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Tore Nordenstam Ethische Kompetenz in pragmatischer Sicht Die Begründungsproblematik in der Ethik wird oft auf der Aussagenebenebehandelt. In Treatise on Human Nature weist DaviiHume darauf hin, daß es unmöglich ist, Wertungen und Normeraus reinen Beschreibungen und Tatsachenaussagen abzuleiten. Ir!der späteren Philosophie hat sich diese Trennung von Tatsachenaussagenund Wertaussagen oder Normen verfestigt (z. B. in G. E.Moores Lehre vom Naturalistischen Fehlschluß). Wenn man voneiner scharfen Unterscheidung zwischen Tatsachenaussagen undNormen ausgeht, kann man zwischen mehreren Strategien wählen.Einige haben versucht, die Kluft zwischen Sein und Sollen zuüberbrücken, 2.B. mit Hilfe von Aussagen über elementaremenschliche Bedürfnisse. John Searle hat behauptet, daß Tatsachenaussagendoch aus Beschreibungen abgeleitet werden können.Eines von seinen Beispielen sei herausgegriffen:I.Jones hat geäußert, »Hiermit verspreche ich dir, Smith, fünfDollar zu bezahlen«.2. Jones hat versprochen, Smith fünf Dollar zu zahlen.3. Jones hat sich der Verpflichtung unterworfen, Smith fünfDollar zu zahlen.4. Jones ist verpflichtet, Smith fünf Dollar zu zahlen.5. Jones muß Smith fünf Dollar zahlen.Searle behauptet nicht, daß die letzte Aussage (T) aus den vier vorangehenden((I) bis (4)) folgt. Offensichtlich folgt (T) auch nichtdaraus. Wenn Jones etwa ein Lehrer ist, der seinem Schüler Smithwährend einer Sprachstunde sagt: »Hiermit verspreche ich dir,Smith, fünf Dollar zu zahlen«, geht er damit nicht die Verpflich-tune ein. dem Schüler Smith später fünf Dollar zu zahlen. AberU .Searle behauptet, daß (T) aus (I) bis (4) normalerweise folgt. Searlebehauptet auch, daß die Aussagen (I) bis (4) normalerweise als Beschreibungencharakterisiert werden könnten und daß (T) normalerweiseals eine wertende Aussage betrachtet werden müßte. So-mit sollten also wertende ~ussagen doch aus Beschreibungen, ausTatsachenaussagen, folgen können.


Karl-Otto Apel hat Searles Beispiele kommentiert. Apel ist derAuffassung, daß es doch normative Elemente in den Prämissendieser Beispiele gibt. Zunächst sei ja bereits eine Norm, eineSollensaussage, in unserem Beispiel vorausgesetzt: .Versprechensollten gehalten werden.« Sodann könnten alle Aussagen mitAnerkennung oder mit Anerkennungsvorbehalt behandelt werden.Wenn die Aussagen (I) bis (4) mit Anerkennung betrachtetwerden, muß auch ( 5) mit Anerkennung behandelt werden. Undumgekehrt, wenn etwa ein Sozialanthropologe die Äußerung vonJones .Hiermit verspreche ich dir, Smith, fünf Dollar zu zahlen«beobachtet, dann weiß der Sozialanthropologe, daß (j) unternormalen Umständen für Tones verbindlich ist: aber der Anerkennungsvorbehaltdes Beobachters überträgt sich für ihn vonden Prämissen auf die Schlußfolgerung.Zu Apels Analyse möchte ich ein paar kurze Bemerkungenhinzufügen. Erstens geht Apel von einer unanalysierten Unterscheidungzwischen »Sein« und »Sollen«, Tatsachenaussagen undNormen aus. Aber gerade Searles Beispiele zeigen, daß dieseUnterscheidung in manchen Fällen unklar ist. Im Versprechensbeis~ieletwa handelt es sich um eine Tatsache, die auch normativeKonsequenzen hat. Ein Versprechen zu geben heißt ja auch,gewisse Verpflichtungen zu übernehmen. Man kann hier voninstitutionellen Tatsachen* sprechen. Die Existenz solcher Tatsachenkompliziert das Verhältnis von Tatsachenaussagen undNormen. Zweitens ist es nicht völlig befriedigend, ohne weiteresvon .Normen* in diesem Zusammenhang zu sprechen. Alle.\ussagen, sowohl Tatsachenaussagen wie auch Normen und alleanderen Typen von Aussagen, können ja mit oder ohne Anerkennungbetrachtet werden. Das Anerkennungsmoment kann darumnicht ohne weiteres mit Normen im herkömmlichen Sinne identiiiziertwerden.hlan kann die Sachlage in einem Schema zusammenfassen:Mit AnerkennungMit AnerkennungsvorbehaltTatsachenaussagen I 2Xormen, Wertungen 3 4


Es ist dann irreführend, in Searles Verspre~hensbeis~iel von einerAbleitung des Sollens aus einem Sein zu sprechen. Es ist auckirreführend, in diesem Falle von einer Ableitung eines Seins auseinem Sein zu sprechen. Wie etwa auf dem Gebiet der Leib/Seele-Problematik werden die Analysen auf dem ethischen Gebiet voneinem zu einfachen Begriffspaar gelenkt. Außerdem handelt essich nicht um eine Ableitung im Sinne einer logischen Deduktion.Es handelt sich hier eher um etwas, das man als eine Artikulatio)~bezeichnen kiinnte. In Searles Beispiel werden einige der Bedingungen,die für das Gelingen von Versprechensakten notwendigsind, artikuliert.Vielleicht sollte man die Grundlagenproblematik in der Ethik ineiner anderen Weise behandeln. Vielleicht sollte man seine Aufmerksamkeitnicht so sehr auf Aussagen der Ethik lenken, sonderndavon ausgehen, daß handelnde Personen angesprochensind, also Akteure, die notwendigerweise gewisse Fähigkeitenhaben müssen, um ihre Handlungetz ausführen zu können.Wenn man allgemein die Betrachtung von Aussagen eine semantischeSehweise nennt, kann man sagen, daß die herkömmlichenAnalysen des Verhältnisses von *Sein« zu nSollen- sich auf einersemantischen Ebene befinden oder auch auf einer ontologischenEbene, wie in der neukantianischen Tradition, in der man vomVerhältnis zwischen Fakten und Werten redet.Anstelle der traditionellen ontologischen und semantischen Ansätzemöchte ich nun einepragmatasche Per3pektive eröffnen. Miteiner pragmatischen Perspektive meine ich einen Ansatz, in welchemdie Akteure, ihre Handlungen und Handlungsvoraussetzungenim Zentrum stehen.Im folgenden werde ich einen Ubergang von der Semantik zurPragmatik skizzieren: ich werde einige Momente andeuten, diefür einen solchen Perspektivennrechsel sprechen könnten.In der klassischen Moralphilosophie wird die Ethik als cin Systenivon Tugenden vorgestellt. Man denke etwa an die NikomachischeEthik von Aristoteles: dort liegt das Schwergewicht auf denEigenschaften, die ein guter Mann haben sollte. David HumesMoralphilosophie hat denselben Schwerpunkt, um nur ein späteresBeispiel zu erwahnen.


In der modernen Moralphilosophie wird die Ethik gewöhnlicherweiseals ein System von Normen und Werten vorgestellt. DieserÜbergang von einer personenorientierten Ethik zu einer normenundwertorientierten Ethik (die man bei Sidgwick in statu nascendistudieren kann) ist m. E. ein entscheidendes Merkmal in derEntwicklung der neueren Moralphilosophie, das die Art undWeise, wie wir heute Moralfragen behandeln, durchaus mitbestimmt.Die Schwierigkeiten, an die man auf dem Gebiet derGültigkeitsproblematik gestoßen ist, hängen zum Teil mit dieserOrientierungsweise im modernen Denken über Moralfragen engstenszusammen.Heutzutage stellt man sich die Ethik oft ganz unbefangen als einSvstem von Normen vor. Die allgemeinen Normen werden dem"Individuum im Laufe seiner Erziehung beigebracht; nachher hatdas Individuum selbst dafür die Verantwortung, den Normen so "gut wie möglich zu folgen. Einzelentscheidungen können dannmit Hinweis auf die allgemeinen Normen begründet werden.Aber wie steht es mit den allgemeinen Normen selbst? Gibt eseine Möglichkeit, die grundlegenden Moralnormen selbst zubegründen?Die Aufgabe " ist scheinbar unmöelich. " Wenn eine Norm wirklichgrundlegend ist, kann es dann überhaupt möglich sein, weitereBegründungen ausfindig zu machen? Wenn wir eine gute Begründungfür eine Norm finden, zeigt dies dann nicht, da8 die Normnoch nicht so grundlegend war, wie wir es uns zuerst vorgestellthaben? Oder -?So werden wir vor das sogenannte Münchhausen-TrilemmaHans Albert) gestellt: Wenn es um die wirklich grundlegendenSormen geht, können wir nur zwischen drei recht ungenügenden.\lternativen wählen: (I) wir können die Begründungskette insCnendliche fortführen - dann hängt die Moral letzten Endes inder Luft; oder (2) wir geraten in einen circulus vitiosus, in demiie zu begründende Norm nach einem sinnlosen Ausflug schließ-.ich zu sich selbst zurückkehrt; oder auch (?) wir werden amEnde gezwungen, einige Normen einfach zu akzeptieren oder zu;-erwerfen, ohne irgendeine Möglichkeit des Argumentierens,:b


Aber die Situation ist in der Tat nicht so bedrückend, wie sie beimersten Anblick aussieht. Die These, daß die Moral notwendigerweiseeine irrationale Basis hat, beruht auf einer schiefen Vorstellungdessen, was Moral ist. Die Macht des Beispiels und die Rolleder moralischen Erfahrung kommen in diesem Bilde nicht zuihrem Recht, wie wir in der-folgenden Skizze eines realistischerenPorträts der Moral zeigen wollen.Wenn man von »grundlegenden Normen* oder nWertaxiomen


Um den Zirkel des Regel- und Bei~~ielverstehens zu illustrieren,können wir z. B. darüber nachdenken, was es heißt, freigebig zusein. Die Auffassungen von dem, was die Freigebigkeitsregelfordert, und die Auffassungen von den Grenzen zwischen Freigebigkeit,Verschwendung und Geiz wechseln von Gesellschaft zuGesellschaft; und die einzige Art, sich mit dem Begriff derFreigebigkeit vertraut zu machen, ist, eine Reihe von ~eis~ielenund Gegenbeispielen durchzugehen. Zwar kann man wie Aristotelesauf einige Faktoren hinweisen, auf die man Rücksicht nehmenmuß, wenn man eine Tugend wie Freigebigkeit ausüben will.Die Absicht muß gut sein; man muß zur richtigen Zeit genug andie richtigen Personen geben; und ähnliche, ganz allgemein formulierteForderungen. Aber für einen, der noch nicht weiß, wasFreigebigkeit heißt, ist das ziemlich nichtssagend. Die allgemeinenForderungen gewinnen nur dann eine konkrete Bedeutung,wenn sie auf die vorliegende konkrete Situation angewandt werden,die wiederum im Lichte der allgemeinen Forderungen verstandenwerden muß. Dies ist auch das, was in aller Erziehunggeschieht.Um die Rolle der ex~liziten Normen auf dem Gebiete der Moralrichtig einzuschätzen, bedarf es eines Perspektivenwechsels. Derzentrale Begriff ist dann nicht mehr der Normenbegriff, sondernder Begriff des regelfolgenden Handelns. Durch Einübung inverschiedene Handlungsweisen erwerben wir die Kompetenz, diefür selbständige Arbeit auf dem zutreffenden Gebiet erforderlichist. Um selbständig " handeln zu können. muß man das erforderlieheWissen erworben haben. Ich verwende nun den Ausdruck,,Wissen« in einem weiten Sinne. Eine Art von Wissen kanndurch das Beispiel: Kenntnis des Archimedischen Gesetzes illustriertwerden. Es handelt sich in diesem Falle um eine theoretischeKenntnis oder um »Behauptungswissen«: wir verstehen, wasdas Gesetz besagt, und können Gründe für die Wahrheit derGesetzesbehauptung anführen. Eine andere Art von Wissen kanndurch folgendes Beispiel illustriert werden: den Klang einerKlarinette kennen. Wir können hier von uVertrautheit« sprechen.Eine dritte Wissensart kann durch das Hobeln-Können illustriertn-erden. Es handelt sich hier um eine Fertigkeit, die ein notwendigerTeil der Berufskompetenz jedes Tischlers ist. Auf englischspricht man in solchen Fällen von ~know how*. Ich werde insolchen Fällen von »Fertigkeiten. oder »Fertigkeitswissen« spre-


chen. (Die Begriffe »Behauptungswissen«, ~Vertrautheitswissen.und »Fertigkeitswissen« verdanke ich meinem Kollegen KjeilS.Johannessen.)Behauptungswissen, Vertrautheitswissen und Fertigkeitswissensind notwendige Komponenten der meisten Tätigkeiten. DiePointe ist nun, daß alle Verwendung unseres Wissens in einemgewissen Sinne von Regeln geleitet ist. Die Regeln, die unsereTätigkeiten leiten, sind gewöhnlicherweise implizit vorhanden indem, was wir tun. Hobeln lernen heißt, eine Menge von Regelnkennenzulernen, die für die Verwendung dieses Gerätes gelten.Die Regeln sind meistens nicht in einem Lehrbuch zu finden; diemuß man durch eigene Erfahrung kennenlernen. Der Lehrlingfolgt der Arbeit des Meisters und wird aufgefordert, eigeneAufgaben unter der Leitung des Meisters auszuführen. Wenn ermal einen Fehler macht, wird er korrigiert. Auf diese Weise lernter die Regeln kennen.Wie auf den meisten Gebieten ist der Löwenanteil der Regeln, dieunsere Ansichten von Recht und Unrecht mitbestimmen, nicht inder Form von ausdrücklichen Regeln, i. S. von Behauptungssätzen,formuliert. Die meisten unserer Moralregeln sind in unsereHandlungen eingebettet und als Vertrautheitswissen und Fertigkeitenvorhanden. Wir wissen in manchen Fällen, was richtig undunrichtig ist, ohne es klar sagen zu können. Dieses Wissen ist voneinigen Philosophen als »Intuition« ausgelegt worden (so beiW. D. Ross). Bei den klassischen Intuitionisten wird aber dieExistenz moralischer Intuitionen einfach unterstellt. Nicht so inder pragmatischen Perspektive, die hier vorgeschlagen wird: dasWissen, das für moralisch richtiges Handeln und Beurteilenerforderlich ist, wird durch Erziehung und Erfahrung erworbenund ist unzertrennlich an ein Repertoir von Musterbeispielengeknüpft. Das Vorhandensein von richtigen moralischen Intuitionenist der Kern der praktischen Klugheit, die wir ethischeKompetenz nennen.Der Begriff der ethischen Kompetenz ist mit dem juridischenKompetenzbegriff verwandt. »Daß eine Person Kompetenz hat,bedeutet (um den norwegischen Rechtswissenschaftler Sundbyzu zitieren), daß er oder sie unter gewissen Bedingungen neueNormen festlegen kann, deren Existenz eben dadurch begründetwird, daß man auf die Ausübung der Kompetenz hinweisenkann.« Um ein Beispiel zu nehmen: nach dem norwegischen sog.


Preisgesetz, $ 26, Abschnitt 2, kann der König »Vorschriftenerlassen, daß bestimmte Gruppen von Erwerbsarbeitenden diePflicht haben sollen, ihre Jahresrechenschaften zu veröffentlichen*.Es gibt aber auch wesentliche Unterschiede zwischen ethischerund juridischer Kompetenz: Juridische Kompetenz wird gewissenInstanzen cnd Rolleninhabern durch ausdrückliche Festsetzungenzugeschrieben; moralische Kompetenz hingegen mußjeder durch eigene Erfahrung selbst erwerben. Juridische Kompe-tenz ist für einige Instanzen und Rolleninhaber reserviert: morali-"sehe Kompetenz ist etwas, was alle erwachsenen Menschen nor-malerweise haben (in einer mehr oder weniger entwickelten "Form). Die Erwerbung moralischer Kompetenz ist ein wesentlichesMoment der Erziehung in allen Gesellschaften.Der Begriff der ethischen Kompetenz erschließt die Möglichkeit,die Gültigkeitsproblematik auf dem Gebiet der Ethik in ähnlicherWeise zu behandeln wie auf dem Gebiet des Rechts. Eine Moral-norm oder ein moralischer Standpunkt ist diesem Vorschlag "zufolge gültig (gerechtfertigt), wenn sie daraus resultiert, daßethisch kompetente Personen oder Gruppen ihre Kompetenz ausgeübthaben.Um nun von dieser recht harmlosen oder gar trivialen Aussageein Stück weiterzukommeil, müssen wir die Frage nach der Naturder ethischen Kompetenz weiter verfolgen. Was heißt es, ethischkompetent zu sein? Allgemein können wir sagen: Ethische Kompetenzkann nur denen zugeschrieben werden, die die Erfahrungund das nötige theoretische und praktische Wissen haben, umHandlungssituationen in einer fruchtbaren Weise strukturierenzu können, und die die Fertigkeit erworben haben, Lösungen fürhloralprobleme finden zu können, die sich nachträglich als guterweisen.Diese Formulierung einer allgemeinen Bedingung für ethischeKompetenz legt das Schwergewicht auf die Fähigkeit, Situationenstrukturieren und gute Handlungsalternativen finden zu können;sie steht also in bewußtem Gegensatz zu der, wenigstens in deranalvtischen m~ral~hilosophischen Literatur üblichen, Betonungder Wahl in schon strukturierten Situationen mit einer endlichen.Anzahl von Handlungsalternativen. (Vgl. die verschiedenenSpielarten des Utilitarismus in der Moralphilosophie, Nationalokonomie,Sozialanthropologie usw.)


Eine wesentliche Komponente der ethischen Kompetenz ist dieinternalisierte Fähigkeit, von dem einzelnen Fall zu einer Verallgemeinerungkommen zu können, so daß man eine diskriminierendeBehandlung von anderen oder sich selbst vermeidet. Derethisch kompetente Akteur weiß zum Beispiel, daß egoistischeHandlungen mit der ethischen Perspektive unvereinbar sind. UmMißverständnissen möglichst vorzubeugen, füge ich hinzu, dafidas Verallgemeinerungsvermögen hier nicht mit der Gewohnheitgleichgesetzt wird, auf dem Gebiet der Moral sich auf allgemeineFormulierungen zu stützen.Vor dem Hintergrund des oben angeführten Zirkels von Normenund Beispielen kann die Verallgemeiner~ngsfähi~keit, von derhier die Rede ist, als die Fähigkeit charakterisiert werden, voneiner gegebenen Reihe von Musterbeispielen selbständig zu klugenund moralisch richtigen Resultaten zu gelangen. Das Verallgemeinerungsvermögenist wesentlich an einzelne Fälle gebunden,erfordert aber, wie alles kreative Handeln, die Fähigkeit,vom Gegebenen zum Unbekannten klug weiterzukommen.Der klassische Ausdruck des Generalisierungsprinzips, um das essich hier handelt, ist Kants %Kategorischer Imperativ*: Du sollstimmer so handeln, daß Du wollen kannst, daß Deine Handlungsmaximeals allgemeines Gesetz akzeptiert wird. Folgende Reformulierungdes Kantischen Prinzips legt darauf Gewicht, daßegoistische Handlungen mit dem Prinzip unvereinbar sind:Eine Handlung, die eine Partei auf Kosten einer anderen Parteibegünstigt, ist moralisch unrecht.Ich werde dieses Prinzip »das Rücksichtsprinzip« nennen. DasRücksichtsprinzip ist ein Beispiel dafür, was eine grundlegendeethische Norm ist. (Die moralische Unrichtigkeit einer einseitigenBegünstigung der einen Partei auf Kosten der anderen kanninzwischen durch die schon vorhandene Ungleichheit aufgehobenwerden. Aber auch für moralst~ate~isches Handeln dieserArt, das eine nähere Analyse verdiente, wird das oben angeführtegrundlegende Prinzip oder ein gleichwertiges Prinzip notwendigerweisevorausgesetzt.) Wenn sie wirklich eine grundlegendeethische Norm ist, kann sie per definitionem nicht mit Hinweisauf andere ethische Normen begründet werden. Man könntedann eventuell einen Versuch machen, andere Normen zu finden,die als Begründung des Rücksichtsprinzips dienen könnten. Wasfür Normen könnten dann in Frage kommen?


Um einen Zugang zu einer Antwort auf diese Frage zu bekommen,kann man über die Bedingungen nachdenken, die notwendigerweiseerfüllt sein müssen, um überhaupt eine ethische Kompetenzerwerben zu können. Es scheint einleuchtend, daß einenotwendige Bedingung für ethische Kompetenz darin besteht,daß man ein sprachliches Subjekt ist, ein Mensch, der einegrundlegende kommunikative und argumentative Kompetenz erworbenhat. Um denken, sprechen und handeln zu können, mußman eine gewisse kommunikative Kompetenz haben, eine Kompetenz,die alle Menschen normalerweise im Laufe ihrer erstenLebensjahre erwerben und die anderen Tierarten zu fehlenscheint. Als Beispiele für zentrale Normen in der grundlegendenkommunikativen Kompetenz schlage ich die Aufrichtigkeitsforderung(Habermas: »Wahrhaftigkeit«) und die Konsistenzforderung(d. h. die Regel gegen Selbstwidersprüche) vor.Um eine Regel zu beleuchten, die notwendigerweise immer schonvorausgesetzt werden muß, kann man darüber nachdenken, wasgeschieht, wenn man einer solchen Regel nicht folgt. Was geschieht,wenn man gegen die Aufrichtigkeitsforderung verstößt?Es ist eine Bedingung dafür, daß eine Lüge gelingen kann, daß diePerson, an die man sich wendet, die Aussage als eine aufrichtiggemeinte auffaßt, d. h. sie muß annehmen, daß der Sprecher fürseine Aussage verantwortlich ist. Es ist nun vorgeschlagen worden,daß es sich in solchen Fällen lediglich um soziale Konventionenoder »Konversationspostulate« (Schnelle) handelt: »Inunserer Gesellschaft, und vielleicht auch in allen anderen Gesellschaften,ist es zufälligerweise so, daß wir von unseren Gesprächspartnernerwarten, daß sie gewöhnlicherweise ernst und aufrichtigsind. Aber wie wir alle wissen, trifft das nicht immer zu. Abund zu werden wir hereingelegt.* Aber auch der Lügner muß den.inschein erwecken, daß er aufrichtig ist. Eine Bedingung für dasGelingen einer Lüge ist es ja, daß die Lüge als aufrichtige bzw.wahrhaftige Äußerung aufgefaßt wird. Man kann als Lügner miteiner Aussage wie dieser keinen Erfolg haben: ,,Hiermit behaupteich den falschen Satz, daß . . .«.Auch der Lügner muß bereit sein,iür seine Aussage zu argumentieren, wenn das gefordert wird,und sich auch im übrigen so zu benehmen, als ob die Aussagen-ahr wäre. Es ist eben, wie auch die Transzendentalpragmatikerbetonen, eine notwendige Bedingung für das Gelingen einerLuge, daß die Aufrichtigkeitsregel vorausgesetzt wird. Wenn man


versucht, die Aufrichtigkeitsregel selbst außer Spiel zu setzen!fällt auch die Möglichkeit des Lügens weg.Man kann - mit Apel - hinzufügen, daß eine Person, die zwischenden Fällen, in welchen sie aufrichtig ist, und den Fällen, inwelchen sie nicht aufrichtig ist, grundsätzlich nicht unterscheidenkann, auf dem Wege zum Zusammenbruch als Individuum ist.Auch für Selbstkommunikation, Denken, ist die Aufrichtigkeitsrege1eine notwendige Bedingung. (Fehlende Selbstkenntnis undideologische Verzerrungen sind eine andere Sache; solche Phänomeneliegen nicht auf der grundlegenden, konstitutiven Ebene,auf die wir uns in dieser Argumentation beziehen.)Es scheint auch einleuchtend, zu behaupten, daß die Konsistenzforderungdenselben Status hat als notwendige Bedingung füralles Denken und alle Kommunikation. Wenn eine Person allenErnstes etwas behauptet und später allen Ernstes das Entgegengesetztebehauptet, müssen wir davon ausgehen, daß sie sich geänderthat oder daß sie, wenn sie ein bißchen nachdenkt, die eineBehauptung verwerfen würde; alles unter der Bedingung, daß essich um eine normale Kommunikationssituation handelt. Aberauch in bewußten Paradoxien wird die K~nsistenzforderun~doch letzten Endes vorausgesetzt. Wenn jemand etwa von einemFreunde behauptet, er sei alt und jung zur gleichen Zeit, müssenwir, im Namen der Konsistenz, eine Interpretation der Aussagefinden, die widerspruchslos ist.Die grundlegende kommunikative Kompetenz, die wir alle einmalerworben haben, Eesteht aus der Beherrschung der Aufrichtigkeitsforderung,der Konsistenzforderung und einer Reihe vonanderen, ebenso elementaren Forderungen, die an die Teilnehmerin verschiedenen Typen von Sprechhandlungssituationen gerichtetwerden müssen. Wenn man etwa einem einen Rat gibt, mußman seine Aussage auch begründen können. Ein Rat muß angemessensein; und wer das nicht weiß, beherrscht das Spiel desRatgebens nicht.Meine These ist nun, daß alle ethische Kompetenz als eine entwikkelteForm der grundlegenden kommunikativen Kompetenz angesehenwerden kann. Die grundlegende kommunikative Kompetenz,die ich kurz angedeutet habe und die weiter geklärt werdenmuß, um die These einleuchtend zu machen, diese kommunikativeKompetenz ist der Grund, auf dem die ethische Kompetenz beruhenmuß und worauf sie sich allererst entfalten kann.


Wenn das richtig ist, müßte man die grundlegende kommunikativeKompetenz als eine ~rotoethische Kompetenz betrachten.Eine elementare kommunikative Kompetenz ist logisch gesehenein Vorstadium der ethischen ~om~etenz. Wenn &an eine rudimentärekommunikative Kom~etenz erworben hat. beherrschtman auch einige Argumentationsprinzipien, in einer mehr oderweniger gut entwickelten Form. Es sind diese Argumentationsprinzipien,die auch auf dem Gebiete der Ethik verwendet werdenmüssen. Als ein Beispiel kann uns das Rücksichtsprinzipdienen. Kann das Rücksichtsprinzip argumentativ begründetwerden, oder dreht es sich hier etwa um ein Postulat, ein Wertaxiom,das nur kraft Entscheidung angenommen oder verworfenwerden kann?Das Rücksichtsprinzip besagt, daß eine Handlung, die eine Personoder eine Gruppe auf Kosten der anderen betroffenen Perso-nen oder ~ r u p begünstigt, ~ e ~ unter normalen Umständen rnoralischunrichtig ist. Ein ethischer Egoist, der das Prinzip verwirft,rnuß also die These vertreten, daß es moralisch richtig sein kann(oder sogar moralisch gefordert sein kann), etwa Handlungenauszuführen, die den Egoisten selbst auf Kosten anderer betroffenerPersonen begünstigen. Das Argument gegen den ethischenEgoismus und somit für das Rücksichtsprinzip ist, daß die egoistischeThese nicht rational verteidigt werden kann. In dermoralphilosophischen Literatur liegt eine Reihe von solchen Argumentationsversuchenvor, die sich mit verschiedenen Variantender egoistischen These befassen. Betrachten wir aber lieber einBeispiel. Wie könnte ein vernünftiger Mensch das Apartheidsy-stem in Südafrika verteidigen? "Ein Verteidiger des Apartheidsystems wird sich wahrscheinlich inerster Linie darum bemühen, die Gerechtigkeit des Systemsaufzuzeigen. Als ein Argument für Apartheid kann er zumBeispiel anführen: Die verschiedenen Rassen haben je ihre eigeneSatur; es ist die Aufgabe der Gesellschaft, jedem Individuum diebesten Voraussetzungen für eine volle Entwicklung der Möglichkeitendes Individuums zu geben; die Weißen, die Schwarzen, dieInder und die Gemischten haben nun einmal verschiedene Voraussetzungen,die berücksichtigt werden müssen. Ein entschiedenerVerfechter des Systems könnte zusätzlich behaupten, daß dasierzige System in Südafrika das bisher beste System für diesenZweck ist. Ein vorsichtigerer Verteidiger des Systems könnte die


These vertreten, daß Apartheid noch nicht besonders gut entwikkeltist, so daß im Moment die Kritiker zugegebenermaßen invielem recht haben, aber trotzdem könne der heutige Zustandverteidigt werden als ein Schritt in die richtige Richtung.In solchen Fällen geht man von dem Rücksi~htsprinzi~ aus, unddie Diskussion verschiebt sich auf das Gebiet der Annahmen überdie Natur des Menschen. Wenn diese Skizze richtig ist, könnenzum Beispiel Apartheidverteidiger und Apartheidgegner sichdurchaus auf dieselben Moralprinzipien berufen, was meinesErachtens nur darauf hindeutet, daß Moralprinzipien das Gebierder Moral nicht erschöpfen können. Moralprinzipien gehören zuumfassenderen Gebilden, die man ethische Paradigmen nennenkönnte. In einem ethischen Paradigma sind neben allgemeinenHandlungsprinzipien notwendigerweise auch Vorstellungen vonder Natur des Menschen einbegriffen und andere Vorstellungenwie Annahmen von der Natur der Tiere und anderer Lebewesenund Vorstellungen von der Natur des Universums, kurzum metaphysischeBestandteile, und dazu noch ein Repertoir von Musterbeispielen.In der Ethik der Schulphilosophie gibt es eine starke Tendenz, diemetaphysischen Bestandteile unserer ethischen Paradigmen zuignorieren (und dasselbe gilt für die Musterbeispiele), was natürlicheinen gewissen Eindruck von lebensferner Abstraktion hervorrufenkann.Wenn ein Apartheidverteidiger versuchen sollte, seine Vorstellungenohne Hinweis auf das Rücksichtsprinzip oder eine ähnlicheVariante des Verallgemeinerungsprinzips in der Ethik zuverteidigen, wenn er also eine rein egoistische Argumentationdurchführen wollte, kann er, wenn ich richtig sehe, in einerrationalen Diskussion nie gewinnen. Unter einer rationalen Diskussionverstehe ich eine Diskussion, in der die existierendenUnterschiede in bezug auf intellektuelle Ressourcen, empirischeKenntnisse, rhetorische Begabung und so weiter, also alle dieVerzerrungen, die mit der jetzigen Ungleichheit zusamrnenhängen,möglichst eliminiert werden. Ein Apartheidideologe kanneventuell die These verteidigen, daß die verschiedenen Rassen vonNatur aus unterschiedliche Möglichkeiten haben, sich in einerrationalen Diskussion zu beteiligen, aber das ist eben die Annahme,die überprüft werden sollte. Mir scheint es einleuchtend,daß ein Apartheidverteidiger in einer solchen Diskussion a la


longue nicht alle anderen von der Triftigkeit seiner Positionüberzeugen könnte. Daraus ziehe ich die Schlußfolgerung, daßdas Egoismusprinzip nicht rational verteidigt werden kann. Auchz. B. soeenannte Realpolitiker von der Art Bismarcks und Kissin-"gers müssen sich so benehmen, als ob sie das Rücksichtsprinzipoder ein gleichwertiges Prinzip annehmen, wenn sie überhauptmit dem Anspruch auftreten, rationale Akteure zu sein.Von diesem Beispiel ausgehend, würde ich (wie Apel, Habermasund Böhler) vorschlagen, daß eine ethische Aussage nur dann alsbegründet angesehen werden kann, wenn man sich über sie ineiner freien Diskussion mit allen Betroffenen einigen kann. (Vgl.etwa Böhler 1985, S. 384, z4f.) Nach diesem Vorschlag könnenethische Prinzipien durchaus begründet werden. Aber ich würdenicht vorschlagen, daß alle Moralaussagen einer Begründungbedürfen. Genau wie auf dem Gebiet der empirischen Erkenntnisgibt es auf dem Gebiet der Moral Aussagen, die einfach feststehen.Descartes behauptete zwar, daß er alles bezweifeln könnte,aber die Richtigkeit dieser Annahme kann man aus euten Grün-" "den bezweifeln. Wie könnte Descartes zum Beispiel bezweifeln,daß er ein Mann war, der Descartes hieß? Unsere Kriterien für dieFeststellung vom Geschlecht eines Menschen sind ja unzertrennlichmit typischen Beispielen verbunden. Angenommen daß Descartesein typisches Beispiel war, hatte er überhaupt keine reelleMö~lichkeit. an seiner Geschlechtsidentität zu zweifeln, ebenso-"wenig wie er allen Ernstes bezweifeln konnte, daß er Descarteshieß. (Vgl. L. Wittgenstein, Über Gewgheit; und H. Grimen,Praxis, Handlung und Sicherheit [norwegisch].) In derselbenWeise, würde ich vorschlagen, sind unsere Moralvorstellungenunzertrennlich an ein Repertoire von Musterbeispielen geknüpft.Wenn jemand allen Ernstes die moralische Richtigkeit des Fol-terns von Kindern diskutieren will. muß man sich fraeen. ob er" ,eigentlich versteht, was »Moral« heißt. Eine andere Sache ist es, ingewissen Situationen eine an und für sich unrichtige Handlung zuT-erteidigen. Aber ich beziehe mich nun auf den Fall, wo die primafaae Richtigkeit einer solchen Handlung in Frage gestellt wird.Die prima facie Richtigkeit (d. h. die Richtigkeit an und für sich)einer Reihe von ethischen Aussagen, die von W. D. Ross einfachunterstellt wurde, kann also, wenn dieser Vorschlag richtig ist,begriffslogisch begründet werden. Es ist eine notwendige Bedingungfür die Ausbildung der ethischen Kompetenz, daß ein


Repertoire von Musterbeispielen vorhanden ist, die für unseregrkdlegenden Moralbegriffe konstitutiv sind. (Und hier sind wirwieder bei einem Zirkel, bei einem Zirkel von allgemeinen Begriffenund Musterbeispielen.)Eine Entwicklung von elementarer kommunikativer Kompetenzzu einer wohlausgebildeten ethischen Kompetenz kommt nichtvon selbst. Unter anderem setzt eine solche Entwicklung denWillen zu vernünftiger Diskussion voraus. Es lohnt sich nicht,mit denen zu diskutieren, die sich außerhalb des Gebietes derargumentativen Vernunft gestellt haben und die ihre Privilegienmit Hilfe von roher Macht aufrechterhalten. Rationale Willensbildung,Erziehung zu vernünftigem Reden und Handeln, mußein Element in aller Erziehung zu ethischer Kompetenz sein.Zusammenfassend können wir nun sagen, daß die Grundlage derMoral aus vier Komponenten besteht: erstens, der grundlegendenmoralischen Kompetenz, die darin besteht, daß man ein Repertoirevon Musterbeispielen kennt und von den Musterbeispielenzur Strukturierung der eigenen Situation und zur Orientierungseines Handelns weiterkommen kann; zweitens, einer grundlegendenkommunikativen Kompetenz, die U. a. darin besteht, daßman solche Prinzipien wie die Forderung der Aufrichtigkeit undder Widerspruchsfreiheit beherrscht - diese Kompetenz kannman nur durch Einübung in konkrete Sprachspiele erwerben;drittens, der Beherrschung des Rücksichtsprinzips und der mehroder weniger klar erkannten Einsicht. daß es zum Rücksichts-Uprinzip (oder einem gleichwertigen Prinzip) keine Alternativegibt, die sich in einer freien rationalen Diskussion in bezug aufalle betroffenen Individuen und Aspekte bewähren kann; viertens,einem allgemeinen Willen zu vernünftigem, oder besser: zumenschlichem, klugem Handeln und Reden.Um mehr oder weniger ethisch kompetent genannt werden zukönnen, muß man diese Fertigkeiten mehr oder weniger erworbenhaben.Nun scheint es so zu sein, daß diese Fähigkeiten in mehr oderweniger entwickelter Form in allen Kulturen vorliegen. In allenmenschlichen Gesellschaften muß eine elementare ~ommunikations-und Handlungskompetenz vorhanden sein; in allen Gesellschaftengibt es einen Kern von ethischen Musterbeispielen, diesich auf allgemeine menschliche Bedürfnisse beziehen; in allenGesellschaften ist das Rücksichtsprinzip wenigstens tendenziell


vorhanden, und zwar als Vorstellungen von menschlicher Würdeund Gleichberechtigung; in allen Gesellschaften gibt es ein gewissesAusmaß von klugem Handeln und Reden. Es scheint durchausmöglich, von solchen Grundelementen einer jeden ethischenKompetenz auszugehen mit dem Ziel, auf dem Grunde einer soeruierten Minimalethik funktionstüchtige allgemeingültige ethischeParadigmen zu entwickeln.LiteraturApel, K.-O., .Sprechakttheorie und transzendentale Sprachpragmatik zurFrage ethischer Normen«, in: K.-0.Apel (Hrsg.), Sprachpragmatikund Philosophie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1976, S. 11-17).Apel, K.-O., Böhler, D., U. a. (Hrsg.), Funkkolleg Praktische Philosophie/Ethik: Studientexte. 3 Bde. Weinheim U. Basel 1984.Böhler, D., Rekonstruktive Pragmattk. Von der Bewußtseinsphilosophiezur Kommunikationsreflexion: Ne~be~ründung der praktischen Wissenschaftenund Philosophie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1985.Grimen, H., Praksis, handling og sikkerhet [Praxis, Handlung und Sicherheit],Dissertation, Universität Bergen, 1982.Johannessen, K. S., Wittgensteins senfilosofi, et utkast til fortolkning[Wittgensteins Spätphilosophie, Entwurf einer Interpretation], Univertiteteti Bergen, Filosofisk institutt, stensilserie nr.42, Bergen 1978.Johannessen, K. S., »Language, Art and Aesthetic Practice., in: K. S. Johannessen& T. Nordenstam (Hrsg.), Wittgenstein - Ästhetik undtrdnszendentale Philosophie, Wien: Hölder, Pichler-Tempsky, 1981,S. 108-126.Sordenstam, T., Sudanese Ethics, Uppsala: Almqvist & Wiksell, 1968.Sordenstam, T., ,,Vom ,Sein< zum ,Sollen


Tore Nordenstam Wohlvertrautheit - Gewißheit - kritische Reflexion Bemerkungen zur Pragmatik-DiskussionDeutlich zeigen die vorhergehenden Beiträge, daß das Etikett»Pragmatische Philosophie« an ziemlich verschiedene philosophischenPraktiken geklebt werden kann. Am größten ist derAbstand zwischen den Transzendentalpragmatikern (in diesemBand durch Audun 0fsti und Dietrich Böhler vertreten) und denPhilosophen, die den vom Spätwerk Wittgensteins ausgehendenTraditionen zugerechnet werden können (in diesem Bande etwadurch Jakob Mel~e, Viggo Rossvzr, Kjell S. Johannessen undTore Nordenstam vertreten). Daß ein Transzendentalpragmatikerwie Dietrich Böhler die am stärksten von Wittgenstein inspiriertenBeiträge am schlechtesten versteht, scheint kein Zufall zusein. Es handelt sich hier um Traditionen. die im Hinblick aufteilweise recht verschiedene Zwecke mit verschiedenartigen Mittelnarbeiten. Nach einigen einleitenden Bemerkungen zum transzendentalpragmatischenStil möchte ich in diesem abschließendenKommentar auf einige Themen hindeuten, die gerade in dernorwegischen Wittgenstein-Tradition eine, dem kritischen BlickDietrich Böhlers entgangene, wichtige Rolle spielen.Böhlers Landschaft mit PhilosophenDie Transzendentalpragmatiker haben ihren eigenen Stil. Siearbeiten vorzugsweise mit den großen Entwürfen; in ihren Werkenfindet man eher umfassende Synthesen und Übersichten alspräzise Detailstudien. Idealtypen und Schemata spielen in ihrenArbeiten eine zentrale Rolle; der Blick ist dem Universalenzugewandt - ganz zu schweigen von den für diese Schule typischenMerkmalen, wie etwa die wiederholten Hinweise auf »dieideale Kommunikationsgemeinschaft« oder die impliziten »Geltungsansprüche~,mit denen die Vertreter dieser philosophischenPraxis immer schnell zur Hand sind. Dietrich Böhlers großange-


lepte Skizze eines Monumentalbildes der norwegischen Philoso-0 "phie-Landschaft weist, keineswegs überraschend, solche charak-teristischen Züge auf. "Wenn man ein Landschaftsbild anfertigt, muß man zuallerersteinen Standort wählen. In Abhängigkeit von diesem Standort""werden dann gewisse Dinge ganz deutlich hervortreten, andereDinge eher undeutlich, und wieder andere Dinge werden ganzaus dem Blickfeld verschwinden. So auch mit Dietrich BöhlersLandschaft mit Philosophen. Der Standort ist fest innerhalb derFrankfurter Tradition verankert, und im Zentrum seines Bildesfindet man daher Figuren wie Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas.Die anderen Figuren des Gruppenportraits sind im Bildfeldin ieweils verschiedenen Abständen zu diesem Zentrum ~laziert.und zwar aufgrund einer mehr oder weniger großen Ähnlichkeitmit den Zentralfiguren. Das hat dann zur Folge, daß die portraitierteÄhnlichkeit ziemlich variiert. Der, der durch die Böhler-sche Perspektive am undeutlichsten abgebildet " wird, ist ein Philosoph,der ganz unzweideutig dort anzusiedeln ist, wo man voneiner wittgensteinpragmatisLhen Tradition reden kann, nämlichViggo Rossvxr, der in diesem Bild vollständig hinter dem hermeneutisch-dialogischenMassiv verborgen bleibt. Aber auch einigeandere Philosophen, deren Praxis deutlich von WittgensteinsSpätphilosophie beeinflußt ist, erscheinen dort auf eine Weise, diees ihnen schwer macht, sich selbst wiederzuerkennen. JakobMel~e, Kjell S.Johannessen und Tore Nordenstam wird z. B. eine»phänomenologisch-theoretische. Einstellung zugeschrieben,von der behauptet wird, sie sei so sehr »sachkonzentriert«, daßalle Möglichkeit der Reflexionskritik systematisch ausgeschlossensei.' Was freilich in diesem Bild nicht hervortritt. ist. daß dieBeschreibungen von konkreten Situationen und bestimmten Praxisformen,bei Wittgenstein wie auch bei den erwähnten norwegi-schen Philoso~hen. immer die eine oder andere ~hiloso~hischeL , Pointe haben: Sinn dieser detaillierten Beschreibungen ist nichtetwa die Beschreibung der Wirklichkeit auf besonders wissen-schaftliche Weise. sondern deren Beitrag zur Elimination der0Verdrehungen und intellektuellen Verkrampfungen, zu denenphilosophische Darstellungen häufig der Anlaß sind. (»Sage, wasdu willst, solange dich das nicht verhindert, zu sehen, wie es sichverhält.« Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen,Paragraph 79.) Dietrich Böhler schreibt z.B., daß man »mit


Nordenstam und Aristoteles« sehen kann, »daß in der Handlungsweltdie Trennung von Sein und Sollen bzw. von Sein undGeltung nicht ursprünglich ist«: »Sein und Sollen, Realisierungund logische Geltung (sind) a priori ver~obene.~ Diese Einsichtbewahrt ihn freilich nicht davor, Darstellungen, die nicht unbedingtdie idealtypischen Unterscheidungen verwenden, die fürden transzendental-pragmatischen Ansatz wie auch für die kantischeTradition überhaupt charakteristisch sind, als Beispiele vonunangebrachten Niveauvermischungen zu sehen.' Das ist meinerMeinung nach ein gutes Beispiel für das, was Wittgenstein als„geistige Verkrampfung. bezeichnete und was man auch rphilosophischeNeurose« nennen könnte. Die rituelle Heraufbeschwörungder idealen Kommunikationsgemeinschaft kann leider (ganzentgegen den Absichten ihrer Erfinder) eine ähnliche negativeFunktion erhalten, anstatt die beabsichtigte emanzipatorischeLeistung zu erfüllen.Sinnbildung - das Kellergeschoß der PhilosophieHinter all dem verbirgt sich der entscheidende Unterschied zwischenden Transzendentalpragmatikern und den genannten praxisorientiertenPhilosophen. Dieser beruht auf einer unterschiedlichenSicht sowohl des Verhältnisses von Allgemeinbegriffen zuden partikularen Instanzen, die typischerweise unter den Begrifffallen, als auch des Verhältnisses von allgemeinen Regeln zu denHandlungen, in denen sich regelbefolgendes Verhalten äußert.Wenn man erkannt hat, daß diese Verhältnisse konstitutiver Artsind, daß sie also jede Sinnbildung prägen, dann ist auch dieGrundlage geschaffen, derartig traditionelle Gegensatzpaare wieUniversalismus und Historizismus, Absolutismus und Relativismuszu überschreiten.In der Verlängerung von Dietrich Böhlers stimulierendem Diskussionsbeitragliegt eine weitergehende Behandlung dieses Problemkreisesder Sinnbildung, der, so kann man sagen, in denunterschiedlichen Gegensätzen, die sich heutzutage zwischentranszendentalpragmatischen und praxisorientierten Philosophenaufspüren lassen, »des Pudels Kerne darstellt.


Die wohlbekannten SchubladenWie auf anderen Gebieten gibt es auch in der Philosophie gewisseBerufskrankheiten, zum Beispiel die eigentümliche Perspektivenblindheit,von der gerade der in einer bestimmten Traditionstrenggeschulte Philosoph manchmal betroffen wird. Angesichtsdes Neuen wird der so geschulte Denker immer versuchen, dasNeue dadurch zu verstehen, daß es zum Wohlbekannten zurückgeführtwird. Tendenzen dieser Art kann man auch in DietrichBöhlers Beitrag zu diesem Band beobachten. Der Leser, der inder philosophischen Literatur etwas bewandert ist, wird z.B.bald entdecken, daß der Begriff der ethischen Kompetenz, so wieer in meinem Beitrag zu diesem Bande skizziert worden ist,sowohl an das erinnert. was Aristoteles ~ ~hronesis~ oder x~raktischeKlugheit* nannte, als auch an das, was Kant als .reflektierendeUrteilskraft« bezeichnete, und schließlich an das, was beiHabermas »das Vermögen hermeneutischer Klugheit« heißt.4 Beiden Vermögen. - . auf die sich diese Ausdrücke beziehen. handelt essich allerdings nur um Aspekte derjenigen Kompetenz, die benötigt" werden, um als moralisch Handelnder annehmbar zu sein -von den Vermögen, die man für eine reife und durchdachtemoralische ~andlung in einer Welt wie der unsrigen benötigt,ganz zu schweigen. Der hier skizzierte Begriff der ethischenKompetenz ist also ein viel umfassenderer Begriff als die traditio-nellen Begriffe der ethischen Klugheit." "Man kann sagen, daß meine Darstellung der ethischen Kompetenzeine therapeutische Zielsetzung verfolgt. Das geschieht freilichauf dem Hintergrund der Vorstellungen und Strategien, dieim Bereich der Ethik von den kantianischen und utilitaristischenTraditionen verwaltet werden. Meine Absicht war es. das Aueen- "merk auf einige Momente zu richten, die in diesen Traditionenhäufig übersehen oder gar verdreht werden, nicht zuletzt auch injener Variante des Kantianismus, für den die Diskursethik eintritt.Das schlimmste, was einem Beitrag wie diesem passierenkann, ist daher, daß er von dem einen oder anderen Dogmatikerauf die wohlbekannten Schubladen zurückgeführt wird. Denngerade diese Schubladen sind es, die hier in Frage gestellt werdensollen.


Das stillschweigende WissenWenn Philosophen und andere theoretisierende Personen vonWissen reden,-dann denken sie in der Regel an etwas, was sichdurch Beispiele wie die folgenden veranschaulichen Iäßt: zuwissen, wie die Hauptstadt Frankreichs heißt; Newtons Gravitationsgesetzzu kennen; die soziale Struktur auf den Trobriandinselndarlegen zu können. Das Wissen aber, das Philosophenund alle anderen in Wirklichkeit besitzen, ist umfassender, alshierdurch angedeutet. Worum es sich hierbei drehen mag, kommtdeutlich in der Beschreibung des Fotografen Peter Gullers zumAusdruck, wie er Lichtverhältnisse abschätzt.,,Was mache ich, wenn ich in einer konkreten Situation Lichtverhältnisseeinschätze? Ich beobachte eine Reihe unterschiedlichster Faktoren, diealle die Lichtintensität und das fotografische Resultat beeinflussen. HabenU wir Sommer oder Winter, ist es am Morgen oder am Abend? Bricht dieSonne durch eine Wolkendecke, oder befinde ich mich im Halbschattenunter einem Laubbaum? Befinden sich Teile des Motivs in dunklemSchatten und der Rest in starkem Sonnenlicht? Ich muß dann Licht undDunkel gegeneinander abwägen . .. Auf ähnliche Weise sammle ich Eindrückeaus anderen Situationen und Umgehungen. In einer neuen Situationrufe ich frühere Situationen und Umgehungen wieder in die Erinnerungzurück. Diese dienen dann als Vergleichs- und Assoziationsmaterial,und die früheren Erlebnisse, Fehler und Erfahrungen liegen der endgültigenBeurteilung zugrunde. Es sind freilich nicht nur die Erinnerungen desjeweiligen Fotografierens, die hier mit hineinspielen. Die Stunden in derDunkelkammer, als ich den Film entwickelte, die Neugier auf das Resultat,die mühsame Arbeit, die Wirklichkeit durch die graphische Welt desBildes wiederzuerschaffen, an all das erinnere ich mich .. .Alle diese früheren Erinnerungen und Erfahrungen, die im Laufe derJahre sich überlagern, kommen beim Augenblick der Beurteilung derLichtverhältnisse nur zum Teil auf die Ebene des Bewußtseins. MitDaumen und Zeigefinger der rechten Hand stelle ich einen Zeitwert amKameragehäuse ein, der richtig erscheint; gleichzeitig stellt die linke Handden Blendenring am Objektiv ein. Es geht fast automatisch vor sich.*5Das Wissen, das sich der Fotograf im Laufe der Jahre angeeignethat, liegt in erster Linie in Form ganz bestimmter Einsichten undFertigkeiten vor. Seine Erfahrungen kann auch er nur begrenzt inWorte fassen. Wenn wir einmal diese Arten des Wissens mit denoben gegebenen Beispielen (Newtons Gravitationsgesetz zu kennen,mit der sozialen Struktur auf den Trobriandinseln vertraut


zu sein usw.) kontrastieren, dann können wir unser Wissenallgemein in drei Arten unterteilen: Beha~~tungswissen, was ausallem besteht, was wir in Form von Behauptungen ausdrückenkönnen (»Paris ist die Hauptstadt Frankreichs*); Vertrautheitswissen,z. B. daß man genau weiß, wie es sich anhört, wenn NinaHagen singt; Fertigkeitswissen, wie etwa das Objektiv richtigeinstellen zu k~nnen.~Die berufliche Kompetenz, die wir uns bei der Erlernung eines "bestimmten Fachgebietes erwerben, besteht hauptsächlich ausVertrautheit und Fertigkeiten. Gleiches gilt für die Kompetenz,die wir uns nach und nach auf allen anderen Tatigkeitsgebietenaneignen (z. B. die soziale Kompetenz als Mitglieder einer bestimmtenGesellschaftsform, unsere Kompetenz auf Gebieten.die uns zufälligerweise mehr oder weniger als Liebhaberei interessieren:Fußball, Schach, Barockmusik, tibetanische Mystik oderwas es auch sonst noch sein mag). Alle diese Fertigkeiten unddieses Vertrautsein umschreiben wir durch den Ausdruck »still-schweigendes " Wissen-.Teile des stillschweigenden Wissens lassen sich artikulieren undsomit zu Behauptungswissen umwandeln. Das unternimmt z. B.der Sozialanthropologe, wenn er die soziale Struktur auf denTrobriandinseln beschreibt. Als Malinowski um 1915dort einigeTahre verbrachte, lernte er auch die stillschweigende Struktur dortiennen, das implizite Wissen, die ~rfahrun~en und die Fertigkeitender Inselbewohner. Um dieses dann für Außenstehende verständlichzu machen. formte er Teile des vorliegenden " stillschweigendenWissens zu explizitem Behauptungswissen um.Auch unsere moralischen Erfahrungen, Einsichten und Fertigkeitenliegen größtenteils in Form stillschweigenden Wissens vor.Der sichtbare Teil der Moral, der Teil der Moral, den wirdiskutieren und thematisieren, beruht auf einer Menge " stillschweigenderAnnahmen und Erfahrungen.'Wir wollen uns in den nachfolgenden Paragraphen zwei Zügeunserer moralischen Fertigkeiten ansehen. nämlich unser Vermö-gen, in unseren ~andlun&n Regeln zu folgen, und die Rolle, dieVorbilder und Beispiele in unserem regelgeleitetem Handelnspielen.


Offene und geschlossene RegelnMan kann zwischen ausdrücklichen Regeln und stillschweigendenRegeln eine Unterscheidung treffen. Rechtsregeln sind Beispieleausdrücklich formulierter Regeln. Regeln, die angeben, wieman Figuren auf einem Schachbrett bewegt, sind weitere Beispieledesselben. Der Großteil unserer Handlungen wird aber vonRegeln gesteuert, die nicht ausdrücklich formuliert vorliegen.Wenn ich meine Kollegen begrüße, dann mache ich dies gewöhnlichmit Gesten, die leicht variieren können. Wenn dann meineKollegen meine Körperbewegungen als Ausdruck für einen Grußansehen, dann heißt das, daß wir uns auf dieselben Regeln beziehen.Regeln, wie man in unterschiedlichen Situationen grüßt, sindetwas, was man gewöhnlich durch Beispiele aufschnappt. Vielleichtwird man auch, mehr oder weniger deutlich, zurechtgewiesen,wenn man hierbei einen Fehler macht; oder man wird vielleichtüberhaupt nicht verstanden, und man muß es noch einmalversuchen. Für kompliziertere Handlungsweisen, wie z. B. Blockflötezu spielen, russisches Ballett zu tanzen oder eine bestimmtePosition im Wirtschaftsleben innezuhaben, gibt es auf ganz ähnlicheWeise Regeln, die sich nur teilweise artikulieren lassen. SolcherartHandlungsweisen lernt man für gewöhnlich, indem maneiner Reihe von Beispielsituationen ausgesetzt wird, welche danndurch eine Fachterminologie, die sich auf dem betreffendem Gebietherausgebildet hat, erklärt werden. Der Musiker, der Tänzerund der Wirtschaftsfachmann führen vor und erklären; der Neulinghört zu und versucht es selbst. Durch Übung erwirbt sich derNeuling nach und nach die Erfahrung und die Fertigkeiten, die aufdem betreffenden Gebiet benötigt werden.In Lernprozessen dieser Art erlernt man eine Reihe von Regelnvermittels einer Reihe von Beispielen. Teilweise kann es sichdabei um einfache Regeln handeln, die bei Bedarf klar formuliertwerden können. Falls jemand sagt: ~ 3 ,6, 9, Ir, - und nunweiter!« entstehen mir keine Schwierigkeiten; und es ist ganzeinfach, die Handlungsregel anzugeben, die meiner Handlungzugrunde liegt (.Addiere 3 zu der zuletzt genannten Zahl!«).Regeln dieser mechanischen Art, die sogar von einem Computer»erlernt« werden können, kann man geschlossene Regeln nennen.Unsere Handlungsregeln sind aber häufig von ganz anderer Artund verlangen von der handelnden Person mehr als ein Computer


leisten kann. Normalerweise sind Regeln fest verankert in einerReihe von Beispielfallen (die mehr oder weniger vage abgegrenztsein können). Und es wird von der handelnden Person eingewisses Maß an Erfahrung und guter Urteilskraft verlangt, umherausfinden zu können, wie man von den gegebenen Beispielenauf neue Situationen schließen kann. Im Fall solcher Regeln, diegute Urteilskraft und Erfahrung von Handelnden voraussetzen,kann man von offenen Regeln sprechen.In der Theorie der Textdeutung (Hermeneutik) redet man gernedavon. daß in iedem Verstehen ein Zirkel vorkommt. Um einenTeil eines Texts zu verstehen, muß man bereits eine Auffassungdavon haben, von welcher Gesamtheit dieser Text ein Teil ist(handelt es sich z. B. um ein Gedicht oder um eine Rechtsregel?);entsprechend setzt ein richtiges Verstehen einer Gesamtheit einrichtiges Verstehen seiner Teile voraus. Heidegger und anderehaben dies als den »hermeneutischen Zirkel« bezeichnet. DerTeil-Ganzes-Verstehenszirkel ist aber nicht der einzige hermeneutischeZirkel. Unser Verstehen von Regeln und Beispielen istnormalerweise von einer ähnlichen Zirkelbe~e~ung gekennzeichnet.Um ein Beispiel zu verstehen, müssen wir es als ein Beispielfür etwas auffassen, und um eine allgemeine Regel zu verstehen,müssen wir normalerweise eine Reihe von Beispielen für dieRegel durchgegangen sein. Auch Beispiel-und-Regel-Verstehenist also durch eine Zirkelbewegung gekennzeichnet. Beispielund-Regel-Verstehenist somit ebenfalls ein hermeneutischer Zirkel.Die Regeln, von denen hier die Rede ist, sind zum Großteilsowohl impliziter Art (nicht ausdrücklich formuliert) als auchoffen (nicht mechanisch anwendbar).Die Rolle der VorbilderWenn das soeben Gesagte über den Zusammenhang von Regelnund Vorbildern richtig ist, so bedeutet das, daß es ziemlichirreführend ist, die Ethik als ein System von allgemeinen Regeln(Normen, Bewertungen) darzustellen. Das ist nur die eine Seiteder Medaille. Die andere Seite besteht aus Beispielen.Auf dem Gebiet der Moral Iäßt sich mit gutem Recht behaupten,daß die Beispiele die wichtigste Rolle haben. Der entscheidendeSchritt bei jeder ethischen Kompetenz besteht darin, von gegebe-


nen Musterbeispielen zu neuen Situationen übergehen zu können.Das erfordert von der handelnden Person Fertigkeiten undEinsichten, die man sich nur durch eigene Erfahrung (am Anfangdurch Anleitung einer an Erfahrung reicheren Person, allmählichmehr und mehr selbständig) aneignen kann. Ein selbständigmoralisch Handelnder muß unter anderem die Fähigkeit besitzen,neue Handlungssituationen auf fruchtbare Weise so zu strukturieren.daß sich ihm verschiedene Handlungsalternativen eröff-"nen. Er muß weiterhin auf dem betreffenden Gebiet die nötigenempirischen Erfahrungen besitzen, um sich die möglichen Konsequenzender verschiedenen Handlungsalternativen ausmalen zukönnen. Schließlich muß er auch noch eine Reihe von Beispielfällenbeherrschen und zu deren jeweiliger Rangordnung Stellunggenommen haben, so daß er die neue Lage im Verhältnis zufrüheren und anderen denkbaren Fällen einstufen kann.Genau diese Fähigkeit, Dinge auf der Basis einer Reihe vonMusterbeispielen einstufen zu können, ist meiner Meinung nachdas, was die Utilitaristen meinen, wenn sie davon reden, diepositiven und die negativen Seiten der Konsequenzen gegeneinanderabzuwägen und dabei die unterschiedlichen Werte in Betrachtzu ziehen. Das Bewertungsvermögen, das bei den Utilitaristenals der Kern des moralischen Urteils erscheint, ist ein Aspektder Vertrautheit mit Beispielen und der Fähigkeit, neue Situationenim Lichte gemachter Erfahrungen neu zu strukturieren - unddamit ein ~s'ekt dessen, was wir hier »ethische Kompetenz«nennen.Das Vorbild, das Beispiel, der Musterfall spielt (wenn wir AristotelesGlauben schenken können - und meines Erachtens könnenwir es in diesem Fall) auf moralischem Gebiet eine ganz entscheidendeRolle. Will man jemandem beibringen, was Freigebigkeitheißt. dann kann man freilich. wie Aristoteles ia zeigt. derU .betreffenden Person eine allgemeine Regel der folgenden Art andie Hand geben: »Gib den richtigen Personen zu den richtigenZeitpunkten hinreichend viel, und achte darauf, daß die Absichtenrichtig sind!« Für jemanden aber, der nicht bereits einegewisse Vorstellung davon hat, was der Begriff »Freigebigkeit« ineiner bestimmten Kultur bedeutet, ist diese Regel ziemlich nichtssagend.Was hinreichend viel ist, wer die richtigen Personen undwas die richtigen Zeitpunkte sind, dies alles sind Dinge, die manselber unter Anleitung anderer Personen erst in Erfahrung brin-


gen muß. Mit anderen Worten, die allgemeine Kegel muß unterZuhilfenahme faktischer oder gedachter Beispiele erst konkretisiertwerden. Dies ist ganz ähnlich wie mit den juristischenGummiparagraphen, die erst durch die rechtliche Auslegung inGerichtsverhandlungen einen spezifischeren Inhalt erhalten.In Diskussionen um Führungseigenschaften findet man ebenfalls,daß Hinweise auf Beispiele eine weit wichtigere Rolle spielen alsVersuche, allgemeine Normen und Bewertungen angeben zukönnen. Das gilt für den Führungsstil (wobei man gerne aufkonkrete Personen verweist: Gyllenhammar, Werthin, Carlzon,Rausing, Kamprad), für Handlungen, Organisationsformen,Planausarbeitung usw.' Doch all die Vertrautheit, die sich bei denAkteuren eines bestimmten Tatigkeitsfeldes auffinden Iäßt, läßtsich nur teilweise zu Behauptungswissen umformen. Die empirischenund moralischen Einsichten existieren in erster Linie inForm von Vertrautheits- -und Fertigkeitswissen der Akteure selber.Moralische Intuitionen und kritische ReflexionIn der moralphilosophischen Literatur lassen sich zwei Traditionenunterscheiden; eine, die das Hauptgewicht auf die Rolle derErfahrung legt, und eine, die die Rolle der Regeln betont. Dieerste Tradition können wir als die aristotelische Tradition derEthik bezeichnen, da schließlich Aristoteles der erste war, der dasThema moralische Erfahrung ausführlich behandelt hat. Die andereTradition können wir die kantianische Tradition nennen, daKant vielleicht derjenige Philosoph war, der am meisten dazubeigetragen hat, die Vorstellung von Moral als ein System vonRegeln zu verbreiten (die Kant zufolge durch den »kategorischenImperativ« gekrönt werden: »Handle so, daß die Maxime deinesWillens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebunggelten könne!.)Meiner Meinung nach ist die kantianische Tradition das Resultateinseitiger philosophischer Kost. Kant und seine Nachfolgerwaren so sehr mit der Möglichkeit beschäftigt, universell gültigeMoralnormen aufzustellen, daß sie dazu neigten, alle anderenSeiten des moralischen Gebiets zu übersehen. Ein aktuelles Beispielist der amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg, der in


moralischer Hinsicht eindeutig in der kantianischen Traditionverankert ist. Kohlberg zufolge kennzeichnet universalistischesRegeldenken eine höhere Entwicklungsstufe als das an den Kon-text gebundene Bei~~ieldenken.~ Dies ist eine Annahme, die sichaufgrund des notwendigen Zusammenspiels von allgemeiner Regelund konkretem Beispiel, sehr wohl in Frage stellen läßt.Insofern die kantianische Tradition moralischer EntwicklungKohlbergs Untersuchungen und die seiner Nachfolger prägt,muß man von diesen sagen, daß sie mit einer verdrehten Ansichtüber die Natur von Moral belastet sind.Kant und die Utilitaristen vertreten unterschiedliche Auffassungenüber die Grundlage der Moral, aber sie sind sich darin einig,daß Moral auf einer grundlegenden Norm beruht (der kategorischeImperativ für Kant, das Prinzip der Maximierung des allgemeinenNutzens für die Utilitaristen). Deswegen können sowohlKantianer als auch Utilitaristen zu einer einzigen Tradition zu-"sammengenommen werden, die durch die Vorherrschaft vonRegeln auf moralischem Gebiet gekennzeichnet ist.Als Gegengewicht zur kantianischen Überbetonung der Rollevon universellen Regeln auf moralischem Gebiet (im übrigenauch auf juridischem Gebiet) möchte ich einige Seiten der Moralherausstreichen, für die ich die Sammelbegriffe Ethische Kompe-tenz und Ethisches Paradigma verwende. Der Ausdruck »Para-"digmau wird hier genauso gebraucht, wie es in der Wissenschaftstheorieüblich ist: als Bezeichnung für eine Reihe von Musterbeispielen,die auf einem bestimmten Gebiet die Tatigkeiten anleiten,sowie für eine Reihe von grundsätzlichen Auffassungen über dieNatur dieser Tätigkeiten. Im Zentrum der ethischen Paradigmen" "und ethischen Kompetenz stehen also das stillschweigende Wissenund die Fähigkeit, offene Regeln - von mehr oder wenigervergessenen aber internalisierten Vorbildern geleitet - zu handhaben.Bei den Diskursethikern steht eine svezielle Art der ethischenKompetenzausübung im Brennpunkt, nämlich die freie Diskussion,die zur Aufgabe hat, existierende oder vorgeschlagene Moralnormenoder Handlungen zu legitimieren.10 Die Diskursethikerneigen jedoch dazu, diese Art der Kompetenzausübung zuverabsolutieren. was dann auf Kosten derienigen Form von Komz"petenzausübung geht, die darin besteht, daß man ohne viel Aufsehenund große Reden tatsächlich zu den jeweils angemessenen


Handlungsweisen gelangt. Ein Teil der Erklärung dafür, daß diekritische Diskussion solcherart unterstrichen wird, auf Kostendessen, was man »die praktische Einstellung« nennen könnte,liegt wohl in einer übertriebenen Vorstellung darüber, was einÜbergang von einer konventionellen Moral zu einer post-konventionellen,kritischen Moral zur Folge haben würde. Habermasdrückt dies folgendermaßen aus: *Vor den reflexiven Blickeneines Diskursteilnehmers zerfallt die soziale Welt in rechtfertigungsbedürftigeKonventionen; der faktische Bestand an überliefertenNormen teilt sich in soziale Tatsachen einerseits, Normenandererseits - diese haben ihre Rückendeckung durch lebensweltlicheEvidenzen verloren und müssen im Lichte von Prinzipiengerechtfertigt werden.«" Durch einen Übergang zu einer kritischreflektierten Einstellung auf moralischem Gebiet würden alsoalle, d. h. absolut alle, Moralauffassungen ihre Grundlage verlieren.Alles müßte aufs Neue einer Prüfung in Form eines kritischenDiskurses unterzogen werden.Diese Cartesianische Einstellung kommt mir allerdings auf demmoralischen Gebiet genauso unhaltbar vor wie auf dem erkenntnistheoretischenGebiet. Auf dem moralischen Gebiet gibt es eineMenge Gewißheiten, die überhaupt nicht angefochten werdenkönnen, wie etwa die Gewißheit, daß das Foltern von kleinenKindern moralisch unrecht ist. (Vgl. oben S. 215.) Der Übergangvon einem rein konventionellen Denken und Handeln auf moralischemGebiet zu einem post-konventionellen, kritischen Denken,erscheint somit im Lichte des eben Gesagten als weit wenigerabrupt, als uns die Diskursethiker glauben machen wollen. EineMenge moralischer Gewißheiten verbleiben mit Notwendigkeitauch auf dem post-konventionellen Niveau. Sie gehören zu denvon den Diskursethikern nicht thematisierten Voraussetzungen,ohne die die kritische Reflexion ins Leere gehen würde.AnmerkungenISiehe oben S. 2 Siehe oben S. 297-298. 3 Vgl. 2. B. S. 297. 4 Habermas, J., Moralbewufltsein und kommunikatives Handeln, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1983, S. 191.


5 Gullers, P., >>Om ljusbedömning i fotografiu [Einschätzung vonLichtverhältnissen in der Photographie], in: Bo Göranzon (Hrsg.),Datautvecklingens filosofi [Die Philosophie der Daten~~stementwicklung],Stockholm: Carlsson & Jönsson Bokförlag, 1984, S. 31-34.6 Vgl. Johannessen, K.S., .Sinnkonstitution und Wissenschaftsge-schichte«, in diesem Bande; ders., »Language, Art and Aesthetic Practicee, in: K. S. Johannessen & T. Nordenstam (Hrsg.), Wittgen- stein - Ästhetik und Transzendentale Philosophie, Wien: Hölder -Pichler - Tempsky, 1981, S. 108-126. 7 Vgl. Nordenstam, T., nTechnocratic and Humanistic Conceptions of Development~, in: ders. (Hrsg.), Research und Development in the Sudan, Khartoum: Khartoum University Press 1985, S. 7ff. 8 Vgl. A. Danielsson (Hrsg.), Samtal om ledarskap, ledning och ledare [Gespräche über Leiterschaft, Leitung und Leiter], Stockholm: Svenska Dagbladets Förlag 1986. 9 Kohlberg, L., The Philosophy of Moral Development, San Francisco: Harper & Row, Publishers, 1981. 10 Vgl. Habermas, J., Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln,Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1983; Apel, K.-O.,»Sprechakttheorie undtranszendentale Sprachpragmatik zur Frage ethischer Normen*, in:K.-0.Apel (Hrsg.), Sprachpragmatik und Philosophie, Frankfurta.M.: Suhrkamp 1976, S. 11-173; Apel, K.-O., Böhler, D., u.a.(Hrsg.), Funkkolleg Praktische PhilosophielEthik: Studientexte, 3Bde., Weinheim U. Basel 1984; Böhler, D., Rekonstruktive Pragmatik.Von der Bewußtseinsphilosophie zur Kommunikationsreflexion: Neubegriindungder praktischen Wissenschaften und Phtlosophie, Frankfurta.M. 1985. Vgl. Nordenstam, T., ,,Vom ,Sein< zum )Sollen


Die zumal vom frühen Wittgenstein ausgelöste- später nlinguistic turn« genannte -Wende machte die Philosophie zur logischempiristischen Sprachkritik. Diese erneu-erte freilich das Dilemma des modernenGeistes: Descartes' Subjekt-Objekt-Spaltungkehrte auf methodologischer Ebenewieder - als Solipsismus und Objektivismus.Erst die pragmatische Wende erkennt undüberwindet jenes Dilemma durch Besinnungauf den intersubjektiv-kommunikativenCharakter von Denken, Erfahrung undForschung.Zugleich mit der analytischen Philosophie,dem Peirceschen Pragmatismus und denkontinentalen Traditionen (Phänomenologie,Hermeneutik, Kritische Theorie) imGespräch, wirkt die norwegische Pragmatikdebattewie ein Brennglas: Sie bündeltHaupttendenzen der weltweiten Diskussionüber den pragmatic turn als Neuorientierungvon Philosophie, Wissenschaftstheorieund Ethik, von Sozialwissenschaften undÖkologie. Sie kulminiert im Streit zwischenkontext- und beispielorientierter Sprachspielpragmatikund diskurs- bzw. begrün-dungsorientiertertik.Transzendentalpragma-

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