Virtueller Wasserhandel. - Cusanus.net

cusanus.net

Virtueller Wasserhandel. - Cusanus.net

Wasser ist für die Nahrungsmittelproduktion essenziell. In Zukunft ist einezunehmende Nutzungskonkurrenz um regional zum Teil sehr begrenzteWasserressourcen zu erwarten. Durch sinnvolle Anreizstrukturen könnenallerdings Wege gefunden werden, der zunehmenden Wasserknappheit zubegegnen.Virtueller WasserhandelEin Beitrag zur Lösung von regionaler Wasserknappheit undErnährungssicherung?Hermann Lotze-Campen und Dieter GertenWasser ist das wichtigste Lebensmittel und eine der wichtigsten Voraussetzungenfür Pflanzenwachstum und damit die Produktion von Nahrungsmitteln.Wasser ist auf der Erde im Prinzip im Überfluss vorhanden, allerdingsliegt weniger als ein Prozent des gesamten Wassers in Form von verfügbaremSüßwasser vor. Und dieses verfügbare Süßwasser ist zudem regional sehr ungleichmäßigverteilt.Der größere Teil der weltweiten Nahrungsmittelproduktion wird durch Regenfeldbau,also ausschließlich mit den verfügbaren Niederschlägen, erzeugt.Das im Boden gespeicherte Regenwasser wird auch als „grünes“ Wasser bezeichnet.Es wird von den Pflanzen aufgenommen und verdunstet (Transpiration),um damit Photosynthese zu betreiben und aus Sonnenlicht Energie zuproduzieren. Ein Teil des Bodenwassers verdunstet allerdings auch direkt überdie Bodenoberfläche (Evaporation), ohne von den Pflanzen genutzt zu werden.Je größer der Anteil der Transpiration im Vergleich zur Evaporation ist, destoeffektiver nutzen die Pflanzen das im Boden gespeicherte grüne Wasser. Diesbestimmt, vor allem in Regionen mit knappen Niederschlägen, die Grenzender landwirtschaftlichen Produktivität. Darüber hinaus wird in vielen Regionenmit begrenzten Niederschlägen aber auch sogenanntes „blaues“ Wasser677–––––„In der Vergangenheit wurde oft versucht, lokaler Wasserknappheit durch eine verbesserteWasserzufuhr zu begegnen. Groß angelegte Staudämme und Kanalsysteme sollten die Wasserversorgungregulieren und stabilisieren.“ (Konstruktionszeichnung für eine Stauanlage, 17 .Jh;picture-alliance)


für die künstliche Bewässerung in der Landwirtschaft genutzt. Dieses blaueWasser bezeichnet Oberflächenwasser oder auch Grundwasser, das alternativauch als Trinkwasser, Kühl- oder Prozesswasser genutzt werden könnte.Ca. 40 Prozent der gesamten pflanzlichen Agrarproduktion werden auf nur16 Prozent der landwirtschaftlichen Ackerfläche unter Einsatz verschiedenerFormen der künstlichen Bewässerung erzeugt. Bewässerungslandwirtschaftträgt zwei Drittel zur weltweiten Produktion von Reis und Weizen bei. Diesverdeutlicht, dass die Nahrungsproduktion in Regionen mit hohem Bewässerungsanteil(China, Süd- und Südostasien, Nordafrika) stark von der Verfügbarkeitan blauem Wasser abhängig ist.In den nächsten 25 Jahren muss die weltweite Nahrungsproduktionum ca. 40 Prozent erhöht werden, bei gleichzeitiger Senkungdes landwirtschaftlichen Wasserverbrauchs um 10–20 Prozent.678Im globalen Maßstab fließen ca. 70 Prozent des gesamten Verbrauchs anblauem Wasser in die Landwirtschaft, während auf Industrie und privateHaushalte nur ca. 20 Prozent bzw. 10 Prozent entfallen. Im Zuge von Bevölkerungswachstumund Wirtschaftsentwicklung wird sich in Zukunft aber auchder Wasserverbrauch in privaten Haushalten und der Industrie erhöhen. Vorallem die ärmsten Länder in Afrika und Südasien werden sowohl von einemstarken Anstieg der Bevölkerungszahl als auch anhaltender oder sogar zunehmenderTrockenheit betroffen sein. Während in den reichen Ländern derindustrielle Wasserverbrauch zum Teil stark gesenkt werden konnte, wird inden Entwicklungsländern der industrielle Wasserverbrauch noch deutlich ansteigen.Dasselbe trifft für die privaten Haushalte zu. Während in den Industrieländernbereits eine Abkopplung des Wasserverbrauchs von der Einkommensentwicklungzu beobachten ist, wird der Wasserbedarf für Haushalte inden stark wachsenden Megastädten im Süden weiter ansteigen. Eine zusätzlicheNachfrage nach Wasser könnte sich auch im Energiesektor entwickeln,wenn in Zukunft nachwachsende Rohstoffe eine größere Rolle in der Energieversorgungspielen sollten. Weiterhin werden die Wasseransprüche zum Er-


Wissenswelten Schwerpunkt „Dürre Zeiten?“ – Wasser – Hermann Lotze-Campen, Dieter Gertenhalt der Funktionstüchtigkeit von Ökosystemen (zum Beispiel Feuchtgebiete,Flüsse), stärker artikuliert werden und in der Wasserallokation Berücksichtigungfinden müssen, nicht zuletzt aus Gründen des Biodiversitätsschutzes.Aufgrund all dieser Faktoren wird sich die Konkurrenz um das blaue Wasserzwischen der Landwirtschaft und anderen gesellschaftlichen Verwendungenverschärfen: In den nächsten 25 Jahren muss die weltweite Nahrungsproduktionum ca. 40 Prozent erhöht werden, bei gleichzeitiger Senkung des landwirtschaftlichenWasserverbrauchs um 10–20 Prozent.Blaues und grünes Wasser wird von den Nutzpflanzen zu Nahrungsinhaltsstoffenumgewandelt und als sogenanntes „virtuelles“ Wasser gespeichert.Der virtuelle Wassergehalt eines Produkts bezeichnet also die gesamte Mengean blauem und grünem Wasser, die an einem bestimmten Ort nötig ist, umeine Produkteinheit zu produzieren. Mit diesem Konzept kann die Wassernutzungseffizienzverschiedener Produktionsprozesse an verschiedenen Standortenverglichen werden. Der virtuelle Wassergehalt ist stark vom landwirtschaftlichenErtragsniveau abhängig und liegt bei Weizen und Mais zwischen2000 m 3 /kg in weiten Teilen Afrikas. Über deninternationalen Güterhandel, vor allem mit wasserintensiven Agrarprodukten,wird das in ihnen enthaltene virtuelle Wasser global transferiert. Hiermit bestehtprinzipiell die Möglichkeit, wasserintensive Produkte in wasserreichenRegionen zu produzieren und sie dann in wasserknappe Regionen zu exportieren.Der virtuelle Wasserhandel eröffnet also die Möglichkeit, die global unterschiedlichverfügbaren Wasserressourcen möglichst effizient zu nutzen.Wasserverfügbarkeit und KlimawandelDie Wasserverfügbarkeit für die Nahrungsmittelerzeugung wird im Wesentlichenvon den Niederschlägen bestimmt. Dabei kommt es nicht nur auf diegesamte Niederschlagsmenge in einer Wachstumsperiode an, sondern auchsehr stark auf die zeitliche Verteilung und Variabilität innerhalb der Wachstumsperiodeund zu kritischen Zeitpunkten der Pflanzenentwicklung. Auchwenn zunehmend auf Grundwasser, Stauseen und fossile Wasservorkommenals Quellen für Bewässerungswasser zurückgegriffen wird, so wird die679


680regionale landwirtschaftliche Erzeugung in vielen Regionen stark von dennatürlichen Niederschlägen und der Bodenfeuchte beeinflusst. Der globaleKlimawandel wird zu veränderten Niederschlagsverteilungen führen, derenAusmaß für weite Teile der Welt noch mit starken Unsicherheiten behaftet ist.Es ist jedoch zu erwarten, dass sich die Wasserverfügbarkeit in den aridenGebieten des Südens eher noch verschlechtern wird. Darüber hinaus könntendas Abschmelzen der Gletscher und der damit verbundene Verlust ihrer Wasserspeicherfunktion,vor allem in Lateinamerika und Zentralasien, zu einerdrastischen Verschlechterung der Wasserverfügbarkeit in den landwirtschaftlichwichtigen Jahreszeiten führen. Hiervon könnten bis zu 2 Milliarden Menschenund damit auch die Weltagrarmärkte betroffen sein.Neben direkten Auswirkungen auf die Wasserverfügbarkeit beeinflussensteigende Temperaturen und steigende CO 2-Konzentrationen auch wichtigepflanzliche Stoffwechselprozesse, die relevant für den Wasserhaushalt sind.So verringert sich im Allgemeinen bei erhöhtem CO 2-Gehalt der Luft der spezifischeWasserverbrauch der Pflanze pro Einheit erzeugter Kohlenhydrate.Allerdings ist zu erwarten, dass der Klimawandel auch zu veränderter Bodenfruchtbarkeit,Bodenerosion, verstärktem Druck von Pflanzenkrankheitensowie einer Häufung von klimatischen Extremereignissen wie tropische Stürme,Überschwemmungen und Dürreperioden führen wird. Mögliche Beeinträchtigungender Produktqualität, zum Beispiel Gehalt an Inhaltsstoffen,und negative Auswirkungen von höheren Temperaturen auf die Tierproduktionsind weitere wichtige Aspekte. Gerade die Wechselwirkungen zwischendiesen sehr verschiedenen Einflüssen auf die Nahrungsmittelproduktion sindbislang noch völlig unklar. Ärmere Länder in tropischen Regionen, die oft nurgeringere Anpassungsmöglichkeiten an diese Veränderungen haben, werdentendenziell stärker vom Klimawandel betroffen sein als die reicheren Staatenin den gemäßigten Breiten.Wasserknappheit und ErnährungssicherungObwohl die weltweite Nahrungsmittelproduktion theoretisch ausreichen würde,die gesamte Weltbevölkerung mit durchschnittlich 2700 Kalorien pro Per-


Wissenswelten Schwerpunkt „Dürre Zeiten?“ – Wasser – Hermann Lotze-Campen, Dieter Gertenson und Tag zu versorgen, gelten zurzeit ca. 1 Milliarde Menschen als unterernährt.Mit zunehmender Weltbevölkerung hat zwar der relative Anteil derhungernden Menschen in den letzten Jahrzehnten abgenommen, aber dieabsoluten Werte haben sich kaum verändert. Während in Süd- und Südostasiendeutliche Erfolge im Bereich der Ernährungssicherung erzielt wurden,ist Unterernährung in vielen Teilen Afrikas noch weit verbreitet. Die absoluteZahl der Hungernden hat hier in den letzten 20 Jahren, und besonders imZuge des Preisanstiegs für Nahrungsmittel im Jahr 2007/2008, sogar starkzugenommen. Eines der zentralen Millenniums-Entwicklungsziele, nämlichdie Halbierung der Zahl der Hungernden in der Welt bis zum Jahr 2015, ist ausheutiger Sicht kaum zu erreichen.Ernährungssicherheit ist ein vielschichtiges Problem. Auf der Nachfrageseiteist oft der unzureichende Zugang zu Nahrungsmitteln von entscheidenderBedeutung. Hunger ist eng mit Armut verbunden, und Armutwiederum hängt stark mit mangelnden Entwicklungsmöglichkeiten und fehlenderAusbildung zusammen. Selbst in Ländern mit ausreichender Nahrungsproduktionkann es zu Unterernährung kommen, wenn die Kaufkraft einzelnerBevölkerungsgruppen für eine angemessene Ernährung nicht ausreicht.Internationale Handelsbeziehungen mit Agrar- und Nahrungsgüternkönnen sich in verschiedener Weise auf die Ernährungssicherung auswirken.Eine diversifizierte Handelsstruktur kann nützlich sein, um ein Landgegen lokale Produktionsengpässe abzusichern. Andererseits kann sich inarmen Ländern, die stark von Nahrungsmittelimporten abhängig sind, die Ernährungssituationdurch Schwankungen der Weltmarktpreise kurzfristigverschlechtern.Oft werden zur Bewertung der Ernährungssicherheit lediglich Aspekte aufProduktionsseite betrachtet. Niedrige Erträge durch unzureichende Anbautechniken(Saatgut, Dünger, Maschinen) oder Missernten durch Naturkatastrophen(Dürren, Überflutungen) können zu einem regional oder lokalknappen Angebot und unter bestimmten Bedingungen zu Engpässen in derVersorgung mit Nahrungsmitteln führen. Auch die Übernutzung der lokalenRessourcen, wie zum Beispiel Verschlechterung der Bodenqualität und Ero-681


sion, kann zu einer dauerhaften Verschlechterung der Produktion führen.Die zunehmende Verknappung von Wasser, die bereits jetzt zum Beispiel inNordafrika zu beobachten und für andere Regionen in Zukunft zu erwartenist, stellt einen weiteren kritischen Faktor für die Ernährungssicherung dar.Ressourcenknappheit, zum Beispiel bei Wasser, ist also nur ein Faktor, derdie lokale Ernährungssicherheit beeinflusst. Er kann durch Nachfrage- undHandelseffekte noch zusätzlich verschärft, aber auch teilweise kompensiertwerden.Eine zunehmende Wasserknappheit aufgrund verschiedener Faktoren mussnicht notwendigerweise in eine Wasserkrise führen. Es gibt verschiedeneMöglichkeiten der Anpassung, die aber bewusste Umsetzungsstrategien aufverschiedenen Ebenen erfordern.682Institutionelle Rahmenbedingungen der WasserregulierungGeeignete institutionelle und politische Rahmenbedingungen sind die wichtigstenBausteine für ein verbessertes Wassermanagement. Wasser ist geradein der landwirtschaftlichen Produktion in vielen Regionen stark unterbewertetoder wenig reguliert, was ein Hauptgrund für Übernutzung undVerschwendung ist. Vielerorts fehlen klar geregelte Nutzungsrechte oder diesewerden nicht konsequent durchgesetzt. Die kostenlose oder stark subventionierteWassernutzung ist in vielen Ländern fester Bestandteil der staatlichenUnterstützung landwirtschaftlicher Einkommen und wird dementsprechendhart verteidigt. Die Preisgestaltung für Wasser kann also nicht losgelöst vonanderen polit-ökonomischen Einflüssen betrachtet werden. Handelbare Nutzungsrechtefür Bewässerungswasser zeigen einen möglichen Weg zu einerangemessenen Bewertung knapper Wasserressourcen. Im australischenMurray-Darling-Basin wird dieses Instrument seit den 1990er-Jahren eingesetzt.Erste Erfolge sind zu beobachten: inzwischen erfolgt tatsächlich einHandel mit diesen Nutzungsrechten, die Preise für die Wasserlizenzen sinddeutlich gestiegen und die Wassernutzung im gesamten Einzugsgebiet ist effizientergeworden. Gleichzeitig sind die gesamten Ausgaben für Wassernutzungzum Teil deutlich gefallen, da die Landwirte vermehrt in wassersparende


Wissenswelten Schwerpunkt „Dürre Zeiten?“ – Wasser – Hermann Lotze-Campen, Dieter GertenTechnologien investiert haben. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob dieses Systemauch langfristig den Herausforderungen von Klimawandel und Bodenversalzunggewachsen ist. Während kostendeckende Preissteigerungen fürWasser in vielen ärmeren Ländern unangemessen und politisch kaum durchsetzbarwären, könnte bereits ein symbolischer Preis für die Wassernutzungzu einer effizienteren Nutzung führen.Über die reine Preisgestaltung hinaus spielt die Zusammenarbeit zwischender Vielzahl von Behörden sowie die Einbeziehung der Wassernutzer in einepartizipative Entscheidungsfindung eine Schlüsselrolle in der Verbesserungvon Wassermanagement. Das Konzept des integrierten Flusseinzugsgebiets-Management könnte diese Zusammenarbeit verbessern und institutionalisieren.Dabei gilt es, sowohl eine horizontale Integration zwischen sektoralenBehörden als auch eine vertikale Integration zwischen den Ebenen der Verwaltungzu erzielen.Die institutionellen Rahmenbedingungen der Wasserregulierung müssen injedem Fall die ökonomischen Anreizstrukturen schaffen, damit die im Folgendenaufgeführten Maßnahmen in den Bereichen Technologieentwicklung,Lebensstiländerungen und Handelsstrukturen ergriffen werden.Effizienzgewinne durch Produktionstechnik und InfrastrukturDurch technologische Verbesserungen vor allem in der Pflanzenzüchtung istes gelungen, die landwirtschaftlichen Erträge pro Flächeneinheit in den letztenvier Jahrzehnten kontinuierlich um 1–2 Prozent pro Jahr zu steigern, sodassdie weltweite landwirtschaftliche Produktion bislang mit dem BevölkerungswachstumSchritt halten konnte. Allerdings waren die Zuchtziele dabeivor allem auf Ertragssteigerung und weniger auf die Verringerung des Wasserverbrauchsausgerichtet. Für die Zukunft stellt sich die Frage, in welchemMaße die bisherigen Ertragssteigerungen aufrechtzuerhalten sind und welcheBeschränkungen sich bezüglich der Ressourcenverfügbarkeit ergeben. Durcheine konsequente Fokussierung auf die Optimierung des Wasserverbrauchssind in diesem Bereich sicher noch Fortschritte zu erzielen. So erreichen zumBeispiel neuere Reissorten bis zu vier Mal mehr Kornertrag als alte Sorten,683


684bei gleichem Wasserverbrauch. Allerdings erfordern diese technologischenVerbesserungen kontinuierliche Investitionen im Bereich Forschung und Entwicklung.Im Bereich der internationalen Agrarforschung ist dies zunehmendinfrage gestellt, da die Finanzierung in den letzten Jahren nicht kontinuierlichgesteigert wurde.Etwa 60 Prozent der globalen Agrarproduktion findet ohne künstliche Bewässerungstatt. In wasserarmen Gebieten wie zum Beispiel Sub-Sahara-Afrikakann eine bessere Nutzung des grünen Wassers durch einfache, kostengünstigeMaßnahmen erzielt werden. Durch geeignete Anbautechniken kann einerheblicher Teil des verfügbaren Bodenwassers von der unproduktiven Evaporationin die pflanzlich produktive Transpiration umgeleitet werden („Vapourshift“). Weiterhin kann durch Auffangen von Regenwasser („Rainwaterharvesting“), verbessertes Landmanagement und gemischte Land-Forstwirtschaftdie Nahrungsmittelsicherheit verbessert werden.Auch in der künstlichen Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen gibt esnoch ein großes Potenzial für Effizienzgewinne. In vielen Bewässerungssystemenerreichen nur etwa 25–30 Prozent des zugeführten blauen Wassersauch tatsächlich die relevanten Nutzpflanzen. Der Rest verdunstet und versickertan verschiedenen Stellen des Systems. Diese Rate kann mit modernerTechnologie, zum Beispiel Tröpfchenbewässerung, auf 75–90 Prozent gesteigertwerden. Trotz möglicher Wassereinsparung an spezifischen Stellen derBewässerungskette muss allerdings bedacht werden, dass sich damit nichtautomatisch die gesamte Wassernutzungseffizienz im Bereich eines ganzenFlusseinzugsgebietes verbessert. Ein erheblicher Teil des Wassers, das heutedurch oberflächlichen Abfluss an einer Stelle verloren geht, wird oft an tiefergelegenen Stellen noch genutzt. In jedem Fall sind auch für die Steigerung derBewässerungseffizienz erhebliche Investitionen in neue Technik erforderlich.Daneben erhöht sich in der Regel der Energiebedarf für die Bewässerung.Bei der Einführung neuer Technologien sind vor allem in ärmeren Entwicklungsländernzwei große Einschränkungen gegeben. Zum einen können inder Regel die erforderlichen Investitionsmittel nicht aufgebracht werden. Zumanderen kann es durch eine schlechte Einbettung neuer Produktionsmetho-


Wissenswelten Schwerpunkt „Dürre Zeiten?“ – Wasser – Hermann Lotze-Campen, Dieter Gertenden in die regionalen Gegebenheiten zu negativen Wirtschafts- und Umwelteffektenkommen, zum Beispiel durch Übernutzung, Versalzung, Bodenerosionoder fehlgeleitete Großprojekte.In der Vergangenheit wurde oft versucht, lokaler Wasserknappheit durch eineverbesserte Wasserzufuhr zu begegnen. Groß angelegte Staudämme undKanalsysteme sollten die Wasserversorgung regulieren und stabilisieren. Invielen Fällen haben diese Maßnahmen zu einer Erhöhung oder Stabilisierungder landwirtschaftlichen Produktion geführt. Allerdings wird die Nachhaltigkeitdieser Effekte inzwischen sehr kontrovers diskutiert. Viele der weltweitca. 45000 großen Staudämme weisen technische Probleme, zum Beispieldurch Verschlammung, auf, und die langfristige Kosten-Nutzen-Relation fälltnachträglich oft wesentlich schlechter aus als ursprünglich geplant. Dennochwerden auch weiterhin große Infrastrukturprojekte für den Wassertransportüber weite Entfernungen, zum Beispiel in Spanien oder China, geplant unddurchgeführt. In mehreren Regionen in Zentral- und Südasien sowie Lateinamerikakönnte das Abschmelzen der Gletscher im Zuge des Klimawandelseinen Ausbau von Staudämmen notwendig machen, um die Regulierung dersaisonal unterschiedlichen Wasserverfügbarkeit aufrechtzuerhalten.LebensstiländerungenEin möglicher Weg zur Verminderung des Wasserverbrauchs könnte über dieVerringerung des Konsums von tierischen Nahrungsmitteln, vor allem Fleisch,führen. Eine fleischarme Lebensweise ist grundsätzlich ohne große Problememöglich, und ein internationaler Vergleich zeigt, dass der Anteil tierischer Kalorienan der gesamten Nahrungsaufnahme selbst in Ländern mit ähnlichemEinkommensniveau zum Teil sehr unterschiedlich ist. Der Fleischkonsumwird also zum Teil durch kulturelle Aspekte und die Wahl bestimmter Lebensstilebeeinflusst. Empirisch ist allerdings in vielen Ländern ein enger Zusammenhangzwischen Einkommenszuwachs und steigendem Konsum tierischerNahrungsmittel zu beobachten. Auch hier spielen demnach die Preisrelationeneine große Rolle. Aufgrund des Fütterungsbedarfs der Nutztiere habentierische Nahrungsmittel einen hohen Gehalt an virtuellem Wasser. Wenn sich685


egionale Wasserknappheit in der Landwirtschaft durch Regulierung in denPreisen niederschlagen würde, hätte dies auch einen Einfluss auf das Konsumverhaltenbei wasserintensiven Produkten. Aus ökonomischer Sicht ist essehr fraglich, ob sich angesichts der beobachteten Trends substanzielle Veränderungenin der Nahrungsmittelnachfrage auch ohne Veränderungen inden relativen Preisen einstellen würden.686Virtueller WasserhandelDer internationale Güterhandel, insbesondere mit Agrarprodukten und demdarin enthaltenen virtuellen Wasser, könnte eine wichtige Rolle bei der Steigerungder globalen Effizienz in der Wassernutzung spielen. Wasserarme Regionenkönnten vermehrt wasserintensive Produkte, wie zum Beispiel Getreide,importieren, sodass mehr Wasser für außerlandwirtschaftliche Zwecke zurVerfügung stünde. Internationale Handelsströme richten sich vor allem nachden relativen Preisen, sodass bei einer realistischen Preisgestaltung auch regionaleWasserknappheiten in das ökonomische Kalkül eingehen würden.Hierfür sind allerdings zwei wichtige Voraussetzungen erforderlich. Zum einenmuss eine bestehende Wasserknappheit in einer Region für die wirtschaftlichenAkteure „spürbar“ sein. Vor allem die Nutzung von blauem Wasser inder Landwirtschaft ist allerdings in vielen Regionen nicht oder nur unzureichendreguliert. Es wird oft mehr Wasser verbraucht, als physisch nachhaltigverfügbar wäre, zum Beispiel durch die Übernutzung nicht oder nur sehrlangsam erneuerbarer Grundwasservorräte. Dies führt zu negativen externenEffekten, das heißt, die vollen Kosten der landwirtschaftlichen Produktion werdendurch die Produktpreise nicht widergespiegelt. Diese Preise sind jedochdie wichtigsten Indikatoren für Ressourcenknappheit, auf die internationaleHandelsströme reagieren können. Erst wenn sich regionale Wasserknappheitin den tatsächlichen Produktionskosten niederschlägt, werden importierteProdukte aus wasserreichen Regionen konkurrenzfähig und entsprechendeHandelsströme mit virtuellem Wasser kommen zustande.Die zweite Voraussetzung dafür, dass ein Land virtuelles Wasser in Form vonNahrungsmitteln importieren kann, ist die Existenz von konkurrenzfähigen


Wissenswelten Schwerpunkt „Dürre Zeiten?“ – Wasser – Hermann Lotze-Campen, Dieter GertenExportprodukten, um die notwendigen Devisen zu erwirtschaften, um Importezu bezahlen. Dies können andere, Wasser sparende Agrarprodukte sein, aberauch andere Rohstoffe, Industriegüter oder Dienstleistungen. Viele von Wasserknappheitbetroffene und Nahrungsmittel importierende Entwicklungsländerhaben allerdings eine unzureichende Industrie- und Exportkapazitätund können Importe zum Teil nur durch Schulden finanzieren.Eine mögliche Vision für die Länder Nordafrikas könnte in einem Energiebündnismit Europa bestehen, in dem Wasserstoff oder Strom aus Sonnenenergieim Süden produziert wird, um damit Nahrungsmittel aus dem Norden einzukaufen.Dies könnte unter den derzeit prognostizierten Klima- und Niederschlagsverhältnissenzu einer wirksamen Arbeitsteilung und einer effizientenWassernutzung führen. Voraussetzungen dafür sind aber, dass die Solarenergienutzungwettbewerbsfähig wird und die Industrieländer einen Großteil dernötigen Investitionen beitragen.Vor allem der Mittlere Osten und Nordafrika sowie China und Indien sind bereitsheute von Wasserknappheit betroffen, und diese Situation könnte sich inZukunft noch erheblich verschlechtern. Die Weltmarktpreise für die wichtigstenProdukte Weizen, Mais und Reis könnten unter ungünstigen Bedingungenin den nächsten Jahrzehnten stark ansteigen. Hohe Weltmarktpreise bietenzwar einerseits Anreizmechanismen zur Produktionssteigerung, vor allemauch für Kleinlandwirte in Entwicklungsländern. Allerdings kann die Ernährungssituationder Verbraucher in armen Nettoimportländern, und hier vorallem in den Städten, deutlich beeinträchtigt werden.Da es unwahrscheinlich ist, dass es weltweit gleichzeitig in mehreren wichtigenAnbauregionen zu Ernteausfällen durch Dürren oder Überschwemmungenkommt, dient ein gut funktionierendes Handelssystem auch als Instrumentzur nationalen und globalen Risikoabsicherung. Dies könnte im Zugedes Klimawandels in Zukunft von noch größerer Bedeutung sein als heute.Allerdings sollte der Beitrag der Handelseffekte auch nicht überschätzt werden.Der weitaus größte Anteil des Welthandels findet zurzeit zwischen denreicheren Ländern statt, die entweder keine Wasserknappheit zu befürchtenhaben oder über andere Anpassungsmöglichkeiten verfügen. Außerdem687


ist vor allem der Weltagrarhandel sehr stark von politischen Einflüssen geprägt,die oft nicht von Effizienzgesichtspunkten geleitet werden und sich erfahrungsgemäßnur sehr schwer verändern lassen. Ein weiterer Abbau derexistierenden Handelsschranken auf den Weltagrarmärkten ist daher eineweitere Voraussetzung dafür, dass der virtuelle Wasserhandel dazu beitragenkann, regionale Wasserknappheit zu mildern.688SchlussfolgerungenWasser ist für die Nahrungsproduktion essenziell. In vielen, vor allem ärmerenRegionen der Welt ist Wasser bereits heute eine knappe Ressource. Aufgrundunzureichender Preissignale wird dies aber noch nicht in aller Konsequenzvon den gesellschaftlichen Akteuren wahrgenommen. Viele Entwicklungsländer,die stark von der Landwirtschaft abhängen und häufig in trockenenRegionen liegen, sind bereits heute von Wasserknappheit und damit verbundenenProblemen der Ernährungssicherung betroffen. Diese Länder werdenin Zukunft auch noch überdurchschnittlich dem Klimawandel in Form von verändertenNiederschlägen ausgesetzt sein. Die geschilderten zukünftigen Entwicklungenbezüglich Wasserverbrauch außerhalb der Landwirtschaft, Wasserverfügbarkeitund Klimawandel könnten sich weltweit zu einer ernsthaftenKrise entwickeln, in der Wasserknappheit zu deutlichen Beeinträchtigungenin der Nahrungsproduktion, Ernährungssicherheit, Gesundheit und Umweltqualitätführt.Eine Reihe von Lösungsmöglichkeiten steht für verschiedene Aspekte dieserglobalen Herausforderung zur Verfügung. Allerdings werden nur aus dersinnvollen Kombination von regional angepassten Maßnahmen angemesseneKonzepte für ein integriertes und insgesamt effizienteres Wassermanagemententstehen. Eine konsequente politische Regulierung der regionalen Wassernutzungist die Voraussetzung dafür, dass individuelle Anreize zur Entwicklungund Anwendung Wasser sparender Technologien sowie zur Änderungvon wasserintensiven Verbrauchs- und Ernährungsgewohnheiten entstehen.Unter diesen Voraussetzungen stellt der virtuelle Wasserhandel einen wichtigenzusätzlichen globalen Anpassungsmechanismus zwischen regional sehr


Wissenswelten Schwerpunkt „Dürre Zeiten?“ – Wasser – Hermann Lotze-Campen, Dieter Gertenunterschiedlichen Knappheitssituationen bei Wassernachfrage und -verfügbarkeitdar.Das richtige Zusammenspiel aller dieser Maßnahmen erfordert Zeit, konsequentenpolitischen Willen und erhebliche finanzielle Mittel. Für die Entwicklungder richtigen Anreizstrukturen zur Umsetzung der vorhandenentechnischen und organisatorischen Anpassungsmöglichkeiten sind vor allemnationale Politiker und regionale Entscheidungsträger verantwortlich.Dr. Hermann Lotze-Campen ist ausgebildeter Landwirt und studierteAgrarwissenschaften und Ökonomie an den Universitäten Kiel,Reading/England und Minnesota/USA. 1998 Promotion in Agrarökonomie.Seit 2001 ist er am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung(PIK) tätig. Im Forschungsbereich Erdsystemanalyse leitet ereine Arbeitsgruppe zum globalen Landnutzungswandel, die sich mitWechselwirkungen zwischen Landwirtschaft und Klima, Bioenergieproduktionund Wasserknappheit beschäftigt.Kontaktlotze-campen@pik-potsdam.de; www.pik-potsdam.de/~hlotzeDr. rer. nat. Dieter Gerten, Promotion in Gewässerökologie, forschtseit 2001 am PIK zu Fragen der globalen Wasserverfügbarkeit,terrestrischen und aquatischen Ökologie und ist seit 2008 Leiter desForschungsfelds „Biosphäre 2100“.KontaktPotsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), ForschungsbereichKlimawirkung & Vulnerabilität, Telegraphenberg A62, 14473 Potsdam,gerten@pik-potsdam.deHelfen Sie mit einem Patenschaftsabo!Immer wieder erreichen uns Anfragen von Lesern oder Einrichtungen(zum Beispiel Schulbibliotheken), die unsere Zeitschrift aus finanziellenoder anderen Gründen nicht regelmäßig beziehen können. Da esuns leider nicht möglich ist, alle Wünsche zu erfüllen, sind wir auf IhreMithilfe angewiesen. Wenn Sie ein Patenschaftsabonnement für dieUNIVERSITAS übernehmen wollen, schreiben Sie uns oder schickenSie eine E-Mail, wir nennen Ihnen gern Interessenten.UNIVERSITAS, Birkenwaldstraße 44, 70191 StuttgartE-Mail: universitas@hirzel.de689

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine