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Nitrofieber 06 - Filmarchiv Austria

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Nitrofieber 06

Nitrofieber 06

Der österreichische Werbefilm 1

»Nitrofieber« lädt zu Exkursionen ins Innerste des Archivs und zelebriert dabei ein

Plädoyer für die ebenso respektvolle wie leidenschaftliche Tradierung des kulturellen

Erbes auf der Bühne und der Leinwand des Metro Kinos.

Geworben und verführt wurde seit jeher, auch in und mit dem frühen österreichischen Kino.

Mit zwei Programmen verfolgt »Nitrofieber« die Geschichte des vermeintlich Beiläufigen:

des österreichischen Werbefilms.


Versteckte Verführung.

Der österreichische Werbefilm 1

MittWoCH 21.4.2010, 20:00

egal ob zarte Verführung, plumper

eindringling oder gar respektierte

Kunstform: Werbung ist nicht nur ein

begleiter der Konsumgesellschaft, sondern

eines ihrer konstitutiven elemente.

– »Nitrofieber« wird in seinen folgenden

zwei Ausgaben den österreichischen

Varianten der nicht immer versteckten

Verführung des Werbefilms nachspüren.

teil 1 wird die Anfänge bis in die 1930er-

Jahre verfolgen, teil 2 wird sich den

Nachkriegsjahren und dem Wiederaufbau

widmen.

Nitrofieber 06

Von den Anfängen bis 1938

Die Einseitigkeit des kommunikativen Anspruchs

von Werbung liefert sie dem Wohlwollen ihres

Adressaten aus. Um dessen Aufmerksamkeit zu

erzwingen, ist sie zur Konzentration gezwungen.

Das filmische Kontinuum erweist sich dabei als

geschmeidiger Partner. Bereits der älteste erhaltene

österreichische Werbefilm zeigt beispielhaft diese

Flexibilität. Als heitere Geschichte verpackt, ist der

von Hans Otto Löwenstein im Jahr 1913 inszenierte

Film WIE NINETTE ZU IHREM AUSGANG KAM auch

in anderer Hinsicht bemerkenswert. Es ist der erste

österreichische Spielfilm, von dem ein Drehbuch

vorliegt. Sein Verfasser, Robert Reich, war einer

der Pioniere des Werbefilms. Während des Ersten

Weltkriegs wurde er zum Leiter der »Sawerb«,

der Werbefilmabteilung der Sascha-Film. 1920 ruft

er den Österreichischen Filmdienst ins Leben. Zu

Beginn der dreißiger Jahre gründet er die Österreichischen

Werbefilm Gesellschaft Reich & Co (ÖWE),

mit der er zahlreiche Kurztonfilme inszenierte. Mit

dem »Anschluss« fand nicht nur seine Tätigkeit

ein abruptes Ende; Reich selbst wurde Opfer des

Rassenwahns.

CARL ZEISS WIEN wurde ebenfalls von der

Sascha-Film produziert. Er zeigt die Herstellung

von Entfernungsmessern, Scherenfernrohren und

Feldstechern für den Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg.

Geschickt kaschierte der Film seine Werbeabsichten,

indem er seine Botschaft in der Form

des klassischen Industriefilms verbreitet. Diese

Mischform hat sich im österreichischen Film bis zur

Einführung des Tonfilms gehalten und noch einige

recht interessante Spielarten hervorgebracht, wie

DER ZUCKERLONKEL zeigt.

Michael Maibaum war ein bisher völlig vergessener

Name der österreichischen Filmgeschichte. Mit

der Entdeckung zweier seiner Filme zeigt er sich

nunmehr als ein erfindungsreicher Schöpfer des

österreichischen Animationsfilms. Sein in diesem

Programm vertretener Film, DER STIEFELPUTZER

ALS LIEBESAMOR, bringt eine grafisch fein ausformulierte

Liebesgeschichte, die durch schmutzige

Schuhe jäh beendet wird. Mithilfe der Schuhcreme

»Cavalier« der Firma Solo, Wien gelingt es aber

doch, die Angebetete zurückzuerobern. Maibaums

Werk steht exemplarisch für das Dilemma des

österreichischen Animationsfilms, der nur selten als

eigenständige Filmform existieren konnte. Lediglich

als »Zulieferer« konnte er ein meist nur bescheidenes

Dasein fristen, wobei der Werbefilm immerhin

die dankbarsten Aufgaben bot.

DER LOHN DER GUTEN TAT ist eine weitere Variante

des Werbefilms der 1920er-Jahre. Er gruppiert

um eine Spielhandlung nicht nur ein einzelnes, sondern

gleich eine ganze Palette erlesenster Produkte

aus Wiener Nobelgeschäften und gibt ein selten

prägnantes Bild der Wiener Luxusindustrie zur

Zeit der Großen Krise. In keinem anderen Film sind

Wiener Geschäftslokale der Zwischenkriegszeit so

ausführlich dokumentiert. Es ist bezeichnend, dass

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Nitrofieber 06

Der LoHN Der GUteN tAt | A 1928

wir diesen Einblick einem ganz besonderen deus ex

machina verdanken: einem Los der Geschäftsstelle

der Wiener Klassenlotterie, Hauschild & Paap. Dass

es sich bei diesem Film nicht um einen Einzelfall

handelt, belegt ein aus anderer Quelle stammendes

Filmdokument, das ähnlich aufgebaut ist, aber nicht

Nobelgeschäften des ersten Bezirks, sondern die

der gut-bürgerlichen Währinger Vorstadt vorführt.

Wir zeigen davon einen Ausschnitt über das Café

Dank, das sich im Stadtbahnbogen der Station

Währingerstraße befand und ein rares Filmdokument

der einstigen Wiener Caféhaus-Kultur ist.

Mit dem Tonfilm erhält der österreichische Werbefilm

der 1930er-Jahre ein Element, das das Lokalkolorit

besonders zur Geltung bringt. In MESALLIANCE

räsoniert die seinerzeit berühmte Volksschauspielerin

Hansi Niese in breitem Wiener Dialekt, welche

Berufsgruppe die Krise wohl eher überleben werde.

Auch in dieser spritzig erzählten Geschichte kommt

das Happy End aus der Lotterie, diesmal der des

berühmten Bankhauses Schelhammer und Schattera,

für das die Sascha-Film schon während des

Ersten Weltkrieges Werbefilme zur Zeichnung der

Kriegsanleihe gedreht hatte, die bedauerlicherweise

alle verloren gegangen sind.

MILDE SORTE – NIKY, ein Werbefilm der Tabakregie

aus dem Jahr 1937, ist ein sehr frühes Beispiel eines

österreichischen »Naturfarbenfilms«, ein Animationsfilm,

im Stil Bruno Wozaks gemacht, der sich von

der amerikanischen Schule inspirieren ließ, dabei

aber einen ganz eigenständigen Stil entwickelte.

Den Abschluss macht WIEN – AUF DEM WEST-

BAHNHOF, ein Werbefilm der Österreichischen

Bundesbahnen aus dem Jahr 1937 der für die Investitionsanleihe

zur Elektrifizierung der Westbahn

wirbt. Fritz Imhoff steht in diesem Sketch ganz im

Mittelpunkt und entfaltet als renitenter Kofferträger

seine genialische Charakterisierungskunst Wiener

Volkstypen.

Betrachtet man die vorgelegte Auswahl an

Werbefilmen, so fällt auf, dass Filme zur Lotterie

überproportional vertreten sind. Auch in dem 1937

gedrehten Streifen FAHRT DURCH DAS SCHÖNE

ÖSTERREICH ist eine Gewinnverheißung das zentrale

Lockmittel. In Zeiten der Großen Depression

dürfte vielen die Vorstellung persönlichen Glücks

nur noch als Lotterietreffer wahrscheinlich erschienen

sein. Auch wenn die beworbenen Produkte

für die meisten unerreichbar waren, so vermittelten

sie das schmeichelhafte Gefühl, wenigstens

Adressat dieser zarten Verführung zu sein. Da die

Werbebotschaften jener Jahre noch in kompletten

Geschichten verpackt und noch weit entfernt vom

Minimalismus der oft avantgardistisch beeinflussten

Formen waren, dürften sie zumindest gut unterhalten

haben. (Nikolaus Wostry)

Nikolaus Wostry, Filmwissenschaftler mit Schwerpunkt Filmtechnik,

Leiter des Zentralfilmarchiv Laxenburg des Filmarchiv Austria, Konsulent

für historische Kinotechnik, Mitglied der Cinema Expert Group

der Europäischen Kommission.


MiLDe Sorte – NiKY | A 1937 Der StiefeLPUtZer ALS LiebeSAMor | A 1923 Wie NiNette ZU iHreM AUSGANG KAM | A 1913

PROGRAMM | MI 21.4.2010, 20:00 | METRO KINO

ProDuKtion: Sascha-Film, Wien

regie: Hans Otto Löwenstein

Drehbuch: Robert Reich

Format: 35mm, stumm, s/w

Länge: 72 Meter

LauFzeit: 3,9 Minuten (16 Bilder/Sekunde)

CArL ZeiSS WieN. ÖSterreiCHiSCHe GeSeLL-

SCHAft M. b. H. fAbriK fÜr oPtiSCHe iNStrU-

MeNte A 1916

ProDuKtion: Sascha-Film, Wien

Format: 35 mm, stumm, viragiert

Länge: 194 Meter

LauFzeit: 10,6 Minuten (16 Bilder/Sekunde)

Neurestaurierung des filmarchiv Austria

Der ZUCKerLoNKeL. AUfGeNoMMeN iN Der

boNboNS UND PrALiNÉeSfAbriK Der firMA

JULiUS MeiNL A ca. 1921

Format: 35 mm, stumm, s/w

Länge: 102 Meter

LauFzeit: 5,0 Minuten (18 Bilder/Sekunde)

Neurestaurierung des filmarchiv Austria

ProDuKtion: Ing. Köfinger-Film

animation: Michael Maibaum

Format: 35 mm, stumm, s/w

Länge: 104 Meter

LauFzeit: 5,0 Minuten (18 Bilder/Sekunde)

Neurestaurierung des filmarchiv Austria

Nitrofieber 06

Der LoHN Der GUteN tAt A 1928

Drehbuch: Fini Sollender

Kamera: Rudolf Mayer

Format: 35 mm, stumm, s/w

Länge: 374 Meter

LauFzeit: 14,9 Minuten (22 Bilder/Sekunde)

Neurestaurierung des filmarchiv Austria

CAfÉ DANK (Ausschnitt) A ca. 1928

Format: 35 mm, stumm, s/w

Länge: 89 Meter

LauFzeit: 3,5 Minuten (22 Bilder/Sekunde)

WAS KoStet Liebe? A 1929

ProDuKtion: Listo-Filmfabrik, Wien

regie: E. W. Emo

DarsteLLer: Leopold Kramer, Hilde von Stolz, Igo Sym

Format: 35 mm, stumm, s/w

Länge: 74 Meter

LauFzeit: 3,0 Minuten (22 Bilder/Sekunde)

Neurestaurierung des filmarchiv Austria

MeSALLiANCe A 1934

ProDuKtion: Hans Brückner Werbefilm

regie: Hans Brückner

DarsteLLer: Hansi Niese, Anni Paukert und Fritz Porupka

Format: 35 mm, s/w, Ton

Länge: 71 Meter

LauFzeit: 2,6 Minuten (24 Bilder/Sekunde)

PUSZtA-KLÄNGe A 1935

ProDuKtion: Wiener Filmdienst Dr Hans Ludwig Böhm, Wien

Format: 35 mm, s/w, Ton

Länge: 59 Meter

LauFzeit: 2,2 Minuten (24 Bilder/Sekunde)

fAHrt DUrCH DAS SCHÖNe ÖSterreiCH A 1936

ProDuKtion: Hans Brückner Werbefilm

regie: Hans Brückner

Format: 35 mm, s/w, Ton

Länge: 105 Meter

LauFzeit: 3,8 Minuten (24 Bilder/Sekunde)

MiLDe Sorte – NiKY A 1937

animation: Bruno Wozak?

Format: 35 mm, s/w, Farbe

Länge: 41 Meter

LauFzeit: 1,5 Minuten (24 Bilder/Sekunde)

Neurestaurierung des filmarchiv Austria

iN Der GANZeN WeLt A ca. 1937

Format: 35 mm, s/w, Ton

Länge: 41 Meter

LauFzeit: 1,5 Minuten (24 Bilder/Sekunde)

WieN – AUf DeM WeStbAHNHof A 1937

DarsteLLer: Fritz Imhoff, Alfred Neugebauer

Format: 35 mm, s/w, Ton

Länge: 96 Meter

LauFzeit: 3,5 Minuten (24 Bilder/Sekunde)

Laufzeit, gesamt: 61 Minuten

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