Ernest Hemingway Neu gelesen von Peter Stamm - Neue Zürcher ...

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Ernest Hemingway Neu gelesen von Peter Stamm - Neue Zürcher ...

Nr. 6 | 26. Juni 2011

Ernest Hemingway Neu gelesen von Peter Stamm | Silvia Avallone Ein

Sommer aus Stahl | Alice Munro Zu viel Glück | Kinder- und Jugendbücher

Ferienlektüre | Gregor Sander Winterfisch | Luise Rinser Über ihre dunklen

Seiten | Paul Collier Der hungrige Planet | Weitere Rezensionen zu J. R. von

Salis, Henry Kissinger und anderen | Charles Lewinsky Zitatenlese


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Inhalt

Die jungen

Frauen

und das Meer

Nr. 6 | 26. Juni 2011

Ernest Hemingway Neu gelesen von Peter Stamm | Silvia Avallone Ein

Sommer aus Stahl | Alice Munro Zu viel Glück | Kinder- und Jugendbücher

Ferienlektüre | Gregor Sander Winterfisch | Luise Rinser Über ihre dunklen

Seiten | Paul Collier Der hungrige Planet | Weitere Rezensionen zu J. R. von

Salis, Henry Kissinger und anderen | Charles Lewinsky Zitatenlese

Ernest

Hemingway

(Seite 14).

Illustration von

André Carrilho

Belletristik

4 Alice Munro: Zu viel Glück

Von Gunhild Kübler

6 Gregor Sander: Winterfisch

Von Sandra Leis

7 Matt Beynon Rees: Der Attentäter von

Brooklyn

Von Stefana Sabin

8 Aimee Bender: Die besondere Traurigkeit von

Zitronenkuchen

Von Simone von Büren

Thomas Hoepker: DDR Ansichten

Von Gerhard Mack

9 Kathrin Schmidt: Finito. Schwamm drüber

Von Martin Zingg

10 Silvia Avallone: Ein Sommer aus Stahl

Von Regula Freuler

11 Sayed Kashua: Zweite Person Singular

Von Susanne Schanda

Kurzkritiken Belletristik

11 Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der zu

viel wusste

Von Manfred Papst

Jonathan Lethem: Chronic City

Von Regula Freuler

Sunil Mann: Lichterfest

Von Regula Freuler

Konstantin Richter: Kafka war jung und

brauchte das Geld

Von Manfred Papst

Kinder- und Jugendbuch

12 Franziska Biermann: Der magnetische Bob

Von Verena Hoenig

Franz Hohler, Kathrin Schärer: Es war einmal

ein Igel

Von Regula Freuler

Per Olov Enquist: Grossvater und die

Schmuggler

Von Andrea Lüthi

Ernest Hemingway war Kriegsreporter, Abenteurer, Grosswildjäger

und vor allem ein fabelhafter Erzähler. Für seine Novelle «Der alte

Mann und das Meer» erhielt er den Pulitzer- und 1954 den Nobelpreis.

Millionen von Leserinnen und Lesern waren hingerissen vom Drama

des Fischers Santiago, der drei Tage im Golf von Mexiko allein mit

einem gigantischen Marlin, einem Speerfisch, kämpfte. Der Stoff wurde

wie viele andere Werke Hemingways verfilmt. Der rabauzige Autor,

dessen Todestag sich zum 50. Mal jährt, liebte auch den Stierkampf und

das Boxen. Dass er heute als Macho abgetan wird, findet der Schweizer

Schriftsteller Peter Stamm billig. Stamm, der sich von Hemingways

schnörkellos knapper Prosa beeinflussen liess, hält den Pionier der

Shortstories für einen sensiblen Intellektuellen, ja einen «Riesen»,

dessen Zeit noch lange nicht abgelaufen sei (Seite 14).

Ebenfalls am Meer, am heruntergekommenen Strand von Piombino,

spielt das Romandebüt der 27-jährigen italienischen Autorin Silvia

Avallone. Die beiden Heldinnen von «Ein Sommer aus Stahl» sind noch

keine 14, sind sich aber ihrer schönen Körper bewusst, die die Blicke

der Männer auf sich ziehen. Ein begeisterndes Buch: die Überraschung

dieses Frühjahrs, wie meine Kollegin Regula Freuler schreibt (Seite 10).

Wir wünschen Ihnen gute Lektüre und einen schönen Sommer. Auf

Wiederlesen am 28. August. Urs Rauber

Tania Kjeldset: Juli

Von Andrea Lüthi

Tobias Elsässer: Für niemand

Von Christine Knödler

13 Martin Schäuble: Black Box Dschihad

Von Sabine Sütterlin

Karin Feuerstein, Karin Schneider: Da hielt

die Welt den Atem an

Von Hans ten Doornkaat

Ingo und Silke Arndt: 1, 2, 3 – ganz viele!

Von Christine Knödler

Robert Griesbeck, Nils Fliegner:

Trickchemie

Von

Verena

Hoenig

Jürgen

Brater:

Warum

haben wir

Sand in den

Augen?

Von Sabine

Sütterlin

Interview

14 Peter Stamm über Ernest Hemingway

«Hemingway war genial sorgfältig»

Von Manfred Papst

Kolumne

17 Charles Lewinsky

Das Zitat von Karl Heinrich Waggerl

Kurzkritiken Sachbuch

17 Elisabeth Kaestli: Aisha, Mussa, Zawadi …

Von Urs Rauber

Martin Sinzig: Louis Chevrolet

Von Geneviève Lüscher

Julia Onken: Rabentöchter

Von Kathrin Meier-Rust

Hans Ruh: Ordnung von unten

Von David Strohm

Sachbuch

18 Paul Collier: Der hungrige Planet

Von Katja Gentinetta

20 Paul Ginsborg: Italien retten

Birgit Schönau: Circus Italia

Von Janika Gelinek

Al Imfeld: Afrika als Weltreligion

Von David Signer

21 José Sánchez de Murillo: Luise Rinser

Von Urs Rauber

22 Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem

Von Sieglinde Geisel

23 Gregor Spuhler: Gerettet – Zerbrochen

Von Urs Bitterli

Gianfranco Malfarina: Die Kirche San

Francesco in Assisi

Von Geneviève Lüscher

24 Herbert Cerutti: Wie Hans Rudolf Herren

20 Millionen Menschen rettete

Von Markus M. Haefliger

Bernd Brunner: Wie das Meer nach Hause

kam

Von Thomas Köster

25 Jean Rudolf von Salis: Ausgewählte Briefe

1930−1993

Von Klara Obermüller

26 Sebastiano Tusa: Versunkene Antike

Von Geneviève Lüscher

Das amerikanische Buch

Henry Kissinger: On China

Von Andreas Mink

Agenda

27 Helge Sobik: Mythos Saint Tropez

Von Kathrin Meier-Rust

Bestseller Juni 2011

Belletristik und Sachbuch

Agenda Juli 2011

Veranstaltungshinweise

Chefredaktion Felix E. Müller (fem.) Redaktion Urs Rauber (ura.) (Leitung), Regula Freuler (ruf.), Geneviève Lüscher (glü.), Kathrin Meier-Rust (kmr.), Manfred Papst (pap.)

Ständige Mitarbeit Urs Altermatt, Urs Bitterli, Andreas Isenschmid, Manfred Koch, Gunhild Kübler, Charles Lewinsky, Beatrix Mesmer, Andreas Mink, Klara Obermüller, Angelika Overath,

Stefan Zweifel Produktion Eveline Roth, Hans Peter Hösli (Art-Director), Urs Schilliger (Bildredaktion), Felix Eberlein (Layout), Korrektorat St. Galler Tagblatt AG

Adresse NZZ am Sonntag, «Bücher am Sonntag», Postfach, 8021 Zürich. Telefon 044 258 11 11, Fax 044 261 70 70, E-Mail: redaktion.sonntag@nzz.ch

NIELS FLIEGNER

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 3


Belletristik

Erzählungen Alice Munro wird im Juli 80 Jahre alt. In ihrem

jüngsten Buch beweist sich die kanadische Schriftstellerin erneut

als Grossmeisterin der kurzen Prosa

Literatur zehrt

immer

vom Leben

Alice Munro: Zu viel Glück. Aus dem

Kanadischen von Heidi Zerning. Fischer,

Frankfurt a. M. 2011. 368 Seiten, Fr. 30.50.

Von Gunhild Kübler

In Alice Munros jüngstem Erzählband

«Zu viel Glück» geht eine Frau an einem

Buchladen vorbei und erblickt auf einem

Plakat das Gesicht eines Mädchens, das

ihr bekannt vorkommt. Ob das eine

ihrer ehemaligen Schülerinnen ist? Die

junge Autorin posiert in schwarzer Aufmachung,

mit tiefem Ausschnitt und

vorwurfsvoller Miene. Die Lehrerin

kauft das Buch und entdeckt beim Lesen

zu Hause, dass sie darin als angeschwärmte

Musiklehrerin eine Hauptrolle

spielt. Keine sympathische. Sie

ahnt, was nun kommt, und giesst sich

zur Beruhigung schon mal Cognac in

ihren Tee. Die Autorin, glaubt sie, wird

«ihre schmutzige Phantasie den Menschen

und der Situation aufpfropfen, die

sie aus dem wahren Leben genommen

Alice Munro

Alice Munro ist am 10. Juli 1931 in Wingham,

Ontario, geboren. Ein Studium an

der University of Western Ontario

musste sie aus Geldmangel abbrechen.

Sie heiratete 1951 und zog drei Kinder

gross. Seit 1968 hat sie 13 Erzählungsbände

und einen Roman publiziert. Vielfach

ausgezeichnet (2009 für ihr

Lebenswerk mit dem Booker Prize für

Internationale Literatur) und alljährlich

als Kandidatin für den Literatur-Nobelpreis

gehandelt, lebt sie heute mit ihrem

zweiten Mann in Clinton, Ontario.

4 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

hat – zu faul, um zu erfinden, aber nicht

zu faul, um zu verleumden.»

Literatur zehrt vom Leben. Auch

Alice Munro, diese singuläre Grossmeisterin

des Erzählens, die am 10. Juli

ihren 80. Geburtstag feiert, hat immer

von eigenen Erinnerungen gezehrt.

Unter den Protagonisten ihrer mittlerweile

dreizehn Erzählungsbände erkennt

man ihren Vater, den glücklosen

Gelegenheitsfarmer und Züchter von

Silberfüchsen, und ihre Mutter, die an

Parkinson erkrankte, als die kleine Alice

zehn war. Man erkennt die armseligen,

bigotten Verhältnisse in der kanadischen

Provinz, aus denen sie erst in ein

kurzes Studium und dann in eine frühe

Ehe floh. Man erkennt die Ehe-Situation,

aus der sie sich losmachte, und man

glaubt die Autorin selber zu sehen als

Hausfrau und Mutter auf der Suche

nach einem Zimmer für sich allein.

Liebe einer Schülerin

«Faul» beim Erfinden ist Alice Munro

allerdings nie gewesen. Erzählen ist bei

ihr eine Methode, über das menschliche

Zusammenleben nachzudenken, seine

undurchsichtigen, irritierenden Momente

herauszulösen und von mehreren

Seiten her zu erkunden bis dahin, wo sie

unauslotbar werden. In einem Interview

hat sie das einmal so beschrieben: «Erinnerung

ist die Art und Weise, wie wir

uns selber unsere Geschichten erzählen

und wie wir anderen Leuten eine etwas

andere Version unserer Geschichten erzählen.

Wir kämen nicht aus in unserem

Leben ohne eine starke, ständig fortlaufende

Erzählung. Und unter all den bearbeiteten,

inspirierten, uns schützenden

oder unterhaltenden Geschichten

liegt vermutlich irgendein riesiges, bauchiges,

geheimnisvolles Ding namens

‹Die Wahrheit›, nach dem wir mit unse-

ren Fiktionen stochern und von dem wir

einzelne Stücke erwischen. Was könnte

als lebenslange Beschäftigung interessanter

sein?»

Wie das im einzelnen aussieht, zeigt

der Fortgang der eingangs erwähnten

Erzählung. Die ehemalige Schülerin hat

in ihrem Buch ihre grosse Liebe zur Musiklehrerin

zum Thema gemacht. Und

das bittere Ende dieser Liebe. Denn dem

Kind wird bald einmal klar, dass es nur

deswegen für die Lehrerin interessant

ist, weil es ihr Informationen über ihren

Ex-Mann bringen kann, der sie nach

langjähriger Ehe verlassen hat und seit

kurzem mit der Mutter des Kindes zusammenlebt.

Das Kind fühlt sich in seiner

Schwärmerei betrogen und missbraucht.

Nie wieder wird es sich so hinters

Licht führen lassen.

Aber dann kommt alles anders. Mit

der Zeit verändern sich die Gefühle des

Mädchens. Als junge Frau hört sie auf,

sich über ihre Kinderliebe zu grämen,


denkt jetzt mehr an die Phasen kindlicher

Glückseligkeit, an die gemeinsam

mit der Lehrerin gespielte Musik, und

mit einem Mal heisst es: «Sie war froh

darüber.» Worauf ein echt Munro’scher

Satz folgt: «Es schien fast, als müsse es

eine wahllose und natürlich ungerechte

Sparsamkeit in der Haushaltsführung

der Welt geben, wenn das grosse Glück

eines Menschen – wie vergänglich und

zerbrechlich auch immer – aus dem

gros sen Unglück eines anderen kommen

konnte.»

Zahlreiche Rückblenden

Sätze wie diese laden Leser zum Selbstgespräch

über das eigene Leben ein.

Für unser Leseglück ist damit bereits gesorgt.

Aber Munro setzt noch eins drauf:

Sie lässt die Lehrerin zur Lesung ihrer

Schülerin gehen. Die hat sich inzwischen

komplett neu gestylt mit Goldtönen

im Haar, einer Jacke aus rosa Seidenbrokat

und Goldschmuck an Hals

und Ohren. Jetzt wirkt sie kühl und doch

freundlich. Doch zeigt sie keine Spur

von Wiederkennen, als die Lehrerin sie

beim Signieren des Buchs auf die Vergangenheit

anspricht. Weiss diese junge

Frau überhaupt noch, was sie geschrieben

hat? Es sieht aus, als sei das etwas,

aus dem sie sich «hinausgeschlängelt

und das sie im Gras liegengelassen hat».

So sind sie, die Autoren, werfen

schreibend ihre Haut ab, um die von anderen

umso ungenierter zu Markte zu

tragen. Auf ihrem Heimweg ringt die

Lehrerin noch eine ganze Weile um Fassung.

Aber jetzt hat sie Lust, mitzumischen

bei diesem trickreichen Geben

und Nehmen – «daraus lässt sich vielleicht

sogar eine Anekdote machen, die

sie selber eines Tags erzählen kann. Es

würde sie nicht wundern.»

«Fiction» heisst diese Erzählung, die

zu so heiteren Einsichten kommt beim

Nachdenken über das Verhältnis von

Leben und Literatur. Typisch ist solche

PETER SIBBALD / REDUX / LAIF

Die kanadische

Autorin Alice Munro,

1994 zu Hause in

ihrem Garten in

Clinton, Ontario. Ihre

Erzählungen laden

zum Selbstgespräch

über das eigene Leben

ein.

Heiterkeit für die zehn Geschichten dieses

Bandes allerdings nicht. Denn es gibt

hier überraschend viele Eruptionen von

Gewalt, die allerdings nur in ihren Folgen

geschildert werden.

Zahlreich sind auch die Rückblenden

in vergangene Zeiten: Die Titelgeschichte

– ein Porträt der russischen Mathematikerin

Sofia Kowalewskaja – lenkt

bis ins 19. Jahrhundert zurück. Andere

Stories beschreiben die kanadische Provinz

in den Kindheitsjahren der Autorin.

Dabei sind die Figuren stabil in ihrer

Zeit verankert, aber ihre Konflikte wirken

aktuell. Diese Kinder werden in

ihren Freundschaften und Abneigungen

und in ihrer gnadenlosen Konventionalität

genauso ernst genommen wie Erwachsene.

Idyllen gibt es keine. Manche

Figuren werden das Kind, das sie einst

waren, ihr Leben lang nicht mehr los.

Noch auf dem Totenbett kämpfen sie

mit Schuldgefühlen aus jener Zeit. Dass

die am längsten zurückliegende Lebensphase

im Alter plötzlich neu austreibt

und bearbeitet werden will, auch diese

manchmal quälerische Erfahrung ist in

dieses reiche Altersbuch eingegangen.

Attraktives Altersbuch

Ein Wort noch zur deutschen Übersetzung.

Die besorgt seit Jahren Heidi Zerning

– präzis, findig und mit der gebotenen

knappen, aber doch lockeren Eleganz.

Diesmal hat ihr ein syntaktisch

tückisches Zitat aus einem Gedicht des

englischen Schriftstellers Walter de la

Mare ein Schnippchen geschlagen.

«There is no sorrow / Time heals never

/ No loss, betrayal / Beyond repair» –

heisst wohl eher «Es gibt keinen Kummer

/ Den Zeit nicht heilt» als, wie

Heidi Zerning schreibt, «Kummer gibt

es nicht / Zeit heilt nie.»

Der Missgriff wäre unerheblich,

würde er nicht die Stimmung in der Erzählung

«Gesicht» stören, in der ein

alter, von einem blauroten Muttermal

auf seiner Wange entstellter Mann sich

an seine Kinderfreundin erinnert. Die

hat eines Tages – im Bedürfnis, sich mit

ihrem Freund zu identifizieren – die eigene

Wange mit knallroter Farbe angemalt

und ihn damit so schockiert, dass

man sie für immer aus seinem Umkreis

verbannte. Nun erträumt er im Alter

eine letzte Begegnung mit ihr. Altwerden

kann hungrig machen nach Versöhnung.

Darf man Bilanz ziehen? Auf keinen

Fall. Wie ihr jüngstes Buch zeigt, ist von

Alice Munro noch etwas zu erwarten.

Allenfalls kann man jetzt schon feststellen,

wie sehr sich ihr komplexes Alterswerk

von den endlos die Einbusse von

Attraktivität beklagenden Altersbüchern

von Philip Roth oder Martin Walser

unterscheidet. Der schöne Spruch,

den Virginia Woolf vor vielen Jahren auf

George Eliot münzte, soll darum hier in

einen Geburtstagstoast verwandelt werden:

Lorbeer und Rosen für die grosse

kanadische Schriftstellerin! l

Die Publizistin Gunhild Kübler war lange

Mitglied des «Literaturclubs». Zuletzt

erschien von ihr «Leidenschaften.

99 Autorinnen der Weltliteratur».

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 5


Belletristik

Erzählungen In «Winterfisch», seinem dritten Buch, versammelt der deutsche Autor Gregor Sander

Geschichten aus dem Ostseeraum. Karg und von grosser Strahlkraft

Vom Schweigen der Männer

Gregor Sander: Winterfisch. Wallstein,

Göttingen 2011. 192 Seiten, Fr. 27.90.

Von Sandra Leis

Zwei Freunde kennen einander seit dem

Medizinstudium, das für beide die falsche

Wahl gewesen ist. Sie brechen es

ab, der eine studiert Malerei, der andere

macht eine Ausbildung zum Fotografen.

Das Leben nimmt seinen Lauf, die beiden

driften ein wenig auseinander, bis

sie zu ihrem 40. Geburtstag einen Segeltörn

geschenkt bekommen. Von Gdingen

nach St. Petersburg. «Das Ganze ist

nicht meine Welt. Ich glaube, Jakob gefällt

es besser. Wir lesen oder spielen

Karten in unserer Freizeit, und eigentlich

wartet man die ganze Zeit wieder

auf die nächste Wache», heisst es in

«Weisse Nächte», einer Erzählung des

43-jährigen Deutschen Gregor Sander.

Obwohl oder gerade weil ihm die

Tage ziemlich eintönig vorkommen,

bleibt dem Ich-Erzähler genügend Zeit,

über Vergangenes nachzudenken. Beispielsweise

vergegenwärtigt er sich Jakobs

Besäufnisse, den Entzug und die

beiden Rückfälle. Und er schlägt den

Bogen zu sich selbst, weil auch er

manchmal eins über den Durst trinkt.

Dann, wenn ihn Leere und Einsamkeit

befallen und eine «Scheissangst» in ihm

hochkriecht, während Frau und Töchter

friedlich schlummern. Angst wovor?

«Davor, dass alles kippt. Alles.»

Mehrfach ausgezeichnet

Es sind solche Geschichten, die den

Band «Winterfisch» zu einer Trouvaille

machen. Es ist diese beredte Schweigsamkeit

von Sanders männlichen Protagonisten,

und es ist diese ungeschminkte

Ehrlichkeit, nach welcher der Autor

forscht, ohne seine Figuren je der Lächerlichkeit

preiszugeben. Er begegnet

ihnen mit grossem Respekt und findet

für sie eine Sprache so karg und rau wie

der Ostseeraum, in dem sie leben.

Gregor Sander kam 1968 in Schwerin

zur Welt, machte eine Ausbildung zum

Schlosser und Krankenpfleger, studierte

eine Weile Medizin, dann Germanistik

und Geschichte und besuchte schliesslich

die Journalistenschule in Berlin, wo

er als Autor lebt. 2002 debütierte er mit

dem Geschichtenband «Ich aber bin

hier geboren», für den er den Förderpreis

zum Friedrich-Hölderin-Preis der

Stadt Bad Homburg erhielt. Er versammelte

Momentaufnahmen deutscher Befindlichkeiten

nach der Wende, beschrieb

leise und unaufgeregt die Kapitulation

vor dem Leben genauso wie das

Aufbegehren gegen die Tristesse.

2007 veröffentlichte Sander mit «Abwesend»

seinen ersten und gleich für

den Deutschen Buchpreis nominierten

Kurzroman. Darin erzählte er mittels

Andeutungen, Verknappungen und Zeit-

6 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

Männer auf einem

Segeltörn und andere

Einzelkämpfer:

Gregor Sanders

Protagonisten werfen

existenzielle Fragen

auf.

sprüngen von den Rissen einer ostdeutschen

Eigenheimidylle aus der Sicht

eines Sohnes, der ins Elternhaus zurückkehrt,

um den kranken Vater zu beaufsichtigen,

während die Mutter eine

Reise unternimmt. 2009 schliesslich las

Sander am Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis

in Klagenfurt die

Geschichte «Winterfisch», in der drei

Männer beinahe stumm um eine vergangene

Liebe trauern, und wurde dafür mit

dem 3sat-Preis ausgezeichnet.

Nicht nur in der Titelgeschichte, auch

in den acht weiteren Erzählungen des

Buches «Winterfisch» tragen die Protagonisten

ihr Herz nicht auf der Zunge.

Sie sind in sich gekehrt und zurückhaltend,

im Beruf oft Einzelkämpfer wie

der Arzt in «Haus Seeblick», der drei

Monate im Jahr auf Mallorca malocht,

dann nochmals drei Monate in Berlin,

um sich die übrige Zeit von seinen Strapazen

zu erholen. Dabei wird ihm bewusst,

dass Leben auch Lieben heisst,

und er macht sich auf zu einem Überraschungsbesuch.

Er fährt ins Ostseebad

Grünborn und nächtigt in einem Hotel,

dessen Besitzerin er auf Mallorca behandelt

hat.

Gelungene weibliche Sicht

Oder André aus der Geschichte «Im

Dunkeln», der durch Osteuropa reist,

weil seine Firma in mehreren Hotels

Heizungsanlagen gebaut hat und eine

kostenlose Wartung nach einem Jahr

spendiert. Er hat eigentlich nichts zu

tun, «ausser an ein paar Ventilen zu drehen

und zu sagen, dass alles in Ordnung

sei». Eines Abends versumpft er in Litauen

und muss sich von einem Betrunkenen

vorwerfen lassen, dass die beiden

Piloten auf dem 10-Lit-Schein von den

Deutschen abgeschossen worden seien.

Als sich herausstellt, dass dem wohl

doch nicht so gewesen ist, überkommt

André eine Freude, ohne dass er genau

wüsste, warum.

Gregor Sanders Hauptfiguren sind

fast ausnahmslos Männer, doch in einer

der neun vorliegenden Erzählungen

wagt er die weibliche Perspektive und

reüssiert. In «Der Stand der Dinge» berichtet

er von Johanna, einer Köchin auf

der Stör. Sie fährt von Berlin nach

Rügen, von dort bringt ein Helikopter

sie weiter auf die Insel Hiddensee. In

einer Ferienwohnung bereitet sie einen

Ochsenschwanz zu und erfährt erst allmählich,

was ihre Auftraggeber niederdrückt:

Der Sohn der Familie ist vor

über zwei Jahrzehnten beim Versuch,

aus der DDR zu fliehen, von Grenzsoldaten

erschossen worden. Die Mahlzeit

ist ein Ritual, mit dem die Familie an

jedem Geburtstag des toten Sohnes gedenkt.

Ein anderer Druck, der auf Johanna

lastet, kommt aus der eigenen Familie.

Zu Hause sitzt ihr Mann, ein arbeitsloser

und entsprechend sauertöpfischer

Schauspieler, mit der gemeinsamen

fünfjährigen Tochter. Während Johanna

kocht, schreibt er per SMS: «Wir müssen

reden (…). Es gibt ein Problem.» Sie

ahnt, was das heissen könnte, und hofft

trotzdem inständig, dass sie im kommenden

Mai wie jedes Jahr mit Mann

und Kind nach Hiddensee reisen wird.

Die Hoffnung stirbt zuletzt – auch in

Gregor Sanders Geschichten, die existenzielle

Fragen aufwerfen und dank

ihrer konkreten Verankerung im Alltag

zutiefst menschlich sind. ●

FRANK HEUER / LAIF


Kriminalroman In seinem vierten Fall muss Omar Jussuf die Unschuld seines Sohnes beweisen

Der erste palästinensische Detektiv

Matt Beynon Rees: Der Attentäter von

Brooklyn. Omar Jussufs vierter Fall. Aus

dem Englischen von Klaus Modick. C. H.

Beck, München 2011. 288 Seiten, Fr. 28.90.

Von Stefana Sabin

Omar Jussuf ist ein «Lehrer, der die bedauernswerten

Kinder aus dem Flüchtlingslager

Dehaischa in Geschichte unterrichtet.»

Er ist kein strahlender Held,

sondern ein alternder Mann, in schlechter

körperlicher Verfassung und in subdepressiver

Dauerstimmung – ein Antiheld.

Er ist der erste palästinensische

Detektiv der Kriminalliteratur.

Nun hat Omar Jussuf seinen vierten

Fall zu lösen. Er muss die Unschuld seines

eigenen Sohnes beweisen, der unter

Mordverdacht verhaftet wird. Nachdem

er seine Talente in Bethlehem, Gaza und

Nablus vorgeführt hat, muss er jetzt

in einer besonderen palästinensischen

Stadt ermitteln, nämlich in Bay Ridge, in

jenem Viertel von Brooklyn, wo sich

so viele Palästinenser niedergelassen

haben, dass es «Little Palestine» heisst.

Das ist eine zugleich vertraute und

fremde Umgebung: der Geruch des ara-

1.296 Seiten

€ 21,90 CHF (empf.Vk-Preis)

ISBN 978-3-453-43523-0

bischen Kaffees und die Begrüssungsrituale

zwischen den palästinensischen

Emigranten erinnern Jussuf an zu Hause,

aber die meteorologische Kälte und

die zwischenmenschlichen Umgangsformen

tragen zu seinem ständigen Unbehagen

bei. Wie zu Hause in Bethlehem

kommt sich Jussuf einsam und

fremd vor, wie zu Hause ist er entschlossen,

die Wahrheit herauszufinden. So

scheut er keine Anstrengung, die Morde,

die die palästinensische Gemeinde erschüttern,

aufzuklären und seinen Sohn

aus dem Gefängnis wieder freizubekommen.

Dabei legt er bei seinen Ermittlungen

kriminelle Verstrickungen zwischen

verschiedenen arabischen Gruppierungen

bloss, deckt die Verlogenheit palästinensischer

Politfunktionäre auf und

sichert sich den Respekt des palästinensisch-amerikanischen

Polizisten, mit

dessen Hilfe er schliesslich einen gross

angelegten terroristischen Anschlag

verhindert.

Eine bewährte Mischung aus kriminalistischer

Handlung, sozialpolitischer

Beschreibung und Lokalkolorit prägt

den Roman. Es ist der vierte des englischsprachigen

Autors Matt Benyon

Rees. Als ehemaliger Journalist, der jah-

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10CAsNsjY0MDAx0jUwMDI0MAYAbH0UIw8AAAA=

relang für die amerikanische Wochenzeitschrift

«Time» die kriegerischen

Zustände im Nahen Osten beschrieben

hat, verbindet Matt Benyon Rees die

Dringlichkeit des Berichterstatters mit

der Gelassenheit des Krimischriftstellers.

Rees pflegt eine einfache Sprache

und versucht, die idiomatischen Rituale

des gesprochenen Arabisch nachzuahmen.

Er baut Spannung auf, hält den erzählerischen

Rhythmus durch und endet

mit einer unerwarteten Auflösung.

Obwohl Rees New York zum Ort des

Geschehens macht, konzentriert er sich

wie schon in den vorigen Omar-Jussuf-

Romanen auf die innerpalästinensischen

Verhältnisse. Er führt die Korruptheit

der Politfunktionäre, die das

Volk als Verhandlungsmasse betrachtet,

vor und zeigt das Bestreben anständiger

Leute wie Omar Jussuf, die ideologische

Manipulation durch Kulturarbeit zu

konterkarieren. Dabei schöpft Rees aus

seinem Hintergrundwissen über die

Machtkämpfe und die Zerrissenheit innerhalb

der palästinensischen Behörden,

und unter der Oberfläche der Krimihandlung

zeichnet er ein Sozialgemälde

Palästinas, das aufschlussreicher

ist als viele Reportagen. ●

Das platinum-Gewinnspiel. Mitmachen lohntsich!

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Nur der Kampf

ums nackte

Überleben zählt …

Mit DieArena legtStephen King ein faszinierendes

neues Monumentalwerk vor.

Urplötzlich sind die Einwohner der neuenglischen

Kleinstadt Chester’sMill durch ein

undurchdringliches Kraftfeld komplett von

ihrer Umwelt abgeschnitten. Und auf einmal

gilt kein herkömmliches Gesetz mehr…

Erstmals im Taschenbuch!

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 7


Belletristik

Entwicklungsroman Die Amerikanerin Aimee Bender schreibt über ein hochbegabtes Kind

Eine NeunjährigeschmecktinKeksen

diegeballte Wutdes Bäckers

Aimee Bender: Die besondereTraurigkeit

vonZitronenkuchen. Ausdem

Amerikanischen vonChristiane

Buchner und Martina Tichy. Berlin-

Verlag, Berlin 2011. 320 Seiten, Fr.31.90.

Von Simone von Büren

Für die neunjährige Rose ist Zitronenkuchen

nicht einfach Zitronenkuchen:

Sie schmeckt hinter der Zitrone und der

Schokoladenglasur «eine Abwesenheit»,

die sie instinktiv mit ihrer Mutter

verbindet: «Der köstliche Geschmack

der Zutaten schien nur die Deckschicht

von etwas Grösserem, Dunklerem zu

sein.» Die junge Ich-Erzählerin in Aimee

Benders zweitem Roman «Die besondere

Traurigkeit von Zitronenkuchen»

DDR Ansichten aus einem unbekannten Land

Sehr begeistert scheint das Kind nicht zu sein.

Paraden sind nicht lustig, wenn man in der ersten

Reihe stehen und Fähnchen schwenken muss, nur

weil die Partei es verordnet hatund die Eltern keinen

Ärgerwollen. Eine Delegation aus Nordvietnam ist

auf Staatsbesuch in der DDR,dasoll das Volk zeigen,

wie sehr es die Brüder aus der grossen sozialistischen

Weltgemeinschaftschätzt. Thomas Hoepker hatdie

Menschen auf der Karl-Marx-Allee beobachtet. Er zog

1974 mit seiner damaligen Frau EvaWindmöller in

den Ostteil Berlins. Sie wurde als erste«Stern»-

Journalistin in der DDR akkreditiert. Gemeinsam

berichtetedas Paar ein paar Jahrelang über den

unbekannten Alltag der Menschen auf der anderen

Seitedes Eisernen Vorhangs. Wirschauen in die

Wohnungen damals bekannter Schriftsteller und

8 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

schmeckt bald in allem, was sie isst, die

verdrängten Gefühle der Menschen, die

die Zutaten oder Gerichte zubereitet

haben, so als ob sie unfreiwillig in deren

Tagebuch lesen würde. Ein Keks enthält

die geballte Wut des Bäckers, ein Sandwich

schreit in voller Lautstärke, die

Milch ist «lustlos, erschöpft». Die Gefühle,

die der Essenshellseherin mit

jedem Bissen entgegenschlagen, sind so

intensiv, dass sie vorerst nur mit industriell

hergestelltem Fastfood überlebt.

Die Leute in ihrem Umfeld sind zu

sehr mit sich selbst beschäftigt, um das

Problem wahrzunehmen. Die fragile,

zerstreute Mutter kann sich auf nichts

einlassen. Der Vater ist ein Workaholic,

der für alles Listen macht, und der verschwiegene

Bruder Joseph ignoriert

Rose sowieso konsequent. Nur Josephs

Künstler.Wir sehen Schaufenster, die ihren Mangel

mit surrealen Inszenierungen verbrämen. Die vielen

politischen Parolen können nicht verhindern, dass

einem Honecker-Bild auf einer Müllhalde die Augen

ausgestochen wurden. Und immer wieder scheint

auch gesamtdeutsche Befindlichkeit auf: Der Kuchen

mit Buttercrème-Füllung erzählt vonder Magie

kalorienhaltiger Nahrung nach den Hungerjahren von

Weltkrieg und Nachkriegszeit. Er hätte auch auf

westdeutschen Wohnzimmertischen liegen können.

Wersich in HoepkersBilder vertieft, versteht die

Menschen besser,die in der DDR gelebt haben.

GerhardMack

Thomas Hoepker: DDR Ansichten. Hatje Cantz,

Ostfildern 2011. 254Seiten, 201 Abbildungen,

Fr.47.90.

einziger Freund George nimmt sich

ihrer merkwürdigen Begabung an.

Aimee Bender, die die Gebrüder

Grimm und Hans Christian Andersen

als prägende Einflüsse auf ihr Schreiben

nennt, ist bekannt für die magischen

und surrealen Elemente in ihren Texten.

In ihren Erzählungen – auf Deutsch liegt

ihr Band «Das Mädchen, das Feuer fing»

vor – durchlebt zum Beispiel ein Mann

die Evolution rückwärts und wird am

Ende als Einzeller im Meer ausgesetzt,

ein Junge wird mit schlüsselförmigen

Fingern geboren, und ein grosser Mann

kauft einen kleinen Mann als Haustier.

Die 42jährige Autorin verankert die

magischen Elemente in ihren Texten

meist in entschieden realistischen Alltagswelten

– wie hier in einer ruhigen

Wohngegend in Los Angeles. Und oft

veräussern die ungewöhnlichen Fähigkeiten

und Körper ihrer Figuren deren

psychische Zustände. Roses Gabe wird

zur Metapher für ihre Hypersensibilität,

die Bender zu Beginn des Romans humorvoll

und feinfühlig erforscht.

Denn Rose nimmt in ihrem Leben viel

mehr Information auf, als sie zu verarbeiten

vermag – vor allem als sie über

«eine Ladung von Verliebtheit und

Schuldbewusstsein» im Roastbeef von

der Affäre ihrer Mutter erfährt und im

Sandwich ihres Bruders dessen wahre

Verfassung erahnt: «etwas von Leere,

von Klumpigkeit, von In-sich-Zusammenfallen».

Da hätte es viel zu vertiefen gegeben.

Doch Rose entwickelt sich in den rund

dreizehn Jahren ihres Lebens, die das

vierteilige Buch umfasst, nur begrenzt.

Bender lässt sie zwar in der Tradition

des Coming-of-Age-Romans mit ihrer

Gabe immer besser umgehen. Aber als

ob sie zu wenig Vertrauen hätte in diese

Protagonistin und ihr Dilemma, macht

sie ein Familienmitglied ums andere

ebenfalls zum Sonderbegabten: Roses

Grossvater kann Gefühle anderer Menschen

riechen, eine noch unerforschte

Gabe ihres Vaters äussert sich in dessen

Abneigung gegenüber Krankenhäusern,

während Joseph der Welt auf mysteriöse

Weise abhanden zu kommen beginnt.

Bender, die in Los Angeles Creative

Writing unterrichtet, scheint nicht entscheiden

zu können, wo ihr Fokus liegt.

Möglichkeiten hätte es – neben einer

Vertiefung von Roses Entwicklung –

viele gegeben: Allen voran die Beziehung

zwischen Rose und Joseph, der ihr

erst in seinem Verschwinden nahe

kommt. Oder die Frage nach dem Punkt,

an dem Sensibilität von einer besonderen

Gabe zu einer unerträglichen Belastung

wird und man mit Objekten besser

zurechtkommt als mit Menschen. Aber

im Unterschied zu ihrer Protagonistin

stösst Bender nicht auf das «Grössere,

Dunklere» unter Zitronengeschmack

und Schokoladenglasur vor. ●


Erzählungen Die deutsche Buchpreisträgerin Kathrin Schmidt überrascht mit einem breiten

Repertoire an Themen und sprachlicher Virtuosität

Jetzt geht’s erst recht los

Kathrin Schmidt: Finito. Schwamm drüber.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011.

238 Seiten, Fr. 27.50.

Von Martin Zingg

«Finito. Schwamm drüber» steht auf

dem Buchdeckel, doch nach diesem gebieterischen

Ausruf geht es erst richtig

los. 31 Geschichten versammelt der

Band, das ist nicht wenig. Aber Kathrin

Schmidt kennt man als opulente Erzählerin

mit einem grossen Repertoire. Bereits

der Roman «Die Gunnar-Lennefsen-Expedition»,

mit dem sie 1998 als

Prosaautorin debütierte, war ein wuchtiges

und sprachlüsternes Epos, in dem

sie viele erzählerische Register zog.

Richtig bekannt geworden ist die Autorin

indes ausgerechnet mit einem autobiographisch

geprägten Roman, der

den Verlust und die «Rückeroberung»

der Sprache zum Gegenstand hat: Nach

einer Hirnblutung ist der Schriftstellerin

Helene Wesendahl die Sprache (und

mehr) abhanden gekommen, und von

der allmählichen Rückkehr zur Normalität

erzählt der Roman «Du stirbst

nicht». Im Jahre 2009 erhielt Kathrin

Schmidt dafür den Deutschen Buchpreis.

Kurz danach überraschte sie, die

als Lyrikerin angefangen hat, mit dem

Gedichtband «Blinde Bienen», der von

der Kritik in hohen Tönen gepriesen

wurde.

Stress, Liebe, Leben

So verwundert bei den 31 Geschichten

von «Finito» nicht, wie breit Schmidts

Repertoire an Themen und Erzählmöglichkeiten

ausfällt. Bereits die erste Geschichte,

«Learnin’ the Blues», führt in

die Welt einer Frau, die sich ständig am

Rande ihrer physischen Möglichkeiten

zu bewegen scheint. Nach einem anstrengenden

Tag – der Geburtstagskuchen

für den Ehemann ist bereit, die

Kinder sind im Bett, ebenso die pflegebedürftige

Mutter – geht sie nochmals

aus dem Haus, heimlich. Sie will tanzen.

Bereits in der Strassenbahn begegnet

sie einem jungen Mann, der das gleiche

Buch in Händen hält wie sie, also gehen

sie gemeinsam tanzen. Es folgt kurze

Liebe im Hauseingang. Der Ehemann

geht anderntags früh mitsamt Kuchen

ins Büro, und als am Morgen die Mutter

nicht auftaucht, stellt sich heraus: Sie ist

in eben dieser Nacht gestorben. Herzversagen.

Eine unglaubliche Ereignisdichte innerhalb

von wenigen Stunden, und alles

ist durcheinander geraten. Die Ich-Erzählerin

ist nun umständehalber gebremst

in ihrem Tatendrang, die Kinder

auch: Dort, wo die Verstorbene gewöhnlich

sass, sitzt niemand mehr, dennoch

scheint sie immer noch anwesend. Und

zugleich ist abzusehen, dass bald alles

Während die Tochter

tanzen geht, stirbt

die pflegebedürftige

Mutter. Kathrin

Schmidts Erzählungen

sind ereignisdicht.

wieder weitergehen wird, der Stress, die

Liebe, das Leben.

In den Geschichten lässt sich einige

Male verfolgen, wie jemand mit grosser

Energie aufbricht, irgendetwas erreichen

will und zugleich vor dem eigenen

Vorsatz zurückschreckt. Auch der Mann

in «Heisser Brei» weiss lange nicht so

recht, was er eigentlich will. Bloss, dass

nun mal was passieren sollte. Er wird

bald vierzig, er könnte doch einige Menschen

einladen in die Pizzeria gegenüber.

Diese markiert seinen Horizont,

und vor allem beschäftigt ihn die junge

Bedienung, die dort arbeitet, die er sehr

genau beobachtet, der er sich jedoch

nicht zu nähern wagt.

Lust an Sprachspielen

Als in seinem Treppenhaus plötzlich

eine Katze auftaucht, wird der Mann

vorübergehend in seine Vergangenheit

zurückgeworfen. Er taucht in Erinnerungen

ab, in diffuse Bilder, die er nicht

einordnen kann, die aber mehr Leben

signalisieren, als er in der Gegenwart zu

kennen scheint. Und jetzt erst, so sieht

es aus, nachdem er wie die Katze um

den heis sen Brei gestrichen ist, kann er

sich der jungen Frau nähern. Sie hat auf

ihn gewartet, stellt sich heraus, es war

bloss unklar, wann er sie zu sich nach

Hause nehmen würde. Das nötige Gepäck

hält sie längst bereit. Zugleich

scheinen beide ein wenig überrumpelt

von dem, was sie tun. Vornehmen kann

man sich das alles nicht.

Die Geschichte hat ihr Pendant in

«Ein Tag, ein Knopf …», worin eine Frau

endlich den Schritt wagt aus ihrem grauen

Alltag und in einem Café der Kellnerin

ziemlich energisch und mit einer

überzeugenden Ausrede an die Wäsche

geht. Der Kellnerin ist das durchaus

recht, die beiden Frauen ziehen gemeinsam

von dannen, beglückt. Für das

Glück, heisst das, muss etwas riskiert

werden, und am ehesten das, was man

von sich selber nie gedacht hätte.

Vom Glücksverlangen ist in diesen

Geschichten viel die Rede. Die Verhältnisse

sind mitunter düster, auf anstrengende

Weise begrenzt und eingrenzend.

Mühsame Kinder oder dann ebenso

mühsame Kinderlosigkeit, quälende Arbeit

oder quälende Arbeitslosigkeit. In

«Der Kirschgott», einer sehr komplexen

und berührenden Geschichte, geht es

um einen Lehrer, den die «ungeordneten

Zeitläufe» in der DDR einst in den

Selbstmord getrieben haben; erst zwanzig

Jahre danach wagen es die Menschen,

darüber zu sprechen. Die Nachwehen

der DDR – das Verschwinden des

Landes und das Schweigen über die Vergangenheit

– sind in einigen Erzählungen

zu spüren. Sie stiften jedes Mal Beklemmung.

Und mittendrin, von den Einschränkungen

kaum zu bändigen, keimt

ein grosses Liebesverlangen. Kathrin

Schmidt verbindet dieses mit einer

sichtbaren Lust an Sprachspielen. Das

ist bisweilen riskant und öfter erheiternd,

etwa wenn eine Frau ihren Mann

buchstäblich «bestrickt» und mit Hilfe

einer Strickmaschine in eine Ganzkörperwollsache

einpackt, damit sie ihn

mit beidseitigem Lustgewinn wieder

auspacken kann. Die süss-saure Mischung

der Geschichten wimmelt von

Überraschungen. «Finito» ist man damit

lange nicht, keine Rede von «Schwamm

drüber». ●

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 9

ERIC MARTIN / LE FIGARO / LAIF


Belletristik

Debütroman Von der Pubertät bis zur Reife – die Geschichte einer Mädchenfreundschaft

Das «erste Mal» erleben

Silvia Avallone: Ein Sommer aus Stahl.

Aus dem Italienischen von Michael

Killisch-Horn. Klett-Cotta, Stuttgart 2011.

414 Seiten, Fr. 30.50.

Von Regula Freuler

13 Jahre: erste Küsse, heisse Tränen, totale

Verwirrung. Im Kopf noch ein Kind,

der Körper von Tag zu Tag erwachsener,

und das viel zu rasch. Romane über

diese Lebensphase an der Schwelle zum

Erwachsensein füllen ganze Literaturgeschichten.

Zu diesem Genre gehört

auch «Ein Sommer aus Stahl». Und doch

hebt sich das Buch in so vieler Hinsicht

ab, dass man es an dieser Stelle zum

überraschendsten und bewegendsten

Buch des Frühjahrs erklärt.

«Ein Sommer aus Stahl» erzählt die

Geschichte einer Freundschaft, die so

intensiv und innig wohl nur zwischen

Mädchen in diesem Alter sein kann. Es

ist die Geschichte von Anna und

Francesca. Die Freundinnen wohnen in

Piombino, das von seiner niedergehenden

metallurgischen Industrie lebt. Es

ist auch die Geschichte zweier früh gealterter

Mütter und ihrer gewalttätigen

beziehungsweise kriminellen Väter.

Ihre Strasse ist die Via Stalingrado, in

der die Häuser sich wie «Grabnischen»

aneinanderreihen.

Am Strand, an den sich niemals Touristen

verirren, mischen sich Rost und

Abfall mit dem Sand, tonnenweise Algen

liegen herum. Elba am Horizont ist das

«unmögliche Paradies», einzig bestimmt

für Mailänder und Deutsche.

Der Hochofen-Turm des Stahlwerks

Lucchini ist das omnipräsente Wahrzeichen.

Dort arbeiten sich die Männer aus

den Mietskasernen ein Leben lang den

Rücken krumm, die älteren trösten sich

mit Nacktbildern, mit denen sie die

Wände zupflastern, die jüngeren dröhnen

sich mit Kokain zu.

Spriessende Brüstchen

Die deutsche Übersetzung des Originaltitels

«Acciaio», Stahl, ist insofern nicht

ganz präzise, als die Geschichte zwei

Sommer einschliesst, von 2001 bis 2002.

Die in dieser Zeitspanne eingestürzten

Zwillingstürme in New York sind ein

metaphorischer Hallraum, eine transatlantische

Spiegelung von Anna und

Francesca, die sich so nahe stehen wie

Zwillingsschwestern und deren Jugend

zerstört wird. Denn so geht das in der

Unterschicht Piombinos: Mit 13 führt

man seine spriessenden Brüstchen und

die knackigen Pobäckchen spazieren,

um bei den jungen Männern Hormonschübe

zu verursachen. Kaum ein Jahr

später, und schon wird aus Spiel folgenschwerer

Ernst. «Die Welt kommt mit

vierzehn», steht da lakonisch. «Liebe in

der dunklen Kabine. Ohne weiter nachzudenken,

ohne Präservativ, und wer

schwanger und geheiratet wurde, hatte

gewonnen. ‹Bald ist es so weit›, flüstern

10 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

Am Strand der Stadt

Piombino, in der zwei

Mädchen zu früh

erwachsen werden,

mischen sich Rost und

Abfall mit dem Sand.

Francesca und Anna sich zu.» Zu Hause

üben sie die kurz bevorstehende Zukunft.

Im offenen Badezimmerfenster

legen sie vor den Augen der Nachbarn

gegenüber einen Teenie-Striptanz hin.

Alles würde seinen gewohnten Gang

nehmen, Francesca und Anna würden

ihr «erstes Mal» erleben, und im nächsten

Sommer wäre auch schon der nächste

Jahrgang dran. Doch Francesca birgt

ein Geheimnis, das hier nicht verraten

sein soll. Es führt zum Bruch zwischen

den Freundinnen. Hierin spielt sich bereits

eine Vorform jenes unvermeidbaren

weiblichen Dilemmas ab, in welchem

ihre Mütter resigniert haben. Die

eine ist aktive Gewerkschafterin, die andere

ein duckmäuserisches Landei. Und

beide sind frustriert über ihre Ehe, doch

keine kann sich entschliessen, ihren

Mann zu verlassen. Was sind schon die

Alternativen? Wie entkommen wir dem

ewigen Kreislauf?

Autorin als Chronistin

Silvia Avallone, die 1984 im piemontesischen

Biella geboren wurde und in Bologna

Philosophie studiert hat, gelang mit

ihrem Debüt letztes Jahr eine Sensation:

über 300 000 verkaufte Exemplare in

ihrer Heimat und damit ein Bestseller,

der jetzt in viele Sprachen übersetzt

wird. Avallones erstes Buch war ein Gedichtband,

und auch in «Ein Sommer

aus Stahl» spürt man die Dichterin: «Die

Worte lieben sich nicht, sie verändern

dich nicht. Die Worte richten die Dinge

nicht.» Und einen Sommer später, als

Anna mit ihrem «Verlobten» am Strand

Karten spielt, lässt sie diese sinnieren:

«Mitten im Leben stehen und es nicht

wissen. [...] Das ist nichts, das du verlierst.

Es ist etwas, das dich verliert.»

Dass Avallone trotzdem die Kitschfalle

souverän umgeht, liegt an ihrer Erzählhaltung:

Sie versteht sich als Chronistin,

zeichnet den Text ganz am Ende

mit Name, Ort und Datum, «Silvia Avallone,

Bologna, den 22. September 2009».

An anderer Stelle: «Die Chronistenpflicht

gebietet es auch zu erwähnen ...».

Von diesem Beobachterposten aus erklärt

sich der radikal analytische Blick

auf die Figuren. So liefert Avallone bei

der Charakterzeichnung keine Interpretationen,

sondern beschreibt einfach

nüchtern. Das irritiert anfangs, ist jedoch

absolut schlüssig: In diesem Leben

sind die Wege vorgezeichnet. Einen

Funken Hoffnung lässt die Autorin uns

dennoch. Und damit gelingt ihr, was bei

einem Debüt selten gelingt: «Ein Sommer

aus Stahl» erschüttert und begeistert

bis zur letzten Zeile. ●

MASSIMO VITALI / GALLERY STOCK


Roman Wie ein arabischer Sozialarbeiter

versucht, Jude zu werden

Identität ist wie

ein Organ

DAWIN MECKEL / OSTKREUZ

Sayed Kashua: Zweite Person Singular.

Aus dem Hebräischen von Mirjam

Pressler. Berlin-Verlag, Berlin 2011.

395 Seiten, Fr. 33.50.

Von Susanne Schanda

Sayed Kashua bringt den arabischen

Blick in die hebräische Literatur. Als israelischer

Araber gehört er äusserlich

dazu. Die Checkpoints liegen in seiner

Seele. Das Ringen um Identität ist das

dominierende Thema des 1975 in einem

palästinensischen Dorf bei Jerusalem

geborenen Sayed Kashua – seit seinem

ersten Roman «Tanzende Araber» im

Jahr 2002. Inzwischen schreibt er regelmässig

für die liberale Zeitung Ha’aretz

und ist Autor der erfolgreichen israelischen

Sitcom «Avoda Aravit» (Arabische

Arbeit).

In seinem jüngsten Roman «Zweite

Person Singular» erzählt er in parallelen

Handlungssträngen von zwei Männern,

die ihre Vergangenheit im palästinensischen

Dorf hinter sich gelassen haben.

Doch bei sich angekommen sind sie

noch lange nicht. «Ich erinnere mich,

wie ich beim ersten Mal zitterte, als ich

mich als Jude ausgab», denkt der junge

Sozialarbeiter Amir, und immer wieder:

«Ich will so sein wie sie.»

Als Amir zum Pfleger des gleichaltrigen

gelähmten Jonathan wird, phantasiert

er sich immer stärker in eine zweite

jüdische Identität hinein. Er benutzt

die Kamera, dann einzelne Kleidungsstücke

und schliesslich die Identitätskarte

Jonathans. Dabei fühlt er sich als

Dieb und Betrüger. Ausgerechnet die

Mutter des sterbenden Jonathan versteht

seinen Konflikt: «Das ist wie eine

Organspende. Die Identität ist wie ein

Organ, und dieses Organ ist bei dir beschädigt.

Gib zu, ein Araber zu sein, ist

nicht das höchste menschliche Ziel.»

Fast gelingt es Amir, nach Jonathans

Tod dessen Identität anzunehmen. Doch

holt ihn am Ende die Realität in der Person

eines arabischen Rechtsanwalts ein,

der glaubt, dass der junge Sozialarbeiter

der heimliche Geliebte seiner Frau sei.

Fast schicksalhaft laufen hier zwei Geschichten

zusammen, die auf den ersten

Blick nichts miteinander zu tun haben.

Während die Figur des Rechtsanwalts

– der im Roman namenlos bleibt – mit

seiner obsessiven Eifersucht etwas holzschnittartig

erscheint, geht die Zerrissenheit

von Amir unter die Haut. Die

Qualität dieses Romans besteht

darin, dass er den ausgeleierten

Politjargon des arabisch-israelischen

Konflikts vermeidet

und sich ideologiefrei

auf die seelischen Nöte

von arabischen Israelis einlässt.

Das trifft. ●

Kurzkritiken Belletristik

Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der

zu viel wusste. Deutsch von Renate Orth-

Guttmann. Manesse, 2011. 350 S., Fr. 30.90.

Der Brite Gilbert Keith Chesterton

(1874Ω1936) war nicht nur der Schöpfer

des scheinbar gemütlichen, dabei hellwachen

Ermittlers Pater Brown. In seinem

verzweigten Werk finden sich

auch acht Krimigeschichten um Detektiv

Horne Fisher, die 1922 erstmals in

Buchform erschienen. Ihr Titel, «Der

Mann, der zu viel wusste», hat nichts

mit Hitchcocks gleichnamigem Film zu

tun. Fisher ist ein analytischer Kopf, der

seine Verbindungen zur Upperclass zu

nutzen weiss. Zusammen mit dem Journalisten

Harold March löst er spektakuläre

Fälle – sei es auf dem Jagdausflug

des Finanzministers, beim Maskenball

oder in einer orientalischen Oase. Dabei

stellt er die Staatsraison über seinen Gerechtigkeitssinn:

Das Empire darf nicht

gefährdet werden. Einmal mehr zeigt

sich Gilbert Keith Chesterton als glänzender

Stilist. Vorzügliches Nachwort

von Elmar Schenkel.

Manfred Papst

Sunil Mann: Lichterfest.

Kriminalroman. Grafit, Dortmund 2011.

315 Seiten, Fr. 15.90.

Vijay Kumar ist eine Art Philipp Marlowe

mit Migrationshintergrund. Am

liebsten flösst er sich indischen Whiskey

ein. Frauen-Beziehungen, die über

Bettaktivitäten hinausgehen, meidet er.

Der Freundeskreis des Privatdetektivs

besteht aus einem Journalisten und

einer Transe, sein Wirkungskreis ist Zürichs

Kreis Cheib. Kumars zweiter Fall

führt ihn aber auch in mehrbessere Gegenden:

In kurzer Abfolge trifft er auf

einen brutal verprügelten Teenager,

einen Medienmogul und einen kurz vor

den Wahlen aufgespiessten Rechtspopulisten.

Die drei scheinen auf mysteriöse

Weise verbunden. Der 39-jährige

Sunil Mann, im Berner Oberland als

Sohn indischer Einwanderer aufgewachsen,

erzählt mit coolem Witz und in flottem

Tempo. Für sein Début «Fangschuss»

erhielt er den Zürcher Krimipreis

2010. Liebe Jury: Bitte «Lichterfest»

auf die Shortlist 2011 setzen.

Regula Freuler

Jonathan Lethem: Chronic City. Roman.

Deutsch von M. Zöllner, J. Ch. Maass.

Tropen, Stuttgart 2011. 491 Seiten, Fr. 37.90.

Jonathan Lethem (geb. 1964) gehört mit

Jonathan Franzen (geb. 1959) und David

Foster Wallace (1962–2008) zu jener

mittleren Generation von amerikanischen

Autoren, die sich ihr Renommee

durch intelligente, ja intellektuelle und

doch unterhaltsame Romane erschrieben

haben. Diese Eigenschaften prägen

sowohl «Motherless Brooklyn», mit

dem Lethem 1999 der Durchbruch gelang,

wie sein neues Buch «Chronic

City». Schauplatz des Geschehens ist

die Upper East Side von Manhatten, wo

der ehemalige Kinderfilmstar Chase Insteadman

und der gescheiterte Kulturkritiker

Perkus Tooth aufeinandertreffen.

Eine seltsame Männerfreundschaft

entsteht. Wie von Jonathan Lethem gewohnt,

gibt es auch in «Chronic City»

wieder popkulturelle Ausflüge, und es

wird reichlich surreal. Eine amüsante

Sommerlektüre für etwas anspruchsvollere

Leser.

Regula Freuler

Konstantin Richter: Kafka war jung und

brauchte das Geld. Kein & Aber,

Zürich 2011. 176 Seiten, Fr. 21.90.

Auf den ersten Blick nimmt sich diese

«rasante Kulturgeschichte für Vielbeschäftigte»

aus wie ein weiterer flapsig

geschriebener Crash-Kurs für Leute, die

an Literatur, Kunst und Musik eigentlich

nicht interessiert sind und dennoch am

Partygespräch teilnehmen wollen. Auf

den zweiten Blick ist das Buch des 1971

in Berlin geborenen Journalisten Konstantin

Richter, der 2007 den Roman

«Bettermann» vorlegte, aber mehr als

ein Schmunzel-Kurs in Halbbildung:

Richter flicht seine Erläuterungen zu

Renaissance und Klassik, Moderne und

Postmoderne geschickt in einen heiteren

Roman ein, der nach dem Prinzip

von Italo Calvinos «Wenn ein Reisender

in einer Winternacht» funktioniert und

dem Leser also seine eigene Geschichte

erzählt: hier diejenige eines Finanzmenschen,

der aus amourösen Gründen zum

bedeutenden Verleger avanciert. Federleicht

und pfiffig.

Manfred Papst

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 11


Kinder- und Jugendbuch

Kurzkritiken

Franziska Biermann: Der magnetische

Bob. Nilpferd in Residenz, St. Pölten 2011.

64 Seiten, Fr. 23.90 (ab 7 Jahren).

Bob jault, sabbert, schläft und pieselt

den ganzen Tag. Kein Wunder, dass

Etnas anfängliche Freude über den

neuen Bruder schnell verpufft. Mit dem

Knirps ist nichts anzufangen. Als er bald

schon durchs Haus jappelt und Etnas

Spielsachen kaputt beisst, steht sie kurz

vor dem Explodieren. Doch da ändert

sich die Lage: Etna findet heraus, dass

Büroklammern, Spielzeugautos und andere

Gegenstände aus Metall an Bob

klebenbleiben. Er ist magnetisch geworden!

Jetzt geht sie sogar freiwillig mit

ihrem Bruder nach draussen, wo der

einem Bankräuber in die Quere kommt.

Bob wird als Held gefeiert und das Magnetismusrätsel

wird gelüftet. Mit Witz

erzählt die Autorin von der Geschwisterliebe

mit Startschwierigkeiten, und

ihre Hundefiguren machen das Buch attraktiv

für Leseanfänger.

Verena Hoenig

Per Olov Enquist: Grossvater und die

Schmuggler. Hanser, München 2011.

160 Seiten, Fr. 19.90 (ab 10 Jahren).

Ein verdächtiges Zelt, weisses Pulver

und ein anonymer Anruf! Nach «Grossvater

und die Wölfe» erlebt der tüddelige

Grossvater – wie Enquist sich selber

darstellt – mit seinen Enkelkindern erneut

gefährliche Abenteuer. Der Roman

enthält skurril-witzige Szenen, spart

aber auch ernste Fragen nicht aus; etwa

wenn es um das Einschläfern von Tieren

geht. Überhaupt spielen Tiere eine

wichtige Rolle: Hund Pelle wird zum Lebensretter,

während Wolf und Bär jeweils

im richtigen Moment am richtigen

Ort sind. Nicht zuletzt aber sind die Kinder

selbständige Persönlichkeiten, die

den belehrenden Grossvater gern mal in

die Schranken verweisen. Obwohl sie

selbst vor Kalaschnikows nicht zurückschrecken,

bleiben sie Kinder und werden

nicht zu Superhelden stilisiert.

Andrea Lüthi

12 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

Franz Hohler, Kathrin Schärer: Es war

einmal ein Igel. Kinderverse. Hanser,

München 2011. 59 S., Fr. 19.90 (ab 5 Jahren).

Wie bei so manchen Kinderbüchern

geht es einem auch bei Franz Hohlers

neuem Bändchen: Während die Kleinen

ernst lauschen mögen, lacht man als Erwachsener

über die Begegnungen zwischen

Wurm und Turm, Alp-Kalb und

Wurst-mit-Senf in Genf, Wal und Schal.

Zwei bis fünf Strophen kurz sind die

Verse. Manche sind einfach herzig unschuldig,

andere wiederum melancholisch.

Wieder andere dadaistisch-kurios,

so dass man sich, kaum hat man sie gelesen,

fragt: Wie war das noch? «Es war

einmal ein Bonner / Der liebte Blitz und

Donner / Und wenn’s am Himmel krachte

/ Dann tanzte er und lachte / Und war

nicht mehr zu halten. / Ein Blitz hat ihn

gespalten. / Er ist nach Haus gehoppelt

/ Und seither tanzt er doppelt.» Kathrin

Schärers Farbstiftzeichnungen sind in

jedem Fall augenzwinkernd.

Regula Freuler

Tania Kjeldset: Juli. Aus dem

Norwegischen. Oetinger, Hamburg 2011.

217 Seiten, Fr. 24.90 (ab 12 Jahren).

Die 15jährige Elin verbringt den Sommer

bei ihrer Grossmutter auf einer norwegischen

Insel. Wie immer trifft sie ihre

Freundin Sara, die sie wegen ihres tollen

Aussehens beneidet, die jetzt aber erstmals

auch nervt. In diesem Sommer erlebt

Elin ihre erste Liebe; mit Kato, der

die Ferien in einem alten Wohnwagen

verbringt. Doch manchmal ist Kato distanziert.

Er versucht seine Mutter zu

verbergen, die oft betrunken ist. Abwechselnd

wird aus Sicht von Kato und

Elin berichtet, dabei fliessen viele Pubertätsthemen

ein. Aber obwohl «Juli»

leichte Sommerlektüre ist, driftet der

Roman nicht ins Belanglose ab. Das liegt

vor allem an Katos glaubwürdigem

Wandel: Er lernt, seine eigenen Pläne

nicht länger wegen seiner Mutter aufzugeben.

Andrea Lüthi

Chat Drei Jugendliche planen den Suizid

Weiterleben

oder nicht?

Tobias Elsässer: Für niemand.

Sauerländer, Mannheim 2011. 165 Seiten,

Fr. 21.90 (ab 14 Jahren).

Von Christine Knödler

Es gibt in der aktuellen Jugendliteratur

einen Trend des gegenseitigen Sich-

Überbietens. Ob aus Effekthascherei,

Sensationslust, zur Auflagensteigerung

oder doch um aufzuklären, das sei dahingestellt.

Inhaltlich wie formal geht es

jedenfalls immer extremer zur Sache,

nur wenige Themen scheinen einer gewissen

Sorgfaltspflicht zu unterliegen.

Selbstmord, eine der häufigsten Todesursachen

bei Jugendlichen, gehört noch

dazu. Das zeigt der neue Roman von Tobias

Elsässer. Der Autor, der sich bereits

mit seinen Vorgängertiteln an strittige

Themen gewagt hat und 2010 für «Abspringen»

mit dem Kranichsteiner Literaturstipendium

ausgezeichnet worden

ist, hat über Suizid geschrieben: «Für

niemand» mutet und traut uns etwas zu.

Drei Jugendliche planen ihren Selbstmord.

Im Netz verständigen sie sich

über das Wann, Wie und Wo, und verhandeln

ein Warum. Computerfreak

Yoshua liest im Chat mit, er könnte – so

der erste Satz – Held werden, weil er

Leben retten könnte. Kann das wer?

Zwölf Kapitel fordern mit Fragen wie

Wer wird Millionär?, Wen liebst du?,

Wofür hasst du dich?, Wonach suchst

du? eine Debatte über das, was vermeintlich

zählt. In knappen Passagen

wie Shortcuts bringen die Figuren

aus stets wechselnder Perspektive Träume,

Enttäuschung, Kränkung, Gewalt,

Schuld, Gleichgültigkeit, Angst ins bitterernste

Spiel. Sie stellen Lebensentwürfe

zur Disposition, suchen Freiheit,

stossen an Grenzen. Und auch wenn

manche Erfahrungen Stereotype gesellschaftlicher

Realität sind, überzeugt die

Radikalität, mit der die Protagonisten

Konsequenzen ziehen. Zwei werden

sich umbringen, zwei entscheiden sich

fürs Weiterleben. Weil sie sich und einander

gefunden haben?

Das ist eine der vielen Fragen, die

offen bleiben. Des weiteren lässt sich

fragen, warum als Scheitern gilt, was als

Herausforderung zu verstehen wäre,

oder wie menschenverachtend Leistungsgesellschaft

sein muss, dass der

Freitod, der so frei nicht ist, Alternative

wird. Dass er sich jeder Wertung enthält,

ist einer der Verdienste des Autors.

Antworten auf Suizid, so eine der raren

Antworten dieses mutigen und wichtigen

Romans, gibt es nicht. Weiterdenken

muss und kann jeder selbst. ●


Terrorismus Lebensläufe von zwei

Dschihad-Kämpfern

Gotteskrieger

Martin Schäuble: Black Box Dschihad.

Daniel und Sa’ed auf ihrem Weg ins

Paradies. Hanser, München 2011.

224 Seiten, Fr. 22.90 (ab 12 Jahren).

Von Sabine Sütterlin

Was lässt hoffnungsvolle junge Menschen

zu fanatischen «Gotteskriegern»

werden? Wenn es nach der Lektüre dieses

Buches eine Antwort darauf gibt,

dann die: Kein Fall ist wie der andere.

Der Politologe Martin Schäuble schildert

die Lebensläufe zweier Dschihad-

Kämpfer, die bis auf das Geburtsjahr

1985 kaum etwas gemeinsam haben. Der

Deutsche Daniel ist wohlbehütet aufgewachsen.

Er hatte ein eigenes Zimmer

und einen Raum voller Spielsachen.

2007 nahm ihn die deutsche Polizei fest,

als er Autobomben baute. Sa’ed aus Nablus

im Westjordanland hingegen teilte

sich den Schlafraum mit seinen Eltern

und acht Geschwistern, und brach die

Schule ab, um Geld zu verdienen. Als

Siebzehnjähriger jagte er sich in Ostjerusalem

mit einem Sprengstoffgürtel

in die Luft und riss dabei sieben weitere

Menschen in den Tod.

Schäuble hat sowohl im Saarland als

auch in den Palästinensergebieten sorgfältig

recherchiert. Er hat mit Eltern,

Verwandten und anderen Wegbegleitern

gesprochen, soweit sie dazu bereit

waren, hat Videos, Fotos und andere

Quellen ausgewertet, um den Tathergang

zu erhellen: Daniel suchte seit der

Scheidung seiner Eltern, die er als Elfjähriger

miterlebte, in wechselnden Systemen

Orientierung, von Hip-Hop-Kultur

bis Islam. Sa’ed hingegen spielte

schon als kleiner Junge mit Holzgewehren

«Israeli gegen Palästinenser»; ein

Freund von ihm wurde, nachdem ihn israelische

Soldaten unter mysteriösen

Umständen erschossen hatten, zum

«heldenhaften Märtyrer». Gemeinsam

ist Daniel und Sa’ed, dass sie jeweils von

einem wortgewandten Verführer als

Gotteskrieger angeworben wurden.

Das Buch wirft mehr Fragen auf,

als es beantwortet. Warum

wählen meist Männer diesen

radikalen Weg? Welche

Werte vermittelt die

Wohlstandsgesellschaft

jungen Menschen? Der

Autor verbietet sich

platte Urteile. So

sachlich der Ton, so

spannend liest sich

seine aufklärerische

Reportage. Gelegentliche

stilistische Ausrutscher

und Druckfehler

hätten noch korrigiert

werden können. ●

NIELS FLIEGNER

Kurzkritiken

Karin Feuerstein, Karin Schneider: Da

hielt die Welt den Atem an. Ravensburger,

Ravensburg 2011. 192 S., Fr. 24.90 (ab 12 J.).

Zwar steht bei Bin Laden kein Todesdatum,

und Obama ist hier nur der, der das

Gefängnis auf Guantánamo noch nicht

geschlossen hat. Aber das reich illustrierte

Lesebuch über dreizehn politische

Ereignisse seit 1945 bietet ideale

Einführungen für Jugendliche. Die Autorinnen

verdichten und arbeiten Spezifisches

heraus. Wer etwa verstehen will,

was die Eltern bosnischer Schulkollegen

in die Schweiz trieb, findet ein Kapitel

über den «Jugoslawienkrieg»: als Einstieg

eine Momentaufnahme aus Sarajevo

1994, Angaben zu Tito, Karadzic und

Milosevic, Fakten zu den ethnischen

Säuberungen und ein Porträt der Frauenärztin

Monika Hauser, die sich für

Vergewaltigungsopfer einsetzte. Zehn

gut dosierte Seiten, die mit dem Vertrag

von Dayton schliessen, aber auch ungeklärte

Fragen benennen.

Hans ten Doornkaat

Robert Griesbeck, Nils Fliegner: Trickchemie.

Schräge Experimente. Boje, Köln

2011. 118 Seiten, Fr. 15.90 (ab 10 Jahren).

Wenn man einen aufgeschnittenen

Apfel liegen lässt, wird er braun und

verrottet langsam. Wälzt man ihn dagegen

in Backpulver, trocknet er zwar, hält

aber ewig. Backpulver besteht aus Natron,

das den Apfel sozusagen mumifiziert.

Das ist Chemie. Drei Schweinejungen

haben dieses Fach neu in der Schule

und können nichts damit anfangen.

Da gibt ihnen Tante Rosa Nachhilfe

in der Küche! Statt mit Schwefel

und Salpeter experimentieren sie

mit Salz, Eiern und Essig. Wie beim

Kochen und Backen gehe es in der

Chemie nämlich darum, «Sachen

zusammenzurühren, damit am Ende

andere wieder rauskommen». Die

drei Schweinejungen staunen, als

Tante Rosa zeigt, wie man aus Milch

einen Gummiball herstellt.

Verena Hoenig

Ingo und Silke Arndt: 1, 2, 3 – ganz viele!

Warum Tiere sich versammeln. Knesebeck,

München 2011. 78 S., Fr. 25.90 (ab 6 Jahren).

Wolken aus Bergfinken verdunkeln den

Himmel, Heerscharen von Krabben färben

Klippen rot: Die opulenten Fotos

von Ingo Arndt sind die Hauptattraktion

dieses Bandes. Von faszinierend bis bizarr

entwickeln sie eine eigene Ästhetik

und sensibilisieren für ein Phänomen,

das so bislang noch nicht dargestellt

worden ist. Daraus ergeben sich spannende

Fragen, die Silke Arndt kindgerecht

beantwortet und mit rekordverdächtigen

Zahlen spickt: Wie viele Kilometer

legen die Monarchfalter zu ihrem

Winterquartier zurück (bis zu 4000!),

aus wie vielen Kaptölpeln Eltern ihr

Junges an der Stimme erkennen (aus

25 000). Die Fakten imponieren genauso

wie die übrigen Informationen zu Brutpflege,

Futterbeschaffung und anderen

Verhaltensweisen. Da bleibt nur, von

den Schwärmen zu schwärmen!

Christine Knödler

Jürgen Brater: Warum haben wir Sand in

den Augen? Beltz & Gelberg, Weinheim

2011. 256 Seiten, Fr. 27.90 (ab 12 Jahren).

Leonie wacht auf, weil die Sonne ins

Zimmer scheint. 24 Stunden später wird

ihr Zwillingsbruder Daniel von einer

Erektion aus dem Schlaf geholt. Dazwischen:

Schule, Mittagessen, Hausaufgaben,

Sport, Abendessen, TV, Zubettgehen.

Das klingt nicht gerade mitreissend

– und zieht einen doch in Bann, denn die

äussere Handlung dient dem Autor nur

als Vorwand, um selbst die abwegigsten

Regungen des menschlichen Körpers

zu erklären. Als Mediziner beantwortet

Jürgen Brater Fragen, die sich insgeheim

wohl viele stellen, aus Scham und mangels

Expertise jedoch selten weiter verfolgen:

Warum knattern Fürze? Ist Küssen

gesund? Warum finden wir ausgespuckten

Speichel eklig? Wissenschaftlich

auf neuestem Stand und ohne Tabu.

Dieses Körperbuch fällt aus der Reihe.

Sabine Sütterlin

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 13


GABY GERSTER

Interview

Am 2. Juli jährt sich Ernest Hemingways Tod zum 50. Mal. Lange galt der

Nobelpreisträger als exemplarischer Autor des 20. Jahrhunderts. Derzeit

wird er als Macho jedoch eher kritisch betrachtet. Der Schweizer Autor

Peter Stamm liebt ihn trotzdem. Interview: Manfred Papst

«Hemingway war

genial sorgfältig»

Bücher am Sonntag: Herr Stamm, wann sind Sie

dem Werk Hemingways erstmals begegnet?

Peter Stamm: Ich bin als sehr junger Mensch

vor bald dreissig Jahren zum leidenschaftlichen

Hemingway-Leser geworden. Es fing damit an,

dass unser Englischlehrer in der Berufsschule

mit uns die Kurzgeschichte «Indian Camp» las.

Damals, mit 17 Jahren, verschlang ich von den

Autoren, die ich neu entdeckte, alles, was ich

finden konnte. Von Hemingway aus kam ich auf

die ganze literarische Szene im Paris der zwanziger

Jahre. Auf Joyce, Pound, Fitzgerald, den

Zirkel um die Buchhandlung «Shakespeare &

Company» von Sylvia Beach. Um Gertrude

Stein habe ich allerdings einen Bogen gemacht.

Versuchten Sie sich damals auch schon selbst als

Schriftsteller? Und haben Sie Hemingway dabei

nachgeeifert?

In der Tat: Ich schrieb meine ersten Geschichten

als Schüler. Und zweifellos hat Hemingway

mich dabei beeinflusst. Jedenfalls behaupte ich

das selber immer. Es erstaunt mich ein bisschen,

dass Rezensenten diese Verbindung kaum

je bemerken oder erwähnen. Vielleicht kennen

die Hemingway einfach nicht mehr. Wenn sie

von Einflüssen auf mich sprechen, nennen sie

eher Carver. Der ist aber meiner Meinung nach

selbst ein Hemingway-Schüler. Ihn habe ich übrigens

erst viel später gelesen.

Welche Werke haben Sie besonders fasziniert?

Peter Stamm

Peter Stamm hat in seiner Jugend alles von

Hemingway gelesen. Er lebt als Schriftsteller in

Winterthur. Zuletzt erschienen von ihm bei

S. Fischer der Roman «Sieben Jahre» (2009)

und der Erzählungsband «Seerücken» (2011).

14 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

Mir ging es immer um die Short Stories. In diesem

Genre ist Hemingway ein Meister. Eine

meiner frühen Erzählungen nimmt direkt

Bezug auf ihn. Sogar der Held heisst Nick! Der

Text erschien unter dem Titel «Feuer» vor über

zwanzig Jahren im «Beobachter». Es war auch

so eine Geschichte um Kinder im Wald. Statt in

Chicago spielte sie halt im Thurgau.

Was fiel Ihnen an Hemingway als Erstes auf?

Die ungeheure Lebendigkeit. Wenn man ihn

liest, vergisst man augenblicklich, dass man nur

dasitzt mit einem Buch in der Hand. Man bewegt

sich in einer anderen Welt. Auch wo Hemingway

scheinbar bloss kleine Szenen beschreibt,

einen Ausflug, das Entfachen eines

Feuers, eine zufällige Begegnung zwischen

Fremden, wirkt er unglaublich intensiv.

Sie haben Ihre frühen Leseerfahrungen erwähnt.

Wie sieht es heute aus?

Ich muss Hemingway nicht mehr lesen, aber er

ist immer noch da. Punktuell komme ich auf ihn

zurück. Ich habe manche seiner Texte in

Schreibseminarien verwendet und dabei gemerkt,

wie gut sie gebaut sind. Sie sind keineswegs

einfach in den Tag hinein erzählt! Hemingway

ist ein Genie der Intuition, aber auch

genial sorgfältig.

Weshalb gilt er heute weitherum als passé?

Das hat wesentlich mit ausserliterarischen Kriterien

zu tun. Er gilt als Macho, als Frauenheld,

als Raufbold und Kampftrinker. Dass er sich für

Stierkämpfe und Boxen begeisterte, dass er auf

Hochseefischfang und Grosswildjagd ging,

macht ihn heute verdächtig. Aber diese Einwände

darf man nicht allzu ernst nehmen.

Eine gewagte Position! Können Sie präzisieren?

Zum einen treffen die Vorwürfe nicht den ganzen

Menschen. Hemingway war auch ein sensibler

Intellektueller. Einer, der viel las, in Museen

ging, sorgsam recherchierte. Zum andern

war sein Auftritt als grosser starker Mann auch

eine Inszenierung. Man muss hinter die Maske

sehen. Und man muss differenzieren zwischen

dem Autor und seinen Figuren.

Wie meinen Sie das?

Hemingways Helden sind ja gerade keine Machos.

Sie sind oft impotent, feige, ratlos,

schwächlich. Manche Facetten ihres Verhaltens

kann man dabei aus der Herkunft ihres Schöpfers

erklären. Hemingways Mutter verhätschelte

ihren Sohn und zog ihm Mädchenkleider an,

sein Vater brachte sich um. Ein weites Feld für

Psychologen, das mich aber nicht interessiert.

War Hemingway ein Selbstdarsteller?

Es ist schwer zu sagen, was bei ihm Inszenierung

war und was echt. Auch an der Pose muss

ihm etwas gelegen haben. Er hat ein bestimmtes

Bild von sich in die Welt gesetzt. Er hat sich

geschildert als einen ungeheuer lebenshungrigen

Mann, der liebt und sich prügelt, jagt und

fischt, der sich nie schont und im Zweiten Welt-

«Wenn man Hemingway

liest, vergisst man, dass man

nur dasitzt mit einem Buch

in der Hand. Man bewegt

sich in einer anderen Welt.»

krieg in Paris das «Ritz» von den Deutschen

zurückerobert. Er konnte ein Prahlhans sein.

Doch wenn man seine Erzählungen liest, entdeckt

man auch einen anderen Hemingway:

einen sensiblen, verletzlichen Menschen.

Was kann ein skeptischer, lakonischer Autor wie

Sie heute von Hemingway lernen?

Vor allem eines: Genauigkeit. Im literarischen

Schreiben ist freilich nicht alles vermittelbar.

Es gibt keine Ausbildung zum Genie. Aber

manches lässt sich doch von Hemingway lernen:

der schnelle, exakte Blick. Der untrügliche

Umgang mit Nebenfiguren und Details. Die raschen

Dialoge, die so natürlich wirken, obwohl

sie im höchsten Masse künstlich sind. Die Ökonomie

der Sprache. Die Einfachheit. In seinem

Werk war Hemingway kein Blender.

Wie steht es um seine Erfindungskraft?

Hemingways Kreativität ist seine Neugier. Er

findet Geschichten an Orten, wo sie sonst niemand

entdeckt. Jemand fährt Ski und trinkt ein

Bier. Eine Frau im Hotel sehnt sich nach einer

Katze. Zwei Kellner unterhalten sich. Das genügt

ihm. Hemingways Geschichten leben von

ganz kleinen Begebenheiten. Die besten von

ihnen sind bis heute unerreicht.


Auf der Jagd im Sun Valley, Idaho, 1940: Ernest Hemingway hält einen Hasen hoch, den er gerade erlegt hat.

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 15

ROBERT CAPA / INTERNATIONAL CENTER OF PHOTOGRAPHY / MAGNUM


Interview

Vergnügte Tage: Ernest Hemingway mit seiner vierten Frau, Mary Welsh, im Jahr 1959.

Hemingways Romane scheinen Sie weniger zu

mögen.

Sie sind in der Tat viel schwächer als die Erzählungen.

Aber auch in ihnen gibt es immer wieder

wunderbare Passagen. Das Problem ist,

dass die Konstruktion oft nicht trägt. Hemingway

beugte sich wohl wie so viele andere dem

Gesetz, dass man Romane schreiben muss, um

ernst genommen zu werden. Dabei war er in

seinen Kurzgeschichten viel besser als in «Wem

die Stunde schlägt» oder «In einem anderen

Land». «Der alte Mann und das Meer» ist eher

eine Novelle als ein Roman. Die Geschichte

wurde als Buch und Film ein Welterfolg – aber

sie ist von einem Pathos geprägt, das Hemingways

früheren Werken eher fremd ist.

Hemingway wurde in jüngerer Zeit vor allem von

weiblicher Seite als Macho kritisiert, der sich für

alles begeisterte, das grausam und unnötig war.

Man soll Autoren grundsätzlich nicht moralisch

beurteilen. Klar, es ist schön, wenn ein

Genie auch ein netter Mensch ist. Aber letztlich

hat das mit den Büchern nichts zu tun. Man

macht es sich auch zu einfach, wenn man Hemingway

als frauenfeindlich abstempelt. Er hat

sich sehr differenziert über das Verhältnis der

Geschlechter geäussert. Wer ihn aufmerksam

liest, stellt fest, dass bei ihm die Frauen oft souveräner

agieren als die Männer.

Hansruedi Gehring

Termiten an Bord

ISBN 978-3-905910-06-3

240 Seiten. CHF 38

Wolfbach Verlag Zürich

w

16 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

Zum Mythos Hemingway gehört auch sein

Selbstmord vor nunmehr fünfzig Jahren. Hat er

Sie beschäftigt, vielleicht gar fasziniert?

Nicht im geringsten. Ich habe nie mit dem

Selbstmord geschäkert. Für mich ist Hemingways

Suizid auch kein klassischer, programmatischer,

als Botschaft an die Welt gedachter Bilanz-Selbstmord

wie der von Cesare Pavese.

Hemingway war schwer krank. Er hatte keine

Energie mehr. Er war abgelebt. Und er merkte

HANSRUEDI GEHRING

TERMITEN AN BORD

Aus dem Logbuch eines schiffsArztes

KRIMINAlROMAN

Ernest Hemingway

Ernest Hemingway wurde am 21. 7. 1899 in Oak

Park, Illinois, geboren und starb am 2. 7. 1961 in

Ketchum, Idaho. Er war Reporter, Kriegberichterstatter,

Erzähler, Abenteurer und Grosswildjäger.

Von 1921 an lebte er einige Jahre als

Korrespondent des «Toronto Star» in Paris. Der

literarische Durchbruch gelang ihm mit «Fiesta»

(1927). Von 1939 bis 1960 lebte er in Havanna.

Er war viermal verheiratet und hatte fünf Kinder.

1954 erhielt er für «Der alte Mann und das

Meer» den Nobelpreis. Auf Deutsch sind seine

Werke bei Rowohlt lieferbar; dort erscheint am

2. 7. eine erweiterte Neuübersetzung von «Paris,

ein Fest fürs Leben» (320 S., Fr. 30.50).

JOHN BRYSON / SYGMA / CORBIS

natürlich auch, dass sein Erfolg nachliess. Er

wollte und konnte nicht mehr.

Denken Sie, dass seine grosse Zeit vorüber ist?

Nein. Die Rezeption von Riesen wie ihm bewegt

sich seit jeher in Wellen. Denken Sie an

Tschechow. Der war ja wohl doch eines von Hemingways

Vorbildern. Auch wenn es keine konkreten

Hinweise darauf gibt, dass er ihn gelesen

hat. Vielleicht hat er auch die Spuren verwischt.

Seine Belesenheit ist nicht zu unterschätzen.

Was übernehmen Sie von Hemingway?

Die Aufmerksamkeit, die Gespanntheit. Er ist

viel gereist. Die Realität war sein Thema. Und

auch sein Credo. Er hat vermutlich keinen Ort

beschrieben, an dem er nicht einmal war. Wenn

man die Wirklichkeit in der Sprache entstehen

lassen will, dann muss man sie auch kennen.

Hemingway arbeitet auch dort genau, wo es

keiner merkt. Das ist für mich entscheidend.

Und wo ist sein Platz in der modernen Literatur?

Für die Kurzgeschichte war Hemingway wirklich

ein Pionier. Lassen wir Avantgardisten wie

Kleist einmal beiseite. Es gab ja auch dieses gemütliche

Erzählen des 19. Jahrhunderts. Nichts

dagegen! Aber mit diesem Stil hat Hemingway

radikal gebrochen. Er hat den Mut, Geschichten

scheinbar zufällig beginnen und enden zu lassen.

Gleichwohl sind sie höchst strukturiert.

Sein Stil liegt in einer Einfachheit, die dennoch

eine Kunstsprache ist. Er arbeitet virtuos mit

Wiederholungen. Weil er scheinbar so einfach

schreibt, ist er auch so schwer zu übersetzen.

Welchen Zugang empfehlen Sie Neulingen heute?

Die Erzählungen. Und da kann man buchstäblich

jede nehmen. Man kann sie immer wieder

lesen. So wie man ein Musikstück oftmals hört.

Welche praktischen Maximen haben Sie von Hemingway

übernommen?

Einige. Zum Beispiel die Beschränkung auf

rund 600 Wörter pro Tag. Sodann das Streichen

des jeweils ersten und letzten Satzes in einem

Text. Man muss das nicht wirklich tun, aber

man sollte erste und letzte Sätze genau prüfen.

Und vor allem die frische Luft. Hemingways

Bücher spielen fast immer draussen.

Wie wirkt Hemingway in der Gegenwart fort?

Er hat eine ganze Generation von Autorinnen

und Autoren geprägt, in Amerika wie in Europa.

Aber Verwandtschaft heisst nicht Nachahmung.

Wenn ich von mir sprechen soll: Dürrenmatt

war enorm wichtig für mich, aber ich

schreibe gar nicht wie er. Da wirkt Hemingway

vermutlich stärker in mir nach, vielleicht auch

in Bereichen, die mir gar nicht bewusst sind. l

Bernhard Falk beginnt im Hafen von Bombay eine eindrückliche Reise

nach Sinn und Ziel seines Lebens. Er gerät in die Wirren rätselhafter

Todesfälle, indenen er gleichzeitig ermittelt und zum Verdächtigen

wird. Dabei ist die Liebesbeziehung zur Assistentin eines skurrilen Termitenforschers

zunächst alles andere als hilfreich.

Hansruedi Gehring erzählt in seinem neuen Buch eine Kriminalge-

10CAsNsjY0MDAx1TU0MbA0tgAAaBLoDw8AAAA= schichte mit unerwarteten Wendungen vor dem Hintergrund feiner,

10CFWMuw7DMAwDv0gGZb2iagyyBRmC7F6Kzv3_qU63DAR5wIH7Xtbwz7od13YWA2rEipSlLK318OLsLcwLjuhgfjGLaITrwydwukDG7RCcEGMOYdIYiWXC_TBLptG-788PW8SJgYAAAAA= menschlicher und sympathischer Unzulänglichkeiten.

„Man kann dieses Buch auf verschiedene Weise lesen. Einfach nur als

Kriminalfall mit einem überraschenden Finale oder als Initiationsgeschichte

eines Indienfahrers, der nach allen Ashrams und Gurus den

Meister insich selber findet.“

Erhard Taverna /Schweizerische Ärztezeitung


GAËTAN BALLY / KEYSTONE

Kolumne

Charles Lewinskys Zitatenlese

Charles Lewinsky ist

Schriftsteller und

arbeitet in den

verschiedensten

Sparten. Sein neuer

Roman «Gerron»

erscheint Ende

August bei

Nagel & Kimche.

Den Wert eines

Menschen erkennt

man zuverlässig

daran, was er

mit seiner Freizeit anfängt.

Karl Heinrich Waggerl

Ich kann nur hoffen, dass sich Karl

Heinrich Waggerl irrt. Denn wenn ich

mal viel Freizeit habe, wunderbar unverplante

Stunden, wie sie jetzt der

Sommerurlaub wieder verspricht, dann

lese ich mit viel Vergnügen schlechte

Bücher. Obwohl sie oft in einem Stil geschrieben

sind, der jeden sprachbewussten

Deutschlehrer in Tränen ausbrechen

lässt.

Ja, ich gestehe es: Wenn meine Agenda

so richtig schön sommerlich leer ist,

dann besorge ich mir schon mal ein

paar von den Werken, die von anspruchsvollen

Lesern der «Bücher am

Sonntag» mit Verachtung gestraft werden.

Geschrieben von Autoren, deren

Namen ein anständiger Literaturkritiker

noch nicht einmal buchstabieren

kann. Romane, von denen sich die anderen

Bände in meinem Regal mit

Schaudern wenden würden.

Bloss: Ich will sie ja gar nicht ins

Regal stellen. Ich lese sie einmal, und

damit hat es sich. Dann werden sie verschenkt

oder – oh, welche Todsünde

für jeden Bibliothekar! – einfach weggeschmissen.

Es sind, um es so direkt

zu formulieren, leserische One-Night-

Stands.

Wobei das Wort «Night» ganz wörtlich

zu verstehen ist. Manchmal sind

sie nämlich so spannend, dass ich die

Nachttischlampe auch morgens um

zwei oder drei noch nicht ausknipsen

kann.

Weil ich unbedingt wissen muss, ob

der wagemutige Detektiv es schafft, lebendig

aus der Falle zu entrinnen, in

die ihn der dämonische Bösewicht gelockt

hat. Auch wenn mir als geübtem

Leser natürlich völlig klar ist, dass ihm

diese Flucht gelingen wird. Erstens geht

das Buch noch hundert Seiten weiter,

und zweitens sterben die Helden solcher

Romane überhaupt nicht. Wie

sollte der Autor sonst eine Fortsetzung

liefern können?

Ja, ich gebe es zu und schäme mich

nicht einmal dafür: In freien Stunden

lese ich gern einmal Schund. Obwohl

meine Frau den Kopf schüttelt, wenn

sie die bunten Umschläge der Taschenbücher

sieht. «Wie kannst du so etwas

lesen?», fragt sie dann wohl.

Weil auch ein Feinschmecker manchmal

von der Lust auf fetttriefendes,

ungesundes Junk Food gepackt wird.

Das heisst nicht, dass man deshalb auf

die liebevoll zubereiteten Meistermenus

verzichtet. Im Gegenteil: Sie

schmecken dann umso besser.

Aber, wie Fritz Kortner es einmal so

schön formulierte:

Man wird sich ja

auch mal unter

seinem Niveau

amüsieren dürfen.

Kurzkritiken Sachbuch

Elisabeth Kaestli: Aisha, Mussa, Zawadi...

Lebensgeschichten aus Tansania. Limmat,

Zürich 2011. 206 Seiten, Fr. 34.50.

Die Bieler Journalistin Elisabeth Kaestli,

die früher für Zeitungen und das Radio

arbeitete, lebte von 2006 bis 2010 in Dodoma,

der Hauptstadt von Tansania. Ihr

Mann hatte im Rahmen eines Deza-Projekts

eine Stelle in der Entwicklungshilfe

gefunden. Das Büchlein porträtiert

13 Einheimische: von der 38jährigen

Universitätsassistentin Zawadi, die an

Dämonen glaubt, über die eingewanderte

Chinesin Alan, die ein Restaurant

führt, bis zum 77jährigen Ladenbesitzer

Fatehally, der in der Bar seiner Tochter

aushilft. Die Menschen erzählen von

ihrer Herkunft, vom Alltag, von der

Kunst, auch unter widrigen Umständen

ein fröhliches Leben zu führen. Ein reich

bebildertes farbiges Buch voller Zuversicht,

mit viel lachenden (und ein paar

ernsten) Menschen. Die Frage, warum

das ostafrikanische Land trotz jahrzehntelanger

westlicher Hilfe kaum vom

Fleck kommt, wird leider nicht gestellt.

Urs Rauber

Julia Onken: Rabentöchter. Warum ich

meine Mutter trotzdem liebe. C. H. Beck,

München 2011. 180 Seiten, Fr. 20.50.

«So wie sie nie!» Die meisten Töchter

wollen nur eines nicht: werden wie ihre

Mutter. Weshalb ist das so? Julia Onken,

die Psychologin kraftvoller Weiblichkeit,

war selbst eine solche Tochter. Bei

der eigenen Mutter beginnt sie denn

auch ihre Erkundungen dieser Abgrenzung,

hinter der sich ein Teufelskreis

von Schuldgefühlen und verdrängten

Emotionen verbirgt. Und stösst auf eine

Lebensgeschichte der Kränkungen und

der Scham, wie sie in vorhergehenden

Generationen gang und gäbe war. Nur

über die Biografie der Mutter, über

das Verständnis für mütterliche Demütigungserfahrungen,

können Töchter zu

einer befreiten Beziehung zur Mutter

finden und damit zu sich selbst. Onken

neigt zu Verallgemeinerung, ihre feministische

Opfersicht mag etwas gar einseitig

anmuten. Doch ihr Buch regt ungemein

an zum Nachdenken über Mütter

und Töchter, eigene und fremde.

Kathrin Meier-Rust

Martin Sinzig: Louis Chevrolet. Der Mann,

der dem Chevy seinen Namen gab. Huber,

Frauenfeld 2011. 192 Seiten, Fr. 39.90.

Der Chevrolet ist der Inbegriff des Ami-

Schlittens, ein Symbol für Freiheit und

Wohlstand. Wenig bekannt ist, dass dieses

die amerikanische Lebensart verkörpernde

Automobil von einem Schweizer

entwickelt worden ist: vom Jurassier

Louis Chevrolet. Der Journalist Martin

Sinzig hat eine reich bebilderte Biografie

über den Erfinder geschrieben, der in

Bonfol im Kanton Jura heimatberechtigt

war. 1900 emigrierte dieser nach Amerika,

wo er als Wagenkonstrukteur und

tollkühner Rennfahrer Furore machte.

Vor genau 100 Jahren legte er den Grundstein

für die «Chevrolet Motor Car

Company», die er aber schon bald wieder

– zusammen mit seinem Namen –

verkaufte. Louis liebte das Risiko, den

Rausch der Geschwindigkeit und schöne

Frauen. Sinzig hat mit seinem Buch nicht

nur eine spannende Biografie, sondern

auch ein Stück Automobil- und Auswanderergeschichte

vorgelegt.

Geneviève Lüscher

Hans Ruh: Ordnung von unten.

Die Demokratie neu erfinden. Versus,

Zürich 2011. 208 Seiten, Fr. 34.Ω.

Die Weltwirtschaft eilt von Krise zu

Krise. Der Sozialethiker Hans Ruh hat

sich auf die Suche nach den Ursachen

für diese «Krisenlatenz» gemacht. Für

ihn steht der Verlust an Werteorientierung

im Vordergrund. Der Theologe

skizziert eine neue «Ordnung von

unten», die anstelle der heute dominanten

«anarchischen Grundstruktur der

Weltwirtschaft» treten könnte. Dafür

aber müssten die Handlungsschwerpunkte

zurück in die Hände einer demokratisch

verfassten Zivilgesellschaft gelegt

werden. Ruh zeigt mit einer Reihe

von ausformulierten Ideen auf, wie sich

das wirtschaftliche Verhalten der Akteure

wieder an eine übergeordnete

Werteordnung ankoppeln liesse. Die

konkreten Handlungsanleitungen legen

offen, wie jeder Einzelne von uns die Zukunft

gestalten und damit die Grundlagen

einer lebenswerten und überlebensfähigen

Gesellschaft legen könnte.

David Strohm

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 17


Sachbuch

Rohstoffe Der britische Ökonom Paul Collier zeigt, wie die natürlichen

Ressourcen zur Wohlstandsmehrung genutzt werden könnten – ohne

die Umwelt zu schädigen

Nachhaltig

fördern

Paul Collier: Der hungrige Planet. Wie wir

Wohlstand mehren, ohne die Erde

auszuplündern. Siedler, München 2011.

270 Seiten, Fr. 35.90.

Von Katja Gentinetta

Ideologische Grenzen zu überwinden,

um die Welt von Armut zu befreien –

nichts weniger als das ist der Antrieb

von Paul Collier. Der britische Ökonom,

der gleich zu Beginn sein ganzes Forscherteam

vorstellt und im Verlauf der

Kapitel immer wieder auf einzelne von

ihnen zurückkommt, legt ein umfangreiches

Werk vor, das den Raubbau an natürlichen

Ressourcen nicht nur anprangert,

sondern auch äusserst plausible

Lösungswege aufzeigt.

In Colliers Buch steht die Natur im

Zentrum – ihre Ethik und unsere Missverständnisse,

ihr Nutzen als Ressource

und als Fabrik –, allerdings nicht aus

biologischer Perspektive, sondern aus

wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und

politischer Warte. Abgehandelt werden

der Abbau und die Nutzung von Öl und

Kupfer, aber auch Lebensmittelpreise

und der CO2-Ausstoss. Angetrieben

wird das Buch von der Frage, wie es passieren

konnte, dass der Rohstoffboom

der Jahre von 2005 bis 2008 jene Länder,

die davon profitiert haben, nicht reicher

gemacht hat – und der Überzeugung,

dass die Ausbeutung der natürlichen

Ressourcen dennoch die grösste Chance

für die ärmsten Länder ist.

Plausibel sind die Lösungsvorschläge

deshalb, weil sich Collier weder von

einer Ideologie noch von einer einzigen

wissenschaftlichen Disziplin leiten

lässt. Ganz im Gegenteil: Das Buch geht

mit allen hart ins Gericht: mit den

«frömmelnden Romantikern» unter den

Umweltschützern, die am liebsten zur

«prätechnologischen, präkommerziellen

und präindustriellen» bäuerlichen

Lebensweise zurückkehrten, ebenso wie

mit den marktgläubigen «Ignoranten»,

den skrupellosen «Komplizen bei der

Plünderung unserer natürlichen Ressourcen»;

mit den korrupten Politikern

in den Entwicklungs- und Schwellenlän-

18 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

dern ebenso wie mit den populistischen

Eliten der Industrieländer.

Collier ist überzeugt, dass nur eine

Allianz von Umweltschützern und Ökonomen

das Problem der Armut lösen

kann. Und geht damit gleich zur Sache:

Der Gegensatz zwischen Wirtschaftswachstum

und Erhaltung der Natur ist

falsch gewählt. Vielmehr geht es um die

Frage, wie die Natur am besten genutzt

werden kann, um den Wohlstand der

Menschen nicht nur zu erhalten, sondern

auch zu mehren. So ist denn auch

der grosse Teil des Buchs dem Phänomen

der «Plünderung» gewidmet –

einem grausam klingenden Wort, aber

letztlich einfachen ökonomischen Prinzip:

der Tatsache nämlich, dass Eigentumsrechte

übertreten werden. Plünderung

untergräbt die produktive Nutzung

von Rohstoffen.

Chinesen in Afrika

Akribisch zeichnet Collier nach, wie natürliche

Rohstoffe, seien sie erneuerbar

oder nicht, gefördert und genutzt oder

eben auch einfach verbraucht werden

können. An zahlreichen Beispielen aus

den letzten Jahrzehnten legt er dar, was

es braucht, damit Rohstoffe so gefördert

werden, dass sie dem Land zugute kommen

– und welche Fehler dabei begangen

werden können, wenn das politische

System nicht stimmt: Man denke etwa

an das abgeholzte Haiti und die benachbarte

Dominikanische Republik,

die noch heute von den Wäldern zehren

kann.

Collier zeigt auch, dass weder staatliche

Förderfirmen noch rein private Unternehmen

allein ein Garant für nachhaltige

Förderung sind und dass Rohstoffsuche

und Förderprozesse auseinanderdividiert

werden müssen. Die Besteuerung

sollte sich nicht nach den

Preisschwankungen richten, und die Erlöse

sollten richtig investiert werden. In

diesem Kontext stellt Collier selbst die

Chinesen in Afrika, die Förderrechte

gegen Infrastrukturbauten erworben

haben, nicht einfach an den Pranger –

sondern stellt lapidar fest, dass sich andere

Länder daran ein Beispiel hätten

nehmen können, womit Auktionen hät-

ten durchgeführt werden können, mit

noch besseren Resultaten für alle.

Das Buch ist durchsetzt mit der äusserst

plastischen Darstellung ökonomischer

Gesetzmässigkeiten, die der Argumentation

dienen, gleichzeitig aber den

angenehmen Nebeneffekt haben, Begriffe,

die einem immer wieder begegnen,

besser zu verstehen. Ob er vom Trittbrettfahren,

von Externalitäten oder

dem zentralen Prinzip der Konkurrenz

schreibt: immer ist Collier angenehm

pädagogisch und selbstkritisch zugleich

– indem er verständlich erläutert, aber

immer auch die Grenzen seines Fachs

aufzeigt und die angesprochenen Fragen

in den Kontext politologischer und

neuster naturwissenschaftlicher Erkenntnisse

stellt.

Collier und sein Team sind sich bewusst,

dass Erkenntnisse das eine sind,

deren Umsetzung das andere. Und sie


sind realistisch genug um zu wissen,

dass eine solche Herkulesarbeit weder

einfach an die betroffenen Nationalstaaten

delegiert noch auf internationale

Kooperation vertraut werden kann. Das

grosse Potenzial sieht Collier in der internationalen

Vernetzung und zunehmenden

Macht der Bürgerinnen und

Bürger – einer globalen Zivilgesellschaft

also, die sich die neuen Mittel der Kommunikationstechnologie

zunutze macht.

Ein Anwendungsbeispiel ist die Charta

für natürliche Ressourcen: ein Projekt,

das innerhalb des Internationalen

Währungsfonds (IWF) gescheitert war.

Erst als er und sein Team in unabhängiger

Position sich darum bemühten,

waren die relevanten Akteure bereit,

sich einzubringen und miteinander um

den bestmöglichen Weg zu verhandeln.

In einer solchen Charta – als Beispiel –

sieht Collier den eigentlichen Hebel der

Zukunft: Bürger müssen ihre Regierungen

kontrollieren können, und das wiederum

setzt voraus, dass sie angemessen

informiert sind – und sich informieren

wollen.

Die Natur gehört niemandem

Ein Fokus des Buchs liegt auf der «Ethik

der Natur», die sich daraus ergibt, dass

diese keine natürlichen Eigentümer hat,

weder geografisch noch generationell,

und dass daher spezifische Entscheide

zu treffen und Handlungen zu koordinieren

sind. Dennoch bleibt die Ethik in

diesem Band wenig greifbar. Und selbst

Collier räumt ein, dass eine Ethik ohne

Wissen fatal sein kann. Wo immer die

Ethik ein Schlüssel für eine bessere Zukunft

sein soll, besteht die Gefahr, dass

es bei Appellen bleibt. Die ökonomischen

Argumente, die Collier auf den

Eigentumsbegriff zurückführt und an

Ausbeutung der Natur

in Brasilien: Sojaernte

2009 in Campo Novo

do Parecis, Mato

Grosso.

zahlreichen Beispielen illustriert, in

denen politische Entscheide ebenso wie

das Handeln engagierter Bürger eine

entscheidende Rolle spielen, sind derart

überzeugend, dass es des Begriffs der

Ethik, die sich wie ein Guss über das

Buch legt, eigentlich gar nicht bedürfte.

Vielleicht aber – und das dürften Autor

wie Verlag wissen – erhöht es die Bereitschaft,

das Buch zu lesen.

«Der hungrige Planet» erzählt, wie

der Rohstoffreichtum richtig genutzt

werden könnte. Das Buch, das letztlich

eine mögliche Zukunft erzählt, ist wertvoll

für alle, die verstehen wollen,

warum es einige Länder und Regionen

geschafft haben, die Armut zu reduzieren,

und andere nicht. l

Katja Gentinetta ist Lehrbeauftragte der

Hochschule St. Gallen und

Gesprächsleiterin «Sternstunde

Philosophie» am Schweizer Fernsehen.

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 19

MAURILIO CHELI / AP


Sachbuch

Italien Ein Land mutiert zur Unterhaltungsdemokratie

Wie aus dem Bel Paese

Berlusconien wurde

Paul Ginsborg: Italien retten. Wagenbach,

Berlin 2011. 142 Seiten, Fr. 17.50.

Birgit Schönau: Circus Italia. Aus dem

Innern der Unterhaltungsdemokratie.

Berlin Verlag, Berlin 2011. 224 Seiten,

Fr. 28.90.

Von Janika Gelinek

Gegenwärtige Diskussionen über Italien

kranken häufig daran, dass Berlusconi

wie vom Himmel gefallen zu sein

scheint: ein grosser Zampano, der mit

Bauernschläue und Geschäftssinn, genussvollem

Dolce vita und dem ganovenhaften

Laissez-faire die Italiener wie

verhext hat. Dass das Phänomen Berlusconi

allein aber nicht die tiefe Krise erklärt,

in dem sich die Demokratie des

einstigen Bel Paese befindet, zeigen

zwei Bücher, die das breite Spektrum

andeuten, in dem mittlerweile über Italien

verhandelt wird.

Der in Florenz lehrende Historiker

Paul Ginsborg nimmt das 150-Jahr-Jubiläum

des 1861 gegründeten Nationalstaats

Italien zum Anlass, Rückschau zu

halten. In seinem Essay «Italien retten»

zieht er Parallelen zur politisch bewegten

Zeit zwischen 1815 und 1870 und der

Gegenwart. Er erinnert an den einst

wie heute empfundenen Niedergang des

Landes, das damals noch kein Staat war,

aber auch an die italienischen Tugenden

der Sanftmütigkeit, Fähigkeit zur Selbstverwaltung

und Offenheit gegenüber

Europa, die den Individualinteressen

der jetzigen Regierung zum Opfer gefallen

zu sein scheinen.

Bewusst polemisch stellt er die Frage,

ob es sich angesichts des gegenwärtigen

Al Imfeld: Afrika als Weltreligion.

Zwischen Vereinnahmung und

Idealisierung. Stämpfli, Bern 2011.

188 Seiten, Fr. 39.Ω.

Von David Signer

Al Imfeld ist eine schillernde Figur: Aufgewachsen

als Bauernbub, in Immensee

zum Priester geweiht, Student der Soziologie

und Tropenagronomie in den

USA, Missionar in Zimbabwe, Entwicklungsexperte,

Journalist und Autor von

rund fünfzig Büchern, vor allem über

Afrika. Nun hat der 76-Jährige ein Buch

publiziert, das als Quintessenz seines

Forscherlebens gelten kann.

Wenige Autoren versuchen, die vielfältigen

Glaubensformen in Afrika als

20 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

politischen und moralischen Verfalls

überhaupt lohne, Italien zu retten. Damit

bezieht er sich implizit auf die heftige

inneritalienische Debatte, in der die

Lega Nord immer lauter die Berechtigung

des Nationalstaates in Zweifel

zieht. Auch Ginsborgs Versuch, «die

Stimmen des Risorgimento – als wären

sie uns gegenwärtig – mit den unseren

zu mischen» ist anspruchsvoll, weil die

mannigfaltigen Zitate von Carlo Cattaneo

bis Vincenzo Gioberti eine umfassende

Kenntnis der historischen Protagonisten

und ihrer Zeit voraussetzen.

Sein Panorama umfasst auf nur 127 Seiten

Reflexionen über den Unterschied

von Nationalismus und Patriotismus,

den Zusammenhang von «dolcezza»

und Christentum, den Einfluss der Romantik

auf das Risorgimento; am hellsichtigsten

und schärfsten wird er, wenn

er auf Basis dieser Überlegungen konkret

die Grundübel der italienischen Gegenwart

analysiert: die viel zu starke

Kirche in einem schwachen Staat, der

sich, als einziger in Europa, nie säkularisiert

hat; der Klientelismus, die Wiederkehr

der Diktatur als Regierungsform

und die Ideenarmut der Linken.

An diesen demokratischen Schwachstellen

setzt auch Birgit Schönau an,

langjährige Korrespondentin der «Zeit»,

die das einstige Sehnsuchtsland Arkadien

konsequent als Berlusconien bezeichnet.

In ihrem Buch «Circus Italia»

beschreibt sie, wie aus dem geliebten

Urlaubsziel der Prototyp der «Unterhaltungsdemokratie»

geworden ist, die sich

durchaus auch in anderen europäischen

Staaten durchsetzen könnte.

In zwölf Reportagen vom rassistischen

Bürgermeister in Verona bis zum

Silvio Berlusconi,

wie üblich umringt

von Frauen, an einer

Pressekonferenz in

Rom, 13. Juni 2011.

Ganzes ins Auge zu nehmen. Imfeld

wagt es, ja er schliesst auch noch die

Mischreligionen wie Candomblé in Brasilien,

Santeria in Kuba, Voodoo in Haiti,

die «schwarzen» Pfingstkirchen in den

USA und den «afrikanisierten» Islam

mit ein. Gerade im Hybriden und im

Verbinden erkennt er das Typische der

afrikanischen Religion, die solcherart,

mehr als Christentum und Islam, wirklich

zur Weltreligion wurde und wird.

Imfelds Buch ist wohltuend unakademisch,

es lebt von seinen Erfahrungen

und den immer wieder überraschenden

Bezügen, die er zu Literatur, Kunst oder

auch Landwirtschaft herstellt.

Vieles, was für uns das Wesen der Religion

ausmacht, fehlt in Afrika oder ist

zweitrangig: Gottes- und Jenseitsglaube,

heilige Bücher, Priester, Theologie, Ge-

gigantischen Brückenprojekt in Messina

erzählt Schönau von den Akteuren und

Schauplätzen, die keinen Eingang in die

Berichterstattung über Berlusconis Eskapaden

erhalten. Und doch finden sich

hier, wie im brillanten Kapitel über den

Fernsehsender RAI und die Millionensendung

«Porta a Porta», Erklärungen

dafür, wie «Kirche und Parlament in

der italienischen Postdemokratie durch

einen Fernsehsalon ersetzt werden

konnten», in dem täglich die Liturgie

«ich quatsche, also bin ich» zelebriert

wird. Wer Schönaus Reportagen in der

«Zeit» verfolgt hat, wird wenig Neues

finden, doch zeigt sie, wie eine Politik

funktioniert, die den Unterhaltungswert

über die öffentliche Sache stellt und

deren einzige Ideologie die Durchsetzung

von Eigeninteressen ist. ●

Religion Der Schweizer Theologe, Forscher und Publizist Al Imfeld wagt eine Gesamtschau

Gemeinschaft ist in Afrika wichtiger als Gott

bet, Gotteshaus, absolute Wahrheit. Oft

wurde den «heidnischen» Afrikanern

deshalb Religion per se abgesprochen.

Imfeld hingegen versteht es, das Spirituelle

sichtbar zu machen: In der Musik,

den Masken, der Trance, den Auffassungen

über das Soziale, im traditionellen

Verhältnis zu Natur und Fruchtbarkeit.

Der afrikanische Glauben ist keine

Metaphysik, ist nicht abgelöst vom alltäglichen

Leben. «Es geht nicht um

Gottheiten», sagt Imfeld, «sondern um

Gemeinschaften.» Dabei blendet er die

negativen Seiten dieses Kollektivismus

nicht aus: Konformismus, Enge, Neid.

Aber letztlich ist es die Suche nach Vitalität,

Intensität und Werden, so typisch

für afrikanische Religiosität, die es Imfeld

angetan hat, und die ihn selbst als

Wahlafrikaner ausweist. ●

ANDREW MEDICHINI / AP


Biografie Der in Deutschland lehrende Philosoph José Sánchez de Murillo zeigt,

wie die Schriftstellerin Luise Rinser ihre Erinnerungen romanhaft zurechtgebogen hat

Kartengrüsse vom Führer

José Sánchez de Murillo: Luise Rinser.

Ein Leben in Widersprüchen. S. Fischer,

Frankfurt a. M. 2011. 464 Seiten, Fr. 30.20.

Von Urs Rauber

Luise Rinser (1911−2002) zählt zu den

bedeutendsten Schriftstellerinnen der

deutschen Nachkriegsliteratur. Ihre Erzählungen

und Romane wie «Die gläsernen

Ringe», «Mirjam» oder «Abaelards

Liebe» wurden in 20 Sprachen übersetzt

und erreichten Millionenauflagen. Rinser

galt als Integrationsfigur und moralische

Instanz, war engagierte Friedens-

und Frauenbewegte und 1984 Kandidatin

der Grünen für die Bundespräsidentenwahl.

Zweifel am Bild der mutigen

Frau, die wegen ihrer Ablehnung der nationalsozialistischen

Ideologie 1944 verhaftet

worden war, hatte sie empört von

sich gewiesen – zuletzt in ihrer Autobiografie

«Den Wolf umarmen» (1981).

In Wirklichkeit war Luise Rinser, wie

José Sánchez de Murillo in der soeben

erschienenen Biografie schreibt, «opportunistisch

der Faszination des ‹braunen›

Ungeists erlegen.» Der 1943 geborene

Professor für Philosophie an den

Universitäten Augsburg und Granada

hatte die Autorin 1995 kennengelernt

und blieb ihr bis zu ihrem Tod im März

2002 freundschaftlich verbunden. «Über

ihre Vergangenheit im Dritten Reich

schwieg sie sich aber aus.»

Mit grossem Einfühlungsvermögen

und reichen Details schildert Murillo

die Geschichte des aufgeweckten Mädchens

aus katholischem Haus, seiner

stürmischen Gefühlsverwirrungen und

der jungen Lehrerin, die zur «engagierten

Nazi-Pädagogin» wurde. Dabei

stützt er sich neben Rinsers Werk auf

unbeachtete Frühschriften, Zeitungsartikel,

Briefe, die ihm Rinsers Sohn Christoph

zur Verfügung gestellt hatte, und

auf Gespräche mit ihrer Jugendfreundin.

Verehrung für Hitler

Luise Rinser war laut Murillo eine «Hitler-Verehrerin»,

ihre Distanzierung vom

Nazi-Staat erfolgte erst kurz vor Kriegsende.

So hat sie etwa ihren jüdischen

Schulleiter bei der Obrigkeit denunziert,

der danach entlassen wurde und

gebrochenen Herzens starb. Rinsers

Erstlingswerk «Die gläsernen Ringe»,

mit dem sie 1941 den literarischen

Durchbruch erzielte, könne durchaus

auch als «Blut-und-Boden-Literatur»

gelesen werden.

Dennoch bleibt Murillo in seiner über

400 Seiten langen Abhandlung stets fair,

differenziert und abwägend. Seine Biografie

enthält sich jeder Polemik; spürbar

bleibt im Gegenteil sein Respekt vor

dieser Schriftstellerin, die auch Weltliteratur

geschrieben habe. Die Frage sei

nur, ob sie nicht Vergangenes vom gegenwärtigen

Standpunkt aus umdeute.

Erlag dem Charme

von Diktatoren: Luise

Rinser, hier 1980 im

trauten Gespräch mit

Nordkoreas Diktator

Kim Il-sung (rechts).

Der Biograf weist nach, wie Rinsers

Verhaftung im Oktober 1944 aufgrund

einer Denunziation wegen Wehrkraftzersetzung

und abträglicher Äusserungen

über den Führer erfolgt war. Doch

sei sie nach wenigen Monaten freigelassen

worden. «Dass Adolf Hitler Luise

Rinser persönlich kannte und schätzte,

steht ausser Zweifel.» Der Führer hatte

ihr jedenfalls Kartengrüsse zum Geburtstag

geschickt. Dass Rinser in ihrer

Autobiografie «die Legende von der

zierlichen und zugleich starken Frau, die

sich dem Drang der Männerwelt nach

Macht, Krieg und Herrschaft mutig entgegenstellt»,

erzähle, sei eine Fälschung.

Einfühlsam und respektvoll

Das Geheimnis von Luise Rinsers Erfolg

liegt in ihrer Zerrissenheit. Ehebruch,

Geburt eines unehelichen Sohnes, Konflikt

zwischen Liebe zu Kindern und sexueller

Abhängigkeit vom Liebhaber –

all diese Themen aus dem Roman «Mitte

des Lebens» (1950) entsprangen ihrem

eigenen Leben. Die Katholikin hatte

während ihrer drei Ehen zahlreiche Affären,

verliebte sich in prominente Persönlichkeiten

wie Ernst Jünger, Herman

Hesse, Carl Orff. Sie hungerte nach Anerkennung;

die Kraft der Sehnsucht war

Antrieb ihres Lebens. Viele Leserinnen

und Leser sind fasziniert von der Echtheit

der geschilderten Gefühle.

Besonders angezogen fühlte sich die

Rastlose vom Benediktinerabt Johannes

M. Hoeck, den sie in ihren Büchern

«M.A.» (Mein Abt) nennt – er reizte sie

als Mann und als literarisches Material.

Eine feurige Liebe ohne Sexualität ver-

band sie auch mit dem Jesuiten Karl

Rahner. Mit ihm und Hoeck pflegte sie

ein «klerikales Liebesdreieck». Während

des 2. Vatikanischen Konzils waren

alle drei in Rom: Rahner als theologischer

Berater, Hoeck als Abtprimas der

süddeutschen Benediktiner und Rinser

als Reporterin für Zeitungen. Sie genoss

das erotische Verlangen der beiden Kirchenmänner,

die voneinander wussten

und unter der Eifersucht ebenso litten

wie unter der erzwungenen Askese.

Rahner und Rinser schrieben sich im

Laufe ihrer Freundschaft über 2000

Briefe, Karten und Telegramme. Rahners

Briefe sind noch unter Verschluss.

Politische Zweifel weckte Jahre später

schliesslich Luise Rinsers Reise nach

Nordkorea, wo sie 1980 von Kim Il-sung

empfangen wurde. Mit ihrem warmherzigen

Porträt über den Diktator und seinen

«Sozialismus mit menschlichem

Antlitz» bewies sie ein weiteres Mal,

wie leicht sie sich von politischen Führern

und deren Ideologien zum Opfer

machen liess.

Als Murillo die 84-Jährige bat, an seinem

Buch über «Das Weibliche» mitzuarbeiten,

befreundeten sich die beiden.

Sie telefonierten sich täglich, er besuchte

sie regelmässig bis zu ihrem Tod in

München. Dieses letzte Kapitel ist besonders

anrührend, weil es zeigt, wie

sich Rinser allmählich von der Welt zurückzog,

über die dunklen Punkte ihres

Lebens weiter schwieg und sich aufs

Sterben vorbereitete. Die einfühlsame,

respektvolle Biografie wird dem widersprüchlichen

Wesen von Luise Rinser in

eindrücklicher Weise gerecht. ●

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 21

ARCHIV S. FISCHER VERLAG


Sachbuch

Nationalsozialismus Warum wurde Adolf Eichmann erst 15 Jahre nach dem Krieg verhaftet? Aufgrund

neuer Quellen ergänzt Bettina Stangneth Lücken in Eichmanns Biografie

«Mich reut gar nichts,

ich krieche nicht zu Kreuze!»

Bettina Stangneth: Eichmann vor

Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines

Massenmörders. Arche, Zürich 2011.

655 Seiten, Fr. 53.90.

Von Sieglinde Geisel

Die Person Adolf Eichmanns ist bis

heute mit Hannah Arendts Wendung

von der «Banalität des Bösen» verknüpft.

In Jerusalem stilisierte er sich

als Angeklagter zur Ikone des klassischen

Schreibtischtäters, «ein kleines

Rädchen im Vernichtungsgetriebe Adolf

Hitlers», der die Ermordung von Millionen

organisierte, ohne dafür verantwortlich

zu sein. Wenn das System

schuld ist, hat der Einzelne sich nichts

vorzuwerfen – ein Erklärungsmuster,

das im Nachkriegsdeutschland, wo sich

die NS-Eliten ungehindert neu etablieren

konnten, höchst willkommen war.

Dieses Bild ist seit einigen Jahren als

Mythos entlarvt: Eichmann hat nicht

nur Befehle umgesetzt, sondern die Judenvernichtung

mit grösstem Einsatz

und Erfindergeist vorangetrieben. Mit

ihrer akribischen Quellenstudie führt

die Philosophin Bettina Stangneth eine

Forschungsarbeit weiter, die mit Irmtrud

Wojaks Essay «Eichmanns Memoiren»

(2001) und der Eichmann-Biografie

von David Cesarani (2004) begonnen

hat. Mit dem Titel «Eichmann vor Jerusalem»

spielt Stangneth dabei auf Hannah

Arendts berühmten Prozessbericht

an, dessen Kernthese sie widerlegt. Die

Auseinandersetzung mit Arendt erfolgt

allerdings nur am Rand, denn die Kernfrage

geht in eine andere Richtung: Wie

konnte ein NS-Verbrecher vom Range

eines Eichmann nach Kriegsende fünfzehn

Jahre unbehelligt bleiben?

Sassen-Protokolle von 1957

In ihren Recherchen hat die Autorin

sich die beträchtliche Mühe gemacht,

die auf drei Archive verteilten «Argentinien-Papiere»

gründlich zu sichten und

auszuwerten, ebenso die über 1000 Seiten

umfassenden Sassen-Protokolle und

die erhaltenen Tonbänder. In Argentinien,

wo Eichmann 1950 unter dem Decknamen

Ricardo Klement untergetaucht

war, litt er unter der erzwungenen Anonymität,

und entsprechend gross war

sein Bedürfnis, über sich und seine

Taten Auskunft zu erteilen. Er tat es in

einem hochfahrenden Deutsch, voll von

Klischees und verunglückten Metaphern,

dessen Duktus bereits verrät,

dass hier kein kleines Rädchen spricht,

sondern ein Herrenmensch und leidenschaftlicher

Antisemit, der unbeirrbar

22 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

an seiner Ideologie festhält. « Mich reut

gar nichts! Ich krieche in keinster Weise

zu Kreuze!», sagt Eichmann in einer Art

Schlussrede bei den Sassen-Gesprächen.

Vorzuwerfen habe er sich einzig, dass

nicht alle 10,3 Millionen Juden getötet

worden seien: «Unsere Aufgabe für

unser Blut und unser Volk (…) hätten

wir erfüllt, hätten wir den schlauesten

Geist der heute lebenden menschlichen

Geister vernichtet.»

Anschaulich beschreibt Stangneth

das Milieu, in dem solche Worte fielen,

denn bei den Gesprächen, die der niederländische

SS-Mann und Journalist

Willem Sassen ab 1957 in Argentinien

aufzeichnete und protokollierte, handelt

es sich nicht um Interviews, sondern um

Diskussionen in einem grösseren Kreis

geflüchteter Nazis.

Man las und analysierte alles, was

über die Endlösung geschrieben wurde

– in der grotesken Hoffnung, «die Lüge

Stolz auf seine

«Arbeit»: Adolf

Eichmann auf dem

Zenit seiner Macht

(undatierte Foto, ca.

1942/43).

AP

der 6 Millionen» widerlegen und den

Nationalsozialismus von der Judenvernichtung

reinwaschen zu können. Eichmann,

über dessen Identität alle Bescheid

wussten, spielte eine zwiespältige

Rolle: Mit seinen Kenntnissen war er

konkurrenzlos, doch machte er mit dem

Stolz auf seine «Arbeit» den anderen

einen Strich durch die Rechnung. In die

Rolle des vermeintlich harmlosen Bürokraten

schlüpfte Eichmann erst in Jerusalem

– dort bezeichnete er die Sassen-

Protokolle als «Wirtshausgespräche»

unter Alkoholeinfluss.

Deutschland lässt ihn laufen

Wichtiger noch als die Rekonstruktion

von Eichmanns Argentinien-Zeit sind

die Einzelheiten, die Bettina Stangneth

über die Umstände von Eichmanns verzögerter

Verhaftung darlegt. Bereits 1952

wussten die deutschen Behörden, dass

Eichmann alias Ricardo Klement in Argentinien

lebte und mit dem NS-Verleger

Eberhard Fritsche verkehrte; seine

Frau und seine Kinder waren gar unter

dem Namen Eichmann in der deutschen

Botschaft in Buenos Aires gemeldet.

Ein Haftbefehl erging erst 1956, ohne

allerdings dass eine Verhaftung tatsächlich

angestrebt wurde: Die Interpol-

Fahndung, um die der hessische Generalstaatsanwalt

Fritz Bauer gebeten

hatte, wurde vom Bundeskriminalamt

abgelehnt. Bauer hatte allen Grund, sich

mit seinen Informationen über Eichmanns

Aufenthaltsort nicht an die deutschen

Behörden zu wenden, sondern an

Israel. Während der Mossad die Entführung

vorbereitete, streute Bauer zur Ablenkung

das Gerücht, Eichmann befinde

sich im Nahen Osten. Die Vorgänge in

Deutschland sind noch lange nicht aufgeklärt:

Die Eichmann-Akten des BND

und des Verfassungsschutzes sind zu

einem grossen Teil bis heute noch unter

Verschluss.

Bettina Stangneths Recherchen sind

geprägt von einer scharfsinnigen Skepsis

und einer beispielhaften Quellenkritik

– doch gerade weil ihr Buch das Zeug

zu einem Grundlagenwerk hat, ist es bedauerlich,

dass der Text offenbar kaum

lektoriert wurde. Abgesehen von einigen

stilistischen Schwächen stört der

moralische Ton – dass Eichmanns Verlogenheit

«unfassbar», dass seine Reden

«elend» und «Nazi-Getöse» überhaupt

«widerwärtig» ist, muss uns niemand

sagen. Bisweilen verliert man im Wust

der (oft entlegenen) Quellen den Überblick

über die verwickelten Geschehnisse.

Doch diese Schwächen betreffen nur

die Wirkung des Texts, nicht seine beeindruckende

Substanz. ●


Psychiatrie Der Historiker Gregor Spuhler beschreibt das unglückliche Leben eines jüdischen

Flüchtlings in der Schweiz

Einfühlsame Stimme für das Opfer

Gregor Spuhler: Gerettet – Zerbrochen.

Das Leben des jüdischen Flüchtlings

Rolf Merzbacher zwischen Verfolgung,

Psychiatrie und Wiedergutmachung.

Chronos, Zürich 2011. 200 Seiten, Fr. 34.–.

Von Urs Bitterli

Es ist keine schöne Geschichte, die uns

der Historiker Gregor Spuhler erzählt.

Sie handelt von Rolf Merzbacher, einem

jungen Mann deutsch-jüdischer Abstammung,

dem es gelang, den Zweiten

Weltkrieg in der Schweiz zu überleben.

Die Eltern, ein angesehener Landarzt

und seine Frau, wurden im Oktober 1940

ins Auffanglager Gurs im äussersten

Südwesten Frankreichs deportiert und

dann quer durch Europa ins Konzentrationslager

Lublin-Majdanek geschafft,

wo sie 1943 umgebracht wurden. Rolf

Merzbacher verstarb 1983 im Alter von

sechzig Jahren in der Psychiatrischen

Klinik Waldhaus in Masans bei Chur.

Was Spuhler vorlegt, ist keine Biografie

im üblichen Sinne. Zwar ermöglichen

die Selbstzeugnisse und die Aussagen

von Zeitgenossen ein einigermassen

plastisches Bild der Kindheit und Jugend;

im Jahre 1944 aber tritt Rolf Merzbacher

in die psychiatrische Klinik

Münsterlingen ein, und er erscheint in

der Folge nicht mehr als Subjekt, sondern

als ein «Fall», mit dem sich der

Vormund, die Ärzte, die Beamten und

Institutionen zu befassen haben.

Nachdem die Eltern 1937 für seine

Übersiedlung in die Schweiz gesorgt

hatten, besuchte Rolf die Schule in

Kreuzlingen und schloss mit guten

Noten ab. Dann arbeitete er in der Landwirtschaft

und zeitweise auch in einem

Tessiner Flüchtlingslager, erwies sich

aber für harte körperliche Arbeit als ungeeignet.

Psychische Probleme machten

sich bemerkbar und erforderten die Einweisung

in die Klinik Münsterlingen.

Man diagnostizierte einen «schizophrenen

Persönlichkeitszerfall» und hoffte

vergeblich, durch Elektroschocks Besserung

herbeizuführen. Spuhler befasst

sich mit den Krankenakten des Patienten,

und es gelingt ihm eine medizingeschichtlich

interessante Darstellung

des Krankheitsverlaufs und der Beurteilung

der Krankheit durch die Ärzte.

Den Schlussteil seiner Arbeit widmet

der Autor den komplizierten Fragen der

deutschen Wiedergutmachungszahlungen

nach Kriegsende, sowohl was die

Rückerstattung der Vermögenswerte

der Familie, als auch, was die Kosten der

medizinischen Betreuung Merzbachers

anbetraf. Dabei stellte sich im Besonderen

die Frage, ob dessen Leiden auf eine

erbliche Belastung oder aber auf das

Trauma der Verfolgung und der Trennung

von den Eltern zurückzuführen

war. Die entsprechenden Abklärungen

waren umständlich und konnten erst

gegen Ende der sechziger Jahre abgeschlossen

werden – zu diesem Zeitpunkt

hatten sich ungezählte Mitläufer des

Hitler-Regimes in der Nachkriegsgesellschaft

längst komfortabel eingerichtet.

Gregor Spuhler hat die verstreuten

Quellen zum traurigen Leben Rolf Merzbachers

sorgfältig gesammelt. Er interpretiert

mit nüchterner Zurückhaltung,

hütet sich vor vorschnellem Urteil ebenso

wie vor empathischer Überzeichnung.

Zusammenfassend ergibt sich,

dass man dem Flüchtling in der Schweiz

im Allgemeinen freundlich und hilfsbereit

begegnete, ohne ihm wirklich helfen

zu können. Dass der Kanton Thurgau

Merzbacher sechs Jahre nach Kriegsen-

Assisi Er sprach mit den Fischen und Vögeln

Der Heilige Franz von Assisi gilt heute als Patron des

Umweltschutzes – sprach er doch mit den Tieren und

achtete die Natur. So erzählt es jedenfalls die

Legende. Franz starb 1226. Zwei Jahre später wurde

in Assisi mit dem Bau seiner Grabeskirche begonnen.

Sie besteht aus einer Unter- und einer Oberkirche,

die beide reich mit Fresken ausgemalt wurden.

Bekannt sind vor allem die Franziskus-Bilder von

Giotto (im Bild die Vogelpredigt des Franzikusmeisters

in der Unterkirche). Auch andere Maler haben sich

hier ein Denkmal gesetzt. In Assisi steht ein Gesamt-

de, als die Fakten der Judenverfolgung

im Wesentlichen bekannt waren, in den

Kanton Graubünden abschob, trübt dieses

Bild.

Rolf Merzbacher war kein Akteur der

Geschichte, sondern ihr Opfer. Er gehört

zu einer riesigen Schar von Leidensgenossen,

die verstummt sind und deren

Lebensspur sich verloren hat. Solchen

Opfern seine Stimme zu leihen, kann

auch eine wichtige Aufgabe für den Historiker

sein. Spuhler hat diese Aufgabe

auf überzeugende Art gemeistert. ●

Urs Bitterli ist emeritierter Professor für

neuere Geschichte an der Uni Zürich.

kunstwerk, und so wird es von Gianfranco Malafarina

auch vorgestellt. Nicht nur die Fresken, auch die

Ausstattung der Kirchen ist Thema. Es sind aber doch

die Wandbilder, die bezaubern. Die hervorragenden

Fotografien wurden noch vor der Zerstörung durch

das grosse Erdbeben 1997 aufgenommen, zeigen also

eine bereits vergangene Welt. Geneviève Lüscher

Gianfranco Malafarina (Hrsg.), Fotografien von Elio

und Stefano Ciol und Ghigo Roli: Die Kirche San

Francesco in Assisi. Hirmer, München 2011. 324

Seiten, über 300 Farbfotografien, Fr. 61.60.

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 23


Sachbuch

Biografie Der Lebensweg des Schweizer

Ingenieurs Hans Rudolf Herren vom

Insektenforscher zum Weltagrarpolitiker

Vom Überlisten

der Natur

Herbert Cerutti: Wie Hans Rudolf Herren

20 Millionen Menschen rettete. Die

ökologische Erfolgsstory eines

Schweizers. Orell Füssli, Zürich 2011.

150 Seiten, Fr. 39.–.

Von Markus M. Haefliger

Wenn es um biologische Schädlingsbekämpfung

geht, gibt die Natur Stoff für

Detektivgeschichten. So stellt der Zürcher

Wissenschaftsjournalist Herbert

Cerutti, ein ehemaliger NZZ-Wissenschaftsredaktor,

die Saga der afrikanischen

Maniokschädlingsbekämpfung

ins Zentrum seiner lesenswerten Biografie

über den Insektenforscher Hans

Rudolf Herren. In knappen Exkursen

greift er über den Lebenslauf Herrens,

der im Wallis aufgewachsen war und an

der ETH studiert hatte, aus. So erfährt

der Leser die Geschichte der «grünen

Revolution» der 1960er-Jahre, in der es

Agrarforschern gelang, für viele Nutzpflanzen

Hochleistungssorten zu züchten.

Ähnliche Abschweifungen führen

ein in das labile Gleichgewicht von

Schädlingen und Nützlingen und die

Kulturgeschichte von Nutzpflanzen

oder die Problematik des Pestizids DDT.

Als Leser wünschte man sich gerne

mehr solcher Exkurse, beispielsweise

über den Zusammenhang der Zunahme

von Schädlingen mit der Entwicklung

der Luftfahrt oder den mangelhaften

phytohygienischen Kontrollen afrikani-

Unterwasserkunde Der Zoologe Bernd Brunner erzählt die Kulturgeschichte des Aquariums

Ozean «en miniature»

Bernd Brunner: Wie das Meer nach Hause

kam. Die Erfindung des Aquariums.

Wagenbach, Berlin 2011. 144 Seiten,

Fr. 17.50.

Von Thomas Köster

Wer Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals

in die Welt öffentlicher Meerwasseraquarien

tauchte, dem schwirrte schon

bald nicht selten der Kopf. Diese Erfahrung

musste der Zoologe Gustav Jäger

machen, der 1860 in Wien als einer der

ersten auf dem europäischen Festland

ein maritimes Panoptikum exotischer

Fische errichtete. Verwirrt sei mancher

Neuling von einem Gefäss zum nächsten

gewandert, beschreibt Jäger seine

Beobachtungen, mit denen Bernd Brunner

sein Buch zur Erfindung des Aquari-

24 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

Maniok-Markt in

PRISMA

/

Benin, Westafrika,

einem der

GOUPI

Arbeitsgebiete des

Agrarforschers Hans

Rudolf Herren. CHRISTIAN

ums eröffnet: «Es sind mir Fälle vorgekommen,

wo gebildete Leute nach längerem

planlosen Laufen an der Kasse

ärgerlich fragten: Ja, was sieht man den

eigentlich da drin?»

Was man im Aquarium damals sah –

oder aus nationalistischer Warte etwa in

Deutschland (heimische Süsswasserfische)

im Gegensatz zu England (Salzwasserfische)

sehen sollte –, ist Brunners

Thema immer wieder. Darüber hinaus

beleuchtet sein Buch, wie die Idee

am heimischen Ozean im Kleinen langsam

wuchs. Überaus vergnüglich und

anekdotenreich beschreibt der Autor

die Geburt des Aquariums aus dem

Geist höfischer Wunderkammern und

bürgerlicher Neugier. Er schildert den

Siegeszug exotischer Fische in den gebildeten

Kreisen Europas und die Suche

der Aquariumspioniere nach geeigneten

scher Staaten. Oder darüber, wie archaische

Besitzverhältnisse den agrarischen

Fortschritt in Schwarzafrika hemmen.

Mit der chronologisch angelegten

Biografie bleiben dem Verfasser allerdings

wenig Freiräume, weil sein Thema,

Herrens Werdegang, immer komplexere

Tätigkeiten umfasste. Nach dem Weggang

vom International Institute of Tropical

Agriculture (IITA) in Cotonou

(Benin) widmet sich Herren dem Neuaufbau

des International Centre of Insect

Physiology and Ecology in Nairobi,

das der Natur angepasste Verfahren der

Schädlings- und Malariabekämpfung

und der Honig- und Seidengewinnung

entwickelt. Nach der Auszeichnung mit

dem Welternährungspreis 1995 gründet

er die Stiftung Biovision; später geht er

ans Millenium Institut in Arlington und

ist einer der Initiatoren des 2008 veröffentlichten

Weltagrarberichts. Aus dem

Insektenforscher ist ein Entwicklungshelfer

und Weltagrarpolitiker geworden.

Wenn Ceruttis Buch mit der Dauer an

Spannung nachlässt, dann auch darum,

weil er sich fast nur auf Herrens eigene

Ausführungen stützt. Man mag der Biografie

den etwas pathetischen Titel (und

den sprachlich unkorrekten Untertitel)

verzeihen, weniger jedoch, dass sie zeit-

weise einer langen Gesprächszusammenfassung

oder gar einer Gefälligkeitspublikation

gleicht. Das ist schade,

denn es legt den Verdacht nahe, dass der

Autor befangen sein könnte. Das äussert

sich nicht nur in einigen biederen Passagen,

in denen der Autor den Porträtierten

mit dessen Vornamen nennt, sondern

auch in ärgerlichen Einseitigkeiten.

Herren ist beispielsweise ein Gegner

der Gentechnologie. Gerade an seiner

ehemaligen Wirkungsstätte, dem IITA

im nigerianischen Ibadan, wurde letztes

Jahr jedoch ein gentechnisches Verfahren

gegen eine sich verheerend ausbreitende

Bakterienwelke bei afrikanischen

Kochbananen gefunden. Forscher des

IITA sind überzeugt, dass Gentechnologie

zwar kein Allheilmittel für die Ernährungsprobleme

Afrikas darstellt,

dass auf ihre Vorzüge aber nicht grundsätzlich

verzichtet werden sollte.

Die Mängel schmälern Ceruttis Verdienst,

Hans Rudolf Herren einem breiteren

Publikum bekannt zu machen, nur

geringfügig. Gemessen an seinem Einfluss

auf brennende Ernährungsfragen,

ist Herren zweifellos einer der bedeutendsten

Schweizer Zeitgenossen.

Warum das so ist, das weiss der Leser

nach der Lektüre. ●

Behältnissen und mikrosubmarinen Lebensräumen.

Und er wirft einen Blick

auf die Ozeanarien der Gegenwart, die

das Vergnügen am Blick ins Meer noch

einmal potenzieren.

«Mit der Zeit wird die Tiefe des Meeres,

durchsichtig auf unserem Tische,

uns noch manche seltsame Naturgeschichte

erzählen», zitiert Brunner aus

einem Beitrag der «Gartenlaube» zum

«Ocean auf dem Tische» von 1854. Sein

Buch hingegen macht uns Lesern die

bisweilen nicht minder merkwürdige

Kulturgeschichte des Aquariums transparent.

So, wie der Betrachter damals

staunend vor der exotischen Fischwelt

hinter der Glaswand stand, so ist man

heute bei der Lektüre ein ums andere

mal verblüfft, was Brunner an Wissenswertem

aus den Untiefen historischer

Aquaristik fischte. ●


Briefe Die Korrespondenz von Jean Rudolf von Salis zeigt seine Rolle als moralische Instanz

Kommentator, Debattierer,

Raisonneur

Jean Rudolf von Salis: Ausgewählte Briefe

1930–1993. Hrsg. Urs Bitterli und

Irene Riesen. NZZ Libro, Zürich 2011.

392 Seiten, Fr. 54.–.

Von Klara Obermüller

Der Historiker Jean Rudolf von Salis war

zeit seines Lebens ein passionierter

Briefschreiber. Das hatte mit seiner

Welt- und Menschenzugewandtheit zu

tun, mit seinem Interesse an den Zeitläufen

und ein bisschen vielleicht auch

mit seiner Eitelkeit. Von Salis wusste,

dass er etwas zu sagen hatte – auch über

den Tag hinaus. Entsprechend sorgfältig

ging er mit seiner Korrespondenz um.

Nie blieb ein Adressat lange ohne Antwort.

Und wenn, dann gab es für diesen

Umstand ebenso eine Entschuldigung

wie für die Tatsache, dass ein Brief statt

von Hand mit der unpersönlichen Maschine

geschrieben war.

«Eine Korrespondenz ist doch eine

Zwiesprache», schrieb von Salis im Jahr

1987 an seinen Historikerkollegen Edgar

Bonjour. Dem Autor war diese Art der

Zwiesprache wichtig. Er liebte den Dialog.

Er liebte die Debatte, die er anstiess,

in die er eingriff, wenn es ihm nötig erschien.

Aus Tausenden von Briefen

konnten der von Salis-Biograf Urs Bitterli

und seine Frau Irene Riesen deshalb

auswählen, als sie sich an die Edition

des hier vorliegenden Bandes machten.

171 Schreiben aus mehr als sechs

Jahrzehnten haben sie ausgewählt, und

sie haben klug gewählt. Auf einen ersten

Brief des knapp Dreissigjährigen an die

Mutter folgen Schreiben an Kollegen

und Freunde, an Vertreter der Politik

und Repräsentanten des öffentlichen

Lebens: Texte, in denen J. R. von Salis

noch einmal als Wissenschaftler, als politischer

Kommentator wie auch als

geistreicher und bisweilen angriffiger

Gesprächspartner lebendig wird.

Unsichtbarer Beobachter

Das 20. Jahrhundert mit all seinen Verwerfungen

ist in dieser Korrespondenz

präsent, und man darf bei der Lektüre

noch einmal bewundernd feststellen,

wie luzide der Autor die einschneidenden

Ereignisse seiner Zeit – das Aufkommen

des Nationalsozialismus, die

Bedrohung durch Hitler-Deutschland,

die totalitären Tendenzen während des

kalten Krieges sowie, spät noch, das Verhältnis

der Schweiz zu Europa – wahrgenommen

und eingeschätzt hatte.

Schade nur, dass uns der Band die

Antworten der Adressaten vorenthält.

Zu gerne hätte man erfahren, wie ein

Bundesrat Furgler, ein Hans A. Huber

vom Schweizerischen Aufklärungsdienst

oder Werner Weber, der Feuilletonchef

der NZZ, auf Briefe reagierten,

in denen ihnen Unmenschlichkeit, totalitäre

Methoden oder mangelnde Distanz

gegenüber Altnazis vorgeworfen

wurde. Doch die beiden Herausgeber

haben sich, wohl aus editorischen wie

juristischen Gründen, dagegen entschieden,

neben Briefen auch Briefe an von

Salis in den Band aufzunehmen.

Umso deutlicher und facettenreicher

tritt uns in ihrer Auswahl die Persönlichkeit

des Autors selbst entgegen. Er

ist derjenige, der die Fragen stellt und

die Auseinandersetzung sucht. Er tut

es geschliffen und höflich, vor allem

dann, wenn es Kritik anzubringen oder

Meinungsverschiedenheiten auszutragen

galt. Breiten Raum nimmt dabei die

Selbstreflexion ein. Die Frage nach der

eigenen Berufung und der ihm zukommenden

Rolle innerhalb der Gesellschaft

haben von Salis bis ins Alter hinein

beschäftigt. Er war kein Mann der

Tat, wie er selber sagt, er war auch kein

Künstler, wie er bedauernd feststellt. Er

verstand sich vielmehr als «Raisonneur»,

wie es in einem Brief an den

Freund Peter Mieg heisst: als unsichtbaren

Zeugen und stillen Beobachter, der

aus angeborener Scheu und innerer Unabhängigkeit

nach allen Seiten hin Distanz

hielt und gegenüber ideologischen

Versuchungen stets immun blieb.

Einige sehr persönliche Briefe, wie

etwa diejenigen an Nanny Wunderly-

Volkart, an Friedrich Dürrenmatt oder

Adolf Muschg zeigen, dass von Salis die

Aus senseiterposition gesucht, gleichzei-

Jean Rudolf von Salis

(Mitte) unterhält

sich anlässlich eines

Empfangs des Pen-

Clubs in Zürich mit

Thomas Mann und

dessen Frau Katia

(5. Juni 1950).

tig aber auch darunter gelitten hat. Er

hätte sich gerne mit einem Roman in der

Art des «Zauberberg» oder des «Gattopardo»

literarische Anerkennung verschafft

und wäre nicht abgeneigt gewesen,

aktiv in die Politik einzusteigen.

Doch er hielt sich zurück, weil er seine

Grenzen kannte und das Gefühl einer

Fremdheit in dieser Zeit und dieser Gesellschaft

nie ganz überwinden konnte.

Er kannte seine Grenzen

Urs Bitterli und Irene Riesen haben sich

bei der Auswahl der Briefe nicht gescheut,

auch diese dunkleren Seiten in

J. R. von Salis’ Wesen offen zu legen. Sie

zeigen nicht nur den renommierten

Wissenschaftler und viel gelesenen

Autor, sondern auch den Dozenten an

der ETH, der sich von der Zürcher Gesellschaft

nie ganz akzeptiert, von seinen

Universitätskollegen nie ganz für

voll genommen und von den Meinungsmachern

der NZZ immer wieder zu Unrecht

angefeindet fühlte. Vor allem aber

lassen sie den Zeitgenossen zu Wort

kommen, der bis zuletzt den Dialog mit

Jüngeren und Andersdenkenden suchte

und sich nie scheute, seine Meinung

auch dort kundzutun, wo sie nicht opportun

war. Sie zeigen J. R. von Salis als

das, was er zweifellos war: ein Intellektueller,

der dank seiner Unbestechlichkeit,

seinem Pragmatismus und seinem

Einfühlungsvermögen über Jahre hinweg

als moralische Instanz unseres Landes

wahrgenommen worden war. ●

PHOTOPRESS / KEYSTONE

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 25


Sachbuch

Archäologie Altertümer finden sich nicht nur im Boden, auch das Meer ist voll davon

Poseidons Schätze rund um Sizilien

Sebastiano Tusa: Versunkene Antike.

Faszination Unterwasserarchäologie.

Zabern, Mainz 2011. 298 Seiten,

reich bebildert, Fr. 109.–.

Von Geneviève Lüscher

Innerhalb der Altertumswissenschaften

ist die Unterwasserarchäologie eine

junge Sparte, setzt sie doch technische

Entwicklungen voraus, die den längeren

Aufenthalt unter Wasser überhaupt erst

ermöglichen. Tatsächlich schrieb aber

schon Herodot vor rund 2500 Jahren von

Tauchern, die Schätze aus dem Wasser

bargen. Seither wurden immer wieder

Altertümer aus den Fluten des Meeres

gehoben.

Erste Untersuchungen mit wissenschaftlichen

Ansprüchen erfolgten Anfang

des 20. Jahrhunderts, und seither

hat sich die Unterwasserarchäologie zu

26 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 26. Juni 2011

einem universitären Fach gemausert.

Gleichzeitig hat die Suche unter Wasser

begonnen, zur reinen Schatzgräberei

auszuarten. Mit Hilfe ausgeklügelter

Techniken werden die Wracks geplündert,

ohne auf den Kontext der Funde zu

achten. Die kostbaren Stücke landen

dann statt auf dem Schreibtisch des Archäologen

unter dem Hammer internationaler

Kunstauktionen.

Heute wird bei korrekt durchgeführten

Untersuchungen unter Wasser

gleich vorgegangen wie an Land: Alles

wird vermessen, dokumentiert und fotografiert.

Die Arbeitsweise präsentiert

Sebastiano Tusa kurz in einem Kapitel

am Schluss des Buches.

Im Gegensatz zum allgemein gehaltenen

Titel befasst sich der Buchinhalt

fast nur mit den Gewässerfunden rund

um Sizilien – es ist eine Art Liebeserklärung

des Unterwasserarchäologen und

Dozenten an sein Untersuchungsgebiet.

Sizilien war im Altertum und Mittelalter

eine Schnittstelle vieler Kulturen

und besass zahlreiche Häfen. Wichtige

Schifffahrtsrouten führten an seinen

Küsten entlang, unzählige Seeschlachten

fanden hier statt. Ihnen ist je ein

kleines Kapitel gewidmet. Mehr Raum

erhält das Thema Handel, diente doch

die Seefahrt in der Antike in erster Linie

dem Transport von Gütern. Der griechische

und römische Fernhandel ist durch

die Funde von gesunkenen Schiffen

samt Ladung recht gut bekannt. In erster

Linie sind es Amphoren, diese robusten,

fast unvergänglichen Transportbehälter

für Wein, Olivenöl und Fischsauce, die

Zeugnis ablegen von den antiken Handelsrouten.

Dem Liebhaber Siziliens öffnet der

grossformatige Bildband neue Aspekte

und Blickwinkel auf seine Insel – das

Thema Unterwasserarchäologie findet

er aber nicht erschöpfend behandelt. ●

Das amerikanische Buch Henry Kissinger beschreibt Chinas langen Marsch

Mit On China (Penguin Press, 586 Seiten)

legt Henry Kissinger eine Mischung

aus historischer Studie, Autobiografie

und politischem Ratgeber über die

Rückkehr dieser ältesten Kulturnation

zur Weltgeltung nach Jahrzehnten

selbstgewählter Isolation vor. Dazu hat

er persönlich massgeblich beigetragen.

Als Sicherheitsberater von Präsident

Richard Nixon ist Kissinger vor vierzig

Jahren zu seiner historischen Geheimmission

in das Reich des «Grossen Vorsitzenden»

Mao Zedong aufgebrochen

und hat damit den Weg für den amerikanisch-chinesischen

Ausgleich im

Kalten Krieg geebnet. Der von den

Nazis als Kind aus Deutschland vertriebene

Kissinger konnte nach seinem

Wechsel in die Privatwirtschaft auf

diese historische Leistung aufbauen.

Der nunmehr 88-Jährige wurde zu

einem bis heute für amerikanische

Präsidenten und Geschäftsleute unverzichtbaren

Vermittler zu den kommunistischen

Machthabern und der

chinesischen Wirtschaft.

In seinem aktuellen Buch kehrt Kissinger

auf Terrain zurück, das er in seinen

mehrbändigen Lebenserinnerungen

und seiner immer noch lesenswerten

Studie «Diplomacy» von 1994 eingehend

bearbeitet hat. Der Leser gewinnt

jedoch neue Einsichten etwa über den

Koreakrieg und kommt in den Genuss

einer scharfsinnigen, auf eigene Erfahrungen

gestützten Analyse der chinesischen

Diplomatie unter Mao und

seinen Nachfolgern von Deng Xiaoping

bis Hu Jintao. Kissinger wirkt überzeugend,

wenn er die Spitzen der Volksrepublik

in eine Reihe mit imperialen

Mandarinen stellt, die das «Barbaren-

Management» und die kluge, kühle und

Henry Kissinger

1973 in Peking beim

Handschlag mit

Mao Zedong, den

er bewunderte. Als

Autor heute (unten).

AP

auf lange Sicht angelegte Verfolgung

chinesischer Nationalinteressen zu

einer hohen Kunst entwickelt haben.

Namen wie der des seit einigen Wochen

verschwundenen Künstlers Ai Weiwei

fehlen jedoch in «On China» ebenso,

wie eine Darstellung oppositioneller

Forderungen.

Dafür macht Kissinger aus seiner Bewunderung

speziell für Mao kein Hehl,

den er als Philosophen kolossalen Zuschnitts

beschreibt. Die gesellschaftspolitischen

Experimente Maos in den

1950er und 1960er Jahren, die bis zu 40

Millionen Menschenleben gekostet

haben, betrachtet Kissinger als quasi

unvermeidliche Kosten der Konsolidierung

Chinas unter den Kommunisten

und nicht als Ergebnis grössenwahnsinnigen

Mutwillens. Kissinger spricht

wiederholt von der «Essenz» dieses ge-

AP

duldigen, begabten und homogenen

Volkes, das seinen Führern anscheinend

noch die brutalsten Missgriffe

nachsieht. Die «realistische» Doktrin

des alten Diplomaten trägt hier Züge

von Wunschdenken: Die von Kissinger

gepriesene «Stabilität» in China und

den internationalen Beziehungen kann

letztlich doch nur aus einer Partizipation

der Bevölkerung an der Macht erwachsen,

die den Chinesen einen freien

Ausdruck ihrer Bedürfnisse erlaubt.

Dies wird auch von amerikanischen

Rezensenten kritisch notiert, die das

Buch jedoch durchweg als wichtigen

Beitrag zu der Debatte über das

Verhältnis beider Nationen empfehlen.

Kissingers Darstellung der Debatte unter

den chinesischen Eliten über die

zukünftige Weltstellung ihrer Nation

ist in der Tat aufschlussreich. Daran

knüpft er seine eigenen Empfehlungen

an Washington: Während eine kleine,

aber lautstarke «triumphalistische

Denkschule» in China die Ablösung

der USA durch die «weise und weitsichtige

Führung» Pekings fordert,

setzt Kissinger auf die Schaffung einer

«pazifischen Gemeinschaft». Nach

dem Muster der nordatlantischen soll

diese «Community» zugleich der amerikanisch-chinesischen

Partnerschaft

einen Rahmen geben, sowie die anderen

Nationen Asiens einbinden.

Der Wert dieser Vision wird jedoch

durch Tatsachen in Frage gestellt, die

«On China» erstaunlicherweise ausblendet:

Das Buch erwähnt die tiefe

Verschuldung der USA bei China nur in

einem halben Satz, der noch dazu in

Klammern steht. ●

Von Andreas Mink


Agenda

AP Saint Tropez Von den Fischern zu den Celebrities

Auf den frühen Schwarz-Weiss-Fotos ist die Armut

noch gut sichtbar. Dann kamen Brigitte Bardot,

Gunther Sachs und Pablo Picasso – im Bild Picasso

vor seinem Stammlokal «La Ponche» – und verliehen

der Armut den Charme des Pittoresken. Nachdem

Louis de Funès hier seinen ersten Gendarmenfilm

drehte, strömte alles und damit auch der Reichtum

nach Saint Tropez. Die Bilder werden nun bunt, bis

die knalligen Fotoshop-Farben dem Dorf seinen

Charme endgültig austreiben. «Mythos Saint

Tropez» dokumentiert den von Stars gesäumten Weg

Bestseller Juni 2011

Belletristik

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10

Donna Leon: Auf Treu und Glauben.

Diogenes. 320 Seiten, Fr. 27.40.

Paulo Coelho: Schutzengel.

Diogenes. 208 Seiten, Fr. 27.40.

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil.

Hanser. 192 Seiten, Fr. 24.30.

Susan E. Phillips: Der schönste Fehler

meines Lebens. Blanvalet. 448 S., Fr. 20.20.

Alex Capus: Léon und Louise.

Hanser. 320 Seiten, Fr. 22.45.

Nicholas Sparks: Wie ein Licht in der Nacht.

Heyne. 448 Seiten, Fr. 25.45.

Carlos Ruiz Zafón: Marina.

S. Fischer. 352 Seiten, Fr. 25.70.

Karen Rose: Todesstoss.

Droemer/Knaur. 656 Seiten, Fr. 20.40.

Simon Beckett: Verwesung.

Wunderlich. 448 Seiten, Fr. 27.70.

Martin Walker: Schwarze Diamanten.

Diogenes. 352 Seiten, Fr. 32.45.

Sachbuch

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Erhebung Media Control im Auftrag des SBVV; 14. 6.2011. Preise laut Angaben von www.buch.ch.

des Fischerdorfes an der Côte d’ Azur zur sommerlichen

Spielwiese der Illustrierten-Schickeria. Eine

strahlend junge BB , Charles Aznavour als Familienvater,

Liz Taylor in Dreiviertelhose. Hier heiratet Mike

Jagger seine Bianca, hier fallen die ersten Bikini-

Oberteile. Heute ist Saint Tropez ein Laufsteg der

Superreichen vor Massenpublikum: 5700 Einwohner,

eine Million Parktickets und 5 Millionen Besucher pro

Jahr. Kathrin Meier-Rust

Helge Sobik: Mythos Saint Tropez. Feymedia,

Düsseldorf 2011. 188 Seiten, Fr. 53.90.

Duden. Die deutsche Rechtschreibung.

25. Auflage. Brockhaus. 1216 Seiten, Fr. 48.90.

Nik Hartmann: Über Stock und Stein 3.

Faro. 224 Seiten, Fr. 29.90.

Juliane Koepcke: Als ich vom Himmel fiel.

Malik. 304 Seiten, Fr. 30.50.

Carlo Perdersoli: Bud Spencer.

Schwarzkopf & Schwarzkopf. 272 S., Fr. 30.50.

Roman M. Koidl: Scheisskerle.

Goldmann TB. 240 Seiten, Fr. 15.50.

Corinne Hofmann: Afrika, meine Passion.

A 1. 288 Seiten, Fr. 34.90.

Barney Stinson: Der Bro Code.

Riva. 200 Seiten, Fr. 15.90.

Martin Betschart: Ich weiss, wie du tickst.

Orell Füssli. 192 Seiten, Fr. 34.90.

Mani Matter: Sudelhefte. Rumpelbuch.

Zytglogge. 272 Seiten, Fr. 36.Ω.

Nina Puri: Langenscheidt Katze – Deutsch.

Langenscheidt. 128 Seiten, Fr. 16.90.

Agenda Juli 2011

Braunwald

Samstag, 2. Juli, 11 Uhr

Andrej Kurkow: Die

letzte Liebe des Präsidenten.

Lesung, Musikwoche

Braunwald im

Hotel Bellevue,

Tel. o55 640 40 94.

Leukerbad

Freitag, 8., bis Sonntag, 10. Juli

16. Internationales Literaturfestival mit

Melinda Abonji, Michail Schischkin,

Peter Stamm, Martin Walker, Rolf

Hermann und vielen anderen. Infos,

Programm und Tickets:

www.literaturfestival.ch.

Scuol

Donnerstag, 21. Juli, 20 Uhr

Hommage an Jon Demarmels. Romanische

Lesung mit Musik und Diskussion

in Deutsch, Fr. 25.–. Center da Cultura

Nairs. Infos: www.nairs.ch.

St. Moritz

Mittwoch, 13. Juli, 20.30 Uhr

Thomas C. Breuer: Gubrist mon amour.

Lesung. Hotel Laudinella,

Via Tegiatscha 17, Tel. 081 836 00 00.

Valchava

Donnerstag, 14. Juli, ca. 20 Uhr

Donna Leon: Tiere und

Töne, auf Spurensuche in

Händels Opern.

Lesung in Englisch.

Museum Chasa Jaura,

Tel. 081 858 53 17.

Werdenberg

Freitag, 8. Juli, 20 Uhr

Jens Dittmar: Basils Welt – eine Zumutung.

Lesung, Fr. 12.–. Schloss Werdenberg,

Schlossberg, Tel. 081 599 19 35.

Zürich

Freitag, 1. Juli, 20 Uhr

Tinu Heiniger: Sommerabend-Lesung.

Mühle Hirslanden, Forchstrasse 244.

Vorverkauf:

lesen@buchhandlung-hirslanden.ch.

Mittwoch, 6. Juli, 20 Uhr

Martin Walker: Schwarze Diamanten.

Lesung, Fr. 25.–. Kaufleuten, Festsaal,

Pelikanplatz 1, Tel. 044 225 33 77.

Samstag, 9. Juli, 16 Uhr

Madlaina Brogt Salah Eldin: Liebe zwischen

Halbmond und Kreuz. Lesung.

Arabikalam, Cramerstrasse 7,

Tel. 041 43 322 07 93.

Bücher am Sonntag Nr. 7

erscheint am 28. 8. 2011

Weitere Exemplare der Literaturbeilage «Bücher am

Sonntag» können bestellt werden per Fax 044 258 13 60

oder E-Mail sonderbeilagen@nzz.ch. Oder sind – solange

Vorrat – beim Kundendienst der NZZ, Falkenstrasse 11,

8001 Zürich, erhältlich.

26. Juni 2011 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 27

JÜRG VOLLMER / MAIAK.INFO

CHRISTIAN BEUTLER


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