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93Dokumenten, einer wohlsortierten Chronologie(mit der ganzen Vor- und Nachgeschichtenicht kleinlich ausgefallen) und natürlich mitwohl gewogenen wissenschaftlichen Kommentaren»das« Ereignis, »das« Vorkommnisder alten Bundesrepublik – die Revolte ihrerintellektuellen Jugend gegen den »Muff von1000 Jahren unter den Talaren«, gegen Vietnamkriegund Notstandsgesetze. Warum nurist der Rezensent irritiert?Einst schlecht geheftete Raubkopien – heuteeine gediegene buchkünstlerische Editionzum stolzen Preis, den die damals jungen Aufmüpfigenheute als Studienräte, Professorenoder Anwälte wohl leicht verschmerzen können.Und – im 30. Jahr nach der denkwürdigenRevolte tritt genau diese Generation nach»langem Marsch durch die Institutionen« an,mit einer rot-grünen Regierung Politik zu machen.Offen nur, ob eine wirkliche neue, anden einstigen Idealen orientierte Politik – oderdas endlich mögliche Einfordern des eigenenPlatzes auf den Chefsesseln der Nation.Eine neue Politik zu machen erweist sich augenscheinlichals schwierig und mag Gründe inder eigentümlichen theorie- wie aktionsorientiertenAktivität der antiautoritären Bewegungjener Zeit haben. Kraushaar unterscheidet dreiGenerationen im spannungsgeladenen Verhältnisvon Kritischer Theorie und Politik, denenjeweils spezifische Kritikmodelle entsprachen:die Lehrer (Horkheimer, Adorno, AlexanderMitscherlich), die älteren Schüler (Ludwig vonFriedeburg, Jürgen Habermas, Oskar Negt, AlfredSchmidt) und die jüngeren Schüler (RudiDutschke, Hans-Jürgen Krahl). Zunächst theorie-immanenteHaltung, dann wissenschaftlichbegründete politische Haltung und schließlich»Aufklärung durch Aktion« bestimmten die jeweiligenKritikmodelle der einzelnen Generationen(Kraushaar, 3/12f).Die 68er-Studenten entstammten mehrheitlichbesseren Elternhäusern, wurden mit erstenErscheinungen einer Vermassung intellektuellerBerufe konfrontiert, suchten sichzugleich von ihrer Elterngeneration und einerals ebenso muffig wie autoritär empfundenenbundesdeutschen Gesellschaft mit ihrer unbewältigtenNS-Vergangenheit zu emanzipieren.Vietnamkrieg und Notstandsgesetze warendie Katalysatoren ihres Aufbegehrens. Deutlichwird aber auch der Druck des eigentli-Bücher . Zeitschriftenchen Lebens- und Studienfeldes der Studenten– mangelnde Qualität und Reformstau anverstaubt-hierarchischen Ordinarienuniversitäten,die auch vor sozialwissenschaftlichen Fakultätenund Vorlesungen selbst der Köpfe derKritischen Theorie nicht haltmachten. Insofernist die von Adorno angeordnete gewaltsameBeendigung einer Institutsbesetzung für vieleder damaligen Protagonisten zumindest einebenso tiefer Einschnitt wie der Tod BennoOhnesorgs oder das Attentat auf Dutschke.Bemerkenswerter nachteilig ist das weitgehendeAusblenden der internationalen Prozesse(namentlich in den Kommentaren). Abergerade die US-amerikanischen Proteste gegenRassendiskriminierung und Vietnamkrieg, dieim Vergleich zur Bundesrepublik weitausspektakuläreren und gesellschaftserschütterndenAktionen der Studenten in Frankreichoder Italien bleiben unterbelichtet. Der bundesrepublikanischeTellerrandblick bestimmtdie Sichtweise der Protagonisten, die sich nunzu Deutern der Ereignisse aufschwingen. SilviaBodenstein hat mit ihrer selbstironischenEinsicht mehr als recht: »Wir sind vermutlichschlechte Zeugen eines interessanten Ereignisses.Wir gingen mir, gehörte ich einer anderenGeneration an, in unserer Funktion alsEreignisverweser gewaltig auf die Nerven.Aber selbstverständlich gehöre ich zu den68ern und werde scharf aufpassen, daß danichts falsches aufkommt.« (3/238)Aus dem Blick sind nicht zuletzt die Ereignissein Osteuropa, namentlich in der CSSR,obwohl deren Ende eine entscheidende Rückwirkungauch auf das Schicksal der westeuropäischenStudentenbewegung hatte. Natürlichstand die Studentenbewegung und nochmehr die Kritische Theorie unter dem auch inden Protestdemos gegen die Warschauer-Pakt-Invasion in Prag getragenen Losung: »Stalinismus+ Imperialismus = Feinde des Sozialismus«(1/353). Diese Losung entsprach dem ursprünglichenAnsatz – auch angesichts der verklärend-romantisierendenSympathie für diechinesische Kulturrevolution, für den BefreiungskampfVietnams und Kubas, für die RevolutionsversucheChe Guevaras. Diese doppelteFrontstellung macht nicht zuletzt die Aktualitätdes intellektuellen Aufbegehrens vonAdorno bis Dutschke gegen westliche Gesellschaftwie gegen stalinistisch-realsozialistische


Bücher . Zeitschriften94Pervertierung einer emanzipatorischen Ideeaus. Bernd Rabehl weist auf diesen Reaktionscharakternachdrücklich hin, wenn er daran erinnert,daß die »neue Linke signalisierte, daßReformismus und Kommunismus in Europa andas Ende ihrer Entfaltung gekommen warenund ihr Zustand der Stagnation überging in denoffenen Zerfall« (3/36).Zentral für Studentenbewegung und die ihrvorhergehenden wie sie begleitenden theoretischenAnstrengungen war das Demokratieproblem.Weder Diktatur noch autoritäre politischeStrukturen sollten es sein – sondernderen Aufhebung in Antiautoritarismus undeher basisdemokratischer Willensbildung. DieStudentenbewegung agitierte und agierte inZeiten von KPD-Verbot , Erhards »FormierterGesellschaft« und »Konzertierter Aktion« underst »Großer Koalition« gegen das »Schreckgespensteiner Gesellschaft ohne Opposition«(3/17). Sehr erinnert heute die einheitsdeutscheRealität mit ihrer faktischen »GroßenKoalition« der größten Regierungs- und Oppositionsparteienan diese Starrheit. Damalswollten die Studenten aus diesem »integralenEtatismus« ausbrechen (3/19).Als zentrales Dokument der Studentenbewegunginterpretiert Kraushaar das Organisations-Referatauf der 22. Delegiertenkonferenzdes SDS im September 1967 vonDutschke und Krahl. Beide suchten bei allerverbalen Ablehnung des Realsozialismus Antwortenauf den »integralen Etatismus«. Siebringen sie auf den Punkt in wahrhaft »leninistischer«Art: Die revolutionäre Bewußtseinsbildungdurch eine im Sinne der »großen Weigerung«von Marcuse sich entwickelndeStadtguerilla, die ihre soziale Basis an denUniversitäten hat und den »Kampf um denMensagroschen und um die Macht im Staateorganisiert« (zit. in 3/25). So soll sie als Vorhutwirken, die die Massen revolutioniert. Unabhängigdavon, ob bereits hier das spätereRAF-Konzept angelegt ist oder eher metaphorischeBegriffe verwandt wurden – die Antiautoritärensind sich der Tragweite ihrer neuenLebens- und Kampfweise in bestimmterHinsicht bewußt. Insofern war, dies machendie heutigen Kommentare deutlich, die ganzeAngelegenheit zutiefst widersprüchlich. AlexDemirovic verweist auf die Orientierung aneiner »negativen Dialektik«. Die Studentenbewegungstand für eine antiautoritäre Politik.»›Antiautoritär‹ hatte dabei nicht allein einesozialpsychologische Bedeutung, wonach dieStudentInnen jede Form von psychologischerUnterwerfung unter Autorität, sei es des Staates,der Professoren oder der öffentlichen Meinung,bekämpften. Es war damit vor allem einegesellschaftstheoretische Einschätzung derhistorischen Bedingung sozialistischer Praxisgemeint, die sich gegen jedes Bedürfnis nachOntologie, nach Halt an einer historischen Gesetzmäßigkeitoder einem vordefinierten kollektivenWillen, richtete. Das Pathos war also,einen Begriff von Emanzipation zu entwickeln,der sich in keiner Hinsicht mehr aufvorgegebene Maßstäbe des Handelns berufenkonnte.« (3/73) Also durchaus kein Orientierenam Bestehenden und seiner Autorität, sonderndie Bereitschaft, gegen das Bestehendeals kapitalistisches System wie als etabliertemarxistische Theorie zu agieren. Der »Marschdurch die Institutionen« (ohne sich ihnen unterzuordnen,eben als Guerilla) als ewigerWeg, allerdings ohne Kompaß (vielleicht dochnur als Spaß und »Selbstverwirklichung«), wiedies heute die alt gewordenen 68er als Teilder politischen Klasse beweisen?Dabei ist wohl für manchen jene vatermörderischeKritik des Kommunarden FritzTeufel an den Kritischen-Theorie-Vorläufernnicht unwesentlich: »Was soll uns der alteAdorno und seine Theorie, die uns anwidert,weil sie nicht sagt, wie wir diese Scheiß-Uniam besten anzünden und einige Amerikahäuserdazu – für jeden Terrorangriff auf Vietnameines.« (zit. in 3/84) Schimmert hier nichtschon jener theorie- und prinzipienlose Pragmatismushindurch, der uns heute so unangenehmberührt?Böckelmann konstatiert heute, daß »dieStudentenbewegung ... dort gesiegt (habe),wo sie es eigentlich nicht vorhatte«. Nicht diepolitische Revolution, sondern bestenfallseine Kulturrevolution (die aber auch andereUrsache gehabt hätte) sei erreicht worden.(3/216)STEFAN BOLLINGER

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