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Psychotherapeutenjournal 3/2013 (.pdf)

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Aktuelles aus der

Aktuelles aus der Forschungtet werden könnte und gerade Untersuchungenmit mehreren Messzeitpunkten(direkt nach der Intervention, einige Stundenspäter sowie am Tag darauf und imweiteren Verlauf bis zur Genesung) einenwichtigen Beitrag zum Verständnis dieserThematik leisten könnten.Das vorliegende Review wurde im Rahmender Möglichkeiten der bis dato publiziertenStudien methodisch sehr gutdurchgeführt und enthält einige wichtigeImplikationen für die psychotherapeutischePraxis: So könnten in der Psychotherapievon Patienten mit Depression dasfrühere und aktuelle körperliche Aktivitätsniveauim Sinne eines ressourcenorientiertenAnsatzes analysiert und mittelsmotivierender Gesprächsführung die aktuellekörperliche Betätigung schrittweiseerhöht werden. Dies gilt auch für Patienten,die nicht primär unter Antriebslosigkeitleiden, denn Sport könnte, wie vonden Autoren als möglicher Wirkmechanismuserwähnt, u. a. auch dadurch wirksamsein, dass die körperliche Aktivität von negativenGedanken ablenkt und die Patientenihre Selbstwirksamkeit stärken können,indem sie den Sport als neuen „Skill“erlernen. Somit können sportliche Maßnahmenauch dabei helfen, der kognitivenAufrechterhaltung der Depression entgegenzuwirken.Was verändert Sport bei depressiven Patienten?Daley, A. (2008). Exercise and Depression:A Review of reviews. Journal of ClinicalPsychology in Medical Settings, 15 (2),140-147.Die Autorin stellt in diesem Artikel mehrereReviews und Metaanalysen vor, welche dieWirksamkeit von Sport in der Behandlungvon depressiven Symptomen v. a. in Kombinationmit anderen bereits etabliertenInterventionsformen gut belegen. Im Folgendensoll lediglich auf Studien, die einenVergleich zu konventionellen Behandlungsmethodenherstellen, sowie auf Hypothesenzu den Wirkmechanismen vonSport näher eingegangen werden.Zusammenfassend scheinen die meistenStudien laut Daley keine signifikanten Wirksamkeitsunterschiedezwischen Sport undantidepressiver Medikation bei unipolarerDepression zu finden. Eine Metaanalysedeute darauf hin, dass Sport ähnlich effektivwie kognitive Verhaltenstherapie seinkönnte. Diese Ergebnisse seien hoch praxisrelevant,da sicherlich einige Patientensportliche Betätigung einer Medikamenteneinnahmevorziehen würden. Zudemsei der Zugang zu psychotherapeutischenInterventionen u. a. aufgrund der hohenPrävalenzen oftmals limitiert. Antidepressivahätten bekanntlich eine Wirklatenz vonmehreren Wochen, während Sport (zumindestpotenziell) direkt die Stimmungbeeinflussen könne. Darüber hinaus gäbees oftmals trotz antidepressiver Medikationpersistierende Symptome wie Müdigkeitund kognitive Funktionseinbußen, welchesportliche Betätigung nachgewiesenermaßenreduzieren könne.Die Ergänzung einer herkömmlichen Depressionsbehandlungmit sportlichen Angebotensei für die Patienten jedoch oftmalsnicht nachvollziehbar, weshalb Patientenüber Wirkmechanismen aufgeklärtwerden sollten. Auch Daley weist daraufhin, dass trotz großer Forschungsbemühungenin den letzten 16 Jahren die zugrundeliegenden Prozesse der Wirksamkeitnoch nicht eindeutig geklärt werdenkonnten. Es existieren jedoch bereits einigeHypothesen, die von der Autorin vorgestelltwerden. Hierbei seien sowohl physiologische/biochemischeErklärungen alsauch psychologische Mechanismen zudiskutieren.Studien deuteten darauf hin, dass die Plasmakonzentrationvon Endorphinen nachsportlicher Betätigung erhöht ist. Ob – undwenn ja, wie – dies in Zusammenhang miteiner stimmungsaufhellenden Wirkungsteht, bleibt jedoch bislang offen. ErhöhteWerte von Dopamin, Serotonin und Noradrenalinnach Sport konnten bislang nichtam Menschen, sondern nur an Rattennachgewiesen werden.Psychologisch betrachtet könnte Sport alsAuszeit von täglichen Sorgen und depressivenGedanken betrachtet werden. Darüberhinaus führe Sport zu einer Erhöhungder wahrgenommenen Selbstwirksamkeitund des Selbstvertrauens, wobei dieseFaktoren wiederum mit Stimmungsverbesserungeinhergehen könnten. DepressivePatienten litten oftmals unter dem Gefühldes Kontrollverlustes, sodass Sport hier einwichtiger Baustein auf dem Weg zurück zumehr Selbstbestimmung bzw. internalenKontrollüberzeugung sein könnte. Die Autorinbetrachtet Sport diesbezüglich alsForm der Verhaltensaktivierung, die einewichtige und typische Komponente in einereffektiven Psychotherapie darstelle.Die Autorin geht auch auf mögliche Problemeund Implikationen für die Praxis ein:Damit Sport eine effektive Intervention beiDepression sein könne, müssten die Patientenviel Energie, Einsatz und Ausdaueraufbringen. Dies scheint gerade bei depressivenPatienten, deren Krankheitsbildsich u. a. durch Schwierigkeiten in der Bewältigungvon alltäglichen Aufgaben auszeichnet,nicht leicht umsetzbar. Ein speziellesManual scheint es bislang nicht zugeben. Dies könnte ein Grund für die relativhohen Drop-out-Raten (ca. 20%) inUntersuchungen mit Sportinterventionenbei psychischen Erkrankungen darstellen.Aktuelle Studien deuten jedoch darauf hin,dass bereits zehnminütige Einheiten sportlicherAktivität pro Tag zu gesundheitlichenVerbesserungen beitragen können, sodassauch und gerade Depressive nicht demDruck ausgesetzt werden sollten, gleich zuBeginn einer Therapie lange Trainingsintervalledurchhalten zu müssen. Eine langsameDosissteigerung wäre hier durchausangemessen. Gerade bei Frauen mit postpartalerDepression könnten zudem dieerforderliche Kinderbetreuung und dasStillen die Möglichkeiten sportlicher Aktivitätdeutlich einschränken.Kommentar: Das Review von Daley untermauertdie Ergebnisse anderer Autoren zubiochemischen Veränderungen, die zumTeil noch weiterführende Ansätze diskutie-280 Psychotherapeutenjournal 3/2013

N. Sarubinren: Mehrere Studien und Reviews belegen,dass Sport das Immunsystem beeinflusst(Woods et al., 2012) und das Immunsystemwiederum einen Einfluss aufdepressive Symptome haben kann (Helmichet al., 2010): So wird z. B. währendder sportlichen Betätigung Interleukin-6(IL-6) 3 ausgeschüttet (Pedersen et al.,2000) und epidemiologische Daten sprechenfür eine Korrelation zwischen physischerInaktivität und einer Entzündungsneigungbei gesunden Menschen (Abramson& Vaccarino 2002; Fallon, 2001; Geffkenet al., 2001). Vor allem scheint Sportbei älteren Patienten (< 60 Jahre) entzündungshemmendeEffekte zu haben(Woods et al., 2009; Franceschi, 2007;Taaffe et al., 2000; Geffken et al., 2001).Physische Aktivität führt darüber hinaus zuVeränderungen der Monoamine (Neurotransmitter)und Endorphine, reduziertCortisol, stimuliert das Wachstum neuerNervenzellen und induziert die Freisetzungvon Proteinen und Peptiden, die für dieGesundheit und das Wachstum von Zellenmit verantwortlich sind (Helmich et al.,2010).Die Art und die Dosierung des Trainingsscheinen hierbei eine wichtige Rolle zuspielen: Akutes Kräftigungstraining führt zuentzündungsfördernden Effekten, währenddie exakte Dosierung für entzündungshemmendeEffekte noch nicht geklärtzu sein scheint; die aktuelle Datenbasisdeutet darauf hin, dass moderatesAusdauertraining wahrscheinlicher zu positiven,antidepressiven Effekten und entzündungshemmendenEffekten führenkönnte (Helmich et al., 2010).Neben der Klärung möglicher biochemischerVeränderungen steht die Frage imRaum, ob sich die depressionsreduzierenden,stimmungsaufhellenden Effekte vonSport durch die Zunahme körperlicher Fitnesserklären lassen. Wäre dies der Fall,wären bei allen Studien, die einen relativlangen Trainingszeitraum (mehrere Wochen)oder einen sehr intensiven Trainingsplan(mind. dreimal pro Woche) beinhalten,größere Effektstärken, vermitteltdurch mehr Muskelzuwachs und Ausdauer,zu erwarten. Dies ist jedoch nicht derFall (Mead et al., 2009).Darüber hinaus könnte auch der sozialeKontakt, entweder zum Trainer oder beiGruppentraining auch zu den anderen Teilnehmern,eine Wirkvariable sein, die sichwiederum in physiologischen Maßen wieVeränderungen in der Konzentration vonMonoaminen (Neurotransmitter) und Endorphinenniederschlägt (Helmich et al.,2010), sodass soziale Einflussvariablenstets kontrolliert werden sollten. Auch positiveVeränderungen im Körperbild (subjektivoder objektiv) könnten ein potenziellerModerator – möglicherweise auch inKombination mit positivem Feedback vonDritten – sein.Untersuchungen an Tieren führten zu folgendenErkenntnissen: Mäuse, die in experimentellenDesigns „Sport“ betreiben,zeigen eine erhöhte Copingfähigkeit inpsychischen und physischen Stresssituationen.Die gesteigerten Stresscopingfähigkeitensind hierbei vermutlich auf eine adaptivereHypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achsenaktivitätzurückzuführen(Droste et al., 2003, 2006, 2007).Dies zeigt sich sowohl in Form einer verbessertenSchlafqualität und wenigerängstlichem Verhalten als auch im EEG-Profil – jeweils im Vergleich zur Kontrollgruppemit inaktiven Mäusen (Lancel et al.,2003; Binder et al., 2004). Die bisherigenErkenntnisse aus präklinischen Studien zuSport bzgl. der molekularbiologischen neuroprotektivenund antidepressiven Wirkmechanismenführen u. a. dazu, dass an„pharmakomimetischen“ Medikamenten geforschtwird. Das sind Medikamente, die –auch ohne Sport – auf molekularbiologischerEbene ähnliche Effekte wie körperlicheAktivität erzielen sollen (siehe Stranahanet al., 2009). Ob diese dann aberauch ohne die beschriebenen psychologischenWirkmechanismen zu positiven Ergebnissenbei der Depressionsbehandlungführen können, bleibt abzuwarten.AusblickSport als zusätzliche Interventionsform beider Behandlung von Depression führt zuzahlreichen biochemischen und psychologischenEffekten, die zu einer positivenPrognose beitragen können. KörperlicheAktivität sollte daher als Baustein in dertherapeutischen Arbeit mit depressiven Patientenzumindest in Erwägung gezogenwerden. Es existieren bereits einige regionaleSportgruppen, die in Form von SelbsthilfeUnterstützung geben können. DasZusammenwirken von sozialer Unterstützungund anderen, bereits oben beschriebenenEffekten von Sport wäre in diesemKontext durchaus wünschenswert. Sportim Rahmen einer Depressionbehandlungkönnte zudem u. a. die Flexibilität kognitiverund physischer Handlungen und dasmentale „Entkatastrophisieren“ von vermeintlichenFehlern fördern und somit zueinem veränderten Umgang mit Belastungenin diversen Lebenskontexten beitragen(Weigelt et al., 2013).Das Institut für klinische Exzellenz in Großbritannien(The National Institut for ClinicalExcellence, NICE) empfiehlt in seinenRichtlinien zur Behandlung der Depressiondreimal wöchentlich stattfindende strukturierte,beaufsichtigte sportliche Aktivitätenmit einer Dauer von 45 bis 60 Minuten(NICE, 2007). Für einen schwer depressivenPatienten würde diese Anforderungallerdings vermutlich eine immense Herausforderungdarstellen, deren Nichtbewältigungzu weiterer Frustration führenkönnte. Der behandelnde Psychotherapeutsollte diesbezügliche Entscheidungenauf die Persönlichkeitsstruktur des Patientenabstimmen: Gerade Patienten mit narzisstischenTendenzen könnten sich hierschnell aufgrund einer zu hohen Leistungsmotivationselbst überfordern undbei mangelnder Zielerreichung weitereSelbstwerteinbußen erleiden. Ein Zielkönnte es in diesem Fall sein, die Wahrnehmungdes Patienten nicht auf das „Er-3 Interleukine (IL-x) sind Peptidhormone, d. h.körpereigene Botenstoffe der Zellen des Immunsystems,die die Entzündungsreaktiondes Organismus regulieren.Psychotherapeutenjournal 3/2013281

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