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Psychotherapeutenjournal 3/2013 (.pdf)

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Absolventenzahlen der

Absolventenzahlen der Psychotherapie ausbildungauf die weniger restriktiven Studiengängeder Nachbarländer (v. a. Niederlande,Schweiz, Österreich) ausweichen.Gibt es zu viele Absolventen?Was die reale notwendige Absolventenzahlangeht, so sollte der Bedarf an Psychotherapeutensicherlich nicht ausschließlichdurch die aktuelle Mitgliederstärke derKammern definiert werden. Der Fehler, denIst-Wert zum Soll-Wert zu erklären, wie erbeispielsweise 1999 auch bei der Berechnungder Bedarfszahlen für niedergelassenePsychotherapeuten in der ambulantenVersorgung gemacht wurde (sog. Bedarfsplanung),sollte an dieser Stelle nicht wiederholtwerden. Vielmehr sind auch soziodemographischeFaktoren und aktuelleEntwicklungen der Versorgungslandschaft(z. B. Entwicklungen in der ambulantenPsychotherapie bzw. bei den Zahlen derVertragspsychotherapeuten) zu berücksichtigen.Die Diskussion um ein sich veränderndesBerufsbild (Richter, 2013) verdeutlichtzudem, dass inzwischen zunehmendmehr Psychotherapeuten in neue Tätigkeitsfeldereingedrungen sind und weitereindringen, die bei der Verabschiedung desPsychThG noch nicht im Fokus standen.Zusätzlich könnte der Bedarf an neuenPsychotherapeuten auch durch veränderteLebensmodelle der neuapprobierten Psychotherapeutensteigen. So schätzen Nüblinget al. (2010), dass sich das Verhältnisvon weiblichen zu männlichen Psychotherapeutenin Baden-Württemberg von ursprünglich63 zu 37 auf ca. 80 zu 20 imJahr 2030 verändern wird. Eine solche Entwicklungist in der Medizin unter dem Begriff„Feminisierung“ bekannt und geht miteiner erhöhten Nachfrage nach Teilzeitstelleneinher (Köhler, Trittmacher & Kaiser,2007; Kopetsch, 2008 zitiert nach Schneider,2010) und führt aufgrund von Schwangerschaftund Elternzeiten zu einer Reduzierungder durchschnittlichen Lebensarbeitszeit(Baumhove & Kirchner, 2012).Ähnliche Trends sind auch in der Psychotherapeutenschaftsichtbar. So ermittelnRuoß, Ochs, Jeschke und Peplau (2012) inihrer Befragung von neuapprobierten Psychotherapeutenaus sechs Landespsychotherapeutenkammern,dass 63,1% derneuapprobierten angestellten Psychotherapeutennur in Teilzeit (< 36h/Woche)arbeiten bzw. die durchschnittliche Arbeitszeitder neuapprobierten niedergelassenenPsychotherapeuten nur 26,8 Stundenpro Woche beträgt. Ob diese Entwicklungaber tatsächlich auf die Wünsche derneuapprobierten Psychotherapeuten oderevtl. fehlende berufliche Möglichkeiten zurückzuführenist, muss weiter untersuchtwerden.Hinsichtlich der Arbeitsmarktsituationzeigt sich, dass 2012 durchschnittlich 338nicht-ärztliche Psychotherapeuten bei derBundesagentur für Arbeit (BfA) arbeitslosgemeldet waren (BfA, 2013). Dem gegenüberstanden 254 Stellenangebote. Danicht alle Stellen den Arbeitsagenturengemeldet werden und Arbeitgeber auchauf anderen Wegen Mitarbeiter suchen,liegt die tatsächliche Nachfrage wohl umeiniges höher (BfA, 2012). Darüber hinausgab es 2012 für die Berufe in der klinischenPsychologie (eine getrennteGruppe in den Statistiken der BfA) einenÜberschuss an Stellenangeboten. Hierwaren 2012 durchschnittlich 1.383 Psychologenarbeitslos gemeldet. Demgegenüberstanden 2.110 gemeldete Arbeitsstellen.Dies zeigt auch, dass die Approbationals Psychotherapeut bisher beiStellenausschreibungen wenig berücksichtigtwird und geht mit den Ergebnissender Angestelltenbefragung der BPtK(2013a) einher, in der u. a. festgestelltwurde, dass bei knapp 60% bis 75% derangestellten Psychotherapeuten die Approbationkeinen Einfluss auf den Arbeitsvertragbzw. die Vergütung hat. In der ambulantenVersorgung zeigt sich, dass dieKostenerstattung nach SGB V §13 Absatz3 einen wichtigen Arbeitsmarkt darstellt.Knapp 50% der neuapprobierten selbstständigenPsychotherapeuten arbeiten inprivater Praxis (Ruoß et al., 2012). DasFehlen attraktiver Arbeitsalternativen insbesonderein der Niederlassung aufgrundzu weniger Praxissitze und hoher Praxiskaufpreisedurch die hohe Nachfrage beiNeuapprobierten könnte hierfür mitverantwortlichsein (vgl. Siegel, 2013a) undfür den deutlichen Anstieg an Leistungendurch Kostenerstattung (BPtK, 2013b) gesorgthaben.Zwar scheint es derzeit auf dem Arbeitsmarktbezüglich der Verfügbarkeit von Arbeitsmöglichkeitennoch nicht zu einemÜberangebot an Psychotherapeuten gekommenzu sein. Es fehlen aber Arbeitsmöglichkeiten,die der hohen Qualifikationder neuapprobierten PsychotherapeutenRechnung tragen. Insofern ist aus meinerSicht bei einer kritischen Betrachtung desAnstieges der Absolventenzahlen, welcher2013 noch nicht abgeschlossen sein wird,zumindest zu diskutieren, ob derzeit nichtzu viele Psychotherapeuten ausgebildetwerden und wie viele Psychotherapeutenwir tatsächlich benötigen, um zukünftig beiveränderten Tätigkeitsfeldern, neuen Lebensmodellenund der epidemiologischenEntwicklung psychischer Störungen diepsychotherapeutische Versorgung sicherzustellen.Implikationen für dieAusbildungUnabhängig von dieser Frage ist es meinesErachtens dringend erforderlich, den Zusammenhangder Absolventenzahlen bzw.der Anzahl an Ausbildungsteilnehmern mitden Bedingungen während der Psychotherapieausbildungzu hinterfragen. ZurVergütungssituation von Psychotherapeutenin Ausbildung (PiA) zeigt sich, dass geradein Ballungsgebieten mit vielen Ausbildungsstättenwie Köln, Berlin oder Hamburgdie finanzielle Situation besondersproblematisch ist, während in anderenländlicheren Regionen wie Ostwestfalen,dem Münsterland oder dem Sauerland relativgute Bedingungen geschaffen wurden.2 Natürlich lassen sich die genauenZusammenhänge zwischen Absolventenzahlenund Arbeitsbedingungen nur vermuten.Es ist aber kaum vorstellbar, wiebeispielsweise in Köln ca. 200 PP-Ausbildungsteilnehmerpro Jahr von den siebenKölner Ausbildungsinstituten (LandesprüfungsamtNRW, 2013) an fünf Kölner Psychiatriendie Praktische Tätigkeit unter angemessenenRahmenbedingungen sowohlhinsichtlich der Qualität der Betreu-2 Vgl. Klinikbewertungen auf www.pt-ausbildungscheck.de/uk_out_1.php.260 Psychotherapeutenjournal 3/2013

R. J. Siegelung als auch hinsichtlich der Finanzierungabsolvieren können.Insofern möchte ich auch bei der aktuellenDiskussion um ein vernünftiges Ausbildungssystem,wie es ja derzeit ausführlichim Berufsstand diskutiert wird, die Frageaufwerfen, wie viele neue Psychotherapeutenwir pro Jahr ausbilden müssenbzw. sollten. Wo liegen Untergrenzen undwo liegen Obergrenzen? Wie können wirfür diese Anzahl an Ausbildungsteilnehmernausreichend Ausbildungskapazitätenmit angemessenen Rahmenbedingungenschaffen? Diese Fragen stellen sich bei allenReformkonzepten, unabhängig davon,ob es sich um eine Weiterentwicklung einespostgradualen Ausbildungsmodellsoder die Einführung einer sogenanntenDirektausbildung handelt. Auch bei einerDirektausbildung müssten ausreichend Studienplätzesowie für die vertiefte Weiterbildungsog. Weiterbildungsplätze in psychiatrischenEinrichtungen geschaffen werden,sofern nicht gänzlich auf eine Qualifizierungim stationären Bereich verzichtet werdensoll. Sowohl in dem aktuellen Ausbildungssystemals auch bei einer Einführungeines neuen unerprobten Systems ist esalso wichtig, konkrete Schätzungen überdie Anzahl verfügbarer Aus- bzw. Weiterbildungsstellenund deren Finanzierungsmöglichkeiten(sowohl ambulant als auchstationär) zu machen, um diesen Fehlerdes PsychThG nicht zu wiederholen.Davon abgesehen bleibt abzuwarten, wiesich die – aus meiner Sicht sehr begrüßenswerte– aktuelle Rechtsprechung zur Bezahlungder Praktischen Tätigkeit (Förster &Siegel, 2013; Siegel, 2013b) und ein möglicherweisebestätigendes Urteil des Bundesarbeitsgerichtesim kommenden Jahrauf die Anzahl der Klinikplätze für dieDurchführung der Praktischen Tätigkeit unddamit auch mittelfristig auf die Anzahl derAbsolventen auswirken wird. Vielleicht führtdies zu einer zum Teil notwendigen Reduzierungder Ausbildungsteilnehmer und damitauch der Absolventenzahlen. Und fallses dadurch tatsächlich zu dem von Schulteund Lauterbach (2002) prophezeiten Engpassan Absolventen kommen sollte, könntedies zumindest auch die Bundespolitik zueiner Reform des PsychThG drängen, umeine flächendeckende Versorgung durchPsychotherapeuten sicherzustellen.LiteraturDie Literaturangaben zu diesem Artikelfinden Sie auf der Internetseite der Zeitschriftunterwww.psychotherapeutenjournal.de.Dipl.-Psych. Robin J. Siegel ist wissenschaftlicherMitarbeiter an der UniversitätWitten/Herdecke und dort für die Konzeptionund Organisation der neuen Studiengänge„Psychologie und Psychotherapie“(B. Sc.) und „Klinische Psychologie undPsychotherapie“ (M. Sc.) zuständig. Er istSprecher der Vertretung der Psychotherapeutenin Ausbildung (PiA) im VPP/BDPund war von 2011 bis 2013 Sprecher derBundeskonferenz PiA.Dipl.-Psych. Robin J. SiegelUniversität Witten/HerdeckeDepartment für Psychologie und PsychotherapieAlfred-Herrhausen-Straße 5058448 WittenRobin.Siegel@uni-wh.dePsychotherapeutenjournal 3/2013261

Psychotherapeutenjournal 2/2006 (.pdf) - medhochzwei Verlag GmbH
Psychologische/n Psychotherapeut - Psychotherapeutenjournal
journal Psychotherapeuten - Psychotherapeutenkammer NRW
Gemeinsame Weiterbildung FL-VE/2013 (PDF, 3 MB)
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