Arzt und Zuchtmeister der Künste Frankfurter Rundschau 20-6-2011 ...

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Arzt und Zuchtmeister der Künste Frankfurter Rundschau 20-6-2011 ...

Arzt und Zuchtmeister der KünsteFrankfurter Rundschau 20-6-2011Henning BolteIn den Niederlanden erleidet die Kultur zur Zeit einen Kahlschlag ohneBeispiel. Nach dem Regierungswechsel sollen 20 Prozent bei den Künsteneingespart werden, während andere Bereiche nur auf fünf Prozent verzichtenmüssen.Bei jedem Regierungswechsel in den Niederlanden muss die Polderlandschaft derKünste neu vermessen und eingerichtet werden: ein Schauspiel, in das man hierbestens eingeübt ist. Dieses Mal allerdings überschreitet die Politik eine Grenze.Man setzt bewusst große Gebiete unter Wasser, und zwar nach dem Motto: DieTüchtigen können sich selbst ins Trockene retten. Denn die niederländischenKünste haben in Staatssekretär Halbe Zijlstra ihren Arzt und Zuchtmeistergefunden. Er weist den Weg in eine Zukunft, in der die Künste, so sein oberstesZiel, nicht länger am Tropf staatlicher Subventionen hängen.Tatkräftiges Eingreifen ist angesagt, denn der verwöhnte Patient begibt sich nichtfreiwillig auf den gewiesenen Weg der Gesundung. Bedrohte Orchester beginnenumgehend, effektiver zu wirtschaften: Schon die Sparankündigung habe Effekt,frohlockt Zijlstra. Das zeige, dass noch viel herauszuholen sei. Die rechteMinderheitsregierung hat sich Einsparungen von 18 Milliarden Euro bis 2015 inallen Bereichen zum Ziel gesetzt. Den Künsten kommt eine Sonderrolle zu:Kürzungen von 200 Millionen, satte 20 Prozent im Gegensatz zur fünfprozentigenKürzung in anderen Bereichen, 175 Millionen indirekter Kürzungen noch nichtmitgerechnet.Private Quellen sprudeln langsamZu den brachialen Eingriffen gehört die Schließung des gerade errichtetenSektorinstituts für Musik, die Auflösung ganzer Orchester, die drastischeBegrenzung von Festivalfinanzierung oder die Kürzung von Projektmitteln um 30Prozent. Es ist ein politischer Kompromiss, der der Koalition aus Liberalen undChristdemokraten vom Populisten Geert Wilders als Preis für dessen Tolerierungdes Minderheitskabinetts aufgedrückt wurde. So halten sich die politischen Kräftegegenseitig in Schach, wobei Wilders die Regierung für sich arbeiten lässt.Das wichtigste beratende Regierungsorgan, der Kulturrat, plädierte in seinemletzten Gutachten für eine schrittweise Verschiebung der Zusammenlegung vonprivaten und öffentlichen Mitteln. Diese Kernempfehlung wird von Zijlstra rigorosignoriert.Es ist bereits zu sehen, dass die privaten Quellen nicht so schnell sprudeln. DieAbschaffung von ganzen Sektorinstituten wird einen Schaden anrichten, dessenBehebung ungleich mehr Mittel erfordert. Als Folge dieser Maßnahmen werden


die niederländischen Künste ihre Offenheit und internationale Einbindung weiterverlieren. Da hilft es wenig, wenn Zijlstra an der vollen Förderung vonSpitzenensembles wie dem Nederlands Danstheater und dem KoninklijkConcertgebouworkest festhält. Sie werden dadurch zu staatlichenVorzeigeinstituten mit denen Repräsentanten die weite Welt bereisen.Die ebenso abrupten wie unverhältnismäßigen Kürzungen werden von Zijlstra alsnotwendig propagiert. Es müsse ein „Cultuuromslag“ bewerkstelligt werden, dertief eingebürgerten Gewohnheiten den Garaus mache. Die emotionale und wirreMediendebatte begrenzt das allgemeine Phänomen staatlicherFörderungsabhängigkeit exklusiv und extrem auf die Künste. In Karikaturenspintisierender Künstler und Einrichtungen schwingt nicht nur eine Abkehr vonbestimmten Kunstformen mit, sondern häufig der Wunsch, sich dieser Störfaktorenzu entledigen.ZitatMark Rutte, niederländischer Ministerpräsident, nahm am 12. Juni auf einer Pressekonferenzzu den Kürzungen im Bereich der Kultur Stellung: „Ich bin nicht gegen Förderung. Ich binkein überdrehter Marktliberaler. Ich sehe einfach zu viel Leute, die mit dem Rücken zum Feldund offenem Portemonnaie Richtung Den Haag stehen. Sie sollen sich umdrehen. Förderungmit Anstand, so dass Menschen sich wieder gänzlich auf die Entfaltung eigener Kreativitätrichten können.“ frGeneralabrechnung mit den 60ernHinter dem Stichwort „Cultuuromslag“ verbirgt sich eine Generalabrechnung mitdem „Geist der 60er Jahre“. Man holt das Bild vom Künstler hervor, der es sich aufGemeinschaftskosten bequem gemacht hat und uns, der hart arbeitendenBevölkerung, auf der Nase herumtanzt. Zijlstra bedient – gewollt oder ungewollt –diese Vorurteile. Nur so kann die Regierung das Förderdickicht radikal lichten unddie vorhandene Verflechtung der Instanzen auf eine stärker marktorientierte und -kontrollierte Basis stellen. Der Clou: Die Ressourcen dafür können erst als Folgedieser radikalen „Umschaltung“ entstehen!Politiker wie Zijlstra gefallen sich im gleichen ideologischen Overdrive wie dievon ihnen so verabscheuten Adepten der Sechziger Jahre. Interessant ist, dass sichZijlstras erklärtes politisches Vorbild, Frits Bolkestein, früherer Obmann derniederländischen Liberalen und Ex-Eurokommissar, öffentlich gegen dieKunstkürzungen gewandt hat.Die Verschiebung, der Zijlstra das Wort redet, ist bereits seit geraumer Zeit imGange. Zijlstra zerstört mit seinen Maßnahmen eine ganze Reihe vonfunktionierenden Elementen. Sachgerechtes politisches Handeln wäre in diesemFall als politische Performance propagandistisch wohl nicht spektakulär genug.

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