Dirk Baecker [427 kB] - Dieter Schnaas

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Dirk Baecker [427 kB] - Dieter Schnaas

DER ALLESERKLÄRERBaecker, 56, ist Professor fürKulturtheorie und -analyse an derZeppelin Universität in Friedrichshafenam Bodensee. Zu denjüngsten Veröffent lichungendes Wirtschafts soziologen undNiklas-Luhmann-Schülers zählen„Studien zur nächsten Gesellschaft“(2007) und „Organisationund Störung“ (2011).WirtschaftsWoche 23.12.2011 Nr. 52 41© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft» Was meinen Sie damit?Baecker: Wer kann sich mit welchen Chancenan welchen Entwicklungen beteiligen?Und welche Rolle spielen individuelle undorganisierte Interessen, die heute umfassendzum Zuge kommen, wenn die Lagesich morgen anders darstellt? Deswegendiskutieren wir den Ausstieg aus der Kernkraft,die Umstellung der Automobilindustrieauf Elektroautos, den Zugriff der medizinischenForschung auf die Stammzellen,aber auch das bedingungslose Grundeinkommenoder das Renteneintrittsalter.Hier geht es nicht um die Trennung vonMarkt und Staat, sondern immer um dieFrage, welche staatlichen Entscheidungenwelche Märkte zugänglich oder unzugänglichmachen.Wir sind also dem Merkantilismus des17. Jahrhunderts niemals entkommen?Baecker: Wir sind nie einem System entkommen,in dem staatliches Handeln dieVoraussetzung für wirtschaftliches Handelnist und umgekehrt. Nach wie vor lautetdie Grundfrage, wie viel wirtschaftlicheFreiheit erforderlich ist, damit der Staatsich auf eine Art und Weise aus Steuermittelnrefinanzieren kann, die es ihm ermöglicht,dieser wirtschaftlichen Freiheit densozialen Frieden zu erkaufen. Ob der Staatdabei auch selber über seine Rolle als Konsument,Arbeitgeber, Investor und Kreditnehmerhinaus unternehmerisch aktivwird, wie beispielsweise in Russland oderChina, ist eine zweite Frage. Unter globalenBedingungen zu leben heißt, laufend dieZukunftsfrage stellen zu müssen, auf die esbekanntermaßen keine beziehungsweisejeden Moment eine neue Antwort gibt.Im Moment sieht die Zukunft eher düsteraus. Selbst Peer Steinbrück hat bekannt,dass er 2008 auf einem Höhepunkt derKrise „in den Abgrund geblickt“ hat.Baecker: Das entspricht dem antiken Verständnisder Krise in der Tragödie. Diekrísis war bei den Griechen der Momentjener Entscheidung, in der man entwederalles richtig oder alles falsch machen konnte.Dementsprechend tat man alles dafür,dass solche Momente selten auftraten, weildas Risiko, auf die falsche Seite des Schicksalszu geraten, zu groß war. In der Moderneseit dem 16. Jahrhundert verstehen wir Kriseals Beleg dafür, dass etwas nicht funktioniert,etwa weil es aus dem Gleichgewichtgeraten ist. Dann muss man korrigierendeingreifen und die Dinge wieder in Ordnungbringen.Die Moderne als vernunftbegabte Reparaturanstalt?Ist das nicht von gestern?Baecker: Meines Erachtens haben wir diemoderne Gesellschaft in der Tat hinter uns.Seit etwa 100 Jahren haben wir es mit einer„nächsten Gesellschaft“ zu tun, mit der Gesellschaftder Elektrizität, des Fernsehens,des Computers und der Computernetzwerke.Diese Gesellschaft zeichnet sich dadurchaus, dass alles im Prinzip jederzeitmit allem verknüpft werden kann. Wennaber Konnektivität die Gesellschaft regiert,dann ist die Krise der Beweis dafür, dassman Umstände nicht berücksichtigt hat,die man besser berücksichtigt hätte. Manmuss daher sagen, dass unsere Gesellschaftnur dann funktioniert, wenn sie fürKrisen empfänglich ist.Mein Gott, wie undramatisch! Eine Kriseist kein Anlass mehr zur Umkehr in denSchoß der Vernunft, kein Anlass, denWeltuntergang zu befürchten, sondern...Baecker: ...ein evolutionärer Prozess, ganzgenau.Kann man daraus den Schluss ziehen,dass die Krise keine Pathologie ist,sondern der Normalfall?Baecker: Wer eine Krise ausruft, dem istbereits etwas gelungen. Man gesteht sichUnsere Gesellschaftfunktioniertnur, wenn siekrisenbereit istein, nicht weiter zu wissen, und stellt sichdamit einer Situation. Das gilt auch für unsereVerschuldungskrise. Wir stellen fest,dass wir mit unseren Krediten Wetten aufeine Zukunft abgeschlossen haben, die sonicht eintritt. Damit ist zumindest eineEinsicht gewonnen.Bei anderen Krisen – Klima, Energie,Demografie – hat man das Gefühl, dass diePolitik zwar einsichtig ist, aber mit ihrerBearbeitung nicht mehr hinterherkommt.Baecker: Wir haben uns mit unseren Krisenimmerhin einen recht souveränenUmgang angewöhnt. Wir gestehen uns unsereschwierige Lage ein. Wirklich besorgniserregendwäre es, wenn wir diese undandere Krisen leugnen würden. Aber natürlichentbehrt es nicht der Ironie, dasswir immer hilfloser in unseren Krisen stecken,je mehr wir von ihnen verstehen.Ist die Menge an Informationen zu groß,um die Probleme bearbeiten zu können?Baecker: Nein, sondern weil diese Informationendarüber Auskunft geben, welchePfadabhängigkeiten uns gefangen halten.Wie sollen und können wir aus einer bald250 Jahre alten Wachstumsdynamik aussteigen– 1769 patentierte James Watt seineDampfmaschine –, die uns mit der Ausbeutungfossiler Energien eine Industrialisierungund Urbanisierung beschert hat,mit deren Hilfe inzwischen sieben MilliardenMenschen auf einem beachtlichen,wenn auch nicht ausreichenden Niveauversorgt werden können? Das ist die Frage.Immerhin hat man den Eindruck, dass dieWeltpolitik heute darüber verhandelt, werwelche Opfer bringt, um auch nur in dieNähe eines solchen Ausstiegs zu kommen.Wir waren erfolgreich, indem wir dieZukunft auf Kosten der Zukunft eroberthaben?Baecker: Wir haben die Gegenwart auf Kosteneiner offenen Zukunft erobert. Die Zukunftist nicht mehr offen, und die Gegenwartist es daher auch nicht. Wir wissen,dass wir umsteuern müssen. Dafür brauchenwir den Blick des Unternehmers unddes Politikers. Der Unternehmer sucht nachneuen Chancen, und der Politiker sorgt dafür,dass genug Zeit gewonnen wird, um erforderlicheUmstellungen vorzunehmen.Zurzeit hat man nicht den Eindruck, dassdie Politik Zukunft gewinnen kann.Baecker: Die Politik ist der Einwand der Gegenwartgegen die übrige Zeit, um einenbekannten Ausspruch von Alexander Klugezu variieren. Das aber bedeutet, dass sieden Mut zu Wahrheiten aufbringen muss,die sich aus der Einsicht in gegenwärtigeLagen ergeben.Welche Wahrheiten?Baecker: Die Wahrheit einer gescheitertenSpekulation auf eine geldpolitisch forcierteEinbindung der Mittelmeerländer in deneuropäischen Wirtschaftsraum. Es gehtnicht darum, den Bankrott jener Bankenauszurufen, die diese Spekulation finanzierthaben, sondern darum, die Bankenwieder zu befähigen, Kreditwürdigkeitenangemessen zu prüfen. Das heißt, sie müssenin die Lage versetzt werden, für ihreeingegangenen Risiken zu haften.Aber warum besteht die Politik nicht aufdieser Wahrheit?Baecker: Einzelne Politiker versuchen esdurchaus. Aber insgesamt hat man denEindruck, dass die Politik es sich mit denBanken nicht verscherzen will. Das hängtvermutlich damit zusammen, dass mandie Wirklichkeit nicht mehr versteht unddeshalb lieber stillhält. Der Status quo er-FOTO: DAN CERMAK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE42 Nr. 52 23.12.2011 WirtschaftsWoche© Handelsblatt GmbH. 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hält deshalb ein so großes Gewicht. Die eigeneExistenz ist schließlich ein Beweis dafür,dass man auch irgendetwas richtig gemachthaben muss. Wahrheiten werdendeswegen diskontiert. Sie haben angesichtseiner unverstandenen Wirklichkeitnicht wirklich eine Chance.Sie wollen im Ernst für Ignoranz plädieren?Baecker: Nein, ich will dafür plädieren,dass wir uns genauer anschauen, was esheißt, im Ungewissen operieren zu müssen.Es ist ja schon einiges gewonnen,wenn wir uns darüber im Klaren sind, wiewichtig es ist, dass die Zukunft unbekanntist. Der Politiker hätte andernfalls kaum einenAnlass, sich um seine Wiederwahl Sorgenzu machen, und der Unternehmermüsste nichts unternehmen, um die Attraktivitätseiner Produkte zu steigern. Ichplädiere nicht für Ignoranz, sondern ichmache auf eine Intelligenz aufmerksam,die aus einem Nichtwissen resultiert. Esgeht um die Sicherstellung aktueller Anpassungsfähigkeiten.Damit wäre unser traditioneller Fortschrittsbegriffalso passé?Baecker: Wir gehen heute von Fortschrittenaus, die Rückschritte enthalten können.Wir glauben immer noch, dass wirschon morgen Lösungen für die Problemevon heute finden können, aber wir glaubennicht mehr, dass diese Lösungen nicht ihrerseitsneue Probleme enthalten.Geben Sie uns ein Beispiel.Baecker: Nehmen Sie den berühmten Satzvon Angela Merkel im Oktober 2008, dassdie Spareinlagen sicher sind. Jeder Zuschauerbegann sofort, sich erst jetzt umdiese Spareinlagen Sorgen zu machen. Abergenau darum ging es. Die Politik signalisierte,dass sie die Sorgen der Sparer, verstandenals Wähler, im Blick hat, zugleich jedochdie Situation für kritisch hält. Und siesignalisierte, dass man auf jeden Fall etwaszur Rettung der Spareinlagen bei den Bankentun würde, nicht jedoch unbedingtauch etwas zur Rettung der Banken selber.Man kommunizierte ambivalent, gestanddamit die Ungewissheit ein und verzichteteauf jede Hoffnung, dass sich die Krise quaFortschritt schon von selber lösen würde.Durchwurschteln als politische Taktik?Baecker: Nein, sondern als politische Strategie,die geboten ist, wenn jede eindeutigeLösung komplizierten Sachverhalten nichtgerecht werden kann.Ist die Bundeskanzlerin ein Musterbeispielpostheroischer Führung?Baecker: Heroische Führung besteht darin,mit jeder Führungsentscheidung primärauf den Führer selber aufmerksam zu machen.Das hat den Vorteil, dass man sofortweiß, wen man opfern muss, wenn dieSache schiefgeht. Postheroische FührungMerkel ist mutig.Sie tut nicht so,als wüsste sie,was sie willlenkt den Blick am Führer vorbei auf dieSachverhalte, die bestimmte Entscheidungenerforderlich machen. Hier geht es nichtum Überlegenheit und Weitsicht, sondernum die Organisation von Intelligenz in einemsozial verteilten Prozess. Der postheroischeFührer bringt die richtigen Leute aneinen Tisch, damit sich Für und Wider neusortieren kann. Er ist nicht der Autor, sondernder Katalysator einer Entscheidung.Mit dieser Art weckt die Kanzlerin aberkeine Begeisterung.Baecker: Das ist kein Nachteil. Natürlich istes einfacher, sich an heroischen Führern zuorientieren und sie zu opfern, wenn esschiefgeht. Und natürlich mag die postheroischeFührung auch dadurch motiviertsein, dass man sich nicht opfern lassen will.Aber ein Politikverständnis, das auf Moderationsetzt, erfordert allemal das größere Geschick.Nicht zuletzt im Umgang mit Macht.Die Kanzlerin setzt, um mit dem großenÖkonomen Herbert A. Simon zu sprechen,nicht mehr auf instrumentelle, sondern aufprozedurale Rationalität. Sie tut nicht mehrso, als wüsste sie, was sie will, um dann diepassenden Mittel zu suchen. Sondern sielässt sich auf Verfahren der Entscheidungsfindungein, an denen die Betroffenen sichbeteiligen, weil sie wissen, dass nicht vonvorneherein feststeht, was als Problem undwas als Lösung gilt. Männer macht das oftungeduldig. Aber das ist kein Einwand.Gehört zu dieser Art von Politik auch dieEnergiewende der Bundesregierung?Baecker: Nein, hier hat die Kanzlerin vorallem eine Art Vorratsbeschluss gefasst. Siehat eine Macht demonstriert, von der sieannehmen kann, dass sie sie bald auch andernortsbenötigt. Interessanterweise ist esdann jedoch bei anderer Gelegenheit garnicht mehr nötig, Macht zu demonstrieren.Man weiß ja jetzt, dass sie vorhanden ist.Dann wäre also Frau Merkel nicht prinzipienlos,sondern denkbar zeitgemäß?Baecker: Aber ja, sie setzt sich durch die Organisationeines Meinungsaustauschs vielfachenBeobachtungen aus, und das ist mutig.Zugleich kann sie selbst Beobachtungenanstellen, die erst innerhalb eines solchenVerfahrens möglich werden. Und das erfordertSelbstvertrauen und auch eine gewisseCoolness. Mich erinnert das an den Schiffbrüchigenin Edgar Allen Poes Erzählung„Am Rande des Malstroms“, der erst in demMoment, in dem er alle Hoffnung fahrenlässt, kühl genug beobachten kann, dass esin diesem Malstrom Gegenströmungengibt, die nach oben und hinaus führen. ndieter.schnaas@wiwo.de | Berlin, christopher schwarzWirtschaftsWoche 23.12.2011 Nr. 52 43© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

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