Aufrufe
vor 2 Jahren

Psychotherapeutenjournal 3/2013 (.pdf)

Psychotherapeutenjournal 3/2013 (.pdf)

Der Einbezug von Eltern

Der Einbezug von Eltern in die ambulante Kinder- und JugendlichenpsychotherapieEltern lehnen Einbezug abnie in 1/3 der Fälle in bis zu 2/3 der Fälle in (fast) allen Fällen63,636,4ten an, mehr Stunden (Anzahl, Aufteilungunabhängig vom Versorgungsschlüssel)anbieten zu wollen.Kind lehnt Einbezug ab21,876,41,8Eltern haben keine ZeitEltern sind überfordert 1,820,470,970,421,89,35,5Diskussion und AusblickKind ist überforderthohe Erwartungen an Therapeuthohe Erwartungen an sich selbsthohe Erwartungen an das Kindelterl. Erwartungen inkompatibel mitTherapiezielenStörung der TherapiebeziehungRollenkonflikte (Eltern vs. Co‐Therapeut)Verschärfung fam. Belastungen25,55,57,421,813,538,935,356,911,8 5,950,936,47,370,420,4 1,965,512,765,417,3 3,859,31,954.0 40.0 4,0 2,062,72,0Die Befragung niedergelassener sächsischerKinder- und Jugendlichenpsychotherapeutenzielte darauf ab, Erfahrungen undein Meinungsbild zur Anwendbarkeit undDurchführbarkeit des elterlichen Einbezugsim klinischen Praxisalltag zu erfassen, wobeihier vor allem eine kognitiv-verhaltenstherapeutischePerspektive eingenommenwurde.0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100Angaben in %Abbildung 4: „Welche Schwierigkeiten sind Ihnen beim Einbezug von Eltern bisher begegnet?“(vorgegebene Optionen, Angaben in Prozent, 4-stufige Skala).Angaben in %1009080706050403020100Münchner Trainingsmodell7,1Paartherapie nach Hahlweg11,9Abbildung 5: „Auf welche Weise würden Sie Eltern mehr in die Behandlung ihres Kindeseinbeziehen wollen?“ (vorgegebenen Antwortoptionen, Angaben in Prozent, Mehrfachnennungenmöglich).wurde hier der Wunsch geäußert, mehrFreiheitsgrade bei zeitlichen Einteilungen(Häufigkeit) des elterlichen Einbezugs zuhaben, unabhängig vom derzeitigen Behandlungsschlüsselvon 1 zu 4.Abschließend fragten wir nach Wünschenund Erwartungen der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten,um demWunsch nach häufigerer (56.9%) und intensiverer(62.3%) Elternarbeit zu entsprechen:Abbildung 5 zeigt, auf welcheWeise ein solcher Einbezug stattfinden23,8PEPandere25,4Elterntraining Triple P28,6 28,6Methoden euthymen ErlebensFamilientherapeutische Konzepte nach Alexander31,0THOP40,5Elemente der Spieletherapie42,9Token‐Programme47,3 47,6Soziales KompetenztrainingElterntrainings bzgl. verhaltenstherapeutischer Strategienkönnte. Zu weiteren Informationen bezüglichder genannten Programme und Strategiensiehe Döpfner (2006a, b).Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutenwürden für einen häufigeren Einbezugvon Eltern plädieren, wenn eine höhereVergütung geboten (51.7%; geforderterMindest-Kassensatz zwischen 80-150 €, M= 100.00 €; SD = 16.60 €), mehr Aus-/Fortbildungen angeboten (48.3%) odermehr Wirksamkeitsnachweise berichtet(20.7%) würden. Ferner gaben die Befrag-64,3Die Ergebnisse der Befragung legen nahe,dass zum Einbezug von Eltern überwiegendpositive Erfahrungen und ein deutlichesInteresse niedergelassener KinderundJugendlichenpsychotherapeuten bestehen.Dieser Befund beinhaltet – ausSicht der Praktiker – möglicherweise wenigNeues. Aus einer forschungsorientiertenPerspektive aber zeugt er von der Aufgeschlossenheitund den vorhandenen Ressourcenzum Einbezug von Eltern in diepsychotherapeutische Behandlung vonKindern und Jugendlichen. Eltern nehmenhäufig an der Behandlung ihrer Kinder teil,nicht nur im Rahmen der Diagnostik undBefunderhebung, sondern auch und teilweisesehr aktiv mittels psychoedukativerund aktiv-übender Elemente in der Behandlungsdurchführungund Rückfallprophylaxe.Aus Sicht der Psychotherapeutenbestehen in ca. einem Drittel der FälleSchwierigkeiten beim elterlichen Einbezug,z. B. wenn (zu) hohe Erwartungen aufseitender Eltern oder Ablehnung vonseitendes Kindes bestehen. Hinderlich wurdenaußerdem das Prozedere zur Terminfindungund der über die Gebührenordnunggeregelte Versorgungsschlüssel angesehen.Gewünscht wird hier vor allem mehrFlexibilität beim Einbezug der Eltern überden bestehenden Versorgungsschlüsselvon 1 zu 4 hinaus. Ähnliches wurde 2011im Rahmen einer Stellungnahme zu Besonderheitenin der Berufsausübung vonKinder- und Jugendlichenpsychotherapeutengefordert (Fallis, 2011), da die enormeVielfalt und hohe Flexibilität der KinderundJugendlichenpsychotherapie längerfristigeine flexiblere Gestaltung der Ab-250 Psychotherapeutenjournal 3/2013

S. Knappe, N. Müller & S. Härtlingrechnungsmodalitäten erfordern, um u. a.eine stärkere Einbeziehung des sozialenBezugssystems der minderjährigen Patientenin der Abrechnung gerecht zu werden.Ferner wurde eine deutlich beweglichereGestaltung der Zeitstrukturen im Rahmender Psychotherapien gefordert (Fallis,2011). Dies verlangt jedoch auch auf wissenschaftlicherEbene weiterführende Bemühungenum den Nachweis der kurzundlangfristigen Wirksamkeit des elterlichenEinbezugs für die psychische Gesundheitvon Kindern und Jugendlichen.Angesichts der hohen Relevanz psychischerStörungen für das Gesundheitssystemerscheinen Senkungen der Erkrankungsratenund die Optimierung verfügbarerBehandlungsstrategien wünschenswert.Folgt man den Befunden zurfamiliären Häufung und Annahmen zu zugrundeliegenden Mechanismen und Prozessenist allerdings zu fragen, welche Veränderungsprozesse(und -modelle) beimEinbezug von Eltern in die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapieangestrebt werdensollten. So kann der Fokus auf elterlichenEinstellungen und Kognitionen, aufelterlichen Verhaltensweisen im Rahmender Eltern-Kind-Interaktion, Beziehungserwartungen,Veränderungen innerhalb desfamiliären Klimas o. ä. liegen – entsprechendvielfältig, wie diese Ansätze sind,waren auch die eingesetzten Inhalte undStrategien elternbezogener Interventionenin den befragten Praxen.Möglicherweise profitieren v. a. Kinder psychischkranker Eltern vom elterlichen Einbezug(Legerstee et al., 2008); denkbarist, dass selbst betroffene Eltern für einePartizipation besonders motiviert sind. Diebefragten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutenschätzten den Anteil vonpsychisch kranken Eltern ihrer Patientenbei 39.4% (range 0-90%) für ein bzw. bei9.2% (range 0-60%) für zwei betroffeneElternteile. Dennoch sollten auch möglicheungünstige Effekte nicht außer Achtgelassen werden. So wird auch berichtet,dass Kinder dann nicht mehr vom elterlichenEinbezug profitieren, wenn Elternselbst schwer beeinträchtigt und Adhärenzund Compliance auf Elternseite vermindertsind (Strauss et al., 2012). Folglich bestehtdie Gefahr, dass Eltern durch einenEinbezug überfordert werden. Umgekehrtist zukünftig auch zu prüfen, ob Psychotherapiebei Erwachsenen (Eltern) positiveEffekte auf die psychische Gesundheit derKinder hat.Die Ergebnisse der Umfrage müssen auchkritisch betrachtet werden. So beschränktesich die Befragung aus Zeit- und Kostengründenauf niedergelassene Kinder- undJugendlichenpsychotherapeuten in Sachsen.Andere Institutionen wie etwa integrativeFamilienhilfen oder teil- und vollstationäreAngebote, ärztliche Kollegen sowieKollegen in anderen Bundesländern wurdennicht befragt. Die Rücklaufquote von42.5% wird angesichts der Vielzahl vonAnfragen an niedergelassene Psychotherapeutenvon unterschiedlichsten Institutionenals zufriedenstellend erachtet (Ochs,Bleichhardt, Klasen et al., 2012). Vermutlichmachten die befragten Psychotherapeutenihre Angaben eher intuitiv, ohneAktendurchsicht. Dies mag zu einer Überbzw.Unterschätzung der tatsächlichen Beteiligungder Eltern geführt haben. AuchEffekte sozialer Erwünschtheit könnennicht gänzlich ausgeschlossen werden. Dader Fragebogen vor allem aus der eigenenkognitiv-verhaltenstherapeutischen Perspektiveangelegt war und vorrangig kognitiv-verhaltenstherapeutischorientierte Kollegenan der Befragung teilnahmen, ist dieAussagekraft für tiefenpsychologisch bzw.analytisch arbeitende Kollegen eingeschränkt.Systematische Unterschiede zwischenden psychotherapeutischen Schulenwurden in den vorliegenden Zahlenjedoch nicht beobachtet. Die bisherigeWirksamkeitsforschung zu Interventionenim Kindes- und Jugendalter ist in ähnlicherWeise bisher vor allem verhaltenstherapeutischorientiert. Zu psychoanalytischen/tiefenpsychologischen(z. B. Richter,2012) sowie eltern- und familienorientiertenPsychotherapiekonzepten sindeher wenige Untersuchungen verfügbar(Beelmann & Schneider, 2003). Die Berücksichtigungsystemischer Perspektivenund anderer Institutionen, die an der Gestaltungfamiliärer Beziehungen beteiligtsind, ist weiter erstrebenswert. So ist anzunehmen,dass andere Perspektiven derPsychotherapie andere Fragen oder Itemsformuliert hätten. Einige Items, etwa zuStörungsbildern oder Altersgruppen, beidenen der Einbezug der Eltern besondershäufig oder wichtig sei, lieferten leider wenigbrauchbare Informationen aufgrundvon Deckeneffekten. Auch bleibt unklar,warum aktuelle bzw. an Forschungseinrichtungenkonzipierte und gut evaluierte Modellesich wenig in der Praxis niederschlagen.Die Gründe können vielfältig sein undreichen von Unbekanntheit, geringer Akzeptanzbis hin zu strukturellen Barrierenwie Zeit- oder Platzmangel.Insgesamt konnte unsere Fragebogenstudiezeigen, dass die Einstellungen und Erfahrungender befragten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutenzum Einbezugvon Eltern in die Psychotherapie derKinder überwiegend positiv waren undRessourcen zur Umsetzung vorhandensind. Intensive Forschungsbemühungenzum elterlichen Einbezug in die KinderundJugendlichenpsychotherapie solltendaher den „praktischen Sektor“ explizit einbeziehen,um letztlich die Translation undDissemination ihrer Befunde zu stärken.Anmerkungen: Die Fragebogenstudie„Der Einbezug von Eltern in die ambulanteKinder- und Jugendpsychotherapie:Status quo, Nutzen und Barrieren ausSicht niedergelassener Psychotherapeutenin Sachsen“ wurde aus Sachmittelnder Fachrichtung Psychologie der TUDresden (Anschubfinanzierung) finanziert.Wir bedanken uns bei Rosanna Wendelfür die Unterstützung zur Manuskriptgestaltung.Ganz besonders gilt unserDank allen sächsischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutenfür ihreTeilnahmebereitschaft.LiteraturDie Literaturangaben zu diesem Artikelfinden Sie auf der Internetseite der Zeitschriftunterwww.psychotherapeutenjournal.de.Psychotherapeutenjournal 3/2013251

Psychotherapeutenjournal 2/2006 (.pdf) - medhochzwei Verlag GmbH
Psychologische/n Psychotherapeut - Psychotherapeutenjournal
journal Psychotherapeuten - Psychotherapeutenkammer NRW
Gemeinsame Weiterbildung FL-VE/2013 (PDF, 3 MB)
sportINSIDER 3/2013 PDF - Freizeitalpin
Ausgabe 2013-3 als PDF herunterladen - BKK Rieker . Ricosta ...
Zeitschrift Familie, Ausgabe Dezember 2013 PDF 3 - Familienbund
"Auf den Punkt"-Ausgabe 3-2013 - Kassenärztliche Vereinigung ...
Ärzteblatt Baden-Württemberg 11-2013 [PDF] - Landesärztekammer ...
Ausgabe 3-2013 - IGZ
Trendreport 3/2013 als PDF zum Download - FORBA
TVAktuell 2013-3.pdf - TV Arbergen
Evergislusbote 3/2013 als PDF zum Herunterladen - Sankt Evergislus