Mythos 356 - Delius Klasing

delius.klasing.de

Mythos 356 - Delius Klasing

Achim Kubiak

Mythos 356

Der Porsche 356 und Menschen, die er bewegt

Delius Klasing Verlag


Bei der Erstellung dieses Buches war man bemüht, möglichst

original erhaltene Fahrzeuge für die Fotoaufnahmen zu finden. Es hat sich gezeigt,

dass dieses heute kaum möglich ist, denn viele Besitzer haben ihre Fahrzeuge

nach eigenen Vorstellungen modifiziert. Manchmal standen auch zur Zeit der

Restaurierung bestimmte Originalteile nicht zur Verfügung, sodass andere Teile

eingebaut werden mussten. Deshalb können abgebildete Fahrzeuge vom

werksmäßigen Auslieferungszustand in Details abweichen.

Von Achim Kubiak sind darüber hinaus folgende Titel

im Delius KlasingVerlag erschienen:

Faszination 356, Eine Typologie des Porsche 356

Faszination 911, Die Typologie des Porsche 911

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage

ISBN 978-3-7688-3427-8

© by Delius, Klasing & Co. KG, Bielefeld

Gestaltung, Satz und Lithografie:

concept & design werbeagentur gmbh, Bottrop

Reproduktionen: scanlitho.teams, Bielefeld

Druck und Bindung: Himmer AG, Augsburg

Printed in Germany 2012

Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages

darf das Werk weder komplett noch teilweise reproduziert,

übertragen oder kopiert werden, wie z. B. manuell oder mithilfe

elektronischer und mechanischer Systeme inklusive Fotokopieren,

Bandaufzeichnung und Datenspeicherung.

Delius Klasing Verlag, Siekerwall 21, D - 33602 Bielefeld

Tel.: 0521/559-0, Fax: 0521/559-115

E-Mail: info@delius-klasing.de

www.delius-klasing.de


Inhalt

Ein Traum von einem Auto ..............................................................................................7

Der Mythos 356 entsteht ...............................................................................................11

Die Institution in der Szene ............................................................................................17

Das Gmünd-Coupé legte den Grundstein ......................................................................25

Wenn Autoträume Realität werden … ............................................................................33

Mit der Rückkehr nach Stuttgart wird der 356 reifer ......................................................39

Der erste Porsche 356 am Niederrhein ...........................................................................55

Mit der Knickscheibe fit für die Zukunft ........................................................................61

Wenn Leidenschaft den Lebensrhythmus bestimmt ........................................................79

Reifezeugnis für den Klassiker ........................................................................................87

Familienangelegenheit mit Herz ...................................................................................105

Mit viel Detailarbeit in die nächste Runde ...................................................................113

Der Autobauer aus Passion ...........................................................................................133

Amerika lässt grüßen ....................................................................................................140

Die Urgesteine aus dem Schwabenland ........................................................................159

Trotz hohen Alters unwiderstehlich ..............................................................................166

Tauschgeschäft: 356 Cabriolet gegen Plattenspieler ......................................................185

Der 356 SC – der Letzte seiner Art...............................................................................195

Wenn er nicht gewesen wäre … ....................................................................................211

Eine Bewegung kommt ins Rollen ................................................................................217

Die technischen Daten .................................................................................................254

Dank an alle … ............................................................................................................258


Die

Institution

in der Szene

Der Alltag als praktizierender Kieferorthopäde ist nicht immer ganz frei von belastendem

Stress. So kam es im Jahre 1976 dazu, dass sich der Lemgoer Dr. Klaus-Otto

Räker ein ganz besonderes Auto kaufte. Es war ein Porsche 911 Carrera 3.0 – der

deutsche Sportwagen zur damaligen Zeit schlechthin. Sein Dreilitermotor leistete

200 PS. Damit gehörte man zweifelsfrei zu den Schnellen im Lande. Leider währte die

Freude an diesem Auto nur kurz. Ganz im Gegensatz zu den sonst sehr soliden und

zuverlässigen Produkten aus Zuffenhausen hatte es dieses Exemplar in sich. Der Wagen

stand wegen zahlreicher Probleme mehr in der Werkstatt, als er gefahren wurde. Das

entsprach so gar nicht dem Werbeslogan des Hauses in den 1970er-Jahren, der die

Produkte des Sportwagenherstellers mit »Fahren in seiner schönsten Form« anpries.

Da war der Vorgänger dieses Carrera 3.0 aus anderem Holz. Der erste eigene Porsche

des Mannes aus dem Lippischen war ein Porsche 912, den er im Jahre 1969 gebraucht

gekauft hatte. Ihm hatten die Stuttgarter im Werk den Motor des Vorgängermodells

356 SC eingepflanzt. Diese Variante sollte der treuen Kundschaft, die sich 1964 den

großen finanziellen Sprung zum neuen Modell nicht leisten konnte, eine Alternative

zum leistungsstärkeren und viel teureren Porsche 911 bieten.

Als sich der technische Zustand seines Carreras trotz verschiedener Versuche diverser

Porsche-Mechaniker nicht bessern wollte und das Porsche-Werk sich wenig kulant erwies,

war es dann so weit. Räker tauschte den Elfer im November 1976 gegen einen

weißen Mercedes 300 SL Roadster, der damals schon einige Jahre und etliche tausend

Kilometer auf dem runden Buckel hatte. Mit diesem Auto hatte ihn die Sammelleidenschaft

gepackt, weiß der heute 72-Jährige zu berichten. Nach kurzer Zeit gesellte sich

ein schwarzes Porsche 356 B Coupé mit Super 90-Motorisierung dazu. Dem folgte ein

weißes Mercedes 220 SE Cabriolet, und langsam musste er sich über die Erweiterung

seiner Abstellmöglichkeiten für den immer größer werdenden Fuhrpark Gedanken

machen.

Seit Jahrzehnten ist

Dr. Klaus-Otto Räker

der Szene verbunden

IN DER PORSCHE 356-SZENE KENNT MAN SICH

SEIT JAHREN. DR. KLAUS-OTTO RÄKER STAND IHR

IN DER ZEIT VON 1987 BIS 1996 ALS PRÄSIDENT

DES PORSCHE 356 CLUB DEUTSCHLAND E.V. VOR.

« 17


18 »

Sein Herz hatte er mittlerweile an die frühen Porsche-Modelle der Baureihe 356 verloren.

Deshalb erweiterte bald ein renovierungsbedürftiges Cabriolet der C-Baureihe

seine Sammlung. Mit den Instandsetzungsarbeiten beauftragte er seinen damals noch

wenig 356-erfahrenen Mechaniker Jürgen Krug, der in einer nahe gelegenen Scheune

an alten Autos werkelte. Was die beiden damals noch nicht wussten: Dieses Auto sollte

der Grundstein für eine lange währende Zusammenarbeit werden.

Die Zeit für den Kauf älterer Porsche 356 war in den 1970er-Jahren günstig. Die

vergleichsweise schwach motorisierten Sportwagen waren wenig gefragt und die Preise

deshalb niedrig. Besonders vorteilhaft erwies sich dieser Umstand für die heute gesuchten

frühen Modelle der 356-Vor-A-Baureihe.

Gezielt bestimmte Autos gesammelt hat Dr. Klaus-Otto Räker nie. Wie er erzählt, hat

es sich meistens irgendwie ergeben, dass ihm Fahrzeuge angeboten wurden, die ihn


interessierten. Zum Beispiel wurde eines Tages in der Fachzeitschrift »auto, motor und

sport« um die Weihnachtszeit 1978 ein 1951er-Cabriolet inseriert. Mit blauer Karosserie

und beigefarbenem Interieur. Aber die schlechten Wetterverhältnisse ließen eine

zeitnahe Besichtigung des Fahrzeuges, das in der Schweiz stand, nicht zu. Erst Wochen

später, am Geburtstag seiner Frau, den die Familie Räker seinerzeit in der Nähe von

Lech verbrachte, schien die Zeit für einen Besuch günstig. Alles passte, und so wechselte

das alte Cabriolet seinen Besitzer. Viel später stellte sich heraus, welch glücklicher

Fund dieses Auto war. Nicht nur weil es ein sehr frühes Modell mit der Fahrgestellnummer

10132 war, sondern weil an ihm lediglich das Verdeck erneuert werden

musste. Alles andere konnte bis heute original belassen werden. Der Kilometerstand

des Cabriolets betrug etwa 40000! Weil seine Autos nicht nur im Museum stehen,

sondern auch bewegt werden sollten, durfte dieses Exemplar mit zum Internationalen

Porsche 356 Treffen nach Schweden, das vom 24. bis 26. Mai 1979 in Helsingborg

stattfand.

GERN ERZÄHLT DR. KLAUS-OTTO RÄKER

DEN BESUCHERN SEINES MUSEUMS IN LEMGO

DIE INDIVIDUELLEN GESCHICHTEN SEINER AUTOS.

« 19


20 »


Durch den Kauf des Mercedes 300 SL Roadster hatte Räker in den 1970er-Jahren

eine besondere Nähe zu dieser Marke entwickelt. Deshalb wundert es nicht, dass er

zum Kreis der Gründer dieses Clubs zählt. Erst später wurde er im Jahre 1987 zum

Präsidenten des Porsche 356 Club Deutschland e. V. gewählt, was zwangsläufig ein

entsprechendes Engagement im Porsche-Lager mit sich brachte. Vielleicht war es dieses

Amt, das er zehn Jahre innehatte, was ihn mehr und mehr für die Fahrzeuge aus Zuffenhausen

begeisterte – oder die Menschen, denen er dadurch begegnete.

Mittlerweile war der Bestand seiner Klassiker beträchtlich gewachsen und das Platzproblem

groß. Eine Halle musste her. So verschlug es Dr. Klaus-Otto Räker nach

Hörstmar, einem kleinen Nachbarort von Lemgo, wo er ein passendes leerstehendes

Gebäude fand. Dieses ist seither das Zuhause für seine Sammlung. Irgendwann ergab

es sich, das Nachbargrundstück auch noch zu erwerben, auf dem das heutige Museum

steht. Die alten, nun zu Nebengebäuden degradierten Hallen dienten ihm seitdem

als Werkstatt. Schon beim Kauf der kleinen, verwinkelt angeordneten Hallen hatte er

konkrete Vorstellungen von seinem ganz privaten Domizil, das er »d. kleine Lemgoer

Automuseum« nennt. Der Name geht übrigens – das werden nur Eingeweihte wissen

– auf einen kleinen Handkarren zurück, auf dem man kurz nach dem Krieg seine Habseligkeiten

von A nach B transportierte.

1994 war es dann endlich so weit. Auf rund 1400 Quadratmeter Grundfläche entstand

ein Museum für automobile Klassiker, wie es schmucker kaum sein kann. Um die

40 jederzeit fahrbereite Raritäten zählen heute zu den Exponaten, die für Interessierte

an jedem Sonntag zugänglich sind. Denn dann verwandelt sich der Kieferorthopäde

zum Museumsdirektor und erzählt bereitwillig die Geschichten zu seinen Autos. Über

jedes einzelne Modell gibt es einiges zu berichten. Da sind die 356er in etlichen Varian -

ten und alles, was Porsche jemals unter dem Begriff 911 gefeiert hat. Ein rares

911 Turbo Cabriolet aus dem Baujahr 1987 ist darunter genauso zu finden wie sein

Enkel in Form des letzten luftgekühlten Turbos vom Typ 993.

Einen absoluten Leckerbissen aufzuzeigen ist kaum möglich. So einmalig sind die zusammengetragenen

Raritäten. Dr. Klaus-Otto Räker selbst bevorzugt seinen Spyder

718 RSK, der mit blank polierter Aluminiumkarosserie sofort die Blicke der Besucher

auf sich zieht. 1958 wurde er vom legendären deutschen Rennfahrer Wolfgang Graf

Berghe von Trips beim Werkseinsatz gefahren und kann auf eine beachtliche Rennhistorie

zurückblicken. Diese wurde auch von den Rennfahrern Edgar Barth und Hans

Herrmann entscheidend mit geprägt. Ganz anders kommt der nur etwa 70-fach gebaute

»Jagdwagen« des Typs 597 von 1956 daher. Er war seiner Zeit voraus und verfügte

NEBEN ZAHLREICHEN MODELLVARIANTEN DES

PORSCHE 356 BEFINDET SICH SO MANCHE

RARITÄT IM MUSEUM VON DR. KLAUS-OTTO

RÄKER. DER WEISSE 904 CARRERA GTS ODER

DER 718 RSK MIT DER BLANK POLIERTEN

ALUMINIUM-KAROSSERIE ZIEHEN DIE BLICKE DER

BESUCHER AUF SICH.

FÜR DAS THEMA PORSCHE HAT ER IMMER EIN

OFFENES OHR, WIE BEI DER UNTERHALTUNG MIT

HORST-DIETER »OSKAR« SCHNEIDER (UNTEN)

ANLÄSSLICH DES PORSCHE 356 JAHRESTREFFENS

2006 IN REGENSBURG.

« 21


22 »

ZU JEDEM SEINER FAHRZEUGE GIBT ES EINE

INTERESSANTE GESCHICHTE ZU ERZÄHLEN, AUCH

WENN SIE NICHT IMMER SO UNGEWÖHNLICH

IST, WIE DIE VON DEM PORSCHE 356 CARRERA

SPEZIAL COUPÉ AUS DEM JAHRE 1963.

neben einem Heckantrieb über einen während der Fahrt zuschaltbaren Frontantrieb.

Mit ihm wollte Porsche an der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik partizipieren.

Man unterlag aber im Ausschreibungsverfahren. Dr. Klaus-Otto Räker weiß zu berichten,

dass eine Produktion als zu teuer abgelehnt wurde.

Ein wirkliches Unikat ist das 356 Carrera Spezial Coupé von 1963. Es wurde von

einem Ingenieur bei Porsche konstruiert und als Einzelanfertigung in der Karosseriefachschule

Kaiserslautern realisiert. Die Stahlblechkonstruktion erwies sich in einigen

Rennen als zu schwer. Höhepunkt der Karriere des von einem 170 PS starken Vierzylindermotor

mit Königswelle angetriebenen Sportlers war ein 3. Platz beim Solitude-

Rennen 1963. Zur Sammlung gehört auch ein weißer 904 Carrera GTS, der für viele

Porsche-Fans als eines der schönsten Modelle der Sportwagenschmiede gilt und in Le

Mans Renngeschichte schrieb. Neben diesen Raritäten haben noch zahlreiche andere

Porsche den Weg nach Hörstmar gefunden. Dazu zählen heute ein 911 Carrera 2.7 RS

mit dem charakteristischen Entenbürzel von 1972, einige 928-Boliden mit dem bärenstarken

Achtzylindermotor sowie ein 356 Speedster von 1957, mit dem Dr. Räker

1998 am Louis Vuitton China Run teilgenommen hat. Auch das Treffen im selben

Jahr in Laguna Seca, bei dem man »50 Jahre Porsche« feierte und mit 15 Spydern im

Konvoi fuhr, ist ihm noch in bester Erinnerung. Genau das sind die Erlebnisse, die

zählen und ihn faszinieren. »Meine Autos sind zum Fahren da!«, sagt er und erinnert

sich freudestrahlend an die letzte Ausfahrt mit dem spartanisch offenen Spyder.

Wer die private Sammlung von Dr. Klaus-Otto Räker besichtigen möchte, hat jeden

Sonntag in der Zeit von 12.00 Uhr bis 16.00 Uhr Gelegenheit dazu. Dann begrüßt

der ausgewiesene Fachmann, der über jedes seiner Fahrzeuge genau Bescheid weiß, jeden

Besucher seines fein ausstaffierten Museums in Lemgo-Hörstmar persönlich. Hier

in dem ganz privaten Porsche-Eldorado findet jeder Porsche-Fan zwischen den vielen

Accessoires, Erinnerungsstücken und Rennplakaten Interessantes oder erfährt von

Dr. Räker mit dem ihm eigenen trockenen Humor Anekdoten, die zum Schmunzeln

und manchmal auch zum Nachdenken anregen.


IMMER KURZWEILIG UND AUFSCHLUSSREICH:

EIN BESUCH IM »D. KLEINE LEMGOER

AUTOMUSEUM« VON DR. KLAUS-OTTO RÄKER.

« 23


24 »

EIN PORSCHE 356 GMÜND COUPÉ

IST HEUTE AUCH AUF DEN GROSSEN TREFFEN

EINE ÄUSSERST SELTENE ERSCHEINUNG.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine