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Heinrich von Kleist-Briefe-Kurzprosa-2

Heinrich von Kleist-Briefe-Kurzprosa-2

Heinrich von KleistSämtliche Briefe[An das Stiftsfräulein Wilhelmine v.Zenge Hochwohlgeboren zu Frankfurt a. Oder.]Paris, den 10. Oktober 1801Liebe Wilhelmine. Also mein letzter Brief hat Dir so viele Freude gemacht? O möchte Dirauch dieser, unter so vielen trüben Tagen, ein paar froher Stunden schenken! Anderebeglücken, es ist das reinste Glück auf dieser Erde. - Nur schwer ist es, wenn wir selbst nichtglücklich sind, und andere doch grade in unserm Glücke das ihrige setzen. - Indessen fühleich mich doch wirklich von Tage zu Tage immer heiterer und heiterer, und hoffe, daß endlichdie Natur auch mir einmal das Maß von Glück zumessen wird, das sie allen ihren Wesenschuldig ist. Auf welchem Wege ich es suchen soll, darüber bin ich freilich noch nicht rechteinig, obgleich sich mein Herz fast überwiegend immer zu einem neigt - Aber ob auch DeinHerz sich dazu neigen wird? -? Ach, Wilhelmine, da bin ich fast schüchtern in der Mitteilung.Aber wenn ich denke, daß Du meine Freundin bist, so schwindet alle Zurückhaltung, unddarum will ich Dir mancherlei Gedanken, die meine Seele jetzt für die Zukunft bearbeitet,mitteilen.Ein großes Bedürfnis ist in mir rege geworden, ohne dessen Befriedigung ich niemalsglücklich sein werde; es ist dieses, etwas Gutes zu tun. Ja, ich glaube fast, daß diesesBedürfnis bis jetzt immer meiner Trauer dunkel zum Grunde lag, und daß ich mich jetztseiner bloß deutlich bewußt geworden bin. Es liegt eine Schuld auf dem Menschen, die, wieeine Ehrenschuld, jeden, der Ehrgefühl hat, unaufhörlich mahnt. Vielleicht kannst Du Dir, wiedringend dieses Bedürfnus ist, nicht lebhaft vorstellen. Aber das kommt, weil DeinGeschlecht ein leidendes ist - Besonders seitdem mich die Wissenschaften gar nicht mehrbefriedigen, ist dieses Bedürfnis in mir rege geworden. Kurz, es steht fest beschlossen inmeiner Seele: ich will diese Schuld abtragen.Wenn ich mich nun aber umsehe in der Welt, und frage: wo gibt es denn wohl etwas Gutes zutun? - ach, Wilhelmine, darauf weiß ich nur eine einzige Antwort. Es scheint allerdings für eintatenlechzendes Herz zunächst ratsam, sich einen großen Wirkungskreis zu suchen; aber -liebes Mädchen, Du mußt, was ich Dir auch sagen werde, mich nicht mehr nach demMaßstabe der Welt beurteilen. Eine Reihe von Jahren, in welchen ich über die Welt im großenfrei denken konnte, hat mich dem, was die Menschen Welt nennen, sehr unähnlich gemacht.Manches, was die Menschen ehrwürdig nennen, ist es mir nicht, vieles, was ihnen verächtlichscheint, ist es mir nicht. Ich trage eine innere Vorschrift in meiner Brust, gegen welche alleäußern, und wenn sie ein König unterschrieben hätte, nichtswürdig sind. Daher fühle ich michganz unfähig, mich in irgend ein konventionelles Verhältnis der Welt zu passen. Ich findeviele ihrer Einrichtungen so wenig meinem Sinn gemäß, daß es mir unmöglich wäre, zu ihrerErhaltung oder Ausbildung mitzuwirken. Dabei wüßte ich doch oft nichts Besseres an ihreStelle zu setzen - Ach, es ist so schwer, zu bestimmen, was gut ist, der Wirkung nach. Selbstmanche von jenen Taten, welche die Geschichte bewundert, waren sie wohl gut in diesemreinen Sinne? Ist nicht oft ein Mann, der einem Volke nützlich ist, verderblich für zehnandere? - Ach, ich kann Dir das alles gar nicht aufschreiben, denn das ist ein endloses Thema.- Ich wäre auch in einer solchen Lage nicht glücklich, gar nicht glücklich. Doch das solltemich noch nicht abhalten, hineinzutreten, wüßte ich nur etwas wahrhaft Gutes, etwas, das mitmeinen innern Forderungen übereinstimmt, zu leisten. - Dazu kommt, daß mir auch, vielleicht

durch meine eigne Schuld, die Möglichkeit, eine neue Laufbahn in meinem Vaterlande zubetreten, benommen. Wenigstens würde ich ohne Erniedrigung kaum, nachdem ich zweimalEhrenstellen ausgeschlagen habe, wieder selbst darum anhalten können. Und doch würde ichauch dieses saure Mittel nicht scheuen, wenn es mich nur auch, zum Lohne, an meinen Zweckführte. - Die Wissenschaften habe ich ganz aufgegeben. Ich kann Dir nicht beschreiben, wieekelhaft mir ein wissender Mensch ist, wenn ich ihn mit einem handelnden vergleiche.Kenntnisse, wenn sie noch einen Wert haben, so ist es nur, insofern sie vorbereiten zumHandeln. Aber unsere Gelehrten, kommen sie wohl, vor allem Vorbereiten, jemals zumZweck? Sie schleifen unaufhörlich die Klinge, ohne sie jemals zu brauchen, sie lernen undlernen, und haben niemals Zeit, die Hauptsache zu tun. - Unter diesen Umständen in meinVaterland zurück zu kehren, kann unmöglich ratsam sein. Ja, wenn ich mich über alle Urteilehinweg setzen könnte, wenn mir ein grünes Häuschen beschert wäre, das mich und Dichempfinge - Du wirst mich, wegen dieser Abhängigkeit von dem Urteile anderer, schwachnennen, und ich muß Dir darin recht geben, so unerträglich mir das Gefühl auch ist. Ich selbsthabe freilich durch einige seltsamen Schritte die Erwartung der Menschen gereizt; und wassoll ich nun antworten, wenn sie die Erfüllung von mir fordern? Und warum soll ich denngrade ihre Erwartung erfüllen? O es ist mir zur Last - Es mag wahr sein, daß ich so eine Artvon verunglücktem Genie bin, wenn auch nicht in ihrem Sinne verunglückt, doch in demmeinen. Kenntnisse, was sind sie? Und wenn Tausende mich darin überträfen, übertreffen siemein Herz? Aber davon halten sie nicht viel - Ohne ein Amt in meinem Vaterlande zu leben,könnte ich jetzt auch wegen meiner Vermögensumstände fast nicht mehr. Ach, Wilhelmine,wie viele traurige Vorstellungen ängstigen mich unaufhörlich, und Du willst, ich soll Dirvergnügt schreiben? Und doch - habe noch ein wenig Geduld. Vielleicht, wenn der Anfangdieses Briefes nicht erfreulich ist, so ist es sein Ende. - Nahrungssorgen, für mich allein, sindes doch nicht eigentlich, die mich sehr ängstigen, denn wenn ich mich an das Bücherschreibenmachen wollte, so könnte ich mehr, als ich bedarf, verdienen. Aber Bücherschreiben für Geld- o nichts davon. Ich habe mir, da ich unter den Menschen in dieser Stadt so wenig für meinBedürfnis finde, in einsamer Stunde (denn ich gehe wenig aus) ein Ideal ausgearbeitet; aberich begreife nicht, wie ein Dichter das Kind seiner Liebe einem so rohen Haufen, wie dieMenschen sind, übergeben kann. Bastarde nennen sie es. Dich wollte ich wohl in dasGewölbe führen, wo ich mein Kind, wie eine vestalische Priesterin das ihrige, heimlichaufbewahre bei dem Schein der Lampe. - Also aus diesem Erwerbszweige wird nichts. Ichverachte ihn aus vielen Gründen, das ist genug. Denn nie in meinem Leben, und wenn dasSchicksal noch so sehr drängte, werde ich etwas tun, das meinen innern Forderungen, sei esauch noch so leise, widerspräche. - Nun, liebe Wilhelmine, komme ich auf das Erfreuliche.Fasse Mut, sieh mein Bild an, und küsse es. - Da schwebt mir unaufhörlich ein Gedanke vordie Seele - aber wie werde ich ihn aussprechen, damit er Dir heiliger Ernst, und nichtkindisch-träumerisch erscheine? Ein Ausweg bleibt mir übrig, zu dem mich zugleich Neigungund Notwendigkeit führen. - Weißt Du, was die alten Männer tun, wenn sie 50 Jahre lang umReichtümer und Ehrenstellen gebuhlt haben? Sie lassen sich auf einen Herd nieder, undbebauen ein Feld. Dann, und dann erst, nennen sie sich weise. - Sage mir, könnte man nichtklüger sein, als sie, und früher dahin gehen, wohin man am Ende doch soll? - Unter denpersischen Magiern gab es ein religiöses Gesetz: ein Mensch könne nichts der GottheitWohlgefälligeres tun, als dieses, ein Feld zu bebauen, einen Baum zu pflanzen, und ein Kindzu zeugen. - Das nenne ich Weisheit, und keine Wahrheit hat noch so tief in meine Seelegegriffen, als diese. Das soll ich tun, das weiß ich bestimmt - Ach, Wilhelmine, welch einunsägliches Glück mag in dem Bewußtsein liegen, seine Bestimmung ganz nach dem Willender Natur zu erfüllen! Ruhe vor den Leidenschaften!! Ach, der unselige Ehrgeiz, er ist ein Giftfür alle Freuden. - Darum will ich mich losreißen, von allen Verhältnissen, die michunaufhörlich zwingen zu streben, zu beneiden, zu wetteifern. Denn nur in der Welt ist esschmerzhaft, wenig zu sein, außer ihr nicht. - Was meinst Du, Wilhelmine, ich habe noch

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