Gipfel der Verdrahtung - Mountain Wilderness Deutschland

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Gipfel der Verdrahtung - Mountain Wilderness Deutschland

ImpressumGipfel der VerdrahtungDokumentation über die starke Zunahme von Klettersteigenin Deutschland, Österreich und der SchweizHerausgeber:Mountain Wilderness Deutschland e.V.Waldstr. 31a82237 Wörthseehttp://www.mountainwilderness.demountain wilderness schweizSandrainstrasse 3CH-3007 Bernhttp://mountainwilderness.chAutorInnen:Kirsten Schütz & Michael PröttelWeitere Beiträge:Richard GoedekeThomas HäfligerGuido JablonskiKarin LankesHeinz WiedmannErste Auflage Mai 2013Titelbild und Rücktitel: A. Neumann, Klettersteig RichterspitzeSatz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal VerlagGedruckt auf RecyclingpapierWir bedanken uns bei PATAGONIA für die finanzielle Unterstützung.4


VorwortQuo vadis Klettersteige?Vielleicht erinnern Sie sich noch an jeneSommernacht im Juli 1969, als NeilArmstrong als erster Mensch seinen Fußin den Mondstaub setzte und das auchgleich sehr treffend kommentierte: „Thatist one small step for a man, one giantleap for mankind.“Da schaute alle Welt gebannt auf denErdtrabanten, ich auch, auf einemCampingplatz in Cortina d’Ampezzo. Dererste Mensch auf dem Mond – unglaublich!Ich schlürfte meine Cola, um wachzu bleiben, trotz der Steilwandtour am„Blitzableiter“ der Südlichen Fanisspitze.Nebensache? Für die Welt garantiert,für mich nicht, wie sich später herausstellensollte. Denn diese zufällige ersteBegegnung mit einem Klettersteig verliehmeinem (Bergsteiger-) Leben einen entscheidendenKick.Mehr als vierzig Jahre sind seithervergangen, geschätzte 2000-mal standich auf einer Via ferrata (ich hab’s niegezählt), was mir schließlich den (inoffiziellen)Titel eines „Klettersteigpapstes“einbrachte. Fast ein halbes Jahrhunderthautnah erlebte Klettersteiggeschichte –da muss man ja zum Chronisten werden.Der schaut mit einem lachenden undeinem weinenden Auge zurück. Zurückauf viele schöne Stunden in den Bergen,auf Herausforderungen im Steilfels, interessanteBegegnungen und tolle Erlebnisse.Die Klettersteige sind immer mehrgeworden über die Jahre, auf einen erstenBoom in den 1960er-Jahren folgtender nächste und der übernächste. Weitüber tausend Routen sind es mittlerweilealpenweit. Im Mittelpunkt stand bei denNeuanlagen immer weniger der Berg,zunehmend wichtiger wurde das Spektakel.Dieser Trend nahm seinen Anfang inFrankreich, bis 1990 eine klettersteigfreieZone, breitete sich nach und nach Ostenaus. Seilbrücken, Stahlgitter, Drehleitern– Hochseilgärten im Steilfels.Bergsteigen ade. Und das stimmt michals „Alpenoldie“ etwas traurig. Was hateine Installation wie jene am Gemmipassnoch mit dem Erlebniswert einer Civetta-Überschreitung gemeinsam? Das Eisen,ja, aber auf der „Alleghesi“ entführt esmich in eine faszinierend schöne Hochgebirgslandschaft,während es unterdem Skywalk im Wallis zum Selbstzweckgeworden ist: Nervenkitzel über demAbgrund.Der Trend ist eindeutig, ganz klar istauch, dass die Natur so zur Kulisseverkommt. Da könnte man diese Eisenparcoursja gleich in die Städte bauen,Hochhäuser stehen in Frankfurt oderBerlin genug. Es bestehen durchausParallelen zur Kletterszene: Kletterhallenund -gärten gibt’s en masse, dafür ist esan den Drei Zinnen still geworden. Das6


kann man begrüßen, und ich bin mir auchnicht sicher, ob heute das Projekt einesKlettersteiges am Jubiläumsgrat oder ander Moiazza noch Chancen hätte vor denAugen einer streng auf Naturschutz achtendenÖffentlichkeit. Schade eigentlich,finde ich. Aber das ist wohl eine etwasaltmodische Meinung.Übrigens: Der längste Klettersteig wirdalljährlich im fernen Nepal aufgebaut, ummehr oder weniger sportlichen Gipfelstürmernden Gänsemarsch zum höchstenBerg der Welt zu erleichtern. Das ist eineandere Geschichte – oder doch nicht?Eugen E. Hüsler7


EinführungDie anhaltende technische Erschließungder Alpen betrifft leider nicht nur neueSkilifte, Speicherteiche oder Aussichtsplattformen.Die Recherchen dervorliegenden Dokumentation von mountainwilderness schweiz und MountainWilderness Deutschland ergaben, dassallein in den vergangenen fünf Jahrenin den Schweizer, Österreichischen undDeutschen Alpen mehr als 100 neueKlettersteige errichtet wurden.Von der Gesamtzahl her hat Österreichmit 594 Anlagen sogar das „klassischeKlettersteigland“ Italien (496) überflügelt,während in Deutschland 206 und in derSchweiz 165 Steige auf Drahtseilartistenwarten. (Quelle: www.klettersteig.de,Stand 25.02.2013)Das Klettersteiggehen boomt also wiekaum eine andere Bergsportart, wasSportartikel-Hersteller, Hüttenwirte undTourismusdestinationen dazu veranlasst,immer mehr Felsflanken und Gipfelgratemit Drahtseilen zu verkabeln.Natürlich dürfen „spektakuläre Hängebrücken“,„nervenkitzelnde Seilrutschen“oder „360°-Strickleitern“ bei den (leiderteils sehr unfallträchtigen) Neubautennicht fehlen. Und so hält der Funpark-Charakter auch in dieser Spielart desBergsports immer mehr Einzug.Besonders bedauerlich ist es unsererMeinung nach, wenn klassische Kletterroutenvon neuen Klettersteigen überbautwerden oder wenn hochalpine Gipfelanstiegemit Stahlseilen verkabelt werden.Im Gegensatz zu den alpinen VereinenDAV, SAC, OeAV und CAA lehnen MountainWilderness Deutschland und mountainwilderness schweiz den Neubau von Klettersteigenim Gebirge grundsätzlich ab.Doch um nicht falsch verstanden zuwerden: Wir wollen mit dieser Publikationnicht das Klettersteiggehen grundsätzlichverteufeln. Auch der/die eine oder anderevon uns hat seinen/ihren ersten „alpinenGehversuch“ an einer klassischen ViaFerrata bewältigt.Und spätestens dann, wenn ein Kindergesichtnach Bewältigung des erstenrichtigen Klettersteigs den Papa vollerStolz anlacht (wie einer unserer Autoren2012 erlebte), müssen selbst „Alpin-Puristen“zugeben, dass Klettersteige auchSpaß vermitteln können.Und trotzdem: Genug ist einfach genug!Der Sinn und Zweck dieser Broschüreist es, mit einer möglichst umfassendenDokumentation auf den wirklich explosionshaftenAnstieg von Klettersteigenund dem damit verbundenen Anstieg vonUnfällen hinzuweisen und alle Verantwortlichenund Entscheidungsträger aufzufordern,keine weiteren Anlagen mehrzu errichten. Denn unsere Alpen sind nuneinmal – in jeder Hinsicht – übererschlossen.In den drei Teilen dieser Publikation wirdjeweils für Österreich, die Schweiz undDeutschland zunächst die Ausgangslage8


Teil I – ÖsterreichI aAusgangslageVon allen deutschsprachigen Alpenländernhat Österreich mit mehr als70 neuen Anlagen in den letzten fünfJahren die mit Abstand größte „Klettersteig-Explosion“erlebt.Zudem gibt es einen historischen Grunddafür, dass wir unsere dreiteilige Dokumentationim rot-weiß-roten Nachbarlandbeginnen: Am Hohen Dachstein wurde1843 der erste Klettersteig der Alpenerrichtet.Die Sicherung des Normalwegs aufden 2.995 Meter hohen Gipfel wurdeauf Anregung des berühmten FriedrichSimony durchgeführt, der seinen erstenGipfelanstieg als „recht abscheulichesKlettern“ empfand und daher Geld füreine Seilversicherung sammelte.26 Jahre später wurden am Großglockner400 Meter mit Drahtseilen versichert. 1878wurde ein weiterer Klettersteig am Dachsteinerrichtet. Zwischen 1894 und 1913wurden mit Teufelsbadstubensteig, Königschusswandsteigund Haidsteig gleich dreiEisenwege auf der Rax angelegt.Die ersten Klettersteige waren damalsnatürlich nur ein Mittel zum Zweck, aufden Gipfel zu gelangen.DachsteingipfelFoto: M. Pröttel10


Ein paar Ausnahmen gab es in denWiener Hausbergen. Dort entstanden imausgehenden 19. Jahrhundert die erstenKlettersteige mit sportlichem Charakter.An leiterartigen Steigbäumen ausEisen stiegen die ersten Klettersportleran senkrechten Felsen in die Höhe. Bisdaraus aber ein echter Trend wurde,vergingen fast 100 Jahre.Ausgehend von den in den 1960er-Jahren gebauten Klettersteigen inden Dolomiten (hier vor allem rundum Cortina d‘Ampezzo) setzte in den1970er- und 80er-Jahren vor allem inTirol (z.B. rund um Imst, im Stubaitalund am Arlberg) ein erstes Klettersteig-Baufieberein.Während in den 1990er-Jahren derKlettersteigboom etwas nachließ, schwolldie stählerne Welle ab der Millenniumswendelangsam, aber stetig wieder an.2007 warnte Günter Karnutsch (Obmannder Salzburger Berg- und Skiführer) aufeinem DAV-Bergforum mit dem Titel„Klettersteige – Alpinismus auf dem Eisenweg?“vor der ungezügelten Entwicklungin Österreich:„Jedes Jahr 20 bis 30 neue Anlagen,Rekorde seien angesagt: der Schwerste,der Längste, der Spektakulärste… Dieseaggressive Vermarktung wundere ihnnicht angesichts der Bauherrn: Dies seienmeist Unternehmer wie Seilbahn- undMautstraßenbetreiber oder Tourismusgemeinden.“Prominentes Beispiel für diese klassischeKonfliktsituation ist der stark frequentierteKletterssteig „Königsjodler“ am Hochkönig,der vor einigen Jahren trotz massiverBedenken der Naturschutzbehördemitten im heutigen EuropaschutzgebietKalkhochalpen (Natura 2000) gebautwurde.Zwar wurden im Hinblick auf bestehendeklassische Kletterrouten Projekte ausden 1990er-Jahren am Kopftörlgrat undan der Schüsselkarspitze nicht realisiert.Andererseits empfanden nicht wenigeden Bau des Intersport-Klettersteigs(Donnerkogel/Gosaukamm) als Sakrileg,da der legendäre Kletterer Paul Preußdie Route bei der ersten Überschreitungdes Berges geklettert war.Der Österreichische Alpenverein (OeAV)legt in der „Arbeitsgebietsordnung Hüttenund Wege“ fest: „Neue Wege, einschließlichder Weitwanderwege und ihrerMarkierung sowie Klettersteige dürfenvon den Sektionen nur angelegt werden,wenn der Bundesausschuss vorher seineZustimmung erteilt hat. Diese darf nurgegeben werden, wenn die Notwendigkeitunter Anlegung strengster Maßstäbe11


festgestellt wird, die Finanzierung derentstehenden Kosten gesichert und dieEinwilligung der betroffenen Grundeigentümernachgewiesen ist.Für die Errichtung von Klettersteigen istder von DAV und OeAV ausgearbeiteteKriterienkatalog für die Errichtung vonKlettersteigen (siehe Teil III) zugrunde zulegen.“Nach Angaben des OeAV wurden seitErstellung und Verabschiedung diesesKriterienkataloges zwei Klettersteigprojekte(Absamer Klettersteig sowie SinabellSüdwand, beide aus dem Jahr 2011)von OeAV-Sektionen eingereicht. Diesewurden durch den Bundesausschuss positivbeurteilt und damit die Zustimmungfür den Bau erteilt.Zudem gibt es neben diesen beidenProjekten weitere Klettersteige, beidenen OeAV-Sektionen in unterschiedlichstarkem Ausmaß beteiligten waren/sind – jedoch nicht als alleinige Errichter/Betreiber. Dazu liegen laut OeAV jedochkeine genauen Informationen vor.Sehr kritisch sehen die Entwicklung inÖsterreich die Vertreter der Bergrettung.„Es kann nicht sein, dass die Berge zueiner Arena für Vergnügungssüchtigegemacht werden“, sagte 2009 FriedrichSeidl, Leiter der Bergrettung Steiermark,wo zuvor die extrem schwierige Arenavariantedes Bürgeralm-Klettersteigs (sieheunten: Fallbeispiele) für Aufsehen undKopfschütteln gesorgt hatte.Zudem klagt die Bergrettung über immermehr Einsätze (siehe weiter unten:Zunahme von Unfällen), weshalb einemBericht der österreichischen TageszeitungDie Presse zufolge 2009 in derSteiermark sogar ein Verbot für den Bauweiterer Klettersteige gefordert wurde.Auch der bekannte Klettersteig-FührerautorAxel Jentzsch-Rabl kam 2009 zu demSchluss, „dass ein Punkt erreicht sei,an dem man sich fragen sollte, ob dasKlettersteiggehen überhaupt noch mitechtem Bergsteigen zu tun habe“.12


Sowohl Sinabell (unten) alsauch Absamer Klettersteigfanden die Zustimmung desOeAV BundesausschussFotos: www.geocaching.debzw. www.ramsau.com13


I bKlettersteigliste ÖsterreichVon 2008 bis 2012 wurden der nachfolgendenAuflistung zufolge sage undschreibe 73 neue Klettersteige in Österreicherrichtet. Da unsere Recherchenkeinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben,ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß,dass die tatsächliche Gesamtzahl vonNeuerschließungen noch darüber liegt.Im Folgenden sind die Klettersteige nachJahren und dort wiederum alphabetischgeordnet. Wenn nach dem Klettersteignamen„(neu)“ hinzugefügt ist, bedeutetdies, dass auf dem entsprechenden Bergbereits versicherte Stellen vorhandenwaren, diese aber nun zu einem (weitgehend)durchgehenden Drahtseilanstiegverbunden wurden.2012Adolari KS Loferer Steinberge/Tirol Fun-KlettersteigDopamin KS Lienzer Dolomiten/Osttirol Sport-KlettersteigFamilien KS Lienzer Dolomiten/Osttirol Fun-KlettersteigFernergries KS Ötztaler Alpen/Tirol Fun-KlettersteigFranzl KS Radstädter Tauern/Bl. Salzburg Sport-KlettersteigGamsblick KS Totes Gebirge/Steiermark Alpiner KlettersteigGroßer Priel, SO-Sporn Totes Gebirge/Oberösterreich Alpiner KlettersteigKS Arena Höhenburg Hohe Tauern/Bl. Salzburg Alpiner KlettersteigHolderli Seppl KS Ötztaler Alpen/Tirol Sport-KlettersteigKitzlochklamm KS Goldberggruppe/Bl. Salzburg Sport-KlettersteigMahdlgupf KS Salzkammergut/Oberösterreich Alpiner KlettersteigMarokka KS Kitzbüheler Alpen/Tirol Sport-KlettersteigMöllschlucht KS Schobergruppe/ Kärnten Fun-KlettersteigObergurgler KS Ötztaler Alpen/Tirol Sport-KlettersteigSinabell KS Dachstein/Steiermark Sport-KlettersteigStafflacher KS Tuxer Alpen/Tirol Sport-Klettersteig2011Absamer KS Karwendel/Tirol Alpiner KlettersteigAmon KS Dachstein/Steiermark Alpiner KlettersteigBergkameraden KS Chiemgauer Alpen/Tirol Sport-KlettersteigFamilien KS Hirschkarspitze Gasteinertal/Bl. Salzburg Fun-KlettersteigGroßer Kinigat KS Gailtaler Alpen/Kärnten Alpiner KlettersteigHochkogel KS Totes Gebirge/Oberösterreich Alpiner KlettersteigHTL Wels KS Höllengebirge/Oberösterreich Alpiner KlettersteigKöllenspitze KS Tannheimer Berge/Tirol Alpiner KlettersteigBuchau KS Rofan/Tirol Sport-Klettersteig14


Katrin KS Salzkammergut/Oberösterreich Sport-KlettersteigSchwärzenkamm KS Ötztaler Alpen/Tirol Alpiner KlettersteigLeopold KS Mur Randgebirge/Steiermark Sport-KlettersteigMauskarspitze KS Gasteinertal/Bl. Salzburg Fun-KlettersteigMillnatzenklamm KS Gailtaler Alpen/Kärnten Fun-KlettersteigMödlinger KS Wienerwald/Niederösterreich Sport-KlettersteigOttenalm KS Chiemgauer Alpen/Tirol Sport-KlettersteigPfeilspitzwand KS Zillertaler Alpen/Tirol Sport-KlettersteigPostalmklamm KS (F Variante) Salzkammergut/Bl. Salzburg Fun-KlettersteigSilver Bullet KS Goldberggruppe/Bl.Salzburg Fun-Klettersteig2010Adrenalin KS Lienzer Dolomiten/Osttirol Sport-KlettersteigAnna KS Dachsteingebirge/Steiermark Alpiner KlettersteigDreifaltigkeit KS Karawanken/Kärnten Sport-KlettersteigFünf-Gipfel-KlettersteigFoto: M. Zahel15


Echernwand KS Dachsteingebirge/Oberösterreich Sport-KlettersteigErlebnissteig Kanzelwand Kleinwalertal/Tirol Sport-/Fun-KlettersteigFünf-Gipfel KS Rofan/Tirol Alpiner KlettersteigGamssteig Ötztaler Alpen/Tirol Sport-KlettersteigGletschergoaß KS Hohe Tauern/Bl. Salzburg Sport-KlettersteigHanauer KS Lechtaler Alpen/Tirol Sport-KlettersteigHohe Geige W-Grat (neu) Ötztaler Alpen/Tirol Alpiner KlettersteigKupfergeist KS Niedere Tauern/Bl. Salzburg Sport-KlettersteigLachenspitze Nordwand KS Allgäuer Alpen/Tirol Alpiner KlettersteigLaserer Alpin SteigDachsteingebirge/Oberösterreich Sport-/Fun-KlettersteigLeite KS Mieminger Gruppe/Tirol Sport-KlettersteigNaturpark KS Nasenwand Zillertaler Alpen/Tirol Sport-KlettersteigOberst-Gressel KS (neu) Karnische Alpen/Kärnten Sport-KlettersteigRöngg- und Röbischlucht KS Rätikon/VorarlbergFun-KlettersteigSchmied KSDachsteingebirge/Oberösterreich Sport-KlettersteigVaude Schmugglersteig Montafon/Vorarlberg Alpiner KlettersteigSteinbocksteig Ötztaler Alpen/Tirol Sport-KlettersteigTürkenkopf KS Bachergebirge/Kärnten Sport-KlettersteigWinkelturm O-Grat KS Karnische Alpen/Kärnten Alpiner KlettersteigTassilo KlettersteigFoto: M. Zahel16


Seekofel KlettersteigFoto: M. Zahel2009Bürgeralm KS Hochschwab/Steiermark Sport-KlettersteigDrachenwand KS Salzkammergut/Oberösterreich Sport-KlettersteigFalkensteig Nockberge/Kärnten Alpiner KlettersteigKala KSSalzb. Schieferalpen/Steiermark Fun-/Sport-KlettersteigRifa Übungs KS Montafon/Vorarlberg Fun-KlettersteigRichterspitze KS (neu) Zillertaler Alpen/Tirol Alpiner KlettersteigTassilo KS Totes Gebirge/Oberösterreich Sport-KlettersteigWeiße Gams KS Steinernes Meer/Bl. Salzburg Sport-KlettersteigZahme Gams KS Steinernes Meer/Bl. Salzburg Sport-KlettersteigPfannknecht KS Silvretta/Tirol Alpiner Klettersteig2008Imster-Wasserfall KS Lechtaler Alpen/Tirol Fun-KlettersteigKufsteiner KS Wilder Kaiser/Tirol Alpiner KlettersteigSeekofel KS Lienzer Dolomiten/Osttirol Alpiner KlettersteigSiega KS Dachsteingebirge/ Steiermark Sport-KlettersteigSteinwand KS Ötztaler Alpen/ Tirol Sport-KlettersteigStuibenfall KS Ötztaler Alpen/ Tirol Sport-/Fun-Klettersteig17


I cFallbeispieleIm folgenden Kapitel wollen wir an ausgewählten Beispielen aufzeigen,welch seltsame Blüten beim Bau von neuen Klettersteigen aus österreichischenFelsen sprießen.GlödisFoto: R. Goedeke18


Glödis – Sündenfall im NationalparkBaujahr: 2006Region: OsttirolSchwierigkeit: B/CDer Glödis war von Natur aus ein Bergmit deutlich höheren Schwierigkeiten alsdie anderen Berge der Schobergruppe.Nicht nur nach der technischen Kletterschwierigkeit(die am Normalweg bis IIreicht), sondern auch nach der Ernsthaftigkeitals steiler Dreitausender. Undweil er in der Kernzone des NationalparksHohe Tauern liegt, war eigentlichzu erwarten, dass das so bliebe. Nichtzuletzt, weil der Alpenverein auch inseinen Beschlüssen zu Klettersteigenim Interesse des Friedens zwischen denAnhängern der verschiedenen Spielformendes Bergsteigens klar festgelegt hat,dass Klettersteige nicht über bestehendeKletterrouten gelegt werden sollen.Am Glödis wurde gegen alle diese Regelnkrass verstoßen: Obwohl es in derSchobergruppe mit dem Petzeck, demHochschober, dem Hohen Prijakt undeiner ganzen Reihe anderer Gipfel auchfür Bergsteiger gemäßigter Leistungsfähigkeitmehr lohnende Ziele gibt, wurdedort in einem Handstreich eine Verbauungder eine hübschen Kletterroute desGrades III bietenden Südostgrates zueinem Klettersteig durchgeführt.Zweitens wurde der Klettersteig miteiner Unmenge von Drahtseil, Trittstiftenund Leitern so kleinschrittig gestaltet,dass der Aufstieg über den Grat nun dieSchwierigkeit A0 und lediglich einigeMeter Schwierigkeitsgrad I – also deneiner Feuerleiter – hat. Genau besehenerscheint das wie ein Versuch derAuftragsbeschaffung für die Bergwacht.Denn dieser Steig ist wegen seines Verlaufsüber den Grat extrem blitzgefährdet.Obendrein werden mit dieser SorteKlettersteig auch Leute in den Steiggelockt, die bei einem – durch Blitz oderSteinschlag jederzeit rasch möglichen –Schaden dort in der Hochregion blockiertsind und dann nicht aus eigener Kraftwieder herunter können.Drittens wurde mit diesem Steig denBergsteigern, die die Berge so als Herausforderungannehmen wollen, wie dieNatur sie geschaffen hat, sowohl dieseschöne, luftig und in gutem Gesteinverlaufende Route als auch die natürlicheSonderstellung des Berges weggenommen.Erstens wurde damit mitten in der Kernzoneeine Erschließungsmaßnahme mitgroßräumigen intensiven Eingriffen undmassenhaftem Einbringen von metallenenInstallationen vorgenommen.19


Bürgeralm Klettersteig – „Zusätzliche Seilsicherung obligatorisch“Baujahr: 2009Region: SteiermarkSchwierigkeit: FDer Klettersteig Bürgeralm ist ein Beispieldafür, wie mit einem extremen Schwierigkeitslevelum Aufmerksamkeit gekämpftwird: „Die sogenannte Arenavariante istvielleicht der derzeit schwerste Klettersteig“,sagte Führer-Autor Axel Jentzsch-Rabl in einem Beitrag des MagazinsALPIN. Eine Begehung im herkömmlichenStil (also nur mit dem Klettersteigsetgesichert) sei gefährlich, da man beieinem Sturz wahrscheinlich sehr hart indas Klettersteigset falle und eventuellzusätzlich an die Felswand schlägt, soder ausgewiesene Klettersteigexperte.Deshalb empfahl Jentzsch-Rabl, aufjeden Fall ein Sicherungsseil mitzuführenund nur Begehungen mit einem Kletterpartnerzu unternehmen. Zudem stellteer die Frage nach der Sinnhaftigkeit derschweren Steiganlage: „Die Initiatorenhaben einen Grenzfall geschaffen. Diekurze, extreme Arenavariante wird medialsicher ein großes Echo auslösen undviele auf die Bürgeralm locken.“Dabei ist der Rest der Route unspektakulär.„Ohne diese schwere Variante wäreder eigentliche Bürgeralm-Klettersteigeher uninteressant, da die Route meistim Wald verläuft und – im Vergleich mitanderen Klettersteigen – wenige lohnendePassagen hat“, betonte Jentzsch-Rablund warnte: „Wer im Fels nicht mindestensden siebten Schwierigkeitsgrad klettertoder sich auf E-Klettersteigen wirklichspielt, sollte die Finger davon lassen.“20


Stafflacher Klettersteig – „Infrarotzählwerk belegt Klettersteigboom“Baujahr: 2012Schwierigkeit: CRegion: Tuxer AlpenDer Stafflacher Klettersteig bei St. Jodok(Tuxer Alpen) wurde bereits in der erstenSaison seines Betehens von ca. 6000Klettersteiggehern besucht. Die BergrettungSt. Jodok hatte den Klettersteigerrichtet und dabei ein Infrarot-Zählwerkinstalliert, der die Begehungen dokumentiert.Im Durchschnitt kamen 55 Klettereram Tag. Am 9. September 2012 verursachteein Andrang von 460 BesuchernWartezeiten am Einstieg. Zudem wurdenauch Nachtbegehungen registriert, wasin Bezug auf die die mögliche Unfallgefahrnatürlich nicht unproblematisch ist.Stafflacher KlettersteigFoto: B. Ziegler21


Galitzenklamm – „Vier Steige … eine Klamm“Baujahr: bis 2012Schwierigkeit: bis FRegion: OsttirolSeit Sommer 2012 warten in der OsttirolerGalitzenklamm vier verschiedeneKlettersteige auf hormonausschüttungsaffineUrlauber. Zumindest legen das dieNamen der zwei neuesten Kreationen„Dopamin Klettersteig“ und „AdrenalinKlettersteig“ nahe. Der Letztgenanntewurde für einen einheimischen Bergsteigerallerdings zum tödlichen Verhängnis(siehe Seite 24).Elferturm – „Steigklammern statt Felstritte“Baujahr: 2000Schwierigkeit: DRegion: Stubaier AlpenHier der interessante Beitrag einesForenteilnehmers zum Thema „Berge inKetten“ auf www.gipfeltreffen.at:„Leider stelle ich fest, dass das, was manheutzutage in Nordtirol Klettersteig nennt,mich gar nicht mehr anzieht. Weil manzum Teil fast NUR NOCH auf Eisen läuft.Das entspricht zwar dem Ausdruck ‚Viaferrata‘, hat aber mit Klettern – wie ich esmir vorstelle – nichts mehr zu tun.Da gibt es z.B. den Klettersteig Elferkofel(Stubai), bei dem Steigklammern direktüber schöne, bequeme Naturtritte gesetztwurden. Im direkt anschließendenKlettersteig Elfertürme gibt es noch nichteinmal mehr ein Sicherungsseil. Bei derAnzahl von Klammern hat man das fürunnötig befunden. Letztes Jahr erfuhr ichvom Hüttenwirt auf dem Padasterjochhaus,dass in der Südwestschlucht zurTorsäule ein neuer Klettersteig eingerichtetwerden soll. Die Route ist eineschöne 2-3, muss nur vom Bruchgeröllbefreit werden. Auf meine Bemerkung‚Hoffentlich ohne Klammern‘ bekam ichdie Antwort: ‚Ohne Klammern geht dasnicht, da bleiben die Leute ja reihenweisestecken, weil sie nicht klettern können,und kommen nicht mehr weiter.‘“22


Besonders bedauernswert ist es, wenn klassische Anstiege zu großen 3000ern,wie bei der Hochalmspitze, durchgehend verdrahtet werden.Foto: M. Pröttel23


I dZunahme von Klettersteigunfällen in ÖsterreichRasante Seilrutschen, schwindelerregendeHängebrücken, superextremeSteilpassagen … beim Neubau vonKlettersteigen ziehen Funpark-Elementeimmer öfter in die Berge ein. Diesestellen zusätzlich zu den objektiven undsubjektiven alpinen Gefahren ein sehrgroßes Gefahrenpotenzial dar.Hier eine Liste an tragischen Unfällenaus den Österreichischen Alpen, die keinenAnspruch auf Vollständigkeit erhebt,aber dennoch aufzeigt, dass gerade inden letzten Jahren die Unfallhäufigkeitextrem zunimmt.Im Sommer 2000 stürzte ein 18-jährigerSchüler bei der Benutzung der Seilbahneines Klettersteigs am Kanzianiberg(Kärnten) 30 Meter in die Tiefe und verstarbnoch an der Unfallstelle.Im Sommer 2004 kam eine Frau am„Pioniersteig“ (Toblach/Südtirol) durchAbsturz ums Leben. Die 45-Jährigerutschte aus und stürzte annähernd 50Meter in die Tiefe.Im Sommer 2006 rutschte ein jungerMann am Postalmklamm-Klettersteig(Salzkammergut) aus und stürzte aus50 Metern Höhe in den Hochwasser führendenRußbach. Laut Bergrettung dürfteder Mann auf der Stelle tot gewesen sein.Seine Freundin war Zeugin des Unfalls.Im Sommer 2007 stürzte ein Bergsteigerauf dem Kaiserschild-Klettersteig in derSteiermark tödlich ab. Einer der Ästeseiner Klettersteigbremse hing, wegenfalscher Handhabung an der Gabelungausgerissen am Drahtseil. Der Restbefand sich am Gurt des Opfers.Im Herbst 2009 musste wegen einesUnfalls am Flying Fox des KönigsjodlerKlettersteigs (Hochkönig) der Bergrettungshubschrauberzu Hilfe gerufenwerden.Im Herbst 2010 spielte sich eine tödlicheTragödie am Klettersteig „Adrenalin“in der Galitzenklamm (Osttirol) ab. Ein43-jähriger Einheimischer stürzte beiseiner Begehung 50 Meter in den Tod.Wie es zum Unfall kommen konnte, wurdenicht restlos geklärt. Sowohl falscheSelbstsicherung als auch Schäden amSteig wurden damals nicht ausgeschlossen.Im Frühling 2011 unternahmen ein45-jähriger Bergsteiger aus Unterhartund ein 26-jähriger Bergsteiger ausWels eine Klettertour im Bereich derAlberfeldkogel-Nordwand (Höllengebirge).Auf einem neu errichteten Klettersteigrutschte der jüngere Bergsteigerab und riss in der Folge die mobilenSicherungsgeräte aus ihrer Verankerung.Er stürzte – sich mehrfachüberschlagend – etwa zehn Meter abund verletzte sich dabei unbestimmtenGrades. Der junge Mann wurde vomBergrettungsdienst geborgen und mitdem Rettungshubschrauber ins Krankenhausgeflogen.24


Im Herbst 2011 entdeckten zwei Klettererwährend ihres Zustiegs zu einerRoute an der Vorderen Karlspitze inEllmau einen Flying Fox. Einer von ihnenfixierte an seinem Hüftgurt eine Schlingeund klinkte seine Karabiner in das Stahlseil,um über ein Bachbett zu gleiten. AmEnde der Seilrutsche prallte er ungebremstan den Baum, an dem das Seilfixiert war. Der Aufprall war so hart, dasser sich einen Becken- und Oberschenkelbruchsowie eine Handwurzelknochenfrakturzuzog.Im Herbst 2011 stürzten zudem einMann am „Fünf-Gipfel-Klettersteig“ (Rofan)sowie ein Mann am „Sonnenspitze-Klettersteig“ (Mieminger Gruppe) in dieTiefe. Beide zogen sich tödliche Verletzungenzu.Unfalleinsatz LachenspitzeFoto: R. Paul25


Insgesamt nahmen im Jahr 2011 lautder Bergrettung Salzburg die Unfälle inKlettersteigen erheblich zu. Ein Problemsei den Experten zufolge die erheblicheZunahme an Klettersteigen und derenSchwierigkeitsgrade. Neue Klettersteigeseien häufig darauf ausgelegt, denTouristen einen besonderen Nervenkitzelzu bringen, sodass bewusst auf„Rastorte“ verzichtet werden würde. DerTrend, dass jede Gemeinde touristischdurch einen besonders anspruchsvollenKlettersteig auffallen möchte, sieht dieBergrettung Salzburg mit Sorge.Die Saison 2012 verlief ebenfalls unfallträchtig:Im Juli gab es einen tödlichen Absturzauf dem „Köllenspitze Klettersteig” (AllgäuerAlpen).Im August verließen einem unerfahrenenKlettersteiggeher am Direttissima-Klettersteig (Ottenalm) die Kräfte under stürzte drei Meter bis zur nächstenSeilverankerung. Am Ankerpunkt rissenbeide Schlauchbänder des verwendetenKlettersteigsets, woraufhin der jungeMann ca. 100 Meter über senkrechtesFelsgelände bis unterhalb des Einstiegesabstürzte und tödlich verunglückte. AlsKonsequenz rief die Herstellerfirma Edelridmehrere Klettersteigsets der letztendrei Produktionsjahre zurück.Ebenfalls im August überlebte einKlettersteiggeher einen Absturz am„Bergkameraden Klettersteig“ (GemeindeWalchsee) nur schwer verletzt sowie einweiterer einen Absturz am „Postalm-Klettersteig“(Flachau) schwerstverletzt.Im Herbst 2012 stürzte ein Bergsteigerim Rofan 200 Meter in den Tod. Der70-Jährige war alleine und ungesichertam Klettersteig Haidachstellwand unterwegsgewesen. Nachdem er den Gipfelerreicht hatte, wollte er wieder über denmittelschweren Klettersteig abklettern.Vermutlich im Bereich einer Seilbrückedürfte er den Halt verloren haben. Daraufstürzte er rund 200 Meter über eine Steilrinnetödlich ab.Ebenfalls im Herbst 2012 starb eine Frauauf dem schwierigen Königsjodler-Klettersteig(Hochkönig) an Erschöpfung.Dieser tragischen Unfallentwicklung entsprechendwarnte das Tiroler Kuratoriumfür alpine Sicherheit in seiner Sommerbilanz2012 vor zu viel Leichtsinn:Insgesamt war die Bergrettung auf 90Klettersteigeinsätzen tätig. Die Klettererhatten sich überschätzt und waren zu vielRisiko eingegangen, so Peter Veider vonder Bergrettung: „Und wenn wir die Leutedann darauf aufmerksam machen, dannkriegen wir höchstens noch eine blödeRückmeldung. Das Motto lautet, wennwas passiert, ruf den Hubschrauber. Nurwenn etwa das Wetter nicht mitspielt,dann kann das leicht ein fataler Unfallwerden.“26


I eFazitNicht nur „Bergpuristen“, sondern auchBergrettungs-Einsatzkräfte und Fachleuchtekritisieren die in Zusammenhangmit neuen Tourismuskonzepten stehendeEntwicklung und weisen darauf hin, dassdie Natur sei nicht nur „schön und trendig“sondern auch gefährlich sei.So kann man über den Slogan „Klettersteigeim Montafon – Die Königsdisziplinbeim Klettern!“ der Montafon TourismusGmbH eigentlich nur den Kopf schütteln.Wenn es diesbezüglich eine Königsdisziplingibt, dann ist diese das genaueGegenteil des Klettersteiggehens.Nämlich das alpine Klettern mit mobilenSicherungsmitteln… welches übrigens von mountainwilderness schweiz mit der Kampagnekeepwild! climbs seit Jahren erfolgreichgefördert wird (www.keepwildclimbs.ch).Fazit: Gerade in Österreich wäre einzeitnahes Moratorium zum Klettersteigneubauwirklich angebracht.27


Exkurs: Rechtliche GrundlagenIn Österreich und Deutschland bedarfdie Errichtung eines Klettersteiges i.d.R.der schriftlichen Zustimmung des Grundeigentümers.Für Deutschland gilt: Klettersteige sindan sich bauliche Anlagen, die dem Bauordnungsrechtunterstehen. Das Bauordnungsrechtist Landesrecht, das in deneinzelnen Bundesländern unterschiedlichist. Es empfiehlt sich daher, die Frage derBaugenehmigung vorab mit der jeweilszuständigen Bauaufsichtsbehörde zu klären.Die naturschutzrechtlichen Vorgabenim jeweiligen Gebiet müssen berücksichtigtwerden. Dabei sind regionale, nationaleund internationale Bestimmungen zubeachten.In Österreich ist, je nach Bundesland,eine „naturschutzrechtliche Bewilligung“erforderlich. Als Behörden sind dieBezirkshauptmannschaften bzw. dieMagistratsabteilungen (Umweltreferate)zuständig. In Deutschland sind die jeweiligenKreisverwaltungsbehörden (Landratsämter)erste Ansprechpartner.Der Erschließer bzw. Träger übernimmtdurch die Anlage eines KlettersteigesAbsicherungspflichten und muss dieordnungsgemäße Errichtung und regelmäßigeInstandhaltung sicherstellen.Zivilrechtlich gehaftet wird für ein Verhalten,das ursächlich für das unerwünschteErgebnis (Schaden) sowie rechtswidrigund schuldhaft ist.Mindestens einmal jährlich (in der Regelbei Saisonbeginn nach der Frost- undTauperiode) und bei Hinweisen aufSchäden sind protokollierte Begehungen(Kontrollen) durch fachkundige Personendurchzuführen. Wenn sicherungstechnischeMängel festgestellt werden, ist derKlettersteig sofort durch den Halter zusperren.Auch in der Schweiz handelt es sich beiKlettersteigen um bewilligungspflichtigeAnlagen. Die Bewilligung von Bauten außerhalbvon Bauzonen (was bei Klettersteigendie Regel darstellt) ist grundsätzlicheine Aufgabe des Bundes, welcherdiese jedoch an die Kantone delegierthat. Baubewilligungen für Klettersteigeaußerhalb von Bauzonen müssen folglichimmer von einer kantonalen Behördeerteilt werden.Das Baugesuch wird bei der jeweiligenGemeinde eingereicht, welche eineEmpfehlung macht und das Gesuch anden Kanton weiterleitet. Die zuständigeBehörde prüft das Gesuch und entscheidet,gegebenenfalls nach Absprachemit anderen Fachstellen (z.B. Amt fürUmwelt).Besteht ein Baugesuch für einen Klettersteiginnerhalb des Bundesinventares fürLandschaften und Naturdenkmäler vonnationaler Bedeutung (BLN-Gebiet) undbestehen erhebliche Beeinträchtigungen28


oder stellen sich grundsätzliche Fragen,so ist die Eidgenössische Natur- undHeimatschutzkommission ENHK fürein Gutachten anzufragen. Die ENHKwurde in verschiedenen Fällen schon fürGutachten bezüglich Klettersteige beigezogenund hat die Erstellung derselbenauch schon abgelehnt.Momentan sind Klettersteige nicht Teilder Umweltverträglichkeitsprüfungs-(UVP-)Verordnung, somit ist nicht zwingendeine UVP zu erstellen. Die Anlagetypen,welche in der UVP-Verordnungaufgeführt sind und für die eine UVPzu erstellen ist (z.B. beschneite Skianlagen),sind in Bezug auf Größe undBenutzungszahlen mit einem Klettersteigschwer zu vergleichen. Eine Aufnahmevon Klettersteigen in die UVP-Verordnungwäre allerdings ein großer Schrittin Richtung naturverträglicher Bergsport,welchen mountain wilderness schweizsehr begrüßen würde!29


Teil II – SchweizII aAusgangslageDas Klettersteig-Virus hat die Schweiz inden 1990er-Jahren erfasst und seitdemfest im Griff. Der erste moderne Klettersteigin der Schweiz wurde 1993 mit demTälli-Klettersteig im Grimselgebiet imKanton Bern eröffnet. Weitere folgten wenigeJahre später mit dem SchwarzhornKlettersteig bei Grindelwald (1995), demTitlis Klettersteig bei Engelberg (1997),der Via Ferrata Diavolo in der Schöllenenschluchtbei Andermatt (1997), demBaltschieder Klettersteig im Wallis (1998)und dem Daubenhorn Klettersteig beiLeukerbad (1998). Dieser Trend setztesich auch im neuen Jahrhundert ungebrochenfort (siehe folgende Abbildung),sodass mountain wilderness schweizsorgenvoll auf die zukünftige Entwicklungdes Klettersteigbauens blickt.In vielen Fällen wurden Klettersteig-Vereine bestehend aus Seilbahnbetreibern,Hotels, Restaurants, Hütten undBergsportanbietern gegründet, um für dieneuen Klettersteige eine Finanzierungzu sichern. Das Wettrüsten ist nach wievor im Gange und die neuen Publikumsmagnetenwerden mit Hängebrücken,Tyroliennes, Flying Foxes und luftigenLeitern ausgestattet, um in der Masseaufzufallen.Heute bestehen rund 75 „echte“ Klettersteigein der Schweiz, wobei die Quantifizierungstark von der Zählweise abhängt.In der Datenbank von www.klettersteig.dewerden derzeit 165 Klettersteige für dieSchweiz gelistet, womit die Schweizdas Schlusslicht aller großen Alpenländerbzgl. der Anzahl von Klettersteigendarstellt. Diese Zahl beinhaltet allerdingsunzählige, auch nur teilweise gesicherteSteige, Wege und alpine Routen, bei welchender Übergang zu einem Klettersteigfließend ist. Für die vorliegende Dokumentationwurden aber explizit nur dieKlettersteige aufgenommen, bei welcheneine Sicherung mit einem Klettersteigsetangezeigt ist und dazu auch ein Drahtseilvorgesehen ist.mountain wilderness schweiz hat schonzur Jahrtausendwende begonnen, dasThema Klettersteige in der Öffentlichkeitzu diskutieren. Unter dem Motto „Klettersteige– neue Pfade oder Holzwege“wurde eine Podiumsveranstaltung mitallen betroffenen Organisationen imJanuar 2000 in Göschenen durchgeführt.Vertreter der schweizerischen Bergführer,Bergsteigerschulen und Tourismusorganisationenbetonten die wirtschaftlicheBedeutung der Klettersteige fürihren Berufsstand. Als Schlecht-WetterAlternative, Ausbildungsgelände odereinfach nur Trendsport-Spielplatz seienKlettersteige eine willkommene Bereicherungim Bergsport. mountain wildernessschweiz steht der ganzen Entwicklung30


Klettersteige SchweizQuelle: MW Schweizsowohl damals als auch heute deutlichkritischer Gegenüber und fordert einKlettersteigmoratorium in naturnahen,schützenswerten Berglandschaften undeine generelle Umweltverträglichkeitsprüfung(UVP) für den Neu- und Ausbau vonKlettersteigen.Auch der Schweizer Alpen-Club (SAC)beschäftigt sich mit dem Thema Klettersteige:„Der SAC steht klettersportlichenErschließungs- und Sanierungsvorhaben,insbesondere solchen mit breitensportlicherZielsetzung, grundsätzlich positivgegenüber.“ So lautet der einleitendeSatz der Position des SAC Zentralverbandes.Zum Einrichten von Klettersteigengilt der Grundsatz „Ja, aber mitZurückhaltung“. Der SAC bezeichnetKlettersteige eindeutig als Teil des bergsportlichenAngebotes, jedoch beteiligter sich nur auf Sektions-Ebene an derErstellung von Klettersteigen. Der Zentralverbandwünscht sich eine zurückhaltendeErschließungspraxis gemäß seinengeltenden Umweltrichtlinien.Im Jahr 2005 wurde auf Initiative desSAC beim nationalen Klettersteig-Forumin Engelberg mit Vertretern aus Tourismus,Bergsport, Naturschutz sowieGemeinde- und Kantonsvertretern eineKlettersteig-Charta erarbeitet. Sie wurdenach einer Vernehmlassung 2007 veröffentlichtund wird von diversen Natur-,Berg- und Tourismusorganisationen sowiedem Bundesamt für Umwelt (BAFU)getragen. mountain wilderness schweizbegrüßte die Erstellung der Chartaund deren Stoßrichtung grundsätzlich,unterzeichnete die Charta jedoch nicht,insbesondere weil die darin genannteObergrenze von 100 Klettersteigen als zuhoch betrachtet wurde.31


II bCharta von EngelbergIn der Charta heißt es wörtlich im AllgemeinenTeil:„Es braucht ein Nebeneinander von technischerschlossenen und nicht erschlossenenGebieten und Geländekammern inden Alpen. Klettersteige stellen einerseitseine wertvolle Ergänzung im touristischenAngebot des Berggebiets und unter denbergsportlichen Aktivitäten dar, andererseitssind sie Eingriffe in die Natur undLandschaft. Die Errichtung von neuenKlettersteigen soll sich deshalb innerhalbvon gewissen Grenzen bewegen.Heute gibt es ungefähr 40 moderneKlettersteige in der Schweiz (Stand2005). Um eine nachhaltige Entwicklunggewährleisten zu können, wird eine maximaleAnzahl von rund 100 Klettersteigenals sinnvoll erachtet.“Hinsichtlich der Planung neuer Klettersteigewurde festgelegt:„1. Klettersteige sollen ausschließlich inGebieten angelegt werden, die bereitsüber touristische Infrastrukturenverfügen.2. Im unerschlossenen Hochgebirge sollenkeine neuen Klettersteige erstelltwerden.3. Regionale Konzepte (Richtpläne, NutzundSchutzkonzepte, Tourismuskonzepte,etc.) sind auch für Klettersteigegültig.4. Bei der Planung eines neuen Klettersteigessind die in der Regionbetroffenen und interessierten Kreise,insbesondere auch des Natur- undLandschaftsschutzes, frühzeitig einzubeziehen.5. Zu- und Abstieg sind Bestandteildes Klettersteiges und müssen indie Planung einbezogen werden(Benutzerlenkung und -information).Klettersteige sollten mit öffentlichenVerkehrsmitteln erreichbar sein.“In Bezug auf Ausrüstung und Technikeinigten sich die Beteiligten folgendermaßen:„6. Die Routen werden so angelegt,dass keine negativen Einwirkungenauf geschützte Pflanzenbestände,Einstände und Wechsel von Wildsäugernsowie Horst- und Nisträumevon Vögeln durch den Bau und denBetrieb entstehen.7. Größere Bauwerke wie z.B. Tyroliennes,Hängebrücken und Kletternetzesollen die Ausnahme bleiben. Esdarf kein Hochschaukeln hin zu immeraufwendigeren Installationen stattfinden.8. Kontrolle und Wartung für die langfristigeSicherheit der Anlage müssengewährleistet sein.9. Nicht mehr gebrauchte Anlagenmüssen rückgebaut werden. Bereitsbei der Planung müssen Verantwortlichkeitenfür den Rückbau festgelegtwerden.10. Information und Sensibilisierung zuSicherheit, Natur und Ökologie gehörenzu den Aufgaben des Klettersteigbetreibers.“32


Unterzeichnet wurde die Klettersteig Charta von folgendenVerbänden und Vereinen:• Bundesamt für Umwelt BAFU• Konferenz der kantonalen Beauftragten für Natur- und Landschaftsschutz KBNL• Naturfreunde Schweiz• Schweizer Vogelwarte Sempach• Rheinaubund• Schweizer Bergführerverband SBV• Schweizer Alpen-Club SAC• Schweizer Tourismus Verband• Schweiz Tourismus• Swiss Olympic Association• IG Klettersteig Baltschiedertal• Luftseilbahnen Fiesch-Eggishorn33


II cZunahme von Klettersteigunfällen in der SchweizDie Anzahl von Klettersteigen steigt inder Schweiz seit 15 Jahren mit durchschnittlichdrei bis vier neuen Klettersteigenpro Jahr stetig an. Eine leichteAbnahme von Neueinrichtungen kannerst seit dem Jahre 2012 beobachtetwerden (Auskunft E. Hüsler). Österreichweist im Vergleich eine deutlich höhereAnzahl von Klettersteigen auf und kanndiesbezüglich auch auf eine längere Traditionzurückblicken. Da Österreich unddie Schweiz grundsätzlich über ähnlichetopografische Ausgangsbedingungen undeine ähnliche Bergsporttradition verfügen,kann die Entwicklung in Österreichmöglicherweise Aufschluss darübergeben, welche zukünftigen Entwicklungenin der Schweiz zu erwarten sind. InÖsterreich lässt sich eine Tendenz hinzu sehr anspruchsvollen Klettersteigenerkennen, welche in Talnähe angelegtsind. Der sportliche Aspekt scheint somitgegenüber dem Bergerlebnis in denVordergrund zu treten.2011KS Via Farinetta Wallis Saillon Sport-KlettersteigErlebnis-KS Gemmi Wallis Leukerbad Fun-KlettersteigKS Bergsee (Krokodil) Uri Göschenen Sport-KlettersteigFruttlisteig Obwalden Melchsee-Frutt Sport-KlettersteigKS Piz Trovat II Graubünden Pontresina Alpiner Klettersteig2010KS Obere Bielenlücke Uri Realp Alpiner KlettersteigÜbungs-KS Braunwald Glarus Braunwald Sport-Klettersteig2009KS La Resgia Graubünden Pontresina Sport-KlettersteigÄußerer Fisistock Bern Kandersteg Alpiner Klettersteig2008KS Gabi Simplon Wallis Simplon-Dorf Sport-KlettersteigKS Eggishorn Wallis Fiesch Sport-KlettersteigVia ferrata Rochers de Naye Waadt Veytaux Sport-KlettersteigHexenstein am Pfaffen Uri Silenen Sport-KlettersteigFelspfad Alpbachschlucht Bern Meiringen Sport-KlettersteigChäligang KS Bern Adelboden Sport-KlettersteigKS Mürren Bern Lauterbrunnen Sport-Klettersteig34


II dFallbeispieleErlebnisklettersteig Gemmi – „Klettersteigzirkus in Seilbahnnähe“Baujahr: 2011Schwierigkeit: K4+Region/Ort: Berner Alpen/Wallis, LeukerbadAusgangspunkt: mit der Seilbahn hinauf auf die GemmiHöhe: 2346 mSlackline Park, Seilbrücke, Gustis Corner,Trapez, Stairway to heaven, Spiderman,uuups, lean out, easy bridge – sopräsentiert sich der ErlebnisklettersteigGemmi im Internet. Hierbei handelt essich um einen spektakulären Sport-Klettersteig nach französischem Vorbildmit Seilbrücken, einer Drehleiter, einemDrahtseilnetz und vielen beweglichenEisen- und Holzteilen. Den ambitioniertenKlettersteigling erwartet weniger das Bergerlebnisals vielmehr ein konsumfreundlicherund „erlebnissicherer“ Abenteuerklettersteig.Der Zustieg ist komfortabel:Einfach mit der Luftseilbahn hinauffahren,Rucksack deponieren, in den Steig rein,und nach 330 Meter kräfteraubendemund ausgesetztem Abenteuer wiederraus und ins Bergrestaurant einkehren.Seit dem Jahr 2011 freuen sich dieSeilbahn, das Bergrestaurant und Bergsportschulenüber dieses willkommeneZusatzeinkommen – den selbstständigen,naturverbundenen Berggänger mutetdiese Zirkusveranstaltung allerdings sehrbefremdlich an.AussichtsplattformGemmiFoto:S. Kreuzer35


Zitat in der Eröffnungsschrift KlettersteigResgia: „Dank diverser Sponsorenkonnte der Klettersteig wie ein Abenteuerparkaufgebaut werden. (...) 382 Tritte,119 Stangen, 620 Meter Sicherungsseil,ein Spinnennetz, ein Dreiseilsteg undeine leicht überhängende Leiter sind zuüberwinden (...).“ Am Ortsausgang vonPontresina errichteten lokale Bergführerim Jahre 2009 in minuziöser Arbeit aufschwindelerregender Höhe den neuenKlettersteig La Resgia. Ganz ohneStolpersteine konnte dieser Klettersteigallerdings nicht gebaut werden – dererste Bauantrag aus dem Jahre 2004wurde durch Einsprachen von Pro NaturaGraubünden und dem Schweizer Vogelschutzzurückgewiesen. Geplant wareine Querung des Wasserfalles Languardauf seine Südseite in ein eidgenössischesJagdbanngebiet mit ganzjährigerSchutzzeit. Mit einer geändertenRoutenführung und einer zeitlichenBeschränkung zugunsten brütenderVögel (offen vom 1. Juli bis 31. Okt.) imzweiten Bauantrag wurde dieser dannim Jahre 2008 genehmigt. Soweit so gut– zur Zeit bemühen sich allerdings dieBetreiber um erweiterte Öffnungszeiten,die Verhandlungen sind noch im Gangeund wir bleiben gespannt!37


Panorama-Klettersteig Jägihorn – „Ein Berg wehrt sich“Baujahr: 2000Schwierigkeit: K3-4Region/Ort: Oberwallis, Saastal, Saas GrundAusgangspunkt: Mittelstation Kreuzboden (2397 m)Höhe: ca. 2800 - 3206 mEin hochalpiner Klettersteig mit fünfLeitern, 400 Haken, fast einem KilometerDrahtseil, einer 40 Meter langen Dreiseilbrückeund einem massiven Stahlnetzaus dem Jahre 2000 – da fallen diekünstlichen Trittsteine im letzten Abschnittdes Klettersteiges gar nicht mehrins Gewicht. Panorama um jeden Preis?Seilbahnen, Hotels, Restaurants undBergsportschulen haben hier ganzeArbeit geleistet, die unverbaute Bergnaturbietet anscheinend nicht mehr genug.Aber der Berg wehrt sich doch: Im Juni2012 wurde die Seilbrücke durch einenFelssturz komplett zerstört, der Aufbauist im Gange und eine Wiedereröffnungim Sommer 2013 geplant. Wir sind gespannt,wann der Berg das nächste Malmit Steinen spuckt und so für Ruhe sorgt.Klettersteig JägihornFoto: bergfex.at38


Klettersteig Kandersteg-Allmenalp – „Unfallträchtiges Nachtspektakel“Baujahr: 2005Schwierigkeit: K4Region/Ort: Berner Oberland, KanderstegAusgangspunkt: Kandersteg, AllmibachHöhe: 1176 - 1723 mIm Jahre 2005 wurde dieser Klettersteigunweit des Nordportals des Lötschbergtunnelseröffnet und ist mittlerweile mitrund 7000 Begehungen pro Jahr einerder am stärksten frequentierten Klettersteigeder Schweiz. Herzklopfen undAdrenalin garantieren Seilbrücken, Tyroliennesund eine spektakuläre Drehleiter– und wer möchte, kann dieses sogar beiNacht erleben. Seit 2009 wird alle zweiJahre eine Nachtklettersteig-Aktion angeboten– die Bergnatur und das nächtlicheRuhebedürfnis von Wildtieren habenhierbei ganz klar den Kürzeren gezogen:Adrenalin, Extravaganz und Konsum gehenvor – so ist natürlich der Klettersteignur geöffnet, wenn auch die Seilbahngeöffnet ist (Runterlaufen verboten?).Alternativ dazu wird auch ein Tandem-Gleitschirmflug hinab ins Tal angeboten.Leider hat sich dieser Klettersteig auchzu einem der unfallträchtigsten in der gesamtenSchweiz entwickelt – in Sachen„Kollisionen“ hat er sogar die Nase ganzvorne (Quelle: Klettersteig-Unfälle, SAC-Daten).39


Klettersteig Mürren – „Inhomogener Base-Jump Zugang“Baujahr: 2008Schwierigkeit: K3Region/Ort: Berner Oberland, LauterbrunnentalAusgangspunkt: Mürren (1638 m)Höhe: ca. 1625 - 1363 m„Ein Klettersteig von Dorf zu Dorf miteiner Länge von 2,2 Kilometern, einerHöhendifferenz von nur 300 Metern, mit450 sicher geklebten Verankerungenim Fels und 50 schonend angebrachtenBaumverankerungen, mit 450 Trittbügeln,mit 50 Meter Leitern in einer leicht brüchigenFelswand, mit einer Tyrolienneoder einer Seilbrücke über dem Mürrenbachund mit einer 80 Meter langenNepalbrücke über dem eindrücklichenGehrenlammgraben.“ Dies ist ein Zitataus der Jungfrauzeitung (16.06.2008),welches leichte Zweifel an der Qualitätdes Klettersteiges aufkommen lässt.Wer dann noch die Beschreibung von E.Hüsler (Klettersteige der Schweiz, 2012)liest – „Ziemlich inhomogen mit (zu) vielerdigen, ja rutschigen Passagen undplötzlich ziemlich schwierigen Schlüsselstellenwie dem wirklich luftigen Querganghoch über dem Lauterbrunnentalund vor allem der Gang über die sehrwacklige Hängebrücke ganz am Ende.“– fragt sich schon, ob die Baubewilligungdieses Klettersteiges mit gutem Gewissenerteilt wurde. Einfach war es nicht fürdie IG Klettersteig Mürren-Gimmelwald,gab es doch mehrere und wiederholteEinsprachen gegen dieses Projekt vonPro Natura und dem Jagdverein: Fürdas Wild mussten Ersatzmaßnahmengefunden werden und die geplanten,riesigen Werbebanner an der Nepalbrückebezeichnete Pro Natura als einen„Missbrauch der Landschaft“, welcheletztendlich nicht realisiert werden durften.Gebaut wurde er dann (leider) doch,mit 240.000 CHF. Die größten Geldgeberwaren der Kanton mit Sporttoto-Geldern,die Gemeinde und der BergführervereinLauterbrunnen. Kurioserweise wurdenmit diesem Klettersteig auch mehrereBase-Jump Exits zugänglich gemacht –das Begehen des Klettersteiges ist ausWildschutzgründen nur von Mitte Juni bisEnde Oktober gestattet, Base-Jumpenist ganztags erlaubt von November bisFebruar. Ganz logisch erscheint uns dasnicht, aber Pro Natura Berner Oberlandund wir bleiben dran!40


Hängebrücke MürrenFoto: MW SchweizGantrisch Klettersteig – „Mehr Funpark als Naturpark“Baujahr: 2007Schwierigkeit: K4Region/Ort: Berner Voralpen, GantrischAusgangspunkt: Wasserscheide (1604 m)Höhe: ca. 1840 - 2175 mDer Naturpark Gantrisch bietet viel Abwechslung– vom Helifliegen über Quadfahrenkann man seit 2007 auch einenKlettersteig begehen. Endlose Bügelreihen„schmücken“ das Küre-Wändli undAluleitern sollen einen besseren Tritt aufden Wiesenhängen bieten. DurchlöcherterFels und zerstörte Wiesenhänge sinddie Folge – fragen kann man die Natur jaleider nicht. Nur, was das alles in einemNaturpark soll und warum es nicht reicht,die wunderschönen Gegend zu erwandern,erklärt sich uns leider nicht.41


Großer Mythen – „Information statt Konfrontation“Baujahr: nicht gebautSchwierigkeit: unkletterbarRegion/Ort: Zentralschweiz, SchwyzDie IG Klettersteig Mythen plante imJahr 2003 einen 1110 Meter langenKlettersteig in der Mythenwand im KantonSchwyz. Es war ein großer Traumdieses Vereins, welcher sich allerdingsnach diversen Einsprachen bald in Luftaufgelöst hatte. WWF und Pro NaturaSchwyz wollten das Projekt stoppen, dieSAC-Sektion Mythen schlug Änderungendes Routenverlaufs und eine alternativeAusstiegsvariante vor und private Einsprechermeldeten Sicherheits- und Umweltbedenkenan. mountain wildernessschweiz sammelte sämtliche Informationenund organisierte einen Diskussions-Brunch („Information statt Konfrontation“)auf dem Mythengipfel. Alles zusammenzeigte Wirkung – die Initianten zogen ihrBaugesuch wieder zurück und der GroßeMythen ist bis heute unverkabelt. Wirhoffen, dass das so bleibt!42


Großer MythenFoto: Felix Nipkow43


II eKlettersteigunfälle in der Schweiz„Klettersteige sind keine Wanderwege“,so titelt die NZZ am 20.11.2008 in einemArtikel von Caroline Fink. „Die Attraktivitätder vertikalen Eisenwege ist augenfällig:Sie bieten Laien mit minimalen alpinenKenntnissen ein Bergerlebnis. Trotzden guten Sicherungsmöglichkeitenam durchgehenden Drahtseil sind dieeisernen Wege aber nicht frei von alpinenRisiken. (...) So spüren die steigendePopularität dieses Bergsports nicht nurdie Tourismusregionen, sondern auch dieBergrettungsorganisationen. ‚Seit einigenJahren müssen vermehrt Klettersteigbegehergerettet werden‘, sagt der Bergführerund Unfallstatistiker Ueli Mosimann.“Die Unfalldaten des SAC wurden unsfreundlicherweise zur Verfügung gestelltund wie schon länger bekannt, bestätigtsich auch hier wieder der überdurchschnittlichhohe Prozentsatz von Rettungseinsätzenan Klettersteigen wegensogenannter Blockierungen – was nichtsanderes heißt, als dass sich die Spezies„Klettersteigling“ allzu oft überfordert,den alpinen Ansprüchen des Klettersteigbegehensoft nicht gewachsen istund letztendlich wegen Erschöpfungo.Ä. gerettet werden muss. Ein neueresPhänomen, welches sich wahrscheinlichdurch die immer größer werdende Anzahlan Nutzern nun zusätzlich offenbart,sind Mängel oder unzureichend getesteteKlettersteigsets – seit 2012 jagt einRückruf den nächsten, gerade kürzlichist wieder einer veröffentlicht worden.Peter Plattner bemerkt in seinem Artikel„Das K-Thema“ (Berg und Steigen 03/12)treffend: „Dass einige Normen, aberbesonders jene für Klettersteigsets unterjedem Hund sind und die Anforderungenin der Praxis nicht abbilden, ist bekanntund nun traurigerweise bewiesen.“Die unfallträchtigsten Klettersteige derSchweiz sind die alpinen Klettersteige amDaubenhorn (Leukerbad), am Eggstock(Braunwald) und am Tällistock (Gadmen)sowie die Sportklettersteige Moléson(Moléson sur Gruyères) und Allmenalp(Kandersteg) – siehe Grafik Seite 48.Sogenannte Blockierungen haben immerdie Nase vorn, auffallend sind aber dieKategorien Sturz/Absturz und Kollisionenbei den beiden Sport-KlettersteigenMoléson und Allmenalp. Besonderstragisch wird es dann, wenn Menschensehr schwer verletzt werden oder sogarzu Tode kommen.44


Hier einige Beispiele von tragischenUnfällen, welche die Gefahr in Sport- undFun-Klettersteigen deutlich aufzeigt.Im Juli und im August 2005 verunglücktenzwei Personen am KlettersteigEggstock (Braunwald) tödlich. Tragischerweisehandelte es sich bei einemder Unglücksopfer um einen 13-jährigenKnaben eines Jugendlagers.Im April 2006 gab es in der WalliserBietschi-Schlucht zwei schwere Unfällemit einer Tyrolienne. In beiden Fällenprallten die Personen an die gegenüberliegendenFelswand und zogen sichschwerste Verletzungen zu.ungebremst in die gegenüberliegendeFelswand. Die junge Frau verstarbnoch auf der Unfallstelle.Im August 2010 sauste eine junge Britinim Klettersteig Gorge Alpine (Saas-Fee)eine Tyrolienne ungesichert hinunter.Die Frau rutschte daher ungebremst mithoher Geschwindigkeit auf die gegenüberliegendeFelswand und verstarb.Im selben Jahr verletzte sich ein Mannbei der Benützung der Tyrolienne imTurtmanntal. Er fuhr ungebremst am Seilin den gegenüberliegenden Fels und verletztesich am Hinterkopf und am Gesäß/Steißbein/Rücken.Im Juli und im August 2007 prallteje ein Klettersteigling am KlettersteigAllmenalp ungebremst an die gegenüberliegendeFelswand. Beide musstenschwer verletzt gerettet werden. Weitereschwerwiegende Unfälle ereigneten sichim Sommer 2007 an einer Tyrolienne amEggishorn sowie am Klettersteig durchdie Feeschlucht.Im September 2009 prallte ein Mannam Klettersteig Eggishorn bei derBenutzung der Tyrolienne ungebremstauf eine Felsplatte und wurde schwerverletzt. Nur einen Monat später, imOktober 2009, verunglückte eine27-jährige Frau im selben Klettersteigtödlich. Bei der Benutzung der Tyroliennewurde die Frau von der erreichtenGeschwindigkeit überrascht und prallte45


II fAuswertung der Klettersteig-Charta und FazitIn der Klettersteig-Charta von 2007 wurden10 Grundsätze für Klettersteige festgelegt.Im Folgenden soll eine qualitativeBewertung durchgeführt werden, inwieferndiese Grundsätze bei der Erstellung neuerKlettersteige berücksichtigt wurden.Nr. Grundsatz Bewertung1. Klettersteige sollen ausschließlichin Gebieten angelegtwerden, die bereits übertouristische Infrastrukturenverfügen.2. Im unerschlossenen Hochgebirgesollen keine neuenKlettersteige erstellt werden.3. Regionale Konzepte (Richtpläne,Nutz- und Schutzkonzepte,Tourismuskonzepte,etc.) sind auch für Klettersteigegültig.4. Bei der Planung eines neuenKlettersteiges sind die inder Region betroffenen undinteressierten Kreise, insbesondereauch des Natur- undLandschaftsschutzes, frühzeitigeinzubeziehen.Von den seit 2008 eröffneten Klettersteigen liegenalle in der Nähe von bestehenden touristischenInfrastrukturen. Das Interesse, Klettersteigein abgelegenen Gebieten zu errichten, scheintgering, da das Anziehen von Gästen (bspw.durch Bergbahnen, Bergrestaurants, Tourismusorte),bei der Errichtung eines Klettersteigs einenwichtigen Aspekt darstellt und auch nicht zuletztaus diesem Interesse mitfinanziert wird.Sechs Klettersteige liegen in einer Höhe vonüber 3000 m ü. M., wobei nur einer davon(Piz Trovat II) seit 2008 errichtet wurde. Wiedie meisten Klettersteige liegt auch dieser beieiner Bergbahn und somit nicht in einem unerschlossenenGebiet.Klettersteige sind bewilligungspflichtig. Obeine Baubewilligung erteilt wird und wie dabeiSchutzgebiete berücksichtigt werden, ist im Einzelfallstark vom Kanton sowie der das Gesuchbehandelnden Person abhängig. So liegt es beispielsweiseim Ermessensspielraum, ob für dieErstellung eines Klettersteigs in einem nationalenSchutzgebiet (wie beispielsweise BLN/Bundesinventarder Landschaften und Naturdenkmälervon nationaler Bedeutung) die EidgenössischeNatur- und Heimatschutzkommission (ENHK) umein Gutachten angefragt wird.Inwiefern dieser Grundsatz bei der Errichtungneuer Klettersteige berücksichtigt wird, ließsich im Rahmen dieses Berichts nicht feststellen.Auskunft dazu könnten nur die Erbauerselber geben.46


mountain wilderness schweiz identifiziert im Bereich Klettersteigedie folgenden Probleme und stellt die darauf basierenden Forderungen:• Klettersteigmoratorium bis zur Regelungder unten stehenden Punkte.• Es besteht keine Stelle, welche prüft, obbei neuen Klettersteigen die Grundsätzeder Klettersteig-Charta eingehaltenwerden. mountain wilderness schweizschlägt vor, dass eine zentrale Informationsstellegeschaffen werden soll,welche bei der Planung von neuenKlettersteigen informiert wird und welchedie Erfüllung der Grundsätze derKlettersteig-Charta bewertet.• Es bestehen keine übergreifenden Konzepte,wo Klettersteige erstellt werden.Es gibt keine Anzeichen, dass sich diemaximale Anzahl Klettersteige bei 100(wie in der Klettersteig-Charta genannt)einstellen wird. Die oben vorgeschlagenezentrale Informationsstelle soll dieEntwicklung von neuen Klettersteigen ineinem übergeordneten Kontext stellenund lenkend darauf hinwirken, dass dieAnzahl von 100 Klettersteigen in derSchweiz nicht überschritten wird.• Die Bewilligungspraxis ist im einzelnenrelativ stark vom jeweiligen Kantonrespektive noch stärker von der dasBaugesuch behandelnden Personabhängig. mountain wilderness schweizfordert, dass für Behörden und Erschließerein Leitfaden geschaffenwird, welcher die Zulassung zum Bauneuer Klettersteige verbindlich regelt.Die Einhaltung des Leitfadens mussüberprüfbar sein.• Klettersteige werden nicht gezwungenermaßenals Objekt behandelt, fürwelches ein Baugesuch notwendig ist.mountain wilderness schweiz fordert,dass alle Kantone Klettersteige als Objektebehandeln, für welche ein Baugesuch(Bauten außerhalb der Bauzone)gestellt werden muss.• Einige neuere Klettersteige zeigenAnzeichen von Seilparks (Seilbahnen,Brücken, ausgesetzte Leitern, Metallnetze;z.B. Klettersteig unterhalb Gemmi).mountain wilderness hält fest, dassGrundsatz 7 der Klettersteig-Chartaunbedingt eingehalten werden muss.49


Exkurs – Wasserfall- und SchluchtensteigeMeisterwerke der Natur – verbohrt, verkabelt und in Eisen gelegt!Die Urkraft des Wassers hat von jeherdie Gebirgslandschaften geprägt undgeformt und wahre Meisterwerke derNatur entstehen lassen. Wir werden vonder Schönheit dieser Naturwunder, dieals Wasserfälle brausend, tosend und mitgeballter Kraft über hohe Felswände insTal stürzen, oder sich als tiefe geheimnisvolleSchluchten ins Gestein eingegrabenhaben, magisch in den Bann gezogen.Diesen ursprünglichen Naturwundernund besonders schützenswerten Biotopenwird seit einigen Jahren von Tourismusstrategenzunehmend aggressiverauf den Leib gerückt. Sie werden mitWasserschaupfaden, Plattformen undKlettersteigen erschlossen.Geschah dies anfangs noch mit einemakzeptablen Abstand, wo der Wasserfalllediglich als Kulisse diente, wird nunimmer häufiger direkt am Fall gebohrt,geschraubt und verkabelt.Im Ötztal ging man diesbezüglich besondersvehement zur Sache: Wurdeam Lehner-Wasserfall Klettersteig beiLängenfeld, dem Wasserfall-Klettersteigder ersten Stunde, noch ein respektvollerAbstand zum Wasserfall eingehalten,nahm man im Nachbarort Umhausenbeim 2008 erbauten Stuibenfall-Klettersteigweniger Rücksicht. Tirols größterWasserfall wurde durch einen sehreisenhaltigen Klettersteig mit zweiDrahtseilbrücken-Querungen direkt amFall erschlossen. Zusammen mit Wasserfallbeleuchtungbei Nacht und Wasserschaupfadmit spektakulären Aussichtsplattformenist er auf einem guten Wegzu Tirols größtem Fun-Fall.50


Stuibenfall SeilbrückenFoto: Nina Schöneck (DAV Krefeld)In Kärnten sind die Gallitzenklamm (sieheFallbeispiele) und ab diesem Jahr dieMöllschlucht am stärksten verdrahtet.Über diesen neuen Schluchten-Steig beiHeiligenblut, der 2013 eröffnet wird, ist aufder Hompage der Hersteller Firma Go-Vertical zu lesen: „Charakterlich ist es einFun-Klettersteig, der mit zwei Nepalbrückenmit einer Länge von ca. 30 Meternund drei Dreiseilbrücken aufwartet.“Der Klettersteigbau im angeblich nicht sosensiblem Talbereich darf nicht zum Freibrieffür Wildwuchs und Erschließung vonbesonders schützenswerten Biotopenwie Wasserfällen und Schluchten führen.Da Schluchten und die Umgebung vonWasserfällen vor allem wegen ihrer Unzugänglichkeitvon Menschen unberührteLebensräume darstellen, ist eine intensiveErschließungswelle äußerst kritisch zusehen. Ein sehr starkes Gefährdungspotentialergibt sich z.B. für die Wasseramsel,die nahezu in allen Schluchten undWasserfällen als Brutvogel vorkommt.Vor allem an tiefer gelegenen Klettersteigenmit frühem Beginn der Klettersteigsaisonkann es deshalb zwischen Märzund Mai zu gravierenden Störungen desBrutgeschäfts kommen.51


Teil III – DeutschlandIII aAusgangslageAuch in den deutschen Alpen wurdenschon sehr früh mit Drahtseilen gesicherteGipfelanstiege errichtet. 1873 fandbeispielsweise die Einweihung des erstenFußwegs durch das Reintal auf dieZugspitze statt, welcher am Gipfelanstiegmit Eisensicherungen versehen wurde.Bis zur Jahrhundertwende wurden Teiledes vom Zugspitzgipfel nach Ostenführenden Jubiläumsgrates sowie Teiledes Zugspitz-Anstiegs vom Höllental ausversichert. 1899 erfolgte schließlich mitdem Heilbronner Weg (Allgäuer Alpen)der Bau des ersten klassischen und(nach wie vor) beliebtesten alpinen Klettersteigsim deutschen Alpenraum.Heilbronner WegFoto: M. Pröttel52


Während in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts so gut wie keine Steiganlagenam deutschen Alpenranderrichtet wurden, ging es in den deutschenMittelgebirgen deutlich reger zu.Bekannte Vie Ferrate wie der Norissteigund der Höhenglücksteig (beide FränkischeSchweiz) oder die Rübezahlstiege(Sächsische Schweiz) stammen aus den1920er- bzw. 1930er-Jahren.Erst in den 1970er Jahren setzte – wahrscheinlichvon den regen Tätigkeiten imNachbarland Österreich beflügelt (s.o.)– der erste richtige Klettersteigboom inden deutschen Alpen ein.Die bekanntesten Eisenwege wie derMittenwalder Klettersteig, der HindelangerKlettersteig (erbaut von der SektionAllgäu/Immenstadt und der Nebelhornbahn),die Alpspitz Ferrata (Zugspitzbahn)und der Mindelheimer Klettersteig(DAV Mindelheim) wurden alle in dieserZeit errichtet.Der Deutsche Alpenverein (DAV) waralso stark am Bau neuer Klettersteigebeteiligt, bis er sich 1977 in einem neuenGrundsatzprogramm aus Naturschutzgründenverpflichtete, keine neuen Wegemehr in den Alpen anzulegen – auchkeine neuen Klettersteige.Diese strikte Ablehnung von Klettersteigneubautenwurde zu Anfang diesesJahrtausends wieder aufgegeben. Nachdem2003 am Hochstaufen (ChiemgauerAlpen) der Pidinger Klettersteig errichtetwurde, wandte sich die benachbarteSektion Berchtesgaden wegen einesKlettersteigbaus am Untersberg an denDAV-Hauptverein. In der Folge erklärteeine Projektgruppe des DAV und OeAVdas Neubau-Tabu des Grundsatzprogrammsals nicht relevant für Klettersteige,da diese nicht der Kategorie „Wege“zuzuordnen seien.Im Jahr 2007 verabschiedete die DAV-Hauptversammlung einen „Kriterienkatalogfür die Errichtung von Klettersteigen“.In diesem wird unter anderem gefordert,dass „auch für Alpenvereins-Sektionendie Möglichkeit geschaffen wird, selbstdie Federführung bei der Umsetzung vonKlettersteigprojekten zu übernehmen.“Dieser Kriterienkatalog ist der Maßstabbei allen Neuanlagen von Klettersteigen,die unter Beteiligung von DAV-Sektionendurchgeführt werden. Dabei geht es nachAngaben des DAV-Ressorts Natur- undUmweltschutz unter anderem um einesinnvolle Raumplanung, einen rücksichtsvollenUmgang mit Natur und Landschaftund die Beachtung der gültigen Sicherheitsstandards.Mountain Wilderness GründungsmitgliedRichard Goedeke, konnte seinerzeit alsMitglied der DAV-Kommission „Klettern53


und Naturschutz“ erreichen, dass keineKlettersteige über bestehende Routenerreichtet werden sollen.Nach Angaben Goedekes ging es hierbeium die Sozialverträglichkeit, also umdes „Friedens mit den Kletterern willen“.Dazu würde natürlich auch gehören,dass sich Klettersteige verbieten, wennsie Kletterrouten gefährden, wie z.B. Ander Bernadeinwand (siehe Seite 59).Aber auch streng genommen solche, dieunter Kletter-Routen entlang führen unddeshalb von dort her gefährdet wären.2012 hat die Mehrheit der Delegiertenauf der DAV-Hauptversammlung beschlossen,dass das Klettersteiggehenaus dem neuen Leitbild des DAV herausgestrichen wird. Im Zuge der Verabschiedungdes aktuellen Leitbildes hat sich diePosition des DAV zum Klettersteiggehenund zur Errichtung von Klettersteigennach Angaben des DAV-Ressorts NaturundUmweltschutz aber (leider) nichtgeändert.Trotz der grundsätzlichen Möglichkeit,sich an der Neuerrichtung von Klettersteigenzu beteiligen, waren DAV-Sektionenan dem Bauboom der vergangenenJahre wenig beteiligt. Die Anlagen derletzten fünf Jahre gehen vor allem aufdas Betreiben von Gemeinden (HausbachfallKlettersteig), Seilbahnen (z.B. anTegelberg, Iseler, Kanzelwand) und/oderFirmen (Salewa KS am Iseler) zurück.54


III bKlettersteigliste Deutschland2012Tegelberg Fingersteig Ammergauer Alpen/Bayern Sport-KlettersteigHausbachfall KS Chiemgauer Alpen/Bayern Sport-Klettersteig2011Apollofalter KS Zittauer Berge/Sachsen Sport-KlettersteigRäuberleiter KS Berchtesgadener Alpen/Bayern Sport-KlettersteigGelbe Wand KS Lehrpfad Ammergauer Alpen/Bayern Sport-Klettersteig2010RabenacksteigOberes Mittelrheintal/Rheinland-Pfalz Sport-KlettersteigWalter-Keiderling KS Erzgebirge/Sachsen Sport-Klettersteig2009Isidor KS Berchtesgadener Alpen/Bayern Sport-KlettersteigMauerläufer KS Wettersteingebirge/Bayern Sport-KlettersteigSalewa KS Iseler (II u. III) Allgäuer Alpen/Bayern Sport-Klettersteig2008Churfrankensteig Maintal/Bayern Sport-KlettersteigErdener Treppchen KS Moseltal/Rheinland-Pfalz Sport-KlettersteigLöwinger Steig Sächsische Schweiz/Sachsen Sport-KlettersteigSalewa KS Iseler (Abschn. I) Allgäuer Alpen/BayernSport-KlettersteigZweiländer KS Allgäuer Alpen/Bayern Sport-Klettersteig55


III cFallbeispieleAlpspitz Ferrata – „Werbeaktion auf Kosten der Gebirgsnatur“Baujahr: 1978Schwierigkeit: BRegion: WettersteingebirgeVor bereits 35 Jahren wurde im Auftragder Bayerischen Zugspitzbahn BergbahnAG, die auch die Alpspitzbahn betreibt,der Eisenweg auf die Alpspitze gebaut.Dass es auch schon damals kritischeStimmen zu einem solchen Projekt gab,kommt in folgenden Zeilen zum Ausdruck,die Stefan Beulke in seinem „AlpenvereinsführerWetterstein“ zu Papierbrachte:„Den letzten Stand beton- und stahltechnischerWegeerschließung stellt die 1978installierte sog. „Nordwand-Ferrata“ dar,eine gut gemeinte Werbeaktion einerBergbahngesellschaft auf Kosten derGebirgsnatur, über deren Sinn man sichstreiten kann … Leider wurde bei derAnbringung von Leitern, Klammern undDrahtseilen geradezu verschwenderischumgegangen. Es bleibt zu hoffen, dassdie „Ferrata“ ein Einzelfall bleibt und nichtzu weiteren Bauwerken ähnlicher Artanimiert.“ Manchmal ist alles Hoffen ebenvergebens, wie auch an der benachbartenBernadeienwand deutlich wird.Seite 57:Alpspitz FerrataFoto: M. Pröttel56


Mauerläufersteig – „Klettersteig statt Kletterroute“Baujahr: 2009Schwierigkeit: D-ERegion: WettersteingebirgeDer Mauerläufersteig bringt für Kletterer eine erhöhte Steinschlaggefahr mit sichFoto: G. Jablonski58


Der ebenfalls von der Bayerischen Zugspitzbauerrichtetet und 2009 eröffneteMauerläufersteig an der Bernadeinwandist ein perfektes Beispiel für eine Entwicklung,bei der die Berglandschaft zunehmendzur bloßen Kulisse degradiertwird. Im Schatten der Alpspitze findetman mit der Kreuzeck- und Alpspitzbahn,dem AlpspiX, einem sogenanntenGipfel-Erlebnisweg und dem obigenSportklettersteig all die künstlichen Zutaten,die die Berge in eine Art Funparkverwandeln.Ein kurzer Blick auf die Karte genügt,um zu erkennen, dass für den Mauerläufersteignicht unbedingt der konditionsstärksteAlpinist gefordert ist. Die Alpspitzbahnverkürzt den Zu- und Abstiegspürbar. Von der Bergstation geht essehr gemächlich auf einem breiten Wegzum Wandfuß des Bernadeienkopfes.Spätestens hier empfiehlt es, sich denHelm aufzusetzen. Denn das Geländeist absolut Steinschlag gefährdet, selbstwenn sich die Zahl der sich gerade in derBernadeienwand abmühenden Ferratistimeist in Grenzen hält. So haben sicham Tag der Rechereche zwei Kletterer,die gerade eine der klassischen Routendurch die Bernadeienwand durchstiegen,vor herunter hagelnden Steine in Sicherheitbringen müssen. Überhaupt geltendie Kletterrouten an der Bernadeienwandseit dem Bau des Mauerläufersteigs alskaum noch lohnens- oder gar empfehlenswert.Beim Mauerläufer geht es (wie bei einemKlettersteig der Kategorie D/E zu erwarten)sehr sportlich zur Sache. Bereits dieersten Meter machen unmissverständlichdeutlich, dass ein gehöriges Maß anArmkraft erforderlich ist. Den 400 MeternStahlseil folgend schlängelt man sichmal moderater, mal fast überhängendRichtung Gipfel. Nach 250 Höhenmeternist der Bernadeinkopf erreicht.Von hier hat man eine wahrhaft grandioseAussicht – unter anderem auch aufden Hohen Gaif, eine traumhafte Felstourganz ohne Drahtseile und Eisenklammern!59


Iseler Klettersteig – „Stau am Berg und nicht im Auto“Baujahr: 2008 – 2009Schwierigkeit: B-CRegion: Allgäuer AlpenIseler KlettersteigFoto: Wiki commons/ Kaukor„Die Anfahrt im Auto war flott gewesen,aber am Berg stecken wir im Stau. Wosich durch die Nordflanke des Iselers derSalewa-Klettersteig hochzieht, sehenwir eine ununterbrochene Linie bunterSoftshells, Gore-Jacken und Kletterhelme.(...) Keine Chance, in die Stahlseilezu greifen und hochzuturnen. Oben, amAusstieg, klumpen sich die Kletterer zueiner dichten Traube, der Fels darüberbleibt leer. Muss was passiert sein,mutmaßen wir. Und wie zur Bestätigungschwillt Rotorenlärm an: Der Bergwacht-Helikopter fliegt an die Wand. Dorthin,wo das Drahtseil sich über einen leichtüberhängenden Felsen windet. DieSchlüsselstelle, wie man die schwierigstePassage am Berg nennt. (…) Zu viel füreinen Mann, der sich nicht mehr vor undzurück traut. Jetzt holt ihn der Heli raus“.60


Der Auszug aus einer Klettersteig-Reportageder Zeitung Sonntag Aktuell von2009 zeigt überdeutlich, wie schnell diehohe Anziehungskraft von Klettersteigenins Gegenteil umschlagen kann. Vorallem durch Bergbahnen schnell erreichbareSteige erfreuen sich erstens großerBeliebtheit (was beim Iseler an Wochenendenzu einem zu hohen Andrang führt,wie einschlägige Foreneinträge zeigen)und ziehen zweitens sehr oft Neugierigean, die den Anforderungen einfach nichtgewachsen sind, was die Staugefahrweiter erhöht.Kanzelwand – „Stahlseil statt Schneehuhn“Baujahr 2007Schwierigkeit: DRegion: Allgäuer AlpenMit großem Erstaunen musste der BundNaturschutz (BN) in Bayern 2007 feststellen,dass er zu einer Stellungnahmezum Klettersteigprojekt Kanzelwand erstgebeten wurde, nachdem dieser bereitsgebaut und in Betrieb war.Aber nicht deswegen lehnte der BN dieerrichtete Anlage ab. Eines der Hauptargumentewar, dass mit dem Klettersteigim Fellhorn-Kanzelwandgebiet einekaum zugängliche und damit ökologischbesonders wertvolle Bergflanke derErschließung preisgegeben wird. In derAblehnung hieß es weiter: „Um eine Verschlechterungder Überwinterungsbedingungenfür Alpenschneehuhn und Birkhuhnauszuschließen, müsste daher einwinterliches Begehen des Klettersteigesuntersagt und dieses Verbot überwachtwerden – ein praktisch unmögliches Unterfangenangesichts der Probleme, dieschon der Versuch einer Sperrung desScheidtobelgebietes aufgezeigt hat.“Mittlerweile hat sich herausgestellt, dassdie Bergbahn den Steig im Winter zwaroffiziell sperrt, dieser aber bei günstigenVerhältnissen auch mithilfe von ortskundigenBergführern begangen wird.61


Auch auf der Watzmannüberschreitung stellt sich immer wieder die Fragenach der Notwendigkeit eines Stahlseiles. Foto: M. Pröttel63


III dZunahme von Klettersteigunfällen in DeutschlandAuch in den deutschen Alpen habenUnfallereignisse an Klettersteigen in denletzten Jahren deutlich zugenommen,wie die DAV Unfallstatistik aus dem Jahr2012 belegt:„Klettersteige sind enorm im Trend, parallelnehmen auch die Notfallmeldungenzu. Seit 2006 hat sich die Quote verdoppelt,seit 2002 verdreifacht. Dabei stiegdie Quote für die Unfallursache Sturz nurleicht an, während die Quoten für Notfälledurch körperliche Probleme oder Blockierungsich vervielfachten.Das alarmierende Fazit: Klettersteiggehersind zunehmend den Gesamtanforderungendes angestrebten Klettersteigs nichtgewachsen. Und: bei keiner anderenBergsport-Disziplin ist ein so hoher Anteilwenig Erfahrener von Unfällen und Notfällenbetroffen.Dabei sind die gänzlich Unerfahrenennoch eher vorsichtig, häufig trifft esvermeintlich „Fortgeschrittene“ mit zehnbis 30 Tourentagen. Und die meistenBlockierungen wegen Überforderung gabes in modernen Sportklettersteigen abSchwierigkeitsgrad C – einer Kategorie,die in den letzten Jahren einen geradezuschwammerlhaften Neubau-Boomerlebte.So ist die vielleicht wichtigste Lehre ausder aktuellen Bergunfallstatistik: AlpineKlettersteige sind nicht geeignet, körperlicheGrenzen auszuloten.“während der Bauphase von MountainWilderness Deutschland kritisiert wurde.Hier stürzten in den Jahren 2004, 2009und 2011 drei Männer tödlich ab.Dass selbst erfahrene Spitzenbergsteigernicht vor tödlichen Unfällen an Klettersteigengefeit sind, zeigte sich tragischerweise2010 in der Fränkischen Schweiz.Dort verwendete der Extremkletterer KurtAlbert am Höhenglücksteig statt einerklassischen Klettersteigsicherung nureine gelegentlich eingehängte Bandschlingemit Schraubkarabiner. Als ersich in die Selbstsicherung hängte, legtesich die Schlinge über den ungesichertenKarabiner-Schnapper und hängte sichaus. Kurt Albert stürzte 18 Meter in dieTiefe und erlag zwei Tage später seinenVerletzungen.Im August desselben Jahres war einTodesopfer im Wettersteingebirge zu verzeichnen.Aus ungeklärter Ursache stürzteein Mann an einer Schlüsselstelle desMauerläufer Klettersteiges ab. Obwohler mit einem Klettergurt am Drahtseil desSteiges gesichert war und es somit nichtzu einem tieferen Absturz kam, konnte ersich jedoch nicht aus eigener Kraft ausder Sicherung befreien. Leblos in derSeilsicherung hängend wurde der Mittelfrankeschließlich aufgefunden.Besonders unfallträchtig ist in Deutschlandder Pidinger Klettersteig amHochstaufen, dessen Errichtung bereits64


III eFazitGerade weil in den deutschen Alpender Klettersteigneubau noch nicht dieDimensionen unseres österreichischenNachbarlandes erreicht hat, solltenalle Beteiligten jetzt innehalten undeine grundlegende Diskussion darüberbeginnen, ob Felsgipfel und -grate ohneStahlseile und Eisenbügel nicht viel, vielreizvoller sind als mit.Eine solche Gipfeldiskussion initiierteMountain Wilderness Deutschlandbereits im Jahr 2004 nach Errichtung desPidinger Klettersteigs, bei der lokale Befürworterund Gegner am ReichenhallerHaus ihre Argumente austauschten.Leider sind weitere Neuerschließungenim deutschen Alpenraum weitauswahrscheinlicher als ein Moratorium. Sowurde dieses Jahr bei Reit im Winkl amHausbachfall der „Erste Klettersteig imChiemgau“ (Quelle: www.reitimwinkl.de)eröffnet. Nach Angaben des ReichenhallerTagblatts vom November 2012 planendie Berchtesgadener Touristiker sogareinen Klettersteig durch die Westwanddes Hohen Göll. Und das, obwohl überden Mandlgrat schon seit Jahrzehntenein langer Klettersteig zum Gipfel desHohen Göll besteht. Zudem wäre an derWestwand eine klassische Route vondem Neubau betroffen.Forderung anschließen würde, dasskeine neuen Klettersteige zwischen Bodenseeund Königssee errichtet werdensollen.Touristiker mögen eine „leere“ Wand alsbrachliegendes Potential betrachten. Voneinem äußerst fraglichen Naturverständniseinmal abgesehen, setzen sie dabeizu einseitig auf eine Zielgruppe. Dennwährend „Klettersteigjäger“ meist nurkurz mit der Bahn hochfahren, den Steigmachen und zum nächsten Steig in einanderes Gebiet ziehen, bleiben die Naturliebhaberunter den Berggängern oftlänger in einer Region. Sind Gipfel undGrate flächendeckend verdrahtet, bleibendiese Gäste sicher fern.Anstelle die Bergwelt mit Stahlseilen undEisenbügeln weiter zu erschließen, sollteman den Menschen vielmehr bewusstmachen, in welch einzigartiger Landschaftsie ihren Sport ausleben dürfen.Schließlich weiß jeder, der mit offenenAugen durch die Berge streift: UnsereAlpen sind mit Sicherheit nicht unter-,sondern übererschlossen.Und nicht zuletzt … auch vom haptischenErlebnis her ist warmer Fels nicht miteinem kalten Stahlseil zu vergleichen!Umso wichtiger wäre es unserer Meinungnach, dass sich, nachdem das Klettersteiggehenaus dem neuen Leitbild desDAV herausgestrichen wurde (s.S. 54),auch der Deutsche Alpenverein unserer65


Jahrzehntelang konnte der kurze Aufschwung(maximal II UIAA) vor demSignalkopf (Soierngruppe) in schöner,leichter Felskletterei erklommenwerden. Mittlerweile verschandelnEdelstahl-Trittbügel im „Leiter-Abstand“den netten Kalkgrat.67

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