegetränk machen, das momentaneinen Boom auslöst, aber längere Zeit nichtdurchsetzbar ist, dann ist das nichts für uns.Jede Innovation soll ein kontinuierlichesWachstum in einer Firma anstoßen. Es mussetwas Handfestes ergeben.Und wie kommt es dazu? Tja, da ist esdann eben der Einfall oder die Inspirationeines Einzelnen, den man diskutiert, prüftund entwickelt, indem man Probefüllungenmacht, kostet und verfeinert. Ich denke, damüssen alle Abteilungen zusammenhelfen,damit dann EIN Produkt auf den Marktkommt. Als ich noch im aktiven Geschäftin Bad Adelholzen war, da ging das immereine gewisse Zeit, bis das neue Produkt sogestanden hat, dass wir gesagt haben, dasgeben wir jetzt dem Beirat zur Entscheidung.? Gibt es das, dass die Kongregationoder der Beirat auch mal sagen: „Nein,das machen wir nicht!“?! Wenn´s nicht stimmig ist, dannschon. Das ist zum Beispiel bei der Werbungwichtig. Wenn die Werbung nicht stimmigist für die Kongregation, dann geht es garnicht. Da muss alles von uns genehmigtwerden, was die Werbestrategie betrifft.Auch jede Aussage.? Also mit Nackerten ist da nix zumachen?! Überhaupt nix! Das würde ja auchgar nicht zu uns passen. Bei uns sehensie die tolle Gebirgswelt, den Schnee, dieSchöpfung. Und dann das Produkt: Dasmuss sonnenklar, rein und eindeutig sein.Adelholzener muss sich nach demGeschmack der Kunden richten – nichtnach unseren Ideen. Wenn es dem Kundennicht schmeckt, hilft alles nichts.Diese Kundenorientierung versuchenwir auch mit unserem Außendienst zuerreichen. Der Kundenkontakt mit denGetränkemärkten ist uns nämlich ganzwichtig. Wenn ein Kunde reklamiert, dannwird dem sofort nachgegangen. Das gehörtzur Kommunikation und dem „Miteinander“dazu! Da investieren wir stark ins Personal.Ja, das ist sogar ein Schwerpunkt in BadAdelholzen. Deswegen bauen wir auchden Außendienst nicht ab, weil der alles,was dem Unternehmen schaden könnte,auffangen und von ihm abwenden kann– und soll. Die Außendienstmitarbeiterkümmern sich um unsere Kunden. Damitbin ich sehr zufrieden. Wir haben nämlichwirklich gute, verlässliche Mitarbeiter.Sehr viele von ihnen kenne ich nochund rede auch mit ihnen. Ich sage ihnenimmer wieder gerne, dass die Kongregationhinter ihnen steht, und mache ihnen Mut,sich mit notwendigen Veränderungenzu identifizieren. Veränderungen musses geben, um am Markt bestehen zubleiben. Der Wettbewerb wird ja immerhärter und jede Veränderung tut erst malweh. Das ist im privaten Leben so, dasist in der Gemeinschaft so. Überall! JedeVeränderung bringt Angst. Aber Wachstumist nun mal Bewegung. Wenn Pflanzenwachsen, dann bewegen sie sich. Aberunsere Mitarbeiter sollen wissen, dass siefür die Veränderungen etwas tun können,damit vieles so bleiben kann, wie es ist.Und dazu will ich ihnen Mut machen.? Schwester Theodolinde, wasmeinen Sie: Kann ein weltlicherUnternehmer aus Ihren Erfahrungenmit Adelholzener lernen?! Hm! Jeder muss sein Unternehmenselber auf die Füsse stellen. Da kann mannichts übertragen. Das geht nicht. DieBotschaft muss klar sein – und stimmen.Und wenn die Botschaft den Kundenanspricht, dann entscheidet er sich, dasProdukt zu kaufen. Und wenn´s ihmauch noch schmeckt, dann ist es ganz toll.Mögen Sie noch ein Glaserl?? Sehr gerne!? Sie kennen doch das Produkt „RedBull“...! Also kennen ist vielleicht zu vielgesagt. Ich weiß, dass es das gibt.? Würde es das bei Ihnen gebenkönnen? Weil es ja auf seine Weise auchsehr authentisch ist.! Ja mei! Es langt doch, wenn es schoneiner macht. Da müssen wir das doch nichtauch noch herstellen.? Nochmal zur „Vision“. Wie vieleJahre muss man aus Ihrer Erfahrungnach vorne schauen?! In die Zukunft schauen kannniemand. Man muss sich zwar Gedankenmachen, was in der Zukunft sein kann. Aberleben kann man nur die Gegenwart. Dennletztlich entscheidet der heutige Tag, was derKunde kauft.Außerdem habe ich ein sehr großesGottvertrauen und versuche, das Werkzeugin Gottes Hand zu sein. Und mit meinenMitarbeitern zusammen, das Unternehmengut in die Zukunft zu führen. In der Bibelsteht 365-mal „Fürchte Dich nicht! Ich, Gottder Herr, bin bei Dir.“ Und das glaube ichfelsenfest. Und ich spüre das auch. Dazumuss ich auch gar nicht fromm sein. DasLeben, das ich führe, ist einer der Wege.Aber wenn man ein guter Mensch ist,dann kann jeder das spüren. Ich habe denEindruck, dass sich dieser Gedanke immerstärker durchsetzt.•N7 Nachmann Rechtsanwälte sindbeeindruckt von der „Kongregation derBarmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz vonPaul“, die soziale Dienste in der Alten- undKrankenpflege aus der eigenen wirtschaftlichenTätigkeit finanzieren.


philosophySeite 50„Ich findeÜberraschungenetwas Wunderbares!“Susanne Gaensheimer leitet seit2009 das Museum für Moderne Kunst– kurz MMK – in Frankfurt am Main,eines der bedeutendsten Museen fürGegenwartskunst. Sie hat den DeutschenPavillon der diesjährigen Biennale kuratiertund für die Reinszenierung von ChristophSchlingensiefs Bühneninstallation „EineKirche der Angst vor dem Fremden inmir“ den Goldenen Löwen der Biennaleerhalten. Wir unterhielten uns mit FrauDr. Gaensheimer in Frankfurt bei einerTasse Tee über Christoph Schlingensief, dasLeben als Künstler und die Aufgabe einesMuseums im Jahr 2011.MMK Museum für Moderne KunstFoto: Mauricio Guillén


? Frau Dr. Gaensheimer, in derBühneninstallation „Eine Kirche der Angstvor dem Fremden in mir“ wird unteranderem ein Gespräch zwischen ChristophSchlingensief und Alexander Kluge gezeigt,in dem Kluge fragt, wie Schlingensiefeinem Außerirdischen Richard Wagnererklären würde. Diese Fragetechnik nehmeich auf und stelle sie Ihnen: „Wie würdenSie einem Außerirdischen ChristophSchlingensief erklären?“! Ich gehe mal davon aus, dass Sie keinenwirklichen Außerirdischen meinen, sondernjemanden, der mit der Kunst nicht so vielzu tun hat. Der Grund, warum ich mich fürSchlingensief entschieden habe, war der –und das kann man jetzt nach seinem Todnoch viel deutlicher feststellen –, dass er einerder wichtigsten Künstler in diesem Landwar. Seine Werke haben einen ungeheurenEinfluss in verschiedenen Bereichen gehabt.Er war auch deswegen wichtig, weil erüber Jahre hinweg in den verschiedenstenMedien gearbeitet hat und nie eindeutigeinzuordnen war. Und er war ein absolutaußergewöhnlicher Mensch, der immer dastotale Extrem gegangen ist und auch denMut hatte, das in aller Konsequenz zu tun.? In einem seiner letzten Auftritte, inseinem Stück „Remdoogo – Via IntolleranzaII“ in München, fand ich ihn eher schonTill-Eulenspiegel-mäßig unterwegs.! Ja klar, er war auch unglaublich witzig.? Einer seiner vielen Filme heißt„Egomania – Insel ohne Hoffnung“. Wieegoman war er?! Er war natürlich sehr auf sich bezogen.Aber er hatte auch genau das Gegenteiligein sich. Er ist fast zeitgleich genau sostark auf seine Mitmenschen eingegangen.Er hat immer das Innerste in ihnenangesprochen. Viele Menschen haben sichbei ihm stärker erkannt und wiedergefundenals bei irgendjemandem sonst. Es gabTheaterschauspieler, die nach der Arbeit mitihm gesagt haben, sie spielen nicht mehr miteinem anderen Regisseur.? Wie egoman muss ein Künstlerüberhaupt sein, um in einerMediengesellschaft anzukommen?! Künstler waren immer auch egoman.Ich glaube eine Künstlerpersönlichkeitfunktioniert nicht ohne diese Ichbezogenheit,also diese Selbstüberzeugung. Denn siemüssen ja davon überzeugt sein, dass das,was sie machen, wirklich wichtig ist. Siemüssen über Jahre hinweg ihre Arbeitenmachen, ohne dass sie davon leben könnenund ohne dass sich da eine Eigendynamikentwickelt, die sie trägt. Gerade in denersten Jahren ist es oft so hart, dass sie esnur mit einem starken und rückhaltlosenIchgefühl schaffen können. Das hat nichtsmit Egoismus zu tun – auch nichts mitEgozentrik.Gleichzeitig haben Künstler oft einensehr starken Selbstzweifel. Es gibt natürlichschon irgendwann den Moment, in demsie sagen: „Jetzt ist das Kunstwerk gut.“Aber es gibt auch einen langen Weg dahin.Es ist ein permanentes Hinterfragen, obdas Kunstwerk schon DAS Kunstwerk istoder noch nicht. Viele Verwerfungen undSelbstzweifel treten da in Erscheinung.Das war auch bei Schlingensief so:permanente Selbsthinterfragung undSelbstwandlung. Diese Fähigkeit, sich selbstzu kritisieren und sich auch neu zu sehenund zu definieren, ist natürlich auch eineungeheure Qualität, eine besondere Gabe,die nur bei wenigen Menschen ausgeprägtist.? Für mich ist eine zentrale Frage, wannein Künstler weiß, dass das Bild fertig ist.! Das finde ich auch eine interessanteEine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir.Bühneninstallation des Fluxus-Oratoriums von ChristophSchlingensief im Deutschen Pavillon, 2011, Model ©Thomas Goerge, Christin Berg; Foto: © Roman Mensing,artdoc.de in Zusammenarbeit mit Thorsten Arendt


Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir. Bühneninstallation des Fluxus-Oratoriums vonChristoph Schlingensief im Deutschen Pavillon. Lunge vertikal. Foto: © Roman Mensing, artdoc.deEine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir.Bühneninstallation des Fluxus-Oratoriums von ChristophSchlingensief im Deutschen Pavillon. Altaransicht mitFilmprojektion. Foto: © Roman Mensing, artdoc.de


Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir. AufführungRuhrtriennale, September 2008 © David Baltzer - Bildbühne.de


Frage. Die Künstler sprechen selbst auchsehr oft darüber. Da gibt es keine Formelund kein Rezept. Aber in DEM Moment istes dann einfach klar.? Und diesem Moment wohntvermutlich ein großes Glücksgefühl inne.! Ja bestimmt. Vor allem, wenn dasWerk dann auch noch wahrgenommen undrezipiert wird. Denn ein Kunstwerk existiertnur durch seine Rezeption. Wenn es keineWahrnehmung durch ein Publikum gibt, gibtes auch kein Kunstwerk. Ein Kunstwerk istohne den Betrachter unvollständig. WennSie ein Kunstwerk schaffen, dass Sie inIhrem Atelier verborgen halten, dann ist dasdoch sehr unbefriedigend.Douglas Gordon, Play Dead; Real Time, 2003© MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurtam Main, Foto: Axel Schneider? Heißt das, dass der Museumsdirektor,der Galerist, der Kunstkritiker, derKunstjournalist Teil des Kunstwerks sind?! Jeder! Jeder Betrachter ist Teil desKunstwerks. Die Betrachtung ist immerein elementarer Teil des Kunstwerks. VieleKünstler haben ja genau damit gearbeitet.Die Konzeptkunst in den 60er Jahren hatsich stark mit der Rolle des Betrachtersbeschäftigt. Es gibt ganze Richtungen, wo esum Partizipation geht – übrigens auch etwas,womit sich Christoph Schlingensief starkbeschäftigt hat. Er hat den Betrachter immereingebunden. Beim Theater können Sie esnoch deutlicher sehen. Das Theaterstückexistiert erst durch die emotionale Erregungdes Betrachters. Schlingensief würdenicht auf der Bühne rumhopsen, wenn daniemand im Zuschauerraum säße. Und beider Kunst ist es genauso.? War das schon immer so?! Auch früher war der Hauptzweck derKunst die Kommunikation. Was nicht überSchrift vermittelt werden konnte, wurdeüber Bilder vermittelt. Daraus entstanddie religiöse Kunst. Irgendwann kam dieweltliche Kunst dazu und das war amAnfang immer Auftragskunst. Da wurdenBotschaften über politische Verhältnisseoder über Mäzenatentum in den Bildernabgebildet und Machtpositionen aufgezeigt.Die Botschaft war schon immer der Zweckdes Kunstwerks. Selbst eine Ikone dient derKommunikation – der Anschauung. OhneKommunikation existiert die Kunst nicht.? Wenn man die Betrachter zum Beispielschon früh in der Schule lehrt, wie sieKunstwerke betrachten können, dann istdas eine sehr freiwillige und individuelleForm der Kommunikation mit und überKunstwerke. Nun leben wir aber nichtnur in einer Mediengesellschaft, sondernauch in einer Wirtschaftswelt, in der dasMarketing eine wichtige Rolle spielt. Beider Interpretation dessen, was man sieht,kommt also auch schnell der Marketing-Aspekt fördernd oder ablenkend dazuund man fragt sich beim Betrachten derArbeiten des einen oder anderen Künstlers,ob der nicht „gemacht“ sei.! Das halte ich für ein Klischee. Es gibtnatürlich verschiedenste Kräfte, die daraufeinwirken, dass ein Künstler eine bestimmtePosition hat. Und die hat er auch nichtdauerhaft. Das ist oft eine Wellenbewegung.Manchmal ist es so, dass Künstler in einerbestimmten Zeit fast eine Art „Heldenstatus“oder „Starstatus“ haben und hundert Jahrespäter spricht keiner mehr von ihnen. Nein,man kann keinen Künstler „machen“, dessenWerk keine wirkliche Qualität hat. Das istmeine Überzeugung.Natürlich spielt auch der persönlicheGeschmack eine Rolle. Es gibt Künstler,die sehr erfolgreich sind und die manselber nicht gut findet – und umgekehrt.Es wird auch manchmal die Vorstellunggeäußert, ein Künstler werde verkannt oderübersehen. Daran glaube ich auch nicht.Wenn ein Künstler wirklich etwas zu sagenhat, was auch von breiterem Interesse ist,setzt sich das durch. Es gibt aber natürlichimmer auch Außenseiterpositionen. Das hathäufig etwas damit zu tun, dass sich solchePositionen nicht im aktuellen Diskurs oderTrend bewegen. Aus diesem Grund gibt essicherlich sehr viele interessante Künstler,die nicht die Wahrnehmung haben, dieihnen gebührt. Hier muss man aber auchberücksichtigen, dass es heute für einenKünstler dazugehört, über sich selbst „zukommunizieren“. Oft sind die Künstlergekränkt und sagen: „Die Leute kennenmich ja nicht!“ Aber wie soll man sie kennen,wenn nicht der Künstler selbst seineArbeiten und Vorstellungen nach außenträgt? Es gibt bei jedem Künstler diese Zeitvor dem Erfolg. Die ist sicher oft sehr hart.? Wie bedeutsam sind Auktionshäuserfür den Ruf eines Künstlers undJournalisten, die darüber berichten, dassdieser oder jener Künstler für eine neueRekordsumme verkauft wurde?! Auktionshäuser sind ein besonderesPhänomen, weil die völlig unabhängigvon dem Künstler ihr eigenes Geschäftmit der Kunst machen. Wenn jetzt einThomas Demand für 100 000 Euro oderein Gursky oder Richter – wo es in dieMillionen geht – versteigert wird, dannsieht der Künstler ja nichts davon. Andersist es natürlich, wenn eine Galerie dasWerk verkauft. Dann wird die Summeaufgeteilt. Da arbeiten beide zusammen.Ein weiteres Problem der Auktionshäuserist, dass durch die Eigendynamik des


Katharina Frisch, Tischgesellschaft, 1988 Raumansicht MMK, 2011 Foto: Axel Schneider © VG Bild-Kunst, Bonn 2011


Marktes völlig absurde Preise entstehen,die dann wiederum das Gesamtgefügedurcheinanderbringen. Oft wollen dieKünstler nämlich gar nicht so schnell insolche Kategorien hochkatapultiert werden,weil es auch sehr schwierig wird, ein solchesNiveau dauerhaft zu halten – und zwarnicht nur für fünf Jahre, sondern für vierzig,fünfzig, sechzig Jahre. Das ist nicht leicht.? Aber so ganz unangenehm ist esden Künstlern dann auch nicht, wennsie dadurch beim Verkauf der nächstenArbeiten durch ihren Galeristen mehr Geldbekommen?! Manchen ist das extrem unangenehm.Die beschweren sich regelrecht. Die kaufenteilweise sogar ihre eigenen Bilder inden Auktionen zurück – auch weil ihnenbestimmte Arbeiten sehr wichtig sindund sie nicht wollen, dass sie bei einemPrivatsammler im Depot liegen und nichtmehr in der Öffentlichkeit gezeigt werden.Ausstellungen machen? Wenn Sie eine Ausstellung kuratieren.Wie gehen Sie da vor. Nehmen Sie als ErstesKontakt mit dem Künstler auf?! Ja immer. Also eigentlich ist es so, dasssich Ausstellungsideen über viele Jahre hinentwickeln durch eine Beschäftigung undeinen Austausch mit dem Künstler. Es istnicht so oft der Fall, dass man erst die Ideehat und dann den Kontakt. Das gibt´s zwarauch, aber das ist eher die Ausnahme.Für ein Museum der Gegenwartskunst,wie das MMK, ist es völlig undenkbar,eine Ausstellung NICHT gemeinsammit dem Künstler zu machen. Die engeZusammenarbeit mit dem Künstler istwesentlich und dadurch sind in denAusstellungen im MMK immer ganzbesondere Werke entstanden, die zumBeispiel stark mit der Architektur diesesHauses arbeiteten und dann in unsereSammlung eingegangen sind. Deswegengibt es bei uns auch eine starke Vernetzungzwischen Ausstellungsprogramm undSammlung.? Dann sind Sie als Kunsthistorikerinnicht so sehr mit der Historie von Kunstbeschäftigt, sondern eher mit demSchaffensprozess?! Ja genau. Wir sind eigentlich einOrt der Produktion. Dazu haben wir imletzten Jahr eine ganze Gesprächsreihe,die MMK-Talks, veranstaltet, bei der es umdie Frage ging, inwiefern das Museum fürGegenwartskunst nicht nur ein Ort derPräsentation, sondern auch der Produktionist – der Produktion von Kunstwerken, vonWissensinhalten usw.? Wen haben Sie gerade in Arbeit?! Im Moment arbeiten wir an einerAusstellung mit Douglas Gordon, die EndeNovember eröffnet wird. Auch bei Douglasist es so, dass wir uns schon sehr langekennen und ich schon vorher mit ihmzusammengearbeitet habe. Und jetzt wareinfach der richtige Zeitpunkt, zusammeneine größere Ausstellung zu machen.Für nächstes Jahr plane ich eine großeAusstellung mit Thomas Scheibitz, mit demich auch schon seit zwei Jahren darüber imGespräch bin.? Wie gehen Sie dabei vor?! Ich versuche vor allem die Rahmenbedingungenfür den Künstler so zu schaffen,dass er seine Vorstellungen realisieren kann.Denn daraus entstehen meiner Erfahrungnach immer die stärksten Ausstellungen. Inmeiner Ausstellungsgeschichte waren dasimmer die besten Projekte mit den überzeugendsten,spannendsten und oft aucheinschneidendsten Ergebnissen, wenn mandie Künstler nur machen lässt. Da muss manzwar als Kurator wie ein Sparringspartnerzur Seite stehen – bei Fragen muss man dasGanze vielleicht in die eine oder andereRichtung steuern. Aber ich versuche immermöglichst wenig Vorgaben zu machen.? Wie war das bei Schlingensief?! Während der Vorbereitungen warenwir auch in einem solchen Gesprächsfluss,hatten uns regelmäßig getroffen und dabeiwaren auch schon einige Ideen entstanden,so wie ich es in dem Vorwort des Bucheszum Deutschen Pavillon beschriebenhabe (auf Deutsch erschienen im VerlagKiepenheuer & Witsch und auf Englisch beiSternberg Press). Nach Schlingensiefs Todhabe ich zusammen mit Aino Laberenz, derFrau des Künstlers, dann aber sehr schnellentschieden, diese Ideen nicht zu realisieren,weil sie in vielerlei Hinsicht noch offenwaren. Ich habe dann ein Team aus engenMitarbeitern von Schlingensief gebildet, dieüber Jahre hinweg mit ihm gearbeitet haben,und viele Gespräche mit Leuten geführt, dieihn und sein Werk sehr gut kannten, wiezum Beispiel Alexander Kluge und ChrisDercon. So haben wir sehr lange versucht,einen offenen Prozess in Gang zu halten.Meine Rolle dabei war die einer Moderatorin,die an bestimmten Punkten, die mir richtigerschienen, Entscheidungen getroffen hat.Aber immer auf der Basis einer Diskussionmit dem gesamten Team. Ich hätte dasniemals ganz allein machen können.? Das kommt mir so vor wie die Arbeiteines Vorstandsvorsitzenden, der sichzuerst die Argumente seiner Vorständeanhört und dann entscheidet, was gemachtwird.Ai Weiwei Serge Spitzer, Ghost Gu Coming Down the Mountain, 200506 RaumansichtMMK, MainTor, 2011 Foto: Axel Schneider


Roy Lichtenstein, We Rose Up Slowly, 1964 © VG Bild-Kunst, Bonn 2011! So ungefähr (lacht).? Was ist an der gezeigten Arbeit „EineKirche der Angst vor dem Fremden in mir“im Deutschen Pavillon auf der Biennale diVenezia deutsch und was universell?! Ich habe mich damals bewusst füreinen Künstler entschieden, der sich inseinem Werk mit Fragen beschäftigt, diedieses Land betreffen: gesellschaftlicheFragen, politische Fragen, soziale Fragen,menschliche Fragen – und das über fast dreiJahrzehnte hinweg in aller Konsequenz undRadikalität und kritischer als jeder andereKünstler. Man könnte vielleicht sagen, dassChristoph Schlingensief sich nicht nurinhaltlich mit Deutschland beschäftigt hat,sondern dass auch die Tiefgründigkeit undExistenzialität mit der er das gemacht hat,in einer bestimmten deutschen Traditionsteht. Aber gleichzeitig stellt ChristophSchlingensief alle diese Fragen durchsein Afrikaprojekt in einen globalen,transnationalen Kontext.? Würden Sie Christoph Schlingensiefeher als bildenden Künstler, als Regisseuroder als...! ...Er war einfach Künstler. Undalle weiteren Bezeichnungen oderKategorisierungen finde ich unergiebig.Er war nie nur Regisseur oder nurTheatermann. Er hat sich immer gegenden jeweiligen Betrieb aufgelehnt – auchgegen den Kunstbetrieb. Vielleicht ist er amehesten Filmemacher. Er hat ja mit achtJahren angefangen, Filme zu machen. Unddas war er, glaub ich, mit Leib und Seele.? Was meinen Sie, woher kommt beiihm dieses Alles-in-Frage-stellen?! Das war einfach ein Wesenszug vonihm. Christoph Schlingensief war ja einsehr gläubiger Mensch. Er wurde katholischerzogen und im Rahmen dessen natürlichauch zu Ehrlichkeit. Für ihn war es völligunmöglich, zu lügen. Das ging so weit, dasswenn seine Mutter ihn fragte, ob ihm dasEssen schmecke, er nicht die Unwahrheitsagen konnte. Er hat in jedem Kunstwerk,in jedem Interview, in jedem Theaterstückimmer sehr ehrlich und sehr direkt seineMeinung gesagt. Das war natürlich schwierigfür das Publikum und für die Leute, die mitihm gearbeitet hatten. Und das wäre fürmich sicherlich auch schwierig geworden.Ich will mich da gar nicht ausnehmen.Nein, Christoph Schlingensief war vongnadenloser Ehrlichkeit und Direktheit unddas merkt man seinen Arbeiten auch an.? Wenn man die Arbeiten nuroberflächlich betrachtet, hat man leichtden Eindruck, er sei ein Krawallmacher.! Nein. Das war er überhaupt nicht.Und auch das Thema der Provokationstand für ihn nie im Vordergrund. Es gingihm wirklich darum, Dinge zu sagen, dieihn zutiefst beschäftigt haben. Und daswaren eben oft politische, aber auch ganzpersönliche Themen. Er hat sich auchimmer wieder selbst und seine Arbeitenin Frage gestellt. Und dass das für einigeLeute provokativ war, kann ich mir schonvorstellen, weil sie sich vielleicht selbstnicht hinterfragen wollten oder konnten.Jeder, der sich offen zum Beispiel auf seinletztes Theaterstück „Remdoogo – ViaIntolleranza II“ eingelassen hat, kam danicht ungeschoren heraus. Ich weiß nicht,wie es Ihnen dabei ging. Mich hat es aufjeden Fall unglaublich bewegt.? Wenn man Ihnen so zuhört, wirddeutlich – und damit kommen wir wiederauf den Anfang unseres Gesprächszurück –, wie wichtig es ist, dass esMenschen gibt, die einem die Spracheeines Künstlers übersetzen. Fühlt mansich in Ihrer Rolle manchmal wie ein


Psychotherapeut, der – jetzt mal ganzhart und böse ausgedrückt – Botschaftenvon Autisten für die normale Weltübersetzt?! Ein bisschen ist es vielleicht so. Ja,das ist schon richtig. Man vermittelt eineBotschaft. Aber wie gesagt, Künstler sindalles andere als Autisten. Da gibt es einigedie sind regelrechte Kommunikationsgenies.Das MMK? Wenn Sie „nur“ Kuratorinwären, würden Sie von Museumzu Museum eilen, Ihre Aufträgebekommen und wunderschöne undbewegende Ausstellungen machen.Aber als Museumsdirektorin müssenSie dafür sorgen, dass die Menschenins Museum kommen und all das auchnoch finanziert ist. Wie bekommtman die Spannung zustande, dassim Museum Ausstellungen zu sehensind, die den Kunsthistoriker undFachmann reizen aber eben auch denMainstream ansprechen – und ihnauch ansprechen SOLLEN –, was ja eingroßer Unterschied ist? Nur einfachmit der Wurst nach der Speckseitezu werfen, das haben sich die meistenFernsehanstalten auf die Fahnegeschrieben. Für ein Museum existiertda ja noch ein ganz anderer Anspruch.! Ich fand es hier in Frankfurt vomersten Tag an wichtig, das Museum stärkerzu öffnen. Das MMK hatte einen elitärenStatus. Aber ich sehe ein Museum nichtals elitären Ort, der sich nur an eineBildungselite richtet. Also war es mein Ziel,die Türen demonstrativ allen möglichengesellschaftlichen Gruppen gegenüber zuöffnen. Das haben wir durch verschiedeneProgramme gezielt getan: Programmefür Kinder, Programme für Jugendliche.Wir haben intellektuell anspruchsvolleVeranstaltungen geplant ebenso wie solche,die einfach nur Spaß machen sollten, wiedie MMK-After-Work.Dabei bin ich allerdings nicht bereit,die Inhalte zu kompromittieren. Man mussdas Profil eines Hauses sehr stark, klarund konsequent herausarbeiten. Und imnächsten Schritt muss man dieses Profilvermitteln. Das schließt sich nicht aus.Selbst die kompliziertesten Inhalte lassensich vermitteln. Deshalb spielt Vermittlungbei uns eine zentrale Rolle und dadurchhaben wir das Publikum unseres Hausesin den letzten zweieinhalb Jahren starkverändert. Es kommen jetzt viel mehrjüngere Leute ins Haus. Es kommenFamilien, es kommen Businessleute,Studenten und endlich auch wieder dieStädelschüler, also die jungen Künstler, waslange nicht mehr der Fall war. Und es machtgroßen Spaß hier in Frankfurt zu arbeiten,weil die Leute auch schwierige Dingeannehmen. Das ist einfach toll.? Muss diese Vermittlung„unterhaltsam“ sein?! „Unterhaltsam“ würde ich nicht sagen,aber man muss sich schon etwas einfallenlassen. Wir machen viel partizipatorischeProjekte, gerade mit Kindern. Da habenwir tolle Workshops, bei denen die Kinderzum Beispiel eine eigene Museumszeitungmachen, mit Künstlern zusammen etwasbauen, eigene Ausstellungen kuratieren.Dabei lernen und begreifen sie wahnsinnigviel. Auf diese Weise können wir auch einbisschen davon kompensieren, was in denöffentlichen Schulen im inzwischen starkeingeschränkten Kunstunterricht nicht mehrmöglich ist.Dann gibt es Workshops für Erwachsene,die oft in Gesprächsform stattfinden. Das istumso wichtiger, weil die Gegenwartskunstja keine Kunst ist, die der reinen Erbauungdient, sondern der Fragestellung und desDiskurses. Wir verstehen deshalb unserHaus als einen Ort, in dem Gesprächegeführt werden sollen und diskutiert werdensoll. Es geht nicht darum, dass man amMario Merz, At still point of the walking world, 1991 Installationsansicht MMK, 2011 © VG Bild-Kunst, Bonn 2011


leer sein. An solche Überlegungen kannman metaphysische oder meditativeOst-West-Überlegungen anschließen –oder wie auch immer. In jedem Fall istein Einfall ein Magic Moment, weil manzum ersten Mal etwas versteht oderneu sieht – oder einen Zusammenhangerkennt. Kennen Sie solche MagicMoments, wenn Sie sich mit einemKünstler beschäftigen? Und wenn ja,wie erleben Sie sie?! Die gibt´s schon. Zum Beispielbei Schlingensiefs „Remdoogo – ViaIntolleranza II“. Da kam ich verändertwieder heraus... Ein Film, in dem ichfassungslos drei Stunden lang gesessenbin, war Lars von Triers „Dogville“. Aber esgibt auch Kunstwerke, vor denen Sie stehenund gar nicht in Worte fassen können,WAS Sie da sehen. Ich finde Kunstwerkedann am besten, wenn sie erst einmal eineÜberraschung in mir auslösen. Und etwas,was ich noch gar nicht formulieren kann.? Es muss also etwas Überraschendeshaben?Ende alles verstanden hat. Es geht vielmehrdarum, dass man sich durch die Kunstwerkeinspirieren lässt, bestimmte Fragen zustellen. Und deshalb ist für mich eine guteAusstellung eine, die im Betrachter Fragenauslöst und Dinge anspricht, die ihm sonoch nicht bekannt waren.? Wie ändert sich unsere Fähigkeit,zu sehen, in einer Zeit, in der wir immermehr in unseren eigenen vier Wändenmit den unglaublichsten Bildern aus allerWelt zugemüllt werden?! Die Wahrnehmung, das Sehen derMenschen hat sich insbesondere durchdie digitalen Medien verändert. DerWahrnehmungsmodus ist heute auf dieOberfläche ausgerichtet, auf Schnelligkeitund Produktivität – also auf Sehenund Konsumieren. Das ist EINE Form derWahrnehmung. Deshalb ist es wichtig,eine andere Form dagegen zu setzen.? Was setzen Sie dagegen?! Das kann alles Mögliche sein.Wenn Sie eine Ausstellung von OlafurEliasson sehen, setzen Sie die sinnlicheWahrnehmung und deren Komplexitätdagegen. Dann gibt es die Reflexion unddas Hinterfragen, wie zum Beispiel dieMedienreflexion bei Thomas Demand.Bei Christoph Schlingensief ist es derStephan Balkenhol, 57 Pinguine, 1991Installationsansicht MMK, MainTor, 2011, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2011, Foto: Axel Schneider.direkte Angriff auf die Emotionen. Dageht es immer um die totale Involvierungdes Betrachters. Oder die Konzeptkunst:Wenn Sie Hanne Darbovens so genannte„Schreibzeit“ nehmen, dann sprengt dasalles, was man bisher im herkömmlichenUmgang mit Zeit gelernt hat.? In der deutschen Sprache gibt esden wunderbaren Begriff Einfall, wasja wörtlich aussagt, dass etwas vonoben, der Schwerkraft folgend, in einenhineinfällt. Damit der Einfall auch einentrifft, muss der Kopf offen sein, sagendie einen. Andere meinen, er müsse dazu! Ich finde Überraschungen etwasWunderbares.? Darf ich das als Überschriftverwenden?! Gerne.N7 Nachmann Rechtsanwälte gratulierenFrau Dr. Gaensheimer zur höchsten Auszeichnungder „Biennale di Venezia 2011“ – dem„Goldenen Löwen“ für den von ihr kuratiertendeutschen Pavillon.


my bavariaSeite 70„Unser Wohlstandbasiert auf Wissens-,Innovations- undIndustriekompetenz“Ein Gespräch mit Dr. Günter vonAu, dem CEO der Süd-Chemie, der seinUnternehmen so zukunftsfit aufgestellthat, dass er nicht nur Begehrlichkeitenbei der Konkurrenz für eine Übernahmegeweckt hat, sondern mit der ClariantAG einen Partner fand, mit dem alleInteressen optimal vereint wurden.Die Süd-Chemie stellt mit rund 6500Mitarbeitern an weltweit etwa 120Standorten innovative Katalysatorenund so genannte Adsorbentien her.Diese Technologien erhöhen dieEffizienz zahlreicher Industrieprozesseund sorgen für einen schonendenUmgang mit natürlichen Ressourcen.Wir sprachen mit Dr. Güntervon Au über Zukunftstechnologien,Biokraftstoffe, China und denAtomausstieg.? Herr Dr. von Au, Ihr Unternehmenist bemerkenswert gut aufgestellt.Wie finden Sie und Ihre Forscher dieInnovationsfelder, in die Sie investieren?! Wir stellen uns immer wieder zweiFragen. Erstens: Was sind die großenHerausforderungen für die Menschheit? Undzweitens: Was können wir zu ihrer Lösungbeitragen? So erkennen wir Megatrendsfrühzeitig und finden Bereiche, in denen wirmit unseren Technologien für Fortschrittsorgen können. Beispiele dafür sind etwadie Energiefrage, Maßnahmen gegen denKlimawandel oder die bessere Versorgungder wachsenden Weltbevölkerung mitNahrungsmitteln.Nehmen wir einmal die Energiefrage:Bis heute ist der fossile Rohstoff Erdöl derzentrale Energieträger der Weltwirtschaft.Wenn wir so wie bisher weiter produzieren,wird es Erdöl jedoch schon in wenigenJahrzehnten nicht mehr oder nur noch zueinem unangemessen hohen Preis geben.Der Rohstoff ist genau wie Gas und Kohleendlich, deshalb müssen Alternativen her!Wir haben uns also gefragt, wie und inwelchen Bereichen wir Erdöl als Rohstoffersetzen können. Besonders aussichtsreicherschien die Substitution von Erdöl durchBiomasse in der Kraftstoffherstellung.Stichwort: Biosprit.Illustration: Liga Peteris Kitchen Lidaka


Tank oder Teller?Beides!? Aber Biotreibstoffe haben ja auchschon Negativschlagzeilen geschrieben.Stichwort: Tank oder Teller.! Da haben Sie völlig Recht. Die bereitsexistierenden, so genannten Biokraftstoffeder ersten Generation werden ausPflanzenteilen gewonnen, die eine wichtigeRolle in der Nahrungsmittelversorgungspielen. Bei Biokraftstoffen aus Zuckerrohr,Mais oder Raps kommt es daherunweigerlich zu einer Konkurrenzsituationzwischen Tank oder Teller. Das istgesellschaftlich nicht akzeptabel. Wir gehendeshalb einen anderen Weg und haben einVerfahren entwickelt, das nicht essbarePflanzenteile, beispielsweise Agrarreststoffewie Stroh, mit Hilfe spezieller Enzyme inKraftstoffe wie Bioethanol umwandelt.Um das zu erreichen, haben wir vorfünf Jahren eine zentrale Forschungseinheitaufgebaut und viele hervorragendeWissenschaftler akquiriert. Heute stehenwir kurz vor der Kommerzialisierung desneuen Verfahrens und haben im Juli denGrundstein für eine Demonstrationsanlagegelegt. Sie wird in Straubing, im Herzender Kornkammer Niederbayerns, errichtetund soll schon ab Ende 2011 Biokraftstoffaus Weizenstroh herstellen. Wir lösenden Konflikt „Tank oder Teller“, indem wirausschließlich Pflanzenreste verwerten– und den Menschen und Tieren dieFeldfrüchte zur Ernährung lassen.? Der Weizen kann weiterhin zu Brotverarbeitet werden, während das Stroh,das sowieso untergepflügt würde, in dieHerstellung von Biosprit geht?! Exakt. Ein Teil des Strohs mussaus düngetechnischen Gründen zwarweiterhin untergepflügt werden – aberdas haben wir bei der Kalkulation desBiosprits schon mit eingerechnet.? Und wie sieht es mit der CO 2-Bilanz aus?! Auch bei der Verbrennung vonBiosprit entsteht natürlich CO 2. Aberdiesen Anteil hat sich die Pflanze zuvordurch Photosynthese aus der Luft geholt.Das ist ein Kreislauf. Allerdings hat auchunser neues Verfahren einen gewissenEnergiebedarf, so dass die Bilanz nicht zu100 Prozent aufgeht – aber immerhin dochzu 80 bis 90 Prozent, in Zukunft vielleichtsogar noch besser.? Sie stellen sich also gesamtwirtschaftlicheFragen undversuchen herauszufinden, wie mansie wirtschaftlich attraktiv und inökologisch verträglicher Form lösenkann. Stehen Sie damit allein auf weiterFlur?! Nein. Man sieht ja an vielen Stellen, dassInnovation gerade bei deutschen Firmen einensehr hohen Stellenwert genießt. Die chemischeIndustrie hierzulande investiert 3 bis 3,5Prozent ihres Umsatzes in die Forschung.Bei der Süd-Chemie sind es durchschnittlichsogar mehr als 5 Prozent. Das mindert zwarkurzfristig unser Geschäftsergebnis, istaber notwendig, um langfristig eine hoheInnovationskraft zu erhalten. Und die ist fürein Technologieunternehmen wie die Süd-Chemie essentiell. Damit sichern wir auchzukünftig die Gewinne und den Fortbestanddes Unternehmens.Nicht nur sauber,sondern rein? Deutschland lebt nun mal vomRohstoff „Gehirn“ seiner Menschen.Gab es dieses Innovationsdenken schonimmer bei der Süd-Chemie?


! Ich denke schon. Innovation undWissensvorsprung haben bei uns eine langeTradition und waren gewissermaßen derUrsprung des Unternehmens. Gegründetwurde die Süd-Chemie 1857, um künstlicheDüngemittel zu produzieren – nacheinem neuen Verfahren, das einer unsererGründungsväter, der berühmte ChemikerJustus von Liebig, entwickelt hatte. Späterkamen dann die heute unverzichtbarenAdsorbentien – auf gut Deutsch„Bindemittel“ – hinzu.Wir stellen sie vor allem aus demnatürlichen Tonmineral Bentonit her –ein Rohstoff, den wir in der Hallertaunordöstlich von Freising vor über 100Jahren entdeckt hatten und heute auf derganzen Welt abbauen. Dank seiner Strukturverfügt der Bentonit über eine extrem großeinnere Oberfläche und damit über dieFähigkeit, unerwünschte Stoffe zu binden –beispielsweise aus Speiseölen.Nahezu jedes zweite, heute im Handelerhältliche Speiseöl wird in der Herstellungmit einem unserer Produkte behandelt. Eswäre sonst trüb und nicht so lange haltbar.? Was reinigen Sie sonst noch?! Luft. Wir sind einer der führendenAnbieter von Katalysatoren für dieindustrielle Luftreinigung. Zudementwickeln wir neue Technologien fürdie Dieselabgasreinigung bei schweremGerät – also bei Baggern, Trucks undOmnibussen. Hier gibt es durch immerstrengere Abgasnormen eine weltweit großeNachfrage.? Sie stellen also Produkte undTechnologien her, deren Leistungen fürden Endverbraucher unsichtbar bleiben?! Ja. Als Spezialchemieunternehmenbewegen wir uns in hoch entwickeltenNischenmärkten, die kaum einerwahrnimmt. Beispielsweise wenn es umLösungen zum Schutz von Medikamentenoder Elektronikgütern vor Feuchtigkeit geht.? Sie meinen diese kleinen Beutelchenin der Verpackung, wenn man etwa eineKamera kauft?! Nein. Denn zum einen entwickelnwir ja die allermeisten unserer Produktein enger Anlehnung an unsere Kunden.Wenn wir aber mit Innovationen ganzneue Wege beschreiten, dann liegtdarin für ein forschungsgetriebenesUnternehmen wie die Süd-Chemieunsere besondere Stärke. Denn sokönnen wir uns auf die Entwicklunginnovativer Verfahren konzentrieren.Beispiel „Batterietechnik”: Wir haben voracht Jahren, anfangs durch reinen Zufall,eine Möglichkeit zur Herstellung vonLithium-Eisen-Phosphat entwickelt. Alsso genanntes Kathodenmaterial eignetes sich hervorragend als Energiespeicherfür Lithium-Ionen-Batterien. Diesearbeiten bisher mit Batteriematerialien,die zum Überladen neigen, dabei großeHitze freisetzen und explodieren können.Bei kleinen Batterien für Laptops oderMobiltelefone ist das Risiko relativ gering.Aber zum Betrieb von Autos oder alsSpeichermedium für Solaranlagen inprivaten Haushalten sind weitaus größereEinheiten erforderlich. Um die Gefahren zumindern, werden herkömmliche Lithium-Ionen-Akkus mit einem Stahlmantelumgeben. Das macht sie schwer, teuer undungeeignet für die Anforderungen derElektromobilität.Elektromobilität ist aber eines derwichtigsten Zukunftsthemen. Deshalbhaben wir Lithium-Eisen-Phosphatals Batteriematerial konsequentweiterentwickelt und verfügen heute? Das gute Olivenöl, das wir so gerneverwenden, auch?! Das Olivenöl der ersten Pressung nicht.Wenn es in spätere Verarbeitungsstufenkommt, dann schon.Wir reinigen mit unseren Adsorbentienaber nicht nur Lebensmittel, sondern auchWasser. Angesichts des weltweit steigendenWasserbedarfs ist das eine der größtenZukunftsherausforderungen. Bereits heutehaben zwei Milliarden Menschen keinenZugang zu sauberem Trinkwasser. Wir sindmit unseren Produkten und Technologienin ausgewählten Nischenmärkten fürdie Wasserreinigung deshalb nicht nurhierzulande, sondern gerade in den LändernAfrikas sowie in den Emerging CountriesSüdamerikas und Asiens gut vertreten.! Im Prinzip ja. Allerdings habenwir uns auf Hochleistungslösungenspezialisiert. Unsere Trockenmittel steckenbeispielsweise in den Stopfen vielerArzneimittelverpackungen oder sie werdendirekt in die Kunststoffverpackung integriert.? Dementsprechend ist der Name Süd-Chemie auch nur wenigen bekannt.! Unsere Kunden sind andereIndustriepartner und die kennen uns.? Ist das für die Einführung neuerProdukte nicht sehr mühsam? Dennwenn Sie ein neues Produkt entwickelthaben, müssen Sie davon ja erst einmalIhre Kunden überzeugen, damit diesees im zweiten Schritt in ihre Produkteintegrieren.


über ein marktreifes Produkt. In Kanadabauen wir gerade für 60 Millionen Euro dieweltweit größte Anlage für dieses zugleichleistungsfähige und sichere Batteriematerial.Sie wird ab Ende 2011 die Produktionstarten. Zudem streben wir direktePartnerschaften mit unseren Kunden– große Batteriehersteller in aller Welt –an, um die stark wachsende Nachfrage,insbesondere in China, noch schnellerbedienen zu können. Dies ist der für unstypische Weg, einen Markt aufzurollen – alsTechnologiepartner großer Industrieplayer.? Welche Rolle spielt beim Thema„Elektromobilität“ das AutolandDeutschland?! Ich bin Mitglied der „NationalenPlattform Elektromobilität“. DiesesGremium berät die Bundesregierung inFragen der Elektromobilität. Erklärtes Zielder Regierung ist es, dass auf DeutschlandsStraßen im Jahr 2020 mindestens eineMillion Elektroautos fahren. Das sind zweiProzent der bis dahin wohl 50 MillionenFahrzeuge. Zwei Prozent klingt nichtviel. Aber daraus abzuleiten, dass keinebesonderen Anstrengungen nötig sind,wäre fatal. Denn damit würden wir eineganz wichtige Entwicklung verschlafen.Hier sollte die Automobilindustrie sehraufpassen...? ...weil sie ja schon einigeEntwicklungen verschlafen hat?! Das finde ich zwar nicht. Aber sie mussjetzt die Entwicklung der notwendigenTechnologien anschieben. Denn dieElektromobilität wird kommen. Ein Problemfür die deutsche Automobilindustrie ist:Heute muss sie sich auf Komponenten ausAsien verlassen, weil es in Deutschlandkeine Batteriehersteller mehr gibt. DieBatterie ist aber die Kernkomponente desElektroautos. Deshalb sollte Deutschlandeine solche Industrie wieder aufbauen, ersteAnsätze dazu gibt es bereits.? Wann wurde in Deutschland diewichtige Batterieproduktion aufgegeben?! Das war in den siebziger Jahren.Elektrochemie schien damals nichtbesonders attraktiv, weshalb die Forschungan den Unis erlahmte. Die Produkte ausAsien waren außerdem deutlich günstiger.Und so schlief diese Technologie bei uns ein– und erblühte in Asien. Dadurch haben wirden Anschluss verpasst.Das Beispiel zeigt, wie wichtigForschung und Innovation für Deutschlandsind! Ohne Innovationen verlieren wirdie Produktion und unsere Bedeutung alsIndustriestandort. Wissens-, InnovationsundIndustriekompetenz sind aber die Basisunseres Wohlstands. Diese Ressourcen sindunser Kapital im globalen Wettbewerb.Man sieht übrigens an England, wohindas führen kann: Die haben sich aufDienstleitungen und den Finanzsektorausgerichtet und haben den Ausbau ihrerIndustrien deutlich zurückgeschraubt.Damit verlieren sie aber eine wichtige Basisfür ihre wirtschaftliche Unabhängigkeitund die Möglichkeit, dringend benötigteArbeitsplätze auch für geringer qualifiziertejunge Menschen nachhaltig anbieten zukönnen.? Man kann eben nicht nur das Geldanderer verwalten?! So ist es. Man muss „Wert schöpfen“!Und ich bezweifle, ob Wertschöpfung heißt,eine Aktie von A nach B zu verkaufen. Wasist da der Wert?? Und damit sind wir bei den originärdeutschen Tugenden.! Absolut. Das zeigt sich auch imGeschäftsalltag: Gerade wegen dieserKompetenzen sind wir anerkannte undim Ausland auf allen Industrieebenengeschätzte Partner, besonders in Asien.Daraus entstehen unsere Geschäfte.ChinesischeEhrerweisungen? Nun hat man ja den Verdacht, wennich das mal holzschnittartig formulierendarf, dass sich der Chinese alles genauanschaut, was der Deutsche erfindet,um es danach zu kopieren. Ist das eineernsthafte Gefahr oder tut sich indiesem Punkt etwas im Reich der Mitte?! Beides trifft zu. Dennoch sollten wiruns vor bequemen Vorverurteilungenhüten. So hat die gefürchtete Kopierfreudeasiatischer Unternehmen durchauskulturelle Wurzeln, und zwar imkonfuzianischen Weltbild. Es besagt, dassder Unerfahrene dem Weisen nacheifernund ihn gewissermaßen kopieren solle.Im Denken der Menschen ist das vielfachnoch tief verankert und wird keineswegsals verwerflich betrachtet. Im Gegenteil:Dieses Nacheifern gilt sogar als eine Formder Ehrerweisung. Zeigt es doch, dassman den Erfahrenen schätzt und seinemVorbild folgt. Das ändert natürlich nichts ander Tatsache, dass man als Unternehmenaufpassen muss, am Ende nicht dasNachsehen zu haben.Diese Erkenntnis setzt sich auchin China immer stärker durch. DennChina ist inzwischen ein Land mitvielen, sehr innovativen Unternehmen.Während es bei uns immer schwierigerwird, hochqualifizierte Arbeitskräfte zufinden, drängen dort Millionen jungeWissenschaftler auf den Markt, die anneuen Technologien forschen wollen – undes auch können. Chinesische Unternehmenmüssen ihr Know-how deshalb inzwischenselbst vor unberechtigten Zugriffenschützen. Daher zeichnet sich der klareTrend ab, das Patentrecht in China zustärken und legale Möglichkeiten zuschaffen, um Patente und Lizenzenwirksam durchzusetzen.? Sind Sie oft im Reich der Mitte?! Die Süd-Chemie betreibt in Chinaacht eigene Standorte mit fast 1000Beschäftigten. Unter dem Dach desClariant-Konzerns sind es nun nochdeutlich mehr geworden. Als Süd-Chemie-Vorstandsvorsitzender undsicher auch künftig als Mitglied imClariant-Verwaltungsrat gehört es zumeinen Aufgaben, Präsenz zu zeigen undden regelmäßigen Dialog mit unserenchinesischen Partnern zu führen.Wie kommt das Neuein die Welt?? Ich möchte noch einmal aufden Anfang unseres Gesprächszurückkommen. Sie haben gesagt, dassIhr Unternehmen systematisch nachneuen Geschäftsmöglichkeiten sucht,indem es Bedarfssituationen analysiert.Aber wie finden Sie dann die Lösungenfür einen erkannten Bedarf?! Sie müssen die Kreativität ihrerMitarbeiter zulassen und fördern. Beideshört sich simpel an, ist aber nicht einfachzu realisieren. Kreativität lässt sich nichtverordnen. Aber wir haben einen Prozessetabliert, mit dem wir Innovation steuern.In diesem so genannten „Gate-Review-Prozess” befinden sich bei uns derzeitrund 300 Projekte in unterschiedlichenEntwicklungsphasen. Mit Hilfe einesspeziellen IT-Systems analysieren wir diejeweiligen Fortschritte und entscheiden,welches Projekt mit welchem Aufwandvorangetrieben oder eingestellt wird.


? Geht das bis in den Vorstandhinauf?! Ja natürlich. Ich bin dabei, wenn dieEntwicklungsteams in letzter Instanzihre Projekte vorstellen und diskutieren.Das gehört zu meinen Aufgaben in derSüd-Chemie und sicher künftig auch beiClariant.? Man spürt, dass Sie als Chemikeran neuen Ideen sehr interessiert sindund nicht nur die Zahlen im Kopfhaben.! Das ist richtig. Denn ich bin davonüberzeugt, dass man technologischeNeuerungen zunächst mal verstehen muss,um ihre Entwicklung managen zu können.Zahlen und Marktanalysen allein reichennicht aus.? Die Erfolge der Süd-Chemiegeben Ihnen Recht. Wie man derFachpresse entnehmen konnte, ist dasUnternehmen hervorragend aufgestellt,weshalb es ja erst die Begehrlichkeitenaus dem neutralen Ausland gab. Oder?! Im Grunde wurde die Süd-Chemienicht jetzt, sondern bereits vor fünfJahren verkauft. Damals sind dieGroßaktionäre Allianz, BayerischeLandesbank, Possehl- und späterauch noch die Messerschmitt-Stiftungausgestiegen. Mit One Equity Partners(OEP) übernahm ein Private-Equity-Unternehmen ihre Anteile und hieltschließlich 50,4 Prozent der Aktien. Dassdie OEP als Private-Equity-Gesellschaftein Exit-orientiertes Geschäftsmodellverfolgt hat und sich nach einigen Jahrenmit Gewinn von ihrem Investment Süd-Chemie getrennt hat, ist ihr gutes Rechtund keine Überraschung. Ich bin jedochüberzeugt, dass eine Lösung gefundenwurde, die allen Stakeholdern gerechtwird. Die Übernahme durch Clariantist aus unserer Sicht wirtschaftlichsinnvoll und bestätigt die hoheWertschätzung für die Süd-Chemieaufgrund ihrer guten Marktstellungund Wachstumsperspektiven. Nebendem erfolgten Ausstieg von OEP bleibendank des Aktientauschs zudem dieTraditionsaktionäre der Süd-Chemie– mit einem nicht unerheblichenAnteil an Clariant und Sitzen imClariant-Verwaltungsrat – weiterhinunternehmerisch tätig. Und das operativeGeschäft der Süd-Chemie wurde nichtzerschlagen. Im Gegenteil: Als weitgehendeigenständige Business-Units „FunctionalMaterials” und „Catalysis & Energy”unter dem Dach des Clariant-Konzernsprofitieren unsere Geschäftsaktivitätenvon den nun noch globaleren Strukturen,was sowohl im Sinne unserer Kundenals auch der Mitarbeiter in denGeschäftsbereichen ist. Süd-Chemieund Clariant ergänzen sich und werdengemeinsam weiter wachsen. Und auch ichwerde nach Aufgabe meines Postens alsVorstandsvorsitzender bei der Süd-Chemiein den Clariant-Verwaltungsrat eintreten.Momentan als Vorstandschef der Süd-Chemie gilt mein Hauptaugenmerk jedochder Integration der Süd-Chemie in dieClariant und der Wahrung der Interessenunserer Mitarbeiter und Aktionäre.? Eine letzte Frage: In dieserAusgabe sagt der Deutschland-Chefvon Intel, dass der Atomausstiegeine Riesenchance für denTechnologiestandort Deutschland sei.Wie bewerten Sie den Atomausstieg?! Aus Sicht der Süd-Chemie müsste ichsagen: Das kommt uns gerade recht. Wirbieten ja mit der Treibstoffherstellungaus nachwachsenden Rohstoffen undden Materialien zur Energiespeicherungzwei entscheidende Technologien an,die jetzt verstärkt gebraucht werden.Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist dieEntscheidung dagegen ein Husarenrittder Politik. Denn sie wurde getroffen,ohne zu wissen – oder zumindestfundiert vorhersagen zu können –, was2022 die Alternativen zum Atomstromsein werden, wie teuer der Ausstiegsein wird und wie eine sichereStromversorgung künftigorganisiert sein soll. AlsUnternehmer und Managerwürde ich niemals eineso riskante Entscheidungtreffen. Das sage ich auch alsVorsitzender der BayerischenChemieverbände. Denn geradedie bayerische Wirtschaft und mitihr die besonders energieintensiveChemieindustrie ist zu 60 Prozent vomAtomstrom abhängig.Verstehen Sie mich nicht falsch. Ichbin kein Verfechter des Atomstroms. Ichargumentiere als Unternehmenslenker,der seine Entscheidungen bestimmtenKriterien unterwirft. Deshalb sage ich:Die Politik hätte die möglichen Szenarienvorher intensiv prüfen müssen – von denKosten über die Alternativen bis hin zuden technologischen Möglichkeiten.•N7 Nachmann Rechtsanwälte sehenin Dr. von Au ein Unternehmervorbildund gratulieren ihm zu den neuenHerausforderungen in der Clariant AG.


my germanySeite 80Von Andreas Lukoschik„Aus wirtschaftlicherSicht ist der Atomausstiegfür die deutscheExportlandschaft eineRiesenchance!“Wir haben uns mit HannesSchwaderer, Geschäftsführer von Intelund Director Energy Sector Europe,Middle East & Africa, über zwei wichtigeZukunftsfragen unterhalten: Wieorganisiert man das Post-Atomstrom-Zeitalter so, dass es zum Gewinn fürDeutschland wird? Und wie gehen wirmit unserem wichtigsten Rohstoff um –Bildung?In beiden Fragen entwickelt Intelals weltweit größter Prozessorherstellerund führender Technologiekonzern gerademit seinem Deutschland-GeschäftsführerStrategien für die Zukunft.? Herr Schwaderer, warum istgerade Deutschland ein optimalerStandort für die Entwicklung neuerStrategien im Umgang mit alternativenEnergien?! In Deutschland haben wir ja nichtwie in Frankreich zu 90% Atomstrom undwären glücklich damit, sondern wir habenheute schon einen völlig fragmentiertenStrommarkt. Strom wird bei uns extremdezentral generiert: durch die vielenSolarpanels auf den Hausdächern, durchWindmühlen, durch Wasserkraft, durchBiogas- und Erdwärmeanlagen. So habenwir heute schon die Situation – die ja auchvon der Regierung gewollt war –, dass mangutes Geld dafür bekommt, wenn manStrom ins Netz einspeist. Eine Solaranlageamortisiert sich heute – trotz reduzierterEinspeisepreise – immerhin in acht, neunJahren. Wenn ein Sommer sehr verregnetist, vielleicht erst in zehn. Insofern ist dasein großes Incentive für viele Häuslebauer.Damit ist das also bereits ein Teil der Lösung– aber auch ein Teil des Problems.Illustration: Liga Kitchen


DezentraleStromerzeugung? Warum?! Weil auf der letzten Meile Stromverbraucht, aber auch produziert wirdund ins Netz zurückgespeist wird.Das führt zu schwer managebarenSpannungsschwankungen. Wenn beiIhnen zu Hause das Licht brennt und dreiGlühbirnen gleichzeitig abrauchen, dannliegt es daran, dass Sie eine Überspannungabbekommen haben, die Ihr Stromversorgernicht richtig managen konnte. Bei denGlühbirnen ist es nicht so schlimm.Wenn´s die Waschmaschine ist, wird´särgerlich. Für die Stromversorger wird derletzte Meter zu etwas wie einem „SchwarzenLoch”.Um solche Stromschwankungenzu vermeiden, arbeiten wir mitStromversorgern, die bereits jetzt dezentraleMessstationen aufgebaut haben. Das sindkleine Kästchen, in denen ein Computermisst, wann was beim Stromverbraucherpassiert und warum es passiert. Aberdie Erzeuger können noch nicht daraufsteuernd reagieren, weil sie weder Softwarenoch Computer haben, die das auswertenund dann in Steuerung umsetzen. Daranarbeiten wir zusammen mit anderenTechnologie-Unternehmen.Foto: Ralf Kaspers, New Jersey, 2006Das intelligente StromnetzWill man das aktuelle Netz zu einem„Intelligenten Stromnetz” umbauen – demso genannten „Smart Grid” –, dann ist dasein weitgefächerter Prozess. Man mussnämlich damit beginnen, dass man sogenannte „Smart Meter” installiert. Dassind digitale Stromzähler, die mit einemInternetanschluss verbunden sind und alle15 Minuten die Information zurückgeben,wie viel Strom gerade verbraucht wird. Dasermöglicht dem Versorger, den Strombedarfgenau zu erfassen. Sie wissen also ganzgenau, zu welchem Tageszeitpunkt SieSpitzen haben und wann sie abflachen.Dementsprechend kaufen Sie den Stromein oder produzieren ihn. Das hilft, weilja Strom auch Minutenpreisen unterliegtwie andere Waren an der Börse auch.Intelligenter wäre es, wenn wir über dieMessung hinaus auch bereits volatileStrompreise für den Verbraucher hättenund zwar abhängig von Bedarf undAngebot.? Also dann wäre Strom abends, wenndie ganze Familie zu Hause ist, teurer undtagsüber billiger?! Umgekehrt. Auch wenn esberufstätige Männer und Frauen so kennen,wie Sie gesagt haben, versammelt sich derGroßteil der Familie doch schon bereitszum Mittag im Hause. Und deswegen wäredas Preisgefüge anders herum. Tagsüberteurer – nachts billiger. Denn die Windräderdrehen sich auch nachts und die Isar fließtauch nachts und beide produzieren Stromfür niemanden. Es gibt nachts einfachweniger bis gar keine Abnehmer. Das wirdin gewissem Umfang bereits heute vonWirtschaftsunternehmen genutzt, weil derStrom für Unternehmen nachts tatsächlichbilliger ist. So werden Kühlhäuser nurnachts gekühlt, während sie tagsüber aufeine höhere Temperatur hinlaufen. Aberdank guter Isolation reicht das.Kurzum: Wir haben bei derStromerzeugung zur Zeit eine zwölfspurigeAutobahn, die wir brauchen, da mittagszwischen elf und ein Uhr gekocht wird.


Und dann verbraucht jeder Haushalt schonmal ein, zwei Kilowatt mehr als sonst. Undwenn die Dame des Hauses beim Kochenauch nochmal die Waschmaschine anmacht,dann sind es vier, fünf Kilowatt mehr, diegebraucht werden. Wir haben also einezwölfspurige Autobahn für zwei Stunden amTag, während wir nachts nur einen Feldwegbrauchen. Das ist also teuer und ökologischgesehen suboptimal. Wie kann man so etwasnun anders regeln?Erstmal, indem man Anreize auch fürPrivatkunden schafft, ihren Stromverbrauchüber die 24 Stunden des Tages zu verteilen.Weil Strom immer teurer wird, ist Geldfür uns Verbraucher ja immer ein starkesIncentive. Dabei würde ich als Verbraucherüber das gleiche Internet, über die meinStromerzeuger erfährt, wie viel Stromich verbrauche, selber wissen, wann derStrom billig ist. Dann würde ich zumBeispiel zu günstigeren Zeitpunktenmeine Waschmaschine einschalten. Undgenau das würde ein kleiner Computertun, dem ich gesagt habe: „Immer wennder Strom unter 17 Cent fällt, mach dieWaschmaschine an!” Da muss sich natürlichim Verbraucherverhalten einiges ändern.Denn die Dame des Hauses muss dieWaschmaschine vollpacken, Waschmitteleinfüllen und nur den Computer einschalten.Denn die Waschmaschine schaltet sich jaselbst ein, wenn der Strom billig ist.So könnte man die Stromspitzen überden Tag hin besser verteilen und könnte denStrom dann nutzen, wenn er im Überflussvorhanden ist. Dann muss ich auch nichtmehr so viel Strom produzieren. Wasbedeutet, dass man weniger Kraftwerkebraucht. Alle Kraftwerke müssen nämlichvolle Pulle laufen, wenn gekocht wird.? Diese sieben Atomkraftwerke, diejetzt abgeschaltet worden sind, warendemnach nötig zum Kochen?! Zum Beispiel.Wettervorhersagenfür gleichmäSSigereStromerzeugungWenn man dann weiterdenkt, dannweiß man auch in den Umspannwerkendurch solche Feedback-Informationen,wann ich wie viel Strom durch konstante,dezentrale Stromerzeugungsmöglichkeiten– wie Biogasanlagen und Erdwärmepumpen– zurückbekomme. Wasich noch nicht weiß, ist, wie viel Stromdurch wetterabhängige Anlagen entsteht.Also durch Solarzellen auf den Dächernund durch Windräder. Dafür werden heuteHöchstleistungsrechner gebaut, die dasWetter auf 5 Minuten und 100 Meter genauvorhersagen können. Zur Zeit entsteht dergrößte Computer der Welt in Garchingam Leibniz-Rechenzentrum mit sage undschreibe 7,6 Petaflops Leistung. Das sind 7,6Billiarden Gleitkommaoperationen. Odermit anderen Worten: Da arbeiten 33000Server parallel, um diese Rechenleistung zuerbringen.? Und da sind Prozessoren von Inteldrin?! In diesem Falle: Ja! Mit dieserRechenleistung kann man Stromversorgernbrauchbare Informationen liefern wie zumBeispiel, dass heute in Berchtesgaden dieSonne mit der und der Intensität zwischen12 Uhr und 13 Uhr scheint und dass danachein paar Wölkchen kommen, die aber durcherhöhtes Windaufkommen weggewehtwerden. Damit lässt sich einplanen, wie vielStrom mit den dort installierten Solarzellenerzeugt wird. Also kann der Stromversorgerals Folge davon zum Beispiel das Wasserkraftwerkam Kochelsee zu dieser Zeitrunterfahren und den dort im Überflussproduzierten Strom dazu nutzen, zu diesemZeitpunkt das Wasser wieder den Bergraufzupumpen. Dann kann er es morgen,wenn in Berchtesgaden mehr Wolken amHimmel sind und weniger Wind bläst, dazunutzen, wieder Strom aus Wasserkraft zuproduzieren.Autos als fahrbareBatterien nutzenEine andere Art, den Strom, den manproduziert hat, aber nicht gebrauchenkann, zu speichern, heißt „Batterie“. Undhier kommt das Automobil ins Spiel. Wiralle wollen ja ganz schnell zur „E-Mobility-Gesellschaft” werden. Das hat großeVorteile für die Umwelt, wenn man davonausgeht, dass der Strom fürs Auto CO 2-freiproduziert wird. Aber das ist wieder eineandere Frage. Zurück zum Auto als fahrbareBatterie: Wenn das Auto in der Garagesteht, lade ich natürlich das Auto nur dannvoll, wenn der Strom billig ist. Also nachts.Wenn ich tagsüber Strom brauche, abernicht den teuren Strom aus der Steckdosenehmen will, kann ich meine Batterie imAuto anzapfen, weil das billiger Strom ausder Nachtproduktion ist. Natürlich setztdas voraus, dass ich das Auto an dem Tagnicht mehr brauche. So kann man sich alsovorstellen, dass die Elektroautos ein Teildes „Intelligenten Stromnetzes” werden undgleichzeitig dem lokalen Fortkommen seinerFahrer dienen.? Ist das nicht überhaupt ein großerAttraktionsfaktor für die Elektromobilität,dass Autos multifunktionale Energiespeichersind, anstatt nur fossile Energie inBewegungsenergie zu verwandeln wie zurZeit?! Absolut. Und sie sind herrlich fahrbareBatterien. Ich bin schon so ein Elektroautogefahren und muss sagen: Das macht einenhöllischen Spaß, weil der Elektromotor vielperformanter ist als ein Benzinmotor.? Das heißt?! Er beschleunigt sehr viel schnellerals ein Benzinmotor. Das Fahren damitmacht also richtig Freude. Und wenn manLiebhaber von speziellen Motorsoundsist, dann wird der via Soundprozessor inden Innenraum über die Lautsprechereingespeist. Vom FIAT 500 bis Ferrari kannman sich den Sound aussuchen, ohne einschlechtes Gewissen der Umwelt gegenüberhaben zu müssen.Zum Thema „Intelligentes Stromnetz“oder „Smart Grid” gehört aber nochmehr: Wir müssen nämlich neue Netzebauen, weil wir den Strom aus Offshore-Kraftwerken in der Ostsee nach Bayernbringen müssen. Das ganze Netz muss alsGesamtheit gemanagt werden, weil dieseForm der Stromversorgung natürlich sehrstark grenzübergreifend ist: nicht nurgeografische Grenzen betreffend, sondernauch die Grenzen zwischen verschiedenenVersorgern.Strom sparen – aber wie?Und dann kommt natürlich die großeFrage: „Wie spare ich Strom?” Erstensnatürlich in der Erzeugung. Es gibt großeUnternehmen im deutschsprachigenRaum, die Gasturbinen bauen mit einemEffizienzgrad von 50%. Ältere Gasturbinenleisten dagegen nur 20 bis 25%. Man kannmit einer neuen Turbine also doppelt sovielStrom erzeugen wie mit einer alten. Dasteckt ein Riesenpotenzial drin.Dann kommt dazu, dass wir vielleichtein zusätzliches Stromnetz brauchen – miteiner anderen Spannung –, das speziell zumAuftanken der Autos ist.Ich habe schon vor zwei Jahren mitführenden Köpfen im Bundesumweltministeriumgesprochen, die damals schongesagt haben, dass wir wohl in drei Jahren –also jetzt noch ein Jahr – volatile Strompreisehaben werden. Denn man kann auf derKonsumentenseite – wie oben erwähnt – sehr


viel über die Preise steuern.Und dann müssen wir einfach auchweniger verbrauchen. Es gibt in derZwischenzeit für zu Hause das so genannte„HEMS” – „Home Energy ManagementSystem”. Das ist ein kleines Kästchen, dashängt an der Wand. Genau dieser kleine, ansInternet angebundene Computer schaltetselbstständig, abhängig vom Strompreis,Geräte ein und aus. Und wenn ich aus derHaustüre gehe, schalte ich das „HEMS” ausund dann sind alle Stromgeräte, die ichnicht brauche, wenn ich nicht zu Hause bin,abgeschaltet.? Das kennt man ja ausHotelzimmern: Sobald ich meineZimmerkarte aus dieser kleinen Boxan der Tür ziehe, sind alle Lichter aus,während die Minibar aber trotzdemweiterläuft.! Genau so funktioniert das „HEMS”,nur eben für ein viel größeres System,nämlich für ein ganzes Haus. Man kannalso mit intelligenten Systemen vieles imHaushalt managen. Es macht zum Beispielgar nichts, wenn sich beim Einschalten desElektroherdes derweil die Tiefkühltruheausschaltet und die Temperatur vonminus 34 auf minus 33 Grad ansteigt. Dasändert an der Qualität der eingefrorenenLebensmittel überhaupt nichts.? Stellt sich die Frage: Was hat dieFirma Intel damit zu tun?! Die hat damit ganz viel zu tun, weilin all diesen Steuerungseinheiten – ob lokaloder international – Intelligenz in Gestaltvon Prozessoren hineingehört. Heute habenwir erst an vielen kleinen Stellen Intelligenz,die einen Teil der Stromversorgungmanagen – aber nie das gesamte Netz. Wirbrauchen deshalb ein intelligentes Netz überganz Deutschland oder besser über ganzEuropa, das dezentrale Stromversorgungmanagt. Aber dafür braucht man sehrviele hochleistungsfähige Computerbis hin zu riesigen Rechenzentren, dieWettervorhersagen auf die Minute genautreffen können. Das ist also ein Riesenfeld.Erfreulicherweise sind wir heute schonin vielen dieser Kleinst- und Großrechnerdrin, oftmals ohne dass wir das wissen.Wir haben zum Beispiel Kunden, die inWindkrafträdern schon Intel-Prozessorenverbauen, weil auch die gesteuert undgemanagt werden sollen. Per Internetsollen sie den Versorger über ihre Leistunginformieren und darüber, ob sie vollfunktionsfähig sind oder defekt.Der Atomausstieg ist wirtschaftlicheine groSSe Chancefür den Exportweltmeister? Ist Deutschland da weiter alsandere Länder?! In dieser Kleinstrukturiertheit beider Stromerzeugung sind wir vermutlicheinzigartig auf der Welt. Dänemark kommtschon seit Jahren ohne Atomstrom aus, hataber ganz andere Konzepte. Die haben zumBeispiel zentrale Anlagen, die ganz Kopenhagenmit Wärme versorgen, so dass nurnoch 3% der Häuser eine eigene Heizunghaben. 97% der Haushalte aber werden mitFernwärme versorgt, weil eine Heizung, dieeine ganze Stadt versorgt, immer viel effektiverist als viele kleine Einheiten.Aber Deutschland ist nun mal einer dergroßen Exporteure vielfältiger Technikenund Technologien zur alternativen Energieerzeugung.Wir haben große Windmühlenhersteller,wir haben große Solarunternehmen,wir haben große Konzerne, die inEnergietechnologien forschen und produzieren.Das ist ein deutsches Pfund und Teilunserer großen Export-Erfolgsgeschichte.Und richtig verstanden, ist der Ausstiegaus der Atomenergie für Deutschland eine


Riesenwirtschaftschance.Wir sind nämlich gezwungen, unsalternative Wege zu suchen, um unserenStromverbrauch zu managen: Sowohl ausökonomischer Sicht, weil wir das als einenumsatz- und gewinnbringenden Teil unsererWirtschaft verstehen. Denn alternativeEnergiegewinnung ist ein Entwicklungs- undInnovationsbereich, aus dem wir die Weltwieder mit unseren Produkten beglückenkönnen. Und natürlich auch aus ökologischerSicht ist das alles sehr sinnvoll. Nurmüssen wir aus ökologischer Sicht daraufachten, dass wir zwar die zu Recht umstritteneAtomenergie abschaffen, dafür abertrotzdem nicht mehr CO 2in die Luft blasen,wenn wir rückwärts gehen und wiederEnergie aus Kohle und Gas gewinnen wollen.Deshalb MÜSSEN wir Alternativendazu finden. Ich sehe – und das sage ichgerne noch einmal – den Atomausstieg auswirtschaftlicher Sicht als eine Riesenchancefür Deutschland!BILDUNG – DIE „META-ENERGIE“? Das hört sich alles sehr schlauan. Nutzen Sie diese Schläue nur fürdas wirtschaftliche Fortkommen vonIntel oder dürfen auch andere daranteilhaben?! Damit sind wir beim Stichwort„Bildung“. Und da sind Sie bei mir genaurichtig (lacht). Vor 12 Jahren haben wirdamit begonnen, für uns das ThemaBildung aufzunehmen. Als wir einenVorstandsvorsitzenden hatten, den Sie ja auchgut kennen – Craig Barrett –, der selbst ausder Lehre kommt und Professor in Stanfordwar, der hatte damals gesagt: „Es gibt nur einGebiet, für das ich mich wohltätig im Sinnevon Corporate Social Responsibility engagierenmöchte, das ist Bildung.” Wir müssen unserenKindern die besten Werkzeuge und die bestenVoraussetzungen mit auf den Weg geben. Ausunserer Sicht am besten mit digitalen Medien.Wir haben also ohne besondereAufmerksamkeit der Öffentlichkeitaus Deutschland heraus ein Programmentwickelt, bei dem wir jetzt schon seit11 Jahren unter dem Titel „Intel Teach“mit allen 16 Bundesländern einen Vertraggeschlossen haben, um deutsche Lehrerüber die jeweils in den Bundesländernansässigen Anstalten für Lehrerfortbildungausbilden zu dürfen. Das machen wir gratis!Der Grundansatz war und ist, Lehrernbeizubringen, wie man methodisch unddidaktisch sinnvoll digitale Medien für einbesseres Lernen im Unterricht einsetzt.Inzwischen ist das ein sehrerfolgreiches Programm. Wir haben inDeutschland – Stand heute – 450000 Lehrerausgebildet. Das sind drei Viertel der aktivenLehrer. Auf unsere Kosten! Meistens in40-stündigen Präsenzschulungen. Wirhaben dazu aber auch parallel Schulungen– Ausbaustufe 1 bis 3 – per Internetzur Verfügung gestellt, die sich Lehrerunterrichts- und curriculabegleitend –also passend zum Unterrichtsfach, zurSchulstufe usw. – runterladen können. FürLehrer ist es nämlich besonders wichtig,dass sie auf urheberrechtsgeschützteInhalte zugreifen können, von denen siewissen, dass sie sie im Unterricht benutzendürfen – und das Ganze am besten auchnoch fächerübergreifend. Wenn ich zumBeispiel im Erdkundeunterricht über dieBevölkerungsexplosion spreche, dann ist esdoch ganz sinnvoll, den Mathematiklehrerdazuzuholen und eine kleine Stochastik miteinzubauen.ES ÄNDERT SICH DIE ALTHERGE-BRACHTE LEHR- UND LERNKULTURWas wir damit getan haben und tun, isteine althergebrachte Lern- und Lehrkulturkomplett aufzubrechen. Wenn der Lehrerweg von der Tafel zum „Kollaborativen


Lernen” in die Klasse geht, ist er nichtmehr der Alleinunterhalter VOR derKlasse, sondern der Coach und Trainer,der MIT den Kindern arbeitet, die sich inkleinen Gruppen Dinge mit dem PC selbsterarbeiten, sie grafisch umsetzen und soweiter. So wird in vielen Schulen schongearbeitet. Leider aber immer noch in vielzu wenigen. Und da ist Deutschland absolutim Hintertreffen. Länder wie Portugal,Spanien, Mazedonien, ja selbst Venezuelaund Argentinien – also nicht die, die wir zuden üblichen verdächtigen, reichen Ländernzählen – haben aber genau das gemacht undihre Kinder mit neuesten PCs ausgestattet,die für den Gebrauch in der Schuleoptimiert sind. Das sind einerseits Gehäuse,die man vom Tisch fallen lassen kann,ohne dass sie kaputtgehen, oder über dieman auch schon mal eine Cola ausleerenkann und die dann trotzdem weiterfunktionieren. Andererseits unterscheidensie sich aber am ehesten von anderen PCsdurch ihren Inhalt, weil man mit ihnen ingeschützten Räumen im Internet arbeitenkann.All das hat Vorteile, die wir immervermutet haben – aber nie belegenkonnten. Wir haben deshalb eine Studiean der Universität Hamburg in Auftraggegeben und zwar über eine Laufzeit von18 Monaten, um einen anhaltenden Effektnachweisen zu können.Beim Lernen am PC sindKinder viel motivierterDer Haupteffekt ist: Die Kinder sindviel motivierter, etwas zu lernen. Natürlichfinden die klassischen Arbeitswerkzeugeimmer noch statt – also Papier und Bleistift,Geodreieck und Radiergummi. Aber mankann eben auch mit einem PC lernen undzwar sehr viel besser, weil das Lernenindividualisiert vonstattengeht. JederMensch nimmt Inhalte auf unterschiedlicheWeise auf. Die einzige Art, die wir aberKindern bislang anbieten, ist Kreide aufTafel, um im Sinne des Abschreibens mitFüller auf Papier eine Verinnerlichung zuerreichen.Jetzt stellen Sie sich vor, die Kinderschreiben nicht ab – käuen also wieder –,sondern recherchieren das Thema selbstim Internet. Erstens macht das Spaß.Zweitens finden sie mit dem richtigenEhrgeiz die richtige Lösung. Und drittenssind das Inhalte, die sie nicht mehrvergessen werden. Wir erinnern uns alledaran, als wir mal Referate in der Schulegeschrieben haben: Ich kann meineReferate heute noch relativ gut inhaltlichwiedergeben – aber nur sie. Den ganzenRest, den ich via Frontalunterricht in derSchule eingetrichtert bekommen habe,habe ich mir weniger gut gemerkt. DasSelbsterarbeiten ist also ein ganz wichtigerPunkt. Das gräbt sich sozusagen insGedächtnis ein. Und bleibt dort erhalten.Der zweite Vorteil beim Lernen mitdigitalen Medien, der in der Untersuchungan der Uni Hamburg bestätigt wurde, heißt„Individualisierung“. Der eine ist mehrvisuell orientiert und braucht Bildchenund Animationen. Der andere brauchtgeschriebenen Text. Und der Dritte musses hören, um es sich merken zu können.All das bietet ein Computer. Zumal es alles,was es an Schulbüchern gibt, inzwischenoftmals auch digitalisiert gibt. Allerdingsin anderen Ländern mehr als bei uns. Beiuns ist man oft noch damit zufrieden, wennman von jeder Seite eines Buches einePDF-Datei macht und dann so tut, als ob essich dabei um einen digitalen Inhalt handle.Aber wenn ich auf einer Zeichnung – wiein meinem alten Physikbuch – eine schiefeEbene sehe und ein Holzwägelchen daraufsymbolisch dargestellt ist, bei dem diePfeile zeigen, welche Kräfte wirken, dannist das eindrücklich. Aber eindrücklicherist es, wenn es mit einem echten Menschenauf einem Fahrrad auf einer echten Straßegezeigt wird und zwar in bewegten Bildern.Dann kann ich einem Kind lebensnah anechten Beispielen verständlich machen, wieeine schiefe Ebene wirkt.Das dritte Ergebnis der HamburgerStudie ist: Die Steigerung der Motivation istnicht ein Strohfeuer, sondern ist anhaltend.Schüler lernen damit also auch dauerhaftmehr und besser.Dieses digitale Lernen treiben wirintensiv auf vielen Ebenen voran. Wirstecken 100 Millionen Dollar pro Jahr insolche Bildungsprojekte weltweit und indie Entwicklung solcher Lernwerkzeuge,in Lehrerfortbildung, in Ausstattung vonSchulen. Das ist – nebenbei gesagt – diegrößte private Investition auf der Welt insolche Projekte.Ausblick in die Zukunft? Wie sieht Ihr Ausblick für dieZukunft aus?! Unsere Gesellschaft wird digitalisiert.Und das wird alle Bereiche unseresLebens durchziehen. Wir werden unsereSteuererklärungen über das Internetabgeben, wir werden immer mehr Handelüber das Internet betreiben und ab 2012werden die ersten Autos serienmäßig mitInternetzugang ausgestattet sein. Unddas ist erst der Anfang. Zur Zeit sind wir2 Milliarden Menschen auf dem Globus,die mit 4 Milliarden Geräten im undmit dem Internet kommunizieren – vomHochleistungscomputer über Telefoniebis zur Kaffeemaschine. Im Jahre 2015werden es 3 Milliarden Menschen seinund 15 Milliarden Geräte. Und wir?Wir werden immer mehr über dasInternet kommunizieren. Und welcheZielgruppe profitiert davon am meisten?Die Senioren! Die haben jetzt schon diegrößte Zuwachsrate unter den neuenInternetnutzern. Und bleiben so mittenin der Gesellschaft – in der digitalenGesellschaft.Kurz und gut: Die Digitalisierung istein gesellschaftliches Phänomen. Mit ganz,ganz vielen neuen Aspekten. Aber eines istuns klar: Wir werden in sehr vielen GerätenIntelligenz haben. Und die analoge Weltwird sich langsam verabschieden.? Das glaube ich nicht. Ich denke,sie wird sehr viel exklusiver werden.! Oder so. Ich habe mir zum Beispielgerade einen Plattenspieler gekauft.? Genau! Das war ein gutesSchlusswort.•N7 Nachmann Rechtsanwälte sehen in derTatsache, dass ein Technologiekonzern wie Intelweltweit erstmals – und zwar in Deutschland– eine Instanz wie den „Director EnergySector“ schafft, eine hohe Wertschätzung desherausragenden Technologie-Know-hows in derökologischen Energieerzeugung. Grund genugmit dem Mann über Deutschland zu sprechen,der diese Aufgabe übernimmt.


my europeSeite 92Gutesunternehmen –geht!Wir sitzen im 20. Stock desJapan Towers in Frankfurt – in einemBesprechungsraum mit Blick auf dieBankentürme. In unserem Gespräch gehtes aber nicht um die Finanzbranche.Das Thema unseres Gesprächsdreht sich um Frauen und Männer, diedie Welt ein bisschen besser machenwollen. Nicht als generöse Wohltäter,auch nicht als wohlwollende Retter,sondern als Unternehmer. Die Rede istvon den Mitgliedern einer Organisation,die sich den Namen Ashoka gegeben hatund die erste und größte Non-Profit-Organisation zur Förderung von SocialEntrepreneurship auf unserer Erde ist.In diesen wirtschaftlichschwierigen Zeiten hört man dennauch viel über Ashoka, weshalb ich voneiner Expertin wissen wollte, was esmit Ashoka auf sich hat. Und so kam eszu diesem Gespräch mit einer jungenFrau, die auf den Namen KonstanzeFrischen hört und trotz ihrer wenigenLebensjahre unerhört viel bewegthat in ihrem Leben – zum Beispiel alsGründerin von Ashoka Deutschland.? Frau Frischen, was ist Ashoka?! Das größte Netzwerk der bestenSozialunternehmer. Bill Drayton, derAshoka 1980 in Indien gegründet hat,beschäftigte unter anderem die Fragen:Wie lassen sich gesellschaftliche Problemeintelligent und nachhaltig lösen? Wielässt sich mit einem Dollar möglichst vielbewirken? Seine Antwort: Wir suchen – wieman es in der Wirtschaft auch tut – die bestenunternehmerischen Köpfe mit den bestenIdeen für eine stärkere Zivilgesellschaft.Und das ist Ashokas Ansatz. Wir fördernMänner und Frauen, die gezeigt haben, dasssie ein bahnbrechendes Konzept haben,um ein gesellschaftliches Problem zu lösen– sei es im Bereich Gesundheit, Bildung,Menschenrechte oder Entwicklung. Undwir helfen diesen Social Entrepreneurs, ihreIdeen zu verbreiten.? Ist das neu? Und warum ist daswichtig?! Social Entrepreneurs sind der besteHebel, um gesellschaftliche Probleme zulösen und Wandel zu unterstützen. Natürlichgab es sie schon immer. Denken Siean Maria Montessori zum Beispiel. Aberniemand hat über sie als Typus geredet undniemand hat sie gezielt gefördert.Warum es Ashoka braucht? Unternehmerkönnen sich am Markt finanzieren.Aber wer steht Sozialunternehmern bei,die nicht unbedingt Aussicht auf raschenGewinn versprechen, deren Idee aber gesellschaftlichunglaublich wichtig ist? Ashokawählt jedes Jahr sorgfältig die besten Sozialunternehmermit den vielversprechendstenIllustration: Liga Kitchen


Ansätzen aus und gibt ihnen Stipendien, diees ihnen ermöglichen, sich Vollzeit, ohneExistenzangst, auf ihre Arbeit zu konzentrieren.Außerdem bekommen sie die Netzwerke,die sie brauchen, um sich weitereUnterstützung heranzuholen: Wir verbindensie mit anderen Social Entrepreneurs, sieerhalten Rat und Tat von Unternehmernund Verbindungen zur Wissenschaft undWirtschaft. Soziale Innovationen zu findenund die Menschen zu fördern – das war undist der Kern unserer Arbeit.? Nennen Sie mir ein Beispiel.! Einer der ersten Sozialunternehmer,die ich traf, war Rodrigo Baggio ausBrasilien. Sein Ziel ist es, Zugang zumInternet und zu Informationstechnologienauch für Arme verfügbar zu machen. Anfangder 90er Jahre arbeitete er mit Kindernin zwei Slums in Rio de Janeiro – nebenseinem Beruf, in dem er Geld für sich undseine Familie verdiente. Ashoka hat Rodrigoermöglicht, sich Vollzeit auf sein Projekt zukonzentrieren, es zu systematisieren undauszubauen und nachhaltig zu machen.Heute ist seine Organisation CDI (Centerfor Digital Inclusion) auf drei Kontinentenvertreten und hat mehr als 800000 Kindernund Benachteiligten geholfen. Sie meisternComputer und Internet, können Lesenund Schreiben, sind in der Ausbildungoder haben ihr eigenes Unternehmengegründet. Und Rodrigo kümmert sich nunganz um die weitere Expansion von CDI.Er hat viele Preise gewonnen, spricht anrenommierten Universitäten, auf dem WorldEconomic Forum… So könnte ich Ihnenjetzt jede Menge Geschichten erzählen.Diesen Sprung, den Rodrigo gemacht hat,den will Ashoka erzeugen. Damit neueLösungsmuster möglichst viele Menschenerreichen.? Sie erwähnten Maria Montessori,die zeitlich mit Henry Ford gelebt hat. Dawäre es sicherlich auch sehr spannendgewesen, wenn man die beidenzusammengebracht hätte, um zu sehen,was sich daraus für ihre Arbeit ergebenhätte. Bauen Sie bei Ashoka solcheinterdisziplinären Brücken?Der „Globalizer“! Sehr schön, dass Sie das ansprechen.Wir haben eine Initiative, die sich„Globalizer“ nennt und die darauf abzielt,die besten Skalierungsstrategien für sozialeInnovationen zu finden. Leider wird imsozialen Sektor das Rad sehr oft neuerfunden, weil es keinen funktionierendenMarkt gibt – ein starker Unterschiedzum normalen Geschäftsleben. AusAshokas Vogelperspektive sehen wir tolleInnovationen, etwa im Bereich Housing inBrasilien oder in der HIV/AIDS-Vorsorge inAfrika. Aber in anderen Ländern werdensie nicht aufgegriffen. Der „Globalizer”sucht jedes Jahr nach den Ideen, diereif sind für internationales Wachstum,und bringt die Sozialunternehmerdanach dann mit Unternehmern ausder Wirtschaft – also den Henry Fords –zwecks gegenseitigen Gedankenaustauschsund Strategieentwicklung zusammen.Das ist eine sehr, sehr spannendeSache. Außerdem suchen wir nachVerbreitungsmethoden, die für densozialen Sektor geeignet sind, undentdecken hier Interessantes im BereichNetzwerke und Open Source. Denn vieleSozialunternehmer entschließen sich dafür,ihre Quellcodes offenzulegen, damit anderesie kopieren und damit mehr Menschen inden Genuss ihrer Innovation kommen. Wasder „Globalizer” im Großen macht, tun wirübrigens auch vor Ort: In unserem Ashoka-Support-Netzwerk sind Unternehmerzusammengeschlossen, die AshokasSozialunternehmern in ihrem Land mit Ratund Tat beiseitestehen.? Nochmal zum Social Entrepreneur.Ein Unternehmer will ja Geld verdienen.Ist das bei dem Begriff SocialEntrepreneur auch vorgesehen?! Wir verstehen Unternehmer in ersterLinie im Schumpeterschen Sinne – alsoals jemanden, der schöpferisch zerstört,der neue Muster und Abläufe einführtgegen Widerstände und gesellschaftlicheKonventionen. Maria Montessori warBildungspionier, eine Spielzeugerfinderin,eine Organisationsgründerin, eineMarkenspezialistin und eine internationaleAktivistin. Social Entrepreneurs arbeitengemeinwohlorientiert. Sie werdennicht dadurch charakterisiert, ob ihreOrganisationen „for profit” oder „not forprofit” sind, sondern dadurch, dass sie eingesellschaftliches Problem lösen. Das ist ihrZiel, das ist ihre Aufgabe. Danach richtetsich auch ihre Rechtsform. In manchenFeldern – im Mikrokreditbereich, imUmwelt- oder Gesundheitswesen – könnenPlayer Gewinn erwirtschaften, weil sichdort ein Markt entwickelt hat und weilWirtschaftlichkeit Teil der Problemlösungist. Aber wer mit traumatisiertenKriegsflüchtlingen arbeitet, versuchtzunächst einmal, die Menschen zu heilenund Ursache von Hass und Ausgrenzungzu beseitigen – natürlich so effizient wiemöglich, aber doch in der Regel wohl ehernicht in Form einer Aktiengesellschaftoder GmbH. Wer daran arbeitet, dass mehrKinder erfolgreich zur Schule gehen oderchronisch Kranke in Armenvierteln besserbetreut werden oder dort bessere sanitäreVerhältnisse herrschen, geht davon aus, dasssich das volkswirtschaftlich auszahlen wird.Aber zunächst müssen sie viel Zeit und Geldinvestieren.? Das bedeutet aber auch, dass dieseSocial Entrepreneurs von ihrer Ideenicht unbedingt leben können?! Nachhaltigkeit heißt nicht „forprofit”. Nachhaltigkeit in diesem Kontextheißt, dass die Idee so gut ist, dass sieauf Dauer hängenbleibt und sich trägt.Aber Ashoka zahlt seinen Fellows, wiewir die Sozialunternehmer nennen, diewir fördern, Stipendien, damit sie sichohne Existenzangst drei Jahre daraufkonzentrieren können, bis ihre Idee läuft.Hinterher müssen sie dann natürlichschon selbst das von ihnen benötigte Geldfundraisen oder erwirtschaften. Deshalb istdas Stipendium auf drei Jahre begrenzt.? Woher bezieht Ashoka sein Gelddafür?! Wir sind größtenteils vonMitgliedsbeiträgen und Zuwendungenfinanziert. Wir nehmen keine staatlichenGelder an, sondern werden von Stiftungenund Privatpersonen gefördert. Alswichtiges Standbein haben wir unserNetzwerk von Mitgliedern, das so genannteAshoka-Support-Netzwerk, in dem sichUnternehmerpersönlichkeiten – vieleFamilienunternehmer oder Executives –finanziell sowie mit ihrem gesammeltenKnow-how einbringen. Sie helfen unserenSozialunternehmern bei der Entwicklungihrer Organisation, sie öffnen Türen,planen mit… Der finanzielle Betrag, derim 5-stelligen Bereich pro Jahr anfängt,wird so oft um ein Vielfaches überstiegen.Wir werden aber auch durch Stiftungenunterstützt, zum Beispiel die Siemens-Stiftung oder die Hilti-Foundation.? Wie viele Fellows gibt esinzwischen in Deutschland?! Wir haben 40 Fellows in Deutschlandund weltweit knapp 3000.? Worin unterscheidet sich ein Ashoka-Projektvon den vielen anderen Initiativenbürgerschaftlichen Engagements?


„Ein Social Entrepreneur willsystemische Fehler tilgen.“! Ein Sozialunternehmer will eingesellschaftliches Problem nachhaltiglösen. Er will keine Not lindern, sondernein System verändern, so dass es allenMenschen besser nützt. Und er sieht seineZielgruppe selten als Opfer an, sondernhilft ihr, stark und selbstbestimmt zu leben.Einige Beispiele: Murat Vuralaus Bochum begeistert Kinder ausbildungsfernen Schichten – viele davonmit Migrationshintergrund – für Lernen,Schule, Ausbildung oder Studium. Erempowert junge Leute, Netzwerke zuschließen und sich selbst zu helfen, undverändert Schulen und Nachbarschaften.Frank Hoffmann bildet blinde Frauenals medizinische Tastuntersucherinnenbei Frauenärzten aus – mit mehr Zeitund einem besseren Tastsinn können sieKnoten in der Brust besser und frühererkennen als andere. Thorkil Sonne ausDänemark integriert autistische Menschenin den ersten Arbeitsmarkt. Mit ihremSinn für Details, ihrer Präzision undVorliebe für Routinen arbeiten sie inder Softwarebranche, zum Beispiel beiDateneingaben oder Testings, besser alsjeder andere. Roshaneh Zafar aus Pakistanverhilft armen Frauen in ländlichenGebieten mit Mikrokrediten zu einemkleinen Geschäft und zu einer besserenZukunft.Jedes Jahr suchen wir gezielt nachsozialen Innovationen und wählen weltweitetwa 200 neue Sozialunternehmer alsStipendiaten oder Fellows aus. Sie sindInnovationstreiber, die neue Ideen fürbestimmte Fragestellungen entwickeln unddie Haken aus einem System entfernen.? Wenn man die Haken aus einemSystem entfernt, schafft man ja etwasNeues. Wie soll dieses Neue aussehen?„Es geht darum, Strukturenzu schaffen, um sich selbsthelfen zu können.“! Social Entrepreneurs haben Ideen,die Neues schaffen oder den Rahmenändern – Haltungen, Annahmen, Abläufe,Routinen, Prozesse oder Institutionen.Social Entrepreneurs warten nicht, bisjemand anderes für sie ein Problem löst,sondern fangen damit an.? Darin unterscheiden sichdie Ashoka-Projekte sehr klar vonanderen sozialen Projekten oder demWohlfahrtsstaat?! Sozialunternehmer arbeitennicht gegen den Wohlfahrtsstaat. Sieverbessern ein gesellschaftliches Systemdort, wo es Fehler hat. Man würdein der Wirtschaft nie erwarten, dassInnovation aus einem Ministeriumkommt, sondern man denkt: Das passiertam Markt. Unsere Social Entrepreneurshaben ihr Ohr am Markt und an derZielgruppe. Die Innovationen, die siedaraus entwickeln, helfen etabliertenInstitutionen weiter. Ich denke zumBeispiel an unseren Fellow Rose Volz-Schmidt. Ihre Organisation „wellcome“unterstützt Familien, die nach derGeburt eines Kindes Hilfe brauchenund/oder überfordert sind. Frau Volz-Schmidt verbreitet ihre Idee, indem siesie als Angebot anderen Playern – auchgroßen Wohlfahrtsverbänden – zurVerfügung stellt. Sie gibt also ihre Inhalteund Expertise weiter, damit relevanteInstitutionen ihrer Zielgruppe besserhelfen können.? Bleibt die wichtige Frage, wieSie zu diesen außergewöhnlichenMenschen kommen?Wie findet man solche SocialEntrepreneurs?! Die Stuttgarter Unternehmerin HelgaBreuninger hat einmal über uns gesagt,wir seien Trüffelschweine. Und ichfinde, sie hat Recht. Die Suche nachunseren Trüffeln ist dabei extremgründlich.Ich will sie kurz skizzieren:Wir haben ein Netzwerkvon Nominatoren, die unsmögliche Kandidatenvorschlagen. Dassind Experten, diesich in ihremBereich sehr gutauskennen – zumBeispiel Fachleuteaus Ministerien,Stiftungen,Professoren. DieseExperten schlagen unsKandidaten vor, vondenen sie glauben, ihreIdee werde in 20, 30Jahren ein Feld veränderthaben. Diesen Namen folgenwir nach und recherchieren.Es gibt Interviews, Referenzchecks, vorOrt Besuche, Marktanalysen. Dann trifftdas deutsche Team eine Vorauswahl. Dernächste Schritt ist der internationaleProzess: Dazu kommt ein Senior-Ashoka-Mitarbeiter aus einem anderen Land nachDeutschland und setzt sich zu einemlangen Auswahlinterview mit jedem derKandidaten hin – für mehrere Stunden –und geht genau das Projekt durch, unddie Biografie des Kandidaten. Wer indie nächste Stufe kommt, kommt insso genannte Panel. Da prüfen Expertenaus Deutschland, die Unternehmeroder selbst Sozialunternehmer sind, dieKandidaten. Danach setzen die sich mitdem internationalen Auswahlvertreter aneinen Tisch und entscheiden im Konsens,ob die Aufnahmeals Fellow in unserBoard vorgeschlagenwerden soll. Wenn ja, mussdas internationale Board auch noch seineZustimmung erteilen.Das heißt, wir haben einensehr langen, qualitativ hochwertigenAuswahlprozess. Unsere Faustregel ist, dasswir pro Jahr auf 10 Millionen Einwohneretwa einen Fellow pro Land finden.? Und nach welchen Kriterien wirdausgesucht?! Es sind derer 5:1. Die Innovation. Hat der oder diejenigeeinen neuen Ansatz, der tatsächlich eingesellschaftliches Problem systematischlösen kann?2. Der soziale Impact oder die gesellschaftlicheWirkung der Idee. Die mussmöglichst groß sein.3. Die unternehmerische Qualität derPerson.4. Die Kreativität der Person.5. Die „ethical fibre“ oder auch Integrität. Esgibt ja immer Fanatiker oder Ideologen.Die wollen wir aber nicht haben.


? Gibt es auch eine Erfolgsmessungbei diesem System?! Natürlich. Gemeinsam mitanderen Playern sowie der TUMünchen, der Universität Hamburg undPricewaterhouseCoopers haben wir inDeutschland den Social-Reporting-Standardzur Wirkungsmessung eingeführt, dersich immer stärker etabliert. Hier sehenSie genau, welchen gesellschaftlichen undwirtschaftlichen Impact Sozialunternehmenhaben. Ein Erfolgskriterium von Ashoka istübrigens auch, wie viel Prozent der Fellowsfeststellen, dass ihre Ideen unabhängigvon ihnen selbst repliziert werden, dassalso andere die Ideen aufgreifen undweiterverbreiten und somit mehr Menschenerreicht werden.„Wachstum bedeutet bei unsdie Frage: Wie schaffe ich es,dass ich von anderen kopiertwerde?“Denn es geht darum, dass die Ideemöglichst schnell an möglichst vielenOrten anschlägt. Jeroo Billimoria, einFellow aus Indien, hat zum Beispiel einKinderhilfstelefon für Straßenkindergegründet – „Childline” mit Namen.Das gibt es inzwischen in über 120Ländern – nicht, weil Jeroo in 120Ländern eigene Filialen aufgemacht hätte.Sie arbeitet vernetzt mit bestehendenOrganisationen, denen sie ihr Knowhowund ihre Methodologie gibt unddie sie international verbindet, alsoBest Practices teilt, Lernfortschritte,Standardisierungserfahrungen und soweiter.Das Thema Wachstum bedeutet fürSocial Entrepreneurs, ihre Wirkung zusteigern, und nicht, ihre eigene Organisationzu vergrößern. Wachstumsmodelle imsozialen Sektor beinhalten daher oftStrategien wie Netzwerke, Open Source oderCampaigning. Sie müssen kooperativ undvernetzend denken.? Deshalb braucht´es auch diesoziale Kompetenz, die Sie ja in IhrenAuswahlkriterien prüfen. Das ist klar.! Eindeutig.? Ich stelle mir jetzt vor, Siehaben ein Netzwerk von 3000 höchstmotivierten Unternehmern, die dieunterschiedlichsten Projekte realisieren.All das fügt sich ja irgendwann einmalzu einer Gesamtvision von einer neuenWelt zusammen, zu einem Ziel. Wie siehtdie aus? Wo soll es hingehen?! Wir möchten eine starke, freie,demokratische Zivilgesellschaft, in der nichteinige wenige Mächtige über viele Armebestimmen, sondern in der die Menschengleichberechtigt und aktiv an der Gestaltungihres sozialen Umfeldes mitwirken. Das istletztendlich das Ziel. Wir drücken das aufEnglisch aus mit „Everyone a Changemaker!“? Sicher erkennen Sie da aus derVogelperspektive weltweite Trends beiallen diesen Projekten Ihrer Fellows.Welche sind das?! Einer ist das Thema Empathie.Wir sehen – egal auf welchem Kontinentund in welcher ökonomischen Klasse –,dass Sozialunternehmer immer wiederfeststellen: Es ist ganz entscheidend,dass Kinder die Fähigkeit zur Empathiebeherrschen. Nur wenn Kinder sich inandere hineinversetzen können undMitgefühl haben, begreifen sie, was umsie herum passiert. Nur so können sieBeziehungen aufbauen, sich behaupten,aufsteigen, kooperieren, Netzwerke knüpfen.Empathie möglichst früh in Kindern zuentwickeln, daran arbeiten viele Fellows.Eines der, wie ich finde, faszinierendstenProjekte ist das von Mary Gordon ausKanada, deren Organisation „Roots ofEmpathy“ Kleinkinder als Lehrer fürEmpathie in Schulen einsetzt.Ein zweites großes Thema ist das desZugangs zu Märkten – zu Dienstleistungenund Produkten – für alle. Denn vieleArme sind von der Partizipation nochausgeschlossen. Das ändern wir durchKooperationen zwischen sozialenOrganisationen und Unternehmen entlangeiner Wertschöpfungskette, durch HybridValue Chains. Nehmen Sie das BeispielSlums. Mehr als 25 Millionen Menschenallein in Indien sind ohne adäquateBehausung – ein riesiger 400 MilliardenDollar-Markt. Aber die Wirtschaftbedient ihn nicht, weil sie über dasKonsumverhalten der Armen zu wenigweiß, von falschen Annahmen bezüglichihrer Kaufkraft ausgeht und außerdemnicht weiß, wie sich die fragmentierteNachfrage wirtschaftlich machbar bedienenlässt. Soziale Organisationen hingegenkennen die Wünsche und Bedürfnisse dieserZielgruppe der Armen genau. Sie könnendie Nachfrage aggregieren und habenInstrumente entwickelt, wie Microfinance.Wenn nun soziale Organisationen undUnternehmen ihr Wissen bündeln undneue Wertschöpfungsketten bilden, lassensich wirtschaftlich neue Produkte undDienstleistungen kreieren, die günstigsind, aber das Bedürfnis der Leute erfüllen,sich selbst ein Dach über dem Kopf undsomit ein würdigeres, sichereres undproduktiveres Leben zu leisten.Ein drittes großes Thema ist SocialFinance: Wie lassen sich Finanzinstrumenteentwickeln, die auf die besonderenBedürfnisse von Sozialunternehmernzugeschnitten sind und Wirkung undProfitmaximierung nicht gegeneinanderausspielen? Oder, wie lässt sich mehr Geldin der Entwicklungsarbeit dorthin lenken,wo es gebraucht wird und nützt?? Das Stichwort Finanzen passt indiese Zeiten sehr gut hinein, wo vielesdrüber und drunter geht. Sehen Sieund Ashoka sich als Gegenspieler diesermegalomanen Finanzapparate oder wiefügen Sie sich gesellschaftlich in diesesSystem ein?! Wir haben überhaupt nichts dagegen,Geld zu verdienen. Viele unserer Fellowsarbeiten schließlich daran, dass mehrMenschen mehr Geld verdienen. Geld ist einMittel der Freiheit und zur Gestaltung derWelt. Aber es kann nicht sein, dass einigewenige Prozent der Menschen den Großteildes Vermögens halten. Das System ist jaganz offensichtlich aus der Balance geratenund der soziale Sprengstoff ist gewaltig. Vorallem dank Internet und Fernsehen lassensich Ungleichheiten nicht mehr verbergen.Und die Menschen sind nicht mehr bereit,in Kauf zu nehmen, dass ein paar dengroßen Reibach machen und die anderen indie Röhre schauen.? Wie sind Sie eigentlich zu Ashokagekommen? Haben Sie ordentlichBetriebswirtschaft studiert und...?! Nein, nein. Ich habe Ethnologiestudiert, wenn auch an der London Schoolof Economics. Ein großartiges Studium!Man versucht zu verstehen, wie Menschendie Welt sehen, wie sie sie begreifen undwarum sie so handeln, wie sie es tun. Einentscheidender Impuls war meine Zeit inLateinamerika als Teenager. Ich habe dannwährend meines Studiums unter anderem inIndien geforscht und in einer Mikrokredit-Slum-Entwicklungsorganisation gearbeitet.Ich bin in den Journalismus gewechselt,in die Finanz- und Wirtschaftsredaktionvon CNN. Von da aus bin ich alsWirtschaftsredakteurin zur FAZ gegangen,dann zur ZEIT und schließlich bei einerRecherche auf Ashoka gestoßen. Habe danneinige Fellows interviewt und auch Bill


Drayton, den Gründer, kennengelernt undwar so fasziniert, dass ich den Journalismusan den Nagel gehängt und AshokaDeutschland gegründet habe: 2003, ohneStartkapital, zunächst vom Küchentischaus. Ich musste für die Idee werben, Kapitaleinsammeln, pro-bono-Unterstützergewinnen, Netzwerke zu Wirtschaft undUniversitäten aufbauen, Proof of Concepterbringen, Mitarbeiter finden…? Das ist ja eine Lebensaufgabe.! Die ersten Jahre waren anstrengend,denn wir waren Vorreiter einer völlig neuenIdee. Jetzt – 8 Jahre danach – haben wirviel geschafft: Social Entrepreneurshipist ein Thema, an dem Universitäten,Politik und Wirtschaft nicht mehrvorbeikommen. Wir haben in Deutschland40 Fellows, wir haben ein wachsendesUnterstützernetzwerk, Forschungsprojekte.Wir kooperieren mit internationalenSozialunternehmern, kreieren neueFinanzinstrumente mit Partnern,konzentrieren uns auf Cluster-Themen,treiben immer mehr voran...Wer sich für die Arbeit von Ashokaund den fast 3000 Social Entrepreneursin 70 Ländern – davon bislang 40 inDeutschland – interessiert, findet mehrInformationen auf www.germany.ashoka.org oder auf der internationalenWebsite www.ashoka.org. Ashokawird getragen von unternehmerischdenkenden Menschen, die einengroßen Hebel für ihr finanzielles undpersönliches Engagement suchen.Das Ashoka-Support-Network istein internationales Netzwerk auserfolgreichen Unternehmern undFührungspersönlichkeiten. Sie fördernAshoka nicht nur finanziell, sondernstehen Social Entrepreneurs mit Ratund Tat zur Seite. Sie unterstützendie Fellows darin, ihre Konzepte zuoptimieren und zu verbreiten, damitaus neuen Ideen zur Bewältigunggesellschaftlicher Problemebahnbrechende Lösungsmuster werdenund möglichst viele Menschen davonprofitieren und ihr Leben selbstgestalten können.? Sie sind also quasi die Muttervon Ashoka in Deutschland?! So ist es.? Dann war das Ihr erstes Kind?! Ja genau. Die Nummer zwei ist inder Krippe und die Nummer drei ist geradeein bisschen krank, weshalb ich jetzt auchwieder nach Hause muss.Ralf Kaspers,Massai, Kenia, 2007? Da kann ich nur mit demSPIEGEL sagen: Wir danken Ihnen fürdieses Gespräch.•N7 Nachmann Rechtsanwälte beeindruckendie innovativen Impulse, die KonstanzeFrischen und Ashoka Deutschland für dieEtablierung einer neuen Zivilgesellschaftunternehmen und hoffen, dass auch weiterhinviele Unternehmen der deutschen Wirtschaftsie dabei unterstützen.


my worldSeite 102Ein besonderesMünchnerKindlDie 23 Jahre junge Pianistin hatim letzten Jahr den „ECHO Klassik”als „Nachwuchskünstlerin des Jahres“bekommen, in den USA war ihreChopin-CD lange Zeit auf Platz 1 deriTunes-Charts, die Münchner AZ hatihr den „Stern des Jahres 2010“ inder Kategorie Klassik verliehen unddie FAZ schwärmte: „Fast körperlosbeherrscht diese Pianistin ihr Werkzeug,hochkonzentriert und souverän.“Jetzt hat sie die zwei C-Dur-Sonatenvon Ludwig van Beethoven eingespielt,die die ZEIT als „Verheißung am Klavier“feiert. Wir unterhielten uns mit derjungen Münchnerin Alice Sara Ott überihre Heimatstadt, ihre Arbeit und dasKlavierspiel.Foto: © Esther Haase / DG? Wie bereiten Sie sich auf einneues Stück eines Komponisten vor?Zum Beispiel als Sie die Walzer vonChopin eingespielt hatten?! Wenn man von Walzer spricht, dannist das ja eher etwas Fröhliches. Wenn mansich aber die Chopin-Walzer anhört – ichhabe mir damals viele Aufnahmen von DinuLipatti und Alfred Cortot angehört –, dannspürt man diese Traurigkeit und Sehnsuchtund Verletzlichkeit. Wenn man dann seineBiografie liest und weiß, was er für einLeben geführt hat, dann versteht man seineWalzer plötzlich. Die Walzer hat er seinganzes Leben lang komponiert. Seinenersten Walzer hat er geschrieben, als ernoch sehr jung war und den letzten kurzvor seinem Tod. In ihnen spiegelt sich seinganzes Leben wider.Natürlich habe ich nicht all das erlebt,was er erlebt hat. Wir leben ja auch in einerganz anderen Zeit. Aber ich glaube, ichkann mich trotzdem mit diesen Emotionenidentifizieren und verstehen, durch was ergegangen ist.? Angenommen, Sie müssten einemRegisseur erklären, wie Beethovendie „Waldstein-Sonate“, die Sie geradeaufgenommen haben, komponiert hat.Wie würden Sie ihm Beethovens Situationerklären, damit er sie für seinen Filmversteht.! Die „Waldstein-Sonate“ ist in C-Durgeschrieben. C-Dur steht normalerweisefür Lebensfreude, Fröhlichkeit, also fürPositives. Als ich sie zum ersten Mal gehörthabe, ist es mir aber kalt den Rückenrunter gelaufen, weil sie sehr düster ist.Ich habe dann seine Biografie gelesen,um herauszufinden, was in dieser Zeitpassiert ist, und da habe ich gelesen, dasser die „Waldstein-Sonate“ kurz nach dem„Heiligenstädter Testament“ geschriebenhat, in dem er seine Verzweiflung ausdrücktüber seine immer stärker werdendeGehörlosigkeit. Er war in dieser Zeit kurzdavor, Selbstmord zu begehen. Wenn mandas weiß und nachfühlt, dann beginnt manzu verstehen, warum eine solche Sonatetrotz C-Dur so düster und dunkel klingenkann. So würde ich das dem Regisseurerklären.? Was glauben Sie, warum er in dieserSituation nicht eine Moll-Tonart genommenhat, sondern C-Dur?! Beethoven wurde ja von vielenMenschen enttäuscht – angefangen vonNapoleon bis zu den Frauen. Und amEnde konnte er mit den Menschen nichtmehr richtig kommunizieren durch seinenGehörverlust. Aber ich glaube letztendlich hater nie seinen Idealismus und seine Hoffnungaufgegeben. Das spürt man in allen Stückenvon ihm. Die 3. Sinfonie, die er Napoleonmit dem Titel „Sinfonia grande, intitolataBonaparte“ widmen wollte, ist in Es-Durgeschrieben, einer Tonart, die aus seinerSicht jemanden verherrlicht und verehrt. Undobwohl er dann den Namen in „HeroischeSinfonie“ und später „Eroica” geändert hatund sie nicht mehr Napoleon gewidmet hatte,hat er die Tonart nicht geändert. Also trotzaller Verletztheit und Hoffnungslosigkeithat er diesen letzten kleinen Schimmer vonHoffnung nicht aufgegeben.Das hört man auch in der „Waldstein-Sonate“ ganz schön. Erst ist im ersten Satzdieses düstere Gewitter und dann die Stilledanach – die tiefe Nacht. Und mit dem letztenTon des 2. Satzes, einem G, bricht im 3. Satzein Sonnenstrahl durch. Für mich ist das wieein Sonnenaufgang.Ich glaube, Beethoven hat nie dieHoffnung aufgegeben. All seine idealistischenIdeen wurden in seinem Jahrhundert zwarnicht gehört. Aber da Musik zeitlos ist, hater, so glaube ich, diese Botschaft und dieseWünsche in Musik verpackt und in dieZukunft geschickt – mit der Hoffnung,


dass die Menschen in der Zukunft seineGedanken verstehen und sich mit ihnenidentifizieren können.? Ein schöner Gedanke, warum er derrichtige Komponist für die Europahymneist.! Ich habe die „Waldstein-Sonate“aufgenommen, weil ich jetzt eineBeethoven-CD aufnehmen wollte. Ichbin immer meinem Instinkt gefolgtund wollte diese beiden C-Dur-Sonatengegenüberstellen und zeigen, dass zweiSonaten in C-Dur, die im Abstand von nichtmal zehn Jahren geschrieben wurden, soverschieden klingen können. Ich weiß, dassdas in Deutschland sehr kritisch gesehenwird und man der Meinung ist, dass erstein älterer Maestro Beethovens Musikaufnehmen kann. Aber ich finde, jederMensch kommt zu dem Punkt, wo er sichmit Beethovens Musik auseinandersetzenmuss – und das beginnt nicht erst mit dem50. Lebensjahr.Ich wusste einfach, dass, wennich diese Aufnahme jetzt nicht machenwürde, ich es später bereuen würde. Undwenn es ein Fehltritt sein sollte, dannlerne ich daraus. Aber ich glaube, mansollte gewisse Risiken eingehen. Und fürmich war es JETZT wichtig, diese beidenSonaten aufzunehmen. Ich wusste vonAnfang an, dass es mehr Contra als Prodafür geben würde. Aber da muss mandurch. Und darüber hinaus finde ich, istes eine Beleidigung gegenüber den großenInterpreten Beethovens, wenn man anfängt,diese junge Aufnahme mit deren großenAufnahmen zu vergleichen. So etwaskann man nicht machen. Eigentlich kannman sowieso nicht verschiedene Künstlermiteinander vergleichen. Deswegensind wir ja in der Musik, wo es so vieleunterschiedliche Meinungen gibt. Und dasist ja auch das Tolle, dass es nicht nur EINErgebnis geben kann.Foto: © Esther Haase / DG


? Daniel Barenboim hat einmal zumir gesagt: Sie müssen als Pianist denTon erst hören, damit Sie ihn anschlagenkönnen.! Ja, absolut. Man muss erst wissen, wieer klingen soll, ehe man ihn spielen kann.Musik ist gut, sich selber kennen zu lernen.Sowohl körperlich, weil man ja mit seinemKörper die Musik zum Klingen bringt,als auch geistig, weil man nur mit einemwachen Geist den Klang findet.? Was ist für Sie angenehmer – imStudio aufzunehmen, in dem Sie mit demInstrument allein sind, oder vor Publikum?! Heutzutage ist es ja so, dass einewirkliche technische Perfektion verlangt wird,wenn man ins Studio geht. Wenn da nur einkleiner Tonfehler ist, reagiert jeder allergisch.Das war vor fünfzig Jahren noch nicht so.Als Cortot oder Rubinstein ihre Aufnahmengemacht haben, waren durchaus auch Fehlerdrin. Aber das hatte damals einfach keinenMenschen interessiert. Es ging um was ganzanderes – um den natürlichen Fluss und dieBesonderheiten des Momentes, in dem siespielten. Das ist es, was mir manchmal indiesen Studioaufnahmen heute fehlt.Auf der Bühne haben wir dagegen nureine einzige Chance. Da gibt es nur diese 40oder 45 Minuten, in denen wir spielen undman kann sie nicht wiederholen. Aber dafürgibt es Momente, die so besonders sind unddie man ein zweites Mal nicht wiedererlebt.Es gibt natürlich immer zwei Möglichkeiten:Man bleibt auf der sicheren Seite und spielttechnisch perfekt. Es gibt aber auch Personen,die wollen die Ideen, die ihnen in diesemeinzigen Moment kommen, sofort umsetzenund dann gehen sie das Risiko ein, dass damal etwas nicht ganz so glatt läuft. Zu denengehöre ich. Deshalb ist jedes Konzert fürmich, als ob ich mich jedes Mal in ein neuesAbenteuer stürzte, von dem ich nicht weiß,wie das Ende sein wird.? Da schimmert ein interessanterAspekt durch, nämlich die Einsicht, dassman neben dem Klavierspielen zuerstleben muss.! Absolut! Ich bin der Meinung, dassdie Musik nicht wachsen kann, wenn manals Mensch nicht wächst. Musik lebt nichtallein vom achtstündigen Üben jeden Tag.Wer das glaubt, bleibt stehen.Wenn man von Beruf Künstler istund gewisse Erfolge hat, möchte mannatürlich immer ein bisschen mehr machenund nichts absagen oder Veranstalterenttäuschen. Aber das muss man lernen.Das wichtigste ist nämlich, zu wissen,womit man glücklich ist und wo die eigenenGrenzen sind. Und diese Grenzen kennenzu lernen ist sehr, sehr wichtig. Vor allenDingen, wenn man jung ist. Wenn man seineGrenzen erst mit 35 kennen lernt und dannausgepowert ist, kann man für zwei oderdrei Jahre nicht mehr spielen.Ich habe meine Grenzen letztes Jahrkennen gelernt und habe daraus gelernt,Nein zu sagen, was nicht einfach, aber sehrwichtig ist. Aber man muss es einfach tun.Denn wenn man nicht bei besten Kräftenist, dann tut man niemandem etwas Gutes –weder dem Manager noch dem Veranstalternoch dem Publikum. Und dem Publikumkann man nicht erzählen, dass man heutenicht so gut drauf ist oder Liebeskummerhat oder der Flügel nicht so richtigmitmacht. Das geht nicht. Natürlich ist dasKlavier ein Instrument, das sehr viel Übungverlangt, aber ich war nie der Mensch, dertäglich zehn Stunden übt. Und – um zu IhrerFrage zurückzukommen – man kann seinenTag intelligent aufteilen und hat dabei Zeitfür viele Sachen. Vielleicht nicht so viel wieandere, bei denen Tag für Tag der Rhythmusgleich ist...? Dann hätten Sie sich auch um eineAnstellung im Katasteramt bemüht...! Aber wenn man dann seine Zeit hat,dann nutzt man die auch sehr intensiv. Ichhabe nie das Gefühl gehabt, dass ich wasverpasst habe. Ich habe meine Pubertätgenauso ausgelebt wie andere, was auchsehr wichtig ist. Die Zeit zwischen 16 und20 sind für eine Frau einfach ungeheuerwichtig, die man später nicht wiederholenkann. Ich habe Gott sei Dank Eltern, diein dieser Hinsicht sehr, sehr normal sind.Ich habe keine „Stage-Mama“ und keinen„Stage-Papa“.? Ihre Mutter wollte sogar nicht,dass Sie professionell Klavier spielen.! Nein, das wollte sie überhaupt nicht.Und nun spielen ich und auch noch meinejüngere Schwester, weil der Wunsch vonuns aus gekommen ist. Das ist sehr wichtig.Denn wenn man zu etwas gezwungen wird,dann ist ja keine richtige Motivation da undman kann nicht kreativ sein.? War die Weigerung einepädagogische List Ihrer Mutter?! Nein, nein. Das wollte sie wirklichnicht. Und zwar nicht, weil sie es uns nichtgönnen würde, sondern weil sie meinte,dass Kinder unbegrenzte Möglichkeitenhaben sollten und wir uns nicht schon sofrüh festlegen sollten, nur weil sie auchPianistin ist. Aber nachdem ich ein Jahrlang gebettelt hatte, hat sie gemerkt, dassich es wirklich möchte.? Leben Sie in München?! Ja. Ich lebe sogar noch bei meinerFamilie.? Was machen Sie, wenn Sie Zeithaben in München?! Also wenn ich Zeit habe, dannbin ich (lacht) bei meinem Freund inBerlin. Ich habe aber immer gesagt, dassich nirgends anders leben möchte alsin München. Ich möchte mein Leben inMünchen verbringen, weil ich so vielvon dem aufregenden Leben in der Weltmitbekomme, dass ich einen Platz brauche,wo ich mich zuhause fühle, wo nicht allesso groß ist und wo ich auch wieder runterkommen kann. München hat ein sehr, sehrgutes Kulturleben. Ich mag München.Heute Abend gehe ich zum Beispielin den Herkulessaal, wo meine Schwesterspielt und höre ihr zu. Wir sind uns sehr,sehr nahe. Und wir üben sogar zusammen.? Ihre Mutter ist Japanerin,Ihr Vater Deutscher und Sie sind inMünchen aufgewachsen. Als was fühlenSie sich?! Na ja, ich gehöre eigentlich keinerKultur richtig an. Es gab früher Zeiten,wo das für mich nicht einfach war. Mansucht ja gerade in der Pubertät eineIdentität und möchte irgendwann einmal100%ig zu einer Kultur gehören. Aber inDeutschland wundern sich die Leute, dassich „ganz akzentfrei“ Deutsch spreche, wasals Deutscher ja nicht ganz so schwer ist.Und in Japan erschrecken die Leute, wennich Japanisch spreche, weil ich für sienicht aussehe wie eine Japanerin. In dieserHinsicht hat mir die Musik sehr geholfen.Denn in der Musik spielt es keine Rolle,welche Nationalität man hat. Musik ist,glaube ich, die einzige Sprache, die überHass und Rassismus steht.? Das ist eine gute Heimat.! Für mich war sie immer DIE Heimat.Jetzt denke ich, dass dieses Feststeckenzwischen zwei Kulturen in der Heimat„Musik“, meinen Horizont sehr erweiterthat. Auch wenn das manchmal nichteinfach war.


? Wenn man die vier Cover derCDs sieht, die Sie aufgenommen haben,dann sieht man eine äußerlich beachtlicheWandlung.! Ja? Ich bin der Meinung, dass ichjeden Tag anders aussehe.? Heißt das, Sie fühlen sich auf allenvier Covern identisch?! Ich identifiziere mich am meistenmit dem jetzigen Cover. Auf dem erstenCover war ich ja auch erst 19. Jetzt bin ich23. Während dieser Zeit verändert mansich doch sehr. Aber zu den Fotos kannich sagen, dass alle offiziellen Fotos vonmir „approved“ sind (lacht). Und weil ichmich für Mode interessiere, habe ich auchnichts dagegen, mich feiner rauszuputzen.Ich glaube auch, dass das vom PublikumFoto: © Esther Haase / DG


Foto: © Esther Haase / DGerwartet wird. Wenn Sie zum Beispielin ein Konzert von meinen männlichenPianisten-Kollegen gehen, dann erwartetkeiner, dass ihm da visuell was geboten wird.Aber bei uns ist das leider nicht so. Aberdie äußere Gestalt ist sowieso zweitrangig.Wenn musikalisch nichts dahinter steckt,ist man ersetzbar. Denn es gibt Hundertevon jungen Menschen, die gut aussehenund ein Instrument spielen können.Und Gott sei Dank ist in dieser Hinsichtdie Welt noch fair geblieben, trotz allerMedienbeeinflussung und all dem Tralala.? Wenn Sie Klavier spielen und esso richtig gut läuft, erleben Sie dann soetwas wie Magic Moments?! Ja, wenn die ganze Chemie passt, dieKommunikation mit dem Publikum, dieAkustik und der Flügel stimmen, dann gibtes Momente, die man nicht wiederholenkann, ja noch nicht mal erklären oderbeschreiben kann. Aber genau das sind dieMomente, für die wir Musiker eigentlichleben. Und wenn ich das in einem vonzehn Konzerten erlebe, dann bin ich richtigglücklich.? Erleben Sie das ganz in sich odereher außer sich?! Ich habe schon Momente erlebt, dassich mich selber beobachte. Nicht, dass ichmich wirklich sehen würde und sähe, welcheMimiken ich mache. Aber es ist schon sogewesen, dass ich mich aus der Perspektiveeiner dritten Person mitbekomme.Ab dem Moment, wo ich die Bühnebetrete, bin ich in einer anderen Welt. Auchvon der Wahrnehmung her ist alles vielintensiver. Wenn ich am Klavier sitze, höreich alles. Ich bekomme ganz intensiv dieStimmung vom Publikum mit, während ichin der Straßenbahn davon zum Beispiel garnichts mitbekomme, obwohl die Menschenum mich herum viel näher sind. Aber wennich in der Musik bin, habe ich das Gefühl,dass ich Gedanken von anderen Menschenempfange. Wie auch immer, es ist in jedemFall etwas sehr Intensives. Diese intensiveBegegnung kenne ich aber auch aus Museen.Wenn ich vor bestimmten Bildern stehe,dann habe ich manchmal das Gefühl, dasssich das Bild bewegt.? Günther Uecker hat mir inunserem Gespräch gesagt, dass das, waser beim Arbeiten in seiner Kunst erlebt,nicht sprachlich ist. Geht Ihnen das beider Musik auch so?! Ja, ja. Deswegen ist es auch soschwierig, darüber zu reden. Musik istetwas, das mit mir geschieht, was ichnicht beeinflussen kann und was – dashabe ich schon immer so empfunden– die Seele eines Menschen komplettnackt macht. Man kann nicht lügen: Mankann nicht manipulieren. Man kann sichüberhaupt nicht verstellen. Es kommen alleEmotionen hervor. Vor allem auch in derKommunikation mit dem Publikum. Dasist für mich die reinste Kraft, die es heutenoch gibt, weil die Welt ja so unfassbarmanipuliert ist. Aber diese Kraft ist absolutund rein geblieben. Und das ist seither nichtzerstört worden, sondern hat den MenschenLiebe und Hoffnung und Mut gegeben – inall den schweren Zeiten.N7 Nachmann Rechtsanwälte wünschender jungen Pianistin Alice Sara Ott ausMünchen für ihre viel versprechende Karrieredas Beste und dass sie die Natürlichkeit,die in dem Interview deutlich wird, nochlange behält – trotz der Herausforderungen,die der internationale Kulturbetrieb anaußergewöhnliche Begabungen wie sie stellt.•


SchmetterlingWelch schönes Jenseitsist in deinen Staub gemalt.Durch den Flammenkern der Erde,durch ihre steinerne Schalewurdest du gereicht,Abschiedswebe in der Vergänglichkeiten Maß.Schmetterlingaller Wesen gute Nacht!Die Gewichte von Leben und Todsenken sich mit deinen Flügelnauf die Rose niederdie mit dem heimwärts reifenden Licht welkt.Foto: Hans-Günther KaufmannWelch schönes Jenseitsist in deinen Staub gemalt.Welch Königszeichenim Geheimnis der Luft.Nelly Sachs

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