Kann passieren - Klett Kinderbuch

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Kann passieren - Klett Kinderbuch

Herbert GüntherAndreas RöckeneranK npassierenWahre Geschichten von erfundenen Tieren


Der unauffällige FlohEin Floh kam als Postbote oft mit höhergestellten Tieren zusammen.Besonders den Rothirsch, der als Direktor im Krankenhausarbeitete, bewunderte der Floh sehr.Einmal fragte der Floh, ob er dem Rothirsch einen Arbeitstaglang im Krankenhaus zusehen dürfe. „Das interessiert mich nämlichsehr“, sagte der Floh.„Na gut“, sagte der Rothirsch geschmeichelt. „Wenn Sie sich unauffälligbenehmen.“„Kein Problem“, sagte der Floh.Der Floh beobachtete den Rothirsch einen Tag lang im Krankenhaus:Wie der Rothirsch mit Schwung den weißen Kittel anzog,wie er mit festem Auftreten über die Gänge eilte, wie er mit derKrankenschwester-Gazelle Witze machte, wie er in vielen Fremdwörternmit den anderen Ärzten sprach, wie er dem kranken Pavianin die Pobacke piekste, wie er dem Känguru das Loch im Beutelzunähte, wie er die kleinen Igel auf der Kinderstation tröstete.Am nächsten Tag fuhr der Floh mit der Bahn erster Klasse ineine andere Stadt, hundert Kilometer weit entfernt und arbeitetedort als Arzt in einem Krankenhaus.Jeden Morgen warf er sich mit Schwung den weißen Kittel über,machte Witze mit der Krankenschwester-Antilope, sprach in vielenFremdwörtern mit den anderen Ärzten, spritzte dem Windhundins Bein, nähte dem Hasen das eingeritzte Löffelohr zusammenund tröstete die kleinen Kaninchen auf der Kinderstation.Niemand merkte, dass der Floh gar kein Arzt war.Erst als die Hummel ihre flügellahme Großtante im Krankenhausbesuchte, erkannte sie den Floh, ihren früheren Arbeitskollegenvon der Post.Daraufhin wurde der Floh ins Gefängnis gesteckt. Lange saß erbei Wasser und Brot in einer kahlen Gefängniszelle.6


Als er endlich entlassen wurde, kam der Richter, ein leutseligerMaulwurf, um dem Floh für die Zukunft gut zuzureden.Der Floh bewunderte die schwarze Robe des Richters und fragte,ob er ihm einen Arbeitstag lang bei Gericht zusehen dürfe. „Dasinteressiert mich nämlich sehr“, sagte der Floh.„Na gut“, sagte der Maulwurf geschmeichelt. „Wenn Sie sich unauffälligbenehmen.“„Kein Problem“, sagte der Floh.7


Kann passierenEin junger Löwe sollte im Turnunterricht einen Handstand vormachen.Er zitterte von den Ellbogen bis in die Pfoten und dannfiel er auf die Nase. Alle lachten.„Kann passieren“, sagte die Eule. „Nicht so schlimm.“ Denn siewar eine kluge Turnlehrerin.Eine junge Maus wollte ihrem Vater zeigen, wie sie vom Zehn-Meter-Turm im Freibad springt. Als sie oben über den Rand sah,wurde ihr schwindlig. Sie verlor den Mut, machte kehrt und ranntedie Treppe wieder nach unten. Alle lachten.Aber der Mäusevater sagte: „Kann passieren. Nicht so schlimm.“Denn er war ein kluger Vater.Ein junger Esel, ein Nachzügler in der Familie, brachte einschlechtes Zeugnis nach Hause. Darin stand: Handschrift ungenügend,Kopfrechnen schwach, Aufsatz mangelhaft, Versetzung gefährdet.Die großen Geschwister verspotteten den jungen Esel. Sie hattenalle studiert, einer war sogar Doktor. „Du blöder Esel“, sagten dieGeschwister. Doch die Eselin sagte: „Kann passieren. Nicht soschlimm.“ Denn sie war eine kluge Mutter.Ein Tausendfüßler kam beim Stadtmarathon als Letzter insZiel. Er schämte sich sehr, denn er hatte seinen Kindern versprochen:„Mit tausend Füßen bin ich ganz bestimmt der Schnellsteund gewinne den Pokal.“Mit gesenktem Kopf schlich der Tausendfüßler nun nach Hause.Seine Kinder liefen neben ihm her und riefen: „Kann passieren,Papa! Nicht so schlimm.“Denn es waren kluge Kinder.36


Kann passieren, nicht so schlimmWarum in diesem Buch von menschlichen Tieren erzählt wirdWie langweilig wäre es auf der Welt, wenn immer alles glattginge.Wenn wir nicht hin und wieder stolpern und auf die Nase fallenwürden. Wie gut, wenn uns dann einer zuruft: „Kann passieren! Istmir auch schon passiert!“In jedem Menschen steckt ein Tier. Ein neugieriges, verspieltes,lustvolles, chaotisches Tier. Immer, wenn mal wieder etwas schiefgeht,wenn wir nicht wie Roboter funktionieren, dann lacht es unszu und ruft: „Nicht so schlimm! Kann passieren!“Kinder sind mit diesem Tier meist besser vertraut als Erwachsene.Aber es ist in jedem von uns, egal, wie alt wir sind. SeineSpuren finden wir überall im Alltag. Etwa in der Zeitung auf derSeite „Vermischtes“. Dort lese ich oft Geschichten, bei denen ichdenke: Das war wohl wieder mal das Tier im Menschen. Zum Beispielbei dieser Meldung:Autos und Lastwagen sind seine Leidenschaft. Ein 13-jährigerSerien-Autodieb aus dem rheinischen Monheim ist nicht zubremsen. Immer wieder stiehlt Andreas mit Vorliebe großeLast wagen, um sie für riskante Autobahn-Ausflüge zu nutzen.Jetzt wollen die Behörden und sein Vater entscheiden, ob ernach acht Autodieb stählen und Touren durch Westeuropa inein geschlossenes Heim kommt. Der Junge selbst sagt über seineDiebstähle: „Mich juckt es immer in den Fingern, wenn mirzu lang weilig wird.“(Süddeutsche Zeitung vom 4.2.1999 – hier nachzulesen auf Seite 20unter dem Titel „Langeweile“.)38


In den Geschichten dieses Buches habe ich, zumeist angeregt vonZeitungsmeldungen wie dieser, das Menschliche ins Tierischeübersetzt, und Andreas Röckener hat den menschlich komischenTieren Gestalt gegeben.Ob Tiere etwas dagegen hätten, dass sie hier wie Menschen dargestelltwerden? Wer mit Tieren zusammenlebt, mit einem Hund,einer Katze, wer oft in den Zoo geht, der weiß: Meistens sind siegeduldig mit uns, haben Sinn für Humor und nichts gegen einerkennendes Lachen.Herbert Günther39


1. Auflage 2012© 2012 by Klett Kinderbuch, LeipzigAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung Lena Ellermann unter Verwendung von Illustrationenvon Andreas RöckenerIllustrationen Andreas RöckenerSatz und Herstellung atelier eilenberger, TauchaDruck und Bindung Sachsendruck Plauen GmbHPrinted in GermanyISBN 978-3-941411-50-0www.klett-kinderbuch.de


Kann ein hilfsbereiter Bär im Gefängnis landen?Kann eine schüchterne Meise einemgefräßigen Kater verliebte E-Mails schreiben?Kann ein Panther sich in einenGartenzwerg verwandeln?Sonderlinge, Pechvögel, Tiere wie duund ich: Alles kann passieren!Geschichten von erfundenen Tieren.Aus der Zeitung und dem wahren Leben.Für vergnügte Kurzstreckenleserab 6 Jahren und zum VorlesenISBN 978-3-941411-50-0€ 11,90 [D] € 12,30 [A]

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