Johannes Brahms: 1. Klavierkonzert, d-moll, op. 55 ... - Theater Ulm

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Johannes Brahms: 1. Klavierkonzert, d-moll, op. 55 ... - Theater Ulm

Qualvoller Prozess der Werk-FindungNach der Uraufführung seines d-moll-Klavierkonzertes unter Joseph Joachim(22.Januar1859) konnte Johannes Brahms wenige Tage lang zufrieden sein:Das Publikum hatte das Werk, seine erste „große“ Orchesterkomposition, beiläufigaufgenommen. Entscheidend indes wurde die fünf Tage später imLeipzi-ger Gewandhaus stattfindende zweite Aufführung, nach der erJoachim mitteilen musste, dass sein Konzert gänzlich durchgefallen sei: „ZumSchluss versuchten drei Hände langsam ineinander zu fallen, worauf aber vonallen Seiten ein ganz klares Zischen solche Demonstration verbot.“ Hatte manbislang den Pianisten Brahms auch als Komponisten durchaus akzeptiert, begegneteman ihm hier in Leipzig schlagartig mit scharfer Ablehnung: Brahms,reichlich fünf Jahre zuvor von Robert Schumann prophetisch apostrophiert alsder, „der da kommen musste“, als ein Mann der Zukunft, war in denParteistreit zwischen musikalischem Konservativismus und Fortschritt geraten.Jahrelang hatte Brahms um die endgültige Gestaltung des Konzertes förmlichgekämpft: die lange Entstehungsgeschichte des Werkes vermittelt tiefe Einblickein einen mehr oder minder permanent qualvoll verlaufenden Prozesseiner nur unter Aufbietung letzter Kraftreserven endlich gelingenden Werk-Findung, die gleichzeitig Bewältigungen künstlerischer Probleme und Konfliktedar stellt, denen private (Clara Schumann) engstens einverwoben waren.Den dazugehörigen Hintergrund bilden Brahms’ 1852/53 entstandene, klavieristischfranz Liszt keineswegs verleugnende, sich formal jedoch mit Ludwigvan Beethoven auseinandersetzende Klaviersonaten fis-moll op. 2, C-dur op.1 und f-moll op. 5: Schon Schumann hat sie als verschleierte Symphonienangesprochen. Anfang April 1854, kurz nach Beendigung des Klaviertrios H-dur op.8, berichtete Julius Otto Grimm an Joachim, dass Brahms drei Sätzeeiner Sonate für zwei Klaviere fertig habe. Diese Sätze gelten als Urgestalt desd-moll Klavierkonzertes: Albert Dietrich, der sie im Zusammenspiel mit ClaraSchumann kennen gelernt hatte, bekundete die Identität des Anfangsthemasder heute verschollenen Sonate und dem ersten Thema des ersten Klavierkonzertsatzessowie die Wiederbegegnung des Sonaten-Scherzos im zweitenSatz des „Deutschen Requiem“. Bald danach müssen Brahms grundsätzlichZweifel an dem neuen Werk gekommen sein, denn er teilte Joachim mit, erwolle die d-moll-Sonate „gerne lange liegen lassen“, da ihm zwei Klavierenicht genügten. Zunächst versuchte er, den ersten Satz zu einemSymphoniesatz umzugestalten, musste aber im Verlaufe dessen kompositorischeund vor allem instrumentatorische Mängel erkennen. Liest man diegenannten Briefe genau, wird deutlich, dass Brahms den beabsichtigten Wegvon der Sonate für zwei Klaviere zur Symphonie sich regelrecht verstellt sahdurch seine dem gemeinten Anspruch des Werkes wie der GattungSymphonie schlechthin als nicht adäquat empfundene Vertrautheit mit demRüstzeug des Symphonikers. Später schrieb er, dessen Dilemma beklemmendgewesen sein muss, an Clara Schumann, er habe seine „verunglückte“Symphonie im Traum als dreisätziges Klavierkonzert mit Scherzo und Finalegespielt: Die Aufführung dieses zunächst nur traumhaft gefassten Planes, dersich dann als Lösung des Problems erwies, verzögerte sich freilich noch bis in


den Herbst des Jahres 1856. Im Januar 1857 lag der Mittelsatz fertig vor: An dieStelle des geträumten Scherzos war ein „Portrait von Dir, das dann Adagiowerden soll.“ (30. Dezember 1856 an Clara) getreten. Eine erste Version desFinal-Rondos wurde bis Mitte April 1857 umgearbeitet. Am schwerste dielBrahms der erste Satz. Noch am 9. November 1857 bekannte er ClaraSchumann gegenüber, dieser sei durch und durch verpfuscht und trüge denStempel des Dilettantismus, jedoch müsse es „endlich zu Ende sein“. UndJoachim musste 14 Tage später erfahren, Brahms habe kein Urteil mehr undauch keine Gewalt mehr über das Stück (22. November 1857). EndeDezember schloss er die Arbeit am ersten Satz ab, doch noch nach denersten Aufführungen des Jahres 1859 änderte er mehrfach daran. – DieEndgestalt seines d-moll-Konzertes, mit dem sich Brahms im Sinne des Wortesfrei-schreib, mit dem er gleichzeitig die Gattung des Klavierkonzertes, gleichsameinen neuen „Ton“ anschlagend, auf die der Symphonie erhob, wurdebuchstäblich errungen.

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