1. Lebensversicherungsratings - WMD Brokerchannel

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1. Lebensversicherungsratings – stattAnlegerschutz nur trügerische Sicherheit?Oliver Bäte, Per Ole Richter 1Keine Frage: Agenturen wie Finanztest, Map-Report, Morgen&Morgen oder Assekuratasind mit ihren Ratings kaum mehr aus dem heutigen Lebensversicherungsgeschäft wegzudenken.Kunden wie Versicherern dienen sie als Orientierungsrahmen. Die von ihnenausgehende Nachfragelenkung wirkt auf die Beitragseinnahmen und entscheidet – zumindest auflängere Sicht – über die Entwicklung der Marktanteile.Aus Sicht der Versicherungsnehmer sorgen dieRatinganbieter für dringend erwünschte Transparenzim immer umfangreicheren und unübersehbarerenProduktangebot. Über 80% der deutschen Kundenhalten, wie die Schweizer Rückversicherung in einerBefragung nachwies, die Ratingergebnisse für gutrecherchiert und fundiert. Über 70% derselben Kundenwürden „wahrscheinlich“ oder „ganz sicher“Ratingvergleiche für ihre Abschlussentscheidungenheranziehen (Schaubild 1).Für die deutschen Lebensversicherer selbst sindRatings längst zu einem unentbehrlichen Differenzierungsinstrumentim harten Wettbewerb um Neugeschäftsanteilegeworden. Nahezu ausnahmslos habenUnternehmen mit sehr guten Ratingergebnissenin den letzten Jahren stets überdurchschnittlicheZuwächse bei den Beitragseinnahmen erzielt undkonnten in der Folge ihre Marktanteile kontinuierlichzu Lasten weniger gut bewerteter Mitbewerberausbauen (Schaubild 2).Schaubild 1Ratings werden von Lebensversicherungskunden zur Entscheidungsfindung herangezogenEINSCHÄTZUNG UND NUTZUNG VON VERSICHERUNGSRATINGSin Prozent der Befragten„Glauben Sie, dass [Ratings] gut recherchiertund fachlich fundiert sind?“„Würden Sie solche Vergleiche benutzen, um eineVersicherungsgesellschaft auszuwählen?“Nein,eher nicht11Nein, überhaupt nicht324Ja,ganz sicherNein,eher nicht18Nein, überhaupt nicht1035Ja,ganz sicherA.Aktuelle Themen desLebensversicherungsmarktsQuelle: Swiss Re 199762Ja, wahrscheinlich37Ja, wahrscheinlich1 Oliver Bäte ist Principal im Kölner Büro von McKinsey & Company, Per Ole Richter ist Research Expert im Hamburger Büro.8 9


LebensversicherungsratingsLebensversicherungsratingsSchaubild 2Unternehmen mit hervorragenden Ratings sind in den vergangenen Jahren deutlich stärker gewachsen alsschlechter beurteilte WettbewerberRATINGERGEBNISSE vs. BEITRAGSWACHSTUM DEUTSCHER LEBENSVERSICHERER, 1996 - 2000Die beschriebene Entwicklung mag zunächst unproblematisch,möglicherweise sogar wünschenswerterscheinen. Gegen den wachsenden Markteinflussvon Ratings ist nichts einzuwenden, solangeRatingsysteme überlegenen Kundennutzen transparentmachen und Anbieter mit hervorragendenAngeboten von der erzeugten Nachfragelenkungprofitieren. Was aber, wenn die Ratings das Nutzenangebotnur verkürzt wiedergeben? Wenn sie Faktoren,die für die Abschlussentscheidung maßgeblichsind, verzerrt darstellen oder überhaupt nicht ersterfassen?Wachstum gebuchte Brutto-BeiträgeCAGR in Prozent302520151050Aachener u.MünchenerGothaerNeue LebenR 2 = 0,57-5Durchschnitt der1 2 3 4 5 Ratingergebnisse** Durchschnitt verschiedener Ratingergebnisse kalibriert auf einheitliche Skala von 1 = mangelhaft bis 5 = sehr gutQuelle: Presse, McKinsey-Lebensversichererdatenbank, McKinsey-AnalyseHUKCosmosWestfälischeProvinzialEuropaHannoverscheDebekaI. Rendite geht vor SicherheitBetrachtet man die heutigen Ratingsysteme der führendendeutschen Agenturen, so fällt auf, dass alleVerfahren, mit Ausnahme des Assekurata-Ratings,große Lücken im Bereich der „Sicherheitskennzahlen“aufweisen (Schaubild 3). Im Prinzip konzentriertsich ihre Bewertung auf Kosten- und Renditekennzahlen,z.B. Kapitalanlage- und Vertragsrenditen.Der Fokus auf Ertragskriterien wird noch verstärktdurch die zum Teil sehr hohe Gewichtung vonKapitalanlagerendite, Vergangenheitsrenditen undLeistungsprognosen in der Gesamtbeurteilung derLebensversicherer und ihrer Angebote. Dies gilt v.a.für die populären, in auflagestarken Wirtschaftsmagazinenund Testheften publizierten Ratings vonFinanztest, Map-Report und Morgen&Morgen(Schaubild 4).Ertragsorientierte Ratings treffen offensichtlich denNerv des Publikums; denn sie bestätigen bestehendeRenditeerwartungen und fördern entsprechend aggressiveAnlagepräferenzen. Am stärksten ausgeprägtist die Renditeorientierung in den jüngerenund mittleren Altersgruppen zwischen 15 und 49,auf die fast 90% des Neugeschäfts entfallen. Sicherheitder Kapitalanlage, elementarer Bestandteil destraditionellen Nutzenversprechens der Kapitallebensversicherung,dominiert dagegen nur noch inden Altersgruppen ab 50 (Schaubild 5).Schaubild 3Schaubild 4Viele Ratings weisen im Bereich Sicherheit – unabhängig von der Gewichtung – grundsätzliche Lücken aufRenditekennzahlen sind in vielen Ratings entscheidendes KriteriumGENUTZTE KRITERIEN AUSGEWÄHLTER RATINGVERFAHRENKernkriterien Finanztest Map-ReportMorgen&Morgen/CapitalWiwo/FinsingerDFIAssekurataGEWICHTUNG VON RENDITEKENNZAHLEN IN VERBREITETEN LEBENSVERSICHERUNGSRATINGS, 2000in Prozent der GesamtnoteRenditekennziffernRenditeKA-RenditeVertragsrenditen*RohüberschussZuführung RfBEffizienzKosten( )** –– ––– ––––Sonstige KriterienSicherheitskriterienEffizienzkriterienRohüberschuss/Zuführung RfBVertragsrenditen*20050245168202525100%Sicherheit3550Eigenmittel( )**–––Freie RfB ––––Stille Reserven ––KA-Struktur –– – ––Kapitalanlagerendite301225Finanztest Map-Report Morgen&MorgenRückversicherung –– – – –Veröffentlicht v.a. inAuflage in Tsd.Finanztest DM Capital340 225 215* Vergangenheitsrenditen, Garantieleistungen und Prognosen** Berücksichtigung in früheren RatingsQuelle: Presse, Websites* Vergangenheitsrenditen, Garantieleistungen und PrognosenQuelle: Ratingagenturen, McKinsey EFIC Research10 11


LebensversicherungsratingsLebensversicherungsratingsDie deutschen Lebensversicherer sehen sich daherportional verbessern. Sie entfalten eine starkeRenditesituation an den Aktienmärkten, aberWachsende Risiken aus der Produktgestaltung:einem anhaltenden, von den Ratingagenturen ge-Hebelwirkung, da sie gleichzeitig drei wichtigeauch an den Rentenmärkten in seltener ParallelitätBesonders betroffen sind hiervon die im Neu-schürten Renditedruck ausgesetzt. V.a. für starkRatingkriterien positiv beeinflussen: Kapital-verschlechtert. Der DAX 30 und der 10-jährigegeschäft zunehmend dominierenden Renten- undratingabhängige Versicherer – insbesondere solcheanlagerendite, Rohüberschuss/Zuführung zur RfBEuro-Bond lagen zum Jahresende 2001 um 24%Berufsunfähigkeitstarife. Denn anders als bei Ver-mit dominantem Direkt- oder Makler-Kanal – ist diesowie Vertragsrenditen (Schaubild 6).bzw. 8% unter dem Stand vom 1. Januar 2000 –sicherungen auf den Todesfall laufen hier die rea-Verlockung groß, um günstiger Beurteilungen willenund damit auch deutlich unter den aus den 90erlen Entwicklungen den KalkulationsgrundlagenRenditemaximierung nach dem Motto „komme wasInvestments in Aktien und Fonds erfreuten sichJahren bekannten Niveaus.entgegen.wolle“ zu betreiben – ohne ausreichende Berücksich-denn auch bis vor kurzem rapide wachsendertigung von Risiken.Beliebtheit bei den Versicherern. Allein im Zeit-Betroffen von dieser Entwicklung sind auch nam-Bei Rentenprodukten ergeben sich Risiken v.a.raum von Dezember 1995 bis Juni 2001 hat sichhafte Versicherungsgesellschaften mit traditionellaus den erheblich längeren Produktlaufzeiten. AufWährend die Ratingsysteme so aggressiveres Kapital-ihr Anteil am Buchwert im Branchendurchschnitthervorragenden Ratings, deren Bewertungs-Grund langer Anlagezeiträume von z.T. 50 undanlageverhalten der Lebensversicherer fördern, wer-mehr als verdoppelt – von 12,8% auf 26,9%. Inreserven infolge des hohen Aktienanteils undmehr Jahren müssen extrem langfristige und da-den zugleich objektiv bestehende Risiken systema-zahlreichen Versicherungsunternehmen mit Top-möglicherweise ungünstiger taktischer Asset-Allo-mit entsprechend unsichere Annahmen über dietisch ausgeblendet:Ratings lag der Aktien- und Fondsanteil gegenkation bereits bis Ende des Jahres 2000 starkEntwicklung der Kapitalmärkte getroffen werden.Ende des Jahres 2000 um ein Mehrfaches überzurückgegangen sind (Schaubild 7). Nach Out-Zudem verlängern sich infolge der steigendenErhöhte Volatilität bei Aktien/Fondsanlagen: Siehtdem von 1995; besonders auffällig sind dieside-in-Schätzungen laufen mittlerweile mancheLebenserwartung der Versicherten (nach denman von der eher kurzzeitigen Möglichkeit ab,Steigerungsraten bei Cosmos (+575%), DebekaVersicherer, angesichts ihrer deutlich erhöhtenneuesten Untersuchungen des Rostocker Max-Renditen aus stillen Reserven zu subventionieren,(+299%), Hannoversche Leben (+141%) undAktien-Exposure und ihrer geringen Reserven,Planck-Instituts statistisch um etwa drei Monateso drängen sich als "Lösung" für das Rendite-Neue Leben (+122%).möglicherweise Gefahr, im Falle eines weiteren Bör-pro Jahr) die durchschnittlichen Auszahlungs-problem erhöhte Investitionen in volatilere Aktiensen-Crashs ihre Verzinsungsverpflichtungen aufphasen zusehends. Bei unzureichendem Kapital-und aktiennahe Anlagen geradezu auf. ZumindestDie Ausweitung des Anteils von Aktien und ande-Bestandsverträge nicht mehr aus Erträgen undaufbau in der Vergangenheit – infolge falscher An-bei boomenden Aktienmärkten lassen sich durchren höher rentierlichen Anlagen profitierte aller-Reserven bestreiten zu können, ohne zusätzlichnahmen zu Kapitalmarktentwicklung oder Mor-diese Maßnahmen – bei deutlicher Erhöhung derdings nur bis zum Jahr 2000 vom weltweitensignifikante – bis vor kurzem unzulässige – „stilletalitäten – kann dies zu einem vorzeitigen Mittel-Risikoposition – die Ratingergebnisse überpro-Boom der Kapitalmärkte. Inzwischen hat sich dieLasten“ ausweisen zu müssen.verzehr führen, der mit möglicherweise langjäh-Schaubild 5Schaubild 6Das besonders neugeschäftsrelevante Segment junger Anleger ist deutlich renditeorientierterals das der älteren SparerEine Erhöhung der Risikoposition im Kapitalanlagebereich wirkt sich gleichzeitig auf drei wichtigeRatingkriterien ausANLAGEPRÄFERENZEN UND MARKTRELEVANZ VERSCHIEDENER ALTERSGRUPPEN, 1999/2000in Prozent der GesamtnoteRenditeWIRKUNG EINES ERHÖHTEN KAPITALANLAGERISIKOS AUF WICHTIGE RATINGKRITERIENBEI POSITIVEM KAPITALMARKTUMFELDILLUSTRATIVSicherheitAltersgruppein JahrenAnlagepräferenz Rendite vs. Sicherheit*indexiertMarktrelevanzAnteil am Neugeschäft*** in Prozent15 - 2930 - 3940 - 49100679078776718314190% desLV-NeugeschäftsErhöhung der Risikopositiondurch …... Steigerung Aktienanteil anden KapitalanlagenWirkung auf RatingkriterienKapitalanlagerenditeRohüberschuss/Zuführungzur RfBVertragsrenditen50 - 59**681006... Auflösung stiller Reserven60+**421004* Entscheidender Grund für Kundenzufriedenheit; indexiert auf Altersgruppe mit der stärksten Präferenz = 100** Altersklassen Anlegerpräferenzen: 50 - 64 Jahre bzw. 65+ Jahre*** Nach Anzahl Neuverträge 2000Quelle: Deutsches Kundenbarometer, GDVQuelle: McKinsey12 13


LebensversicherungsratingsLebensversicherungsratingsrigen Nachdotierungsverpflichtungen für den Versichererverbunden ist.Teil unter Verzicht auf nötige Tarifanpassungen.Druck der Ratings – weitgehend abgeschafft, zumErste Meldungen über hochschnellende Schadensquotenkönnen daher kaum überraschen.Bei Berufsunfähigkeitsprodukten, die besondershohe Zuwachsraten aufweisen, lassen sich versicherungstechnischeRisiken generell nur schwer Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob dietarifieren: Über die gesamte Vertragslaufzeit betrachtettritt Erwerbsunfähigkeit infolge berufs-und Anlageverhalten auf die Anforderungen derkonsequente Ausrichtung von Geschäftsstrategiespezifischer Erkrankungen statistisch immer häufigerauf; auch können aus neuen Krankheiten – wie versicherern praktiziert wird – nicht einen allzuRatingsysteme – wie sie von einzelnen Lebens-z.B. Allergien – evtl. unberechenbare Kumulrisiken hohen Preis darstellt für die (nur so erreichbaren)entstehen. Große Bestände dürften ohnehin mit Spitzenplatzierungen. Dabei ist der mögliche Glaubwürdigkeitsverlusteher noch ein geringfügiges Pro-Sterbetafeln kalkuliert sein, die bereits bei Vertragsabschlussveraltet waren. Hinzu kommt der harte blem – verglichen mit den Risiken, die sich für dieBedingungswettbewerb der letzten Jahre: So wurde Solvabilität und Überlebensfähigkeit solcher Unternehmenergeben die abstrakte Verweisung – nicht zuletzt unter demkönnen.II. Fehlentwicklungen werden kaum zur Kenntnis genommenDebeka, Hannoversche Leben, HUK Coburg, VereinigtePost – in letzter Zeit häufen sich die Presseren(Schaubild 8). Im Falle eines Crash-bedingten Er-verträge nötigenfalls auf Vorjahresniveau zu dotiemeldungenüber Lebensversicherer, deren stille Reservenbedrohlich abgeschmolzen sind und deren nicht in ihrer Solvabilität, so doch in ihrer Unabtragseinbruchsetwa sind solche Unternehmen wennfreie RfB nicht mehr ausreichen, um Bestands- hängigkeit bedroht.Für viele dieser Unternehmen gilt, dass sie von führendenRatingagenturen bisher stets hohe bzw. höchsteBewertungen erhalten haben. Geradezu beispielhaft istder Fall der Hannoversche Leben: Obwohl sich – beisteigender Aktienanlage – wichtige Bilanzkennzahlenwie freie RfB, Bewertungsreserven und Kapitalanlagerenditeseit 1997 kontinuierlich verschlechtert hatten,wurde das Unternehmen in 2000 von Map immernoch als gut (Gesamturteil „mm“), von Morgen&Morgen sogar unverändert als sehr gut (Gesamturteil„5 Sterne“) bewertet (Schaubild 9). Zufall oder Indikatorfür grundlegende Schwächen in der Konzeptionbeider Ratingsysteme?Wir haben dazu diese populären Ratingverfahren –beide in ihrer Methodik sehr fundiert und outsideinrelativ gut nachvollziehbar – im Detail analysiertund anhand von Worst-Case-Szenarien auf ihreSensitivität für plötzliche Ertragseinbrüche getestet.Offenbar sind beide bisher außer Stande, Risikender Kapitalanlage bzw. kritische Entwicklungen beiden Bewertungsreserven verlässlich zu identifizierenoder gar zu antizipieren: Auch massive Verschlechte-rungen bei einzelnen Kennzahlen haben bei bislanghoch bewerteten Unternehmen – selbst wenn manpotenzielle Folgewirkungen einbezieht – erstaunlichgeringe Auswirkungen auf die Gesamtbewertungen.Wenn überhaupt, werden Verschlechterungen in denKennziffern erst sehr spät in den Ratingergebnissenabgebildet (vgl. Exkurs und Schaubild 10).Zu erklären ist die auffällige „Permissivität“ beiderSysteme aus einer Kombination von drei Faktoren:Übergewichtung von Rendite- und Kostenkennzahlen:Renditekennzahlen, z.B. Nettoverzinsungder Kapitalanlagen, Aufwendungen für Beitragsrückerstattung,Vergangenheitsrendite oder prognostizierteAblaufrendite, machen bei Map nichtweniger als 55%, bei Morgen&Morgen immerhinnoch 30% der Gesamtnote aus. Abschluss- undVerwaltungskosten werden umgekehrt bei Map mit16% etwas schwächer, bei Morgen&Morgen mit25% etwas stärker berücksichtigt. Insgesamt erhaltenErtragsaspekte so mit einer Gewichtung von71% bzw. 55% jeweils bestimmenden Einfluss aufdie Gesamtnote.Schaubild 7Schaubild 8Einige Unternehmen haben ihre Reservepolster zugunsten einer wettbewerbsfähigen Vertragsrenditekontinuierlich aufgezehrtEinige vormals herausragend geratete Lebensversicherer haben jüngst eine kritische Berichterstattungauf sich gezogenBEWERTUNGSRESERVEN AUSGEWÄHLTER LEBENSVERSICHERER, 1997 - 2000in Prozent der Buch-KapitalanlagenBEISPIELEBERICHTERSTATTUNG ZU ABGESCHMOLZENEN RESERVEN, 2001BEISPIEL8765432Neue LebenDebekaDialog1Hannoversche0Europa1997 1998 1999 2000Stille Reservenin Prozent derKapitalanlageFreie RfBin Prozent derEntnahmeAllianz 19,60 127,18Debeka 3,07 49,02Deutscher Herold 11,81 73,84Gerling 13,71 87,76Hamburg-Mannheimer 21,52 54,39Hannoversche 0,32 93,66HUK 6,12 72,95LV 1871 16,88 269,94Victoria 17,59 76,82RfB: Rückstellung für Beitragsrückerstattung, eine Reserveposition,aus der Überschüsse ausgeschüttet werden. Stand: Ende 2000.Quelle: Franke & Bornberg„Zum Beispiel [mussten] dieHannoversche Lebensversicherungund die HUK Coburg ihre Gewinnversprechenfür neue Verträgeherabsenken.“„Die Vereinige Post Versicherung(nicht in der Tabelle) hatte [...]Ende 2000 in beiden Bereichengähnende Leere.“Quelle: McKinsey-Versichererdatenbank, McKinsey EFIC ResearchQuelle: Handelsblatt 07.09.200114 15


LebensversicherungsratingsLebensversicherungsratingsDagegen werden Sicherheitskennzahlen wie stilleReserven, freie RfB und Eigenmittelquote klarschwächer gewichtet: bei Map mit nur 5%, beiMorgen&Morgen immerhin mit 25%. Dennochkann z.B. eine sehr gute Kostenposition unschwerkritische Werte im Sicherheitsbereich überdecken.Massive Abdämpfungseffekte bei der Zeitreihenbetrachtung:Um kurzfristige Schwankungen auszugleichen,verwenden beide Systeme für dieKennziffernanalyse Durchschnittswertberechnungenzur Glättung über die Zeit. Da aber oft überlangeBetrachtungsintervalle von zehn und mehrJahren gewählt werden und auch Vergleiche mitdem Status quo unterbleiben, lassen sich neuereEntwicklungen jeweils nur mit deutlicher Verzögerungwahrnehmen. Zudem bleiben über mehrereJahre anhaltende Trends, die zur Abschätzung derkünftigen Entwicklung einer Kennziffer herangezogenwerden könnten, bei der Punktvergabeunberücksichtigt.In Summe führt dies dazu, dass selbst gravierende,über Jahre nachweisbare Verschlechterungendes Gesamtbilds allenfalls sehr gedämpft in denPunktwerten zum Ausdruck kommen. Dies giltv.a. für Veränderungen, die erst in den letzten Jahreneingetreten, trotzdem jedoch nachhaltig sind.Rein additive Verknüpfung von Einzelbewertungen:Selbst bei sicherheitssensitiven Kennzifferngibt es keine Grenzschwellen, bei deren ErreichenAnpassungen in der Punktvergabe erfolgen. Stattdessenkönnen über die Addition der jeweils erzieltenPunktwerte dramatische Einbrüche bei eineroder mehreren kritischen Kennziffern leichtdurch gute Ergebnisse bei anderen Kennziffern(über)kompensiert werden. Zudem werden alleKennziffern jeweils nur isoliert, d.h. wie unabhängigeVariablen, betrachtet; evtl. bestehende inhaltlicheInterdependenzen zwischen einzelnen Kennziffernbleiben generell unberücksichtigt.Der Kunde, der Orientierung im Angebotsdschungelsucht, wird somit nur unvollständig und verzerrtüber die Qualität der Versicherer und deren Angeboteinformiert, eine fundierte Kaufempfehlungkönnen die Ratingergebnisse bisher nicht bieten.Exkurs: Ratingverfahren im BelastungstestWie reagieren gegenwärtige Ratings bei dramatischenVerschlechterungen der finanziellen Substanz von Lebensversicherern?Betrachten wir dazu das (hypothetische) Beispiel einesbislang hervorragend bewerteten Unternehmens mit wachsendenProblemen in der Kapitalanlage: Im Basis-Szenario, beivollständigem Verzehr aller Bewertungsreserven, ergibt sichweder bei Map noch bei Morgen&Morgen eine erkennbareVeränderung der Top-Bewertung.Wie entwickelt sich nun das Unternehmensrating, wenn manpotenzielle Folgewirkungen einbezieht – d.h., wenn durch denverlorenen Spielraum die Nettoverzinsung der Kapitalanlageneinbricht, dadurch die Zuführungen zur RfB massiv zurückgehenund in der Folgezeit die freien RfB vollständig aufgezehrtwerden? Wir unterstellen dabei, dass die entsprechendenKennzahlen jeweils auf ihren niedrigst möglichen Wert absinken,d.h. keine Scoring-Punkte mehr zugeordnet erhalten.Dieser Fall tritt allerdings nicht erst bei einem Wert „null“ ein,sondern realiter häufig auch schon bei höheren Kennzifferwerten.Auch im erweiterten Szenario werden diese Negativentwicklungennur äußerst abgedämpft im Gesamtrating wieder-gegeben. Selbst wenn das bisherige Spitzenunternehmen seineÜberschussanteilssätze und Renditeprognosen massiv zurücknehmenmuss – in beiden Systemen wird es maximal aufMarktniveau zurückgestuft.Wendet man die gleiche Szenario-Analyse – ceteris paribus –auf die aktuellen Beispiele Debeka, HUK-Coburg und HannoverscheLeben an, so zeigt sich, dass im schlimmsten Fall ihrGesamtrating jeweils analog von „mmm“ bzw. „mm“ auf „m“absinken würde. Damit würde allen drei Unternehmenimmerhin noch eine „gute“ Performance attestiert – imWesentlichen basierend auf niedrigen Kosten, hohenVergangenheitsrenditen und (noch) geringen Stornoquoten.In der Wirklichkeit kann jedoch selbst eine solch moderateRückstufung der drei Unternehmen so gut wie ausgeschlossenwerden: Denn während in unserer Worst-Case-Analysejeweils ein sofortiges „Durchsacken“ der kritischen Kennziffernin den „Null-Punkte“-Bereich unterstellt wird, dämpfen diein beiden Systemen verwendeten langjährigen Durchschnittswerteden Rückgang der Punktwerte für jede Kennzahl sehrviel stärker ab. Zumindest in den ersten Jahren dürften sichdie Probleme auf der Kapitalanlageseite – obwohl bereits objektiverkennbar – noch gar nicht auf die Ratingergebnisseauswirken.Schaubild 9Schaubild 10Die Verschlechterung der Unternehmenssituation wird in Ratings nur unzureichend widergespiegeltAuf Grund der rein additiven, isolierten Betrachtung der Ratingkriterien können Unternehmen selbst inhypothetischen Worst-Case-Szenarien gute Ratings haltenKENNZAHLENENTWICKLUNG vs. RATINGERGEBNISSE HANNOVERSCHE LEBEN, 1997 vs. 2000BEISPIEL HANNOVERSCHE LEBENEINFLUSS WORST-CASE-SZENARIO AUF RATINGSBEISPIELEMorgen&Morgen Map-ReportTop-VU (Modell)* Top-VU (Modell)* Debeka HUK HannoverschePunkte Rating** Punkte Rating** Punkte Rating** Punkte Rating** Punkte Rating**Bilanzkennzahlen1997 2000Freie RfB in % Jahresausschüttung 134,6 94,5Stille Reserven in % Kapitalanlagen 2,4 0,3Kapitalanlagerendite 7,5 5,0Verwaltungskosten in % gebuchte Brutto-Beiträge 1,4 1,3Abschlusskosten in % Beitragssumme Neugeschäft 1,3 1,9Basis-SzenarioAusgangslage 100 100 mmm 79 mmm 72 mmm 69 mmVollständiger Verbrauch 93 95 mmm 79 mmm 71 mmm 69 mmBewertungsreservenPotenzielleFolgeentwicklungen***Senkung KA-Rendite 68 86 mmm 70 mmm 68 mm 66 mmSenkung Zuführung RfB 63 78 mmm 64 mm 61 mm 60 mmRatingergebnisse*Map-Report mmm mmMorgen&Morgen* Map-Report 1998 und 2001, Morgen&Morgen-Rating 1998 und 2000. Ratings auf einer Skala von „mmm“ bzw. „ “ = Bestnote bis „m - -“ bzw. „ “ = schlechteste NoteQuelle: Presse, McKinsey-VersichererdatenbankVollständiger Verbrauch 48 78 mmm 64 mm 61 mm 60 mmfreie RfBReduktion Prognosen 48 64 mm 50 m 58 m 54 mAuf Grund Berücksichtigung langjähriger Zeitreihen beiwichtigen Kennzahlen noch weit geringerer Effekt desSzenarios auf Ratingergebnisse in den ersten Jahren* Modellunternehmen mit besten Basiswerten in allen Kriterien** Ratings auf einer Skala von „mmm“ bzw. „ “ = Bestnote bis „m - -“ bzw. „ “ = schlechteste Note*** Infolge dezimierter Reserven Absacken weiterer Kennzahlen in den jeweiligen Null-Punkte-Bereich bzw. auf nullQuelle: Morgen&Morgen-Kurzbeschreibung, Map-Report Nr. 481-483, McKinsey16 17


LebensversicherungsratingsLebensversicherungsratingsIII. Verlässliche Frühwarnindikatoren sind dringend erforderlichUm rationale Entscheidungen treffen zu können,brauchen Lebensversicherungskunden verlässliche,umfassende Risikoinformationen. Von staatlicherSeite können sie hier nur wenig Unterstützung erwarten:Selbst die Versicherungsaufsicht wird, wasRisiken in den Bilanzaktiva anbelangt, auf absehbareZeit nur relativ undifferenzierte und insgesamt niedrigeSolvabilitätsanforderungen an die Anbieter richten.Mehr noch: Die Erhöhung des maximalenAktienanteils an den Kapitalanlagen und die Lockerungdes Niederstwertprinzips in der Rechnungslegungverschaffen den Unternehmen zusätzlicheSpielräume für aggressiveres Anlageverhalten. Umsodringlicher erscheint es, die „Sicherheitslücke“ in denRatingsystemen zu schließen.In der letzten Zeit haben Ratinganbieter wie Finanztest,Map-Report und v.a. Morgen&Morgen Schritteunternommen, ihre Methodik weiter zu verfeinern:Renditeprognosen werden heute oft durchmodellbasierte Plausibilitätsbetrachtungen gestützt;jedoch vergangenheitsorientiert und weiterhin ohneSchaubild 11Ratings müssen in drei Bereichen verbessert werden, um Fehlentwicklungen künftig besser anzeigenbzw. prognostizieren zu könnenRATINGANFORDERUNGENSicherheitsorientierungTrendbeobachtungenLimitierende FaktorenPrüfung der Nachhaltigkeit der Verzinsung. Danebenwerden Beispielrechnungen durchgeführt undz.T. wird mittlerweile auch schon die Reservesituationin die Analysen einbezogen. Das Spektrum derLösungsversuche reicht vom (mehr oder weniger expliziten)Verzicht auf verbindliche Gesamtbewertungenbis hin zur Erweiterung bestehender Ratingsum zusätzliche, separate Sicherheitskennziffern –was letztlich jedoch den Verzicht auf die Konsolidierungaller Kriterien in einem Gesamturteil und damitdie Abkehr vom originären Ratingprinzip bedeutet.Zu fragen ist deshalb, ob sich das Blickfeld derAgenturen nicht grundlegend ändern muss?Zusätzlich zur Analyse von Rendite und Kostensollten daher v.a. Aspekte der Anlagensicherheit sowieder Nachhaltigkeit der Verzinsung systematischund stärker gewichtet in die Gesamtbeurteilung derVersicherer und ihrer Produktangebote eingehen.Neben Effizienzkennzahlen grundsätzlich verstärkte, integrierte Berücksichtigungvon Sicherheitsmitteln (EK, freie RfB, stille Reserven)Beurteilung der Risikoposition anhand eines „Crashtests“ der KapitalanlagenBerücksichtigung mehrjähriger Trends in Relation zum Marktdurchschnittzur Beurteilung der potenziellen künftigen Entwicklung hinsichtlich SicherheitsundEffizienzkennzahlenBerücksichtigung entscheidender Kennzahlen als conditio sine qua non:z.B. Mindestausstattung an Sicherheitsmitteln – bei Unterschreitung einerfestgelegten Grenze wird das Kriterium stärker gewichtet oder determiniertschon allein ein negatives RatingVerbindung interdependenter Kriterien: z.B. Beurteilung der Nachhaltigkeitder Kapitalanlagerendite anhand verbliebener Bewertungsreserven(Anlage-)Risiken lassen sich allerdings nur dann verlässlichidentifizieren, wenn die im Folgenden genanntendrei Mindestanforderungen erfüllt werden Verstärkte Trendbeobachtung auf UnternehmensundBranchenebene: Die gängigen Langfristbe-(Schaubild 11):trachtungen sind zu erweitern um Vergleiche mitMehr Sicherheitsorientierung in den Kennzahlen: der aktuellen Entwicklung sowie v.a. um die Analyselängerfristiger Trends. Künftig sollten solcheNeben den in Ratings bisher hauptsächlich beachtetenEffizienzkennzahlen sollten Kennzahlen zu Veränderungen – ob nun intrinsisch bedingt oderSicherheitsmitteln – insbesondere Eigenkapitaldeckung,freie RfB und aktuelle Bewertungslungen– jeweils explizit bei der Punktevergabe jeextrinsisch als Spiegelung von Marktentwickreserven– sowie zu Anlage- und versicherungstechnischenRisiken explizit berücksichtigt werden Entwicklungen auf Unternehmensebene jeweils inKennziffer berücksichtigt werden. Dabei gilt es,und in den Scorings angemessen gewichtet werden.Die vorhandenen Sicherheitsmittel sollten lassen sich mehrjährige Negativentwicklungen ad-Relation zu setzen zur Marktentwicklung. Nur sozudem kontrastiert werden mit der jeweiligen äquat erfassen und Abweichungen vom Marktmittelverlässlich identifizieren und interpretieren.Risikosituation des Unternehmens, die sich v.a.aus dem Anlage- und dem versicherungstechnischenRisiko ergibt. Besonderes Augenmerk Einführung limitierender Faktoren: Ausgewähltemuss dabei dem Anlagerisiko gelten, dargestellt Sicherheitskennzahlen, z.B. zur Mindestausstattungan Sicherheitsmitteln, sollten zusätzlich einedurch eine Worst-Case-Betrachtung der Kapitalanlagenentwicklung(„Crashtest“). Ein Vorschlag Art Trigger-Mechanismus erhalten. Bei problematischenAusschlägen, d.h. bei Unter- oder Über-für die Ausgestaltung eines solchen Crashtestswurde jüngst von der Deutschen Aktuarvereinigung(DAV) präsentiert.mit entsprechend stärkerer bzw. schwächerer Geschreitendefinierter Punktgrenzen, sollten diesewichtung in die Gesamtwertung eingehen.Mit der vorliegenden Ausgabe von „Performance“wollen wir diesen Forderungen auch Bestehen Interdependenzen zwischen diesen Sicherheitskennzahlenund anderen Kennziffern, so soll-selbst Rechnung tragen. Im Rahmen der Analyseder Einzelunternehmen haben wir dazu erstmals ten bei letzteren ebenfalls entsprechende Punktezuschlägebzw. -abschläge vorgenommen werden.eine solche „Sicherheitsanalyse“ auf Basis externverfügbarer Daten und historischer Kapitalmarktentwicklungendurchgeführt. Zu wünschen ist, tungsreserven direkt in die Bewertung der Nach-Somit könnte z.B. die Entwicklung der Bewer-dass auch die Ratingagenturen sich zu solchen haltigkeit der Kapitalanlagerendite eingehen.oder ähnlichen Analysen entschließen und diesedann mit der angemessenen Gewichtung in ihren Damit würde erstmals eine echte FrühwarnfunktionGesamtbewertungen berücksichtigen.in den Ratingsystemen verankert.* * *Als Orientierungsrahmen für Lebensversicherungskundenund Vermittler sind und bleiben Ratings teme erforderlich.betrachtungen in die bestehenden Bewertungssys-unverzichtbar.Die Umsetzung eines solchen Vorhabens ist technischDamit sie dieser Aufgabe indes auch wirklich gerecht sicherlich anspruchsvoll, aber durchaus machbar. Derwerden können, müssen die im Zuge der jüngsten Zugewinn an Kundennutzen – ebenso wie die verringerteGefahr einer Fehlsteuerung von Unternehmens-Marktentwicklungen zu Tage getretenen Defizitekonsequent behoben werden. Dazu ist eine durchgängige,konsistente Integration von Solvabilitäts- die dazu erforderlichen Anstrengungenstrategien – sollte auch aus Sicht der Ratingagenturenrechtfertigen.Quelle: McKinsey18 19

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