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Ein Monat ohneStraftatenvon Hans WiWi© Andreas DanzZugegeben, zunächst bot sich imRahmen des Leitthemas der diessemestrigenAusgabe der Wi² eigentlicheher der Titel „Einen Monatohne Gesetz“ an. Er klingt intuitiv spannender.Hui, was täte ich nicht alles,wenn einen Monat alles legal wäre undmir endlich die Last des Gesetzes vonden Schultern genommen wäre? Nacktzur Uni gehen, die Zeche prellen, Frauenungebeten an den Hintern fassen,meine Masterarbeit von jemand anderemschreiben lassen… Ich wäre endlichfrei! Wie Batman!Nach überraschend kurzem Tagtraumstellte sich jedoch heraus: Ich wäre garkein schlimmerer Finger, als ich es ohnehinschon bin. Hand aufs Herz: Wirbrechen doch alle nur allzu regelmäßigdas ach so heilige Gesetz und wärenvon Batman schon längst hinter Gittergebracht worden. Alleine in den sechsMonaten vor diesem Artikel hatte diePolizei vier Mal meine Daten aufgenommen.Rote Ampeln, nächtliche WG-Partys, öffentliches Urinieren, Musikdownloaden, betrunken Fahrrad oderschwarz Bahn fahren, gelegentlicherDiebstahl, Drogenkonsum, unangemeldeteFlunkyball-Turniere, in Prüfungenspicken usw. Selbstjustiz vom Feinsten.Die Liste der Kavaliersdelikte ist längerals die der Baustellen in Karlsruhe (siehehierzu auch Seite 26).Nichtsdestowenigertrotz respektiere ichintrinsisch die Einhaltung heftigererVerbote wie Mord, Geisterfahren oderdas Vordrängeln in der Mensaschlange.Sie verkörpern für mich unantastbareWerte und ich könnte sie daher nur zusammenmit meiner eigenen Identitätund der nach der O-Phase verbliebenenRestwürde aufgeben - wofür ich wederkühn, noch dumm und zur Zeit desSchreibens dieses Artikels ausnahmsweiseauch mal nicht betrunken genugbin.Lange Rede, kurzer Unsinn: Ein Monatin vollkommener, christlicher Regelkonformitätwürde mir weitaus schwererfallen und außergewöhnlichere Konsequenzennach sich ziehen, erhoffte undbefürchtete ich. Ich rechnete mit sinnloserUngeduld an roten Ampeln, langenfahrradschiebenden Heimwegen, mitBei-der-Straba-Party-in-die-Hose-machenund Trauer über das Verpassen desFlunkyballturniers. Auf der Pro-Seitehöchstens mit Belohnung in Form vonGeschenken vom Weihnachtsmann.Schon am ersten Tag brauchte ich einenSonnenuntergang, um über die Kreuzungam Kronenplatz zum Edeka zu gelangen,während sonst keiner um michherum irgendwelche Regeln zu beachtenschien: Nackte auf geklauten Fahrrädernohne Licht auf der falschen Seitekreuzten freihändig biertrinkend mitder kiffenden Freundin auf dem Sattelmit auf die Straße kotendem Hund ohneLeine und MP3 Player in den Ohren beiRot vom Fußgängerweg die Gegenfahrbahn,wo sie eine Schramme am nächstenAuto hinterließen und Fahrerfluchtbegingen, um anschließend laut ruhestörendan Haustüren mit ihrem Urinein Graffiti zu hinterlassen. Sie spottetenaus dem Himmel der Gesetzeslosigkeitund spuckten metaphorisch aufmich hinab. Doch Batman ließ auf sichwarten.Ein Blick um mich herum zeigte mir daskrasse Gegenteil: Über die ungehörigenRabauken die Nase rümpfende Spießbürgermit gebügeltem Regenschirm,die sich aus übertriebener Rücksichtnahmeauf dem Weg zum Polizeiamtihr Niesen verkniffen, um sich für eingerade ungeahndetes Falschparkenihres Autos ohne Umweltabzeichen inder Stadt reuevoll selbst anzuzeigen.Ein kurzes Nicken ihrerseits in meineRichtung verriet mir: Ich war nun einervon ihnen - gut erzogen, erwachsen undernst.Das ist natürlich gewohnt überspitztdargestellt, in der Tat aber schränktemich meine neue Herausforderungmehr ein, als ich es erwartet hatte. Dasgalt insbesondere für den Verkehr (gemeintist der Straßenverkehr, Anm. d.Red.). Unterwegs mit Freunden mussteich ständig Umwege fahren und rumheulen,um bestimmte gewöhnliche Gesetzeswidrigkeitenzu vermeiden. DochKommentare wie „Scheiß‘ doch auf denblöden Wi²-Artikel oder denk dir irgendwasaus!“, prallten an mir ab. EinHans Wiwi würde niemals seine Leserim Kampf um die Wertschätzung alltäglicherSelbstverständlichkeiten, fürdie wir schon lange nicht mehr dankbarsind, im Stich lassen. Und die gesetzesloseFreiheit, deren schmerzhaften Verzichtich auf mich nahm, gehört dazu.So kam es, dass ich mir bei WG-Partiesmeine Kampfgesänge verkneifen undsie früher verlassen musste, um nicht ander Ruhestörung beteiligt zu sein. Oderdass ich jede Woche eine Folge meinerLieblingsserie verpasste, die ich sonstohne schlechtes Gewissen gestreamthatte. Wirklich viel aufgeben musste ichzwar nicht. Dennoch litt meine Lebensqualitätspürbar unter dem Gesetz.So geschah es, dass dieser „Monat ohne“tatsächlich der erste werden sollte,den ich nicht vollendete. Es ist quasiunmöglich zu existieren, ohne unserultra-kleinkariertes Gesetz zu brechen.Zumindest, wenn man Spaß am Lebenhaben möchte. Freunde wiesen michständig daraufhin, was ich gerade wiedernicht beachtet hatte. Das Recht zu100% einhalten heißt zu 0% leben. Undähnlich wie bei Alkoholgehalt tendiereich eher in Richtung 100%.Immerhin begegnete ich kein einzigesMal der Polizei. Leider aber auch nichtBatman. Vielleicht schenkt mir den jader Weihnachtsmann. Dafür, dass ich sobrav war.147. Oktober: Twi(wiwi)ttergeht an die Börse20. Oktober: „Schwarz sieht rot. Rot sieht schwarz“ – dieKoalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD ziehensich hin

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