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11. Ausgabe 2012IP-RoadmaP deRInteRnatIonalen HandelskammeRfÜR entsCHeIdungstRägeR In WIRtsCHaft und PolItIkAktuelle und neue Fragen zum geistigen Eigentum


11. Ausgabe 2012IP-RoadmaP deRInteRnatIonalen HandelskammeRfüR entscHeIdungstRägeR In WIRtscHaft und PolItIkAktuelle und neue Fragen zum geistigen EigentumCopyright der englischen Version © 2012/International Chamber of Commerce (ICC)Copyright der deutschen Version © 2012/ICC Deutschland e.V.Alle Rechte vorbehaltenDer Originaltext liegt in englischer Sprache vor. Sollte die vorliegende deutsche Übersetzung mitder englischen Fassung in Widerspruch stehen, so hat die englische Originalfassung Vorrang.


Sponsoren der ICC Intellectual Property RoadmapSponsor der deutschen Ausgabe


2012 InhaltsverzeichnisInhaltsverzeichnisVorwortDanksagungenLinksGrundlagen geistigen Eigentums........................................................................................................ 1Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen Eigentums................................................... 91. Globalisierung der Wirtschaft.............................................................................................. 92. Entwicklung neuer Technologien...................................................................................... 103. Verbreitung des Internet- und Breitbandzugangs ............................................................. 134. Wirtschaftliche Bedeutung nicht-technologischer Innovationenund genetischer Ressourcen sowie traditionellen Wissens.............................................. 165. Politisierung des geistigen Eigentums .............................................................................. 176. Veränderungen in der Unternehmenswelt ........................................................................ 19Roadmap 2012A. Fragestellungen zu spezifischen SchutzrechtenI. Patente............................................................................................................................. 211. Harmonisierung des materiellen Patentrechts und Zusammenarbeitder Patentämter...................................................................................................... 211.1 Verschiedene Patentsysteme: Ersterfinder- vs. Erstanmelderprinzip(first-to-invent vs. first-to-file)........................................................................ 231.2 Nationale Unterschiede in der Patentierbarkeit(z.B. Biotechnologie und Computersoftware)............................................... 241.3 Patentierbarkeit neuer Anwendungenbereits bekannter Stoffe ............................................................................... 251.4 Arbeit an einem einheitlichen Patentsystem in Europa ................................ 261.5 Sprachliche Erwägungen ............................................................................. 282. Zwangslizenzen und staatliche Nutzung ................................................................ 283. Patente und Standards........................................................................................... 30IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


Inhaltsverzeichnis 2012II. Marken ............................................................................................................................. 321. Bekannte/berühmte Marken ................................................................................... 332. Recherchen ............................................................................................................ 343. Verwendung von Marken im Internet...................................................................... 354. Domainnamen ........................................................................................................ 36III. Designschutz / Geschmacksmuster ............................................................................. 391. Materiell- und verfahrensrechtliche Harmonisierung aufinternationaler Ebene ............................................................................................. 392. Mangel an vollständigen Überprüfungsmöglichkeitenfür Geschmacksmuster........................................................................................... 41IV. Urheberrecht ................................................................................................................... 421. Kollektive Rechteverwaltung und Lizenzierung ...................................................... 432. Rechtsschutz für technische Schutzmaßnahmenund Lizenzierung von Werken ................................................................................ 443. Urheberpersönlichkeitsrechte................................................................................. 454. Schutz von audiovisuellen Darstellern.................................................................... 455. Leistungsschutz für Rundfunkanbieter und Kabelnetzbetreiber ............................. 45V. Geografische Herkunftsangaben .................................................................................. 46VI. Sortenschutzrechte ........................................................................................................ 47VII.Schutz nicht veröffentlichter Informationen(Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse) und Datenexklusivität.................................. 48VIII. Andere Formen geistigen Eigentums und Technologien ........................................... 501. Informationsprodukte, z.B. Datenbanken ............................................................... 502. Indigene / gemeinschaftliche / traditionelle Rechte ................................................ 523. Biotechnologie und neue genetische Fortschritte................................................... 53B. Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-RechteI. Prioritäten bei der Rechtsdurchsetzung ...................................................................... 561. Gerichtliche Geltendmachung von IP-Rechten ...................................................... 562. Rechtsdurchsetzung im Internet............................................................................. 58IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 InhaltsverzeichnisII.Beilegung von IP-Streitigkeiten durch Schiedsgerichtsbarkeitoder Mediation ................................................................................................................ 601. Schiedsgerichtsbarkeit ........................................................................................... 602. Mediation ................................................................................................................ 63III. Produkt- und Markenpiraterie........................................................................................ 65IV. Erschöpfung der Rechte geistigen Eigentums............................................................ 69V. Bewertung, Handel und Verbriefung von Rechten geistigen Eigentums.................. 70VI. Aneignung der Registrierungsgebühren geistigen Eigentums ................................. 73VII. Client Privilege und professionelle IP-Berater............................................................. 74C. Interaktion von geistigem Eigentum und anderen PolitikfeldernI. Angemessene Nutzung von IP-Rechten zurwirtschaftlichen Entwicklung ........................................................................................ 77II. Umwelt ............................................................................................................................. 791. Biologische Vielfalt/Biodiversität............................................................................. 792. Klimawandel ........................................................................................................... 81III. Technologieentwicklung und -transfer......................................................................... 82IV. Wettbewerbspolitik......................................................................................................... 861. Allgemeines ............................................................................................................ 862. Sondersituationen................................................................................................... 87V. Informationsgesellschaft ............................................................................................... 88VI. Datenschutz .................................................................................................................... 90NotizenIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


Vorwort 2012VorwortGeistiges Eigentum (Intellectual Property – IP) bleibt ein dynamischer und sich ständig weiter entwickelnderBereich, der eng mit technologischem, wirtschaftlichem, politischem und sozialem Wandelverknüpft ist.Der sich verändernde globale Wettbewerb zwischen Volkswirtschaften hat zu einem wachsendenInteresse daran geführt, wie IP als Instrument zur Erzielung nachhaltigen Wirtschaftswachstums eingesetztwerden kann. Dies sowohl in Schwellenländern, die ihre wirtschaftliche Basis ausbauen möchten,als auch in bereits hoch entwickelten Volkswirtschaften, die ihren Wettbewerbsvorteil im globalenMarkt erhalten wollen. Die Wirtschaft kann Regierungen dabei helfen zu verstehen, wie IP-Rahmenbedingungen ausgestaltet werden müssen, um das Wachstum von innovativen und kreativenBranchen sowie den Technologietransfer zu fördern.Auch die zunehmende Entwicklungsgeschwindigkeit im IT-Bereich hat großen Einfluss darauf, wie IPgenutzt, lizenziert und geschützt wird. Das Entstehen der sozialen Medien, die zunehmende Verbreitungmobiler Endgeräte und Anwendungen, die ständig verbesserten Bandbreiten und ein sich änderndesVerbraucherverhalten lassen Inhaber geistiger Eigentumsrechte ihre Strategien und Modellezur Verbreitung, Kommerzialisierung und Kontrolle ihres geistigen Eigentums im elektronischen Umfeldüberdenken.Die Globalisierung hat zu einer stärkeren Nutzung und dem Austausch von geistigem Eigentum geführt.Dies verlangt faire Rahmenbedingungen und kohärente Regeln weltweit.Die „IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) für Entscheidungsträger in Wirtschaft undPolitik – Aktuelle und neue Fragen zum geistigen Eigentum, 11. Ausgabe, 2012“ stellt einige Entwicklungenvor, die sich aus diesen Veränderungen in den letzten Jahren ergeben haben.Dazu gehören die Entscheidung zur Freigabe generischer Top-Level-Domains, Maßnahmen zur Kontrollevon Urheberrechts- und Markenrechtsverletzungen im Internet sowie die Bemühungen, das Problemder hohen Kosten und langen Verfahren zur Erlangung von Patenten in verschiedenen Rechtsordnungenanzugehen (wie beispielsweise eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Patentämtern,weitere Schritte bei der EU-Initiative zur Schaffung eines einheitlichen Patents und einer europäischenPatentgerichtsbarkeit sowie Reformbemühungen zur Angleichung des US-Patentsystems an anderePatentsysteme weltweit).Auch fällt darunter der Abschluss des Nagoya-Protokolls über den Zugang zu genetischen Ressourcenund gerechtem Vorteilsausgleich (ABS – Access and Benefit Sharing) mit Auswirkungen auf dieBiowissenschaften sowie der Schutz von biopharmazeutischen Arzneimitteln in der EU und den USA.Die IP-Roadmap Ausgabe 2012 ist wie die vorherigen Ausgaben aufgebaut: Die Einleitung beschreibtEntwicklungen mit Auswirkungen auf den IP-Schutz. In den nachfolgenden Abschnitten geht es sowohlum die Belange spezifischer IP-Rechte als auch um Fragen, die diversen Schutzrechten gemeinsamsind. Auch die Interaktion von IP und anderen Politikbereichen wird betrachtet. Jeder Abschnittbeschreibt nicht nur neue Entwicklungen, sondern auch die Wirtschafts- und Regierungspositionensowie Maßnahmen zu speziellen Problemen.Für die vorliegende Ausgabe wurden viele Abschnitte umfassend aktualisiert, u. a. der Bereich Datenexklusivität,Sortenschutzrechte, geografische Angaben, Geschmacksmusterrechte, Datenbanken,Bewertung sowie Schiedsgerichtsbarkeit und Mediation von IP-Streitigkeiten.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 VorwortWir hoffen, dass die IP-Roadmap der ICC auch weiterhin eine nützliche Handreichung für all jene ist,die mit IP-Fragen zu tun haben. Wir freuen uns über die Rückmeldung von Lesern, um die vorliegendePublikation weiterhin zu verbessern.Jean-Guy CarrierGeneralsekretärInternationale Handelskammer (ICC)David KorisVorsitzenderICC-Kommission Intellectual Property (IP)Dies ist die 11. Ausgabe der „IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) für Entscheidungsträgerin Wirtschaft und Politik – Aktuelle und neue Fragen zum geistigen Eigentum“. Erstmaligerschien die IP-Roadmap im Jahr 2000. Die Roadmap greift auf bestehende Stellungnahmen derICC zurück und beabsichtigt nicht, neue ICC-Richtlinien aufzustellen. Diese Publikation (in Englischund weiteren Sprachen) sowie zitierte ICC-Positionspapiere sind unter www.iccwbo.org abrufbar.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


Danksagungen 2012DanksagungenDie ICC dankt insbesondere für die umfangreichen Beiträgen aus der ICC-Arbeitsgruppe IP-Roadmapund anderen ICC-Gruppen zur vorliegenden Aktualisierung:Ron Myrick (Vorsitzender der Arbeitsgruppe), Farabow, Garrett & Dunner LLP, USAIvan B. Ahlert, Dannemann, Siemsen, Bigler & Ipanema Moreira, BrasilienJoseph Alhadeff, Oracle, USAJuan Carlos Amaro, Becerril, Coca & Becerril S.C., MexikoTomás Arankowsky Tamés, AVAH Legal S. C., MexikoIngrid Baele, Philips IP & Standards, NiederlandeChristopher Boam, Verizon Communications, USAStavros Brekoulakis, School of International Arbitration, UKThaddeus Burns, General Electric, USAAntonella Carminatti, Barbosa, Müssnich & Aragão, BrasilienBernardo Cascão, Barbosa, Müssnich & Aragão, BrasilienHéctor E. Chagoya, Becerril, Coca & Becerril S.C., MexikoChew Phye Keat, Raja, Darryl & Loh, MalaysiaSarah B. Deutsch, Verizon Communications, USADavid Fares, News Corporation, USARodrigo Ferreira, Barbosa, Müssnich & Aragão, BrasilienGraham Henderson, Music Canada, KanadaIvan Hjertman, IP Interface AB, SchwedenMichael Jewess, Research in Intellectual Property, UKDavid Jones, Microsoft, USADouglas Kenyon, Hunton & Williams, USASun Kim, Kims and Lees, KoreaDaniel Kraus, Umbricht, SchweizEdgar Krieger, CIOPORA, DeutschlandSandra Leis, Dannemann, Siemsen, Bigler & Ipanema Moreira, BrasilienJulian D. M. Lew QC, 20 Essex Street Chambers and School of International Arbitration, UKBruno Lewick, Barbosa, Müssnich & Aragão, BrasilienDavid Lewis, Babcock International Group PLC, UKElisabeth Logeais, UGGC, repräsentiert Licensing Executives Society InternationalJosé Mauro Machado, Pinheiro Neto Advogados, BrasilienAllison Mages, General Electric, USALeslie McDonell, Finnegan, Henderson, Farabow, Garrett & Dunner, LLP, USAJosé Carlos da Matta Berardo, Barbosa, Müssnich & Aragão, BrasilienPaula Mena Barreto, Barbosa, Müssnich & Aragão, BrasilienCarlos Müggenburg, Müggenburg, Gorches, Peňalosa y Sepúlveda S.C., MexikoAna Muller, Barbosa, Müssnich & Aragão, BrasilienGadi Oron, International Federation of the Phonographic Industry (IFPI), UKDiego Osegueda, Barbosa, Müssnich & Aragão, BrasilienJohn Paul, Finnegan and Henderson, USARaymundo Pérez Arrelano, Von Wobeser y Sierra S.C., MexikoSudhir Raja Ravindran, Altacit Global, IndienBeatrice Renggli, IP Consult 4U GmbH, SchweizMichael Ritscher, Meyer Lustenberger, SchweizTimothy W. Roberts, Brookes Batchellor LLP, UKJosé Antonio Romero, Becerril, Coca & Becerril, S.C., MexikoDavid Rosenberg, GlaxoSmithKline, UKJean-François Sarrazin, Bayer, DeutschlandIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 DanksagungenPavel Savitsky, Mannheimer Swartling, RusslandPeter Schramm, Meyer Lustenberger, SchweizClaudia Schulz, Barbosa, Müssnich & Aragão, BrasilienPeter Dirk Siemsen, Dannemann, Siemsen, Bigler & Ipanema Moreira, BrasilienBradley Silver, Time Warner Inc., USADerek Slater, Google, USAMichael Soo, Shook Lin & Bok, MalaysiaEkaterina Tilling, Baker Botts, RusslandNatalia Tobon, Cavelier Abogados, KolumbienAnthony Tridico, Finnegan and Henderson, Farabow, Garrett & Dunner LLP, USAStéphane Tronchon, Qualcomm, USAFabricio Vayra, Time Warner Inc., USADaphne Yong-d’Hervé (Task Force Secretary), Kati Jutteau, Ayesha Hassan, Andrea Bacher,Jeffrey Hardy, Francesca Mazza, Hannah Tümpel, ICC-SekretariatWir danken außerdem den zahlreichen Mitgliedern und ICC-Nationalkomitees aus verschiedenenRegionen für ihre wertvollen Kommentare und Ideen.Die Realisierung der deutschen Fassung der IP-Roadmap erfolgte mit freundlicher Unterstützung derMicrosoft Deutschland GmbH.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


Links 2012LinksAnti-Produktpiraterie-HandelsabkommenEuropäische Union – Kommission,Parlament, RatACTAEUwww.ustr.gov/actawww.europa.euEuropäisches Patentamt EPA www.epo.orgHaager Konferenz für InternationalesPrivatrecht (HCCH)Harmonisierungsamt für denBinnenmarkt (Marken, Musterund Modelle)HCCHHABMwww.hcch.netwww.oami.europa.euInternationale Handelskammer ICC www.iccwbo.orgInternationaler Verband zumSchutz von PflanzenzüchtungenInternationaler Vertrag überpflanzengenetische Ressourcenfür Ernährung und LandwirtschaftInternet Corporation for AssignedNames and NumbersIP5 – Zusammenschluss dergrößten Ämter für geistigesEigentum: Europa, Japan, Korea,China und USAKommission der Vereinten Nationenfür internationales HandelsrechtOrganisation für wirtschaftlicheZusammenarbeit und EntwicklungRahmenübereinkommen derVereinten Nationen über KlimaänderungenUPOVITPGRFAICANNIP5UNCITRALOECDUNFCCCwww.upov.intwww.planttreaty.orgwww.icann.orgwww.fiveipoffices.orgwww.uncitral.orgwww.oecd.orgunfccc.intWeltgesundheitsorganisation WHO www.who.intWelthandelsorganisation WTO www.wto.orgWeltorganisation für geistigesEigentumÜbereinkommen über die biologischeVielfaltWIPOCBDwww.wipo.intwww.cbd.intIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Grundlagen geistigen EigentumsGrundlagen geistigen EigentumsWas ist geistiges Eigentum?Unter geistigem Eigentum versteht man geistige Leistungen, die Eigentum eines Einzelnen oder einerOrganisation sind. Diese können entscheiden, ob sie die Leistungen frei weitergeben oder deren Nutzungin bestimmter Weise kontrollieren möchten. Geistiges Eigentum kommt nahezu überall vor – inkreativen Werken wie Büchern, Filmen, Aufnahmen, Musik, Kunst und Software sowie in alltäglichenDingen wie Autos, Computern, Medikamenten und Pflanzensorten/Pflanzenzüchtungen, die aufgrunddes Fortschritts in Wissenschaft und Technologie entwickelt wurden. Ebenso können Unterscheidungsmerkmale,die uns bei der Produktauswahl helfen, wie beispielsweise Markennamen und Geschmacksmuster,in den Bereich geistiges Eigentum fallen. Auch dem Herkunftsort eines Produktskönnen bestimmte Rechte zugeordnet sein, wie zum Beispiel im Fall von Champagner und Gorgonzola.Vieles, was wir im Internet sehen und nutzen, sei es eine Webseite oder ein Domainname, enthältoder repräsentiert auch eine Form von geistigem Eigentum.Warum ist geistiges Eigentum geschützt und wer profitiert davon?Durch ein System von Rechten geistigen Eigentums (Gewerbliche Schutzrechte und Urheberrechte)ist es nicht nur möglich, Innovationen oder Kreationen ihrem Schöpfer * oder Hersteller zuzuordnen,sondern auch das „Eigentum“ daran zu sichern und in der Folge davon kommerziell zu profitieren.Durch den Schutz geistigen Eigentums erkennt die Gesellschaft den Nutzen des geistigen Eigentumsan und bietet jedem von uns Anreize, seine Zeit und Ressourcen zur Förderung von Innovationen undder Verbreitung von Wissen zu investieren.Das IP-System soll der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit nutzen; es berührt damit ein empfindlichesGleichgewicht, das darauf abzielt, sowohl die Bedürfnisse der Rechteinhaber als auch die der Nutzerin Einklang miteinander zu bringen. IP-Rechte erlauben es dem Rechteinhaber überlicherweise, dieRechte für die Nutzung seines Werks während eines begrenzten Zeitraums auszuüben. Als Gegenleistungfür die Einräumung dieser Rechte profitiert die Gesellschaft auf verschiedene Art und Weise.Das System zum Schutz geistigen Eigentums trägt zur Gesellschaft bei durch: Bereicherung des Allgemeinwissens und der Kultur; Sicherstellung des fairen Wettbewerbs und Förderung der Bereitstellung einer großen Bandbreitehochwertiger Waren und Dienstleistungen; Unterstützung wirtschaftlichen Wachstums und Beschäftigung; Stärkung von Innovationen und geistigen Leistungen; und Förderung technologischen sowie kulturellen Fortschritts und Ausdrucks.Wenn passende oder notwendige Rechte geistigen Eigentums nicht verfügbar oder nur schwer durchsetzbarsind, müssten Erfinder und innovative Unternehmen möglicherweise in größerem Umfang aufandere Mittel zurückgreifen, um sich vor unfairem Wettbewerb zu schützen, beispielsweise durch Geschäfts-und Betriebsgeheimnisse, vertragliche Abkommen oder technische Maßnahmen, die ein Kopierenverhindern. Solche Maßnahmen können die Förderung der oben genannten Ziele beeinträchtigen.* Zur leichteren Lesbarkeit wird im gesamten Dokument sowohl für die männliche als auch die weibliche Form ausschließlichdie männliche Form verwendet.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 1


Grundlagen geistigen Eigentums 2012Wie wird geistiges Eigentum geschützt?Grundsätzlich wird geistiges Eigentum dadurch geschützt, dass der Schöpfer eines Werkes oder einErfinder Exklusivrechte zur Kommerzialisierung seines Werkes oder seiner Erfindung für einen begrenztenZeitraum erhält. Diese Rechte können auch verkauft, lizenziert oder auf andere Weise vomRechteinhaber veräußert werden.Rechte geistigen Eigentums werden unter nationalem Recht des jeweiligen Landes oder eines Wirtschaftsraumeserteilt. Darüber hinaus existieren zum Schutz von IP-Rechten verschiedene internationaleAbkommen, die Gesetze und Abläufe harmonisieren oder es erlauben, Schutzrechte gleichzeitigin mehreren Ländern anzumelden. Die verschiedenen Arten geistigen Eigentums – literarische undkünstlerische Werke, Erfindungen, Markennamen und Geschmacksmuster, um nur einige zunennen – sind unterschiedlich geschützt: Werke in den Bereichen Literatur und Kunst, wie Bücher, Gemälde, Musik, Filme und Aufnahmensowie Software, werden im Allgemeinen durch Urheberrechte oder sogenannte verwandte Schutzrechtegeschützt; Technische Erfindungen werden typischerweise durch Patente geschützt; Unterscheidungsmerkmale (wie Wörter, Symbole, Gerüche, Klänge, Farben und Formen),die ein Produkt oder eine Dienstleistung von anderen unterscheiden, können durch Markenrechtegeschützt werden; Die spezielle äußere Erscheinung eines Gegenstandes, wie zum Beispiel Einrichtungsgegenstände,Autokarosserieteile, Tafelgeschirr oder Schmuck, kann durch Geschmacksmusterschutzrechtegeschützt sein; Geografische Angaben und Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse werden ebenfalls als geistigesEigentum angesehen. Die meisten Länder bieten in irgendeiner Form rechtlichen Schutz für diese; Regeln zur Vermeidung von unfairem Wettbewerb zwischen Unternehmen helfen ebenfalls,Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse und andere Arten geistigen Eigentums zu schützen; Pflanzensorten werden im Wesentlichen durch ein spezifisches IP-Schutzsystem „Sortenschutzrechte“und durch Patente geschützt, eine Kombination von beiden Systemen ist auch möglich; Speziellen Rechtsschutz gibt es in verschiedenen Ländern für integrierte Schaltkreise undDatenbanken.Ein und dasselbe Produkt kann also gleichzeitig durch mehrere Schutzrechte in verschiedenenLändern geschützt werden.UrheberrechtUrheberrechte gibt es, um die Produktion von künstlerischen, literarischen oder musikalischen Schöpfungenvon Büchern und Bildern bis hin zu Filmen, Aufnahmen und Software zu fördern. Das Urheberrechtssystembelohnt künstlerischen Ausdruck dadurch, dass dem Schaffenden erlaubt wird, kommerziellvon seinem Werk zu profitieren. Zusätzlich zu diesen wirtschaftlichen Rechten verleiht esaber auch persönliche Rechte (Urheberpersönlichkeitsrechte), die es dem Schaffenden ermöglichen,die Urheberschaft zu beanspruchen, um Verstümmelung oder Deformation seines Werkes zu verhindern,die seinem Ruf schaden könnten.2 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Grundlagen geistigen EigentumsUm Urheberrechtsschutz zu erhalten, muss ein Werk die Erfordernis der Originalität erfüllen und ineinigen Rechtsordnungen auch die der beständigen Form. Das Urheberrecht ist mit Schaffung desWerkes ein automatisch verbrieftes Recht des Autors, auch wenn einige wenige Länder Systeme zurRegistrierung pflegen, die zusätzliche Vorteile beinhalten. Das Werk kann lizenziert oder übertragenwerden, oftmals an einen Verleger oder Produzenten. Urheberrechtsschutz garantiert einem AutorExklusivrechte während eines bestimmten Zeitraums, im Allgemeinen vom Zeitpunkt der Schöpfungdes Werkes bis fünfzig oder siebzig Jahre nach dem Tod des Autors.Urheberrechtsgesetze gestatten dem Autor, bestimmte Nutzungen seines Werkes zu kontrollieren.Diese Nutzungen kann der Autor erlauben oder untersagen; sie beinhalten typischerweise Vervielfältigung,Distribution, Verleih, Aufzeichnung, Veröffentlichung, Ausstrahlung und Übersetzung oder Bearbeitungdes Werkes. In manchen Ländern hat der Autor kein Recht, bestimmte Nutzungen seinesWerkes zu unterbinden; er behält jedoch das Recht, für diese Nutzungen vergütet zu werden. In jedemLand existieren Ausnahmen, die der Öffentlichkeit bestimmte Nutzungen eines Werkes ermöglichenohne Erlaubnis oder Vergütung des Autors. Ein Beispiel hierfür ist die Verwendung von begrenztenZitaten zur Veranschaulichung oder in Bildung und Wissenschaft. Sowohl der Schutz für den Urheberrechtsinhaberals auch die Einschränkungen und Ausnahmen innerhalb des Urheberrechts sindein wesentlicher Teil des Gesetzesrahmens zum Urheberrecht und müssen in angemessener Ausgewogenheitzueinander stehen. Sie sind Grundlage für die Schaffung künstlerischer Werke sowie neuerMöglichkeiten für deren Verbreitung und Erleben.Die meisten Länder bieten ähnlichen Schutz für Tonträgerhersteller, ausübende Künstler und Sendeanstalten.In manchen Ländern sind diese Rechteinhaber durch dieselben Rechte wie Autoren geschützt;in anderen Ländern sind sie stattdessen durch verwandte Schutzrechte geschützt. Urheberrechtsschutzist durch die Entwicklung digitaler Technologien und das Internet zunehmend wichtigergeworden, wo er die Hauptform von IP-Schutz für online verbreitete Inhalte darstellt und die Durchsetzungder Rechte schwierig ist.Es existieren verschiedene internationale Abkommen zum Urheberrechtsschutz und zu verwandtenSchutzrechten. Dazu gehören die Berner Übereinkunft zum Schutz von Werken der Literatur undKunst (1886), das Rom-Abkommen über den Schutz der ausübenden Künstler, der Hersteller vonTonträgern und der Sendeunternehmen (1961), das sogenannte Genfer Tonträger-Abkommen, Übereinkommenzum Schutz der Hersteller von Tonträgern gegen die unerlaubte Vervielfältigung ihrerTonträger (1971), der WIPO-Urheberrechtsvertrag (1996) und der WIPO-Vertrag über Darbietungenund Tonträger (1996). Die beiden Letzteren befassen sich mit dem Schutz von Autorenrechten innerhalbder digitalen Welt. Das Abkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte an GeistigemEigentum (TRIPS, 1994) der Welthandelsorganisation (WTO) ist das erste multilaterale handelsbezogeneAbkommen zum Schutz geistigen Eigentums. Es deckt die meisten Arten geistigen Eigentumsab und umfasst auch Urheberrechte und verwandte Schutzrechte.PatenteEin Patent gibt dem Erfinder das Recht, für die Dauer eines bestimmten Zeitraums andere davon abzuhalten,seine Erfindung ohne seine Zustimmung zu nutzen, herzustellen, zu verkaufen, zum Verkaufanzubieten oder zu importieren. Im Gegenzug dafür muss er alle Details seiner Erfindung in der Patentschriftoffenlegen, die für die Öffentlichkeit zugänglich ist. In ihrer ursprünglichen Form sind Patenteein Sozialvertrag zwischen der Gesellschaft insgesamt und den Erfindern. Eine Innovation, die derErfinder geheim hält, wird als „Know-how“ oder Geschäfts- und Betriebsgeheimnis bezeichnet. Diesewerden durch andere Richtlinien geschützt.In den meisten Ländern läuft der Patentschutz üblicherweise nach 20 Jahren aus, gerechnet ab demjeweiligen Anmeldedatum. Er wird durch nationale oder regionale staatliche Patentämter erteilt, beidenen der Erfinder einen Antrag stellen muss.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 3


Grundlagen geistigen Eigentums 2012Für die Erteilung eines Patentes muss eine Erfindung drei Kriterien erfüllen: Neuheit – sie darf nicht zum Stand der Technik gehören; Gewerbliche Anwendbarkeit – sie muss industriell hergestellt oder gebraucht werden können; und Beruhen auf einer erfinderischen Tätigkeit – sie darf nicht „naheliegend“ sein, also keine Erfindung,die jeder Fachmann in dem jeweiligen Themengebiet hätte machen können.Patentsysteme wurden in vielen Ländern über die Jahre hinweg angenommen, da sie die Offenlegung von Informationen für die Öffentlichkeit fördern und dadurch deren Zugang zutechnischem und wissenschaftlichem Fachwissen vergrößern. Ohne die Sicherheit eines Patentswürde ein Einzel- oder Unternehmenserfinder möglicherweise die Details der Erfindung geheimhalten wollen; sie Anreiz und Entlohnung für Innovationen und Investitionen in Forschung und Entwicklung undzukünftige Erfindungen bieten; die begrenzte Dauer eines Patents die schnelle Kommerzialisierung einer Erfindung unterstützt, sodass die Öffentlichkeit den Vorteil aus einer Einfindung eher früher als später erhält; Patente durch die Förderung der Veröffentlichung von Details einer Erfindung helfen, doppelteForschungen zu vermeiden und weitere Forschung, Innovation und Wettbewerb stimulieren; und Patente als solide geistige Eigentumsrechte angesehen werden, die in den meisten Ländern undRegionen erst nach einem strengen Prüfungsverfahren gewährt werden.Es existieren verschiedene internationale Abkommen zum Schutz von Patenten. Für materielle Fragensind die wichtigsten Abkommen die Pariser Verbandsübereinkunft zum Schutz des gewerblichenEigentums (1883) und TRIPS (Abkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte an GeistigemEigentum, 1994) der Welthandelsorganisation (WTO), während die wichtigsten Abkommen für verfahrensrechtlicheAspekte der Patentkooperationsvertrag (Patent Cooperation Treaty PCT, 1970) und derPatentrechtsvertrag (Patent Law Treaty PLT, 2000) sind. Das Europäische Patentübereinkommen(EPÜ) (European Patent Convention EPC, 1973) enthält Bestimmungen für die Erlangung eines europäischenPatents („Bündelpatent“), welches sich bei Erteilung aufgliedert in nationale Patente derbezeichneten Länder. Eine revidierte Fassung dieses Übereinkommens (EPÜ 2000) trat am 13. Dezember2007 in Kraft, die Ausführungsordnung wurde zum 1. Januar 2011 geändert.MarkenMarken erlauben es Verbrauchern und Unternehmen, zwischen Waren und Dienstleistungen vonverschiedenen Herstellern zu unterscheiden und die Produkte jener Hersteller auszuwählen, denensie vertrauen.Für Hersteller oder Dienstleister, die Zeit, Mühe und finanzielle Mittel für den Aufbau eines guten Markenimagesinvestiert haben, sind Marken eine Möglichkeit, andere daran zu hindern, auf unfaire WeiseNutzen aus ihrem Renommee zu ziehen. Dies sichert den fairen Wettbewerb zwischen Wettbewerbernam Markt und unterstützt Hersteller, in Qualität und hervorragenden Ruf ihrer Produkte oderDienstleistungen zu investieren.Markenschutz kann auf Marken, Namen, Zeichen, Symbole und sogar Farben, Gerüche, akustischeSignale und Formen angewandt werden. Kurz gesagt, kann nahezu jedes Unterscheidungsmerkmal,das ein Produkt oder eine Dienstleistung von anderen eindeutig abgrenzt, als Marke geschützt werden.4 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Grundlagen geistigen EigentumsIn den meisten Ländern muss eine Marke bei einem nationalen oder regionalen staatlichen Markenamtfür den Gebrauch bestimmter Waren oder Dienstleistungen registriert werden, um geschützt zusein. So kann der Markeninhaber verhindern, dass andere seine oder eine ähnliche Marke für diegleichen oder ähnlichen Produkte oder Dienstleistungen benutzen, wenn dies zur Verwirrung in derÖffentlichkeit führen würde. In vielen Ländern sind berühmte oder bekannte Marken auch vor Gebrauchgeschützt, der verunglimpft, verwässert oder auf unfaire Weise Vorteile aus der Reputation derbekannten Marke zieht.Unternehmen jeder Art und Größe setzen auf Marken. Markenschutz ist der weltweit am meisten genutzteSchutz für geistiges Eigentum. Marken garantieren lokalen Konsumenten die Herkunft einesProdukts. Unternehmen können bequem durchsuchbare Markenregister nutzen, um zu vermeiden,neue Markennamen auszuwählen, die mit bereits existierenden verwechselt werden könnten.Es existieren verschiedene internationale Abkommen zum Schutz von Marken. Für materielle Fragensind die wichtigsten Abkommen die Pariser Verbandsübereinkunft zum Schutz des gewerblichen Eigentums(1883), der Markenrechtsvertrag (Trademark Law Treaty TLT, 1994) und das TRIPS-Abkommen (1994). Am 28. März 2006 wurde der Markenrechtsvertrag von Singapur verabschiedet.Für verfahrensrechtliche Fragen sind die wichtigsten Verträge das Madrider Abkommen über die internationaleRegistrierung von Marken (MMA, 1891) und das dazugehörige Protokoll (1989), dessenoffizielle Sprachen Französisch, Englisch und Spanisch sind, sowie das Nizzaer Abkommen für dieinternationale Klassifikation von Waren und Dienstleistungen für die Eintragung von Marken (1957).In Europa erlaubt es die Verordnung Nr. 207/09 vom 26. Februar 2009, die die vorherige Verordnung40/94 über EU-Gemeinschaftsmarken (Community Trade Mark – CTM) kodifiziert, einem Rechteinhaber,eine einmalige Markeneintragung zu erlangen, die alle 27 EU-Mitgliedsstaaten abdeckt. Die am1. Oktober 2004 entstandene Verknüpfung zwischen der CTM und dem Madrider Protokoll gewährtMarkeninhabern mehr Flexibilität bei der Erlangung internationalen Markenschutzes. Vor dem Hintergrundder 2010 durchgeführten Studie zum Markensystem in der EU insgesamt wurde angekündigt,dass Änderungen der aktuellen Gemeinschaftsmarken-Regelung vorgeschlagen werden.GeschmacksmusterGeschmacksmusterrechte schützen neues und ursprüngliches Design eines Produkts oder seinerVerpackung. Die Schutzanforderungen bedienen sich typischerweise sowohl der Konzepte des Patentrechts(Neuheitsaspekt) als auch des Urheberrechts (Erfordernis der Originalität). SchutzgeeigneteGeschmacksmuster müssen ästhetische Merkmale aufweisen und dürfen keinem bereits bekannten,insgesamt identischen oder ähnlichen Geschmacksmuster älteren Datums entsprechen. Geschmacksmusterkönnen in einem zwei- oder dreidimensionalen Format (Zeichnung bzw. Modell)dargestellt werden. Sie tragen erheblich zur Marktfähigkeit von Waren bei und sind wichtige Vermögenswertein verschiedenen Branchen, wie zum Beispiel in der Textil-, Mode-, mobilen Telekommunikations-,Software (Interface)-, Automobil- sowie Möbel- und Dekorationsindustrie.Das Regime für Geschmacksmusterschutz ist je nach Land verschieden, wenn auch eine Harmonisierunginnerhalb der Europäischen Union durch die Verordnung Nr. 6/2002 erreicht wurde, die einGemeinschaftsgeschmacksmuster für alle 27 EU-Mitgliedsstaaten bietet. In den meisten Ländernmüssen Geschmacksmuster eingetragen sein, um Schutz zu erhalten. Allerdings tendiert man dazu,kurzzeitigen Schutz auch auf nicht eingetragene Geschmacksmuster auszuweiten, zum Beispiel fürdrei Jahre innerhalb der EU. Eingetragene Geschmacksmuster genießen im Allgemeinen für 25Jahre Schutz.Der Inhaber eines geschützten Geschmacksmusterrechts kann die Herstellung, den Verkauf, denImport oder Export von Waren verhindern, welche das jeweilige Geschmacksmuster beinhalten odergebrauchen. Je nach Land kann der Inhaber gleichzeitig von Urheberrechts- und Markenschutz sowiePatentrecht Gebrauch machen. Geschmacksmusterschutz ist ein Bereich, der in letzter Zeit von be-IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 5


Grundlagen geistigen Eigentums 2012trächtlicher und vielversprechender Harmonisierung profitiert hat. Das Haager Musterabkommen(HMA 1925) über die internationale Hinterlegung von Mustern und Modellen in der Genfer Fassung(1999) erlaubt eine zentralisierte Geschmacksmusteranmeldung für den Schutz innerhalb der verschiedenenMitgliedsstaaten des Abkommens, welches die EU einschließt. Die letzten Verordnungentraten am 1. April 2010 in Kraft. Für verfahrensrechtliche Fragen ist die Klassifizierung von Warendurch das Locarno-Abkommen (1968) geregelt.Geschäfts- und BetriebsgeheimnisseGeschäfts- und Betriebsgeheimnisse beinhalten verschiedene Arten von Unternehmensinformationentechnischer, kommerzieller oder finanzieller Natur, die der betreffenden Öffentlichkeit wederbekannt noch leicht zugänglich sind und die einem Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen(zum Beispiel Herstellungsverfahren, Fertigungsmethoden und Know-how, Kundenlistenund -profile, Vertriebsmethoden, finanzielle Informationen, Inhaltsstoffe, etc.). Im Allgemeinen könnenInformationen Schutz als Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse erhalten, wenn sie identifiziert,wesentlich und geheim sind, wie in Artikel 39 TRIPS erläutert wird.Der Schutz für Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse wird ohne Registrierung gewährt und kannohne zeitliche Einschränkung andauern, im Allgemeinen so lange, wie die Vertraulichkeit aufrechterhaltenwird. Wenn es sich bei dem Geschäfts- und Betriebsgeheimnis um patentierbares Knowhowhandelt, muss der Umfang des Schutzes per Gesetz bzw. durch das Patentrecht mit dem Statusdes Geschäfts- und Betriebsgeheimnisses sorgfältig verglichen werden vor der Entscheidung,ob die Erfindung patentiert oder besser als Geschäfts- und Betriebsgeheimnis behandelt werdensoll. Diese Entscheidung hängt ebenfalls ab von der Art des betreffenden Know-hows, der beabsichtigtenAnwendung, der Dauer des erwarteten Wettbewerbsvorsprungs und der Fähigkeit, Geheimhaltungauf lange Sicht zu sichern. Kennzeichnend für ein Geschäfts- und Betriebsgeheimnisist die Unmöglichkeit, die effektive Weitergabe von Wissen außer Kraft zu setzen, wenn es ersteinmal veröffentlicht ist. Dies ist der Grund, warum bei der Weitergabe von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissender Inhaber gewöhnlich sehr auf Vertraulichkeitsvorkehrungen und die Wirksamkeitvon einstweiligen gerichtlichen Verfügungen achtet, die erlangt werden können, um eineunautorisierte Verbreitung zu verhindern.Unternehmen wissen mittlerweile um den Wert von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen, Geheimhaltungs-und Vertraulichkeitsvereinbarungen sowie Wettbewerbsverboten in Arbeitsverträgen. Sienutzen diese nun bei der Abwicklung ihrer Geschäfte sowie im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissenumfassender, um ungewollte Informationslecks und die Nutzung von wertvollen Unternehmensinformationenzu begrenzen. Dennoch bleibt der Schutz von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissenin vielen Ländern schwach, teils aufgrund der mangelnden spezifischen Schutzgesetze undteils bedingt durch mangelndes Bewusstsein der Justiz und anderer Verwaltungsorganisationen.Sanktionen gegen die Beschaffung, Nutzung oder Veröffentlichung von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissenunter Anwendung der Gesetze gegen unlauteren Wettbewerb – ein Teilbereich desDeliktrechts – sind auch in Artikel 39 TRIPS vorgesehen. Die Verletzung einer Geheimhaltungsverpflichtungkann außerdem auch als Vertragsbruch behandelt werden. In bestimmten Fällen gilt diewiderrechtliche Verwendung von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen als Straftat wie beispielsweiseDiebstahl oder Wirtschaftsspionage.Die Offenlegung von Know-how als solchem oder als Teil eines Patent- und Know-how-Lizenzabkommensist eine häufig genutzte Möglichkeit, technische Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse zuverwerten, die inzwischen immer weniger durch nationale Einschränkungen des grenzüberschreitendenTransfers von Know-how erschwert werden.6 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Grundlagen geistigen EigentumsDomainnamenEin Internet-Domainname ist eine eindeutige zuordbare Internetadresse in vereinfachter Form, entworfen,um Benutzern Lokalisierung und Besuch einer Webseite im Internet auf einfachste Weise oderden Einsatz von E-Mail zu ermöglichen. Jeder Rechner (Server) hat eine feste oder dynamische IP-Adresse (Internet Protocol Address), die es ihm ermöglicht, mit Internetressourcen während einerbestimmten Sitzung zu kommunizieren. Ein Domainname ist nichts anderes als die einfach zu erinnerndeÜbersetzung einer solchen IP-Adresse. Zum Beispiel beinhaltet der Internet-Domainname„iccwbo.org“ „iccwbo“ als Second Level Domain vor dem Punkt und die Domainendung „org“ als TopLevel Domain nach dem Punkt. Es gibt generische Top-Level-Domains (org, com, edu oder ähnliche)und Länder-Top-Level-Domains.Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) ist die globale Instanz, die für dieKoordinierung und das Management des Domainnamen-Systems zuständig ist.Mit dem ungeheuer schnellen Wachstum des Internets sind Domainnamen für Unternehmen wichtigeVermögenswerte geworden, da sie im Wettbewerb als Identifizierungsmerkmal eingesetzt werden, diemit bereits existierenden Geschäftsbezeichnungen (zum Beispiel Marken, geografischen Angaben,Handelsnamen) kollidieren können. Mit Hilfe von Domainnamen ist es Unternehmen möglich, ihreWebpräsenz aufzubauen und Internetnutzer weltweit anzusprechen. Wenn Unternehmen auf starkenMarken aufbauen, versuchen sie Domainnamen, die identisch mit ihrer Marke sind oder die ihre Markenutzen, als Top Level Domains für ihr Unternehmen einzutragen und zu nutzen. Probleme könnenentstehen, wenn Domainnamen, die eine Marke oder Variationen hiervon beinhalten, von andereneingetragen werden, so zum Beispiel auch im Falle von missbräuchlicher Registrierung durch so genannteCybersquatter.(Siehe Abschnitt A. II. 4., Domainnamen)SortenschutzrechteEin Sortenschutzrecht ist ein patentähnlicher Schutz für Pflanzensorten, der dem Züchter das Exklusivrechtgibt, die Sorte für bis zu 30 Jahre zu nutzen.Eine Pflanzensorte ist schutzfähig, wenn sie neu ist. Sie darf in dem geschützten Gebiet nicht mehr als ein Jahr und anderswo nicht mehr alsvier (bzw. bei bestimmten Arten sechs) Jahre vor Datum der Antragstellung genutzt worden sein; unterscheidbar ist. Sie muss klar von jeder anderen Sorte, die zum Zeitpunkt der Einreichung desAntrags allgemein bekannt besteht, unterscheidbar sein; homogen ist. Sie muss in den relevanten Merkmalen ausreichende Homogenität aufweisen; beständig ist. Ihre relevanten Merkmale müssen nach wiederholter Vermehrung unverändertbleiben; mit einer geeigneten Sortenbezeichnung gekennzeichnet ist.Das Sortenschutzrecht schützt anders als eine Erfindung, die durch ein Patent geschützt ist, lediglichbestimmte Verkörperungen der Sorte. Vor allem ist das Vermehrungsmaterial durch das Exklusivrechtdes Rechteinhabers abgedeckt, so dass dieser dessen Herstellung, Vermehrung, Verkauf, Im- undExport sowie damit zusammenhängende Aktivitäten kontrollieren kann. In einigen Ländern könnendas Erntegut sowie direkt aus dem Erntegut hervorgebrachte Erzeugnisse den Rechten unterliegen.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 7


Grundlagen geistigen Eigentums 2012Besonderes Merkmal des Sortenschutzrechtssystems und eine seiner wichtigsten Ausnahmen ist dersogenannte „Züchtervorbehalt“, der es Züchtern erlaubt, geschützte Sorten zur Entwicklung und anschließendenNutzung neuer Sorten zu verwenden. Der Züchtervorbehalt fördert die Verbesserungvon Sorten vor dem Hintergrund, dass eine neue Sorte nicht ohne Nutzung bestehenden Materialsentwickelt werden kann.Die einzige internationale Vereinbarung zu Sortenschutzrechten ist das Internationale Übereinkommenzum Schutz von neuen Pflanzenzüchtungen von 1961 (Revisionen 1972, 1978 und 1991), dasvon dem Internationalen Verband zum Schutz von Pflanzenzüchtungen (UPOV) verwaltet wird. Vonden 70 UPOV-Mitgliedern sind 47 durch die Akte von 1991, 22 durch die Akte von 1978 und ein Mitgliednoch durch das mit der 1972er Akte geänderte Übereinkommen aus 1961 gebunden. Aktuellsind mehr als 90.000 Pflanzensortenschutztitel in den Gebieten der UPOV-Mitglieder in Kraft.Artikel 27 (3) (b) des TRIPS-Abkommens bezieht sich auch auf Pflanzensorten: Es verpflichtet dieWTO-Mitglieder, für den Schutz von Pflanzensorten entweder durch Patente oder durch ein wirksamessui generis System oder durch eine Kombination von beidem zu sorgen.8 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen EigentumsEntwicklungen mit Einfluss auf den Schutzgeistigen EigentumsWirtschaftliche, soziale, politische und technologische Entwicklungen haben einen wichtigen Einflussdarauf, wie geistiges Eigentum geschaffen, genutzt und eingesetzt wird. Die vorhandenen Systemezum Schutz geistigen Eigentums passen sich diesen Veränderungen beständig an, wie sie es bereitsseit jeher getan haben. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen, die geistiges Eigentumals Aktivposten einsetzen, sicherstellen, dass die ihnen zum Schutz ihres geistigen Eigentums zurVerfügung stehenden Möglichkeiten auch unter sich ändernden Bedingungen wirksam bleiben.Die vorliegende Einleitung beschreibt die wesentlichen Treiber, die die IP-Landschaft derzeit verändern,sowie ihren möglichen Einfluss auf die Schaffung und Nutzung von geistigem Eigentum. Dazugehören die:1. Globalisierung der Wirtschaft;2. Entwicklung neuer Technologien;3. Verbreitung des Internet-Zugangs und von Breitbandanschlüssen;4. wirtschaftliche Bedeutung nicht-technologischer Innovationen und genetischer Ressourcen sowietraditionellen Wissens;5. Politisierung des geistigen Eigentums; und6. Veränderungen in der Unternehmenswelt.1. Globalisierung der WirtschaftImmer mehr Unternehmen agieren und handeln global. Doch im Gegensatz dazu ist die Gesetzgebungin den meisten Ländern historisch bedingt stark territorial ausgelegt, dies gilt auch für die Gesetzezur Regelung von IP-Rechten. Verschärft wird dies durch die Entwicklung des elektronischen Handels,da dadurch mehr Unternehmen international operieren können. Dies kann wiederum Fragennach dem anzuwendenden Recht und der gerichtlichen Zuständigkeit bei Transaktionen und Rechtsverletzungengeistigen Eigentums aufwerfen. Durch den globalen Handel werden viele Herausforderungenneu gestellt sowohl bei der Anmeldung (im Falle von eingetragenen Rechten) als auch derRechtsdurchsetzung in dem jeweiligen Land, in dem Produkte, die unter den Schutz geistigen Eigentumsfallen, ohne Zustimmung des Rechteinhabers produziert und in großem Umfang verkauft werdenkönnen. Davon betroffen sind auch global tätige Anbieter von Dienstleistungen, wie Versicherungen,Banken und Transportunternehmen.Diese Faktoren sprechen für und unterstützen eine internationale Harmonisierung von Normen fürgeistiges Eigentum. Die Harmonisierung durch internationale Abkommen reicht von der Pariser Verbandsübereinkunftzum Schutz des gewerblichen Eigentums (PVÜ) (1883) über das WTO TRIPS-Abkommen – welches geistiges Eigentum mit dem internationalen Handelssystem und seinen Sanktionsmechanismenverbunden hat – bis hin zu den neueren WIPO „Internet-Verträgen“ von 1996. DerWunsch nach einer Beschleunigung des Harmonisierungsprozesses, der als Beitrag zum Wachstumdes internationalen Handels verstanden wird, führte zu anderen Formen der Normenbildung, die wichtigeKräfte für den Harmonisierungsprozess geworden sind. Bilaterale Freihandelsabkommen könnenStandards für geistiges Eigentum beinhalten, die über den Mindeststandards von TRIPS liegen undgleichzeitig die Handelstätigkeit zwischen den Parteien über das Rahmenwerk der WTO hinaus fördern.Sogenannte nicht-zwingende Rechtsinstrumente, wie zum Beispiel Richtlinien oder Empfehlun-IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 9


Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen Eigentums 2012gen, können dazu genutzt werden, neue Normen zu definieren. Wenn diese dann in Verträge einbezogen,in nationales Recht aufgenommen oder in bilateralen Handelsverträgen berücksichtigt werden,können sie bindend werden.Da Unternehmen in mehr Ländern (oder über das Internet) operieren, wird die Kontrolle über die Verbreitungihrer Produkte in verschiedenen Märkten zunehmend wichtiger. Das Thema Erschöpfung vonRechten rückt dabei häufig in den Fokus der Debatte. Wie das Thema der Erschöpfung der Rechtedes geistigen Eigentums angewendet wird, bestimmt darüber, ob der Inhaber eines IP-Rechts dieVerbreitung von (echten) Produkten regional oder international kontrollieren kann, die von ihm selbstoder mit seiner Zustimmung auf einen nationalen Markt gebracht wurden. Üblicherweise sehen nationaleGesetze vor, dass der IP-Rechteinhaber sein Recht zur Kontrolle von Verkauf oder Verfügungüber ein bestimmtes Produkt, für das diese Gesetze gelten, verliert, sobald der erste Verkauf diesesProdukts durch den Rechteinhaber oder eine andere autorisierte Partei stattgefunden hat. In manchenFällen sind Regeln für Parallelimporte eine Ausnahme dieser Doktrin. Diese Regeln sehen normalerweisevor, dass bestimmte Produkte in einem bestimmten Territorium nicht ohne die Zustimmung desRechteinhabers verkauft werden können, unabhängig davon, ob die Produkte in einem anderen Territoriumbereits auf dem Markt sind.Die große Mehrheit der ICC-Mitglieder ist der Ansicht, dass, in Ermangelung eines echten globalenBinnenmarktes, ein Regime für die internationale Erschöpfung von Rechten für den internationalenHandel, für Investitionen und Innovation insgesamt mehr Schaden als Vorteile bringen würde. Unternehmenhaben beispielsweise vor dem Hintergrund von Geschäftsstrategien, Qualitätskontrolle, Markenimageund von Sicherheitsaspekten ein berechtigtes Interesse daran, die Verbreitung ihrer Wareninnerhalb verschiedener Märkte zu kontrollieren, um sicherzustellen, dass Produkte, die auf einenbestimmten Markt zugeschnitten sind, nicht in einem anderen verkauft werden. Es gibt zudem Argumentedafür, dass Verbraucher hinsichtlich Verfügbarkeit und Preis von Waren unter einem Systeminternationaler Erschöpfung von Rechten nicht profitieren würden.2. Entwicklung neuer TechnologienDie kommerzielle Anwendung neuer Technologien – insbesondere digitale und Kommunikationstechnologiensowie Biotechnologie – hat nicht nur zur Entwicklung von neuen Dienstleistungen und Distributionsformen,sondern auch zu neuen Formen der Rechtsverletzungen geführt. Technologien, Geschäftsmodelleund Akteure entstehen in diesen Bereichen so schnell, dass klassische Unternehmen,Regierungs- oder andere Organisationen, die sich mit IP-Rechten befassen, Gefahr laufen, von denEntwicklungen in diesen entstehenden Märkten überholt zu werden, es sei denn, sie bemerken diesund reagieren umgehend und angemessen auf neue Möglichkeiten und Herausforderungen.Informations- und Telekommunikationstechnologien (IKT) schaffen eine vielseitige- und vielfältigeWelt – die Informationsgesellschaft. Zwar bilden Infrastruktur und Information deren Basis, jedochsind Wissen, Kontext, Inhalte und Reflektion notwendig, um das Verständnis zu fördern und Kommunikationverständlich zu machen. Das System zum Schutz geistigen Eigentums setzt bei derSchaffung, Produktion und Distribution von Inhalten Marktanreize. Die weit weniger erstrebenswerteAlternative wäre staatliche Unterstützung oder Subventionen mit einem damit verbundenen staatlichenEinfluss und Zensurrisiko. Die Menschen in der Informationsgesellschaft werden daher nichtnur durch die Innovation und Kreativität angespornt, die sie sehen und erfahren, sondern werdenderen Wachstum durch Unterstützung und gemeinsame Anstrengungen kritisch begleiten. Es gibtkaum ein besseres Beispiel für dieses Phänomen als die rasante Verbreitung, Nutzung und Beliebtheitder sozialen Online-Medien.Wenn sich Technologien ständig schnell weiterentwickeln, gewinnen diese auch in ihrer Rolle beimSchutz und der Förderung von Innovation und Kreativität zunehmend an Bedeutung. Digitale Technologienhaben die Kreation und Verbreitung künstlerischer Werke extrem vereinfacht. Heutzutage kann10 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen Eigentumsjeder sein kreatives Schaffen über das Internet mit einem weltweiten Publikum teilen. Darüber hinauseröffnen Online-Plattformen zahlreiche neue Wege, um mit schöpferischer Arbeit Geld zu verdienen.Rechteinhaber und Technologiefirmen arbeiten zusammen daran, verschiedene Geschäftsmodelle zuentwickeln. Inhaber von Urheberrechten machen Inhalte in der digitalen Umgebung zugänglich undgreifen dabei zu verschiedenen technischen Maßnahmen, um die Nutzung und Vervielfältigung vongeschützten Werken zu regulieren. Rechteinhaber haben zudem mit der Unterhaltungselektronik-,Telekommunikations- und IT-Industrie zusammengearbeitet, um technologische Möglichkeiten zurVermeidung unerlaubter Nutzung urheberrechtlich geschützter Inhalte zu erkunden.IP-Vorgaben sind weiterhin vorwiegend national oder regional ausgerichtet, das Internet und andereTechnologien jedoch global. Mehr als je zuvor ist daher die Kette nationaler Schutzrechte für geistigesEigentum nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Zudem kommt es darauf an, Rechte entsprechenddurchsetzen zu können. Dies macht deutlich, dass eine verstärkte Kooperation auf internationalerEbene notwendig ist. Die Mindestvoraussetzungen für Urheberrechtsschutz aus TRIPS, der BernerÜbereinkunft und die WIPO „Internet-Verträge“ von 1996 sind wichtige Bestandteile, um Konsistenzund Rechtssicherheit im globalen digitalen Markt sicherzustellen. In diesem Kontext können freiwilligeVerhaltenskodizes, Richtlinien und Verträge die nationale Gesetzgebung ergänzen.Viele Regierungen möchten den Zugriff auf lizenzierbare Inhalte fördern und vereinfachen sowiegleichzeitig die Schutzinteressen der Rechteinhaber an ihren digitalen Inhalten absichern. In Frankreichwurde im April 2009 das Gesetz zur Förderung von Verbreitung und Schutz schöpferischer Inhalteim Internet („Loi favorisant la diffusion et la protection de la création sur Internet“) verabschiedet,das ein Verfahren von abgestuften Warnmodellen gegen wiederholte Rechtsverletzungen vorsieht. 1Die Debatte über die Einführung von gesetzlichen Lösungen für Online-Verstöße im Vereinigten Königreichführte zu ähnlichen Vorschriften unter dem Digital Economy Act (DEA), das vom Parlamentim April 2010 verabschiedet wurde. 2 Die Regierung hatte Anfang 2011 die britische MedienaufsichtsbehördeOfcom (Office of Communications) untersuchen lassen, inwieweit Internet Service Providern(ISP) das Blockieren bestimmter Webseiten möglich ist und welche Kosten damit verbunden wären.Ofcom hat ihre Untersuchungsergebnisse im August 2011 veröffentlicht. Gesetze, die zur Ahndungwiederholter Online-Verstöße einen abgestuften Maßnahmenprozess vorsehen, wurden auch in Neuseeland,Korea und Taiwan verabschiedet und werden dort zurzeit eingeführt. Ein freiwilliges Industrie-Abkommenzur Bekämpfung von Online-Piraterie ist derzeit in anderen Ländern in der Diskussion,u.a. in Australien und Japan. Auch wurden im Kampf gegen Online-Verstöße Maßnahmen diskutiert,die direkt auf Webseiten zielen, welche Zuwiderhandlungen zum Zweck haben. Einige Gerichtehaben Verfügungen erlassen, die die Sperrung von Webseiten verlangen, welche auf Zuwiderhandlungenausgerichtet sind. In anderen Ländern haben Regulierungsbehörden bestimmte Formen vonSperrungen verlangt, deren Geltungsbereich jedoch variiert und von denen einige Gegenstandlaufender Beschwerdeverfahren sind.Im Juni 2011 haben sich die wichtigsten Verbände der US-Rechteinhaber und ISPs auf eine Absichtserklärung(Memorandum of Understanding) geeinigt, das ein einheitliches Verfahren zur Versendungvon bis zu sechs Mitteilungen an Internetkunden vorsieht, bei denen rechtsverletzende Vorgängefestgestellt wurden. Dies soll zur möglichen Nutzung von Entschärfungsmaßnahmen führen, um vonpotenziellen Rechtsverletzungen abzuhalten. Die Umsetzung der Absichtserklärung unterliegt keinemstaatlichen Verfahren und keiner Aufsicht, wurde aber durch hochrangige Regierungsbeteiligung vereinfacht.Die Daten deuten darauf hin, dass die Information über mögliche Rechtsverletzungen sowiedie Mitteilung, dass sie illegal sind und bei Fortführung mit Konsequenzen zu rechnen ist, zu einem1 Allgemein bekannt als Creation and Internet- oder HADOPI-Gesetz (benannt nach der Regierungsbehörde, die zu seinerVerwaltung geschaffen wurde – Haute Autorité pour la Diffusion des Œuvres et la Protection des Droits sur Internet); eine überarbeiteteFassung des Gesetzes wurde vom französischen Verfassungsrat im Oktober 2009 verabschiedet. Diese verlangt einegerichtliche Überprüfung vor Entzug einer Internet-Adresse des Nutzers, hält jedoch ansonsten an den ursprünglichen Forderungenfest.2 Das Gesetz verpflichtet Provider, Mitteilungen an identifizierte Rechtsverletzer zu senden und anonymisierte Details dieserMitteilungen aufzubewahren. Der Staatssekretär ist außerdem befugt, weitere technische Maßnahmen (einschließlich Aussetzung)einzuführen, um gegen Verstöße vorzugehen.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 11


Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen Eigentums 2012Rückgang (um bis zu 70 Prozent) bei wiederholten rechtsverletzenden Aktivitäten führen werden. 3Anbieter von Internet-Inhalten und Vertriebsunternehmen sind davon überzeugt, dass Internetkundendas Recht haben, davon zu erfahren, wenn ihre Internet-Accounts für den Diebstahl von Inhalten genutztwerden. Wichtig ist auch, dass die Absichtserklärung ein erzieherisches Element schafft – dasCentre for Copyright Education – sowie den Schutz von Kundendaten und Verfahrensrechten durchein Beschwerdeverfahren sicherstellt. 4Darüber hinaus erwägen einige Regierungen in grundsätzlicher Weise, wie ihr IP-Rechtsrahmen ambesten Wachstum und Innovation unterstützen kann. In diesem Kontext sei beispielsweise die Studieder britischen Regierung mit dem Titel „A Review of Intellectual Property and Growth“ aus 2010 erwähnt,die auch als Hargreaves Review bekannt ist. Die 2011 veröffentlichten Ergebnisse dieser Studieunterstreichen u. a. die Forderung nach einer verbesserten Wirksamkeit der Online-Lizenzierung,nach wirksamerer Durchsetzung von IP-Rechten und nach einem „Ansatz mit Ausnahmen im Urheberrecht,der erfolgreiche neue digitale Unternehmen sowohl inner- als auch außerhalb der Kreativindustrienunterstützt“. Die britische Regierung hat im Anschluss eine Stellungnahme veröffentlicht, diedie Empfehlungen der Untersuchung weitgehend akzeptiert und die „beträchtlichen Stärken des IP-Rechtsrahmens“ bei der Unterstützung vieler erfolgreicher UK-Unternehmen im globalen Wettbewerbheraushebt. 2011 hat Irland eine Studie initiiert, die untersuchen soll, ob manche Teile der Urheberrechtsgesetzgebung„als innovationshemmend“ angesehen werden können; Ergebnisse dieser Studielagen zum Zeitpunkt der Roadmap-Veröffentlichung noch nicht vor.Die enormen Umwälzungen im Bereich der Biotechnologie lassen auf bedeutende Verbesserungender Lebensqualität und des Wirtschaftswachstums im 21. Jahrhundert hoffen: dies gilt für das Gesundheitswesen,Medizin, industrielle Prozesse, Landwirtschaft, Lebensmittel und Umwelt. Dafür verantwortlichsind innovative Biotechnologien, die unser Wissen über die Welt verändern. Ob sich diePotenziale realisieren, hängt allerdings entscheidend von starken und wirksamen IP-Rechten ab. Diesesind notwendig, um die Investitionen sicherzustellen, die zur Erforschung und Entwicklung, zurVerbreitung der neuen Technologien und zur Schaffung von marktorientierten Rahmenbedingungenfür den Austausch von Rechten gebraucht werden.Der zunehmende kommerzielle Einsatz von Life Science Technologien, wie zum Beispiel der Biotechnologie,führt nicht nur zur Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen, sondern auch zu neuenFormen der Verbreitung und Streuung von Technologien und neuen öffentlich-privaten Partnerschaften,um gesellschaftliche Ziele zu erreichen. Unternehmen müssen besonders auf die Herausforderungenfür die IP-Politik achten, die sich durch das Zusammenwachsen ursprünglich weitgehend unabhängigoperierender Bereiche wie beispielsweise der Bio- und Informationstechnologie oder andererneuer Technologien ergeben, bei denen Informationen, neuere Geräte und Methoden entscheidendfür Innovation sind.Ein wichtiger Fokus im Bereich der Biotechnologie liegt derzeit auf der Entwicklung von nachhaltigenalternativen Energie- und Kraftstoffquellen. Neben den erneuerbaren Energien bieten innovativeBiokraftstoffe auch Umweltvorteile durch neue Wege der Abfallbeseitigung. Die Biokraftstoffindustriewächst global stark, insbesondere in Europa, Asien, Nord- und Südamerika. Die Europäische Unionhat kürzlich das Potenzial von aus Abfällen gewonnener Energie herausgehoben, die zur Reduzierungder globalen Erwärmung beiträgt. Der Bericht geht davon aus, dass bis 2020 nahezu 20 MillionenTonnen Öl aus Biomasse bereitgestellt werden können. Fast die Hälfte davon stammt beispielsweiseaus festen Siedlungsabfällen, landwirtschaftlichen Rückständen, Agrarabfällen und anderen biologischabbaubaren Abfallströmen.3 Diese Zahl entspricht dem Durchschnitt aus den folgenden Studien: Ifop. “Les Français et le Téléchargement Illégal”, snep(2009): Frankreich; Synovate. “Movie File Sharing Amongst Young New Zealanders”, NZFACT (2009): Neuseeland; NorstatA.S. “Survey Regarding Norwegians’ Music Habits on the Internet”, Ifpi und GramArt (2009): Norwegen; und EntertainmentMedia Research. “2009 Digital Entertainment Survey”, Wiggin (2009): UK.4 Weitere Informationen unter: www.copyrightinformation.org/alerts12 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen EigentumsDie stärkere Verwendung von Mikroorganismen und biologischem Material bei der Entwicklung vonBiokraftstoffen führt zu einem größeren Interesse am Schutz geistigen Eigentums dieser neuen Kraftstoffquellenund zu einem wachsenden Widerstand gegen alle Auflagen für eine frühzeitige öffentlicheVerfügbarkeit von bei internationalen Stellen hinterlegten Mikroorganismen.Weiterhin wichtig im Bereich der Biotechnologie ist das Aufkommen von Biosimilar-Arzneimitteln inEuropa sowie die Verabschiedung eines Freigabeverfahrens für Biosimilars in den USA. Biosimilarssind biotechnologisch erzeugte, protein-basierte Nachahmer-Arzneistoffe. Zwar weisen diese großeÄhnlichkeit mit chemischen oder niedermolekularen Generika auf, allerdings ist es sehr viel schwieriger,die Äquivalenz für ein biologisches Produkt sicherzustellen. Für Pharmaproteine (Biologics) bleibtnach Ablauf der Exklusivvermarktungsphase als einziger Patentschutz lediglich noch jener für Herstellungsverfahrenoder spezifische Formulierung in Kraft. Daher besteht für ein Arzneimittelunternehmen,das diese Patente vermeiden möchte, ein Anreiz, Veränderungen bei der Herstellung und Rezepturdes biologischen Produkts vorzunehmen. Allerdings kann, anders als bei generischen niedermolekularenArzneimitteln, sogar eine kleine Veränderung der Herstellungsbedingungen oder der Rezeptureines Biologics große Auswirkungen auf die Aktivität und Immunogenität des Endproduktes haben. Esist in vielen Fällen möglich, dass ein Unternehmen, das eigentlich ein Biosimilar-Produkt herstellenwollte, letzten Endes ein neues Produkt entwickelt, das entweder patentiert werden oder seine eigeneMarktexklusivität oder beides erlangen kann. Trotz der Schwierigkeiten, die diese Technologie mit sichbringt, wurde eine Reihe von Biosimilar-Produkten in Europa zugelassen. Auch haben zahlreiche biopharmazeutischeUnternehmen angekündigt, den Markteintritt in den USA anzustreben.Ein weiterer zukunftsweisender Technologiebereich ist die Nanotechnologie. Darunter werden verschiedeneneue Technologien gefasst wie beispielsweise die Entwicklung von Vorrichtungen, Systemen,Materialien oder Biologics auf Nano-Basis (ein Nano-Meter entspricht einem Milliardstel Meter).In diesem Bereich arbeitet ein interdisziplinäres Team von Ingenieuren, Biologen, Physikern und/oderChemikern zusammen, um neue Nanomaterialien für die Konstruktion von Miniaturgeräten oder-systemen elektrischer, materialwissenschaftlicher oder biologischer Beschaffenheit zu entwickeln.Der Nutzen, der durch die Erschließung aller Potenziale dieser neuen Entwicklungen entstehen kann,ist enorm. Dieser Bereich lässt auf die Heilung von Krankheiten hoffen durch Genveränderung aufNanoebene unter Verwendung von Nanotechnik oder den Bau neuer Miniaturcomputer, die die Verarbeitungsleistungunserer heutigen Systeme auf Nanoebene erbringen.Eine Schwierigkeit bei der Ausschöpfung des Gesamtpotenzials besteht darin, dass manche dieserMaterialien und Systeme, die man – wenn auch stark miniaturisiert – entwickeln wird, jedoch Funktionenbieten werden, die bereits in heutigen Materialien und Systemen bestehen. Daher wird die Herausforderungfür das Patentsystem darin liegen, für einen angemessenen und ausgewogenen Schutzin diesem neu entstehenden Bereich zu sorgen. Dies wird absolut entscheidend sein, um Investitionenzu fördern, die notwendig sind, um diese interdisziplinären Technologien zur Marktreife zu führen.Die Entstehung weiterer neuer Technologien wird zukünftig auch Einfluss auf den Schutz geistigen Eigentumshaben, der noch ganz andere Themen mit sich bringen wird als die heute bereits diskutierten.3. Verbreitung des Internet- und BreitbandzugangsDas Internet ist einer der wichtigsten Durchbrüche des letzten Jahrhunderts. Es steht nicht nur stellvertretendfür die Sammlung und Verbreitung von Informationen, sondern auch für Kreativität undVernetzung in der Zusammenarbeit. Unternehmen verlassen sich mehr und mehr auf Breitbandtechnologie,nicht nur für Kommunikationszwecke, sondern auch als Möglichkeit, um Informationenschnellstmöglich abzurufen und zu verbreiten sowie deren interaktive Anwendung zu vereinfachen.Der wichtigste Aspekt von Breitbandtechnologie sind höhere Bandbreiten (hunderte Male schneller alsdie anfangs genutzte Verbindung via Modem), die die schnellere Übertragung von größeren Datenvolumenermöglichen. Damit ist es möglich, komprimierte digitale Audiodateien, Filme, HDTV und 3DTV,IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 13


Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen Eigentums 2012live-Videos und medizinische Diagnostikdienstleistungen und unzählige andere interaktive Formenvon Inhalten viel schneller zu verbreiten als jemals zuvor. 5Es stellt sich die Frage, ob die existierenden Gesetze zum Schutz geistigen Eigentums ausreichen,um mit dem großen Anstieg von Piraterie fertig zu werden, die unter anderem auch eine Folge desschnellen und einfachen Zugriffs auf digitale Dateien über das Internet ist. Eine weitere Schwierigkeitist die Rechtsdurchsetzung insbesondere im Kontext der Rechtsprechung, der Anonymität und derZahl der Internetnutzer. Diesen mag es einfach erscheinen, Rechte geistigen Eigentums zu verletzen,da sie dabei ein geringes Entdeckungs- und Bestrafungsrisiko eingehen. Parallel werden Aufklärungskampagnen,Mitteilungen über potenzielle Verstöße und vorbeugende Maßnahmen sowie Überlegungenentwickelt, wie es gelingen kann, direkt auf Aktionen von Webseiten mit rechtsverletzender Aktivitätzu zielen, um diese Probleme zu lösen. Die hohe Geschwindigkeit und große Übertragungsrate derBreitband-Technologie führen zu komplexen Sachverhalten. Die Breitbandübertragung ermöglichtviele neue Formen der Verbreitung legaler Inhalte und bietet neue Geschäftsmöglichkeiten, wierechtmäßige Inhalte immer mehr Menschen zugänglich gemacht werden können. Allerdings bleibenPiraterie und Verletzungen der Rechte geistigen Eigentums ein sehr großes Problem, da Endnutzerund Anwendungsdienstleister ihre Breitbandverbindungen für das im Vergleich zu Einwahl-Verbindungen viel schnellere Senden und Empfangen größerer Datenvolumen nutzen können.Ein weiteres Beispiel dafür, welche Auswirkungen Hochgeschwindigkeitsverbindungen auf Rechtegeistigen Eigentums haben können, ist die Entwicklung des Peer-to-Peer (P2P) File-Sharing. Dabeiverbinden sich die Computer der Endnutzer mit anderen, um die gemeinsame Nutzung digitaler Dateienmit oder ohne dazwischengeschaltete Zentralserver zu vereinfachen. Breitband-Technologie hatFile-Sharing aufgrund der Geschwindigkeit und Einfachheit der Nutzung beflügelt. Bei bestimmtenDiensten werden ausnahmslos Musik- oder Filmdateien ausgetauscht, bei denen die geschädigtenUrheberrechtsinhaber keinerlei Ausgleich für diese Art der Verbreitung erhalten. Darüber hinaus habenHochgeschwindigkeitsverbindungen den Zugriff und die Popularität so genannter virtueller Weltengesteigert. Bei diesen computerbasierten, virtuellen Umgebungen zum kommerziellen und sozialenNetworking stehen oft Online-Spiele im Vordergrund, deren Dramaturgie sehr zielgerichtet ist. TraditionelleAuffassungen von Verletzungen geistigen Eigentums können betroffen sein, wenn Verkäuferin einer virtuellen Welt Artikel zum Verkauf anbieten, aber diese Verkäufer keinerlei Verbindung zuden realen Marken haben, die sie in einer virtuellen Realität „repräsentieren“.Hochgeschwindigkeits-Internetverbindungen haben außerdem die Beliebtheit von sozialen Netzwerkenund anderen Webseiten vergrößert, die unter dem Schlagwort Web 2.0 zusammengefasst werden.Diese ermöglichen das Hochladen, den Zugriff und die Ansicht von nutzergenerierten Inhalten (usergeneratedcontent, UGC). In diesem Content können auch Inhalte von dritten Parteien enthalten sein,was sowohl auf rechtsverletzende wie auch legale Art und Weise der Fall sein kann, je nachdem, wiedie Inhalte eingebaut wurden und wie die jeweiligen Urheberrechtsgesetze angewandt werden. ObwohlBetreiber solcher Webseiten in bestimmten Rechtsordnungen sicher vor der Verletzung von Urheberrechtensind, gibt es hingegen ein Haftungsrisiko für jene, die solche-Webseiten in anderenRechtsordnungen betreiben. Wichtig ist festzuhalten, dass eine Gruppe von Unternehmen der Inhalteanbieterund der Plattformbetreiber Prinzipien entwickelt haben (bekannt als „UGC-Priniciples“), umden Urheberrechtsschutz auf solchen Plattformen durch den Einsatz von Filtertechnologien und wirksamenProtokollmechanismen zu verbessern und dabei gleichzeitig nutzergenerierte Inhalte und denlegalen Gebrauch von urheberrechtlich geschützten Werken zu vereinfachen.Der Breitbandausbau verbessert sich weltweit enorm durch den Einsatz von Glasfaserleitungen, verbesserteDrahtlosnetzwerke, Internetübertragung via Satellit und Innovationen im Bereich der Netzwerktechnologie.Sie vergrößern sowohl die Bandbreite als auch die Kapazität bestehender Breitbandverbindungenzur Bereitstellung rechtmäßiger Dienstleistungen in noch hochwertigerer Qualität.5 Die ICC-Kommission Digital Economy (zuvor E-Business, IT and Telecoms) und ihre Arbeitsgruppe Internet and TelecomsInfrastructure and Services (IT IS) haben Positions- und Diskussionspapiere zu verschiedenen Fragen der Themen in diesemBereich veröffentlicht: www.iccwbo.org/about-icc/policy-commissions/digital-economy/.14 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen EigentumsDurch diese Entwicklung und inhaltschützende Maßnahmen sowie branchenübergreifende Zusammenarbeitkommen zu den bisherigen Verbreitungsmodellen für Inhalte weitere hinzu: Internetfernsehen(IPTV), Video-on-demand, digitales Radio, Internet-Telefonie (Voice over IP) und telemedizinischeEchtzeit-Überwachung beim Patienten zu Hause, um nur einige der neuen Dienstleistungen zunennen. Um den Kunden eine größere Angebotsvielfalt an Anwendungen zu ermöglichen, werden indiesen neuen Märkten für spezielle Internet-Protokoll-Dienste und deren Schutz häufig geschäftlicheAbkommen zwischen den betroffenen Parteien geschlossen. In den Regionen, wo solche optimiertenNetzwerke genutzt werden, verzeichnet der Einsatz von Breitbandtechnologie den größten Zuwachs.Dies zeigen die letzten Breitbandstatistiken der OECD und die Auswertungen des Verbandes europäischerTelekommunikationsanbieter (ECTA).Der grenzüberschreitende Charakter des Internets kann häufiger zu IP-Streitigkeiten führen, die mehrerenGerichtsbarkeiten unterliegen. Auch ist zu erwarten, dass die beteiligten Parteien (Netzwerkbetreibersowie Anwendungs- und Inhalteanbieter) sich häufiger auf kommerzielle und andere freiwilligeAbkommen einigen, um potenzielle Urheberrechtsverletzungen anzugehen. Die Gesetze zumSchutz geistigen Eigentums sind in jedem Land anders ausgestaltet – eine Person kann in einemLand gegen das Urheberrecht verstoßen, in einem anderen tut sie dies im gleichen Fall aber nicht –ein Umstand, der ein bereits kompliziertes Thema noch komplexer gestaltet. (Siehe Abschnitt B. I.,Prioritäten bei der Rechtsdurchsetzung)Wie bereits erwähnt, hat das ungeheuer schnelle Wachstum des Internets nicht nur zu der Entwicklungvon Domainnamen als wichtige Identifizierungsmerkmale im Wettbewerb beigetragen, sondernzunehmend auch dazu, mit diesen Domainnamen Geld zu verdienen und sie für spekulative Gewinnezu nutzen. Die enorme Zunahme von Domainnamen, die mit Marken assoziiert werden und die vonParteien ohne Verbindung zu der jeweiligen Marke registriert wurden, die Verwendung dieser Domainnamenfür den Weiterverkauf oder die Nutzung, um Erlöse aus Online-Traffic zu generieren, werfenFragen zur Grenze zwischen Gebrauch und Missbrauch auf.ICANN ist verantwortlich für die globale Koordinierung des Internetsystems der eindeutigen Zuordnungdes Domain Name Systems (DNS), inklusive Domainnamen, und für die Entwicklung undDurchsetzung von Vorgaben, die die Sicherheit, Stabilität, Verlässlichkeit und Kompatibilität des DNSsicherstellen. In deren strategische Entwicklung sind durch bestimmte Gremien, wie zum Beispiel derGeneric Names Supporting Organization (GNSO), auch globale Interessengruppen involviert.Für den Schutz geistigen Eigentums relevante ICANN-Richtlinien sind am deutlichsten erkennbar imBereich der Marken, da diese zunehmend als Domainnamen im Internet genutzt werden. Das DNS ist– anders als das territorial ausgerichtete Markensystem – global angelegt und unterscheidet nichtzwischen verschiedenen Kategorien von Waren und Dienstleistungen. Dort, wo identische Marken fürverschiedene Waren oder Dienstleistungen nebeneinander existieren mögen, kann aber nur ein einzigermit der Marke identischer Domainname unter einer bestimmten Top Level Domain (TLD) registriertwerden. Das heißt, dass eine bestimmte Zeichenfolge nur zu einer einzigen, genau bestimmtenWebseite verbindet und daher der Domainname einmalig ist.Domainnamen werden heute als Grundlage eines neuen Geschäftsmodells genutzt. Drittparteien ohneRechte an der Marke, welche mit dem Domainnamen assoziiert wird, registrieren Hunderte bisTausende von Domainnamen mit falsch buchstabierten oder Variationen von berühmten und bekanntenMarkennamen und generieren so Werbeeinnahmen aus Klick-Werbung („click through“ ads). DieGewinnmöglichkeiten innerhalb dieses Geschäftszweiges ergeben sich dadurch, dass viele InternetnutzerDomainnamen raten, indem sie eine Namen-Zeichenfolge (meist den Markennamen gefolgtvon einer Domain-Endung) direkt in die Navigationsleiste ihrer Suchmaschine eingeben. Die Herausforderungliegt darin, die Konflikte zwischen dem Domainnamen-System und dem territorialen Markensystemauf ein Minimum zu reduzieren und die missbräuchliche Registrierung oder Nutzung vonDomainnamen zu begrenzen.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 15


Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen Eigentums 2012Einige der wesentlichen IP-bezogenen Probleme im Bereich der Domainnamen resultieren aus derRegistrierung von Domainnamen, die mit Marken identisch oder ihnen ähnlich sind, um diese missbräuchlichzu nutzen 6 oder mit ihnen zu handeln. Zudem muss abgewogen werden, ob Bedarf anGesetzesänderungen besteht angesichts der neuen Entwicklungen und Trends im Bereich der Domainnamenwie etwa der Zugänglichkeit und Genauigkeit der Whois-Datenbanken zur Registrierung,die Auswirkungen der Einführung einer großen Anzahl von Internationalisierten Domainnamen (IDNs)sowie der neuen Generic Top Level Domains (gTLDs). Viele Betroffene haben die geplanten Änderungenviel zu wenig im Blick, und dies ist eine enorme Herausforderung für die IP- und Unternehmensweltund all jene, die Marken als Grundlage für echte Produkte, Dienstleistungen oder Informationenim Internet nutzen.Die Zunahme der Internetanbindung hat außerdem dazu geführt, dass viele Verbraucher über dasInternet Waren einkaufen oder ihr Wissen über bestimmte Marken und Produkte erweitern. Unternehmerhaben das Internet entsprechend genutzt, um eine Markenbekanntheit aufzubauen, was soweit geht, dass sie die Verwendung bestimmter Schlüsselwörter von bestimmten Suchmaschinen imInternet kaufen. Solche Schlüsselbegriffe sind im Wesentlichen bestimmte Wörter, die bei Eingabe ineine Suchmaschine zum Erscheinen einer gesponserten Werbung führen. Diese Werbung tauchtdann auf, wenn bestimmte Schlüsselwörter in die Suchmaschine eingegeben werden. Eine gesponserteWerbung kann daher zusammen auf einer Seite mit den Suchergebnissen stehen, die die Webseitedes Markeninhabers anzeigt. In den letzten Jahren wurde das Thema Suchmaschinen sowie dieFrage, ob gesponserte Links oder Schlüsselwörter als Verwendung einer Marke anzusehen sind, zumGegenstand von gerichtlichen Auseinandersetzungen. Im März 2010 hat der Europäische Gerichtshof(EuGH) entschieden, dass Suchmaschinen nicht direkt haftbar gemacht werden können, wenn sie esWerbetreibenden erlauben, Schlüsselwörter auszusuchen, die Marken sein können. Voraussetzungdafür ist, dass die Rolle der Suchmaschinen bei der Transaktion vornehmlich technischer, automatischerund passiver Natur ist, was auf einen Mangel an Wissen oder Kontrolle über die gespeichertenDaten hinweist. Allerdings können Werbetreibende haftbar sein für Markenrechtsverstöße, wenn derGebrauch des Schlüsselworts Verwechslung der beworbenen Waren/Dienstleistungen und der mitdem Schlüsselwort assoziierten Marke verursacht.4. Wirtschaftliche Bedeutung nicht-technologischer Innovationenund genetischer Ressourcen sowie traditionellen WissensMit dem Wachstum der Dienstleistungsindustrien haben neue Arten geistiger Innovationen an wirtschaftlicherBedeutung gewonnen und Unternehmen haben die Erwartung an das IP-System, dasdiese geschützt werden. Allerdings fallen nicht alle dieser neuen Formen direkt unter die bestehendenSchutzsysteme. Daher müssen Letztere den neuen Gegebenheiten angepasst beziehungsweise neueGesetze und Rechte geschaffen werden, um diesen Innovationen gerecht zu werden.Bis jetzt wurden Lösungen entweder durch die Schaffung neuer spezifischer Rechte sui generis gefundenoder durch eine breitere Auslegung dessen, was unter traditionelle IP-Rechte fallen könnte.Der Schutz von Datenbanken, wie sie die Europäische Union gesetzlich vorsieht, ist ein Beispiel fürdiesen ersten Ansatz. Die Verfügbarkeit von Patentschutz für Erfindungen im Computerbereich, wie inden USA und Japan verabschiedet, ist ein Beispiel für den zweiten Ansatz.Kommerzielles Interesse an genetischen Ressourcen von pflanzlichem, tierischem oder mikrobiellemUrsprung in Industrieländern sowie an traditionellem Wissen, z. B. in Zusammenhang mit Heilmitteln,hat Fragen zum Eigentumsrecht an Ressourcen aufgeworfen, die früher als Gemeingutbetrachtet wurden.6 Zu den Beispielen missbräuchlicher Nutzung von Domainnamen, die mit Marken identisch oder ihnen ähnlich sind, zählen„domain name tasting“, „domain name parking“ oder „pay-per-click“.16 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen EigentumsDas Konzept des kulturellen Erbes ist seit langem weltweit anerkannt, nicht nur, weil es bewahrt werdenmuss, sondern auch aufgrund seines wirtschaftlichen Potenzials. Vorwiegend betroffen sindKunstsammlungen, Archive und audiovisuelle Aufnahmen, die von kulturellen Institutionen verwaltetwerden, die über ausgeklügelte IP-Richtlinien in Bezug auf Eigentumsverhältnis, Zugang, Schutz undVerwertung verfügen. Spezifische Fragen sind durch das Phänomen der Digitalisierung wieder aufgegriffenworden, wie beispielsweise der Status von verwaisten Werken sowie die Rolle von Gemeinschaften,aus denen traditionelles Wissen und/oder Folklore stammt.5. Politisierung des geistigen EigentumsGeistiges Eigentum wurde lange als ein technisches Thema gesehen. Inzwischen ist es zu einemfesten Bestandteil politischer Diskussionen geworden und wird häufig der öffentlichen Prüfung unterzogen.Politiker müssen stets versuchen, das empfindliche Gleichgewicht beizubehalten, um sowohlden Rechten des Schaffenden als auch den Interessen von Nutzern gerecht zu werden, damit dasSystem der Gesellschaft als Ganzem dient.Die Politisierung der Debatte um geistiges Eigentum entstand zum Teil durch die zunehmende Bedeutungvon geistigem Eigentum für die Wirtschaft. Dies macht es auch zu einem wichtigen Thema für dieHandelsbeziehungen der Staaten. Die Verbindung zwischen internationalem Handel und geistigemEigentum wird deutlich anhand von Überkreuz-Sanktionen (cross-retaliations) im Rahmen des WTO-Streitbeilegungsverfahrens bei Handelsstreitigkeiten im Bereich geistigen Eigentums. Wenn ein WTO-Mitglied sich nicht an eine Entscheidung des Streitbeilegungsgremiums hält, sieht dieses Verfahrenvor, dass die Gegenpartei zur Vergeltung Zugeständnisse oder Verpflichtungen gegenüber diesemWTO-Mitglied aussetzt, meistens innerhalb desselben Bereichs. In Ausnahmefällen können solcheRetorsionsmaßnahmen aber auch in einem anderen Sektor erfolgen. Der Einsatz von Überkreuz-Sanktionen, wie die Aufhebung von TRIPS-Zugeständnissen und Verpflichtungen, wurde erstmaligEcuador (im Bananenstreit) gegen die Europäische Gemeinschaft zugestanden, danach Antigua undBarbuda gegen die USA für die Verletzung von WTO/GATS-Regeln (grenzüberschreitende Glücksspiel-und Wettdienste) sowie Brasilien gegen die USA (im Streit um Hochland-Baumwolle). Allerdingswurden die Überkreuz-Sanktionen in diesen Fällen bisher noch nicht tatsächlich umgesetzt.Ein weiterer Faktor ist die Einbeziehung einer Reihe von IP-bezogenen Themen im Rahmen derWTO-Verhandlungen der Doha-Entwicklungsrunde. Unter anderem gehören dazu geografische Angaben,das Verhältnis von TRIPS und dem Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) sowieder Technologietransfer an Entwicklungsländer.Die Debatte um geistiges Eigentum wurde weiterhin politisiert durch die Opposition einiger Entwicklungsländerzu den Vorschlägen von Industriestaaten, in einigen bilateralen und plurilateralen Freihandelsabkommen(beispielsweise USA und Chile, USA und Peru, USA und zentralamerikanischeStaaten plus Dominikanische Republik (CAFTA-DR), EU und Indien) den Schutz des geistigen Eigentumsim Kontext eines erweiterten Handelspakets zu stärken. Manche Entwicklungsländer haben dieVorteile erkannt, die ihrer Wirtschaft durch stärkeren Schutz für geistiges Eigentum in diesen bilateralenFreihandelsabkommen entstehen, und diese akzeptiert. In anderen Entwicklungsländern hat dieEinbeziehung dieser Vorschläge jedoch zu nationalen Debatten geführt.Ein weiterer Faktor ist die wachsende Zahl von neuen Akteuren, die sehr aktiv an den Diskussionenzu IP-bezogenen Politikthemen teilnehmen. Dazu zählen Verbraucherschutzorganisationen, Gruppenaus dem Hochschulumfeld und andere zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich bisher nicht mitIP-Themen befasst haben. Dies hat das Bewusstsein und Interesse einer größeren Anzahl von Interessengruppengefördert und dementsprechend zu komplexeren politischen Entscheidungsprozessenin diesem Bereich geführt.Auch von Bedeutung ist die Einführung von Konzepten für geistiges Eigentum in Gemeinschaften undLändern, denen diese zuvor nicht geläufig waren. Dabei kam es zu Missverständnissen hinsichtlichIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 17


Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen Eigentums 2012der Nutzung geistigen Eigentums im Zusammenhang mit kulturell und sozial sensiblem Material. Erfinderhaben bei ihrer Suche nach neuen Produkten Quellen aufwändig untersucht – wie zum Beispielgenetische Materialien, traditionelle Heilmittel und wenig bekannte Pflanzen- und Tierarten. In neuererVergangenheit hat dies emotionale Debatten ausgelöst über das Konzept des Eigentums und dieFrage, wie der Nutzen aus diesen Ressourcen und den daraus abgeleiteten Produkten geteilt wird.Das im Oktober 2010 beschlossene Nagoya-Protokoll über den Zugang zu genetischen Ressourcenund den gerechten Vorteilsausgleich im Rahmen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt(Convention on Biological Diversity – CBD) hat die Debatte in eine neue Phase gebracht.Die Spannungen zwischen den kommerziellen Interessen der Inhaber geistigen Eigentums und denjenigender Öffentlichkeit bei sensiblen Themenbereichen wie medizinische Versorgung, Ethik, Entwicklungshilfe,Umweltschutz, Wettbewerbspolitik, Privatsphäre und Verbraucherschutz werden zunehmendsowohl in Industriestaaten als auch einigen Entwicklungs- und Schwellenländern erörtert.Tatsächlich ist ein weiterer Aspekt von zunehmender Bedeutung und Komplexität: dass einige Entwicklungsländerder Ansicht sind, dass das derzeitige IP- und insbesondere das Patentsystem keineangemessene Balance zwischen den Interessen der Industriestaaten und denen der Entwicklungsländerschaffe und dies korrigiert werden müsse. Im Zentrum steht die Diskussion über die Rolle desgeistigen Eigentums bei der Förderung von wirtschaftlicher Entwicklung. Dies wird besonders deutlichinnerhalb der WIPO. Dort mündete ein Vorschlag von 2004 für eine Entwicklungsagenda der WIPO imJahr 2007 in ein Abkommen der Generalversammlung der WIPO über 45 Umsetzungsmaßnahmen.Dies muss als Durchbruch gesehen werden, allerdings geht es bei den WIPO-Verhandlungen in anderenBereichen nicht weiter, insbesondere bei der Harmonisierung des Materiellen Patentrechtsvertrages(Substantive Patent Law Treaty – SPLT). Dort besteht Uneinigkeit bei diversen Fragen, beispielsweise,ob Ausnahmen in Bezug auf öffentliche Gesundheit und Umwelt in das Abkommen miteinbezogenwerden sollen, und aufgrund der Ansicht, dass ein solches Abkommen für EntwicklungsländerEinbußen an Flexibilität im Rahmen von TRIPS bedeuten würde.Die seit langem geführte Debatte über IP-Rechte in Bezug auf verschiedene Politikfelder öffentlichenInteresses erhält mehr Aufmerksamkeit. Beispiele dafür sind der Zugang zu Arzneimitteln, das öffentlicheGesundheitswesen, Klimawandel, Menschenrechte, Zugang und Vorteilsausgleich bei genetischenRessourcen und Ernährungssicherheit. Neben der WIPO nehmen auch andere UN-Unterorganisationen geistiges Eigentum als Thema auf. Dazu gehören die WHO, die UNESCO,UNCTAD, der UN-Menschenrechtsrat, ECOSOC, die CBD und das UN-Rahmenübereinkommen überKlimaänderungen (UNFCCC).Diese zunehmende Politisierung geistigen Eigentums bedeutet für Unternehmen, dass sie sich – zusätzlichzu ihrem Engagement bei den Beratungen internationaler Organisationen – auch darauf konzentrierenmüssen, die Öffentlichkeit nachhaltig über Themen geistigen Eigentums zu informieren.Insbesondere haben Unternehmen die Aufgabe zu erklären, wie das IP-System funktioniert. In politischenDiskussionen entstehen viele Bedenken und Einwände – insbesondere bei sensiblen Themen –aus Unkenntnis darüber, dass das IP-System sehr wesentlich positiv zu wirtschaftlichem Wachstumund gesellschaftlichem Nutzen beiträgt.Unternehmen müssen erklären, dass der Schutz geistigen Eigentums nicht nur Anreize für Investitionenin Forschung und Entwicklung bietet, sondern auch die Transparenz sowie die Verbreitung vonWissen fördert. Beispielsweise würde ein Verbot oder eine Einschränkung von Patenten nicht zurVermeidung unerwünschter Entwicklungen bei neuen, sensiblen Technologien beitragen. Im Gegenteil,ohne Patente – das Wort stammt von dem lateinischen „litterae patentes“ („offene Briefe“) – könntenErfinder dazu verleitet werden, ihre Erfindungen zu kommerzialisieren und sie geheim zu halten. Indiesem Fall wäre die Öffentlichkeit von technologischen Entwicklungen in sensiblen Bereichen ausgeschlossen.Ebenso soll das Urheberrecht zu einer größeren Verbreitung beitragen, indem es Anreizefür die Schaffung und den Vertrieb bietet. Daher würde die Einschränkung dieses Schutzes der Balancedes Systems schaden, auch zum Nachteil für die regionale Wirtschaft und Kreative.18 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen EigentumsIn den politischen Diskussionen werden die Vorteile und der Wert von IP-Rechten für kleinere Unternehmenmanchmal in Frage gestellt. Daher müssen Unternehmen herausstellen, wie wichtig und vorteilhaftdie Rolle des IP-Schutzes für KMUs, Spin-offs und Start-ups hinsichtlich Zusammenarbeit,Spezialisierung und Finanzierung ist. Das IP-System stellt eine Voraussetzung für die Entstehung vonneuen Märkten für Technologien und Innovationen dar, die oft von KMUs entwickelt werden.Unternehmen sollten besser über diese Mechanismen und die Auswirkungen des Schutzes geistigenEigentums sowie seine wichtige Rolle für die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit informieren. Dies istentscheidend, wenn es um die öffentliche Unterstützung für den gewerblichen Rechtsschutz geht.Diese ist auch notwendig, um Probleme bei der Rechtsdurchsetzung anzugehen, die durch neueTechnologien und die Globalisierung akuter werden.6. Veränderungen in der UnternehmensweltGeistiges Eigentum ist seit langem schon von Unternehmen genutzt worden, um die Vermarktung vonWaren und Dienstleistungen zu unterstützen. Mehr und mehr wird geistiges Eigentum aber auch alswertvolles Kapital an sich verstanden, das zu Einnahmen durch Lizenzierungen führen, die Bilanzeines Unternehmens verbessern, den Aktienkurs erhöhen oder als Sicherheit für Darlehen und andereFinanzierungen dienen kann.Der IP-Markt wächst, sowohl was Größe als auch Anzahl der Akteure angeht. Immer mehr geistigesEigentum befindet sich im Besitz von kleineren Unternehmen und Universitäten. Die Zahl von IP-Handelsgesellschaften und Technologiehändlern steigt und Patentauktionen werden zunehmendwichtiger für den An- und Verkauf von geistigen Schutzrechten. Dieser Trend ist seit einer Weile zubeobachten, wurde aber durch die Wirtschaftskrise 2008 beschleunigt. Viele Unternehmen durchforstetenihre IP-Portfolios um „Angebotspakete“ zu schnüren, diese zu verkaufen und Erlöse zu erzielen.Der Handel mit geistigem Eigentum wird in der heutigen Geschäftswelt immer wichtiger.Diese Entwicklung lässt die Wertschätzung von IP weiter steigen. Es wurde eine Reihe von Bewertungstechnikenentwickelt. Da der IP-Wert aber im Kontext gesehen werden muss und mehrere Dimensionengleichzeitig haben kann, bedeutet die Entwicklung internationaler standardisierter Techniken eine großeHerausforderung. Auch können Vorgaben zur Bilanzierung eines Unternehmens wirksame Methodenzur IP-Bewertung nötig machen, um dessen Bedeutung für das Unternehmen zu verdeutlichen.Eine weitere Entwicklung bei Unternehmen im IP-Bereich ist die zunehmende Verkürzung von Produktlebenszykleninnerhalb vieler Industrien (zum Beispiel in der Informationstechnologie). Die Dauer unddie benötigten Investitionen zur Erlangung von Schutzrechten für geistiges Eigentum, insbesonderePatente, können wesentlich sein für die tatsächliche Lebensdauer eines Produkts. Anforderungen, wiezum Beispiel die Vorschrift, Produkte mit den entsprechenden Patentnummern zu markieren, werdenunerfüllbar, wenn diese Produkte nur einen kurzen Lebenszyklus haben und viele verschiedene Technologienaus unterschiedlichen Patenten nutzen, insbesondere, wenn diese Produkte miniaturisiert sind.Ein weiterer Faktor ist die zunehmende Interaktion zwischen den unterschiedlichen Wirtschaftsbeteiligten.Innerhalb einer vernetzten Wirtschaft wird sich stets die Frage stellen, wie die Interessen verschiedenerParteien am besten ausbalanciert werden können. Dazu zählen u.a. Infrastrukturdienstleister,Systementwickler, Provider und Informationsanbieter, die zunehmend voneinander abhängig sindund deren Aktivitäten sich zunehmend zu überschneiden scheinen. Dies macht es umso wichtiger, dieRechte und Verantwortung jeder einzelnen Partei zu berücksichtigen.Einer der Interaktionsbereiche sind Normen und Standards. Sie waren seit jeher insbesondere bedeutsamfür die Telekommunikation, da sie notwendig für die Kompatibilität sind (Morsecode„CCITT“ war Standard Nr. 1). Ähnliche Überlegungen wurden während der letzten Jahrzehnte auchfür Computer, Fernsehen, Radios und andere Geräte, Software und Unterhaltungssysteme angestellt.Die Lebenszeit von Technologien hat sich verkürzt, so dass neue Normen häufiger notwendig sindIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 19


Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen Eigentums 2012und die Zahl wesentlicher Patente für Normen zunehmend größer geworden ist. Unternehmen, die inForschung und Entwicklung investiert haben, um Technologien zu entwickeln, die zu diesen Normenbeitragen, möchten eine angemessene Rendite für ihre Investitionen von anderen Nutzern dieserNormen sehen. Dafür vergeben sie Lizenzen für die Patente, die sie für ihre Normen möglicherweiseerhalten haben und die für den Standard entscheidend sind. Im Falle von solchen „Schlüsselpatenten“oder Standard-essentiellen Patenten besteht das Risiko, dass diese Nutzungsrechte nur selektivvergeben oder überhöhte Lizenzgebühren verlangt werden. Dies hat zur Forderung nach mehr Transparenzbeim Setzen von Normen geführt, wie zum Beispiel die frühzeitige Veröffentlichung des Bestehenswesentlicher Patente und Abgabe einer Lizenzbereitschaftserklärung für Standardpatente zu densogenannten FRAND-Konditionen („fair, reasonable and non-discriminatory“ – fair, angemessen undnichtdiskriminierend).Die Komplexität von Produkten, die Spezialisierung und die Neugestaltung der Produktion, die notwendigsind, um von Skaleneffekten und verringerten Kosten zu profitieren, führen zunehmend zueiner dezentralisierten Produktion. Auslagerung von Unternehmensprozessen und -strukturen anDrittunternehmen (Outsourcing) und Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen werden wichtiger.Die daran beteiligten Parteien sind häufig separate juristische Personen in anderen Ländern. Um denAustausch von Forschungs- und Entwicklungsergebnissen („Open Innovation“), Kreativität und Erfindungsreichtumbei den unabhängigen Partnern, die verschiedenen Gerichtsbarkeiten unterstehen, zuermöglichen, ist ein adäquater Schutz des geistigen Eigentums entscheidend.Um Handel, gemeinsame Nutzung und Austausch von Technologien auf lokaler und globaler Ebenezu ermöglichen, ist dieser Schutz für Unternehmen jeglicher Größe ebenso für Universitäten und Forschungsinstitute,die IP-Schutz benötigen, von großer Bedeutung.Eine weitere Entwicklung in der IP-Landschaft ist die Zunahme von Patentverwertern. Im Englischenexistiert dafür der Begriff der „NPE’s“ (Non-Practising Entities – nicht-praktizierende juristische Personen).Wie bereits in früheren Ausgaben dieser Roadmap angemerkt, ist dieser Begriff nicht wörtlich zunehmen. So fallen aus Sicht der IP-Kommission der ICC zum Beispiel Universitäten und Forschungsinstitutenicht darunter, die im engeren Sinne den Markt auch nicht mit Produkten und Dienstleistungenversorgen, für die sie die Patente besitzen. Im März 2011 hat sich die amerikanische WettbewerbsbehördeFTC aus ähnlichen Gründen gegen diesen Begriff ausgesprochen und verwendet stattdessendie Bezeichnung „patent assertion entities“ bzw. „PAE’s“. Darunter werden Unternehmen verstanden,deren einzige oder vornehmliche Tätigkeit darin besteht, Patentrechte, die sie von anderenerworben haben, gegenüber am Markt aktiven Unternehmen, geltend zu machen und dafür sehr hoheSummen zu verlangen. Da diese Patentverwalter selber keine Produkte oder Dienstleistungen anbieten,sind sie üblicherweise vor Vergeltung sicher. Manche machen Verletzungen ihrer Patente geltend,die vor Gericht möglicherweise nur schwer Bestand haben dürften. Dahinter steht die Hoffnung, dassein potenzieller Beklagter sich auf einen Vergleich einlässt, anstatt selbst vor Gericht zu ziehen, wasmit hohen Kosten und großem Zeitaufwand verbunden wäre (dies ist insbesondere für ein in den USAtätiges Unternehmen eine wichtige Überlegung). Diese Patentverwerter werden manchmal auch abwertendals Patent-Trolle bezeichnet. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Rechtsstreitigkeiten,die von Patentverwertern angestrebt wird, beträchtlich erhöht. Als Reaktion darauf haben sich einigeIndustrieunternehmen zu Sammelkäufen zusammengetan. Zwar gibt es dabei verschiedene Vorgehensweisen,aber grundsätzlich versuchen diese, durch Sammelkäufe jene Patente zu erwerben undsie dann an die beteiligten Parteien zu lizenzieren, die sonst durch Patentverwerter gekauft würden.Diese kurze Einleitung zeigt, wie schnell sich der Bereich des gewerblichen Rechtsschutzes entwickelt.Aus diesem Grund wird die Roadmap regelmäßig überarbeitet, um Politik und Wirtschaft für diesenBereich einen Orientierungsrahmen und Richtlinien anzubieten.20 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL ARoadmap 2012A. Fragestellungen zu spezifischen SchutzrechtenI. PATENTE1. Harmonisierung des materiellen Patentrechts undZusammenarbeit der PatentämterDa Unternehmen, Handel und der Einfluss von Technologien immer globaler werden, ist das Bewusstseinfür den Wert von geistigem Eigentum gewachsen. Daher sind die sehr hohen Kosten fürdas Erlangen und die rechtliche Durchsetzung von Patenten noch weiter gestiegen. Der zunehmendeRückstand anhängiger Patentanmeldungen bei den wichtigsten Patentämtern sowie die Probleme, diedieser für alle Beteiligten mit sich bringt, machen den Bedarf an vereinfachter Arbeitsteilung zwischenden Patentämtern deutlich. In diesem Kontext bedeutet Arbeitsteilung, dass Patentämter Informationenüber Recherchestrategien, Arbeits- und Rechercheergebnisse für Anträge zu derselben Erfindungmiteinander austauschen und diese Informationen im Zusammenhang mit ihren Recherchen und Untersuchungenfür diese Anträge nutzen. Patentämter, die an diesem Austausch teilnehmen, behaltendie letztgültige Verantwortung, völlig eigenständig zu entscheiden, ob ein Patent erteilt werden kannoder nicht. Dies stimmt mit dem ursprünglichen Vorschlag an die Pariser Union von 1966 für den späterenPatentkooperationsvertrag (PCT) zur Schaffung eines Systems überein, das das Problem derDoppelung bei Patentanmeldungen und -prüfungen löst und zu einem „wirtschaftlicheren, schnellerenund effektiveren Schutz für Erfindungen in der ganzen Welt führt, von dem somit Erfinder, die allgemeineÖffentlichkeit und Regierungen profitieren.“Die Harmonisierungsbestrebungen zum materiellen Patentrecht bestehen bei der WIPO bereits seit1984. Doch selbst bevor eine internationale Harmonisierung des materiellen Patentrechts erreicht wird,kann durch den Austausch der nationalen Patentämter ein wichtiger Fortschritt erzielt werden. Aufglobaler Ebene wurde der PCT konzipiert, damit viele der Probleme, die im Zusammenhang mit deminternationalen Rückstand von Patentanträgen entstehen, durch eine einzelne, hochqualitative Rechercheund Überprüfung gelöst werden. Zwar ist das PCT-System bisher ein großer Erfolg, aber umsein ursprüngliches Versprechen wirklich zu erfüllen, wird bei der WIPO darüber diskutiert, ob dieFunktionsweise des PCT-Systems verbessert werden soll. Auch über die Umsetzung von entsprechendenVorschlägen wird diskutiert. Diese Arbeit beinhaltet Bemühungen, die internationale Prüfungumfassender, relevanter und nützlicher zu gestalten und darüber hinaus unnötige Arbeitsschritte zuvermeiden. Das PCT-System bietet mit seinen 144 Mitgliedsstaaten (Stand: 20. Juni 2011) eine solideBasis, durch die der Austausch, der einen wesentlichen Teil des PCT-Systems ausmacht, vollständigumgesetzt werden kann.Darüber hinaus gibt es gleichzeitig Bestrebungen, die den Austausch zwischen Patentämtern verfolgen.Diese sind mit den laufenden Bemühungen zur Verbesserung des PCT-Systems vereinbar undunterstützen es. Ein Beispiel dafür sind „Patent Prosecution Highways“ (PPHs). Dabei kann einPatentantragsteller, dessen Patentansprüche im Patentamt der Erstanmeldung für zulässig undpatentierbar befunden worden sind, beantragen, dass sein entsprechender Antrag bei der Anmeldungin einem weiteren Patentamt bei der Prüfung auf Patentierbarkeit vorgezogen wird, wenn bestimmteBedingungen erfüllt sind. Das Patentamt der zweiten Anmeldung könnte die Recherche und Prüfungdes Patentamtes der Erstanmeldung nutzen. Für den Antragsteller könnte dies eine Beschleunigungseines entsprechenden Antrages im Patentamt der Zweitanmeldung bedeuten. Das Vorgehen vereinfachtdie Verfahrensabläufe bei Patentanträgen in Ämtern, die an PPHs teilnehmen, und führt zu Einsparungenbei den beteiligten Ämtern und beim Antragsteller. Das erste Pilotprogramm wurde 2006IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 21


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012zwischen dem US-amerikanischen Patent- und Markenamt (USPTO) und dem japanischen Patentamt(JPO) eingeführt. Mittlerweile bestehen solche bilateralen PPH’s zwischen 23 Patentämtern (Stand:1. November 2011). 7 Die Umsetzung von PPH’s und die dadurch erzielten Resultate sind vielversprechendund sollten weiter verfolgt werden, um auch in Zukunft die Wirksamkeit und Kompatibilitätmit dem PCT sicherzustellen.Fortschritt wird auch bei den sogenannten IP5 Offices (USPTO, EPO, JPO, KIPO und SIPO) erzielt.Insbesondere haben die IP5 Offices zehn Gründungsprojekte ins Leben gerufen, um das globaleUmfeld für Patentrecherchen und Prüfungen zu harmonisieren und Arbeitsteilung zwischen den IP5Offices zu ermöglichen.Bei allen diesen Projekten – einschließlich der Verbesserungen des PCT-Systems, der PPHs undder Arbeit der IP5 Offices – ist ein starkes Interesse seitens der Patentämter festzustellen, die sichan Recherche und Prüfung von Patentanträgen beteiligen, die Bedingungen für eine Zusammenarbeitauf multilateraler und bilateraler Ebene zu verbessern.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft begrüßte das Inkrafttreten des WIPO-Patentrechtsvertrags (PLT) am 28. April 2005 und hofft auf dasBeitreten einer großen Zahl von Staaten zum PLT.Die Wirtschaft sieht mit Sorge, dass die Verhandlungen zurHarmonisierung des materiellen Patentrechtes (WIPO SubstantivePatent Law Treaty, SPLT) nach dem Abbruch 2006 nichtwieder aufgenommen wurden und 2007 nur informelle Beratungenstattgefunden haben. Während der seit 2008 im BereichPatente andauernden WIPO-Diskussionen wurden technischeStudien zu ausgewählten Themen zur Diskussion vorgelegt,u.a. der „Bericht über das Internationale Patentsystem“. DieWirtschaft wird dies verfolgen und sich aktiv an dieser Arbeitbeteiligen.Die Wirtschaft, die Hauptnutzer des PCT-Systems ist, hat dasäußerst vorteilhafte System unterstützt und begrüßt die derzeitigenAnstrengungen der WIPO, es weiter auszubauen. Insbesonderewird die Wirtschaft die Bemühungen um eine Verbesserungdes PCT-Systems auch in Zukunft verfolgen und dieseunterstützen, um es zu einem wirksamen Instrument für einenAustausch bei Patentrecherche und Prüfungen zu machen.Patent Prosecution Highways sind positive Entwicklungen sowohlan sich als auch, um wertvolle Hinweise für die Verbesserungdes PCT-Systems zu geben. Unternehmen werden daherin Zukunft weiterhin die Entwicklung von PPHs unterstützen,auch um deren Wirksamkeit, Nachhaltigkeit und Vereinbarkeitmit dem PCT-System zu gewährleisten. Darüber hinaus ist dieArbeit der IP5 Offices an ihren Gründungsprojekten eine wichtigeund positive Entwicklung.RegierungsmaßnahmenJene Regierungen, die bisherden Patentrechtsvertrag nochnicht ratifiziert haben, werdenermutigt, dies so schnell wiemöglich zu tun.Regierungen sollten Maßnahmenergreifen, um dasPCT-System zu stärken, dieArbeitsqualität von nationalenÄmtern unter dem PCT-System auszubauen und dieNutzung des PCT-Systemsseitens der Antragsteller zuunterstützen. Insbesonderemüssen nationale Ämter, dieals internationale Recherchebehördenund internationaleBehörden für vorläufige Prüfungenarbeiten, sicherstellen,dass die Qualität ihrer Arbeitzur Recherche und Prüfungvon internationalen Anträgenmindestens der von nationalenAnträgen entspricht. Außerdemsollten die Vertragsstaatendes PCTs sicherstellen,dass die Berichte internationalerRecherche und internationalervorläufiger Prüfun-7 USPTO, JPO, koreanisches Intellectual Property Office (KIPO), UK Intellectual Property Office, deutsches Patent- undMarkenamt, dänisches Patent- und Markenamt, kanadisches Intellectual Property Office, IP Australia, Europäisches Patentamt,Intellectual Property Office von Singapur, russisches Patentamt, ungarisches Patentamt, österreichisches Patentamt,spanisches Patent- und Markenamt, portugiesisches National Institute of Industrial Property, National Board of Patents andRegistration von Finnland, Nordic Patent Institute, Mexican Institute of Industrial Property, Taiwan IP Office, SIPO (China),norwegisches IP Office und israelisches Patent Office. Aktuelle Informationen abrufbar unter www.jpo.go.jp/ppph-portal.22 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL AMaßnahmen seitens der WirtschaftAktivitäten der ICCDie ICC nimmt an den Sitzungen des Ständigen Ausschussesfür Patentrecht (SCP) teil und hat Stellungnahmen und/oderEingaben zu den Themen Anwaltsgeheimnis, Ausnahmen undBeschränkungen von Patentrechten sowie Normen und Patenteabgegeben. Die ICC wird die parallel laufenden Verhandlungenin der sogenannten „erweiterten trilateralen“ Ländergruppeverfolgen – das amerikanische, japanische und europäischePatentamt erweitert um die sogenannten B-Gruppen-Länder,also die WIPO-Industriestaaten (EU-Mitgliedsstaaten abzüglichder zehn Länder der WIPO-Gruppierung der osteuropäischenund baltischen Staaten, plus Australien, Kanada, Japan, Neuseeland,Norwegen, Liechtenstein, Monaco, Schweiz undUSA). Die ICC wird auch zukünftig den Einsatz und die Stärkungdes PCT unterstützen sowie die Arbeit der IP5 Officeszum Thema Arbeitsteilung verfolgen. Außerdem wird die ICCweiterhin die Entwicklung anderer Initiativen zum Austauschbegleiten, einschließlich der Patent Prosecution Highways, diezwischen einer Reihe von Patentämtern in den letzten Jahreneingerichtet wurden. Die ICC wird in diesem Sinne eine aktiveRolle bei der WIPO und nationalen und regionalen Patentämternübernehmen, um wirksame Mechanismen hinsichtlich derArbeitsteilung bei Recherche und Prüfung von Patenten zufördern. Die ICC hat am 28. Juni 2010 das Papier „Cooperationbetween patent offices: prior art searching of patent applications”veröffentlicht.Regierungsmaßnahmengen während der nationalenPhase in vollem Umfang undeffektiv genutzt werden, umso den Antragsprozess aufnationaler Ebene zu vereinfachenund zu straffen. Regierungensollten außerdem dieBemühungen zum Austauschunterstützen, wie zum Beispieldurch PPHs, die mit demPCT-System vereinbar sind.Insbesondere müssen Regierungensicherstellen, dassPPHs effektiv und nachhaltiggestaltet sind und auch weiterhinkonsistent mit demPCT-System bleiben. Auchsollten Regierungen die Arbeitim Rahmen von Gründungsprojektenunterstützen, wiezum Beispiel jene der IP5Offices.Regierungen sollten es ihrenPatentämtern ermöglichen,eine wirksame und schnelleEvaluierung von Patentanmeldungenumzusetzen.1.1 Verschiedene Patentsysteme: Ersterfinder- vs. Erstanmelderprinzip(first-to-invent vs. first-to-file)Zur Harmonisierung des US-Patentsystems mit dem von anderen Staaten und zur Förderung starkerPatente als Anstoß für wirtschaftliches Wachstum wurde der America Invents Act (AIA) am 16.September 2011 beschlossen. 18 Monate nach Verabschiedung wird der AIA am 16. März 2013das seit langem bestehende Ersterfinderprinzip (first-to-invent) abschaffen und stattdessen ein Erst-Anmelder-Prinzip (first-to-file) einführen. Dies bedeutet einen Umstieg auf das Erst-Anmelder-Prinzip mit besonderen Vorgaben zur Neuheit. Eine wichtige Ausnahme ist, dass der AIA eine Neuheitsschonfristfür Veröffentlichungen aufrechterhält, die innerhalb eines Jahres vor dem tatsächlichenDatum der Anmeldung durch den Erfinder, Co-Erfinder oder jedwede dritte Partei, die denGegenstand der Veröffentlichung direkt oder indirekt vom Erfinder erhalten hat, getätigt wurden.Wichtig zu wissen ist, dass das Erstanmelderprinzip nicht rückwirkend gültig ist und nur für Patenteund Patentanmeldungen gilt, bei denen sich ein Anspruch auf eine nach dem 16. März 2013 eingereichteErfindung bezieht. Daher wird die USA in den nächsten 20 Jahren bei der Vergabe von Patentrechtenzwei Systeme austarieren.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 23


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft sollte nationale Patentämter beider Umsetzung von Informationsprogrammenunterstützen, die die internationale WirtschaftsundErfindergemeinschaft über die Handhabungdes neuen US-Systems zur Vergabe vonPatentrechten aufklären und Unterschiede zuanderen Systemen erläutern. Dabei sollte auchherausgestellt werden, welche möglichenFallstricke während der Übergangsphase bestehenund wie die beiden Systeme austariertwerden können.RegierungsmaßnahmenNationale Patentämter sollten die Umsetzungdurch Informationsprogramme begleiten, diedie internationale Wirtschafts- und Erfindergemeinschaftbei der Handhabung des neuenUS-Systems zur Vergabe von Patentrechtenunterstützen und die Unterschiede zu anderenSystemen erklären. Dabei sollte auchherausgestellt werden, welche möglichenFallstricke während der Übergangsphasebestehen und wie die Systeme austariertwerden können.1.2 Nationale Unterschiede in der Patentierbarkeit(z.B. Biotechnologie und Computersoftware)Bei der Patentierbarkeit von Erfindungen in einigen Innovationsbereichen, zum Beispiel Biowissenschaften,oder dort, wo der technologische Wandel sehr schnelllebig ist, wie bei den Informationstechnologien,bestehen in einigen Ländern Unterschiede. Ein Beispiel sind die Unterschiede zwischendem europäischen und japanischen Ansatz im Gegensatz zur weiter gefassten Möglichkeit bei derPatentierbarkeit von Computersoftware in den USA. Ähnliches gilt auch bei biologischen Materialien:die USA erlaubt die Patentierung von Organismen aller Art (ausgenommen menschliche); Europaschließt Patente auf Pflanzensorten und Tierrassen aus; manche Länder verweigern jegliche Patentezu biologischem Material; in einigen anderen Ländern ist wiederum keine klare Haltung erkennbar.Zudem wird teilweise sehr unterschiedlich definiert, was der Stand der Technik, ein „technischer Beitrag“und der Umfang einer Schonfrist ist, und ob experimentelle Studien nach dem Anmeldetag eingereichtwerden können, um den Umfang von Ansprüchen zu unterstützen.Maßnahmen seitens der WirtschaftUnternehmen auf nationaler, regionaler und Branchenebenewerden den zukünftigen Bedarf der Wirtschaft eruieren undsich entsprechend gegenüber den Regierungen dafür einsetzen.Die Wirtschaft wird sensibel gegenüber grundlegendenethischen Bedenken bezüglich des biologischen Bereichsbleiben und gleichzeitig auf die vollständige Einführung derMindeststandards aus TRIPS drängen.RegierungsmaßnahmenRegierungen sollten sicherstellen,dass sie ihren Verpflichtungengemäß TRIPS nachkommen,wenn sie Gesetze indiesem Bereich erlassen.Aktivitäten der ICCIn einer schriftlichen Darstellung vom 18. Mai 2009 an dieGroße Beschwerdekammer des Europäischen Patentamtsmachte die ICC ihre langjährige Unterstützung für die Patentierbarkeitvon computergestützten Erfindungen deutlich, wenndabei computergestützte Erfindungen ein technisches Problemmit technischen Mitteln lösen und demzufolge patentierbarsind, vorausgesetzt, die üblichen Kriterien für Patentierbarkeitwerden erfüllt.24 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL A1.3 Patentierbarkeit neuer Anwendungen bereitsbekannter StoffeLänder der Andengemeinschaft sowie einige andere (wie zum Beispiel Argentinien) wenden grundlegendandere Kriterien an bei der Entscheidung, ob Patente im Hinblick auf die Zweitnutzung oderweitere Anwendungen oder Verwendungen bereits bekannter Stoffe gewährt werden, selbst wenndiese die Vorgaben Neuheit, erfinderische Tätigkeit und gewerbliche Anwendung erfüllen.In diesen Ländern kann, sobald es sich um bereits bekannte Werk- und Wirkstoffe handelt und unabhängigvon deren Patentierbarkeit, nur die ursprüngliche Nutzung geschützt werden, da neue Anwendungenfür bereits bekannte Stoffe als Entdeckungen ohne Erfindungscharakter betrachtet werden.Der Anden-Gerichtshof hat Artikel 27 TRIPS so ausgelegt, dass Länder nur Schutz für Erfindungengewähren müssen, die sich auf Produkte, Zusammensetzungen oder Verfahren beziehen. Außerdemvertritt er den Standpunkt, dass Anwendungen eine neue Kategorie von Erfindungen seien – andersals Produkte, Präparate oder Prozesse und daher nicht unbedingt patentierbar unter TRIPS. Es wurdeaußerdem entschieden, dass es neuen Nutzungen an der Erfüllung der Forderung nach „gewerblicherAnwendung“ mangelt.Eine neue Brauchbarkeit von Produkten kann zu wichtigen, neuen Anwendungen von bereits bestehendenErfindungen führen. Daher sehen die meisten Industriestaaten eine Form der Patentierbarkeitvon neuen Anwendungen vor, auch wenn dies rechtlich auf ganz unterschiedliche Art und Weise erfolgt.So verlangt eine Reihe bilateraler Freihandelsabkommen, die die USA verhandelt haben, sogarausdrücklich nach der Patentierbarkeit aller Erfindungen.Zudem können insbesondere kleine Unternehmen, die nicht die finanziellen oder infrastrukturellenMöglichkeiten für die Entwicklung neuer Präparate für den medizinischen Einsatz haben, durchaus inder Lage sein, neue Anwendungen und Rezepturen zu entwickeln, einschließlich solcher, die besondersauf den Gebrauch unter lokalen Bedingungen zugeschnitten sind. Daher kann die Patentierbarkeitvon neuartigen Anwendungen und Rezepturen die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten vonUnternehmen fördern, mit positiven wirtschaftlichen und gesundheitspolitischen Auswirkungen.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft befürwortet nachdrücklich Initiativen mitdem Ziel, den Patentschutz für neue Anwendungen zuverbessern. Unternehmen benötigen den umfassendenSchutz von Innovationen aus Erfindungen. Unternehmensollten darin bestärkt werden, Investitionen fürdie Evaluierung von bereits bekannten Zusammensetzungenzu erhöhen, um so neue Anwendungen dieserArzneimittel zu ermitteln. Dies gilt insbesondere beilebensbedrohlichen Krankheiten. Die Wirtschaft solltedie zuständigen Behörden davon überzeugen, dassweitere Anwendungen nicht als „Entdeckungen“ zusehen sind, sondern dass sie eine Innovation mit gewerblicherAnwendungsmöglichkeit darstellen unddaher im vollem Umfang schutzwürdig sind, vorausgesetzt,sie erfüllen die gesetzlich verankerten Kriteriender Patentierbarkeit.RegierungsmaßnahmenGegenüber Nationalregierungen, WTOund WIPO sollte auf die Förderung vonInnovationen hingewiesen werden.Dabei sollte verdeutlicht werden, dassalle Arten von Erfindungen Patentschutzbenötigen unter strenger Einhaltungdes Artikels 27 TRIPS. Dieeinzige Ausnahme sind Erfindungen,die gemäß Artikel 27.2 und 27.3TRIPS von der Patentierbarkeit ausgeschlossenwerden können. NeueAnwendungen/Verwendungen bereitsbekannter Produkte sollten patentierbarsein, vorausgesetzt, dass die üblichenKriterien für Patentierbarkeit(Neuheit, erfinderische Tätigkeit, gewerblicheAnwendung) erfüllt werden.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 25


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 20121.4 Arbeit an einem einheitlichen Patentsystem in EuropaSeit vielen Jahren wurde in Europa das Fehlen eines einheitlichen Titels sowie einer integrierten, spezialisiertenund einheitlichen Patentgerichtsbarkeit von der Europäischen Kommission, den EU-Mitgliedsstaaten und anderen Interessengruppen diskutiert. Im Dezember 2011 sah die Position soaus, dass diese beiden Themen – ein EU-Patent (das nun „Europäisches Patent mit einheitlicher Wirkung“heißen soll) und ein EU-Patentgericht (Gemeinschaftspatentgericht) – als Gesamtpaket behandeltwerden sollten. Dieses umfasst eine EU-Verordnung zum Gemeinschaftspatent, eine EU-Verordnung zu anzuwendenden Übersetzungsregelungen beim Gemeinschaftspatent und ein Übereinkommenzum Gemeinschaftspatentgericht. Da zwischen den 27 EU-Mitgliedsstaaten keine Einigunghinsichtlich der Sprachregelung für ein Gemeinschaftspatent erzielt werden konnte, hat der EU-Rat am 10. März 2011 entschieden, dass die Verordnungen zu einem Gemeinschaftspatent und derSprachregelung unter dem sogenannten Verfahren der verstärkten Zusammenarbeit gehandhabt werdensollten. 25 der 27 EU-Mitgliedsstaaten schlossen sich dem Verfahren an; Italien und Spanientaten dies nicht, sondern riefen am 30. Mai 2011 den Europäischen Gerichtshof gegen die Entscheidungan, nach dem sogenannten Verfahren der verstärkten Zusammenarbeit vorzugehen. Am 27.Juni 2011 einigte sich der EU-Wettbewerbsrat auf den Text für die beiden Verordnungen. Der endgültigeWortlaut wird erst verfügbar sein, wenn zwischen dem Europäischen Rat und dem EuropäischenParlament eine Einigung erzielt wurde.Parallel dazu läuft die Arbeit an einem Abkommen über ein einheitliches Patentgerichtssystem fürGemeinschaftspatente und „gewöhnliche“ europäische Patente. Beabsichtigt ist ein gemeinsamesInkrafttreten für die beiden Verordnungen und das besagte Abkommen.Kurz zusammengefasst sieht der vereinbarte Text der Verordnung über das Gemeinschaftspatent dieeinheitliche Rechtswirkung nach Gewährung eines europäischen Patents durch das Europäische Patentamtvor, was die an dem Verfahren der verstärkten Zusammenarbeit teilnehmenden EU-Mitgliedsstaatenbenennt. Das Erteilungsverfahren beim Europäischen Patentamt wird damit für alle europäischenPatentanträge identisch sein. Um ein Gemeinschaftspatent zu erlangen, muss ein Gesuch umGemeinschaftspatentschutz innerhalb eines festgelegten Zeitraums nach der Erteilung des europäischenPatents unterbreitet werden. Einheitliche Rechtswirkung bedeutet, dass das Patent einheitlichenSchutz in allen teilnehmenden Mitgliedsstaaten bietet. Das Gemeinschaftspatent kann lediglichin Bezug auf alle teilnehmenden Mitgliedsstaaten begrenzt, übertragen oder widerrufen werden bzw.verfallen. Ein Gemeinschaftspatent kann in Bezug auf das gesamte Territorium oder Teile der Territoriender Mitgliedsstaaten lizenziert werden. Die Gebühren für eine Verlängerung sind an das EuropäischePatentamt zu entrichten.Die vereinbarte Verordnung zur Übersetzungsregelung für das Gemeinschaftspatent – wiederum nurkurz zusammengefasst – sieht vor, dass die Übersetzungsregelungen auf dem bereits im EuropäischenPatentamt genutzten Verfahren aufbaut. Damit werden die Patentschrift in der Sprache desamtlichen Verfahrens und die Patentansprüche in den drei Amtssprachen des Europäischen Patentamtsveröffentlicht. Nach einer Übergangsphase werden keine zusätzlichen Übersetzungen mehr fürein Gemeinschaftspatent gefordert werden. Während der Übergangszeit, die nicht vor Ablauf vonzwölf Jahren nach Anwendungsdatum der Verordnung endet, müssen zusätzliche Übersetzungen wiefolgt eingereicht werden: Ist die Verfahrenssprache Französisch oder Deutsch, muss eine vollständigeÜbersetzung der Patentschrift ins Englische geleistet werden; ist die Verfahrenssprache Englisch,muss eine vollständige Übersetzung in eine offizielle Sprache der Mitgliedsstaaten, die eine offizielleSprache der EU ist, vorgelegt werden. Diese Übersetzungen dienen lediglich der Information und sindnicht rechtsverbindlich.In Bezug auf die parallel laufende Arbeit zur Schaffung eines einheitlichen Rechtssystems in allenMitgliedsstaaten hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) am 8. März 2011 seine Stellungnahme abgegeben(Opinion No. 1/09). Diese besagt, dass der Entwurf für ein internationales Übereinkommenzur Errichtung eines Gemeinschaftspatentgerichts aus verschiedenen Gründen mit den EU-Rechts-26 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL Avorschriften unvereinbar ist. Ein überarbeiteter Entwurf für ein Gemeinschaftspatentgericht und dessenSatzung wurde im Juni 2011 veröffentlicht. Im Dezember 2011 waren die Verhandlungen zu diesemEntwurf noch nicht abgeschlossen.Laut aktuellem Entwurf würde das System über eine Gerichtsstruktur verfügen, die Rechtsprechungsbefugnisbezüglich Verletzung und Gültigkeit europäischer und Gemeinschaftspatente hätte (allerdingsnicht für Berechtigungs- und damit zusammenhängende Vertragsstreitigkeiten). Das neue Gerichtssystemwürde eine großteils dezentralisierte Eingangsinstanz mit lokalen und regionalen Kammernsowie eine Zentralkammer, eine Berufungsinstanz und eine Kanzlei des Gemeinschaftspatentgerichtsbeinhalten. Die Zentralkammer wäre das ausschließliche Forum für Nichtigkeitsklagen, abgesehendavon, dass Nichtigkeit als Gegenklage in Verletzungsverfahren in lokalen oder regionalenKammern vorgebracht werden könnte. Verfahrenssprache in lokalen und regionalen Kammern wäredie jeweilige lokale Sprache, unter bestimmten Voraussetzungen wäre auch die Wahl einer anderenSprache möglich. Die Sprache vor der Zentralkammer wäre die Sprache des jeweiligen Patents. Berufungenwürden normalerweise in der Sprache der ersten Instanz erfolgen. Alle Kammern würden gemeinsamdas Gemeinschaftspatentgericht mit einer einheitlichen Verfahrensordnung formen; dieKammern wären spezialisierte und eigenständige Organe, jedoch an den EuGH gekoppelt, der dieAuslegung und Anwendung des Europäischen Gemeinschaftsrechts und von Übergangsvereinbarungenregelt.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft begrüßt die Arbeit innerhalb der EU am zukünftigenPatentsystem für Europa und wird diese weiter verfolgen,u. a. zum Gemeinschaftspatent mit seiner Übersetzungsregelungund einem Gemeinschaftspatentgericht für patentbezogeneStreitigkeiten.Unternehmen haben die bisherigen Versuche der EuropäischenKommission unterstützt, ein rechtssicheres, effizientesund wirtschaftliches Patentsystem für die EU zu schaffen undwerden dies auch zukünftig tun. Die Wirtschaft ruft Nationalregierungendazu auf, die Umsetzung eng zu begleiten, die Expertiseder Wirtschaft einzubeziehen und deren BedenkenRechnung zu tragen.RegierungsmaßnahmenDie Regierungen der europäischenMitgliedsstaaten solltenweiterhin die Arbeit an einemGemeinschaftspatent undGemeinschaftspatentgerichtfür patentbezogene Streitigkeitenunterstützen, die die Anforderungender Wirtschafterfüllen.Aktivitäten der ICCDie ICC wird weiterhin die Arbeit am Gemeinschaftspatent undGemeinschaftspatentgericht für patentbezogene Streitigkeitenverfolgen. Die ICC hat verschiedene Eingaben zu diesenThemen getätigt: Stellungnahme Unified Patent Court Agreement(25. November 2011), Brief zum Entwurf der Gemeinschaftspatent-Verordnung(14. November 2011), Brief zumPräsidiumsvorschlag für ein Gemeinschaftspatentgericht (23.September 2011), Brief zum Vorschlag der EuropäischenKommission zur verstärkten Zusammenarbeit zur Schaffungeines Gemeinschaftspatents in Europa (21. Januar 2011)sowie Comments on Proposals for an EU Patent LitigationJurisdiction (23. April 2008).IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 27


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 20121.5 Sprachliche ErwägungenSprache ist stets ein sehr sensibles Thema. Streng ökonomisch betrachtet sind die Kostenvorteileoffensichtlich, wenn nur eine Sprache für Erlangung und Durchsetzung von Patenten verwendet würde.Allerdings ist die Wahl der Sprache von großer Bedeutung für die nationale Identität, Kultur undSouveränität. Die politische Brisanz dieses Themas wurde während der langjährigen Debatte überden Vorschlag der Europäischen Kommission für eine Gemeinschaftspatent-Verordnung deutlich.Eine solche Diskussion kann sich auf weltweiter Ebene nur noch verschärfen. Verbesserungen imBereich der maschinellen Übersetzung können möglicherweise zukünftig nach und nach dazu beitragen,die Brisanz dieses Themas in Zukunft abzuschwächen.Am 1. Mai 2008 trat das Abkommen zur Anwendung von Artikel 65 zur Bewilligung von EuropäischenPatenten („Londoner Abkommen“) in Kraft, das die Übersetzungsanforderungen für gewährte europäischePatente reduziert. Dieses Abkommen sieht die notwendigen Sicherheitsklauseln für Drittparteienvor: Sie räumt den Vertragsstaaten das Recht ein, die Übersetzung von Ansprüchen und bei Patentstreitigkeitendie Übersetzung der kompletten Patentschrift zu verlangen.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft wird auch zukünftig Initiativenunterstützen, die zur Vertrauensbildung zwischenden beteiligten Interessengruppen beitragenund mögliche Lösungen für einen akzeptablenKompromiss zwischen diesen evaluieren.Das Inkrafttreten des Londoner Abkommensam 1. Mai 2008 wurde von der Wirtschaft begrüßt,da dieses Abkommen die Übersetzungskostenzur Erlangung und Validierung europäischerPatente beträchtlich reduziert.Aktivitäten der ICCDie ICC veröffentlichte die Stellungnahme TheNeed for Further Accessions to the LondonAgreement (22. Juni 2009), welches den frühestmöglichenBeitritt aller Unterzeichner desEuropäischen Patentabkommens zum LondonerAbkommen empfiehlt.RegierungsmaßnahmenRegierungen und Patentämter sollten ihr politischesGewicht nutzen, um Verständnis zwischenden einzelnen Interessengruppen aufzubauenund auf kreative Lösungen für dasProblem zu drängen. Manche Sprachunterschiedemögen zwar notwendig sein, jedochsollte die Anzahl der verschiedenen Sprachenverringert werden.Regierungen, die bisher noch nicht dem LondonerAbkommen beigetreten sind, solltendies so schnell wie möglich tun. Ein Beitrittaller zu diesem Abkommen würde enormeKosteneinsparungen und die Neuverteilungvon Ressourcen für Forschung und Entwicklungbedeuten. Weitere Beitritte dürften dieRechtssicherheit erhöhen und haben keinennegativen Einfluss auf die Veröffentlichungsfunktionvon Patenten, insbesondere aufgrundder bestehenden Sicherungsklauseln.2. Zwangslizenzen und staatliche NutzungDie gesetzlichen Vorschriften der meisten Länder erlauben es staatlichen Behörden oder autorisierenDrittparteien, eine patentierte Erfindung kommerziell ohne das Einverständnis des Patentinhabers zunutzen. Diese Regelungen beinhalten Zwangslizenzen und die Nutzung eines Patentes durch dieRegierung (Crown-Use-Bestimmung in Großbritannien). Dabei legen die gesetzlichen Vorschriftenmeist sehr genau fest, unter welchen eng umrissenen Umständen dies möglich ist und sehen die Zahlungeiner angemessenen Entschädigung an den Patentinhaber vor. Die Artikel 30 und 31 TRIPSlegen Mindest-Standards für eine solche Nutzung unter einer Zwangslizenz dar.28 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL ADie Debatte über Ausnahmen und Beschränkungen im Patentbereich, speziell Zwangslizenzen, konzentriertesich lange Zeit auf das Gesundheitswesen und den Zugang zu Arzneimitteln in Entwicklungsländern.In der Folge wurde 2005 eine Änderung des TRIPS-Abkommens beschlossen, die nunZwangslizenzen für die Herstellung und den Export patentgeschützter pharmazeutischer Produktevorsieht. Vor diesem Hintergrund wird auch grundsätzlich diskutiert, ob das Patentsystem mit seinenKontrollmechanismen ein angemessen ausgeglichenes System bleibt, das notwendig ist, um Anreizefür technische Entwicklungen und wirtschaftliches Wachstum zu schaffen. Diese Debatte wird insbesondereim Hinblick auf wirtschaftlich schwache Entwicklungsländer weiter geführt.Die Debatte wurde nun auf weitere Bereiche ausgedehnt. Beispiele sind die Diskussionen im Zuge derUN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) zum geistigen Eigentum im Hinblick auf „grüne“ Technologien,die Entscheidung des Ständigen Ausschusses Patentrecht der WIPO, den Bereich der Ausnahmenund Beschränkungen des Patentsystems zu untersuchen, und die WIPO-Konferenz vom 13. – 14. Juli2009 zum Thema „Geistiges Eigentum und Themen öffentlichen Interesses“.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft muss aktiv an der Debatte um das Patentsystemteilnehmen. Dabei sollte der Wert des Patentsystems,für technologischen und wirtschaftlichen Fortschrittund Entwicklung sowohl in reichen wie auch in armenLändern deutlich gemacht werden. Auch ist es wichtig, dieArgumentationen von anderen, die eine unterschiedlichePerspektive einnehmen, zu verstehen und sich auszutauschen.Andererseits müssen Unternehmen hervorheben,dass das Patentsystem Innovationen fördert und Unternehmenim Falle einer übermäßigen Einschränkung vonPatentrechten ihre Investitionen in die Erfindung, Entwicklungund Kommerzialisierung neuer Technologien zurückfahren,sei es im pharmazeutischen oder medizinischenBereich oder bei „grüner“ Technologie, was zum Schadenaller wäre, egal, ob arm oder reich. Die Wirtschaft sollteStaaten darin unterstützen, die 2005 beschlossenenTRIPS-Ergänzungen zu ratifizieren.Aktivitäten der ICCDie ICC hat Positionspapiere im Zusammenhang mit denUNFCCC-Verhandlungen erarbeitet, in denen die wichtigeAnreize liefernde Rolle des Patentsystems für die Entwicklung„grüner“ Technologie dargelegt wird. (SieheAbschnitt C. III., Technologieentwicklung und -transfer).Die ICC wird an den Diskussionen der WIPO zu Ausnahmenund Beschränkungen im Bereich der Patente aktivteilnehmen. Die ICC verfolgt die regionale und nationaleImplementierung der 2005 beschlossenen TRIPS-Ergänzungen und der zugrundeliegenden Entscheidungdes WTO-Generalrates.RegierungsmaßnahmenRegierungen sind aufgerufen, dieam 6. Dezember 2005 beschlossenenErgänzungen des TRIPS-Abkommens ohne Verzögerungzu ratifizieren.Regierungen sollten sich bewusstwerden, dass eine Lockerung derBedingungen für die Zwangslizenzierungen(die Erfindungen allerBranchen betrifft) den Anreizeliefernden Effekt von Patentengefährdet. Dies gilt gleichermaßenauch für einzelne Erfinder undkleine Unternehmen in Entwicklungsländern,da diese Maßnahmenfür alle Rechteinhaber geltenmüssten, einschließlich inländischerRechteinhaber.Regierungen müssen daran arbeiten,die positiven Werte des Patentsystemszu schützen.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 29


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 20123. Patente und StandardsIn vielen Branchen sind Unternehmen zur Interoperabilität von Produkten und Dienstleistungen aufvon Normungsorganisationen und Standardisierungseinrichtungen entwickelte Standards angewiesen.Dabei werden die Mitglieder von Organisationen aufgefordert, ihre neuesten Technologien den Normungsorganisationenbeizusteuern. Nur so kann die allerneueste, innovativste Technologie zur Einbeziehungin einen Standard berücksichtigt werden. Selbstverständlich muss es zur Erreichung desgewünschten Ziels allen Patentinhabern ermöglicht werden, eine Rendite für ihre Investition zu erhalten.Dieser Bedarf an Ausgleich für das zugrunde liegende geistige Eigentum muss ausbalanciertwerden mit der Notwendigkeit, dass ein Standard für alle Unternehmen der Branche zu fairen, angemessenenund nicht-diskriminierenden Bedingungen verfügbar sein muss. Daher entwickeln Standardisierungsorganisationenüblicherweise entsprechende Regelungen, die auf einen Interessensausgleichfür alle ihre Mitglieder (Patentinhaber, Gerätehersteller, Service Provider und Kunden) zielen.Um eine weite Verbreitung standardisierter Technologien sicherzustellen und gleichzeitig Anreize fürneue Innovationen aufrechtzuerhalten, versucht man, mit verschiedenen Herangehensweisen zu verhindern,dass Standards aufgrund von fehlenden wichtigen Patenten blockiert werden. Die meistenNormungs- und Standardisierungsorganisationen streben nach frühzeitiger Veröffentlichung der Existenzpotenziell wichtiger Patente und fordern Patentinhaber auf, ihre Bereitschaft zur Lizenzierung zufairen, angemessenen und nicht-diskriminierenden Bedingungen (FRAND) zu erklären. Diejenigen,die eine Technologie umsetzen wollen, können dann den Patentinhaber kontaktieren und detaillierteLizenzbedingungen aushandeln, die oft individuell nach den spezifischen Anforderungen desjenigen,der implementiert, gestaltet werden.Dies entspricht den kürzlich von der Europäischen Kommission herausgegebenen überarbeitetenhorizontalen Richtlinien, die den Ansatz der Kommission bei der Festlegung von Standards deutlichmacht. Die Richtlinien enthalten eine Reihe von Kriterien für Regelungen zur Festlegung von Standards.Wenn diese in entsprechende Standardisierungsabkommen einbezogen werden, ist üblicherweisesichergestellt, dass sie nicht gegen das EU-Wettbewerbsrecht verstoßen: Die Teilnahme an der Festlegung von Standards ist nicht beschränkt, das Verfahren für die Annahmedes betreffenden Standards ist transparent, und das Standardisierungsabkommen enthältkeinerlei Verpflichtung, dem Standard zu entsprechen; Die zuständige Standardisierungsorganisation müsste über Verfahren verfügen, die es den Interessengruppenerlauben, sich tatsächlich über bevorstehende, laufende und abgeschlossene Normungsarbeitenrechtzeitig zu jedem Zeitpunkt des Standardisierungsprozesses zu informieren; Das IP-Konzept müsste von den Teilnehmern die gutgläubige Offenlegung ihrer IP-Rechte einfordern,die für die Einführung eines in Entwicklung befindlichen Standards entscheidend sein könnten;und Um einen wirksamen Zugang zum Standard zu gewährleisten, müsste das IP-Konzept von denTeilnehmern, die ihre IP-Rechte im Standard eingeschlossen sehen möchten, eine unwiderruflicheschriftliche Verpflichtungserklärung fordern, die die Lizenzierung ihrer entscheidenden IP-Rechtean alle Drittparteien zu fairen, angemessenen und nicht-diskriminierenden Bedingungen („FRANDVerpflichtung“) anbietet. Diese Verpflichtungserklärung müsste vor der Verabschiedung des Standardsgeleistet werden.Teilweise wurden Bedenken geäußert, dass, sobald die Industrie an einen Standard gebunden ist,der Hauptpatentinhaber unangemessene Lizenzbedingungen einfordern könnte und der Implementierergezwungen sei, diese zu akzeptieren. Dieses Szenario wird „Holdup“ oder „U-Boot-Patent“genannt und kann unter bestimmten Bedingungen einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht darstellen.In der Vergangenheit ist dies selten vorgekommen, zum einen, weil die Standardisierungsorganisationenihr FRAND-Konzept für geistiges Eigentum erfolgreich umgesetzt haben. Zum ande-30 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL Aren haben die meisten Teilnehmer ein Interesse am Erfolg sowie der weit verbreiteten Implementierungdes Standards und sind daher motiviert, angemessen zu handeln. Allerdings kann die Politikder Standardisierungsorganisationen nicht garantieren, dass keine IP-Probleme auftreten, da sichihre Vorgaben nicht auf Nicht-Teilnehmer erstrecken. Wo nötig, können zivilrechtliche Prozesseoder die Intervention seitens einer Wettbewerbsbehörde ein solches mutmaßliches Vorgehen angehen.Jegliche Bewertung eines solchen Handelns muss auf Basis der spezifischen Fakten und Umständeerfolgen.In letzter Zeit haben einige Teilnehmer mehr Transparenz zu einem frühen Zeitpunkt im Standardisierungsverfahren(„ex ante“ oder bevor die Standardisierung abgeschlossen ist) gefordert. Dabei soll dermaximale Betrag an Patent-Lizenzgebühren festgelegt werden, der für auf dem Standard aufbauendeProdukte und/oder Dienstleistungen im Zusammenhang mit den wesentlichen Patentansprüchen einesPatentinhabers verlangt werden kann. In der EU hat die Europäische Kommission darauf hingewiesen,dass eine Offenlegung der restriktivsten Lizenzbedingungen vor Standardfestlegung grundsätzlich keineWettbewerbsbeschränkung bedeutet, da es der Standardisierungsorganisation erlaube, eine informationsfundierteEntscheidung über die in den Standard einzubeziehende Technologie zu treffen. EinigeStandardisierungsgremien, die den „Vorab“-Ansatz in Erwägung gezogen haben, erlauben die freiwilligeVorab-Offenlegung von Lizenzbedingungen an die Gremien, andere Standardisierungsgremien verlangensie in ihren Anforderungen.Ein anderer Ansatz bestimmter Branchen besteht darin, durch Gründung von freiwilligen Patentpoolseine Lizenzvergabestelle einzurichten für jene, die Lizenznehmer für einen Standard mit seinen wesentlichenPatenten werden wollen. Um den Wettbewerbsregeln zu entsprechen, müssen Patentpoolsunabhängig von Standardisierungsgremien gebildet und betrieben werden; die Teilnahme an demPool sollte uneingeschränkt und offen für alle Inhaber entscheidender Patente sein. Verhandlungenbezüglich der Lizenzen aus einem Pool finden zwischen dem Pool (üblicherweise durch eine der Parteiendes Pools oder einer lizenzierenden Organisation) und den Interessengruppen auf dem Marktstatt und liegen daher außerhalb des Verantwortungsbereichs der Standardisierungsorganisationen.Zwar wird die Nutzung von freiwilligen Patentpools von einigen Unternehmen unterstützt. Allerdingssollte auch beachtet werden, dass obligatorische Patentpools möglicherweise von der Mitgliedschaftin Standardisierungsorganisationen abhalten könnten.Es gibt darüber hinaus Vorschläge zu gesetzgeberischen Maßnahmen innerhalb und außerhalb desPatentsystems. Innerhalb des Patentsystems bestehen Vorschläge für den Ausschluss von patentierbarenInhalten sowie Ausnahmen und Einschränkungen für die Durchsetzung von Patentrechten.Außerhalb des Patentsystems haben einige den aggressiveren Gebrauch des Wirtschafts- und Wettbewerbsrechtsvorgeschlagen als rechtlichen Mechanismus gegen missbräuchliches oder anderweitigillegales Verhalten von Patentinhabern oder Gruppen von Implementierern. Solche Vorschläge sindrecht kontrovers und drohen, Innovation und Technologieentwicklung sowie den laufenden Beitrag derneuesten Technologien zur Entwicklung von Standards zum Erliegen zu bringen. Auf der anderenSeite hat die FRAND-Politik zahlreicher Standardisierungsorganisationen viele Jahrzehnte lang für dieEinführung effektiver und hochinnovativer Standards gesorgt.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft erkennt den Umstand,dass es im Interesse der verschiedenenInteressengruppen liegt, dass Patentangelegenheitenim Standardisierungsprozessangemessen berücksichtigt werden,um die Erstellung von Standards zu ermöglichen,die modernste Technologienbeinhalten und Aussicht haben, auf demRegierungsmaßnahmenKeine nationale Gesetzgebung beinhaltet spezielleBestimmungen zur Einschränkung eines Patentes,dessen Nutzung wesentlich für die Einführung einesStandards ist. Der Umfang eines exklusiven Patentrechtsist bereits im nationalen Patentrecht sorgfältigausgestaltet worden, um ein Gleichgewicht zwischenden berechtigten Interessen von Rechteinhabernund Dritten zu bilden. Die ICC ist der Ansicht,dass weder das internationale Patentsystem nochIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 31


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012Maßnahmen seitens der WirtschaftMarkt Verwendung zu finden.Aktivitäten der ICCDie ICC ist sich darüber im Klaren, dassbei der Standardisierung eine große Reihevon Problemen im Zusammenhangmit Patenten auftreten können und dassverschiedene Interessengruppen unterschiedlicheAnsichten zu diesen Themenhaben.Regierungsmaßnahmendessen nationale Umsetzung verändert werdenmuss, um den Bedenken bezüglich Patente undStandards gerecht zu werden. Daher fordert die ICCRegierungen dazu auf, weder Vorschläge aufzugreifen,bestimmte Bereiche und Inhalte vom Patentschutzauszunehmen, noch weitläufige Ausnahmenund Beschränkungen für die Durchsetzung vonPatentrechten zu ermöglichen.II.MARKENDie vermehrte Nutzung des Internets für verschiedene Zwecke, u. a. Internethandel, stellt die Wirtschaftvor neue Herausforderungen. Die Welt ist zusammengewachsen, Entfernungen sind kürzergeworden, die Reaktionszeiten schneller. Daher sollte ein Schutz zu angemessenen Kosten und mitvertretbarem Aufwand verfügbar sein. Weltweit müssen Anstrengungen unternommen werden, Markenrechtezu stärken sowie sie besser durchzusetzen und zu schützen.Global bedarf der Schutzumfang für Marken einer Klärung und Harmonisierung, beispielsweise: Flexibilität von Registrierungsbedingungen für weniger gebräuchliche Kennzeichen, z. B.Farben, Gerüche, Formen, Verpackungen, Dienstleistungen des Einzelhandels, etc.; Wie kann die Wahrscheinlichkeit von Verwechslung im Zusammenhang mit Rechtsverstößenin Abgrenzung zur bloßen Gefahr der Assoziation eingeschätzt werden; Was ist eine „tatsächliche“ Benutzung einer Marke zur Aufrechterhaltung gültiger Markenrechte; Wie sollte der Umfang des Schutzes gegen den Gebrauch einer wohlbekannten Marke fürunähnliche Produkte aussehen; und rechtliche und steuerliche Folgen der Entscheidung, einen Markenlizenzvertrag nicht zuregistrieren.Einige internationale Verträge bieten Ländern die Gelegenheit, Schutz und Anmeldung von Marken zustraffen, zu harmonisieren und zu vereinfachen. Einer davon ist der Markenrechtsvertrag (TrademarkLaw Treaty, 1994) mit dem Ziel, das Markenregistrierungsverfahren beim Markenamt zu vereinfachenund zu harmonisieren. Dieser wurde durch den Markenrechtsvertrag von Singapur (2006) abgelöst,der ebenfalls die Verfahrensrichtlinien entsprechend den neuen technologischen Entwicklungen harmonisiert,wenn auch mit breiterem Geltungsbereich. Stand November 2011 haben 49 bzw. 25 Länderden Markenrechtsvertrag bzw. den Singapur-Vertrag ratifiziert.Ein sehr wichtiges Instrument für den globalen Schutz von Marken ist das Madrider Abkommen (1891und mehrfach geändert) sowie insbesondere das Madrider Protokoll (1989), das den Schutz einerMarke in zahlreichen Ländern durch die Erlangung einer internationalen Registrierung erlaubt, die injedem der bezeichneten Länder gilt. Der Hauptvorteil des Madrider Systems ist die Möglichkeit, eineneinzigen Markenantrag bei der WIPO einzureichen, statt eines separaten Antrags unter Beachtunginländischer Verfahrensrichtlinien in jedem Land, in dem ein Schutz angestrebt wird. Weitere Vorteilesind u. a. die Einreichung in einer Sprache (Englisch, Französisch und Spanisch), die Möglichkeit,32 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL Aonline zentral Verlängerungsgebühren für internationale Registrierungen per Kreditkarte oder WIPO-Konto zu zahlen, ein einziger Antrag für Namens-/Adressänderungen, der auf alle benannten Länderausgeweitet werden kann, sowie ein einziges Verlängerungsdatum und einmaliger -antrag.Angesichts dieser Vorteile sind dem Madrider System viele Länder beigetreten; im Oktober 2011 zähltees 85 Mitglieder.Andererseits sind noch viele Länder bei der Ratifizierung des Madrider Protokolls zurückhaltend.Hierfür gibt es verschiedene Gründe wie beispielsweise verfassungsrechtliche Probleme, Sprachbarrieren,notwendige Änderungen in der Gesetzgebung des Landes, um den Protokollregelungenzu entsprechen.Der Erfolg der europäischen Gemeinschaftsmarke scheint zu bestätigen, dass eine einzelne regionaleMarke die Bedürfnisse der Unternehmen erfüllt. Eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebeneStudie zum Funktionieren des Markensystems in Europa (sowohl auf Gemeinschafts- als auch aufMitgliedslandebene) wurde am 15. Februar 2011 veröffentlicht. Sie zeigt Bereiche auf, die zu verbessernund zu straffen sind und wo das Gesamtsystem Entwicklungsbedarf hat. Es steht zu erwarten,dass Änderungen in der Verordnung über die Gemeinschaftsmarke und in der EU-Markenrichtlinieerfolgen werden.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft unterstützt die Schaffung eines globalen Registrierungssystemsfür Marken, welches die Bedürfnisse vonUnternehmen berücksichtigt. Vor diesem Hintergrund bestärktdie Wirtschaft Staaten bei der Harmonisierung vonnationalen Gesetzen im Zusammenhang mit der Einreichungund Registrierung von Marken sowie Initiativen zur Verringerungdes Verwaltungsaufwands. Beispiele hierfür sind dieAnnahme von Online-Anmeldungen, Verlängerungen sowieweiteren Online-Verwaltungsverfahren, Bemühungen dernationalen Marken- und Patentämter zum Abbau ihres Arbeitsrückstands,zur Beschleunigung des Prüfungsverfahrensfür Markenanträge, zur Verbesserung der Entscheidungsqualitätund zur Abschaffung oder zumindest zur Reduzierungformaler Anforderungen bei Markenverfahren (beispielsweisedie notarielle und amtliche Beglaubigung von Schriftstückenund beeidigten Übersetzungen).Die Wirtschaft unterstützt WIPO-Initiativen zur Harmonisierungvon Verfahrensangelegenheiten, zur Unterstützung von Markenbehördenin den Schwellen- und Entwicklungsländern, zurDurchführung von Trainingsprogrammen und weiterer Aktivitätenzur Stärkung des Markenschutzsystems insgesamt undzur Schaffung eines attraktiven und sicheren Umfelds für Investitionen,Unternehmen und industrielle Entwicklung.RegierungsmaßnahmenRegierungen sollten Verträgeratifizieren und implementierensowie multilaterale Initiativenunterstützen, die die internationaleHarmonisierung vorantreibenund daran arbeiten, einwirklich globales Markensystemzu schaffen, das elektronischeEinreichung und Datenbankennutzt.Viele Verträge, wie das MadriderProtokoll, der Singapur-Vertrag oder der Markenrechtsvertrag,verfügen erstüber eine überschaubare Anzahlvon Unterzeichnerstaaten.Es bleibt zu hoffen, dass dieRegierungen der restlichenWTO-Länder durch diese Entwicklungenangespornt werden,ihnen beizutreten, um dieRegistrierung von Markenglobal zu vereinfachen.1. Bekannte/berühmte MarkenDa insbesondere bekannte Marken anfällig für Missbrauch sind, wird seit langem in der Pariser Verbandsübereinkunft– auch bestätigt durch TRIPS – anerkannt, dass für diese Marken ein speziellerIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 33


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012Schutz notwendig ist. Allerdings wird ein erhöhter Schutzumfang durch umfassendere Konzepte alsbloße Markenverletzungen benötigt, zum Beispiel durch Regeln gegen unlauteren Wettbewerb, Verwässerungoder „Angabe einer Verbindung“.Beispielsweise legte die USA 2006 mit ihrem Trademark Dilution Revision Act fest, dass der Inhabereiner berühmten Marke beim zuständigen Gericht eine Verfügung beantragen kann. Diese verbietetdie bestehende oder zu erwartende Verwendung eines Begriffes, die dazu angetan ist, dieVerwässerung einer berühmten Marke durch Schwächung der Kennzeichnungskraft bzw. eine Rufbeeinträchtigungzu verursachen, ungeachtet einer wahrscheinlichen Verwechslung oder wirtschaftlichenSchadens.Andere Länder, wie beispielsweise Brasilien, Paraguay und Argentinien, ermöglichen es Markeninhabern(insbesondere Inhabern bekannter Marken), ihre Marken in eine besondere, wenn auch zuweileninformelle Datenbank einzutragen, die von Zollbehörden im Kampf gegen Piraterie genutzt wird.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft unterstützt die Schaffungfunktionierender Mechanismenzum Schutz von bekannten Markensowohl national wie global und begrüßtdabei die Berücksichtigung derWIPO Joint Recommendation concerningProvisions on the Protectionof Well-Known Marks auf nationalerEbene.RegierungsmaßnahmenDie im September 1999 verabschiedete WIPO JointRecommendation Concerning Provisions on the Protectionof Well-Known Marks ist eine wichtige Orientierungshilfesowohl für Markeninhaber als auch zuständigeBehörden zur Bestimmung von Kriterien, was alsbekannte Marke gilt.Die WIPO-Empfehlung von 1999 ist eine nicht-bindendeRichtlinie zur Anwendung der Pariser Verbandsübereinkunftund TRIPS. Da die Empfehlung keine Hilfestellungzu speziellen Maßnahmen für die Durchsetzung gibt,variieren nationale Maßnahmen zur Implementierungder Empfehlung sowie ihre rechtlichen Auswirkungen jenach Land. Diese können von der Einrichtung einesoffiziellen Registers (manchmal nur für inländische Marken)bis hin zu von nationalen Behörden geführten informellenListen reichen.Regierungen sollten ihre intensiven Bemühungen zumSchutz von bekannten Marken durch entsprechendeGesetzgebung und vor allem durch die Bekämpfung vonstörendem Verhalten und Fälschungen fortführen. Es istzu begrüßen, wenn Regierungen außerdem Diskussionenzur Schaffung eines internationalen Systems zurErfassung und Anerkennung von Rechten berühmterMarken initiieren. Dafür könnte die WIPO Joint Recommendationherangezogen werden.2. RecherchenDer Mangel an vollständigen, weltweiten, nationalen Recherchemöglichkeiten mithilfe des Internets füralle Formen von Marken schafft Unsicherheit für Unternehmen. Wenn diese eine Marke registrierenlassen wollen, sind sie nicht in der Lage zu überprüfen, ob eine solche Marke bereits registriert wurde.34 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL ADas Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt (HABM) hat mit der Zusammenstellung eines Online-Wörterbuches (EuroClass) für Begriffe im Zusammenhang mit der Klassifizierung gemäß dem NizzaerAbkommen und der WIPO Global Brand Datenbank einen begrüßenswerten Anfang gemacht.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft unterstützt die Entwicklung vonzusätzlichen, öffentlich zugänglichen Suchmöglichkeitenbei den Markenämtern. Die Bereitstellungvon durchsuchbaren offiziellenProtokollen und Registern in elektronischerForm wird begrüßt.Die Wirtschaft ist erfreut über die WIPOE-Commerce Datenbank für Marken und Entscheidungendes WIPO-URDP Panels, die füröffentliche Recherchen zur Verfügung stehen.RegierungsmaßnahmenDie WIPO und Regierungen sollten an derEntwicklung eines gemeinsamen Systemsarbeiten, das Recherchen von registriertenMarken in Datenbanken erlaubt, idealerweiseunter Einbeziehung von Online-Suchfunktionen.Ein elektronisches Standard-Format fürdie Veröffentlichung und Durchsuchung vonoffiziellen Protokollen und Registern sollte fürdie Nutzung durch alle WIPO-Mitgliedsstaatenentwickelt werden. Für einen leichteren Zugriffist entscheidend, dass die nationalen Ämterzusammenarbeiten und die Ergebnisse in einemgemeinsamen Format anzeigen, idealerweiseauf der Basis einer gängigen Software.3. Verwendung von Marken im InternetDie Nutzung von Marken im Internet wirft viele Probleme auf, die mit fortschreitender Entwicklung desRechts gelöst werden. Allerdings bereitet es Sorge, dass national variierende Ansätze gewählt werdenund dementsprechend die Ergebnisse von Rechtsstreitigkeiten unterschiedlich ausfallen.Ein wohlbekanntes Problem sind Konflikte, die aus angefochtenen Eintragungen von Domainnamenresultieren, die ähnlich oder identisch mit einer Marke sind. (Siehe folgender Abschnitt überDomainnamen).Eine zweite Kategorie von Problemen befasst sich mit neuen Verwendungen von Marken im Internetbeispielsweise bei Anwendungen auf mobilen Endgeräten und in sozialen Netzwerken in vielerleiFormen, die nicht alle klar erkennbar sind.Diskussionen werden auch ausgelöst durch (i) den Gebrauch von Marken für Werbezwecke, zumBeispiel als Schlagwörter, die Werbung zusammen mit den normalen Ergebnissen von Suchmaschinenfür diese Schlagwörter auslösen, oder für Pop-up Displays auf Computerbildschirmen; (ii) denUmfang erlaubter Parodie von Marken auf nicht-kommerziellen Webseiten, einschließlich Blogs alsBestandteil der Redefreiheit sowie (iii) das Linken und „Framen“ von Webseiten, die auch für Phishinggenutzt werden (d. h. das Erstellen von fingierten Seiten, vorwiegend mit dem Ziel, Nutzer-Informationenzu stehlen).Die Verwendung von Marken im Internet wirft viele Fragen auf, beispielsweise wie eine Markenverletzungdefiniert werden sollte, welche(s) Gesetz(e) auf markenbezogene Transaktionen und Verstößeangewandt werden sollte(n) und welche Rechtsordnung Anwendung findet.Trotz dieser Unsicherheiten nutzen viele Markeninhaber das Internet als Vertriebskanal für ihre Produkteund um ihre Kundenbeziehungen zu pflegen. Durch das schnelle Wachstum von E-Commerce-Plattformen müssen insbesondere die Fragen geklärt werden, welchen Umfang die VerantwortungIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 35


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012von Internet-Providern haben soll und wie der Schutzumfang für Markeninhaber bei unbefugtem Vertriebüber das Internet aussehen sollte.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft unterstützt die Einbeziehung derWIPO Joint Recommendation Concerning Provisionson the Protection of Marks and OtherIndustrial Property Rights in Signs on the Internetvon 2001 in nationales Recht.RegierungsmaßnahmenIm Anschluss an die umfangreiche Studie zurVerwendung von Marken im Internet hat dieWIPO 2001 eine Joint Recommendation ConcerningProvisions on the Protection of Marksand Other Industrial Property Rights in Signson the Internet veröffentlicht. Regierungensollten diese in ihr nationales Recht integrierenund offene Diskussionen darüber fördern, wiedie neuen Gegebenheiten zu handhaben sind,denen Markeninhaber im Zusammenhang mitdem digitalen Umfeld ausgesetzt sind.4. DomainnamenÜblicherweise verlangt die Registrierung von Domainnamen kein vorheriges Prüfverfahren und kanndaher schnell mit älteren Rechten, wie beispielsweise bereits existierenden Marken, in Konflikt geraten.In offensichtlichen Fällen von Cybersquatting kann der Inhaber einer existierenden Marke oftmalsdas Hosting der Webseite durch eine Beschwerde beim Internet Service Provider (ISP) stoppen unddann den Transfer des Domainnamens mithilfe lokaler Gerichte oder einer Schlichtungsstelle für Domainnamenverfolgen. Gesetze gegen Cybersquatting wurden 1999 erlassen: In den USA wurde derAnti-Cybersquatting Consumer Protection Act unter Bundesrecht eingeführt. Auf globaler Ebene verabschiedetedie Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) die von der WIPOvorgeschlagene Uniform Domain Name Dispute Resolution Policy (UDRP). Dieses außergerichtlicheStreitbeilegungsverfahren wurde ursprünglich konzipiert, um Streitigkeiten aus missbräuchlicher Registrierungund missbräuchlicher Verwendung von Marken als Domainnamen unter Generic Top-LevelDomains (gTLDs), wie zum Beispiel .com, .net, .biz, .info, beizulegen bzw. zu verhindern. Inzwischenist die UDRP zu einem internationalen Standard für die schnelle, kostengünstige und effektive Beilegungvon Domainnamen-Streitigkeiten geworden. Eine zunehmende Zahl von länderspezifischenDomainregistrierungsstellen haben die UDRP oder andere Alternative Domain Name Dispute ResolutionPolicies (ADRs) übernommen. Die WIPO stellt nicht nur Schlichtungsstellen für gTLDs, sondernauch für manche länderspezifische Top-Level Domains (Country Code Top Level Domains, ccTLDs).Unter der UDRP kann ein Markeninhaber eine Beschwerde einreichen und muss dann darlegen, dassder strittige Domainname identisch oder verwirrend ähnlich zu seiner Marke ist, der Domainnameninhaberkein Recht oder berechtigtes Interesse an dem Domainnamen hat und dass der Domainnameninhaberden Domainnamen bösgläubig registriert und genutzt hat. Die WIPO-Webseite bietet mit derVeröffentlichung der Entscheidungen des UDRP-Panels für generische sowie vielen länderspezifischenDomainnamen Markeninhabern richtungsweisende Hilfestellung. Dabei entsteht u.a. unter demWIPO-Streitbeilegungsverfahren eine Rechtsprechung, die jeden Fall nach seinen speziellen Gegebenheitenbehandelt, aber dem generellen Prinzip folgt, dass Anmelder von Domainnamen nachweisenmüssen, dass sie nicht beabsichtigen, den ideellen Firmenwert einer Marke zu beeinträchtigenoder zu nutzen.Als Ergebnis eines UDRP-Verfahrens werden Domainnamen von Cybersquattern häufig an den rechtmäßigenInhaber übertragen. Sollte der rechtmäßige Inhaber jedoch die Domainnamenregistrierung inseinem Portfolio nicht behalten wollen und sich dafür entscheiden, die Eintragung zu widerrufen, wird36 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL Ader Domainname wieder verfügbar und höchstwahrscheinlich von Spekulanten aufgegriffen, derenComputersoftware abgelaufene Domainnamen einschließlich Marken automatisch registriert. In denletzten Jahren hat sich das Cybersquatting von der bis dahin üblichen Domainnamen-Registrierungdurch Einzelne mit anschließendem Verkaufsangebot zu einem ausgeklügelten Geschäftsbereichentwickelt: Einzelne Inhaber testen die Rentabilität von Domainnamen, die eine Marke oder Variationendavon enthalten (während der fünftägigen Add Grace Period (AGP) oder danach), und erzielenEinkommen durch die automatisierte Registrierung von Domainnamen und Pay-Per-Click Werbung.Dies wird auf geparkten Seiten getan oder durch die Verlinkung zu tatsächlichen Firmenwebseiten.Markeninhaber und andere Interessengruppen der Netzgemeinde sind der Ansicht, dass diese verbreitetemissbräuchliche Vorgehensweise angegangen werden muss. 2009 führte ICANN daher eineAGP Limits Policy ein, die Erstattungen für Domainnamen unterbindet, die während der ersten fünfTage nach Registrierung widerrufen werden, und belastet diese Anmelder mit Transaktionsgebührenfür alle Domainnamen, die über einen neu eingeführten Schwellenwert hinausgehen.Um solchen Umständen und Entwicklungen Rechnung zu tragen, hat die WIPO empfohlen, dass Domainnamenunter neuen gTLDs nicht widerrufen werden dürfen als Ergebnis von Verwaltungsverfahren,sondern gelöscht und auf eine Liste reservierter Domainnamen gesetzt werden.Das Internetadressensystem beinhaltete 22 generische Top-Level Domains (gTLDs). Im Juni 2011 hatICANN ein neues TLD-Programm verabschiedet, das Anwendungen zur Schaffung und Nutzung vonDomainendungen erlauben wird. Laut ICANN wird die Einführung dieser neuen gTLDs den Wettbewerbbei Registrierungsdienstleistungen fördern, die Auswahl für den Verbraucher erhöhen und unterschiedlicheService Provider zulassen. Nach dem 12. April 2012 wird es zusätzliche Anwendungsphasengeben. Die neuen gTLDs werden die folgenden Namenstypen abdecken: neue gTLDs (z. B. .commerce); Marken-gTLDs (z. B. .markenname); Branchenbezogene gTLDs (z. B. .bank, .anwalt); Spezifische geografische Bezeichnungen (z. B. .Chicago, .Berlin, .Shanghai); TLDs, die nicht-lateinische Schrift verwenden, wie chinesische, japanische, kyrillische oderarabische Schriftzeichen.Die Entscheidung, neue Top Level Domains einzuführen, war das Ergebnis von Konsultationen undDiskussionen mit einer Reihe von Interessengruppen – Regierungen, Einzelpersonen, der Zivilgesellschaft,dem Nutzerkreis aus Wirtschafts- und IP-Vertretern sowie der technischen Fachwelt.ICANNs neues TLD-Programm wird die Einführung einer großen Zahl neuer Endungen mit sich bringen,die möglicherweise noch mehr Gelegenheit zu missbräuchlichen Markenregistrierungen bieten und sozu Problemen für die Internet Community insbesondere für Markeninhaber führen. Markeninhaber werdensich zu einer (zusätzlichen) gTLD-Strategie in Ergänzung zur bereits bestehenden Strategie fürMarken und/oder Domainnamen entschließen müssen, wenn sie ihre Marke nicht gefährden und Verwirrungbei den Verbrauchern, Betrug und Missbrauch verhindern möchten. Möglicherweise werden missbräuchlicheAnwendungen für neue gTLDs aber auch durch das mit Kosten verbundene Verfahren vermieden,das von den Antragstellern durchlaufen werden muss.Im November 2009 führte ICANN den IDN ccTLD Fast Track Process ein. Dabei handelt es sich umeinen Mechanismus zur Einführung einer begrenzten Anzahl von freiwilligen internationalisierten länderspezifischenTop-Level Domainnamen (IDN ccTLDs). Die sogenannten Internationalized DomainNames (IDNs) sind Domainnamen, die durch lokale Schriftzeichen dargestellt werden, einschließlichSchriftzeichen aus Nicht-ASCII Schriften wie zum Beispiel Arabisch oder Chinesisch. Bis vor kurzemkonnten Nicht-ASCII Zeichen lediglich vor dem Punkt genutzt werden. Durch die nun erfolgte Einführungvon IDNs wird es möglich sein, viel mehr Zeichen als Teil eines Domainnamens zu nutzen, undIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 37


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012zwar auch nach dem Punkt (zum Beispiel neue Namen in koreanischen, chinesischen und arabischenZeichen nach dem Punkt). Durch die Einführung neuer IDNs wird eine Erweiterung des Domainnamensystemserwartet. Aus der IP-Perspektive wird die Übersetzung einer Wort-Marke in nichtlateinischeSchrift mit allen Variationsmöglichkeiten es vielen Markeninhabern erschweren, Domainnamenauszuwählen sowie die verletzende Verwendung einer älteren Schutzmarke sowie bösgläubige Registrierungoder Nutzung einzuschätzen.Die Zugänglichkeit und Genauigkeit von Einzelheiten einer Domainnamen-Registrierung sind ein wichtigesAnliegen für Rechteinhaber.WHOIS ist eine Datenbank mit Informationen, die aktuelle Kontaktdetails eines Registrierenden fürviele Zwecke umfasst, die aber auch von Markeninhabern und bei der Rechtsdurchsetzung genutztwird, um den Anmelder eines bestimmten Domainnamens zu ermitteln. Zur Handhabung einer missbräuchlichenOnline-Markenregistrierung muss der IP-Rechteinhaber wissen, mit wem er es zu tun hat.Er verlässt sich daher auf den Zugriff zu WHOIS-Diensten, die öffentlichen Zugang zu Daten überregistrierte Domainnamen gewähren, derzeit einschließlich der Kontaktinformationen für registrierteNameninhaber. ICANN-Verträge beinhalten Regelungen für die Anforderungen zu Registrierungsdatenund zur Zugänglichkeit dieser Daten. Allerdings ist ein zunehmender Trend bei Registerführernund kommerziellen Anbietern zu beobachten, die Identität und Kontaktdetails von Domainnamen-Anmeldern nicht offenzulegen. Zwar kann das Ausblenden von WHOIS-Daten durch so genannteTreuhanddienste legale Zwecke verfolgen (z. B. die freie Meinungsäußerung eines Journalistenschützen, der Blogeinträge zu politisch sensiblen Themen vornimmt, oder ein Unternehmen vor einerProdukteinführung unsichtbar machen). Gleichwohl ist es wichtig, dass bei Beweisen für rechtswidrigeHandlungen die Möglichkeit besteht, diese Daten unter Beachtung des Rechtsstaatsprinzips zu enthüllen.Die WIPO hat außerdem darauf aufmerksam gemacht, dass Massenregistrierungen oft serienmäßiganonymisiert stattfinden.Anfang 2010 wurde innerhalb von ICANN eine Diskussion über mögliche Veränderungen der Auflagenbeim öffentlichen Zugriff und der Genauigkeit von WHOIS-Daten geführt. Dabei ging es um den notwendigenAusgleich zwischen Datenschutz und Schutz der Privatsphäre (für den Registrierenden),um die Möglichkeiten der Internetnutzer zu erfahren, mit wem sie interagieren, sowie um die Bedürfnissebeispielsweise von Durchsetzungsbehörden, Rechteinhabern etc.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft wird sich weiterhin bei Fragen des technischenManagements und der für die Koordinierung des generischenDomainnamensystems verantwortlichen Organisation ICANNsowie bei der Formulierung der Richtlinien für Domainnameneinbringen. Unternehmen werden auch zukünftig die UniformDispute Resolution Policy (UDRP) unterstützen und mit anderenInteressengruppen und der WIPO zusammenarbeiten, um zugewährleisten, dass ein praktikabler Ausgleich zwischen demDomainnamensystem und dem Markenrecht gefunden wird.Die Wirtschaft unterstützt auch Bemühungen zur Gewährleistungeines sicheren und verlässlichen Umfelds für internationalisierteDomainnamen.Die Wirtschaft wird außerdem Entwicklungen im Interesse vonRechteinhabern und Unternehmen allgemein hinsichtlich derWHOIS-Dienste und missbräuchlicher Domainnamenregistrierungbeobachten und wenn nötig reagieren.RegierungsmaßnahmenDie WIPO sollte auch in Zukunftländerspezifische Top-Level-Domains (ccTLDs) dazuermutigen, Richtlinien zurVermeidung und Beilegungvon Konflikten im Zusammenhangmit IP-Rechten einzuführen.Die Entwicklung einerccTLD-Datenbank mit Zugriffauf Informationen zu ccTLD-Grundsätzen in diesem Bereichhilft dabei, Transparenzfür die Nutzer zu garantieren.Die Regierungen sollten sicherstellen,dass die Regelungenbezüglich Domainnamender WIPO Joint Resolutionand Provisions on the38 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL AMaßnahmen seitens der WirtschaftZudem wird sie neue gTLD-Entwicklungen verfolgen und nötigeStrategien definieren.Aktivitäten der ICCDie ICC vertritt den Standpunkt der Wirtschaft hinsichtlich derICANN-Richtlinien durch ihre Kommission Digital Economysowie durch die ICANN Business Constituency. Veröffentlichungenund Aussagen der ICANN IP-Constituency werdengenau analysiert.Die ICC verfolgt und beurteilt für Unternehmen wichtige Themen,trägt dazu bei, das Bewusstsein für DomainnamensystembezogeneFragen innerhalb der Wirtschaft zu schärfen undnimmt direkt an den öffentlichen Kommentierungsprozessen zurEntwicklung von ICANN-Strukturen und Organisation teil. U.a.veröffentlichte die ICC im Juli 2006 ein Issues Paper on InternationalizedDomain Names. Im September 2011 führte die ICCein Seminar durch, das Unternehmen dabei unterstützte, dieFolgen der ICANN-Entscheidung zur Einführung neuer gTLDszu verstehen und für sich umzusetzen.RegierungsmaßnahmenProtection of Well-knownMarks vom 1. September1999 auf nationaler Ebenebefolgt werden.Regierungen sollten die Registrierungvon ccTLDs nichtübermäßig einschränken undein beschleunigtes Schlichtungsverfahrenin Anlehnungan die ICANN-Empfehlungenund das UDRP-System anbieten.III.DESIGNSCHUTZ / GESCHMACKSMUSTER1. Materiell- und verfahrensrechtliche Harmonisierung aufinternationaler EbeneNationale Unterschiede bei materiellrechtlichen Regelungen wie zum Beispiel Kriterien der Schutzfähigkeit,Verfahren für die Erteilung von Schutzrechten, Umfang des Schutzes, Rechtsmittel gegen Verstöße,erschweren es Inhabern von Geschmacksmusterrechten, internationalen Schutz zu erhalten.Die Situation hat sich verbessert, seitdem durch das Haager Abkommen unter der Genfer Akte dieMöglichkeit besteht, einen Antrag auf Registrierung in mehreren Ländern zu stellen.Zudem sind Unternehmen seit April 2003 in der Lage, eine einzelne Gemeinschaftsregistrierung füralle 27 EU-Mitgliedsstaaten zu beantragen. Die Intervention seitens der EU zum Schutz von Geschmacksmusterrechtengeht in vier Richtungen. Erstens hat sie die wichtigsten Vorgaben der nationalen,eigenständigen Regime für Geschmacksmuster durch ihre „Geschmacksmusterrichtlinie“harmonisiert.Anschließend hat die „Verordnung über das Gemeinschaftsgeschmacksmuster“ ein in der Gemeinschaftregistriertes, bis zu 25 Jahre währendes Geschmacksmusterrecht eingerichtet, dessen Anmeldungbeim Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt (HABM) erfolgt. Dieselbe Verordnung regeltauch die Schaffung eines in der Gemeinschaft nicht registrierten Geschmackmusterrechts, das automatischnach Veröffentlichung des Geschmacksmusters entsteht und für drei Jahre gilt. Sucht einGeschmacksmusterinhaber Schutz auf EU-Ebene, so kann er also zwischen einem registrierten Recht,das ihm das absolute Monopol auf das Geschmacksmuster gewährt (dabei ist es für die Prüfung, obeine Verletzung vorliegt, für den Inhaber unerheblich, ob der Beschuldigte das Geschmacksmusterkopiert hat oder unabhängig zu dem Geschmacksmuster gekommen ist), oder einem nicht registrier-IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 39


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012ten Gemeinschaftsgeschmacksmusterrecht wählen, das automatisch und ohne Formalitäten entsteht,jedoch lediglich Kopierschutz gewährt. Allerdings ist der Geltungsbereich für beide Rechte identisch:Er schließt alle Geschmacksmuster ein, die bei einem informierten Verbraucher keinen anderen Gesamteindruckerwecken.Schließlich erlauben die Geschmacksmusterrichtlinie und die -verordnung eine Überlappung des Geschmacksmusterrechtsmit nationalem Urheberrecht und anderen Schutzformen. Dies trägt der TatsacheRechnung, dass vor der Richtlinie die gegenseitige Beeinflussung von Urheberrecht und Geschmacksmusterrechtin Europa völlig unterschiedlich geregelt war (Frankreich war mit seiner „unitéde l’art“-Theorie für vollständige Kumulierung; einige Mitgliedsstaaten wie beispielsweise Deutschlandwaren für Teilkumulierung und andere, wie Italien mit seinem „scindibilità“-Prinzip, sprachen sich fürein Verbot der Kumulierung aus).Auf EU-Ebene unterscheiden sich die Rechtssysteme der jeweiligen Mitgliedsstaaten trotz angestrebterHarmonisierung durch die Geschmacksmusterrichtlinie immer noch deutlich. Allerdings istdie Rechtslage inzwischen klarer aufgrund der ersten Geschmacksmusterentscheidungen des Gerichtsder Europäischen Union (EuG) (vor dem Vertrag von Lissabon Gericht erster Instanz) und desEuropäischen Gerichtshofes (EuGH) 2010. Insbesondere das EuGH-Urteil T-9/07 „Grupo PromerMon Graphic v. OHMI-PepsiCo“ gibt erste Richtungsweisungen zur Bedeutung verschiedener Bezeichnungenwie „strittiges Produkt“, „Gestaltungsfreiheit des Entwerfers“, „informierter Verbraucher“und „Gesamteindruck“.Ein komplexes materielles Thema ist die Verfügbarkeit von Geschmacksmusterschutz in Zusammenhangmit alternativem oder kumulativem Schutz durch Marken-, Urheber- und gegebenenfalls Patentrecht.Das Problem wurde durch das TRIPS-Abkommen nicht gelöst. Dessen Artikel 25 verpflichtet dieWTO-Mitglieder zwar dazu, für einen Minimalschutz im Geschmacksmusterrecht zu sorgen, allerdingsohne jedoch die Art eines solchen Schutzes zu spezifizieren. Leider gibt es Tendenzen, eine strikteTrennlinie zwischen den jeweiligen IP-Rechten zu ziehen, was beispielsweise konträr zur EU-Gesetzgebungist, die ausdrücklich kumulativen Schutz für Geschmacksmuster in bestimmten Rechtssystemenvorsieht. Darüber hinaus ist es offensichtlich, dass das Geschmacksmuster eines Produkts dieErfordernis der Originalität erfüllen, einen unverwechselbaren Charakter haben und gleichzeitig alsQuellenhinweis dienen kann und dadurch die Voraussetzungen für den Schutz durch Geschmacksmusterrechte,Marken- und/oder Urheberrecht erfüllt. Das Prinzip des kumulativen Schutzes durchGeschmacksmuster- und Urheberrecht wurde kürzlich durch den EuGH im Urteil C-168/09 „Flos SpAv. Semeraro Casa & Famiglia SpA“ bestätigt. Der EuGH stellte fest, dass Mitgliedsstaaten keine Gesetzeerlassen können, die den kumulativen Urheberrechtsschutz laut Artikel 17 der Direktive 98/71zum Rechtsschutz von Geschmacksmustern seiner Wirksamkeit berauben.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft regt Diskussionen zu eineminternationalen Abkommen zumGeschmacksmusterrecht an. Sie ermutigtRegierungen, die Regelungen der Revisiondes Haager Abkommens 1999 bezüglichder Verfahren zur Registrierungvon Geschmacksmusterrechten zu ratifizierenund zu verabschieden; diese Regelungenermöglichen die internationaleHinterlegung von bis zu 100 Geschmacksmusternpro internationalerAnmeldung.Auf EU-Ebene begrüßt die Wirtschaft denRegierungsmaßnahmenTRIPS führte wenige konkrete internationale Regelnein (abgesehen von der minimalen Schutzdauer).Regierungen sollten mit der Diskussionen über dieinternationale Harmonisierung des Geschmacksmusterrechtsbeginnen; ein internationales Abkommenwürde den Harmonisierungsprozess fokussierenund beschleunigen.Ein leichterer Zugang zum Geschmacksmusterschutzkann auf nationaler Ebene dadurch gewährleistetwerden, dass von Amts wegen keine Überprüfungvor der Registrierung gefordert wird undMehrfachhinterlegungen sowie Aufschub der Veröffentlichungeines Geschmacksmusters für einen40 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL AMaßnahmen seitens der WirtschaftBeitritt der EU zur Genfer Akte des HaagerAbkommens, wodurch AntragstellerGeschmacksmusterschutz mittels einereinzigen internationalen Anmeldung innerhalbder EU unter dem Gemeinschaftsgeschmacksmusterschutzsystemund in anderen Ländern der Genfer Akteinner- und außerhalb der EU erhaltenkönnen.Regierungsmaßnahmenbeschränkten Zeitraum erlaubt sind.Auf internationaler Ebene ist die 1999er Revisiondes Haager Abkommens ein wichtiger Schritt zurVereinfachung der internationalen Registrierung underfüllt die Anforderungen der Anwender. Von den 59Mitgliedern des Abkommens sind (Stand 1. Oktober2011) 42 Länder der Genfer Akte beigetreten. Regierungensollten die Regelungen dieser neuenRevision ratifizieren und implementieren.2. Mangel an vollständigen Überprüfungsmöglichkeitenfür GeschmacksmusterDie Wirtschaft benötigt einen einfachen, benutzerfreundlichen Zugang zu einer zentralen, internationalenRegistrierung von Geschmacksmustern. Das Fehlen umfassender Recherchemöglichkeiten fürGeschmacksmuster bringt Unsicherheit für Unternehmen mit sich, die ein Geschmacksmuster anmeldenmöchten, da diese Unternehmen nicht überprüfen können, ob das Geschmacksmuster bereitsregistriert wurde. Manche Länder ermöglichen einen einfachen Zugang zum Geschmacksmusterschutz,andere jedoch gewähren dies immer noch nicht.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft unterstützt die Entwicklungeines standardisierten Online-Zugriffs und die einfache Durchsuchbarkeitvon Geschmacksmusterregistern.RegierungsmaßnahmenDie WIPO arbeitet an der Entwicklung eines elektronischenGeschmacksmusterregisters. Regierungen undinsbesondere die EU sollten aktiv an der Schaffungeines standardisierten Systems teilnehmen, das vonallen WIPO-Mitgliedern genutzt werden kann.Die WIPO arbeitet außerdem daran, das Locarno Klassifizierungssystemfür Geschmacksmuster durch einExpertenkomitee zu verbessern. Ziel ist es, die Geschmacksmusterrecherchezu vereinfachen. Eine derwesentlichen Einschränkungen der aktuellen Version istdie Klassifizierung nach Produkten und nicht nach demErscheinungsbild von Geschmacksmustern. Das machtes unmöglich, nach einem ähnlichen oder identischenGeschmacksmuster in einer anderen Produktkategoriezu suchen. Dies ist problematisch, da in den meistenLändern der Umfang des Geschmacksmusterschutzesalle Produkte mit ähnlichem Erscheinungsbild umfasstund nicht nur solche derselben Produktkategorie.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 41


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012IV.URHEBERRECHTDer Schutz von Urheber- und verwandten Schutzrechten erfolgt im Umfeld komplexer rechtlicher,wirtschaftlicher und sozialer Themenfelder. Neue Wege kostengünstiger und nahezu sofortiger Vervielfältigung,Verbreitung und Präsentation von Werken und anderer Inhalte bieten große Chancenund Herausforderungen für Rechteinhaber, Vertriebshändler und Verbraucher. Innovative Technologienbieten Chancen für eine zunehmende Anzahl neuer Akteure. Dazu zählen beispielsweise Anbieterund Verleger kommerzieller Inhalte urheberrechtlich geschützten Materials, Akteure in der IT-, Telekommunikations-und Unterhaltungselektronikbranche oder Privatpersonen, die urheberrechtlich geschütztesMaterial, das sie selbst geschaffen haben, im Internet zur Verfügung stellen. Da das Internetim Allgemeinen und der Internethandel im Besonderen viele weitere Wege bieten, wie Inhalte genutztund erfahren werden können, muss der Urheberrechtsschutz auf die neuen Herausforderungen undChancen digitaler Verbreitungsmöglichkeiten reagieren.Wichtige Beiträge zu den neuen Rahmenbedingungen auf internationaler Ebene sind die Verträge derWIPO wie der Urheberrechtsvertrag (WTC) von 1996 und der Vertrag über Darbietungen und Tonträger(WPPT), die häufig gemeinsam als „WIPO-Internetabkommen“ bezeichnet werden und 2002 inKraft getreten sind. Bislang haben 89 Länder den WCT- und den WPPT-Vertrag ratifiziert (Stand November2011). Darüber hinaus haben noch mehr Länder Vorschriften aus diesen Verträgen eingeführt,ohne sie jedoch zu ratifizieren. Gleichwohl gibt es auch viele Länder, die diese Verträge bis jetzt nochnicht implementiert haben. Abgesehen von den WIPO-Internetabkommen ist die WIPO sowohl dasForum für Diskussionen zur Aktualisierung des Schutzes für bestimmte Kategorien von verwandtenRechteinhabern als auch für Fragen hinsichtlich Ausnahmen und Beschränkungen zugunsten Sehgeschädigterzur Förderung eines breiteren Zugangs zu urheberrechtlichen Werken.Der Beitrag von Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf dem Urheberrecht basiert, ist ein wichtigerWirtschaftsfaktor, wird aber häufig zu wenig anerkannt. Daher ist es wichtig, dass Entscheider undMeinungsführer auf nationaler Ebene ein besseres Verständnis für die wirtschaftliche Bedeutung vonUrheberrechten und die große Bandbreite von Branchen entwickeln, deren Leistungsfähigkeit und teilsÜberleben vom Urheberrechtsschutz abhängt. Vor diesem Hintergrund arbeitet die WIPO mit einerGruppe von nationalen Regierungen aus verschiedenen Regionen der Welt an einer Analyse desEinflusses der urheberrechtsabhängigen Industrie auf die jeweilige nationale Volkswirtschaft (sieheWIPO-Studien für Kanada, USA, Lettland und Ungarn).Maßnahmen seitens der WirtschaftEs gilt, die Möglichkeiten der digitalen Revolutionunter Berücksichtigung der zugrundeliegendenRechte geistigen Eigentums zum Vorteil aller Beteiligtenumfassend auszuschöpfen. Daher wird dieWirtschaft ihre Arbeit für das gemeinsame Interesseam IP-Schutz im Internethandel intensivieren.Unternehmen sollten jede Gelegenheit nutzen, ihreBedenken Gesetzgebern nahezubringen, um fürrechtliche Rahmenbedingungen zu sorgen, dieKreativität in der Informationsgesellschaft fördern.Die Wirtschaft begrüßt die Implementierung desWIPO-Internetabkommens, das die berechtigtenInteressen aller beteiligten Gruppen berücksichtigtund Kreativität und Investitionen in den relevantenIndustriesektoren fördert. Die Wirtschaft sollte weiterhindie Implementierung dieser Verträge beobachten,um sicherzustellen, dass die genanntenRegierungsmaßnahmenRegierungen sollten den Urheberrechtsschutzden aktuellen Bedingungen sowohlmateriell (durch die Implementierungdes WIPO-Internetabkommens) alsauch hinsichtlich der Durchsetzungsmechanismen(mindestens durch die Implementierungdes TRIPS-Abkommens)anpassen. Ziel muss die Schaffung einesausgeglichenen und effektiven Rechtsrahmenssein. Dieser soll die internationalenVerpflichtungen respektieren, Anreizefür eine verstärkte branchenübergreifendeZusammenarbeit zur Vermeidungbzw. Verfolgung von Rechtsverletzungensetzen, verantwortliche Geschäftspraktikenfördern, ohne dabeiunangemessene Belastungen für Internet42 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL AMaßnahmen seitens der WirtschaftZiele erreicht werden.Unternehmen sollten auch zukünftig nach sachgerechterAnwendung bestehender Urheberrechtsgesetzezur Durchsetzung der den Rechteinhaberngewährten Rechte streben. Gleichzeitig solltenUnternehmen sich einigen, wie die Durchsetzungvon Urheberrechten angesichts neuer Formen vonVerstößen effizienter, effektiver und kostengünstigergestaltet werden kann; in Übereinstimmung mitdem WIPO-Internetabkommen, der nationalen Gesetzgebungwie beispielsweise dem Digital MillenniumCopyright Act (DMCA), der UrheberrechtsundE-Commerce-Richtlinie der EU oder unterneuen Abkommen wie zum Beispiel ACTA. DieWirtschaft begrüßt Aktivitäten auf nationaler Ebene,die den Beitrag von urheberrechtsbasierten Unternehmenzur Volkswirtschaft untersuchen.RegierungsmaßnahmenService Provider mit sich zu bringen, undeine angemessene Rolle der Gerichtesicherstellen.Jegliche Gesetzgebung, die die Anwendbarkeitvon Haftungsregeln bei Urheberrechtsverstößenbetrifft, sollte sorgfältigdaraufhin untersucht werden, wiediese Regeln für alle Interessengruppenin dem digitalen Umfeld angewendetwerden, um so zur Sicherung der Leistungsfähigkeitdes gesamten Urheberrechtsschutzrahmensbeizutragen.Jeglicher Rahmen, der Einschränkungenfür die Haftung von Internet Service Providernvorsieht, sollte auf Schadenersatzoder andere finanzielle Rechtsmittel begrenztwerden. Unterlassungsansprücheund andere Formen gleichwertigerRechtsmittel sollten verfügbar sein vorbehaltlichsich entwickelnder Gesetze zurRegelung solcher Rechtsmittel.1. Kollektive Rechteverwaltung und LizenzierungNeue Medien und Technologien schaffen weitere Wege für Rechteinhaber, ihre Werke zu verbreitenund auszuschöpfen, u.a. auch online, wodurch möglicherweise weitere Gelegenheiten für eine direkteLizenzierung entstehen. Gleichzeitig entstehen Systeme digitaler Rechteverwertung. Diese zielendarauf ab, die Investitionen von Rechteinhabern besser zu verteilen und zu schützen und dabeigleichzeitig eine größere Bandbreite an Nutzungsbedingungen für diese Werke zu erlauben. Weiterhingeht es darum, Lizenzierungsverfahren effizienter zu gestalten und an die Anforderungen der digitalenWelt anzupassen, um so die Entwicklung neuer rechtmäßiger Dienste voranzutreiben. Es wird erwartet,dass das zunehmende Angebot solcher Systeme den Verbrauchern mehr Auswahl und eine bessereVerfügbarkeit von urheberrechtlich geschützten Werken bietet. Dies kann zum Beispiel bei Softwareund Unterhaltungsprodukten in digitaler Form der Fall sein. Es erlaubt eine abgestufte Preisgestaltungmit verschiedenen Nutzungsoptionen für den Verbraucher.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft unterstützt neu entstehende Technologien, dieWerke zum Vorteil aller beteiligten Parteien kommerzialisieren,schützen und verbreiten. Die Wirtschaft unterstützt außerdemdie beständige Verfügbarkeit kollektiver Lizenzierung auf einerfreiwilligen Basis, vorausgesetzt die Grundsätze von Effizienz,Transparenz, Rechenschaft und Verantwortung werden respektiert.Wo immer dies möglich und angebracht ist, wird dieWirtschaft weiterhin die Möglichkeiten für die direkte Lizenzie-RegierungsmaßnahmenRegierungen sollten weiterhindie kollektive Lizenzierung undVerwaltung von Urheberrechtenin entsprechenden Fällenerlauben, jedoch nicht anordnen.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 43


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012Maßnahmen seitens der WirtschaftRegierungsmaßnahmenrung und nicht-exklusive Mandate sowie die sich aus neuenTechnologien ergebenden Möglichkeiten fördern.2. Rechtsschutz für technische Schutzmaßnahmenund Lizenzierung von WerkenDas WIPO-Internetabkommen verlangt von Unterzeichnern, für angemessenen Rechtsschutz vontechnischen Maßnahmen sowie wirksame Rechtsbehelfe gegen die Umgehung wirksamer technischerMaßnahmen zu sorgen. Solche Maßnahmen sind nicht nur zum Schutz vor digitaler Piraterie notwendig,sondern auch, um die Wahlmöglichkeiten der Verbraucher durch die Verbreitung von Inhalten aufverschiedenen digitalen Plattformen zu vergrößern, die verschiedene Zugangswege anbieten. Soerlauben es technologische Maßnahmen beispielsweise den Verbrauchern zu wählen, wie und wo sierechtmäßig urheberrechtlich geschützte Inhalte auf sichere Art und Weise zu verschiedenen Preisoptionennutzen möchten. Hierfür gibt es viele Beispiele, u.a. das kostenlose Herunterladen einer Software-Probeversion.Oder Verbraucher können mehrere Kopien herunter geladener audiovisueller odermusikalischer Inhalte auf verschiedenen Geräten nutzen oder online Video-on-Demand Dienste, welchefür einen begrenzten Zeitraum den Zugriff auf bestimmte Inhalte gewähren. Der Markt experimentiertweiterhin mit innovativen Geschäftsmodellen, die durch technische Maßnahmen möglich gemachtwerden. Die WIPO hat 102 Länder identifiziert (Stand 2008), in denen Rechtsvorschriften zur Nichtumgehungdes WIPO-Internetabkommens bestehen oder die sich dazu verpflichtet haben, diese umzusetzen.Eine Mehrheit dieser Länder verbietet auch den Handel mit Geräten zur Umgehung des Urheberrechtsschutzes.Vielfältige Mittel sind zur Kommerzialisierung und Verbreitung urheberrechtlich geschützter Werkenötig. Systeme sollten derart gestaltet sein, dass sie nicht illegal übernommen werden können. Effektiveund ausgewogene Maßnahmen sind notwendig, um die illegale Ausschöpfung urheberrechtlichgeschützter Werke international zu beenden.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft sollte ihre Bemühungen zurÜbernahme und praktischen Umsetzungtechnischer Schutzmaßnahmen sowie derenregelmäßigen Aktualisierung intensivieren,um neue Herausforderungen für dieberechtigten Interessen von Rechteinhabernzu bewältigen. (Siehe auch AbschnittB. I., Prioritäten bei der Rechtsdurchsetzung).RegierungsmaßnahmenRegierungen sollten das WIPO-Internetabkommenumgehend und entsprechend implementieren,einschließlich Artikel 11 des WCT und Artikel18 des WPPT bezüglich der technischen Schutzmaßnahmenund Anti-Umgehungmaßnahmen.Regierungen sollten Abstand davon nehmen, sichmit Nutzung und Anwendung technischerSchutzmaßnahmen außer in Fällen von Marktversagenoder zur Sicherung der Einhaltung vondurch die Industrie beschlossenen Standardseinzuschalten, und die Implementierung von Industrie-Abkommenerlauben.44 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL A3. UrheberpersönlichkeitsrechteSchaffende und darstellende Künstler benötigen die Zusicherung, dass ihre Urheberpersönlichkeitsrechterespektiert werden, insbesondere von Drittparteien, und dass ihre Arbeiten und Leistungen imdigitalen Netzwerkumfeld nicht unberechtigt manipuliert werden.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft arbeitet an praktischen Regeln,die eine effiziente und übliche Nutzungvon Werken, einschließlich der Schaffungvon aus ihnen abgeleiteten Werken erlauben,was letztlich sowohl Produzenten alsauch Darstellern und Autoren zugute kommt.RegierungsmaßnahmenRegierungen sollten einen sinnvollen Ansatzzum Thema Urheberpersönlichkeitsrechte finden.Dieser muss insbesondere die Verformungvon Werken und Darstellungen durch Drittparteienverhindern und dabei nicht die wirtschaftlichenGrundsätze und übliche Praxis der Industrieunterhöhlen, von deren Erfolg sowohl Darstellerals auch Autoren abhängen.4. Schutz von audiovisuellen DarstellernDarsteller in audiovisuellen Aufführungen forderten die Überarbeitung ihrer Rechte auf internationalerEbene seit Beginn der Verhandlungen zu den WIPO-Internetabkommen. Einer diplomatischen WIPO-Konferenz im Dezember 2000 gelang es nicht, ein solches Abkommen zu verabschieden. Die Diskussioneninnerhalb der WIPO hielten weiterhin an. Dabei wurden verschiedene Möglichkeiten der Weiterentwicklungauf Grundlage der 2000 erreichten Vereinbarungen diskutiert. Mitte 2011 konnte eineEinigung bei verschiedenen verbleibenden inhaltlichen Fragen erzielt werden. Im Juni 2012 habensich 156 WIPO-Mitglieder auf ein Abkommen zum Schutz von audiovisuellen Darstellungen geeinigt.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft hat aktiv an den Verhandlungenzu neuen Regeln teilgenommen, damitweiterhin eine ordnungsgemäße Nutzung vonaudiovisuellen Produktionen möglich seinwird, wovon alle beteiligten schaffenden undverbreitenden Parteien profitieren werden.RegierungsmaßnahmenRegierungen sollten die Anforderungen derFilmproduktion und Verbreitung sowie die damitverbundenen enormen Investitionen anerkennen.Fragen wie beispielsweise die Bedingungenfür die Übertragung von Rechten an Produzentenmüssen behandelt werden.5. Leistungsschutz für Rundfunkanbieter und KabelnetzbetreiberRundfunkanbieter und Kabelnetzbetreiber fordern eine Aktualisierung ihrer Rechte, die derzeit internationalim Rom-Abkommen verankert sind, als Antwort auf Marktveränderungen und technologischeEntwicklungen. Seit mehreren Jahren gibt es bei der WIPO Diskussionen und Vorschläge für einen„Broadcasting Rights Treaty“. Trotz einer vorbehaltlichen Resolution der WIPO-Generalversammlungin 2006 zur Anberaumung einer diplomatischen Konferenz für 2007 wurde keine Einigung bezüglichder Inhalte, der speziellen Reichweite und des Schutzobjektes erzielt, was dazu führte, dass keineKonferenz stattfand. Seitdem ist das Thema auf der Agenda der regelmäßigen Sitzungen des WIPO-Expertenkomitees geblieben mit der Aussicht auf eine diplomatische Konferenz erst nach EinigungIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 45


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012bezüglich der drei genannten Themen. 2011 forderte die WIPO-Expertenkommission die Länder auf,Vorschläge für die Vertragssprache einzureichen, basierend auf der bestehenden Einigkeit hinsichtlichder Notwendigkeit, die Rechte von Rundfunkanbietern zu aktualisieren. Der Urheberrechts-Ausschussder WIPO hat sich im Juli 2012 dafür ausgesprochen, 2014 ein eigenes Leistungsschutzrecht einzuführen.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft nimmt an den fortlaufendenDiskussionen über eine mögliche Aktualisierungder Rechte von Rundfunkanbietern undKabelnetzbetreibern teil.RegierungsmaßnahmenRegierungen sind durch ihre Vertreter in derWIPO an den fortlaufenden Diskussionen bezüglichder Anerkennung und des internationalenSchutzes aktualisierter Rechte von Rundfunkanbieternbei ihren Sendungen beteiligt.V. GEOGRAFISCHE HERKUNFTSANGABENDie Nachfrage nach qualitativ hochwertigen und typischen Produkten aus einer bestimmten Regionhat in den letzten zehn Jahren aufgrund der Globalisierung und gestiegenen Verbraucheranforderungendeutlich zugenommen. Die strategische Bedeutung von geografischen Angaben als wichtigesMarketinginstrument ist dadurch offenkundiger geworden.Verbesserter Schutz von Waren (und letztendlich auch Dienstleistungen) über den Bereich von Weinenund Spirituosen hinaus ist nicht nur für einige Schwellenländer, sondern auch für viele landwirtschaftlicheund industrielle Sektoren der Industriestaaten wichtig, die ihre lokalen Produkte, Verfahrensweisenund ihr Know-how schützen wollen.TRIPS sieht einen Schutz für geographische Herkunftsangaben von Weinen und Spirituosen vor. Internationalund innerhalb der WIPO wird die Ausweitung auf andere Produkte heftig diskutiert.Sowohl Markenrechte als auch geografische Herkunftsangaben können in einigen Fällen beide zumSchutz von Produkten aus einer Ursprungsregion genutzt werden. Im Allgemeinen sind sich die Erzeugerjedoch nicht der Vorteile und der sich gegenseitig unterstützenden Rolle dieser beiden Artenvon IP-Rechten bewusst; dies ist meist der fehlenden Klarheit und Information zum Verhältnis derbeiden Rechte zueinander geschuldet.Die Vorteile des Markenschutzes sind die generell einfacheren und kosteneffizienteren Anmeldeverfahrenund die Möglichkeit, die Wahrnehmung der Verbraucher zu prägen. Dies ist ein Unterschied zuden geografischen Angaben, die auf Erfahrungen der Verbraucher in der Vergangenheit basieren.Andererseits bietet das System geografischer Angaben den Herstellergruppen entscheidende Vorteile,insbesondere, was den Umfang des Schutzes angeht. Voraussetzung dafür ist die Verbindung zwischengeografischer Bezeichnung und einem Produkt sowie Verbraucherkenntnisse zu landwirtschaftlichenund kulinarischen Traditionen.Maßnahmen seitens der WirtschaftSowohl in Industrie- als auch Schwellenländernhaben einige Hersteller vonanderen Produkten als Weine und Spirituosen(zum Beispiel Agrar- und Konsumgüter)ihr Interesse an einemSchutzsystem für geografische Anga-RegierungsmaßnahmenIm Nachgang zur Doha-Erklärung diskutiert die WTOdie Einrichtung eines multilateralen Notifikations- undRegistrierungssystems von geografischen Angabenfür Weine und Spirituosen. WTO-Berichte zeigen,dass ihre Mitglieder hinsichtlich des Funktionierensdieses Systems weiterhin unterschiedlicher Meinung46 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL AMaßnahmen seitens der Wirtschaftben für ihre Produkte bekundet. DieEinrichtung eines multilateralen Verzeichnissesfür geografische Herkunftsangabenwird derzeit getrenntdiskutiert. Die Wirtschaft drängt Regierungen,die Folgen einer solchen Erweiterungsorgfältig zu durchdenken, insbesondereim Interesse von Markeninhabern.Diese Diskussionen findeninnerhalb des TRIPS Council statt, umjegliche Auswirkung auf andere IP-Rechte, insbesondere Markenrechte,abzuwägen. Die Einbindung in die Verhandlungenvon Agrarthemen würde zueiner isolierten Betrachtung führen unddie Gefahr übergebührlicher Behinderungbereits bestehender Rechte bergen.Aktivitäten der ICCDie ICC hat in ihrem Papier InitialViews on the post-Doha Agenda of theCouncil on TRIPS (24. Juni 2002), dasauch geografische Herkunftsangabenbehandelt, sowie Further Views onGeographical Indications (25. Juni2003) Stellung bezogen. Die ICC verfolgtauch weiterhin die WTO-Gespräche zu diesem Thema.Regierungsmaßnahmensind. Darüber hinaus wird intensiv diskutiert, ob dieAusweitung des Systems geografischer Angaben aufandere Produkte tatsächlich im Doha-Mandat eingeschlossenist. Regierungen sollten die Diskussionenüber diese Erweiterung von den Verhandlungen überein Notifikations- und Registrierungssystem für Weineund Spirituosen getrennt führen. Die Verhandlungenwerden in multilateralen Foren wie der WTO undWIPO fortgesetzt werden. Sollten sich die Verhandlungender Doha-Runde weiter hinauszögern, werdenbilaterale und andere Formen multilateraler Verträgegrößere Bedeutung erlangen.Das Abkommen von Lissabon, das auf die Vereinfachungdes Schutzes und der Registrierung von Herkunftsangabenabzielt, wurde lediglich von 27 Ländernratifiziert. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mitder Überarbeitung dieses Abkommens, um es attraktiverzu gestalten und mehr Länder zum Beitritt zubewegen.In der EU hat das Grünbuch der Europäischen Kommissionzur Qualität von Agrarerzeugnissen dieBandbreite an Produkten, die durch die aktuelle Verordnungzum Schutz von geografischen Angaben undUrsprungsbezeichnungen zu geografischen Angabenabgedeckt sind, als Problem identifiziert. Denn Agrarunternehmensowohl aus Europa und Drittländernkönnten möglicherweise davon abgehalten werden,eine Registrierung von geografischen Angaben alsGemeinschaftsmarken zu erhalten, da sie beschreibendsind.VI.SORTENSCHUTZRECHTEGemäß TRIPS-Artikel 27 (3) (b) sind alle WTO-Mitglieder verpflichtet, für den Schutz von Pflanzensortenentweder durch Patente oder durch ein wirksames, völlig eigenständiges System bzw. eine Kombinationvon beiden zu sorgen. Die UPOV-Übereinkommen (Internationale Übereinkommen zumSchutz von Pflanzenzüchtungen) von 1961 und 1978 sind wenig wirksame sui generis Systeme. Zuden wesentlichen Lücken gehört der Umstand, dass: sie Länder nicht verpflichten, alle Gattungen und Arten zu schützen, so dass Züchter einiger Artenkeinen Schutz genießen; der Schutz nur für Vermehrungsmaterial der Sorte gilt, so dass Erntegut und direkt aus dem Ernteguthervorgebrachte Erzeugnisse ohne jeglichen Schutz sind. Dies ist insbesondere für Züchtervon vegetativ vermehrten Zier- und Obstsorten schädigend, da der wesentliche Mehrwert dieserArten im Erntegut (wie Obst) und im verarbeiteten Material (wie Saft) liegt; undIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 47


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012 sie die uneingeschränkte Nutzung des Ernteguts für weitere Vermehrung (das sogenannte „Landwirteprivileg“)erlauben, so dass insbesondere Züchter landwirtschaftlicher Nutzpflanzen beträchtlicheVerkaufseinbußen erleiden können.Die gesetzlichen Regelungen zu Sortenschutzrechten mit geringeren Standards als das UPOV-Übereinkommen von 1991 bieten keinen wirksamen Schutz für Pflanzensorten und erfüllen dahernicht die Anforderungen des TRIPS-Artikels 27 (3) (b).Darüber hinaus gelten in vielen Ländern die Gesetze zur Durchsetzung von IP-Rechten nicht für denSortenschutz, so dass selbst wenn ein Sortenschutzrecht gewährt wurde, dessen Wert beschränkt ist,da das Recht nicht durchgesetzt werden kann.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft sollte weiterhin die Mängelin der Sortenschutzgesetzgebungdeutlich machen, sich um Veränderungenin diesen Abkommen bemühen, umdem UPOV-Übereinkommen von 1991zu entsprechen, und Länder ermutigen,dem Abkommen beizutreten.Die Wirtschaft sollte ihre Bemühungenverstärken, das Bewusstsein von Regierungenfür die besonderen Anforderungenund Merkmale von rechtlichemSchutz für Pflanzenneuheiten zu fördern.RegierungsmaßnahmenRegierungen der UPOV-Mitglieder sollten weiterhinLänder, die bisher noch nicht Mitglied sind, zum Beitrittermutigen. Auch ist es sinnvoll, entsprechendeRegelungen in bilaterale Abkommen zu integrieren.Zudem sollten diese Regierungen UPOV-Mitgliedsstaatendazu anregen, ihre eigenen Gesetze an dieUPOV-Standards von 1991 anzugleichen.Regierungen sollten die WTO-Streitbeilegungsverfahrenim Falle der Nichtbefolgung von Artikel 27 (3)(b) des TRIPS-Abkommens in Erwägung ziehen.Wenn nötig, sollten Regierungen ihre Gesetze soändern, dass eine korrekte Durchsetzung von Sortenschutzrechtenmöglich ist.VII.SCHUTZ NICHT VERÖFFENTLICHTER INFORMATIONEN(GESCHÄFTS- UND BETRIEBSGEHEIMNISSE)UND DATENEXKLUSIVITÄTIn vielen Ländern gibt es Vorschriften zum Schutz nicht veröffentlichter Informationen oder vertraulicherGeschäftsinformation bzw. Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse vor Veröffentlichung. Vertrauliche Geschäftsinformationen/Geschäfts-und Betriebsgeheimnisse werden definiert als Daten, (i) die geheimsind, d. h. sie sind nicht bekannt oder leicht zugänglich; (ii) einen Geschäftswert haben für Wettbewerber,die diese Daten nicht besitzen; und (iii) für die Anstrengungen zur Geheimhaltung unternommen werden.Darüber hinaus sehen einige Rechtsordnungen Datenexklusivität vor; dabei handelt es sich um ein IP-System für pharmazeutische und agrochemische Produkte, durch das Regulierungsbehörden Exklusivrechtefür einen Zeitraum von fünf oder mehr Jahren (der genaue Zeitraum hängt von der jeweiligenRechtsordnung ab) nach Zulassung für ein Originalprodukt gewähren. Während dieser Exklusivnutzungsperiodekann kein anderes Unternehmen behördliche Zulassung für ein äquivalentes Nachfolgeproduktbasierend auf vom Originalhersteller vorgelegten Daten und Studien ohne Zugangsbescheinigungvom Dateneigentümer erlangen. Im Wesentlichen können Regulierungsbehörden nicht auf dieAngaben des Originalherstellers bauen, um die Zulassung für ein äquivalentes generisches Produktwährend des Exklusivzeitraums zu erteilen; daher müssen Generikahersteller ihre eigenen Studien erstellen.Nach Ablauf des Exklusivzeitraums kann eine Drittpartei jedoch auf bei Regulierungsbehördenhinterlegte Daten verweisen, um die Gleichwertigkeit mit ihrem Produkt feststellen zu lassen. Allerdings48 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL Akann es sein, dass je nach Rechtsprechung das Generikum erst nach Ablauf eines zusätzlichen Zeitraumsauf den Markt gebracht werden darf. Die Drittpartei bekommt die Daten des Originalherstellerstatsächlich nie zu Gesicht, sondern die Regulierungsbehörden vergleichen den Antrag für das Generikumintern mit den vorliegenden Unterlagen des Originalherstellers.Exklusivzeiträume variieren je nach Land und Kategorie. In den USA wird eine fünfjährige Exklusivperiodefür neue pharmazeutische Wirkstoffe (jedoch 12 Jahre für Biologics) gewährt, wohingegen in derEuropäischen Union ein Zeitraum von zehn Jahren gilt, davon acht Jahre für reine Datenexklusivität. Inden USA, der EU, Peru, Mittelamerika oder Brasilien gilt für agrochemische Produkte eine Exklusivperiodevon zehn Jahren.Die Debatte bezüglich Datenexklusivität wird seitens der innovativen Unternehmen und derjenigen, dieNachfolgeprodukte oder Generika herstellen, ganz unterschiedlich gesehen. Sowohl in der pharmazeutischenals auch agrochemischen Branche konzentriert sich die Debatte auf die nötige Ausgewogenheitvon zwei Zielen: (1) Anreize für Innovation angesichts der enormen Kosten für Produktentwicklung undMarkteinführung zu bieten und (2) die umfangreiche Verbreitung von pharmazeutischen und agrochemischenProdukten sicherzustellen.Exklusive Datenrechte sind im Pharmasektor besonders wichtig vor dem Hintergrund verschiedenerwirtschaftlicher Faktoren, u. a. langwierige und kostspielige klinische Versuche und Patentstreitigkeitenzwischen Innovatoren und Generikaherstellern. Sowohl in der pharmazeutischen als auch agrochemischenIndustrie hat Datenexklusivität an wirtschaftlicher Bedeutung gewonnen aufgrund (1) des langwierigenund kostenintensiven Verfahrens zur Prüfung von Sicherheit und Wirksamkeit; (2) der anhaltendenHerausforderungen für die Industrie hinsichtlich Innovationsproduktivität und (3) der laufenden Erneuerungvon Genehmigungen, was die Generierung zusätzlicher Daten erfordert.Angesichts der Kosten zur Generierung von Daten zur Wirksamkeit und Unbedenklichkeit ebenso wieder Verzögerung, die für die Marktzulassung durch Regulierungsverfahren entsteht, argumentieren dieinnovativen Unternehmen, dass es abgesehen von den Regulierungsbehörden keiner Drittpartei möglichsein sollte, diese zur Zulassung notwendigen Daten zur Evaluierung ihrer eigenen Produkte zunutzen. Die Durchsetzung von Datenexklusivität ist unkompliziert, wenn die Regulierungsbehördenkeiner Drittpartei erlauben, Registrierungen auf Basis der Daten des ersten Anmelders während derExklusivzeit vorzunehmen.Grundsätzlich sollte klar sein, dass diese Daten aufgrund ihrer Natur eigentumsgeschützt sind. Wennsich ein Generikum nach Ablauf eines bestimmten Zeitraums auf diese Daten stützt, kann dies lediglicheine Ausnahme unter ethischen Gründen sein, bei denen es ungerechtfertigt wäre, dieselben klinischenVersuche noch einmal durchzuführen. Wenn sich Drittparteien bei der Zulassung eines Generikumsoder Nachfolgeproduktes einfach auf solche Daten verlassen könnten, hätten innovative Unternehmenwenig oder keine Anreize, die umfangreichen Kosten für die Entwicklung eines neuen Produktes auf sichzu nehmen. Vor diesem Hintergrund sind innovative Unternehmen starke Verfechter dieser Rechte.Gleichwohl sehen Gegner die Datenexklusivität als Ausweitung des Monopols eines innovativen Herstellerseines Produkts an, indem Behörden die Erlaubnis vorenthalten wird, einen Antrag auf Zulassungeines Generikums zu bearbeiten. Sie argumentieren, dass dies den Wettbewerb bei Generika behindere,Preise künstlich in die Höhe treibe und so den öffentlichen Zugang zu Arzneimitteln und Agrarprodukteneinschränke. Kritiker bemängeln auch, dass Hersteller von Generika gehalten sind, eigene Testreihendurchzuführen und unnötige und doppelte Experimente an Personen oder Tieren vorzunehmen, beidenen bereits die Ergebnisse aus früheren Versuchen vorliegen. Allerdings sind unter der neuen Verordnung1107/2009 in Europa bestimmte Tierversuche verboten und Anträge mit wiederholten Wirbeltierstudienwerden von den Regulierungsbehörden abgelehnt.Herauszuheben ist auch, dass Artikel 39 des TRIPS-Abkommens der WTO einen „Schutz nicht veröffentlichterInformationen“ vorsieht, was sich allgemein auf das bezieht, was man üblicherweise alsGeschäfts- und Betriebsgeheimnisse versteht. Artikel 39 (2) ist eine allgemeine Klausel zu den Pflich-IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 49


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012ten der WTO-Mitglieder in Bezug auf Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse. Artikel 39 (3) regelt dieVerpflichtungen in dem besonderen Fall, wo nicht veröffentlichte Informationen Regierungen oderstaatlichen Stellen unterbreitet werden als Vorbedingung zur Erlangung einer Marktzulassung fürpharmazeutische oder agrochemische Produkte, die neue Wirkstoffe nutzen. Artikel 39 (3) legt Regierungenim Wesentlichen zwei eindeutige Verpflichtungen auf: (i) solche Daten vor unfairer kommerziellerNutzung zu schützen, deren Erhebung mit beträchtlichem Aufwand verbunden ist und (ii) solcheDaten vor Veröffentlichung zu schützen, es sei denn, diese wäre zum Schutz der Öffentlichkeit nötig.Mit Ausnahme der am wenigsten entwickelten Länder sind alle WTO-Mitglieder seit Januar 2000 verpflichtet,diese Regelungen zu implementieren. Viele WTO-Mitglieder, einschließlich einiger Entwicklungsländer,haben dies bereits getan. Etliche andere WTO-Mitglieder sind dem noch nicht nachgekommenund diskutieren das Thema weiterhin.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft mahnt alle WTO-Mitgliedsstaaten, ihre Verpflichtungengemäß Artikel 39 des TRIPS-Abkommens umzusetzen.Insbesondere drängt die Wirtschaft alle WTO-Mitglieder,pharmazeutische und agrochemische Versuchsdaten durchein wirksames System für Datenexklusivität vor „unfairerkommerzieller Nutzung“ gemäß TRIPS-Artikel 39.3 zuschützen.RegierungsmaßnahmenWTO-Mitgliedsstaaten solltenihre Verpflichtungen aus Artikel39 und Freihandelsabkommendes TRIPS-Abkommensumsetzen, wenn sie diesnoch nicht getan haben.VIII. ANDERE FORMEN GEISTIGEN EIGENTUMSUND TECHNOLOGIEN1. Informationsprodukte, z.B. DatenbankenEine Datenbank kann als eine Sammlung von Material angesehen werden, das in systematischer undmethodischer Weise gespeichert wird, und über die Nutzer leichten Zugang zu dem Material haben.Urheberrechtsschutz für die Zusammenstellung von Daten ist seit langem in vielen Ländern anerkanntund wird beispielsweise durch das Berner Übereinkommen und Artikel 10 des TRIPS-Abkommensbekräftigt. Doch die Prüfung zur Erfordernis der Originalität einer Datenbank variiert noch von Land zuLand, obwohl Konsens zu bestehen scheint hinsichtlich der Tatsache, dass eine Original-Auswahloder Zusammenstellung von Inhalten Urheberrechtsschutz auslösen sollte.In unserer digitalen Zeit haben der Bedarf an und die Bereitstellung von Datenbanken stark zugenommen,um eine große Reihe von Produkten abzudecken, wie beispielsweise Telefonverzeichnisseund Online-Informationsdienste. Die stetige Zunahme gesammelter, verarbeiteter und verbreiteterInformationen durch Unternehmen ist ein wertvolles Gut zur Schaffung neuer Produkte und Dienstleistungen.Für einen verbesserten Schutz von Datenbanken vor Trittbrettfahrern und zur Harmonisierung desRechtssystems innerhalb der Gemeinschaft wurde 1996 die EU-Richtlinie zum Rechtsschutz von Datenbankenerlassen. Die Richtlinie (i) bestätigt die Verfügbarkeit von Urheberrechtsschutz für den Urhebereiner Datenbank und (ii) schafft ein sui generis Datenbank-Recht für den Hersteller der Datenbank.Gemäß der Richtlinie verbleibt das Urheberrecht eines jeden in der Datenbank enthaltenen Elementesbeim jeweiligen Urheber, während der Urheber der Datenbank selbst Urheberrechtsschutz genießt,50 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL Avorausgesetzt, dass sie aufgrund der Auswahl oder Zusammenstellungen ausreichend Originalitätaufweist, um als „eigene geistige Schöpfung ihres Urhebers“ angesehen werden zu können.Das sui generis Recht wird zugestanden, wenn der Hersteller der Datenbank zeigen kann, dass ereine qualitativ und/oder quantitativ erhebliche Investition entweder in die Erlangung, Verifizierung oderPräsentation der Inhalte getätigt hat, und erlaubt es dem Hersteller, bestimmte Handlungen zur Nutzungder Datenbankinhalte zu unterbinden.Das Konzept dieser „erheblichen Investition“ ist durch den Europäischen Gerichtshof (EuGH) auf denPrüfstand gelangt. Die EuGH-Entscheidungen in vier berühmten Fällen (an denen British HorsesBoard und Fixtures Marketing beteiligt waren) zeigen eine begrenzte Auslegung und schmälerten sodie Verfügbarkeit und den Anwendungsbereich des sui generis Rechts. Tatsächlich unterschied derEuGH zwischen „Erzeugung“ (creating) und „Zusammenstellung“ (obtaining) der Daten. Seiner Ansichtnach ist die Erzeugung der in einer Datenbank zusammenzuführenden Daten keine relevanteInvestition, die unter das sui generis Datenbank-Recht fällt. Umgekehrt kann die Zusammenstellung(obtaining/collecting) von bestehenden Daten als Investition unter der Datenbank-Direktive angesehenwerden; allerdings ist die Investition möglicherweise nicht erheblich genug, insbesondere, wenn dieZusammenstellung (collection) automatisch mit Standard-Hard- oder Software oder Internet-Werkzeugen erfolgt.Die Unterscheidung zwischen „Erstellung/creating“ und „Zusammenstellung/obtaining“ von Daten hateinige Verwirrung gestiftet. So ist beispielsweise bei wissenschaftlichen Daten nicht klar, wie diesegewertet werden. Andere wichtige Konzepte in der Direktive wie z. B. die Extraktion und Wiederverwendungvon Daten sowie qualitative und quantitative Teile der Datenbankinhalte haben die Eingabeweiterer Auslegungsanfragen an den EuGH angestoßen.Bis heute ist das EU-Datenbank sui generis Recht einzigartig. Andere Rechtsordnungen untersuchenunterschiedliche Ansätze für den Schutz von Datenbanken, vor allem auf der Grundlage desunfairen Wettbewerbs und Zweckentfremdung von Investitionen des Herstellers. Beispielsweisebasiert in den USA der Schutz von Datenbanken eher auf einer Form der Zweckentfremdung als aufdem Urheberrecht.2005 veröffentlichte die Europäische Kommission einen Bericht zu den wirtschaftlichen Folgen derDatenbank-Richtlinie, in dem sie feststellte, dass die Richtlinie ihr Ziel, die Herstellung von Datenbankenanzuregen, nicht erreicht hätte. Der Bericht verwies auf die Tatsache, dass in den USA, wo keinsui generis System für solche IP-Rechte besteht, die Datenbankbranche schneller gewachsen ist. DerBericht sieht drei Optionen vor: Aufhebung der Richtlinie, Verbesserung oder Beibehaltung des StatusQuo. An der dritten Option wurde bislang festgehalten.Heute sind viele Datenbanken sehr wertvolle Güter, deren Inhalte lizenziert, übertragen, für die Durchführungvon Studien und zur Erarbeitung neuer Produkte und Dienste genutzt werden können. Auchträgt ein erweiterter Zugriff auf öffentliche Datenbanken zur Verbreitung von Wissen bei, was kreativeProjekte befördern könnte. Der Geltungsbereich des Rechtsschutzes für Datenbanken bleibt jedochweiter ein Diskussionspunkt.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft sollte den Fortgang derDiskussionen zum Schutz von Datenbankenauf internationaler und nationalerEbene genau verfolgen, umangemessenen Rechtsschutz vonDatenbanken sicherzustellen, dergleichzeitig die berechtigten Interes-RegierungsmaßnahmenAls 1996 das WIPO-Internetabkommen (WIPO-Urheberrechtsvertrag sowie WIPO-Vertrag über Darbietungenund Tonträger) verabschiedet wurde,schlug man ein internationales Instrument zum Schutzvon nicht-originalen Datenbanken als eine der Säuleneines zukünftigen internationalen Rahmenwerks zumSchutz von Inhalten in der InformationsgesellschaftIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 51


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012Maßnahmen seitens der Wirtschaftsen von Datennutzern, Datenproduzentenund Datenmultiplikatorenwahrt.Regierungsmaßnahmenvor. Allerdings wurden trotz anfänglicher Diskussioneninnerhalb des ständigen WIPO-Komitees keine weiterenFortschritte zu einer möglichen internationalenVereinbarung zum Schutz von Datenbanken erreicht.Die Europäische Kommission sollte Maßnahmen hinsichtlichdes sui generis Datenbank-Rechts fördern,um einige Implementierungsaspekte (z. B. die Unterscheidungzwischen „Erstellung/creating“ und „Zusammenstellung/obtaining“von Daten) zu klären unddie Vorteile und Hindernisse für Hersteller und Nutzervon Datenbanken zu evaluieren.2. Indigene / gemeinschaftliche / traditionelle RechteKommerzielles Interesse an genetischen Ressourcen pflanzlichen, tierischen oder mikrobiellen Ursprungsin Schwellenländern sowie an traditionellem Wissen, z. B. in Zusammenhang mit Heilmitteln,hat Fragen zum Eigentumsrecht an den Ressourcen aufgeworfen, die vorher als Gemeingut betrachtetwurden. Dem bestehenden System der Rechte geistigen Eigentums hat man vorgeworfen, natürlichenoder juristischen Personen zu erlauben, sich kommerziell wertvolle Ressourcen (beispielsweisePflanzensorten) anzueignen. Gleichzeitig haben die Inhaber dieser Ressourcen selbst damit begonnen,das Konzept dieser gemeinschaftlichen IP-Rechte genauer zu untersuchen. In welchem Maßkönnen bestehende Rechte geistigen Eigentums ein geeignetes Rahmenwerk für die Ausschöpfungtraditionellen Wissens und genetischer Ressourcen sein? Ist ein neuer (sui generis) Typ von IP-Rechtnotwendig? Oder ist die beste Lösung für diese Probleme außerhalb des IP-Systems zu finden?Access and Benefit Sharing (Zugang zu genetischen Ressourcen und Vorteilsausgleich, ABS) sindzwei Prinzipien des UN-Übereinkommens über Biologische Vielfalt (CBD), welche das Hoheitsrechtvon Staaten über genetische Ressourcen in ihren Territorien anerkennt. Die CBD unterstützt Forscherdarin, bei allen Aktivitäten zur wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzbarmachung genetischerRessourcen die jeweiligen indigenen oder lokalen Gemeinschaften zu Rate zu ziehen und mit ihnenBedingungen für den Zugriff auf genetische Ressourcen zu vereinbaren. Auch wenn diese Unterredungenin gutem Glauben geführt werden, können sich nach und nach jedoch neue Gruppierungenbilden, die die Autorität der ursprünglich konsultierten Gemeinschaften in Frage stellen. Daher istmehr Rechtssicherheit vonnöten. Ansonsten wird das erhöhte Risiko zu einer Ertragsminderung führenund die Nutzung von Ressourcen verhindern, welche die CBD eigentlich fördern will.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft nimmt gerne an geeignetenProzessen zur besseren Definition des Zusammenhangsvon traditionellem Wissenund IP-Rechten teil. Die Wirtschaft ist offenfür praktische Vorschläge zum Schutz genetischerRessourcen und traditionellen Wissensund beteiligt sich an konstruktiven Diskussionen.Jedwedes Schutzsystem für traditionellesWissen muss so gestaltet sein, dassRegierungsmaßnahmenGemäß UN-Übereinkommen über BiologischeVielfalt (CBD) haben einige nationale RegierungenGesetze erlassen oder sind im Begriffdies zu tun, die den Zugriff auf genetische Ressourcenregeln. Es besteht dringender Bedarfan mehr Klarheit und Rechtssicherheit bei nationalenABS-Systemen. Bis es diese Klarheitund Rechtssicherheit gibt, ist der Zugang zunationalen genetischen Ressourcen erschwert52 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL AMaßnahmen seitens der Wirtschaftes mit den herkömmlichen IP-Rechten entsprechendin Einklang stehen kann, auf einerklaren Definition von traditionellem Wissenund Auswahlkriterien für deren Schutz beruht,Informationen ausschließt, die öffentlichzugänglich sind, sowie für Rechtsklarheit und-sicherheit sorgt.Aktivitäten der ICCDie ICC nimmt am Dialog mit anderen Interessengruppenteil, insbesondere beim zwischenstaatlichenAusschuss der WIPO undder CBD. Die ICC veröffentlichte das Papier„Protecting Traditional Knowledge“ (12. Januar2006), welches die Vorteile und Schwierigkeiteneines sui generis Systems zumSchutz von einheimischem Wissen beschreibt.Die ICC hat an wichtigen Zusammenkünftender WIPO und CBD zum Thematraditionelles Wissen teilgenommen undagiert als zentrale Anlaufstelle für die Wirtschaftbei den Verhandlungen zu Access andBenefit Sharing (ABS) der CBD. Die ICC hatverschiedene Papiere zu traditionellem Wissensowohl für die CBD- als auch WIPO-Verhandlungen veröffentlicht: „The Protectionof Traditional Knowledge: Objectives andPrinciples“ (2. März 2010), „Nature, TraditionalKnowledge and Capacity Building“(18. September 2009), „Traditional KnowledgeAssociated with Genetic Resources”(30. April 2009), „Objective, Scope, Fair andEquitable Benefit Sharing, Access and Compliance”(15. December 2008) und „Accessand Benefit-Sharing: Priority Issues for theCompliance TEG” (28. November 2008).Regierungsmaßnahmen– eine unbeabsichtigte und sehr bedauerlicheFolge der CBD. Nationale Regimes müssennicht nur nationale Standards für ABS festlegen,sondern auch Orientierungshilfe und mehrRechtssicherheit hinsichtlich angemessenerAbstimmung mit indigenen und lokalen Gemeinschaftenbereitstellen.Das Nagoya-Protokoll zur Regelung des Zugangszu genetischen Ressourcen und für einenfairen Ausgleich von Vorteilen aus derenNutzung wurde im Oktober 2010 angenommenund soll in innovationsfreundlicher, praktischerund ausgewogener Weise unter Beachtung derProtokollregelungen zu „Rechtssicherheit, Klarheitund Transparenz“ in nationale ABS-Systeme implementiert werden.Die WIPO hat die Identifikation der Problemeund Beurteilung der Anforderungen der verschiedenenInteressengruppen im Bereich destraditionellen Wissens beendet. Sie untersuchtnun aktiv, wie den Erfordernissen in diesemBereich am besten nachgekommen werdensollte – insbesondere durch Sitzungen deszwischenstaatlichen Ausschusses (IGC) fürgeistiges Eigentum, genetische Ressourcen,traditionelles Wissen und Folklore. Das bis2013 verlängerte IGC-Mandat befasst sich mittextbasierten Verhandlungen zur Erreichungeiner Vereinbarung über einen Text als internationalesRechtsinstrument, welches den wirksamenSchutz von genetischen Ressourcen,traditionellem Wissen und traditionellen kulturellenAusdrucksformen sicherstellt.Einige Länder waren verständlicherweise überden langsamen Fortschritt verärgert. Aber umzu einer Einigung zu kommen, gilt es, Ziele zuvereinbaren und Schwierigkeiten zu berücksichtigen.3. Biotechnologie und neue genetische FortschritteBiotechnologie ist eine komplexe Ansammlung kumulativer Technologien. Dabei kommen zellulareund biomolekulare Prozesse zum Einsatz, die in den Bereichen Medizin, Landwirtschaft, Ernährung,industrielle Prozesse und Umweltschutz Anwendung finden. Dadurch entstehen neue Produkte,Dienstleistungen und Informationen von wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Wert. Durch eineReihe von Plattformtechnologien, deren Dynamik und anhaltendes Wachstum stark vom Schutz gei-IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 53


TEIL A Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten 2012stigen Eigentums abhängig sind, wird die Biotechnologie zu einem zunehmend wichtigen Faktor fürdie wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Ihre Komplexität stellt aber auch neue Herausforderungenan geistiges Eigentum. Zum Beispiel muss der Zugang zu genetischen Daten sowie aufeinanderaufbauenden Forschungstechnologien (um die Verbreitung von Forschungsergebnissen unddie Entwicklung neuer Technologien zu unterstützen) gefördert werden. Gleiches gilt für die kommerzielleNotwendigkeit, genetische Erfindungen und Techniken zu schützen (zur Förderung von Innovationund Kapitalbildung, Erwirtschaftung von Erträgen aus risikoreichen Forschungs- & Entwicklungsinvestitionenund marktorientiertem Austausch von Rechten).Da sich neue gewerbliche und klinische Anwendungen schnell in vielerlei Richtungen entwickeln, umfasseneinige der aktuellen Schlüsselthemen geistigen Eigentums der Biotechnologie folgende Punkte:i) adäquate und wirksame internationale Normen und Verfahren für die Entscheidung über patentierbareInhalte; ii) angemessene Schutzstandards, einschließlich ausreichender Offenlegung sowohlzur Umsetzbarkeit als auch schriftliche Beschreibungen; iii) Zugangsbedingungen, insbesondere zueingelagerten Mikroorganismen und genetischem Material; iv) neue Techniken zur Verbreitung vonTechnologien; v) Forschungsprivilegien und Handlungsfreiräume; vi) Lizenzierungspraktiken, einschließlichZwangslizenzen und nationale Auflagen; vii) Normen und Verfahren für Biosimilare undFollow-on-Biologicals, einschließlich der Rolle von Datenexklusivität; und viii) Themen öffentlichprivaterPartnerschaften, einschließlich geeigneter Innovationsanreize für neue Forschungskooperationenzwischen Grundlagenforschung und klinischer bzw. Entwicklungsanwendung.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft wird weiterhin den breitengesellschaftlichen Bewusstseinsbildungsprozessin diesem Bereich unterstützen.Dabei muss deutlich werden,dass wirtschaftliches Wachstum unddie Möglichkeiten, durch Biotechnologiebedeutende Verbesserungen für Umweltund Lebensqualität zu erzielen,entscheidend von einem transparenten,ausgewogenen und wirksam durchgesetztenRechtsrahmen für geistigesEigentum abhängt. Dies umfasst sowohlIP-Rechte als auch wirksame Mechanismenfür Zugang und Verbreitung.Ein derartiges Rahmenwerk wird gebraucht,um:(i) Anreize für die sehr kostspieligenund risikoreichen Investitionen fürdie Forschung zu setzen, die nötigsind, um wichtige Innovationen vomLabor über klinische oder Feldversuchezur Marktreife zu führen;(ii) die neuen Technologien sowie verwandteProdukte, Dienstleistungenund Informationen zu verbreiten,um weitere Verbesserungen undneue bahnbrechende ErkenntnisseRegierungsmaßnahmenRegierungen müssen sich bewusst sein, dass einumfassender, verlässlicher und rechtzeitiger Schutzgeistigen Eigentums ein Schlüsselfaktor für wirtschaftlichesWachstum sowie Forschung & Entwicklunginnerhalb des Biotechnologiesektors ist. Nur so könnenForschung, Wissensfluss bis hin zum Markteintrittneuer Technologien stimuliert werden.Starker Schutz geistigen Eigentums ist wesentlich fürden Erfolg und in vielen Fällen für das Überlebeneiner wachsenden Anzahl von Biotechnologiefirmen.Häufig handelt es sich dabei um kleine und mittelständischeStart-up Unternehmen oder Ausgründungen(Spin-offs) von Universitäten sowie gemeinnützigeLaboratorien.Regierungen sollten einen rechtlichen und politischenRahmen für geistiges Eigentum in der Biotechnologieschaffen, der:(i) Innovation und wirtschaftliches Wachstum stimuliert;und(ii) verstärkte Aufmerksamkeit auf spezifische Regelungenfür Umfang, Qualität, Verbreitung, Zugangund Wirksamkeit legt;(iii) das Schnittfeld und Zusammenwirken von geistigemEigentum mit anderen Politikfeldern berücksichtigt.Dazu gehören beispielsweise dieWettbewerbspolitik, Forschungs- und Entwick-54 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Fragestellungen zu spezifischen Schutzrechten TEIL AMaßnahmen seitens der Wirtschaftanzuregen;(iii) marktorientierte Rahmenbedingungenfür den Austausch von Rechtenund Kapitalbildung zu schaffen; und(iv) aus geistigem Eigentum sozialeund wirtschaftliche Werte zu schaffen,die über die Rechte geistigenEigentums selbst hinausgehen.Regierungsmaßnahmenlungsinfrastruktur, Steuer- und Kapitalbildungsowie ein Regulierungsrahmen für Biotechnologie.Regierungen müssen daher die angemesseneBalance zwischen politischen Überlegungenund dem Schutz geistigen Eigentums finden.Dies ist die Voraussetzung zur Förderung biotechnologischerInnovation und der Realisierungihrer großen Möglichkeiten für die Gesellschaft.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 55


TEIL B Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte 2012B. Gemeinsame Herausforderungenfür alle IP-RechteI. PRIORITÄTEN BEI DER RECHTSDURCHSETZUNG1. Gerichtliche Geltendmachung von IP-RechtenDie meisten registrierten Rechte geistigen Eigentums sind länderbasierte Rechte: Nationale Behördenund Gesetze regeln deren Gewährung, Umfang, rechtliche Durchsetzung und Gültigkeit innerhalb desnationalen Territoriums. Regionale Regimes für IP-Rechte, wie in der EU, sind oft bestehenden nationalenRechten übergeordnet. Darüber hinaus kann es sein, dass IP-Rechte und deren Durchsetzungin Rechtsstreitigkeiten selbst innerhalb eines einzigen Nationalstaates nicht einheitlich und möglicherweiseunter lokalen Rechtsprechungen unterschiedlich sind.Verstöße gegen IP-Rechte durch Drittparteien werden im Allgemeinen als zivilrechtliches Delikt angesehen,auch wenn viele Rechtsprechungen für die jeweilige Art von IP-Rechten über spezifische Gesetzeverfügen, welche in einigen Fällen strafrechtliche Konsequenzen vorsehen können. Das Grundprinzipdes internationalen Zivilrechts und von IP-Verstößen im Allgemeinen besteht darin, dass überGerichtsbarkeit und anzuwendendes Recht unter Bezugnahme auf den Verletzungsort und/oder desSchadens entschieden werden sollte. Dies wirft komplexe Fragen im Verletzungsfall auf. Internationalarbeitet man gemeinschaftlich daran, diese Regeln durch Verträge und andere institutionelle Strukturenklarzustellen sowie sowohl maximale Rechtssicherheit zu schaffen, als auch die Koordinierungnationaler Behörden zu verbessern, insbesondere in Verbindung mit IP-Schutz. (Siehe insbesondereAbschnitt B. III unten, Produkt- und Markenpiraterie)Das TRIPS-Übereinkommen spielt eine wichtige Rolle bei der Harmonisierung nationaler Gesetzgebungin Bezug auf die Durchsetzung geistigen Eigentums. Es bietet den Mitgliedern einen Mindeststandardvon Durchsetzungsverfahren für Rechte geistigen Eigentums. Es legt die Grundprinzipienvon zivil- und verwaltungsrechtlichen Verfahren und Rechtsbehelfen sowie vorläufige Maßnahmen,Erfordernisse bei grenzüberschreitenden Maßnahmen und strafrechtliche Vorschriften fest, damitRechteinhaber ihre Rechte wirksam durchsetzen können. Den Mitgliedern steht es frei, diese Mindesterfordernisseinnerhalb ihres eigenen Rechtssystems und dessen Anwendung auszuweiten.Inkonsistenz in nationalen Ansätzen zum IP-Schutz, bei der Durchsetzung und in Rechtsstreitigkeitensowie mangelnde Anerkennung internationaler Rechte und Systeme haben zu so genanntem „ForumShopping“ sowie Unsicherheit geführt. Diese Inkonsistenz wird u.a. deutlich durch: Unterschiede hinsichtlich Präsentation, Zulässigkeit und Formalitäten von Beweisen (beispielsweisemit oder ohne Kreuzverhör, die in manchen Länder vorgesehene Beweissammlung von elektronischgespeicherten Informationen (electronic discovery), Gerichtsbefugnis zur Anforderung von Information,Nachweis der Klageberechtigung, Rolle von Experten, Authentifizierung von Dokumentenund Belegen); Unantastbarkeit oder Offenlegungspflicht von Kommunikationen zwischen Mandanten und ihrenRechtsberatern sowohl national als auch international; Unterschiede in der Wechselbeziehung zwischen dem Schutz von exklusiven IP- Rechten undWettbewerbsrecht; Verfügbarkeit von Rechtsmitteln wie vorläufigem Rechtsschutz, einstweiligen Verfügungen, Beschlagnahmemöglichkeiten; Unterschiede in verfügbaren Verfahren (zivil-, straf-, zollrechtlich), deren Kosten, Einklagbarkeit,voraussagbare Dauer und Ausgang;56 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte TEIL B Unterschiede bei der Geltendmachung und Erlangung von Schadenersatz für IP-Verstöße, einschließlichder Unterschiede bei Zeitplanung und für die Verfolgung solcher Ansprüche nötiger Verfahren(ob zum Zeitpunkt der Geltendmachung eines Anspruchs für eine Verletzung oder in einemseparaten Rechtsstreit nach Feststellung des Verstoßes); Unterschiede in der Anspruchsformulierung.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft unterstützt internationale Aktivitätenzur Entwicklung eines Modellsystems.Insbesondere unterstützte die Wirtschaft dieAnnahme des Übereinkommens über Gerichtstandsvereinbarungenbei der HaagerKonferenz für Internationales Privatrecht am30. Juni 2005 und die darin enthaltenen dreiwichtigsten Bestimmungen:(i) Das in einer exklusiven Gerichtsstandsvereinbarungbenannte Gericht hat dieZuständigkeit und muss diese ausüben;(ii) Alle anderen Gerichte müssen die Zuständigkeitablehnen; und(iii) Gerichte der Vertragsstaaten müssen dieUrteile des benannten Gerichts anerkennenund vollstrecken.Das Übereinkommen findet keine Anwendunghinsichtlich Gültigkeit und Verletzung von IP-Rechten über Urheberrecht und verwandteRechte hinaus, außer im Falle von Verletzungen,bei denen sich Verfahren mit Vertragsbruchim Zusammenhang mit diesen IP-Rechten befassen oder befasst haben könnten.Das Ständige Büro der Haager Konferenzbefasst sich mit den tatsächlichen Anforderungeninternationaler Unternehmen. Vordiesem Hintergrund wurde im März 2009 eineMachbarkeitsstudie zur Rechtswahl in internationalenVerträgen für ein mögliches Arbeitsprogrammim Hinblick auf ein zukünftigesnicht bindendes Rahmenwerk veröffentlicht.Die Arbeit an diesem Thema dauert noch an.Aktivitäten der ICCDie ICC arbeitet weiterhin eng mit der HaagerKonferenz zusammen und stellt Wirtschaftsexpertisebereit zu den genannten Themendes Übereinkommens durch die koordiniertenBemühungen der ICC-Kommissionen fürRegierungsmaßnahmenRegierungen sollten das Übereinkommen überGerichtstandsvereinbarungen ratifizieren undumsetzen.Die am 11. Juli 2007 angenommene EuropäischeVerordnung über das auf außervertraglicheSchuldverhältnisse anzuwendende Recht,auch bekannt als „Rom II“, trat am 11. Januar2009 in Kraft. Gemäß Artikel 8 ist das bei Verletzungeines IP-Rechts anzuwendende Rechtdas Recht desjenigen Landes, für das derSchutz geltend gemacht wird.Ist ein Gemeinschaftsrecht der EuropäischenUnion für geistiges Eigentum beteiligt, ist dasRecht desjenigen Landes, wo der Verstoßstattgefunden hat, auf die Fragen anzuwenden,die nicht durch das betreffende Gemeinschaftsrechtfür geistiges Eigentum geregelt werden.Die „Rom I“-Verordnung über das auf vertraglicheSchuldverhältnisse anzuwendende Rechtgilt seit 17. Dezember 2009. Mit den Verordnungen„Rom II“ Nr. 864/2007, „Rom I“ Nr.593/2008 sowie der „Brüssel-I“ Verordnung Nr.44/2001 über die gerichtliche Zuständigkeit, dieAnerkennung und Vollstreckung von Entscheidungenin Zivil- und Handelssachen existiertein einheitliches Regelwerk für Konflikte bezüglichdes von den Gerichtshöfen der EU-Mitgliedsstaatenanzuwendenden Rechts undGerichtsstands.Regierungen sollten Initiativen unter Berücksichtigungder Belange der Wirtschaft unterstützen.Dazu zählen solche zur Harmonisierungvon Gerichtsverfahren (beispielsweiseStandards für die Offenlegung) und zur Weiterentwicklungbestehender Konzepte (beispielsweiseBrüssel/Lugano Verordnung/Übereinkommen).Regierungen sollten sich für den stärkeren Gebrauchvon Informationstechnologien zur Vereinfachungdes schnellen Austauschs von In-IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 57


TEIL B Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte 2012Maßnahmen seitens der WirtschaftHandelsrecht und -praxis, GewerblicherRechtsschutz (IP) sowie Digitale Wirtschaft.Regierungsmaßnahmenformationen und Dateien sowie zur Konsolidierungund gegenseitigen Anerkennung von „Beweismethoden“einsetzen, beispielsweise Verwendungunabhängiger Sachverständiger. Siesollten außerdem die Verfügbarkeit von einstweiligenAnordnungen für einen wirksamenschnellen Rechtsschutz von IP-Rechten sicherstellen.2. Rechtsdurchsetzung im InternetDurch die einfache und schnelle Reproduktion und Übertragung von digitalen Inhalten im Internet istes für Rechteinhaber schwierig, die unbefugte Verbreitung ihrer urheberrechtlich geschützten Werkezu kontrollieren. Dies führt in der Folge zu erhöhten Risiken und Kosten für die Ausführungrechtmäßiger Online-Dienste. Die meisten Rechteinhaber erleiden durch digitale Piraterie beträchtlicheVerluste. Als Antwort haben diese Rechteinhaber eine ganze Reihe von Maßnahmen ergriffen,u.a. Einführung rechtmäßiger Dienstleistungen, Öffentlichkeitskampagnen, Einsatz technologischerSchutzmaßnahmen sowie Aktionen zum rechtlichen Vorgehen gegen die gravierendsten Verletzungenihrer Rechte.Auch Regierungen prüfen, wie eine wirksamere Durchsetzung von IP-Rechten im Internet zu gewährleistenist. Das bis Ende 2010 verhandelte Abkommen zur Bekämpfung von Produkt- und Markenpiraterie(ACTA) zeigt, dass die teilnehmenden Länder die Bekämpfung der Verstöße im digitalen Umfeldlösen und die Zusammenarbeit zwischen Internet Service Providern (ISPs) und Rechteinhabern imBereich der digitalen Rechtsdurchsetzung fördern möchten. Im Mai 2011 veröffentlichte der G8-Gipfeleine Selbstverpflichtung, die wirksame Maßnahmen gegen Verletzungen von IP-Rechten in der digitalenWelt zusichert. 8Einige Länder haben ihre Gesetze aktualisiert, indem sie Maßnahmen zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzunggegen Verstöße im Internet eingeführt haben. Chile, Frankreich, Korea und Taiwanhaben bereits Gesetze verabschiedet und umgesetzt. So sollen Internet Service Provider mutmaßlichen,von Rechteinhabern identifizierten Rechtsverletzern eine Verwarnung zusenden. Bei wiederholten,hartnäckigen Verstößen sind endgültige Sanktionsmöglichkeiten wie die Kündigung/Aussetzungdes Internet Accounts vorgesehen. Letzteres hat in einigen Rechtsprechungen umfangreiche Debattenausgelöst. Beispielsweise hat in Frankreich der Verfassungsrat im Oktober 2009 eine überarbeiteteFassung des HADOPI-Gesetzes verabschiedet. Diese verlangt vor Aussetzung eines Online-Accounts eine gerichtliche Prüfung, ansonsten wurden die ursprünglichen Anforderungen des Gesetzesjedoch nicht verändert. 9 Die britische Regierung hat mit dem „Digital Economy“-Gesetz ein neuesRegime geschaffen. Dieses verpflichtet ISPs, ihre Abonnenten zu verwarnen, Informationen zur Identifizierungvon wiederholten Verletzern aufzubewahren und diese den Rechteinhabern bei einem gerichtlichenAuskunftsanspruch zur Verfügung zu stellen. Andere Maßnahmen, wie beispielsweise dieMöglichkeit der Kontenschließung und andere technische Maßnahmen im Falle von Wiederholungs-8 http://www.g20-g8.com/g8-g20/g8/english/live/news/renewed-commitment-for-freedom-and-democracy.1314.html9 Ähnliche Bedenken veranlassten das Europäische Parlament Mitte 2009, Änderungen zum Rechtsrahmen für die elektronischeKommunikation zu verabschieden, die unter den jeweiligen Richtlinien (Universaldienstrichtlinie und Rahmenrichtlinie)verlangen, dass Maßnahmen seitens der ISPs zur Beschränkung des Nutzerzugangs oder der Nutzung von Dienstendie Grundrechte und -freiheiten wie beispielsweise Datenschutz und faire Verfahren wahren. Artikel 1 (3) der überarbeitetenRechtsrahmen-Direktive erläutern weitere Einzelheiten und Anforderungen zur Beachtung der Grundrechte und -freiheiten indiesem Kontext. Der Text ist zugänglich unter: http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=MEMO/09/49158 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte TEIL Bverstößen, können zu einem späteren Zeitpunkt durch den Staatsminister eingeführt werden. In diesemZusammenhang forderte die Regierung 2011 die britische Medienaufsichtsbehörde (Ofcom) aufzu untersuchen, inwieweit Internet Service Providern das Blockieren bestimmter Webseiten möglichwäre und welche Kosten dafür anfallen würden; Ofcom hat ihre Untersuchungsergebnisse im August2011 veröffentlicht. In Neuseeland verlangt ein neues Gesetz von Internet Service Providern, bei VerstößenVerwarnungen an Abonnenten zu versenden und sieht Geldstrafen und Kontenschließung alsmögliche Sanktionen für wiederholte Verletzungen vor. In Italien veröffentlichte die italienische Regulierungsbehördefür den Kommunikationssektor (AGCOM) einen neuen Regulierungsvorschlag zurDurchsetzung von Rechten gegen Verstöße im Internet, der ein Verfahren zur Feststellung und Aussetzungdes Zugangs zu verletzenden Inhalten und Webseiten vorsieht.Potenzielle Maßnahmen, die direkt auf Webseiten zielen, welche Zuwiderhandlungen fördern, warenebenfalls von Interesse im Kampf gegen Verstöße im Internet. Einige Gerichte haben Verfügungenerlassen, die die Sperrung von Webseiten verlangen, welche Zuwiderhandlungen gewidmetsind. In anderen Ländern haben Regulierungsbehörden bestimmte Formen von Sperrungen verlangt,deren Geltungsbereich jedoch variiert und von denen einige Gegenstand laufender Beschwerdeverfahrensind.Die globale Dimension des Internets verschärft zudem die Probleme der gerichtlichen Zuständigkeitund Rechtsdurchsetzung. Denn durch die weltweite Erreichbarkeit von Internetangeboten könnenParteien Rechtsstreite in jedem Land der Welt ansetzen, in dem möglicherweise ein Delikt oder einVerstoß stattfindet. Die Verletzung von IP-Rechten im Internet wirft komplexe Fragen zur Eingrenzungvon Elementen der Verletzungen auf. Neben den Zuständigkeitsfragen ist es aufgrund fehlenderverlässlicher Informationen über die Identität von Personen, die Webseiten betreiben oder Domainnamenbesitzen, für Rechteinhaber schwierig, die Spur von Rechtsverletzern im Internet zuverfolgen. Darüber hinaus erschwert die unbeständige Natur der meisten Inhalte im Internet dasSammeln von Beweismitteln zusätzlich. ICANN plant derzeit die Einführung von neuen Generic TopLevel Domains (gTLDs), was die erwähnten Probleme bei der Rechtsdurchsetzung weiter verschärfenwird.Auch entstehen durch die wachsende Anzahl von elektronischen Dokumenten, die in Rechtsstreitigkeitenbenötigt werden können bzw. dafür auffindbar sein müssen, komplexe Fragen zur Zulässigkeitdigitaler Beweise, wie zum Beispiel Authentifizierung der Identität, des Inhalts und der Zeit, Vertraulichkeitund Archivierungspolitik einschließlich gelöschter Dateien.Maßnahmen seitens der WirtschaftVerschiedene Initiativen der Privatwirtschaft erarbeitentechnische Lösungen zur Beschränkung vonVerletzungen und zur Mithilfe bei der Durchsetzungvon IP-Rechten im Internet. Die Wirtschaft wirddiese Initiativen aufmerksam verfolgen und siegegebenenfalls unterstützen. Im Bereich der Domainnamenwird die Wirtschaft weiterhin das einheitlicheStreitbeilegungsverfahren (UDRP) vonICANN, der Zentralstelle für die Vergabe von Internet-Namenund Adressen, unterstützen, jedoch füreine bessere Konsistenz der Entscheidungen eintreten.Die Wirtschaft nimmt zur Kenntnis, dasskeine Einigung erzielt werden konnte bezüglicheiner Erweiterung der UDRP auf über Marken hinausgehendeGeschäftsbezeichnungen. Gleichwohlunterstützt sie die anhaltenden Bemühungen,die Arbeit der UDRP oder ähnliche Verfahren fürRegierungsmaßnahmenRegierungen sollten wirksamen Schutzund die Durchsetzung von IP-Rechten imInternet sicherstellen sowie die Zusammenarbeitzwischen allen Akteuren bei derBekämpfung von Verstößen im Internetfördern. Regierungen sollten die WIPO-Verträge von 1996 schnell und gewissenhaftumsetzen. Diese bieten sowohl geeignetegesetzliche Rahmenwerke für wirksametechnologische Schutzmaßnahmenals auch effiziente Rechtsmittel gegenUmgehung und in diesem Zusammenhangstehende Aktivitäten. Regierungen solltenICANN dazu ermutigen, durch eine korrekteWHOIS-Datenbank angemessenenZugriff auf Informationen zu ermöglichen.Diese sind notwendig für die IdentifizierungIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 59


TEIL B Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte 2012Maßnahmen seitens der Wirtschaftoffenkundige Verletzungen von IP-Rechten im Internetzu verbessern. Die Wirtschaft begrüßt dieTätigkeit der WIPO zur Schaffung von Datenbankenzu Marken, UDRP-Entscheidungen und ccTLD-Registrierungen, welche die Suche nach bereitsbestehenden Rechten oder Präzedenzfällen erleichternsollen. Die Wirtschaft wird auf angemessenenZugang zu ausreichenden Informationendrängen, um IP-Rechtsverletzer und Anbieterrechtswidriger Inhalte identifizieren und lokalisierenzu können und so die strafrechtlichen Ermittlungenund rechtlichen Durchsetzungsaktivitäten zu vereinfachen.(Siehe auch Abschnitt A. II., Marken, sowieAbschnitt A. IV., Urheberrechte).Aktivitäten der ICCDie ICC setzt sich über die Business Constituencyder ICANN dafür ein, dass die Anforderungen derWirtschaft bei ICANN in der Formulierung vonRichtlinien zu Domainnamen, einschließlich derRegistrierungsbedingungen, Berücksichtigungfinden. Das Counterfeiting Intelligence Bureau unddie Cybercrime Unit der ICC betreiben ebenfallsDatenbanken und sind bei der Rechtsdurchsetzungaktiv.Regierungsmaßnahmenmutmaßlicher IP-Rechtsverletzer und Providerrechtswidriger Inhalte, um die strafrechtlichenErmittlungen und rechtlichenDurchsetzungsaktivitäten zu vereinfachensowie einen sinnvollen Schutz für Markenund Warenzeichen als Bestandteil jeglicherAbkommen über die Erweiterung desgTLD-Raumes zu gewährleisten. Auf EU-Ebene wurde 2004 die Europäische Agenturfür Netz- und Informationssicherheit(ENISA) gegründet. Diese soll die Möglichkeitender Europäischen Union und derMitgliedstaaten ausbauen, Probleme derNetz- und Informationssicherheit zu beheben.(Siehe auch Abschnitt A. II., Markenund Abschnitt A. IV., Urheberrechte).II.BEILEGUNG VON IP-STREITIGKEITEN DURCHSCHIEDSGERICHTSBARKEIT ODER MEDIATIONAufgrund der Zunahme des internationalen Handels in den letzten Jahren haben Streitigkeiten zueiner Reihe von Rechten geistigen Eigentums zugenommen. Um diese Rechte wirksam zu schützen,müssen Streitbeilegungsmechanismen den speziellen Anforderungen internationaler IP-Auseinandersetzungenangepasst werden. Streitigkeiten im Zusammenhang mit geistigem Eigentum unterscheidensich zwar nicht grundlegend von anderen Streitfällen. Jedoch gibt es besondere Merkmale, dieangesichts der Einzigartigkeit der verschiedenen Rechte geistigen Eigentums in Betracht gezogenwerden müssen. Sowohl Schiedsgerichtsbarkeit als auch Mediation sind besonders geeignet für dieBeilegung von IP-Streitigkeiten.1. SchiedsgerichtsbarkeitDie Schiedsgerichtsbarkeit umfasst insgesamt vier wichtige Aspekte: (i) sie ist ein privater Mechanismusfür die Lösung von Streitigkeiten; (ii) sie ist eine Alternative zu nationalen Gerichten; (iii) sie wirddurch die Parteien ausgewählt und kontrolliert; und (iv) sie ist der endgültige und verbindliche Beschlusseines unparteiischen Gerichts zu den Rechten und Pflichten der Parteien.Es gibt verschiedene Gründe, warum Parteien sich für die Schiedsgerichtsbarkeit und nicht für einnationales Gericht entscheiden. Erstens erlaubt es die Schiedsgerichtsbarkeit den Parteien aufgrundihres internationalen Charakters, ein neutrales Forum sowie die Regeln für das Verfahren und die60 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte TEIL BSprache zu wählen, die vom Gericht anzuwenden sind. Zweitens gibt es keine Berufungen, da dasSchiedsurteil endgültig und verbindlich ist. Der Schiedsspruch ist zudem auf der Basis des Übereinkommensüber die Anerkennung und Vollstreckung ausländischer Schiedssprüche (New YorkerÜbereinkommen) umgehend in mehr als 140 Ländern vollstreckbar. Die Mechanismen für die Vollstreckungvon Schiedssprüchen sind ausgeklügelter und international stärker reguliert als die Rechtsdurchsetzungdurch nationale Gerichte. Drittens gibt der autonome Charakter des Schiedsgerichtsverfahrensden Parteien und Schiedsrichtern die Flexibilität, das beste Vorgehen für den jeweiligen Fallfrei zu wählen. Dabei sind sie nicht an detaillierte und starre nationale Gerichtsabläufe gebunden.Viertens können die Parteien Schiedsrichter mit umfangreicher Expertise und einem bestimmten juristischemHintergrund wählen. Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, sowohl das Verfahren als auchden Schiedsspruch absolut vertraulich zu behandeln. Dies ist insbesondere relevant für Streitigkeiten,die nicht öffentlich zugängliche Prozesse und Rechte im Bereich des geistigen Eigentums beinhalten.Bei IP-Streitigkeiten geht es normalerweise um Eigentum, Gültigkeit, Durchsetzung, Verletzung oderVeruntreuung eines IP-Rechtes. Es gibt viele Situationen, in denen Schiedsgerichtsbarkeit sinnvoll ist,wie beispielsweise bei Streitigkeiten um IP-Lizenzen, Vereinbarungen für den Transfer geistigen Eigentums(z.B. in Zusammenhang mit einem Geschäfts- oder Unternehmenserwerb) oder Vereinbarungen,in deren Nachgang geistiges Eigentum entwickelt wird (z.B. Forschungs- und Arbeitsverträge).Die Schiedsgerichtsbarkeit findet Anwendung, wenn in einer bereits bestehenden Vereinbarung eineentsprechende Schiedsklausel aufgenommen worden ist. Wurde dies nicht vorab vereinbart, kann dieSchiedsgerichtsbarkeit im Konfliktfall nur dann gewählt werden, wenn sich beide Parteien gemeinsamnachträglich darauf einigen. Eine schiedsgerichtliche Beilegung von IP-Streitigkeiten kann ungeeignetsein, wenn eine einstweilige Verfügung oder ein juristischer Präzedenzfall notwendig ist.Selbst wenn eine Schiedsgerichtsvereinbarung vorliegt, können manche Streitigkeiten nicht derSchiedsgerichtsbarkeit unterworfen werden, da die Streitigkeit nicht „schiedsfähig“ ist. Dies bedeutet,dass die Streitigkeit mithilfe von Schiedsgerichtsbarkeit nicht rechtsfähig beigelegt werden kann, da essich um eine Angelegenheit handelt, die der normalen nationalen Gerichtsbarkeit nicht entzogen undder Schiedsgerichtsbarkeit unterworfen werden kann.In manchen Ländern gibt es Einschränkungen, ob bestimmte Formen von geistigem Eigentum durchSchiedsgerichtsbarkeit geregelt werden können. Dies liegt darin begründet, dass die Existenz vongeistigen Eigentumsrechten die Eigentümer dieser Rechte verpflichtet, eine Anmeldung bei einer Regierungsbehördeoder quasi staatlichen Einrichtung vorzunehmen, welche die alleinige Befugnis hat,Rechte zu gewähren, zu erweitern, zu widerrufen und ihren Geltungsbereich festzulegen. Streitigkeiten,die unmittelbar die Existenz oder Aufrechterhaltung eines IP-Rechtes betreffen, können dahernicht durch Schiedsgerichtsbarkeit beigelegt werden. Am augenscheinlichsten ist dies der Fall, wennein Patent angegriffen wird, das durch ein nationales oder europäisches Patentamt gewährt wurde.Nur diese Ämter sind in der Lage, über die Aufrechterhaltung eines Patentes zu entscheiden. Auf deranderen Seite werden Streitigkeiten bezüglich der Ausübung eines eingeräumten IP-Rechtes im Allgemeinenals schiedsfähig erachtet. Selbst wenn die Gültigkeit in Frage gestellt wird, können die vertraglichenRechte zwischen den Parteien der Schiedsgerichtsbarkeit unterworfen werden, allerdingssind die getroffenen Festlegungen nicht verbindlich für Drittparteien.Gegenwärtig sind IP-Streitigkeiten in den meisten Ländern schiedsfähig. Die allgemeine Akzeptanzder Schiedsfähigkeit von Rechten geistigen Eigentums wird auch durch die beträchtliche Anzahl vondem Internationalen Schiedsgerichtshof der ICC unterbreiteten Fällen in diesem Bereich unter Beweisgestellt. Darüber hinaus gibt es viele Streitigkeiten, in denen die Frage des geistigen Eigentumszwar wichtig sein kann, jedoch nur ein peripheres Element am Rande der eigentlichen Streitigkeitist, beispielsweise beim Wert von IP-Rechten nach dem Verkauf und Erwerb eines Unternehmensoder im Zusammenhang mit einem Vertrag für die Versorgung von Gebäuden und Maschinen,der das Recht auf Nutzung eines bestimmten geistigen Eigentums beinhaltet. Ferner habenbestimmte Organisationen spezifische Verfahren für IP-Schiedsgerichtsbarkeit kreiert und Listenpotenzieller Schiedsrichter erstellt.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 61


TEIL B Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte 2012Ein allgemein bekanntes Problem ist das Erwirken von einstweiligen Verfügungen oder die Geltendmachungvon Sicherungsansprüchen, wenn eine Schiedsgerichtsvereinbarung besteht. Es wird in denmeisten Rechtssystemen mittlerweile anerkannt, dass nationale Gerichte das Recht haben, in eineStreitigkeit einzugreifen und einstweilige Verfügungen trotz einer Schiedsgerichtsvereinbarung zuerteilen. Wenn IP-Rechte existieren und diese bis zur Festsetzung der Rechte der Parteien und dervollständigen Zusammensetzung des Schiedsgerichts geschützt werden müssen, können die Parteiendiesen Unterlassungsanspruch in einem geeigneten nationalen Gericht beantragen. Häufig erteilennationale Gerichte einstweilige Verfügungen, bevor sich das Schiedsgericht konstituiert hat. Dieseskann dann darüber entscheiden, ob die von dem nationalen Gericht erteilte Verfügung aufrechterhaltenoder aufgehoben wird. Nach der Zusammensetzung des Gerichts sollte dieses ein bestmöglichesVerständnis des gesamten Streitfalls haben und daher das vorrangige Forum für das Erwirken einstweiligerVerfügungen sein. Eine durch ein nationales Gericht erteilte Verfügung unterstützt dasSchiedsgerichtsverfahren und die Schiedsgerichtsvereinbarung.Maßnahmen seitens der WirtschaftUnternehmen sollten die folgenden Punkte in Betracht ziehen,wenn sie bei IP-Fragen die Schiedsgerichtsbarkeit erwägen: Um die Vollstreckung zu vereinfachen und die aus derSchiedsfähigkeit resultierenden Probleme zu vermeiden,kann die Einfügung einer Klausel sinnvoll sein, mit der dieParteien der Vollstreckung zustimmen; Parteien sollten darauf achten, ausdrücklich ein Land alsOrt der Schiedsgerichtsbarkeit auszuwählen, das einenRechtsrahmen für Schiedsgerichtsbarkeit bietet und Unterzeichnerdes New Yorker Übereinkommens zur Anerkennungund Vollstreckung ausländischer Schiedssprücheist; Schiedsgerichtsbarkeit hat zwar, insbesondere in internationalenFällen, oft Vorteile gegenüber nationalen Gerichten.Allerdings sollten die Parteien sorgfältig abwägen, obein geeignetes nationales Gericht unter den besonderenUmständen eines bestimmten Falles besser wäre; Wenn Parteien Expertenwissen zu Fragen geistigen Eigentumsfür unerlässlich halten, sollten sie die Benennungeines neutralen Experten in den Vorgaben zurStreitbeilegung vorsehen (zum Beispiel gemäß den ICCRules for Expertise) und/oder bestimmen, dass dieSchiedsrichter ausreichende Qualifikationen und/oder Erfahrungmitbringen; Komplexe IP-Streitigkeiten erfordern gewöhnlich umfangreicheBeweisverfahren. In solchen Fällen sind Parteienund Gerichte gut beraten, die Anwendung der IBA-Regelnaus dem Jahr 2010 für die Beweisaufnahme in Erwägungzu ziehen; In Situationen, wo ein Schiedsgericht um eine einstweiligeVerfügung ersucht wird (was bei Fällen geistigen Eigentumshäufig der Fall ist), sollten die Parteien überlegen, obes vorzuziehen ist, dass Schiedsrichter Anordnungen an-RegierungsmaßnahmenStreitigkeiten über geistigesEigentum sind gegenwärtigzwar in den meisten Ländernschiedsfähig. Jedoch sindmanche Länder liberaler alsandere. Die Schweiz und dieUSA akzeptieren die schiedsgerichtlicheBeilegung in nahezuallen IP-Streitigkeiten. Inden meisten anderen Ländernwird unterschieden zwischenzu registrierenden IP-Rechten(zum Beispiel Patente undMarken) und von nationaleroder internationaler Registrierungunabhängigen Rechten(zum Beispiel Urheberrechte).IP-Rechte, die zu der erstenKategorie gehören, könnenschiedsfähig sein, aber einSchiedsspruch darf keinenEinfluss auf die Rechte vonDrittparteien haben. IP-Rechte,die keiner Anmeldung unterliegen,sind frei schiedsfähig.Die Verringerung der Anzahlvon Ländern mit einer strengenoder gar restriktiven Haltungzur Schiedsfähigkeit ist zu begrüßenund zu fördern. Diefortgesetzte Unterstützung voninternationalen Institutionen mitFachwissen wie UNCITRAL mitihren Modellgesetzen sowie dieICC, WIPO und WTO wird dieendgültige Lösung des Pro-62 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte TEIL BMaßnahmen seitens der Wirtschaftstelle von nationalen Gerichten erlassen. Dementsprechendsollten die Parteien überlegen, Schiedsordnungenzu wählen, die sowohl vom Schiedsgericht zu gewährendevorläufige Maßnahmen als auch Eilmaßnahmen vor Zusammensetzungdes Gerichts umfassen (siehe beispielsweisedie ICC-Regeln 2012, die das Amt des Eilschiedsrichtersvorsehen). In jedem Fall kann die Unterstützungder Gerichte in Extremfällen notwendig sein oder wennParteien nicht gewillt sind, die Autorität eines Schiedsgerichtesanzuerkennen; Vertraulichkeit: Der aktuelle Trend in nationalen Gesetzenist, keinen Bezug auf Vertraulichkeit zu nehmen (siehe beispielsweiseFrench Arbitration Decree aus 2011). ObwohlGeheimhaltungsregelungen im zugrundeliegenden Vertraggewöhnlich für das Schiedsgerichtsverfahren gelten, solltendie Parteien eine Vertraulichkeitsklausel einbauen, dieSchiedsgerichtsverfahren, schiedsgerichtsbezogene Dokumenteund Schiedssprüche abdeckt. Alternativ einigensich die Parteien entweder im Schiedsauftrag auf Vertraulichkeitoder verlangen vom Gericht, einen Verfahrensbeschlusszur Vertraulichkeit zu erteilen. Die ICC-Schiedsordnungvon 2012 enthält eine neue Regelung, die Vertraulichkeitsbeschlüsseexplizit zulässt. Wo Zeit und Kostenvon entscheidender Bedeutung sind, können die Parteiendie Nutzung von Eilverfahren (verfügbar unter der ICC-Schiedsordnung) in Erwägung ziehen.Aktivitäten der ICCRegierungsmaßnahmenblems deutlich vereinfachen.Regierungen sollten die folgendenMaßnahmen ergreifen: Ratifizierung des New YorkerÜbereinkommens von1958 über die Anerkennungund Vollstreckung ausländischerSchiedssprüche.Über 140 Länder habendies bereits getan. Es solltenAnstrengungen unternommenwerden, um auchdie restlichen Länder vonder Ratifizierung zu überzeugen;und Annahme des UNCITRALModellgesetzes über die internationaleHandelsschiedsgerichtsbarkeitvon1985 (mit Änderungen in2006) oder eines modernenSchiedsrechts. In mehr als60 Ländern wurde Ersteresbereits als Basis von nationalemSchiedsrecht angenommen.Die Kommission für Schiedsgerichtsbarkeit hat einen Berichtüber IP-Streitigkeiten und Schiedsgerichtsbarkeit veröffentlicht(ICC International Court of Arbitration Bulletin (1998) 9:1 ICCICArb.Bull.37).2. MediationMediation oder gütliche Streitbeilegung kann definiert werden als „ein freiwilliger und vertraulicherProzess, bei dem ein Mediator, d.h. eine neutrale Drittpartei, die Parteien dabei unterstützt, eine interessensbasierteBeilegung ihrer Streitigkeit zu finden, ohne dabei eine Lösung aufzuzwingen“. DerMediator hilft den Parteien, einzelne Punkte, bei denen Einigkeit oder Uneinigkeit besteht, zu identifizieren,nach alternativen Lösungen zu suchen und Kompromisse in Erwägung zu ziehen, um eine fürbeide Seiten zufriedenstellende Beilegung der Streitigkeit zu finden. Mediatoren können keine verbindlichenschiedsrichterlichen Entscheidungen treffen. Sie helfen den Parteien vielmehr dabei, eineBeilegung zu erreichen, die nach Zustimmung durch beide Parteien vertraglich bindend wird.Die Stärke dieser Form der Streitschlichtung liegt darin, dass sie es den Parteien erlaubt, die Beilegungihrer Streitigkeit selbst zu verhandeln, anstatt die Lösung einer Drittpartei anzunehmen. Die Parteienkönnen also eine Lösung finden, die ihre aktuellen und zukünftigen Bedürfnisse und Geschäfts-IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 63


TEIL B Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte 2012interessen berücksichtigt, wie beispielsweise finanzielle Erwägungen, weitere geschäftliche Zusammenarbeit,Wettbewerb, Reputation und Marktwert. Der Mediator ist, im Gegensatz zu einem Richteroder Schiedsrichter, nicht darauf beschränkt, bestimmte Regelungen auf Sachverhalte aus der Vergangenheitanzuwenden, um die Rechtslage zwischen den Parteien zu klären. Weitere Vorteile liegendarin, dass Mediation vertraulich ist und dass der Schlichter den Parteien hilft, eine Lösung ganzgleich welcher Art zu finden, die ihnen akzeptabel erscheint. Schiedsrichtern und Richtern stehenhingegen nur Rechtsmittel gemäß geltender Rechtsvorschriften zur Verfügung.Wie in der Schiedsgerichtsbarkeit muss die Entscheidung, einen Mediationsprozess zu beginnen, vonden Parteien einvernehmlich getroffen werden. Die Einbeziehung einer Klausel zur Streitbeilegungdurch Mediation bereits in den Vertrag ist der einfachste Weg um sicherzustellen, dass die Parteien imKonfliktfall versuchen werden, ihre Streitigkeit gütlich beizulegen. Die Parteien können jedoch auch zueinem späteren Zeitpunkt entscheiden, eine Beilegung durch Mediation zu versuchen – sowohl, wennein Streit besteht als auch sogar, wenn bereits andere Streitbeilegungsmethoden wie Schiedsgerichtsbarkeitoder Gerichtsverfahren initiiert wurden. Die hohe Erfolgsquote von Mediation zeigt, dass derVersuch, die Streitigkeit mittels Mediation beizulegen, zu jedem Zeitpunkt des Verfahrens erfolgreichsein kann. Da der Zweck der Streitschlichtung in der Aushandlung einer Streitbeilegung liegt, sindSituationen, in denen keine Verhandlung oder Zusammenarbeit zwischen den Parteien möglich ist(beispielsweise Fälle von bewusster Produkt- oder Markenpiraterie), für Mediation nicht geeignet.Andererseits kann die Mediation gerade für IP-Streitigkeiten besonders geeignet sein. Dies kann fürSituationen gelten, bei denen die Vertraulichkeit der Streitigkeit, von entsprechenden Informationenoder einem IP-Recht für die Parteien besonders wichtig ist oder die Beziehung der Konfliktpartner, derErhalt oder die Entwicklung ihrer Geschäftsbeziehungen von großer Bedeutung ist.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Internationale Markenvereinigung (INTA) fördertden Einsatz von Mediation für die Beilegung voninternationalen Markenstreitigkeiten. Von der ICC gibtes die ADR (Amicable Dispute Resolution)-Regeln,die sich für IP-Streitigkeiten eignen. Für technischeIP-Streitigkeiten kann man sich auch an das ICCCentre for Expertise wenden, das Experten vorschlagenund ernennen sowie die jeweiligen Verfahrenverwalten kann.Um Unternehmen ein Forum für Diskussionen undden Austausch von Ideen und Knowhow zu bieten,organisiert die ICC jährlich die ICC International MediationConference, die auf die Bedürfnisse von Unternehmenspeziell zugeschnitten ist.Aktivitäten der ICC2011 ist die ICC als eine der Gründungsorganisationendem International Mediation Institute (IMI) beigetretenund im Vorstand des IMI vertreten. Mit Unterstützungdes IMI möchte die ICC die Entwicklung vonhohen Kompetenzstandards für Mediatoren weltweitsowie ein transparentes Feedbacksystem fördern.RegierungsmaßnahmenUS-Bundesgerichte und das DeutschePatentgericht haben beide kürzlichMediationsmechanismen geschaffen.Viele US-Richter verweisen Parteien inPatentstreitigkeiten zunehmend aufMediation, bevor sie in diesen Fällenurteilen. Anzeichen einer wachsendenUnterstützung für Mediation sind ineiner Reihe von Gesetzesinitiativen inverschiedenen Ländern und Regionenzu finden. Dabei ist insbesondere auchdie EU-Richtlinie über bestimmteAspekte der Mediation in Zivil- undHandelssachen zu nennen, die bis Mai2011 von allen Mitgliedsstaaten umzusetzenwar. Die europäische Mediationsrichtlinieist ein ambitionierter Versuch,den Zugang zur Mediation für dieBeilegung von grenzüberschreitendenWirtschaftsstreitigkeiten zu vereinfachen.Vornehmliche Ziele der Richtliniesind: die Durchsetzbarkeit von Vereinbarungenaus Mediationen zu verbessernund die Vertraulichkeit des Mediationsprozesseszu schützen. Darüberhinaus ermutigt die EU-Mediations-64 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte TEIL BMaßnahmen seitens der WirtschaftRegierungsmaßnahmenrichtlinie Mitgliedsstaaten, die Qualitätvon Mediation durch einen VerhaltensundAusbildungskodex für Mediatorensicherzustellen.III.PRODUKT- UND MARKENPIRATERIEProdukt- und Markenpiraterie schädigt die Weltwirtschaft erheblich. Der ICC-Bericht Estimating theglobal economic and social impacts of counterfeiting and piracy vom Februar 2011 schätzt, dass –basierend auf den 2008 von der OECD 10 erhobenen Daten – der wirtschaftliche Gesamtwert der gefälschtenWaren jährlich weltweit bei 650 Milliarden US-Dollar liegt. Die Studie stellt fest, dass dasAusmaß des Problems zunimmt und ein Großteil auf die wachsende Verbreitung des Internets zurückzuführenist (siehe Abschnitt B. I. 2.). Basierend auf aktuellen Schätzungen prognostiziert derBericht zudem, dass der Gesamtwert von gefälschten Produkten möglicherweise bereits 2015 auf 1,7Billionen US-Dollar ansteigt. Frühere Studien haben gezeigt, dass durch Bewältigung oder beträchtlicheVerringerung des Problems rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze in den G20-Staaten geschaffenwürden 11 .Von Lebensmitteln, Pharmazeutika, Elektronik und Textilien bis hin zu Software, Musik, Fernsehsendungenund Filmen: Produkt- und Markenpiraterie ist eine Belastung für nahezu jeden Wirtschaftszweig.Verkauf und Distribution dieser Güter über das Internet machen es schwer, die rechtmäßigeLieferkette zu schützen. Beispielsweise schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass es sichin mehr als der Hälfte der Fälle, in denen Arzneimittel im Internet über illegale Webseiten gekauft werden,welche den Sitz ihres Unternehmens nicht preisgeben, um gefälschte Medikamente handelt. DerHandel mit gefälschten Medikamenten, unsicherem Spielzeug oder fehlerhaften Auto- oder Flugzeugteilenist für Verbraucher gesundheitsgefährlich. Interpol, die internationale kriminalpolizeiliche Organisation,warnt zudem davor, dass das organisierte Verbrechen Piraterie nutzt, um andere illegaleAktivitäten wie Drogen- und Waffenhandel zu finanzieren.Neben erhöhten Kosten für Gesundheit und Rechtsdurchsetzung führt Produkt- und Markenpirateriedazu, dass Regierungen weltweit Millionen an Steuereinnahmen fehlen, die für wichtige staatlicheAufgaben gebraucht werden. Neuere Untersuchungen zeigen, dass darüber hinaus den Volkswirtschafteneiner Reihe von G20-Ländern möglicherweise höhere ausländische Direktinvestitionen entgehen,da Bedenken hinsichtlich der Durchsetzung von Rechten geistigen Eigentums bestehen. Dieseverlorenen Investitionen könnten zusätzliche Steuerverluste von mehr als 5 Milliarden Euro 12 innerhalbder G20-Staaten nach sich ziehen.Sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer sind von Produkt- und Markenpiraterie in großemUmfang betroffen. International tätige Unternehmen werden weniger in die Produktion in jenen Länderninvestieren oder hochentwickelte Technologie dorthin transferieren, wo ihre Produkte wahrscheinlichkopiert und ihre Technologie gestohlen werden. Ebenso sehen lokale Unternehmen, dieversuchen, legale Produkte in Entwicklungsländern herzustellen und zu vermarkten, ihre Bemühungendurch Produkt- und Markenpiraterie unterlaufen. Der Wettbewerb innerhalb des Marktes istgestört, da Unternehmen nicht mit Piraten mithalten können, die die Arbeit anderer zum Nulltarifausnutzen, nicht in Forschung und Entwicklung investieren und keine Sozialabgaben für Arbeitnehmerbezahlen.10 OECD, The Economic Impact of Counterfeiting and Piracy, 200811 Frontier Economics, The Impact of Counterfeiting on Governments and Consumers, Dezember 200912 Frontier Economics, The Impact of Counterfeiting on Governments and Consumers, Dezember 2009IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 65


TEIL B Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte 2012Diebstahl geistigen Eigentums durch Fälschung und Piraterie in dem aktuell zu beobachtenden Ausmaßhemmt Innovation und Kreativität, welche elementar in der heutigen wissensbasierten Wirtschaftsind. Produkt- und Markenpiraterie untergräbt die wirtschaftliche Existenz von Schaffenden und innovativenUnternehmen sowie diejenige von Millionen von Menschen, die dort beschäftigt sind. Sie störenden verantwortungsvollen Wirtschaftskreislauf von Investitionen, bei dem Gewinne aus bestehendenProdukten in die Entwicklung neuer Kreativität und Innovation reinvestiert werden. Diese weitverbreiteten illegalen Aktivitäten verringern letztendlich die Vielfalt und Qualität kreativer Produkte undanderer Güter für Verbraucher.Im IP-Bereich bedeutet Produkt- und Markenpiraterie insbesondere die Verletzung von Urheber- oderMarkenrechten sowie Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen, Geschmacksmusterrechten und Ähnlichem.Im vorliegenden Abschnitt zu Produkt- und Markenpiraterie beziehen sich die Begriffe „geistigesEigentum“, „IP“ und „IP-Rechte“ auf diese Rechte. Es sei denn, es wird ausdrücklich geistigesEigentum im allgemeineren Sinn, also einschließlich Patentrechte, genannt.Maßnahmen seitens der WirtschaftAuf geistigem Eigentum im allgemeinen Sinn basierendeUnternehmen arbeiten aktiv daran, ProduktundMarkenpiraterie in all ihren Formen zu bekämpfen,insbesondere im Bereich der Urheberrechtspiraterie.Viele Branchen arbeiten eng mit Strafverfolgungsbehördenzusammen, um den Diebstahl geistigenEigentums zu ermitteln und zu verfolgen.Die Zusammenarbeit von Zwischenhändlern im Internetund Inhalteanbietern nimmt zu, um gemeinsamlegale Online-Inhaltdienste anzubieten. Diese zielendarauf, die Erwartungen und Bedürfnisse der Nutzerzu erfüllen und das Piraterieproblem anzugehen.Darüber hinaus informieren einige Branchen Regierungenund die Öffentlichkeit über die legale Rollevon Händlern, angemessene Haftungsbeschränkungensowie die notwendigen rechtlichen Abläufe, umeine wirksame Unterstützung für die Ermittlung vonVerstößen zu fördern.Die Wirtschaft ist zudem stets bemüht, die Öffentlichkeitbesser über den entstehenden Schaden durchdiese illegalen Aktivitäten zu unterrichten und dasBewusstsein dafür zu stärken. Angesichts des Ausmaßesdes Problems haben sich Unternehmen branchenübergreifendzusammengefunden, um Ressourcenzu bündeln, Informationen auszutauschen undgemeinsam stärkeres Engagement seitens der Regierungenim Kampf gegen Piraterie und Fälschungenzu fordern.Solche Bemühungen müssen den Informationsaustauschinnerhalb der Interessengruppen beinhalten.Nur so kann es gelingen, Produkt- und Markenpiraterieangemessen zu verfolgen und gleichzeitig dierechtmäßigen Interessen der Unternehmen, dieRechte und Verantwortung der Infrastruktur- undRegierungsmaßnahmenEine 2005 veröffentlichte ICC/Ifo-Studie zeigte, dass mehr als 70 Prozentder befragten Wirtschaftsexpertenaus 90 Ländern im Diebstahl von geistigemEigentum eines der dringlichstenProbleme ihres Landes sahen. 94Prozent der Experten waren der Ansicht,dass Regierungen größere Anstrengungenunternehmen sollten, umden Diebstahl von geistigem Eigentumstrafrechtlich zu verfolgen. Allerdingssind die von vielen Regierungen zurBekämpfung der Produkt- und Markenpirateriezur Verfügung gestelltenMittel bei weitem zu gering.Daher fordert die ICC-InitiativeBASCAP die Regierungen auf: rechtliche Rahmenbedingungen fürdie Implementierung und wirksameDurchsetzung bei Urheberrechtsverstößenund Markenpiraterie zuschaffen und/oder zu verstärken; aktuellen WIPO-, WTO- und anderenmultilateralen Abkommen fürSchutz und/oder Durchsetzung vonIP-Rechten umgehend beizutretenund diese zu implementieren; umfassende finanzielle und personelleRessourcen für die Durchsetzungvon IP-Rechten zur Verfügungzu stellen, um angesichts desSchadensumfangs angemessen66 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte TEIL BMaßnahmen seitens der WirtschaftSystementwickler sowie der Dienstleistungs- undInformationsanbieter in der vernetzten Wirtschaftanzuerkennen.Aktivitäten der ICCDie ICC ist der Überzeugung, dass IP-Rechte im allgemeinenSinne die Grundlage von funktionierendenVolkswirtschaften sowie für die Gesundheit und Sicherheitvon Verbrauchern sind. Daher hat sie dieBASCAP-Initiative (Business Action to Stop Counterfeitingand Piracy) gegründet, die international eineführende Rolle im Kampf gegen Produktfälschung und-piraterie einnimmt. BASCAP vereint die globale Wirtschaft,um die Belange geistigen Eigentums wirksamerzu identifizieren. Wichtig ist dabei auch, lokale, nationaleund internationale Behörden anzusprechen undum mehr Einsatz beim Schutz von IP-Rechten undderen Durchsetzung zu ersuchen, insbesondere imBereich Urheberrechte und Marken.BASCAP wird geleitet von einer Global LeadershipGroup, einer hochrangigen Gruppe von CEO’s undWirtschaftsführern aus verschiedenen Branchen undKontinenten. Sie zielt darauf: das Bewusstsein und Verständnis für Produkt- undMarkenpiraterie sowie die damit verbundenen wirtschaftlichenund sozialen Schäden zu vergrößern; Regierungen von entsprechenden Maßnahmen undder Bereitstellung von Ressourcen zur verbessertenRechtsdurchsetzung zu überzeugen; einen kulturellen Wandel anzustoßen, damit geistigesEigentum respektiert und geschützt wird.RegierungsmaßnahmenBASCAP arbeitet an der Verbesserung nationaler IP-Systeme. Durch die Schaffung von Aktionsplänen undKoalitionen auf Länderebene mit nationalen Unternehmenund Verbänden unterstützt BASCAP, greifundmessbare Ergebnisse zu erreichen. Die Initiativearbeitet außerdem mit zwischenstaatlichen Organisationenzusammen, um Leitlinien für eine stärkereDurchsetzung von IP-Rechten in Freihandelszonenund dort zu entwickeln, wo Marken- und Produktpirateriefür Gesundheits- und Sicherheitsprobleme verantwortlichist. BASCAP hat zudem eine weltweite Aufklärungskampagneinitiiert, um Verbraucher über Schädendurch Fälschungen und Piraterie zu informierenund die Nachfrage nach Fälschungen abzuschwächen.Dafür wurden Wirtschaftsverbänden Medieninformareagierenzu können; den Kampf gegen Produkt- undMarkenpiraterie zu einer politischenPriorität zu machen; gemeinsam mit der Wirtschaft Informationskampagnenmit entsprechenderPressearbeit zu unterstützten.Nur so kann das öffentlicheBewusstsein für die Vorteile desSchutzes geistigen Eigentums undfür den enormen sozialen und wirtschaftlichenSchaden gefördertwerden; angemessene Ausbildung vonStrafverfolgungsbehörden in Fragengeistigen Eigentums sicherzustellen.Das ACTA-Abkommen zielt darauf,gemeinsame vereinbarte Mindest-Standards für die Durchsetzung vonIP-Rechten aufzustellen. Teilnehmerder Verhandlungen waren Australien,Kanada, die EU, Japan, Korea, Mexiko,Marokko, Neuseeland, Singapur,Schweiz und USA. Das Abkommenbeinhaltet Bestimmungen zur Durchsetzungvon IP-Rechten, einschließlichstrafrechtlicher Maßnahmen und Maßnahmenzur Grenzbeschlagnahmesowie im digitalen Umfeld, zur Zusammenarbeitder Parteien bei derDurchsetzung und der Schaffung vonBest Practices in diesem Bereich.Zwar erfolgten die Verhandlungen zuACTA nicht unter dem Dach einerinternationalen Organisation. Gleichwohlwird das Abkommen mit demWTO-TRIPS-Abkommen konform seinund soll als plurilaterales Abkommenanderen Ländern zum Beitritt offenstehen.Regierungen sollten ACTA unterzeichnenund das Abkommen in ihrenationalen Gesetze implementieren.Eine Überarbeitung des endgültigenenglischen Rechtstextes wurde vonallen Teilnehmern im November/Dezember2010 in Sydney in AustralienIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 67


TEIL B Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte 2012Maßnahmen seitens der Wirtschafttionen und Weiterbildungsmaterial zur lokalen Verbreitungzur Verfügung gestellt.BASCAP versucht darüber hinaus, durch die Entwicklungund Verbreitung von Werkzeugen für ein effektiveresIP-Management größeres Verständnis für dasProblem zu wecken. Dazu zählen die IP Guidelines forBusiness, Best-Practice-Beispiele für Zwischenhändlerin der Zulieferkette sowie Kosten-Nutzen-Analysen zuwirksamen Abschreckungsmaßnahmen. Zusätzlich hatdie ICC die G8 dazu aufgerufen, eine Kurzliste konkreterEmpfehlungen umzusetzen, die u.a. beinhaltet: Schließung bekannter Fälschungsmärkte; Verbot des Umladens von Fälschungen in Freihandelszonen; Unterstützung des „Framework of Standards“ derWeltzollorganisation; Bestandsaufnahme zur Leistungsfähigkeit der G8-Staaten und der wichtigsten Entwicklungsländer,Fälschung und Piraterie einzudämmen und dienotwendigen Ressourcen bereitzustellen; und Stärkung strafrechtlicher Sanktionen.Die ICC hat gegenüber den G20-Staatschefs deutlichgemacht, dass der Schutz geistigen Eigentums unddie Förderung von Innovation zentral sind. Er ist geradein wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein Wachstumsimpuls,um Handel zu fördern und Beschäftigung zusichern. Das G8-Treffen in Deauville in Frankreich imMai 2011 bestätigte wichtige Prinzipien des Internets,u. a. Respekt geistigen Eigentums.Regierungsmaßnahmenabgeschlossen.Der 6. Weltkongress zur Bekämpfungvon Produkt- und Markenpirateriebrachte 2012 Vertreter von nationalenRegierungen, zwischenstaatlichenOrganisationen, Vollzugsbehörden undUnternehmen aus mehr als 100 Ländernzusammen. Gemeinsam konnteman sich auf eine umfangreiche Listemit möglichen Lösungen für das Problemder Produkt- und Markenpiraterieeinigen.Die G8-Staaten veröffentlichten im Mai2011 ein Renewed Commitment forFreedom and Democracy. Damit unterstütztensie eine Reihe von wichtigenPrinzipien, die für ein starkes undfunktionierendes Internet notwendigsind. Dazu zählen „Freiheit, Respektvon Privatsphäre und geistigem Eigentum,Ordnungspolitik unter Einbeziehungvieler Interessengruppen, Internetsicherheitund Schutz vor Kriminalität“.Unter französischem G8-Vorsitzwurden beim Internet- und DigitalwirtschaftsforumeG8 wichtige Akteuredes Internets zusammengeführt.Die ICC hat die Arbeit der OECD im Zusammenhangmit ihrer wegweisenden Studie The Economic Impactof Counterfeiting and Piracy (2008) unterstützt. DieStudie wertete Zolldaten aus aller Welt aus, um diewirtschaftlichen Folgen von Marken- und Produktpiraterieim internationalen Handel zu quantifizieren. InErgänzung dieser Studie hat die ICC Forschungeninitiiert, die (i) den Wert von inländisch hergestelltenund verwendeten gefälschten Produkten, (ii) den Wertder Internetpiraterie und (iii) die Folgen für Gesellschaft,Regierungen und Verbraucher messen. DasErgebnis ist die Studie The Global Impacts of Counterfeitingand Piracy, die ein umfassendes Bild der sozialenund wirtschaftlichen Folgen zeichnet. Sie wurde imFebruar 2011 veröffentlicht und stellt Daten bereit, die68 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte TEIL BMaßnahmen seitens der WirtschaftRegierungsmaßnahmenRegierungen deutlich machen, dass ein solider Politikrahmenzum Schutz von geistigem Eigentum notwendigist.Die ICC unterstützt gemeinsam mit der InternationalTrademark Association (INTA) durch entsprechendeEmpfehlungen jene Regierungen, die an den Verhandlungenzum Anti-Piraterie-Abkommen ACTA teilgenommenhaben. Sie bildet gemeinsam mit rund 20weiteren nationalen Verbänden, die sich für die Bekämpfungvon Produktpiraterie einsetzen, die „Stimmeder Weltwirtschaft“ zu ACTA. Die ICC hat Expertiseund Stellungnahmen zu Themen bereitgestellt, dievom Abkommen behandelt werden, insbesondere zurzivil- und strafrechtlichen Durchsetzung, zu Grenzmaßnahmen,digitalen Parametern und zur internationalenAbstimmung.IV.ERSCHÖPFUNG DER RECHTE GEISTIGEN EIGENTUMSEs stellt sich die Frage, wie IP-Rechte genutzt werden sollten, um die Verbreitung von Produkten zukontrollieren, die durch den Inhaber der IP-Rechte oder mit seiner Zustimmung auf den Markt gebrachtwurden, wenn dies beruhend auf dem Prinzip der Erschöpfung der Rechte erfolgt (Parallelimport).Diese Frage wird angesichts der Globalisierung der Wirtschaft und der Entwicklung des internetbasiertenHandels immer dringlicher. Viele glauben, dass die internationale Erschöpfung IP-Rechteund Distributionsnetzwerke ernsthaft untergraben würde. Einige argumentieren, dass die internationaleErschöpfung eine notwendige und logische Folge von Globalisierung, Handelsliberalisierung undInternethandel sei. Die Ansichten zu diesem Thema variieren je nach Art des Rechts und beteiligtemWirtschaftssektor. Es ist dennoch relativ klar, dass die internationale Erschöpfung in Ländern, dieeinen lokalen Geltungsbereich von Patenten unterstützen, insofern ein gegenteiliges Ziel verfolgt, alssie die Möglichkeiten von Patentinhabern beeinträchtigt, den Import legaler Waren durch Drittparteienin direktem Wettbewerb mit einem lokalen Lizenznehmer oder exklusiven Distributor zu kontrollieren.Die Frage der Parallelimporte muss auch im Kontext des Zugangs zu Arzneimitteln berücksichtigtwerden. Dort ist es wichtig sicherzustellen, dass Produkte nicht von ihrem ursprünglichen Bestimmungsortumgeleitet werden.Einige Rechtsordnungen bringen ein System „internationaler Erschöpfung“ zur Anwendung, bei demRechte unabhängig davon als erschöpft gelten, wo sie auf den Markt gebracht wurden. In solchenRechtsprechungen hat der Inhaber geistigen Eigentums kein Recht, Parallelimporte zu blockieren. Ineinem gewissen Grad wird ein solches System in den USA auf Urheber- und Markenrechte angewandt.Einige Rechtsordnungen wenden ein System „regionaler Erschöpfung“ an, bei dem die Rechte nurdann als erschöpft gelten, wenn sie innerhalb dieser Region auf den Markt gebracht wurden. In solchenRechtsprechungen hat der IP-Inhaber das Recht, alle Parallelimporte zu blocken. In der EuropäischenGemeinschaft gilt ein derartiges System.Einige Rechtsordnungen wenden lediglich ein System „nationaler Erschöpfung“ an, bei dem Rechtenicht als erschöpft gelten, wenn das Produkt auf einen Markt außerhalb der betreffenden Rechtsprechunggebracht wurde. In den USA findet ein derartiges System Anwendung auf Patente.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 69


TEIL B Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte 2012Das Prinzip der nationalen Erschöpfung wird in vielen Ländern verwendet, in denen die Rechteinhaberselber entscheiden können, wie sie ihr geistiges Eigentum nutzen möchten. Dies umfasst auch, ob derImport von mit einer Marke versehenen Waren in ein Land verboten oder erlaubt wird. Daher erlaubenRechteinhaber die Einfuhr ihrer Güter nur autorisierten Importeuren, um so ihre IP-Rechte zu schützenund Lizenznehmer sowie Vertragshändler nicht zu beeinträchtigen. Allerdings sehen Regierungsbehördendarin bisweilen ein Monopol der autorisierten Importeure, das sowohl den freien Warenverkehrals auch den Wettbewerb zwischen anderen Distributoren einschränkt, die ähnliche Produkteeinführen. Dies könnte Fragen aufwerfen, wie Anreize für Innovation und Zugang zu IP-geschütztenProdukten am besten zu kombinieren sind.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft wird weiterhin ihre Ansichten und Erfahrungenzu der Debatte um die Erschöpfung von IP-Rechten beitragen, die für viele Länder und Regionenvon Interesse ist und auch in internationalen Foren diskutiertwird. Allerdings sollten legitime Rechte nicht durchdie Erleichterung von Paralleleinfuhren untergraben werden.Unternehmen haben – beispielsweise aus Gründen derGeschäftsstrategie, (Re)Investitionen und Beschäftigungvor Ort, Qualitätskontrolle, Markenreputation oder Sicherheit– ein berechtigtes Interesse, die Verbreitungihrer Produkte innerhalb verschiedener Märkte zu kontrollieren.So kann sichergestellt werden, dass auf einenMarkt zugeschnittene Produkte nicht in einem anderenverkauft werden.RegierungsmaßnahmenWenn Regierungen und die zuständigenOrgane politische Entscheidungenzur Erschöpfung vonIP-Rechten treffen, sollten sie dieAbwesenheit eines echten globalenBinnenmarktes berücksichtigen.Dies bedeutet, dass ein Systeminternationaler Erschöpfungfür den internationalen Handel,Investitionen und Innovation allesin allem auf lange Sicht eherschädlich als vorteilhaft ist.V. BEWERTUNG, HANDEL UND VERBRIEFUNG VON RECHTENGEISTIGEN EIGENTUMSRechte geistigen Eigentums werden zunehmend als wertvolles Unternehmensvermögen angesehen.Sie spielen bei der Unternehmensstrategie und der Gesamtbewertung eines Unternehmens oft einewichtige Rolle. Unternehmen erfassen den Wert ihrer IP-Rechte aus vielen Gründen. Sie kommenbeispielsweise zum Einsatz, wenn es darum geht, Finanzierungen zu erhalten, fundierte Investitionsentscheidungenund Vermarktungsstrategien zu treffen, IP-Rechte durch Lizenzierung und andereHandelsmöglichkeiten wie beispielsweise in Form von Wertpapieren besser auszuschöpfen, Anforderungendes eigenen Unternehmensberichtswesens zu erfüllen oder bei Bemessung der Unternehmensbesteuerung.Verschiedene Methoden werden für die Bewertung von IP-Rechten genutzt. Dazu gehören beispielsweiseIndustriestandards, Ratings oder Rankings, Wertermittlungsverfahren wie Discounted Cash-Flow, Faustregeln, Realoptions- und Monte-Carlo-Analysen sowie Auktionen. Aufgrund der besonderenNatur von IP-Rechten erfolgt die Auswahl der Bewertungsmethode für Rechte geistigen Eigentumsim Allgemeinen fallweise und manchmal werden Methoden kombiniert. Daher ist zu bezweifeln,dass eine einzige, universelle Methode zur Werteinschätzung für alle möglichen Fälle die beste ist, umden voraussichtlichen wirtschaftlichen Nutzen von IP-Rechten sowie den daraus zu erwartendenCashflow zu identifizieren und zu quantifizieren.70 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte TEIL BAllgemeine, marktbasierte Herangehensweisen zur Werteinschätzung beinhalten objektive Rating-Modelle, die in den USA, Europa und Japan angeboten werden. Auch Multi-Lot-Live Auktionen für IP-Rechte, Aktienindizes und auf dem Wert von IP-Rechten der Unternehmen basierende börsengehandelteFonds und Werte (NYSE: OTP & OTR und IP-Exchange in Chicago) gehören dazu. BreitgefächerteFinanzprodukte mit Bezug zu IP-Rechten ermöglichen Investoren und Unternehmen die Beteiligungan Rechten geistigen Eigentums.Bei Durchführung von Due-Diligence-Prüfungen werden sich immer mehr Unternehmen und Finanzakteuredarüber bewusst, dass der Wert von IP-Rechten nicht ohne eine korrekte rechtliche Analysebestimmt werden kann. Dazu gehören Fragen wie Gültigkeit, Durchsetzbarkeit, Geltungsbereich, potenzielleErträge aus Verstößen durch Dritte und Haftungsfragen bei Verstößen gegen IP-Rechte anderer.Solche Prüfungen liefern mehr verlässliche Informationen über den finanziellen Wert von IP-Rechten sowie wertvolle Hinweise für Unternehmensausrichtung und -strategie. Andere automatisierteTechniken wie beispielsweise „Zitationsanalysen“ liefern bestenfalls grobe Anhaltspunkte zum Werteines IP-Rechts und können auch irreführend sein. Bei der Bewertung geistigen Eigentums ist esauch wichtig, den Geltungsbereich und das Ziel der Bewertung zu berücksichtigen. Die Bewertungeines einzelnen Patents erfolgt anders als die Bewertung eines Patentportfolios für eine bestimmteTechnologie oder für ein ganzes Unternehmen. Beim Technologietransfer, insbesondere von sich imAnfangsstadium befindenden Technologien, ist der vornehmliche Zweck einer Bewertung eher strategischals formal. Nicht-monetäre Überlegungen, die Rendite für einen Investor oder die Zahlungsweisekönnen bedeutender sein als der Wert, den man über konventionelle Bewertungsmethoden erhält.Im Jahr 2007 hat das Deutsche Institut für Normung (DIN) die PAS 1070 „Grundsätze ordnungsgemäßerPatentbewertung“ (SAB) veröffentlicht, um die Qualität von Bewertungsberichten und Expertengutachtenzu beurteilen. DIN hat ein internationales Normungsprojekt zur Bewertung von Patentenbei der ISO (Internationale Organisation für Normung) initiiert. Die ISO wird einen Ausschuss zur Entwicklungeiner ISO-Norm für die Bewertung von Patenten bestellen, wenn alle relevanten und betroffenenGruppen gegenüber der ISO ihr Interesse mittels ihrer nationalen Normungsinstitute bekunden.Die ISO hat eine Norm zu Marken herausgegeben: ISO 10668:2010. Dieser Standard berücksichtigtBewertungsansätze sowie viele der oben erwähnten Punkte. Er könnte ein guter Ausgangspunkt füreine Markenbewertung sein.Maßnahmen seitens der WirtschaftExperten für die Bewertung von IP-Rechten, insbesondere Marken und Patente,nutzen verschiedene Bewertungsmethoden.Neue internationale Rechnungslegungsstandardswerden dazu führen, dassin mehr Ländern Marken in Bilanzen berücksichtigtwerden und sich daher weiterefinanzielle Anwendungen für IP-Rechteergeben.Von Unternehmen und IP-Organisationenwurden Bedenken geäußert, dass einigeder Regelungen zu IP-Werten im Entwurfder im Januar 2009 verabschiedetenUNCITRAL-Empfehlungen für Kreditsicherungsrechtnegative unbeabsichtigte Folgenfür IP-Lizenzierungen und den Handelhaben könnten. 2010 hat UNCITRAL reagiertund für diese Richtlinien einen Anhangzu geistigem Eigentum verabschiedet, umRegierungsmaßnahmenZunehmend mehr Regierungen setzen Programmein diesem Bereich um, die Unternehmen beider Nutzung ihrer IP-Werte unterstützen sollen.Die Bewertung geistigen Eigentums wird in diesemKontext als wichtiges Werkzeug für Unternehmenangesehen. In einigen Ländern bietenstaatliche Stellen Hilfestellung, um Unternehmendabei zu helfen, mehr Kapital basierend auf IP-Rechten aufzubringen.Um die Transparenz für Finanz- und Technologiemärktezu erhöhen, unterstützen mehrere Regierungen(u.a. Dänemark, Deutschland und Japansowie die Europäische Kommission) Unternehmendarin, ihre IP-Werte durch Richtlinien undEmpfehlungen auszuweisen.Organisationen wie die WIPO, die OECD und dieUN-Wirtschaftskommission für Europa organisierenSeminare und erfassen alle Informationen zuIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 71


TEIL B Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte 2012Maßnahmen seitens der Wirtschaftbestimmte Bereiche der Empfehlungen beider Anwendung auf IP klarzustellen.Regierungsmaßnahmendiesem Thema. UNCITRAL hat IP-Themen in denGeltungsbereich ihrer Empfehlungen für Kreditsicherungsrechtmit einbezogen. Dies sind Empfehlungen,wie Ländergesetze international harmonisiertwerden können, um Rechtsbeschränkungenzur Verfügbarkeit von günstigen Finanzierungenund Krediten zu überwinden.UNCITRAL hat die Bedenken der Wirtschaft sowievon betroffenen IP-Stakeholdern aufgegriffenund einen IP-Anhang zu ihren Empfehlungenherausgegeben. Regierungen sollten bei der Umsetzungder Empfehlungen in die nationale Gesetzgebungdarauf achten, dass dabei angemessenzwischen geistigem und anderen Formen vonEigentum, wie beispielsweise Sachvermögen,unterschieden wird.Die Grundsätze der Rechnungslegung in Bezugauf Kosten können dazu führen, dass intern entwickelteWerte nicht mit ihrem fairen Marktwertbewertet werden. Dies führt wiederum dazu, dassder Unternehmenswert niedriger angesetzt wird.Dies scheint jedoch kein generelles Problem zusein, da die meisten Länder es ermöglichen, dassdiese Aktivposten in den Folgejahren neu bewertetwerden und der Marktwert angepasst wird.In manchen Ländern, wie beispielsweise Brasilien,kann dies jedoch ein Problem sein, da dieNeubewertung bestimmten Einschränkungenunterliegt. Daher sollten Regierungen in Erwägungziehen, ob ihr Rechnungslegungsstandardfür IP-Rechte unternehmensintern entwickelteWerte unfair bewertet und diese Standards imBedarfsfall überarbeiten.Die WIPO erkennt in ihrer Joint Recommendationon Provisions on the Protection of Well-KnownMarks den Markenwert als Kriterium für die Entscheidungan, ob eine Marke als bekannt gilt unddaher speziellem Schutz unterliegt. Die Empfehlungverlangt eine solide und transparente Methodefür die Weitergabe von verlässlichen Informationenan die Markenämter. Die Annahme derISO-Norm für Marken könnte ein gutes Instrumentfür diese Zwecke sein.72 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte TEIL BVI.ANEIGNUNG DER REGISTRIERUNGSGEBÜHRENGEISTIGEN EIGENTUMSObwohl die Bedeutung des Problems in einigen Ländern abnimmt, wird in anderen Staaten ein wesentlicherTeil der von lokalen IP-Behörden erhobenen Gebühren abgezweigt oder von Regierungsbehördenfür Zwecke einbehalten, die in keinem Zusammenhang mit der Funktion der Behörden stehen.Diesbezüglich bestehen die folgenden Bedenken: Das Vorgehen gefährdet die Arbeit der Behörden und die Qualität der angebotenen Dienstleistungen.Es zwingt die Behörden, mit einem Budget zu arbeiten, das hinsichtlich des Umfangs der angebotenenDienste reduziert ist. Beispielsweise wurde beobachtet, dass Ämter gezwungen seinkönnen, Projekte zur Verbesserung der Prüfungsqualität einzustellen; und es untergräbt alle internationalen Anstrengungen, die gegenwärtig auf die Verbesserung der Zusammenarbeitund Arbeitsteilung zwischen Patentämtern insbesondere bei der Patentprüfungausgerichtet sind.Maßnahmen seitens der WirtschaftIn manchen Ländern ist ein Rückgang der üblichen Handhabungzu beobachten, dass Einnahmen der zuständigen Ämterabgezweigt werden. Dies ist wohl nicht das Ergebnis konsistenterGesetzesänderungen über die Zuordnung dieser Einnahmen.Vielmehr scheint der Rückgang auf Entscheidungender zuständigen Behörden und kurzfristigen Regelungen zuberuhen, um den entsprechenden Behörden zu ermöglichen,ihren Aufgaben angemessen nachzukommen. Nutzer des IP-Systems sollten die Situation verfolgen um sicherzustellen,dass diese Politik beibehalten wird. Dort, wo das Problem derAneignung weiterhin besteht, sollten die jeweiligen Behördenüber die entsprechenden Verbände auf die Qualitätsverschlechterungbei Patentüberprüfungen aufmerksam gemachtwerden, die zu einem Großteil auf unzureichende Budgets undmangelnde Autonomie der Patentbehörden zur Ergreifungentsprechender Maßnahmen zurückzuführen ist.RegierungsmaßnahmenIn Anbetracht des bestehendenbeträchtlichen Rückstandsbei der Patentprüfung müssenRegierungen die Zuordnungeines angemessenen Budgetsan nationale Behörden sicherstellen.Wo dies nicht der Fall ist, solltenRegierungen erwägen,ihren IP- Behörden vollständigeUnabhängigkeit bei derVerwaltung der aus Antragstellungenerhobenen Gebühreneinzuräumen.Bei bestehenden Diskussionen zur Abänderung einschlägigerRechtsvorschriften sollte eine Regelung unterstützt werden,bei der die Ämter völlig autonom über erhobene Gebührenverfügen können.Um dem Wunsch einiger Entwicklungsländer nach Einbeziehungdes Entwicklungsaspekts in IP-Diskussionen zu berücksichtigen,unterstützt die Wirtschaft die Verwendung einesTeils des Ertrages der entsprechenden Behörden – insbesonderein Entwicklungsländern – um lokalen Unternehmen undPersonen zu helfen, das IP-System besser zu nutzen und/oderden Technologietransfer zu vereinfachen.Aktivitäten der ICCDie ICC beschreibt in ihrem Papier The Use of IntellectualProperty Registration Fees (12. September 2002) das Problemder Aneignung und spricht sich weiterhin für eine angemesse-IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 73


TEIL B Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte 2012Maßnahmen seitens der WirtschaftRegierungsmaßnahmenne Finanzierung von IP-Behörden aus.VII.CLIENT PRIVILEGE UND PROFESSIONELLE IP-BERATERIn Ländern, in denen das anglo-amerikanische Rechtssystem gilt, verpflichten Gerichte häufig eine Parteiwährend einer Verhandlung zur Offenlegung vertraulicher Dokumente, wenn diese relevant für dieVerhandlung sind. Diese Vorgehensweise (bekannt als „discovery“) kann die Kommunikation zwischeneiner Partei und nichtjuristischen professionellen Beratern beinhalten, wie beispielsweise Wirtschaftsprüfer,Gutachter und Ärzte. Allerdings gilt für die Kommunikation zwischen einer Partei und lokalenRechtsberatern im Allgemeinen das Anwaltsgeheimnis oder „privilege“, das heißt diese ist von der„discovery“ ausgenommen, selbst wenn die Kommunikation stattgefunden hat, bevor das Verfahren inErwägung gezogen wurde. Leider hat sich das Recht in den Ländern mit Common Law-Rechtssystemenzur Handhabung von Kommunikation mit ausländischen Rechtsberatern nicht kohärent oder konsistentweiterentwickelt. Dies ist von besonderer Bedeutung für Gerichtsverhandlungen mit Bezug auf IP, da anvielen dieser Verfahren Parteien beteiligt sind, von denen eine oder beide in zahlreichen LändernRechtsbeistand zum Verfahrensgegenstand gesucht haben.Insbesondere, IP-Rechteinhaber riskieren den Verlust der Vertraulichkeit bezüglich der Beratung, die sie durch IP-Berater bei der Anmeldung von Patenten, Geschmacksmustern und Marken erhalten; und Unternehmen, die sich selbst gegen IP-Verstöße verteidigen, riskieren den Verlust der Vertraulichkeitvon Beratung, die sie vor Beginn einer angeblichen Rechtsverletzung erhalten haben.Wenn das Anwaltsgeheimnis in einem Land nicht anerkannt wird, kann von einer Partei verlangt werden,diese Beratung in dem Land öffentlich zu machen. Somit geht die Vertraulichkeit durch dieseVeröffentlichung auch in anderen Ländern verloren, wo sie sonst Bestand gehabt hätte. Dies wird –auf lange Sicht – unvermeidlich zu Problemen für alle innovativen Unternehmen führen, unabhängigdavon, ob sie IP-Rechteinhaber sind oder nicht.Unternehmen mit dem größten Risiko sind diejenigen, die außerhalb ihres Heimatlandes an einemRechtsstreit in einem anglo-amerikanischen Rechtssystem beteiligt sind, insbesondere jene, derenHeimatland eine zivilrechtliche oder kontinentaleuropäische Rechtsprechung hat.Eine Stellungnahme der AIPPI (Internationale Vereinigung für den Schutz des Geistigen Eigentums)vom Juli 2005 veranlasste die WIPO im Mai 2008, ein informelles Symposium über die Vertraulichkeitanwaltlicher Kommunikation bei IP-Beratung abzuhalten. Sowohl Regierungsvertreter als auchNGOs nahmen daran teil. Experten aus verschiedenen Regionen der Welt berichteten über die bestehendenProbleme.Bei dem Symposium und in einer Stellungnahme diskutierte die ICC die Probleme für die internationaleWirtschaft und schlug eine spezifische Lösung in Form eines internationalen Instruments vor, welches: von jedem Land verlangen würde, jene lokalen Rechtsberater zu benennen, deren Mandanten vondiesem internationalen Instrument profitieren würden; und74 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Gemeinsame Herausforderungen für alle IP-Rechte TEIL B (soweit es sich um IP-Streitigkeiten handelt) von jedem Land verlangt – insofern es dort eineRegelung zu „discovery“ und „privilege“ gibt – die bestehende Regelung sowohl auf Mandantenvon Rechtsberatern, die es selbst benannt hat, als auch auf Mandanten von Rechtsberatern anzuwenden,die von einem anderen Land benannt wurden.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft sollte weiterhin Regierungen dazu drängen,dieses Thema mit Priorität zu behandeln.Aktivitäten der ICCDie ICC veröffentlichte ihr Papier Client Privilege in IntellectualProperty Advice (24. November 2008), welches ihre Vorschlägefür ein internationales Instrument ausformuliert, und ClientAttorney Privilege in Intellectual Property Matters: AdditionalObservations (27. August 2009), welches der WIPO unterbreitetwurde. Die ICC hat weiterhin die Entwicklungen verfolgtund ihren Beitrag zum Standing Committee on Patents derWIPO geleistet. Darüber hinaus hat die ICC im November2010 der Kommission einen „Privilege“-Ansatz für das vorgeschlageneGericht für europäische Patente und EU-Patente(GEPEUP) empfohlen. Dieser basiert auf denselben Prinzipiendes internationalen Instruments, das das Anwaltsgeheimnis füreuropäische Patentanwälte sowie auch z.B. für US-Patentanwältein diesem Gerichtshof vorsehen würde.Die ICC hat auf die Probleme hingewiesen, die hinsichtlich derBedingung für das Anwaltsgeheimnis bei ungerechtfertigterUnterscheidung zwischen internen und externen IP-Beraternentstehen würden, zum Beispiel zwischen internen und selbständigeneuropäischen Patentanwälten (EPAs) in Fällen vordem vorgeschlagenen GEPEUP.RegierungsmaßnahmenDie WIPO arbeitet weiterhininnerhalb des Standing Committeeon Patents an diesemThema. Im Mai 2011 bestandjedoch noch immer ein Konfliktzwischen nationalen Delegationen,die den Handlungsbedarfbefürworteten und jenen,die Zweifel hatten.Die WIPO sollte weiterhin andiesem Thema dranbleiben,nationale Regierungen vonseiner Bedeutung überzeugenund Bedenken ausräumen.Die Europäische Kommissionsollte bei der Schaffung einesGerichts für europäische Patenteund EU-Patente internationaldie Federführung beieinem „Privilege“-Ansatz übernehmen.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 75


TEIL C Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern 2012C. Interaktion von geistigem Eigentumund anderen PolitikfeldernIP-Themen waren ursprünglich auf technische Bereiche beschränkt, sind aber inzwischen mehr undmehr politisiert worden. Dies erfolgte zum Teil aufgrund der zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutungvon geistigem Eigentum, der Einbeziehung einer Reihe von IP-Themen in die WTO Doha-Entwicklungsagenda,der Einführung von IP-Konzepten in Gemeinschaften und Ländern, die bisher mit derMaterie nicht vertraut waren, und aufgrund von Missverständnissen bei der Nutzung von IP-Rechtenim Zusammenhang mit kulturell und sozial sensiblem Material (zum Beispiel genetische Ressourcen,traditionelles Wissen). Die Spannungen zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Inhaber geistigenEigentums und dem öffentlichen Interesse in sensiblen Bereichen wie Gesundheit, Ethik, Entwicklung,Umwelt- und Verbraucherschutz wurden auch von einigen Gruppen erkannt.Maßnahmen seitens der WirtschaftUnternehmen werden angemessen in IP-Fragen kommunizierenmüssen. Dies ist die Grundlage, um denpolitischen Widerstand zu entschärfen und die Unterstützungder Öffentlichkeit für IP-Rechte zu erhalten.Wichtig ist eine Verstärkung des Dialogs zwischenRechteinhabern und verschiedenen Gruppen, die IP-Rechten ablehnend gegenüberstehen. Die Wirtschaftunterstützt Initiativen von zwischenstaatlichen Organisationenwie der WIPO, um das Bewusstsein für denNutzen von IP-Rechten in verschiedenen Teilen derWelt zu steigern.Zu den Initiativen der Wirtschaft gehört u.a. ein Diskussionspapierdes Business and Industry Advisory Committeeder OECD (BIAC) mit dem Titel Creativity, Innovation,and Economic Growth in the 21st Century: AnAffirmative Case for Intellectual Property Rights (Januar2004), entwickelt für das OECD Committee for Scientificand Technological Policy, sowie verschiedene Initiativender ICC (siehe unten).RegierungsmaßnahmenEs ist notwendig, dass Regierungenihr Verständnis für die ressortübergreifendenHerausforderungen weiterentwickeln.Dabei sollten die Zieleder IP-Politik und die Strategien inanderen Bereichen, wie beispielsweiseGesundheit, Landwirtschaft, Umwelt,Handel und Industrie, in Übereinstimmunggebracht werden.Ebenso sollte Konsistenz hergestelltwerden zwischen den Bemühungenzur Verwendung von Ressourcen fürdie Entwicklung von lokalem Wissenund Innovation auf der einen und IP-Schutz auf der anderen Seite.Aktivitäten der ICCDie ICC veröffentlichte das Hintergrundpapier IntellectualProperty: Powerhouse for Innovation and EconomicGrowth (2010), das erläutert, wie Rechte geistigen EigentumsInnovation und Wirtschaftswachstum fördern,sowie die Ausarbeitung Intellectual Property: Source ofInnovation, Creativity, Growth and Progress (15. Juli2005), um das Grundprinzip des Schutzes geistigenEigentums zu erklären. Die ICC hat zudem mit WIPO-Delegierten einen Dialog darüber initiiert, wie das IP-System von Ländern zur Erreichung ihrer Entwicklungszielegenutzt werden kann.76 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern TEIL CI. ANGEMESSENE NUTZUNG VON IP-RECHTEN ZURWIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNGSeit langem wird in bestimmten Ländern und bei einigen Gruppen das Argument verwandt, dass IP-Systeme nur Industriestaaten und ausländischen Firmen nutzen, der wirtschaftlichen Entwicklung vonEntwicklungs- und den am wenigsten entwickelten Ländern entgegenwirken und der lokalen Bevölkerungden Zugang zu Technologien verbauen würden. Dies wurde besonders in den Diskussionen zueiner Entwicklungsagenda für die WIPO deutlich.Der Wert des TRIPS-Abkommens für Entwicklungs- und die am wenigsten entwickelten Länder wurdeim Kontext dieser Debatte in Frage gestellt. Genannte Punkte umfassen die Verfügbarkeit von Arzneimittelnzu angemessenen Preisen verbunden mit Zwangslizenzierungen, Schutz von eingereichtenDaten für eine Marktzulassung und Schutz für Pharmapatente, die Durchsetzung von IP-Rechten,Verfügbarkeit von urheberrechtlich geschützten Materialien in Lehrbüchern und Zeitschriften für Ausbildungund Forschung, Zugang zu genetischen Ressourcen, Nutzung und Schutz genetischer Ressourcen,traditionellen Wissens und Folklore, Auswirkungen von IP-Rechten auf den Technologietransferaus Industriestaaten sowie die Ausweitung des Schutzes im Zusammenhang mit geografischenHerkunftsangaben über die Bereiche Wein und Spirituosen hinaus. Durch frühere WTO-Beschlüssewurde den am wenigsten entwickelten Ländern eine Verlängerung bis zum 1. Januar 2016zur Sicherstellung des Patentschutzes von Pharmazeutika und eine Verlängerung bis zum 1. Juli 2013für die Implementierung aller anderen Teile des TRIPS-Abkommens gewährt.Ein wichtiger Aspekt der Beziehung zwischen geistigem Eigentum und Entwicklung – mit sehr vielweniger Medienaufmerksamkeit – ist die positive Rolle, die das IP-System bei der Stimulierung wirtschaftlicherEntwicklung spielen kann.Ein Beispiel dafür ist die Rolle geistigen Eigentums bei modernen Sportarten. Seit den frühen achtzigerJahren hat die Nutzung von IP zur Finanzierung von Sportveranstaltungen deutlich zugenommen.Dies erfolgte sowohl in Industrie- als auch Entwicklungsländern, was zu wirtschaftlichen Vorteilen fürdiese Länder geführt hat. Wichtige Sportveranstaltungen wie beispielsweise die Olympischen Spiele,die Fußball-Weltmeisterschaft, regionale Wettkämpfe, der America’s Cup sowie Tennis- und Golf-Turniere führten zu großen Investitionen. Die letzten 25 Jahre haben gezeigt, dass geistiges Eigentumim Bereich des Sports von grundlegender Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung ist, die vonallen Ländern unabhängig von ihrem Entwicklungsstatus genutzt wird. IP-Rechte werden insbesondereim Marketing und Merchandising sowie bei Lizenzen und Franchising eingesetzt. Dazu gehörenMarken, Dienstleistungsmarken, Designschutz, Urheberrechte, Domainnamen, Imageschutz, Fälschungenund Piraterie sowie Ambush Marketing.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft wird weiterhin darauf verweisen und belegen,dass starke IP-Rechte Forschung und Entwicklung sowie diewirtschaftliche Entwicklung vor Ort begünstigen. Sie wird deutlichmachen, dass IP-Rechte sowohl für Schwellenländer alsauch für die am wenigsten entwickelten Länder ein Schlüsselfaktorfür die Förderung des Handels und die Erzielung vonDirektinvestitionen sind. Die Wirtschaft wird sich auch zukünftigfür die vollständige und wirksame Implementierung vonTRIPS einsetzen.Unternehmen sollten aktiv an den Diskussionen innerhalb derWIPO, insbesondere an dem WIPO-Komitee zur Implementierungder vereinbarten Vorschläge für die Entwicklungsagendateilnehmen. Ebenso sollten sie die entsprechenden StudienRegierungsmaßnahmenRegierungen sollten sich immerwieder die Ministererklärungvon Doha zu Implementierungsthemenin Erinnerungrufen. Diese bekräftigtenochmals die Bedeutung derTRIPS-Bestimmungen fürIndustriestaaten als Anreizefür den Technologietransferan die am wenigsten entwickeltenLänder.Durch die WTO, die WIPOund einzelne Länder sollteIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 77


TEIL C Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern 2012Maßnahmen seitens der Wirtschaftder OECD und der WIPO über das Verhältnis und den Zusammenhangvon IP-Rechten und den Entwicklungen vonHandel, Direktinvestitionen und Wirtschaftsleistung verfolgen.Unternehmen sollten bei diesen Fragen den Ausgleich suchen,insbesondere gegenüber Regierungen von Entwicklungsländern.Es gilt, die Probleme zu verstehen und, wo immermöglich, eine Win-Win-Situation zu schaffen.Aktivitäten der ICCDie ICC leistet zu den Diskussionen über den Zusammenhangzwischen IP-Schutz und entwicklungsbezogenen Themenihren Beitrag und nahm aktiv an den wichtigen WIPO-Treffen2006 und 2007 zur Entwicklungsagenda der WIPO teil. Umden verhandelnden Parteien zu einem besseren Verständniszu verhelfen, wie das IP-System in der Praxis Entwicklungfördern kann, hat die ICC in den vergangenen Jahren in Genfeine Reihe von Podiumsdiskussionen organisiert. Dabei wurdeaufgezeigt, wie Entwicklungsländer das IP-System für ihreEntwicklung nutzen können. Zu den von der ICC veröffentlichtenPapieren zählen Preliminary Views on the Proposal fora Development Agenda for WIPO (4. April 2005), Making IntellectualProperty Work for Developing Countries (19. Juli 2005)und Recommendations on the Implementation of the WIPODevelopment Agenda (29. November 2007) ebenso wie Präsentationenund andere Informationen aus den Podiumsdiskussionen.Die ICC wirkt weiterhin an der Arbeit des WIPO-Komitees für Entwicklung und geistiges Eigentum mit. So führtesie im April 2010 eine Diskussion über die Nutzung von IPzur Förderung der Sportwirtschaft.Die ICC hat mit ihrem weltweiten Kammer-Netzwerk einenMaßnahmenkatalog und viele Hilfestellungen entwickelt. DiesesAngebot verfolgt das Ziel, Handelskammern und anderenWirtschaftsorganisationen dabei zu helfen, lokalen Unternehmendie Möglichkeiten der Nutzung des IP-Systems für ihrewirtschaftliche Weiterentwicklung zu vermitteln. Dazu gehörteine gemeinsame Publikation der ICC und WIPO: MakingIntellectual Property Work for Business. Diese wurde im Juni2011 veröffentlicht und soll Mitgliedsorganisationen aus derWirtschaft unterstützen, ihren lokalen Mitgliedern IP-Dienstleistungenanzubieten. Die ICC und die WIPO führten im September2008 auch einen gemeinsamen IP-Workshop für Handelskammernund andere Organisationen durch, die die Wirtschaftunterstützen.Die IP-Kommission der ICC und die ICC-Initiative BASCAPveröffentlichten im Februar 2011 die Studie Intellectual Property:Powerhouse for Innovation and Economic Growth.Regierungsmaßnahmenweiterhin technische Unterstützungerfolgen, um dieUmsetzung von TRIPS inallen Ländern zu vereinfachen.Diese sollte sich aufEntwicklungsbereiche, Ausbildungvon technischen undjuristischen Fachkräften zurUmsetzung von guten Ideenin patentierbare Erfindungenkonzentrieren und gleichzeitignationales traditionelles Wissenfördern und respektieren.Regierungen und beteiligtezwischenstaatliche Organisationensollten mit Industrieorganisationenzusammenarbeiten,um lokalen Unternehmenzu besserem Verständnisund zur Nutzung des IP-Systems für größere Wettbewerbsfähigkeitzu verhelfen.Regierungen sollten Maßnahmeneinführen, die dasInnovationspotenzial und dieFähigkeit von Unternehmenverbessern, neue Technologienzu erkennen und zu integrieren.Regierungen müssenaußerdem das Bewusstseindafür stärken, dass die Zukunfteines Landes und dasWohlergehen seiner Bevölkerungmaßgeblich durch diejenigenbestimmt werden, dieErfindungen und Innovationentätigen.Wichtig ist in diesem Zusammenhangdie Qualität der vonden entsprechenden Patentämterngeleisteten Dienste.Um dieses Ziel zu erreichen,ist die Unterstützung seitensder WIPO/des EuropäischenPatentamts oder von Patentämternder entwickelten Länderzu begrüßen.78 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern TEIL CII.UMWELT1. Biologische Vielfalt/BiodiversitätWeltweit wird der Schutz der Umwelt immer stärker anerkannt. Dafür sind eine Vielzahl von Gründenverantwortlich, u.a. sowohl ethische als auch wirtschaftliche Gründe. Das Übereinkommen über diebiologische Vielfalt (CBD) ist eine Folge daraus. Die Ziele dieses Abkommens sind die Erhaltung derbiologischen Vielfalt, die Förderung ihrer nachhaltigen Nutzung und der faire Vorteilsausgleich ausdieser Nutzung. Die CBD erkennt die Hoheitsgewalt der Mitgliedsstaaten über genetische Ressourcenan, die sich innerhalb ihrer Grenzen befinden. Sie legt zudem die Grundsätze fest, gemäß denen derZugang zu genetischen Ressourcen zu ermöglichen ist.Insgesamt 193 Länder sowie die Europäische Union sind inzwischen Vertragsstaaten der CBD. DieUSA ist die einzige große Industrienation, die das Abkommen bisher noch nicht ratifiziert hat. Allerdingshaben nur wenige Länder bisher Gesetze erlassen, die den Zugang zu Ressourcen sowie derenVorteilsausgleich (Access and Benefit Sharing, ABS) regeln. Denjenigen, die den Zugang nutzenmöchten, ist nicht klar, wie sie ihn erhalten können oder mit wem sie darüber verhandeln müssten.Das gilt insbesondere, wenn indigene Völker betroffen sind. Dies hemmt den Zugang, den die CBDeigentlich erleichtern möchte.Seit Unterzeichnung der CBD im Jahr 1992 hat man nach Wegen gesucht, wie die Grundsätze desZugangs zu genetischen Ressourcen und des gerechten Vorteilsausgleichs kodifiziert und in diePraxis umgesetzt werden können. Fortschritte konnten hier im Oktober 2010 erreicht werden, alsdie CBD das Nagoya-Protokoll zum Zugang zu genetischen Ressourcen und gerechten Ausgleichvon Vorteilen aus deren Nutzung nach sehr schwierigen Verhandlungen verabschiedete. DiesesProtokoll lag bis Februar 2012 zur Unterzeichnung aus und sieht vor, dass die Parteien in ihrennationalen ABS-Regimen bestimmte Maßnahmen umsetzen und auch dafür sorgen, dass der Zugangzu innerhalb ihrer Gerichtsbarkeit genutzten genetischen Ressourcen und traditionellem Wissenin Übereinstimmung mit den nationalen Anforderungen anderer Parteien erfolgt. Um das Protokollinnovationsfreundlich und ausgewogen in die nationalen Rechtsordnungen umzusetzen, wirdnoch viel Arbeit notwendig sein.Ein Vorschlag für eine neue Anforderung wird von Entwicklungsländern favorisiert, da diese glauben,er würde die Beachtung und Befolgung der CBD fördern. Er beinhaltet, dass Patentanmelder, die genetischeRessourcen nutzen, angeben sollen, welche Länder diese Ressourcen zur Verfügung stellen;in einigen Varianten des Vorschlags sollen Patentanmelder den Beweis erbringen, dass sie die Erlaubnisvon diesen Ländern erhalten und den Ausgleich von Vorteilen zugesagt haben. InternationaleOrganisationen wie die WIPO, CBD oder WTO stehen unter dem Druck danach zu streben, eine derartigeAnforderung einzuführen. Die Wirtschaft ist aus zwei Gründen entschieden dagegen: Erstenswürde sie nichts zur Förderung von ABS beitragen. Zweitens würden den Patentanmeldern in vielenFällen die nötigen Informationen nicht zur Verfügung stehen bzw. wären für sie nicht erhältlich.Wenn die Anmeldung eines Patentes von einer solchen Anforderung abhängen würde, könnte dieVerwertung von Erfindungen zum allgemeinen Nutzen ernsthaft beeinträchtigt werden. Bestenfallssteht die aus diesen Anforderungen resultierende Unsicherheit der Erforschung, Innovation undAusschöpfung von neuen Erfindungen im Wege, die einen erheblichen Beitrag zum Wohl derMenschheit leisten.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 79


TEIL C Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern 2012Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft wird deutlich machen, dass Rechtegeistigen Eigentums mit dem Umweltschutzvereinbar sind und die Ziele der CBD und desNagoya-Protokolls fördern, u.a. nachhaltige Nutzunggenetischer Ressourcen und fairen Vorteilsausgleich.Die Wirtschaft wird außerdemdaran arbeiten, emotionale Themen zu entschärfen,überhöhte Erwartungen abzubauen und dieDebatte zu rationalisieren, insbesondere in denMedien. Die Wirtschaft wird versuchen, in Diskussionenzum Verhältnis von geistigem Eigentumund genetischen Ressourcen konstruktivStellung zu beziehen.Die Wirtschaft unterstützt einen angemessenenAusgleich für die Nutzung genetischer Ressourcenzu einvernehmlich festgelegten Bedingungenentsprechend der CBD. Hinsichtlich derOffenlegung der Herkunft ist die Wirtschaft generellgegen die Nutzung des Patentsystems zurDurchsetzung nicht in Zusammenhang stehenderVerpflichtungen. Die Wirtschaft beklagt dieZunahme von Anforderungen in diesem Bereich,von denen viele inkonsistent sind. Diese werdenzu Kostensteigerungen führen und Entwicklungenbei der nachhaltigen Nutzung der Biodiversitätbremsen. Daher wird sich die Wirtschaft gegenOffenlegungspflichten für die Herkunft vonbiologischem Material in Patentanträgen aussprechen.Solche Anforderungen werden dieRechtsunsicherheit erhöhen. Sie sind weder alsMechanismus zur Nachverfolgung für Accessand-BenefitSharing (ABS) wirksam noch praktischumsetzbar, da die Herkunft von genetischenRessourcen oftmals unmöglich festzustellenist. Die Wirtschaft wird die nationalen Debattenzur Ratifizierung und Einführung desNagoya-Protokolls genau verfolgen.Aktivitäten der ICCDie ICC bündelt die Interessen der Wirtschaftund ist innerhalb der CBD/ABS-Verhandlungenzentraler Ansprechpartner. Sie trägt zu den Diskussionenin der WIPO und WTO bei und hatverschiedene Stellungnahmen zu verwandtenThemen veröffentlicht. Die ICC wird versuchen,praktische Lösungen zur Implementierung desNagoya-Protokolls vorzuschlagen und dabeikulturelle Unterschiede beachten. ICC-Beiträgezu den CBD/ABS-Verhandlungen sind zu findenRegierungsmaßnahmenRegierungen sollten die Koordinierung ihrerPolitik hinsichtlich Umweltschutz, geistigemEigentum sowie Handel sicherstellen. BevorRechtsvorschriften zum Umweltschutz eingeführtwerden, die IP-Rechte untergrabenkönnten, sollten Entscheider aus der PolitikErkenntnisse sorgfältig berücksichtigen undsich umfassend mit der Wirtschaft und anderenStakeholdern im IP-Bereich beraten.Insbesondere sollten Regierungen Offenlegungspflichtenbzgl. der Herkunft in Patentanmeldungenverhindern und stattdessenRichtlinien einführen, die mit der CBD unddem Nagoya-Protokoll übereinstimmen unddie Ziele der CBD fördern, ohne Erfindernunzumutbare Lasten aufzuerlegen.Parteien der CBD sollten auf das Nagoya-Protokoll aufbauen, um wirksame, praktikableund transparente ABS-Systeme zuschaffen. Diese sollten Rechtssicherheitbieten, indem sie klarstellen, wer das Rechthat, Zugang zu gewähren, und wer diesbezüglichwie und unter welchen Umständenzu konsultieren ist und mit wem ein Vorteilsausgleichstattfinden sollte. Transparente,rechtssichere und praktikable ABS-Systeme werden Innovationen fördern, diegenetische Ressourcen nutzen. Dies ist dieGrundlage dafür, dass Nutzen geschaffenwird, der geteilt und für das Vorantreiben derCBD-Ziele genutzt werden kann.Elemente der CBD Bonn Guidelines on Accessto Genetic Resources and Fair andEquitable Sharing of the Benefits Arisingfrom their Utilisation von 2002 können Ländern,die das Nagoya-Protokoll umsetzen,dabei helfen, den Rechtsrahmen nationalerRegimes zu durchdenken.Zusätzlich entwickelt das WIPO IntergovernmentalCommittee on Intellectual Propertyand Genetic Resources, TraditionalKnowledge and Folklore IP-Richtlinien fürABS-Verträge. Diese sind eine weitere Hilfestellungfür Länder, die zu Forschung & Entwicklungund letztlich zur Perfektionierungvon IP-Rechten, die von diesen Ressourcenteilweise abhängig sind, beitragen können.80 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern TEIL CMaßnahmen seitens der WirtschaftRegierungsmaßnahmenunter www.iccwbo.org.Die ICC hat zudem der WIPO ein Papier zumThema Offenlegungspflichten bei Patenten vorgelegt:Patent disclosure requirements relatingto genetic resources: will they work? (9. Mai2011).2. KlimawandelDer Klimawandel benötigt als globales Problem eine globale Lösung, insbesondere angesichts derweitreichenden Auswirkungen und der notwendigen Verknüpfung von Lösungen.Sowohl für die Minderung der Emissionen als auch für die Anpassung an den Klimawandel sind umfassendeÄnderungen bei Unternehmen und der Lebensführung der Menschen notwendig. Für beideswird Innovation von entscheidender Bedeutung sein. Entwicklung und Einsatz von Technologien sindausschlaggebend bei der Bewältigung dieser Herausforderung.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft war und bleibt der aktivste Teilnehmer beider Suche nach innovativen Lösungen für eine kohlenstoffarmeWirtschaft und den Bemühungen um Kostensenkungbei der Emissionsverringerung. Mit den richtigenRahmenbedingungen können Unternehmen die notwendigetechnologische Forschung beschleunigen, Investitionenmobilisieren und aktuelle sowie zukünftige Technologienfür erneuerbare und energieeffiziente Energien implementieren.Die Wirtschaft trägt aktiv zu den Diskussionen innerhalbdes Rahmenabkommens der Vereinten Nationen überKlimaänderungen (UNFCCC) bei, einschließlich derer, diedie Verbreitung von Technologien und IP betreffen.Aktivitäten der ICCDie ICC ist die branchenübergreifende Dachorganisationder Wirtschaft innerhalb der UNFCCC-Verhandlungen.Die ICC hat auch Stellungnahmen hinsichtlich Technologieentwicklungund -verbreitung veröffentlicht. Dazuzählen u.a. Technology Development and Deployment toAddress Climate Change (31. November 2008) für die 14.UNFCCC-Konferenz der Parteien (COP) in Posen, Polen(31. November 2008), und Climate Change and IntellectualProperty Rights Protection (10. September 2009)sowie Market Mechanisms in the post-2012 GHG Regime(12. November 2010). Dabei wird die bedeutende RolleRegierungsmaßnahmenRegierungen tragen die entscheidendeVerantwortung, auf die Herausforderungendes Klimawandelsangemessen zu reagieren. Bei derPlanung ihrer Maßnahmen müssensie große Unsicherheiten und dieForderung nach Flexibilität angesichtsunbekannter Größen abwägen.Neue Technologien sind entscheidend,um die Minderung derEmissionen und die Anpassung anden Klimawandel zu ermöglichen.Dafür sind erhebliche Investitionendes Privatsektors notwendig. Regierungensollten umsichtig sein,damit kein investitionsfeindlichesUmfeld geschaffen wird. Dementsprechendsollten sie Vorschlägeablehnen, die neue Vorgaben fürgeistiges Eigentum einführen, dieInvestitionen erschweren und wenigervoraussehbar machen. Diesewürden die größere Anwendungsolcher Erfindungen wohl nichtunterstützen und wahrscheinlichderen Produktion von vornhereinverhindern.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 81


TEIL C Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern 2012Maßnahmen seitens der Wirtschaftvon geistigem Eigentum hervorgehoben.Die ICC gibt weiterhin wichtige Rückmeldungen an Regierungenund internationale Regierungsorganisationen zurRolle von IP-Rechten, u. a. Business Views on a UNFCCCpost-2012 Framework to Address Climate Change (7.Dezember 2009) und Comments on Draft OECD Statementon Harnessing Freedom of Investment for GreenGrowth (9. März 2010).Die ICC hat darüber hinaus einen Mustervertrag zum internationalenTechnologietransfer entwickelt. Dieser kannfür all jene hilfreich sein, die über Technologietransfer indiesem Bereich verhandeln.RegierungsmaßnahmenEinige Innovationen zur Abschwächungdes Klimawandels könnenzu höheren Kosten führen. Häufigbelohnt der Markt derartige Innovationennicht. Allerdings sind Regierungengut beraten, entsprechendeVorgaben zu erlassen, die technologischeFortschritte zugunsten derUmwelt fördern, selbst wenn derMarkt dies nicht unterstützen wird.Beispielsweise werden viele Ländernicht in der Lage sein, daswirtschaftliche Gefälle zwischentraditioneller und erneuerbarerEnergiegewinnung ohne nationaleAnreize zu überwinden.III.TECHNOLOGIEENTWICKLUNG UND -TRANSFERDie ICC ist überzeugt, dass die Verfügbarkeit von wirtschaftlich machbaren Optionen zur Bewältigungglobaler Herausforderungen beispielsweise in den Bereichen Gesundheit, Umwelt und Lebensmittelsicherheitnotwendig ist. Dazu gehören die Entwicklung, Kommerzialisierung und umfassendeVerbreitung bereits entwickelter, effizienter und neuer, aktuell noch nicht kommerzialisierterTechnologien. Der private Sektor war und wird auch zukünftig für den Großteil an Investitionen,Entwicklung und der Verbreitung von neuen und verbesserten Technologien verantwortlich sein.Diese sind wesentlich, um diese Herausforderungen zu stemmen. Durch den Schutz geistigen Eigentumsfür Erfindungen sind die Amortisierung dieser Investitionen und die Rendite für Geber desbenötigten Kapitals gesichert, die aus den Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen der Privatwirtschafthervorgehen.Insbesondere fördert geistiges Eigentum Innovation und schafft ein günstiges Umfeld für ausländischeDirektinvestitionen sowie den internationalen Handel mit Waren und Dienstleistungen. Geistiges Eigentumhat außerdem eine wichtige Funktion für die Entwicklung, indem es die Grundlage für Technologietransferund die Entwicklung lokaler Industrien stellt. All dies ist wesentlich für nachhaltiges Wirtschaftswachstumund die Entstehung von damit verbundenen Vorteilen in Bereichen des öffentlichenInteresses, wie Gesundheit, Umwelt und Lebensmittelsicherheit. Allerdings ist die Rolle von IP fürwirtschaftliches Wachstum und Entwicklung in einigen Bereichen und Ländern nicht umfassend erkanntoder anerkannt – insbesondere in manchen Entwicklungsländern. Dies liegt an dem geringenBewusstsein für die Bedeutung von Innovation und IP-Rechten sowohl in Wirtschaft und Wissenschaftals auch bei Regierungen.In einer Welt mit zunehmend komplexen Technologien hängt die Entwicklung neuer Produkte undsogar Fortschritt an sich von der Fähigkeit ab, Ideen, Expertise und Innovationen aus verschiedenenDisziplinen, oft auch aus unterschiedlichen Bereichen, wie dem öffentlichen als auch privaten,sowie aus mehreren Ländern zusammenzuführen. Um neue Produkte und Dienstleistungen in einemsich schnell verändernden Marktumfeld zu schaffen, halten es viele Unternehmen für entscheidend,ihre Ideen und Arbeiten eng mit Partnern, Wissenschaftlern und sogar Wettbewerbern austauschenzu können. Dieser Ansatz wird häufig als „offene Innovation“ oder „Open Innovation“ be-82 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern TEIL Czeichnet. Mehr und mehr wird anerkannt, dass IP für Unternehmen ein wirksames Werkzeug ist, umeine offene Zusammenarbeit zu ermöglichen.Die Wirtschaft ist der Haupttreiber von Innovationen und, wenn die Rahmenbedingungen richtiggesetzt werden, ein wichtiger Akteur in der Entwicklung, Ausführung, Kommerzialisierung und Verbreitungvon Technologien. Das „richtige Umfeld“ beinhaltet nicht nur durchsetzbare IP-Rechte undunterstützende Institutionen, sondern auch Anreize für Forschung und Entwicklung, einschließlichSteueranreize und öffentliche Investitionen. Auch betreiben Unternehmen Forschung, Entwicklungund Kommerzialisierung nicht isoliert. Stattdessen bilden sie oft Partnerschaften und Kooperationenmit Regierungen, wissenschaftlichen oder anderen nicht gewinnorientierten Forschungseinrichtungen,um Ressourcen und Vorteile zu beiderseitigem Gewinn zu nutzen. Allerdings bestehen dieBeiträge von Regierungen und der Wissenschaft zur Innovation oft im Bereich der Grundlagenforschungund Beweisführung und häufig muss sehr viel Privatkapital investiert werden, um die Ergebnissedieser Forschung marktfähig zu machen. Im Allgemeinen ist die schnellste Art und Weise,staatliche und wissenschaftliche Forschungen auf den Markt zu bringen, der Transfer von Patentenoder die Lizenzierung von Patenten und dazugehörigem Know-how an die Privatwirtschaft, wodurchdem privaten Sektor ein Anreiz geboten wird, das notwendige Kapital in das Gemeinschaftsunternehmenzu investieren.Wenn Regierungen potenzielle Mechanismen zur Förderung des Technologietransfers erwägen,sollten sie nicht auf Lösungen zurückgreifen, die die wichtige Rolle von Patenten durch zusätzlicheBelastungen für IP-Rechteinhaber gefährden. Insbesondere die im TRIPS-Abkommen enthaltenenEinschränkungen für die Verwendung von Mechanismen wie Zwangslizenzierung sollten respektiertwerden, wenn Technologien von einem nationalen Markt zu einem anderen transferiert werden.Jegliche Beschränkung freier Marktlizenzen von Technologien sollte auf höchst seltene und zeitlicheng limitierte Situationen begrenzt werden, beispielsweise, wenn es sich um echte nationale Notfällehandelt, in denen es keine Alternative gibt. Zwangslizenzierungen sollten niemals genutzt werden,um dem Land, das die Technologie erhält, einen wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen. Eine andereVorgehensweise würde jeden nationale Grenzen überschreitenden Technologietransfer gefährdenund transnationale Zusammenarbeit verhindern, die unerlässlich ist für die Bewältigung vonglobalen Problemen.Maßnahmen seitens der WirtschaftAus Sicht der Wirtschaft sollen sich die Maßnahmen vonRegierungen und internationalen Organisationen daraufkonzentrieren, wie IP-Rechte genutzt werden können, umFragen wirtschaftlicher und technologischer Entwicklunganzugehen. Ziel ist, sich auf die Lösung praktischer, realerProbleme zu konzentrieren und gleichzeitig die Anreizeund Möglichkeiten des Technologietransfers im globalenIP-System aufrechtzuerhalten.Die Wirtschaft nimmt an einer Reihe Public-Private-Partnerships sowie privatwirtschaftlicher Initiativen zurForschung und Bereitstellung benötigter Technologien –einschließlich Medikamente und Impfstoffe – für Entwicklungsländerteil. Dieses Thema wird auch in der ICC-Stellungnahme Further Views on Cross Border CompulsoryLicensing (21. November 2002) diskutiert.Öffentlich-private Partnerschaften wie HINARI (HealthInterNetwork Access to Research Initiative), AGORA (Accessto Global Online in Agriculture) und OARE (OnlineRegierungsmaßnahmenFür die Wirtschaft sind die ThemenKohärenz und Koordinierung zwischenstrategischen Bereichen wiebeispielsweise Gesundheitswesen,Umwelt, Energie, Nahrungsmittelund IP-Politik von großer Bedeutung.Regierungen müssen anerkennen,dass Entwicklungsfragenkomplex und vielfältig sind und mitverschiedenen, dem jeweiligenKontext angepassten Mitteln angegangenwerden müssen. Überpatentierte Produkte hinaus solltenbei der Festlegung einer Regierungsstrategieweitere Faktoreneine Rolle spielen. Dazu gehörenFragen der Entwicklung und Entwicklungshilfeallgemein und inspezifischen Bereichen wie Ge-IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 83


TEIL C Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern 2012Maßnahmen seitens der WirtschaftAccess to Research in the Environment) tragen zu einemvereinfachten Zugang zu wissenschaftlichen und technologischenInformationen im Bereich Gesundheit, Ernährung,Landwirtschaft und Umwelt für Institutionen in einkommensschwachenLändern bei.Die Wirtschaft wird auch weiterhin in internationalen Organisationenund allen Ländern das Bewusstsein für diewichtige Rolle des IP-Schutzes fördern, die diese bei derallgemeinen Anregung von Forschung und Innovationspielt.Die Beachtung von IP-Rechten durch effiziente und ausgewogeneVerfahren zur Vergabe und Durchsetzung vonIP-Rechten ist ein Grundpfeiler für Wettbewerbsfähigkeitund Anregung von Forschung und Entwicklung. Um diesesKonzept zu verankern, muss die Wirtschaft zusammenmit Regierungen und Unternehmen aller Länder weitereAnstrengungen unternehmen.Die Rolle von Zwangslizenzierung in Kontext mit Technologieentwicklungund -transfer bleibt weiterhin ein schwierigesund komplexes Thema. Zwangslizenzierungen vonPatenten werden unter bestimmten Bedingungen insbesonderedurch internationales Recht geregelt – auch imTRIPS-Abkommen. Die Wirtschaft hat jedoch Bedenken,dass ein weitläufiger und aggressiver Gebrauch oder dieAndrohung des Gebrauchs von Zwangslizenzen negativeFolgen für Investitionsentscheidungen zur Entwicklungneuer Technologien hat. Gleiches gilt für den Transfer vonneuen Technologien in Länder, die Zwanglizenzierungenauf diese Weise nutzen oder androhen zu nutzen. DieWirtschaft wird weiterhin die Implementierung, den Einsatzsowie die Androhung des Gebrauchs von Zwangslizenzenbeobachten und bei Regierungen auf Maßnahmen drängen,die vor Zwangslizenzen schützen, welche Entwicklungund Technologietransfer gefährden. Insbesonderewird die Wirtschaft weiterhin darauf drängen, dassZwangslizenzierungen streng nach internationalem Rechterfolgen.Die Wirtschaft wird auch zukünftig die Arbeit von zwischenstaatlichenOrganisationen, die mit Fragen im Zusammenhangmit Technologietransfer (u.a. Gesundheit,Umwelt und Ernährungssicherheit) befasst sind, verfolgenund zu dieser Arbeit beitragen.Dies beinhaltet Beiträge zur:(i) Implementierung der globalen Strategie und des Aktionsplansfür öffentliche Gesundheit, Innovation und IPRegierungsmaßnahmensundheit, Ernährung und Umwelt.Regierungen sollten daran arbeiten,Innovationskapazitäten vor Ortzu fördern und Strategien zu implementieren,die Technologieentwicklungund -transfer unterstützen.Dies beinhaltet die Ausbildungvon qualifizierten Fachkräften,sinnvolle Steueranreize, die Sicherstellungeines wirksamenSchutzes für IP-Rechte, die Schaffungeines Rechtsrahmens zurUnterstützung marktbezogenerLizenzierungen dieser Rechte.Ebenso sinnvoll sind die Regulierungen,die Investitionen und Handelfördern, die Schaffung vonAnreizen zur Kapitalbereitstellungfür Forschung, Entwicklung undKatalogisierung genetischer Ressourcensowie die Durchführunggeeigneter politischer Maßnahmenin anderen Bereichen.Bei der Politikgestaltung im Kontextmit IP-Rechten sollten internationaleOrganisationen in bestimmtenBereichen (wie die WHO imGesundheitswesen und UNFCCCund CBD im Bereich Umwelt) engermit der WIPO und WTO zusammenarbeitenund sich entsprechendabstimmen.Regierungen müssen sowohl aufnationaler Ebene als auch imTRIPS Council an der nationalenund regionalen Implementierungder WTO-Entscheidung (2005)über eine Änderung von TRIPSarbeiten. Dabei muss gewährleistetwerden, dass die Einführunggrenzübergreifender Zwangslizenzierungenin Treu und Glaubenund zum Vorteil von Patienten inEntwicklungsländern umgesetztwird. Regierungen sollten außerdemdie Sicherheitsklauseln fürRechteinhaber in der WTO-Entscheidung schützen.84 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern TEIL CMaßnahmen seitens der Wirtschaftin der WTO;(ii) Implementierung der Entwicklungsagenda bei derWIPO;(iii) Diskussion über IP und Klimawandel unter dem UN-Rahmenübereinkommen zum Klimawandel(UNFCCC);(iv) Diskussion des Technologietransfers innerhalb derBiodiversitätskonvention (CBD); und(v) Diskussion des Technologietransfers innerhalb derWTO.Aktivitäten der ICCDie ICC hat sich aktiv an den Debatten über Technologieentwicklungund -transfer im Allgemeinen und in bestimmtenTechnologiebereichen beteiligt. Im Bereich der Gesundheitswissenschaftenhat die ICC der CIPIH (Commissionon Intellectual Property Rights, Innovation and PublicHealth) das Themenpapier The Importance of IncrementalInnovation for Development (27. Mai 2005) sowie derWHO das Papier Intellectual Property and Medical Innovation(28. September 2007) im Zusammenhang mit demIGWG Konsultationsprozess unterbreitet. Im Zusammenhangmit IP und der WIPO-Entwicklungsagenda hat dieICC die folgenden Dokumente vorgelegt: Making IntellectualProperty Work for Developing Countries (19. Juli2005) und Recommendations on the Implementation ofthe WIPO Development Agenda Proposals (29. November2007). Bezüglich IP und Klimawandel hat die ICC derUNFCCC die folgenden Dokumente unterbreitet: TechnologyDevelopment and Deployment to Address ClimateChange (31. November 2008) und Climate Change andIntellectual Property Rights Protection (10. September2009). Im Zusammenhang mit der Biodiversitätskonventionhat die ICC das Papier Nature, Traditional Knowledgeand Capacity Building (18. September 2009) vorgelegt.Zusammen mit der WIPO hat die ICC eine Podiumsdiskussionzur Technologieverbreitung in Entwicklungsländerwährend des LESI Global Technology Impact Forums imJanuar 2012 organisiert.RegierungsmaßnahmenDes Weiteren sollten Regierungenverstehen, dass eine Lockerungder Bedingungen für Zwangslizenzenden Anreizeffekt von Patentengefährdet. Dies gilt auch für Einzelerfinderund kleine Unternehmenin Entwicklungsländern, dasolche Maßnahmen für alle Rechteinhaber,auch inländische, geltenmüssten.Regierungen sollten sich weiterhinbemühen, Anreize für den Technologietransferan die am wenigstenentwickelten Länder gemäß Artikel66(2) TRIPS zu bieten.Regierungen müssen auch beiihrer Arbeit auf nationaler Ebenesicherstellen, dass die Verhandlungennicht zu einer Schwächungvon IP-Rechten führen. Dies gilt inVerbindung mit den Verhandlungeneines Post-2012 Abkommensunter der UNFCCC, der globalenStrategie der WHO und deren Aktionsplanzur öffentlichen Gesundheit,Innovation und IP sowie inVerbindung mit der laufenden Implementierungder WIPO-Entwicklungsagenda.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 85


TEIL C Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern 2012IV.WETTBEWERBSPOLITIK1. AllgemeinesNatürlicherweise bestehen Spannungen zwischen dem Wettbewerbsrecht (Kartellrecht in den USA)und den Rechten geistigen Eigentums. Artikel 8.2 und 40 des TRIPS-Abkommens erlauben es denWTO-Mitgliedsstaaten, zur Kontrolle wettbewerbswidriger Praktiken Maßnahmen zu ergreifen, die aufIP-Rechten basieren. WTO, OECD und UNCTAD haben Arbeitsgruppen zur Analyse solcher Praktikengebildet. Die Hauptaktivität gab es aber dazu – wie nachfolgend beschrieben – in den USA undder EU.Wettbewerbsbehörden haben in den vergangenen Jahren drei verschiedene Formen identifiziert, indenen geistiges Eigentum wettbewerbswidrig eingesetzt werden kann:(i) Eine beherrschende Position, die durch Eigentum an IP entsteht, kann durch den Rechteinhabermissbraucht werden.(ii) Ein Lizenzgeber kann seinem Lizenznehmer restriktive Lizenzvorgaben auferlegen, welche ihmeine unangemessene Vergütung seines geistigen Eigentums gewähren würden. (Zum Beispieldurch die Lizenzierung eines patentierten Verfahrens unter der Bedingung, dass unpatentiertesAusgangsmaterial bei ihm zu kaufen ist – sogenannte „Kopplung“).(iii) Wenn ein Patentamt Patente von niedriger Qualität vergibt (auch wenn diese Patente später voreinem Gericht anfechtbar sind) und die Gesetzeslage allgemein unsicher ist. In diesem Fall könnenkonkurrierende Patentinhaber sich dafür entscheiden, diese Patente zu respektieren, statt siezu ignorieren oder anzufechten.Punkt (i) wurde in den USA im Oktober 2003 durch einen Bericht der Federal Trade Commission(FTC) erstmals erörtert und im April 2007 ausführlicher behandelt in einem gemeinsamen Bericht derFTC zusammen mit der Antitrust Division des US-Justizministeriums, einer weiteren US-Behörde zurDurchsetzung von Kartellrecht. Dabei wurde der Standpunkt vertreten, dass IP-Rechte nur selten Monopoleim Sinne des Kartellrechts schaffen. Die Verantwortlichen der Europäischen Kommission habenhistorisch betrachtet eine weniger entspannte Haltung vertreten. Während der letzten Jahre wurdeaktiv versucht, die wettbewerbsrechtlichen Durchsetzungsverfahren im Zusammenhang mit Missbraucheiner dominanten Marktposition mit Hilfe von IP-Rechten durchzusetzen. Dies hat dazu geführt,dass einige andere Rechtssprechungen der EU-Kommission gefolgt sind.Punkt (ii) wird in den USA durch Richtlinien angegangen und wurde in den Berichten von 2003 und2007 weiter diskutiert. In diesen Berichten wurde ein entspannter Ansatz basierend auf Vernunftsregeln(„rule of reason“) deutlich. Die FTC und das amerikanische Justizministerium haben zu verstehengegeben, dass sie Fällen von Kopplung und Bündelung durch „Unternehmen mit fehlender Marktmacht“nicht nachgehen würden, wenn diese Vorgehensweisen zu wirtschaftlicher Effizienz führten.Allerdings würden wettbewerbswidrige Fälle dieses Vorgehens verfolgt. In Europa gibt es eine umfangreicheund komplexe Gruppenfreistellungsverordnung für Technologietransfer-Vereinbarungensowie eine verwandte Verordnung für Forschungs- und Entwicklungsvereinbarungen. Für nationaleGerichte kann es schwierig sein, diese Verordnungen konsequent anzuwenden, insbesondere, wennsehr niedrige Marktanteilsschwellen in der Verordnung überschritten werden. 2010 hat die EuropäischeKommission hinsichtlich der Überarbeitung der Verordnung zu Forschungs- und Entwicklungsvereinbarungenberaten und zunächst vorgeschlagen, dass die Ausnahme von ausgearbeiteten Maßnahmenzur Vermeidung der verspäteten Offenlegung wesentlicher Patente („patent ambushes“) beiF+E-Kooperationen abhängig gemacht werden sollte. Dieser Vorschlag erfolgte aufgrund einer falschenAnalogie mit der Festlegung von Standards (siehe unten, Sondersituationen). Wirtschaftsvertreter,einschließlich der ICC, argumentierten, dass der Vorschlag nicht praktikabel sei. Letzten Endesenthielt die überarbeitete Verordnung, die am 1. Januar 2011 in Kraft trat, diese Bedingung nicht. Des86 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern TEIL CWeiteren gab es einige Verbesserungen, u.a. die günstigere Behandlung im technischen Bereich vonNutzungsbeschränkungen zwischen den Parteien, die mit der Gruppenfreistellungsverordnung fürTechnologietransfer-Vereinbarungen übereinstimmte.Punkt (iii) wurde in dem amerikanischen Bericht von 2003 angesprochen. Über einen Fortschritt beider Gesetzgebung zu Verfahren der Patentanfechtung und zur allgemeinen Verringerung der bestehendenUnsicherheit für Drittparteien (aus first-to-invent und Schadensersatz in dreifacher Höhe destatsächlich entstandenen Schadens resultierend) wird an anderer Stelle berichtet (siehe Abschnitt A. I.1.1, Verschiedene Patentsysteme: Ersterfinder- vs. Erstanmelderprinzip (first-to-invent vs. first-to-file)).Die Punkte (i) bis (iii) kamen bei der Untersuchung der Europäischen Kommission zum pharmazeutischenSektor auf, welche im Abschnitt „Sondersituationen“ beschrieben wird. Obwohl dieser Bereichtatsächlich „besonders“ ist, könnten einige der Schlussfolgerungen mit Anpassungen auch auf andereBranchen angewandt werden.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft wird, wo möglich, zu den Diskussionen über dieSchnittstelle zwischen geistigem Eigentum und Wettbewerb inder OECD, UNCTAD und WIPO beitragen. Die Wirtschaft wirddie Entwicklungen in den USA verfolgen und kommentieren.Die Wirtschaft wird die konkreten Folgen der EU-Verordnungenbeobachten.RegierungsmaßnahmenWichtige Patentgesetze müssenweiterhin vom amerikanischenKongress entschiedenwerden.2. SondersituationenIn der Europäischen Union hat die Europäische Kommission die Ausübung von Rechten geistigenEigentums in besonderen Marktsituationen begrenzt bzw. versucht, diese einzugrenzen: TV-Programmzeitschriften,Strukturierung von Marktforschungsergebnissen und Abfallverwertung. Unternehmenbefürchten, dass bestimmte Fälle so unangemessen entschieden werden könnten, dass dieAusübung von Rechten geistigen Eigentums in anderem Kontext beeinträchtigt wird. Die Lizenzierungder Verwendung von technischen Informationen war während der letzten Jahre ein wichtiges Themabei dem Verfahren der Europäischen Kommission gegen Microsoft.Wie in Punkt 6 von „Entwicklungen mit Einfluss auf den Schutz geistigen Eigentums“ beschrieben,müssen die Akteure in Standardisierungsorganisationen bereit sein, Lizenzen unter Patenten zu gewähren,wenn diese Patente die Einführung eines vorgeschlagenen Standards abdecken würden.2005 teilte die Europäische Kommission ihre Bedenken mit, dass die Regelungen der wichtigen EuropäischenTelekommunikations-Standardisierungsbehörde den Teilnehmern wettbewerbswidrigesHandeln erlauben würde (insbesondere durch „patent ambush“ mittels unzureichender Offenlegungwesentlicher Patente). Als Antwort auf die Äußerungen der Kommission überarbeitete diese Behörde,das Europäische Institut für Telekommunikationsnormen (ETSI), im gleichen Jahr ihre IP-Politik. Späterrichtete sie ein Sonderkomitee zu IP-Rechten ein, welches die ETSI auch zukünftig über notwendigeVeränderungen des ETSI-Verfahrens berät.Das Geschäftsmodell des pharmazeutischen Sektors beruht außergewöhnlich stark auf Patenten. DieEuropäische Kommission wollte in ihrer Untersuchung des pharmazeutischen Sektors 2008 prüfen, obHersteller von Originalpräparaten das Patentsystem und Patentvereinbarungen sowie andere regulierendeoder administrative Verfahren genutzt hätten, um den Markteintritt der Generika-Konkurrenznach dem Patentablauf zu verzögern. Sie wollte außerdem ermitteln, ob die Nutzung des Patentsystemsdie Zahl der neu am Markt erscheinenden Arzneimittel reduziert hat.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 87


TEIL C Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern 2012Der 2009 veröffentlichte Bericht fand keine Hinweise für einen systematischen Missbrauch des Patentsystemsoder von Patentvereinbarungen durch Hersteller von Originalpräparaten. Gewarnt wurdeallerdings, dass die Kommission bereit sei, in einzelnen Fällen durch die Anwendung des Wettbewerbsrechtseinzuschreiten:(i) wenn Vereinbarungen (einschließlich Prozessvergleiche) rechtswidrige Beschränkungen für denMarkteintritt von Generika beinhalten, oder(ii) wenn sogenannte „defensive Patente“ (d.h. Patente, bei denen die Inhaber keine wesentlichenInnovationsanstrengungen mehr unternehmen) dazu genutzt werden, um Innovationen seitensder Konkurrenz zu verhindern.Der Bericht behandelte auch die Frage, ob manche Besonderheiten des Europäischen Patentsystemsmöglichen Missbrauch erleichtert hätten. Der Bericht begrüßte die Vorschläge des Europäischen Patentamteszur Verbesserung und Beschleunigung der Prüfungs- und Einspruchsverfahren sowie insbesonderedie neuen Einschränkungen zur freiwilligen Einreichung von Teilanmeldungen. All dieswürde die Unsicherheit für Wettbewerber des Antragstellers verringern. Der Bericht begrüßte auch diederzeitigen Versuche, ein Gemeinschaftspatent und ein einheitliches Patentgerichtssystem innerhalbder Europäischen Union zu schaffen, in der Überzeugung, dass die derzeitig fehlende Übereinstimmungder nationalen Gerichte bei Entscheidungen zu Verstößen und zur Gültigkeit von im Wesentlichenidentischen Patenten zu Unsicherheit bei den Konkurrenten der Patentinhaber führe.V. INFORMATIONSGESELLSCHAFTDigitale Netzwerke mit schneller (Breitband-) Datenübertragungsrate ermöglichen die Verbreitung vondigitalen Inhalten und anderen kulturellen Gütern, sowohl im Streaming- wie auch im On-demand-Format. Die Inhaber der Inhalte und autorisierte Content-Anbieter nutzen Hochgeschwindigkeitsnetzwerke,um Dienstleistungen und Inhaltsangebote auf verschiedenen Plattformen zur Verfügung zustellen; dabei kommen viele verschiedene Geschäftsmodelle zum Einsatz. Neue Online-Plattformensorgen für ein rasantes Wachstum an Kreativität im Netz. Die Zunahme rechtmäßiger Dienste istdurch eine Reihe von Faktoren gefährdet, hierzu zählt u.a. der schwierig zu gewährleistende Schutzbei der Verbreitung von Inhalten im digitalen Umfeld.Zuweilen sind holzschnittartige und polarisierende Sichtweisen in der Debatte erkennbar – es zeigensich kompromisslose Haltungen hinsichtlich des Nutzens oder Schadens durch Schutz oder Beschränkungdes Urheberrechts. Selbstverständlich ist der Schutz geistigen Eigentums eine wichtigeSäule für die Entwicklung des Internethandels und die Integration von Informations- und Kommunikationstechnologien.Gleichzeitig ist es wichtig zu verstehen, dass Urheberrechtsschutz nicht für Informationen, Daten undFakten oder Ideen greift – sondern lediglich für die besondere Form, in der diese dargestellt werden.Es ist hervorzuheben, dass Urheberrechtsschutz nicht absolut ist – er ist zeitlich begrenzt und in denmeisten Rechtssystemen bestehen bereits viele Ausnahmen und Schranken im Urheberrechtsschutz.Diese Ausnahmen werden auf der Basis des entsprechenden internationalen Rechts geschaffen undauf nationaler Rechtsebene bestimmt. Sogar im Hinblick auf Nutzungen, bei denen die Ausnahmenkeine Anwendung finden, entwickeln sich freiwillige Lösungen – wie zum Beispiel flexible Lizenzierungvon neuen oder bereits vorher bestehenden IP-Rechten. Diese können so angelegt sein, dass diedem Inhaber von Urheberrechten gewährten Rechte gewahrt bleiben und gleichzeitig breiterer Zugriffauf solche Werke erleichtert wird (zum Beispiel durch Lizenzierungssysteme wie „Creative Commons“,die eine Reihe von genormten Urheberrechtslizenzen anbieten, die spezifizieren, welcher Gebraucherlaubt ist und ob der Inhalt verbreitet oder kopiert werden kann).88 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern TEIL CEin ausgewogenes System, das Schaffenden Anreize bietet und dabei ein ausgeglichenes Systemvon Ausnahmen und Beschränkungen aufweist, bietet ganz verschiedenen Interessengruppen dieMöglichkeit wirtschaftlichen Wachstums. Zu diesen zählen sowohl Urheberrechtsinhaber als auchAnwender und jene, die aus den Ausnahmen und Beschränkungen des Systems Nutzen ziehen. Vordiesem Hintergrund sollte nochmals einer der Hauptzwecke des Urheberrechtsschutzes vergegenwärtigtwerden: Er zielt darauf, die öffentliche Zugänglichkeit von Werken, die ohne Garantie einerSchutzmöglichkeit nicht mit einer großen Öffentlichkeit geteilt würden, zu fördern ebenso wie eineRendite zu ermöglichen für die zur Produktion und Verbreitung nötigen Investitionen an Zeit, Anstrengungenund Können.Internet und Technologien haben neue Wege eröffnet, über die Inhalte, Ideen und Informationen verbreitet,genutzt und geschaffen werden können. Gesetzgeber und Politiker standen seit jeher vor derHerausforderung, wie ein Gleichgewicht zwischen den Rechten von Schaffenden und den Interessender Nutzer im Zusammenhang mit solchen neuen technologischen Entwicklungen herzustellen ist.Das Urheberrecht ist seinem Wesen nach flexibel, um mit diesen Herausforderungen umzugehen. DieVoraussetzung dafür ist, dass es innerhalb eines umfassenden Rechtsrahmens angewandt wird, derdie Verbreitung von Inhalten unterstützt und des Weiteren anerkennt, dass es viele Faktoren über denSchutz geistigen Eigentums hinaus gibt, die bei der Förderung einer ausgewogenen und produktivenInformationsgesellschaft bedacht werden müssen.Entstehende Probleme im Bereich des Urheberrechts haben einen Einfluss darauf, wie Inhalte verbreitetund der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden; diese werden intensiver abgehandelt inAbschnitt A., IV., Urheberrecht.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft wird weiterhin aktiv die Ausarbeitung von politischenVorgaben und Richtlinien für das Internet verfolgen, dieeinen Einfluss auf IP-Rechte haben. Sie wird deutlich machen,dass IP-Schutz die für die Entwicklung des Internets notwendigeKreativität sowie die Schaffung und Verbreitung weitererWerke zum Vorteil der Öffentlichkeit fördert. Die Entwicklungvon Geschäftsmodellen und verlässlichen technischenSchutzmaßnahmen läuft weiter.Die Wirtschaft hat bei zahlreichen Vorhaben mitgewirkt, damitviele Inhalte leichter zugänglich und auf sichere Art und Weiseüber die gesamte Bandbreite neuer Medienplattformen zurVerfügung stehen. Das „Robots Exclusion Protocol“ (REP) istein bestehendes Protokoll aus den neunziger Jahren und stelltWebmastern Möglichkeiten bereit, wie sie Suchmaschineninformieren können, welche Teile ihrer Webseite sie veröffentlichenund welche Teile sie privat halten möchten.Ein weiteres Beispiel ist das „Automated Content Access Protocol“(ACAP). ACAP ist eine von einer branchenübergreifendenIndustriegruppe (einschließlich Verlage, weitere Inhalteanbieterund Suchmaschinen) entwickelte technische Spezifikation.Sie informiert Suchmaschinen über die Nutzungsmöglichkeitender auf Webseiten öffentlich zugänglichen Inhalteund ermöglicht neue Geschäftsmodelle. Für die Zukunft werdenweitere „M2M“-Vorhaben erwartet, d.h. automatische Datenübertragungenzwischen technischen Geräten mit Zugriffserlaubnisund -regelung. ACAP ermöglicht eine breiter ange-RegierungsmaßnahmenRegierungen sollten politischeMaßnahmen treffen, um Innovationund Kreativität im Internetzu fördern, die den Schutzvon geistigem Eigentum beinhalten.Ein praktischer undwirksamer Weg für Regierungen,um dies zu erreichen,wäre die Ratifizierung und derBeitritt zur Berner Übereinkunft,zu TRIPS und denWIPO Internet-Verträgen sowiedie Umsetzung und rechtlicheDurchsetzung von derenVorgaben.Das Government AdvisoryCommittee von ICANN sollteICANN darin unterstützen,eine Politik zu verabschieden,die Internethandel fördert undauch den Schutz geistigenEigentums voranbringt. Regierungensollten die wirksameDurchsetzung von IP-Rechtenund Partnerschaften unterstützen,die sicheren und rechtmäßigenZugriff auf Inhalte imIP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 89


TEIL C Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern 2012Maßnahmen seitens der Wirtschaftlegte Zugriffserlaubnis über die Fähigkeiten des REP und einfacherSuchmaschinen hinaus und bietet einen formal verwaltetenfortlaufenden Entwicklungs- und erweiterten Implementierungsprozess.RegierungsmaßnahmenInternet ermöglichen.Die Wirtschaft sollte auch in Zukunft die Möglichkeiten sondieren,um den sicheren und rechtmäßigen Zugang zu Materialienzu verbessern. Die Wirtschaft unterstützt den Dialog überSysteme zur technisch sicheren Online-Verbreitung von Werkensowie Technologien zur digitalen Rechteverwaltung(DRM), um solche Verbreitung zu schützen und Innovationund Kreativität zu fördern.Aktivitäten der ICCDie ICC startete die „Business Action to Support the InformationSociety“ (BASIS) Initiative Mitte 2006, um die Interessender Wirtschaft zu vertreten und Unternehmenserfahrungen aufglobalen Foren zur Verfügung zu stellen. Dazu zählen das„Internet Governance Forum” (IGF), die „Global Alliance forICT and Development” (GAID) und die post-WSIS Folge- undUmsetzungsmaßnahmen.VI.DATENSCHUTZIn vielen Ländern und regionalen Rahmenwerken beziehen sich die Datenschutzbestimmungen – vondenen viele auf der Zustimmung des Einzelnen zu Erhebung und/oder Verwendung und/oder Transferseiner persönlichen Daten basieren – auf zahlreiche Aspekte der Unternehmenstätigkeit. Zwei Beispielesind die OECD-Leitlinien für den Schutz des Persönlichkeitsbereichs und den grenzüberschreitendenVerkehr personenbezogener Daten sowie die Richtlinie 95/46/EG zum Schutz natürlicher Personenbei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien Datenverkehr. Eine neuereBemühung war die Schaffung des Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC) Privacy Framework.Persönliche Daten (d.h. jegliche Information, die direkt oder indirekt die Identifizierung eines Einzelnen,auf den sie sich bezieht, erlaubt) sind im Allgemeinen nicht per se durch Rechte geistigen Eigentumsgeschützt, sondern im Wesentlichen durch Datenschutzgesetze.Schutz und Lizenzierung von IP-Rechten können sich mit Bestimmungen zum Datenschutz überschneiden,wo persönliche Daten beispielsweise im Zusammenhang mit den folgenden Aktivitätenverarbeitet werden: Schaffung von neuen IP-geschützten Produkten und Dienstleistungen (zum Beispiel Verbraucherrechts-Software); Aufnahme in Datenbanken, deren anschließender Gebrauch lizenziert wird, möglicherweise alsTeil eines größeren IP-Pakets; Verarbeitung für Forschungs-/Studienprogramme (zum Beispiel im medizinischen Bereich), derenErgebnisse erwartungsgemäß durch IP-Rechte geschützt werden (vor allem Patente oder Urheberrechte);und90 IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC)


2012 Interaktion von geistigem Eigentum und anderen Politikfeldern TEIL C Entwicklung von neuen Technologien und Werkzeugen, welche durch IP-Rechte geschützt werdenkönnen und neue Geschäftsmöglichkeiten schaffen (z. B. Geolokalisierung, „eingebauter Datenschutz“,Verfahren zur Profilerstellung).Regelungen für den Datenschutz müssen möglicherweise auch angegangen werden, wenn personenbezogeneDaten benötigt werden, um IP-Rechte durchzusetzen. Beispielsweise ist es in der EuropäischenUnion nach erheblichen Kontroversen allgemein akzeptiert, dass Daten, die unter bestimmtenUmständen als persönlich angesehen werden (wie eine Internetprotokoll-Adresse), eingesetztwerden können, um Nutzer zu identifizieren oder aufzuspüren, die an IP-Verstößen beteiligt seinkönnten. Spannungen zwischen Datenschutz und Durchsetzung von IP-Rechten kamen auch hinsichtlichdes Zugangsumfangs zutage, der ICANNs WHOIS-Datenbank (welche Daten über Anmelder vonDomainnamen beinhaltet) zugestanden werden sollte, und dabei, inwieweit technische Vermittler verpflichtetwerden sollten, Daten wie Internetprotokoll-Adressen zu angeblichen Rechtsverletzern zurVerfügung zu stellen.Aktuell gibt es in Europa und den USA Bewegungen zur Überarbeitung bestehender Rechtsrahmenzum Datenschutz. Beispielsweise soll die vorgeschlagene EU-Datenschutz-Verordnung neue, technologischmögliche Geschäftspraktiken berücksichtigen, den Schutz von Verbraucherdaten verbessernund, falls möglich, nach gegenseitig akzeptablen internationalen Standards suchen.Maßnahmen seitens der WirtschaftDie Wirtschaft hat die OECD-Leitlinien für den Schutz desPersönlichkeitsbereichs und den grenzüberschreitenden Verkehrpersonenbezogener Daten von 1980 befürwortet und sichverpflichtet, faire Informationspraktiken und transparente Abläufein Übereinstimmung mit diesen Richtlinien umzusetzen.Die Wirtschaft wird weiterhin darauf dringen, dass die derzeitigenund zukünftigen Regelungen zu Datenschutzbelangen dieberechtigten Anforderungen der Unternehmen bei IP-Fragenund in anderen Bereichen angemessen berücksichtigen. DieWirtschaft wird daher auch zukünftig die rechtmäßigen Interessenaller beteiligter Gruppen bei ihrer Suche nach einem angemessenenGleichgewicht miteinbeziehen, das alle notwendigenThemen öffentlichen Interesses berücksichtigt.Aktivitäten der ICCDie ICC war durch ihre Kommission Digitale Wirtschaft (früherE-Business, Information Technology and Telecoms, EBITT)zusammen mit sechs anderen internationalen Wirtschaftsverbändenauch am Entwurf alternativer Standardvertragsklauselnfür den Transfer von persönlichen Daten aus der EU inDrittländer beteiligt, welche 2004 von der Europäischen Kommissiongebilligt wurden.Die ICC-Kommission Digital Wirtschaft hat das ICC PrivacyToolkit entworfen, welches die vielen Vorteile eines selbstregulierendenAnsatzes zum Datenschutz näher beschreibt. Sie wirddie für die Überarbeitung der EU-Richtlinie zum Schutz persönlicherDaten (1995) angestoßenen Diskussionen verfolgen.RegierungsmaßnahmenRegierungen sollten einenflexiblen und bedarfsgerechtenAnsatz für den Schutz vonpersönlichen Daten verfolgen.Dies schließt Akzeptanz vonselbstregulierenden Lösungenund technologischen Innovationenein, die den Nutzerstärken sowie den Ausgleichdieser Interessen mit anderenZielen der öffentlichen Politiksuchen, wie beispielsweiseden Kampf gegen Cybercrimesowie Produkt- und Markenpiraterie.Regierungen sollten an derSicherstellung eines Ansatzesarbeiten, der sowohl die Rechteder Anbieter von Inhaltenals auch die Interessen vonEinzelnen und anderen Interessengruppenim digitalvernetztenUmfeld schützt.IP-Roadmap der Internationalen Handelskammer (ICC) 91


Notizen


Dannemann Siemsen, founded in 1900, is active in all fields of industrial andintellectual property and has expanded to incorporate expertise in newareas of IP and related laws, such as franchising, domain name protection,software registration, consumer protection, unfair competition and the licensing ofindustrial property rights and trade names.With 148 attorneys and a total staff of nearly 900 in 5 offices located throughBrazil, Dannemann Siemsen serves the needs of every type of client, from newstart-ups to Fortune 500 Companies. Although today it is the largest intellectualproperty firm in Brazil, Dannemann Siemsen continues to operate as a “boutique”office committed to giving its clients the best possible direct and personal service.Many of the firm’s clients have been with the firm for years, if not decades.Consistently recognized for the quality of its service, the firm has been electedthe Brazil IP Firm of the Year, by Managing Intellectual Property, every year since1997. A number of individual partners of Dannemann Siemsen have also beenrecognized as being in the first Tier by Chambers and Partners.In spite of having been founded over a century ago, Dannemann Siemsen todayis modern and dynamic, constantly seeking ways to improve its services whilemaintaining its commitment to excellence. At the same time, it is dedicated tocommunity and public service and actively participates in social programmes thatgive opportunities to the underprivileged.


Über die Internationale Handelskammer (ICC)Die ICC ist der Spitzenverband der Weltwirtschaft. Sie repräsentiert branchenübergreifenddie Interessen der international tätigen Wirtschaft und setzt sich für offene Märkte und fairenWettbewerb ein.Die ICC verfolgt drei Ziele: Sie unterstützt durch ihre weltweit genutzten Regelwerke eineeffiziente Abwicklung internationaler Geschäfte. Sie bietet mit dem ICC-Schiedsgerichtshofdie renommierteste Institution zur privatwirtschaftlichen Streitbeilegung und sie vertrittdie Interessen ihrer Mitglieder gegenüber internationalen Regierungsorganisationen undnationalen Regierungen.In den Kommissionen der ICC erarbeiten Vertreter der Mitglieder gemeinsame Positionender Weltwirtschaft. Abgedeckt werden die Bereiche Gewerblicher Rechtschutz,Handels-, Zoll- und Investitionspolitik, Handelsrecht und -praxis, Schiedsgerichtsbarkeit,Banktechnik und -praxis, Wettbewerbsrecht, Steuerfragen, Corporate Responsibility undKorruptionsbekämpfung, Transport und Logistik, Marketing und Werbung, Digitale Wirtschaftsowie Umwelt- und Energiefragen.Als Vertretung der Privatwirtschaft ist sie Dialogpartner unter anderem für die VereintenNationen, die Welthandelsorganisation (WTO) sowie die G20 und die G8.Die ICC wurde 1919 gegründet und ist in mehr als 120 Ländern aktiv. Zu den Mitgliederndes deutschen Nationalkomitees, der ICC Deutschland, gehören global agierende Konzerneund Mittelständler, Spitzen- und Fachverbände, Industrie- und Handelskammern sowieAnwaltskanzleien.38 Cours Albert 1er, 75008 Paris, FranceTelephone: +33 (0)1 49 53 28 28Fax: +33 (0)1 49 53 28 59E-mail: icc@iccwbo.orgWebsite: www.iccwbo.orgInternationale HandelskammerICC Deutschland e.V.Wilhelmstr. 43G, D-10117 BerlinTel: + 49 (0)30 – 200 7363 - 00Fax: +49 (0)30 – 200 7363 - 69E-mail: icc@icc-deutschland.deWebseite: www.icc-deutschland.dePublikationsnummer: 731G

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