krieg - UNHCR

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krieg - UNHCR

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DP/23794•2005DP/24134•2005DP/22922•2005SERBIEN: Eine Frau aus Sarajewound ihr neues Leben in Belgrad.SERBIEN: Eine kroatische Familie will die serbischeStaatsbürgerschaft.DP/21160•2005BOSNIEN: Aus dem Kosovo geflohen.BOSNIEN: Eine ethnischeKroatin, die während desKrieges in der RepublikaSrpska blieb.BOSNIEN: Ein ethnischserbischer Bauer kehrtein die Gegend umSarajewo zurück.DP/21656•2005Balkan-Bilder2005DP/22484•2005BOSNIEN: DieWitwen vonSrebrenica wartenauf die Heimkehr.ÜBER DAS LEBEN NACH DEMBOSNIEN: Einemuslimische Familiekehrte in eine vonSerben dominierteRegion zurück.DP/21074•2005DP/22689•2005BOSNIEN: Kroatische Rückkehrer in derBosniakisch-Kroatischen Föderation.


DP/20851•2005KROATIEN: Zurück in der Heimat.Diese kroatische Familie musste 1991vor serbischen Milizen fliehen.DP/20998•2005KROATIEN: Nach der Rückkehr. Dieseethnische Serbin kann immer nochnicht in ihr besetztes Haus zurück.BOSNIEN: Ein kroatischer Flüchtlinglebt und arbeitet auf Grund und Bodeneines anderen Flüchtlings.DP/21296•2005KROATIEN: EineethnischkroatischeFamilie ausBosnien lebtnun in Kroatien.KRIEGDP/20991•2005Gegend um Mostar.DP/22784•2005BOSNIEN: Eine ethnischserbische Familie, die ineinem überwiegend vonMuslimen bewohntenGebiet in Bosnien lebt.DP/22392•2005


Die wiederhergestellte Brücke in Mostar.DP/23184•20054 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


„DIE BRÜCKE IN ALL IHRER SCHÖNHEIT UND ANMUT WURDEGEBAUT, UM UNS ZU ÜBERDAUERN. SIE WAR EIN AUSDRUCK DESSTREBENS NACH UNVERGÄNGLICHKEIT.“ F OTOS VON VINCENT WINTERFLÜCHTLINGE NR. 3/20055


Das „Wunder“ vonDayton–10 Jahre danachIn denKriegsjahren:Eine Behelfsbrückeersetzte diehistorische Brückevon Mostar.Bosniakengefangen gehaltenvon serbischenTruppen.Schutz vorserbischenHeckenschützenin einem Grabenund hinter einemgepanzertenUN-Fahrzeug.VON R AY W ILKINSONuleiman der Prächtige gab das Meister-aus dem 16. Jahrhundert in Auftrag Swerkals Sinnbild für die Allmacht des Kalifen.Der Mörtel, mit dem die hellen Steinblöckehoch über dem Fluss Neretwa miteinanderverbunden wurden, soll angeblichaus Eiweiß und Pferdehaarzusammengemischt worden sein. In dendarauf folgenden Jahrhunderten huldigten Gelehrte,Weltreisende und Geistliche der Brücke nicht nur wegenihrer äußerlichen Schönheit, sondern auch als Symbolreligiöser sowie kultureller Toleranz. Es ist ein Bauwerk,das die Reiche der Ottomanen und Habsburger,royalistische Jugoslawen und die kommunistischen Kaderdes 20. Jahrhunderts überdauert hatte.An einem bitterkalten Tag im November 1993 sahder kroatische General Slobodan Prljak in der Brückevon Mostar tief im Kernland von Bosnien und Herzegowina,das sich gerade für unabhängig erklärt hatte,nicht einen der kulturellen Schätze der Menschheit,sondern ein Hindernis für eine der letzten und heimtückischstenErfindungen des 20. Jahrhunderts: der „ethnischenSäuberung“, das heißt der Vertreibung oderErmordung von Angehörigen als „minderwertig“ eingestufterBevölkerungsgruppen.„Es ist doch nur eine alte Brücke“, sagte der Generalbeiläufig, als er seinen Artilleristen befahl, den anmutigenBogen und elf weitere historische Gebäude in derUmgebung zu zerstören, um seine Kriegsziele gegenbenachbarte bosnische Muslime voranzutreiben.Die uralten Steine stürzten in die nach Schneefällenangeschwollenen Fluten, und die kroatische JournalistinSlavenka Drakulic, von der auch die einleitendenZeilen über die Brücke stammen,schrieb: „Warum empfinden wir mehrSchmerz beim Anblick des Bildes vonder zerstörten Brücke als beim Anblickvon Bildern massakrierter Menschen?Weil wir damit rechnen, dass Menschensterben. Die Zerstörung einesMonuments der Zivilisation ist damitnicht zu vergleichen. Die Brücke gingüber unser individuelles Schicksal hinaus.“Wie kaum ein anderer Vorfall in einersich entwickelnden Tragödie, diefast vier Jahre andauern sollte, wurdendie Brücke in Mostar und ihre mutwilligeZerstörung zu einem Symbolanderer Art – diesmal nicht für Toleranz,sondern für die Atmosphäre vonIntoleranz und Unmenschlichkeit, die6 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


©B. GYSEMBERGH/CS/BIH•1992AP/H. DELIC/DP/BIH•1996sich Anfang der 1990er-Jahre auf demBalkan breit machte.EINE WICHTIGE REGIONALMACHTIn den vier Jahrzehnten davor hattealles so anders ausgesehen. Nachdem JosipBroz Tito und seine kommunistischenPartisanen gegen Ende des ZweitenWeltkriegs die Macht in Jugoslawienergriffen hatten, machte er daraus einenpolitisch bedeutenden Staat, der sich erfolgreichan den Schnittstellen dergroßen Machtblöcke auf der Welt –Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismusund Dritte Welt – positionierte.Aber als Tito 1980 starb, drangen ethnische,politische, wirtschaftliche und religiöse Spannungenwieder an die Oberfläche, und die Fassade derjugoslawischen Einheit stürzte in sich zusammen. Nacheinem Jahrzehnt zunehmender regionaler Spannungenerklärten Slowenien und Kroatien 1991 ihreUnabhängigkeit von den serbisch dominierten Zentralbehördenin Belgrad. Teile Kroatiens wurden vomKrieg erfasst. 1992 erklärten sich Bosnien und Herzegowinaebenfalls für unabhängig. Der interethnischeUNHCR/A. HOLLMANN/CS/BIH•1996LjubjanaSLOWENIENKROATIENZagrebUNGARNWOJWODINANovi SadRUMÄNIENUNHCR/C. GALBE/CS/BIH•1995ITALIENFLÜCHTLINGE NR. 3/2005AdriaKninBanja LukaKonflikt zwischen den Kroaten, Serben und Muslimeneskalierte.In dem sich anschließenden Blutvergießen verlorenzwischen 1992 und 1995 mehrere hunderttausendMenschen ihr Leben. Bosnisch-serbische Truppen begingendie schlimmste Gräueltat in Europa seit demEnde des Zweiten Weltkriegs, als sie nahe einer im Auslandnur wenigen bekannten Stadt namens Srebrenicaein Massaker an fast 8.000 muslimischen Männern undJungen begingen. Konzentrationslager wurden eingerichtet.Die Hälfte der gesamten Bevölkerung Bosniens– Männer, Frauen und Kinder, alte Menschen und Behinderte– wurde aus ihren Wohnorten vertrieben. DerBegriff der „ethnischen Säuberung“ hielt Einzug in deninternationalen Sprachgebrauch. Die meisten Fabriken,Brücken, Straßen, Schulen, Wohnhäuser sowieweite Teile der Wasser- und Stromversorgung wurdenebenso zerstört wie ganze Städte und Dörfer in Kroatien.UNHCR wurde zur federführenden humanitärenOrganisation auf dem Balkan und begann den umfas-BOSNIEN-HERZEGOWINASarajevoMostarDubrovnikTuzlaSrebrenicaDer BalkanMONTENEGROPodgoricaALBANIENBelgradeSERBIENKraljevoMitrovicaPristinaKOSOVOSkopjeMAZEDONIENGRIECHEN-LAND7


Das „Wunder“ vonDayton–10 Jahre danachNeue Gräberfür kürzlichidentifizierteOpfer desMassakers vonSrebrenica.sendsten und komplexesten Einsatz in seiner Geschichte– ein Programm zur Versorgung von 3,5 MillionenAngehörigen der Zivilbevölkerung. Ein wichtigesElement dieses Einsatzes war die letztlichdauerhafteste je durchgeführte Luftbrücke, in derenRahmen die bosnische Hauptstadt Sarajewo über einenZeitraum von dreieinhalb Jahren mit fast täglichenFlügen aus der Luft versorgt wurde.Nur wenige Jahre zuvor war genau diese Stadt stolzerSchauplatz der Olympischen Winterspiele von 1984.Jetzt war sie nur noch eine bedauernswerte Ansammlungtraumatisierter Bewohner, die sich in ihren verdunkeltenund teilweise zerstörten Wohnungen duckten,um nicht leichtes Ziel serbischer Heckenschützenzu werden, die von den umliegenden Bergen freiesSchussfeld hatten.Nach einem zunehmend intensiven Eingreifen derVereinigten Staaten und der NATO endete die bosnischePhase des Albtraums auf dem Balkan an einemOrt, auf den niemand hätte tippen können, als sich diewichtigsten Protagonisten am 21. November 1995 aufdem US-Luftwaffenstützpunkt Wright-Patterson aufein Friedensabkommen einigten, das als Vertrag vonDayton in die Geschichte einging.Die Waffen verstummten. Bosnien wurde in zweifast gleiche Gebiete aufgeteilt, die so genannte RepublikaSrpska, geistige Heimat der Serben, und eine Bosniakisch-KroatischeFöderation. In Anhang 7 des Friedensabkommensvon Dayton (siehe Artikel auf Seite 14)wurde UNHCR erneut zur federführenden humanitärenOrganisation bestimmt – diesmal mit dem Auftragzur Rückführung der zivilen Kriegsopfer aus stinkendenSammelunterkünften in der gesamten Region,aus aufgegebenen Wohnhäusern und von Bomben beschädigtenGebäuden, in denen sie Zuflucht gefundenhatten, nachdem die ursprünglichen Eigentümer ebenfallsgeflohen waren, sowie aus Sammelunterkünftenund Privatquartieren in Europa und Nordamerika. DieRückkehrer kamen in eine zerstörte, mit Minenübersäte Landschaft, in der es fast keine Infrastrukturund kaum Arbeitsplätze, aber dafür ein Übermaß anunterschwelligem ethnischem Hass gab.Kurz vor dem zehnten Jahrestag des Friedensabkommensvon Dayton im November liefert die Brückein Mostar wieder einen Hintergrund, vor dem man dieEntwicklungen im letzten Jahrzehnt Revue passierenlassen kann.Die Brücke und die umgebenden Gebäude wurdenim Rahmen eines millionenschweren internationalenRestaurierungsprojekts liebevoll wieder hergestellt.Originalsteine wurden aus dem Fluss tief darunter gerettet,und neue Stücke aus dem ursprünglich verwendetenSteinbruch geholt. Eine provisorischeFußgängerbrücke, die die beiden getrennten Stadtteilemiteinander verband und selbst zu einem Symbol fürKrieg und Teilung geworden war, wurde abgebrochen.Restaurants mit Außenterrassen, auf denen bunteSonnenschirme aufgestellt sind, servieren örtlicheFleischspezialitäten wie cevapi (Wurst), jagnjetina(Lamm), silovane paprike (gefüllte Paprikaschoten) sowieDP/21829•20058 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


Die neuere Geschichte des Balkans1878Auf dem Berliner Kongress wird der Balkanvollkommen neu aufgeteilt. Entgegen den Wünschender ortsansässigen Bevölkerung werden drei neueStaaten geschaffen : Serbien, Montenegro undRumänien.28. Juni 1914Der österreichisch-ungarische Thronfolger ErzherzogFranz Ferdinand wird während eines Besuchs in derbosnischen Hauptstadt Sarajewo von einem miteiner Pistole bewaffneten Serben ermordet. DerAnschlag führte zum Ersten Weltkrieg und zumspäteren Zusammenbruch des österreichischen unddes ottomanischen Reiches. Aus Teilen davonentsteht 1918 Jugoslawien, das „Königreich derSerben, Kroaten und Slowenen“.24. Oktober 1944Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs befreiendie Partisanen von Josip Broz Tito die jugoslawischeHauptstadt Belgrad und etablieren einkommunistisches Regime, das fast ein halbesJahrhundert Bestand haben wird.25. Juni 1991Nach Titos Tod kommen innenpolitische Gegensätzeoffen zum Ausbruch. Kroatien und Slowenienerklären sich für unabhängig, woraufhin die vonSerben dominierte jugoslawische Armee 30 Prozentdes kroatischen Territoriums annektiert. In derzweiten Jahreshälfte wird UNHCR zur federführendenhumanitären Organisation für die Regionernannt.3. März 1992Bosnien und Herzegowina erklärt seineUnabhängigkeit. Serbische Truppen besetzendaraufhin 70 Prozent des Landes und belagern dieHauptstadt Sarajewo. UNHCR beginnt einedreieinhalb Jahre währende Luftbrücke zurVersorgung der Stadt aus der Luft, die längste jedurchgeführte humanitäre Luftbrücke in derGeschichte.1991–1995Während des vierjährigen Krieges werden mehrerehunderttausend Menschen getötet. Der Begriffder „ethnischen Säuberung“ hält Einzug in deninternationalen Sprachgebrauch. Gleichzeitigbemühen sich die Hilfsorganisationen verzweifelt,etwa 3,5 Millionen Angehörige der Zivilbevölkerungzu versorgen und zu schützen. Die baulicheInfrastruktur insbesondere in Bosnien wird so gutwie vollständig zerstört.11. Juli 1995Serbische Truppen begehen die schlimmsteGräueltat in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, alssie die muslimische Enklave Srebrenica in ihre Gewaltbringen und fast 8.000 Männer und Jungenermorden. Die Katastrophe beschleunigt dasEingreifen von Truppen der Vereinigten Staaten undder NATO.12. August 1995Als sich der Krieg entscheidend zu Ungunsten derserbischen Truppen zu entwickeln beginnt, setztKroatien die Operation Sturm zur Wiedereroberungdes von den Serben gehaltenen Territoriums in Gang.Etwa 250.000 Serben fliehen während des Kriegesaus Kroatien.21. November 1995Das Friedensabkommen von Dayton beendet dieKampfhandlungen in Bosnien und Herzegowina.Truppen zur Umsetzung des Abkommens unterFührung der NATO werden entsandt, und UNHCRwird zur federführenden humanitärenOrganisation ernannt. Das UN-Flüchtlingskommissariatsoll die Rückführung und Versorgungder entwurzelten Menschen sowie dieWiederherstellung von Wohnraum leiten.15. Januar 1998Kroatien gliedert friedlich die letzten von serbischenTruppen eroberten Gebiete im Osten des Landeswieder ein und erlangt zum ersten Mal die volleSouveränität über sein gesamtes Territorium.24. März 1999Während sich die anderen Teile der früherenJugoslawischen Bundesrepublik vom Krieg zu erholenversuchen, schwelt in der südlichen Provinz Kosovoeine neue Krise zwischen der Mehrheit der Albanerund den Serben. Als Friedensgespräche in Frankreichscheitern, beginnt die NATO einen 78-tägigenLuftkrieg gegen die serbischen Truppen. Binnenwenigen Wochen fliehen fast 900.000 Albanernach Albanien, Mazedonien und Montenegro oderwerden aus der Provinz vertrieben.12. Juni 1999Nach der Annahme eines Friedensplans besetzenTruppen der NATO und Russlands das Kosovo. Ihnenfolgt in den nächsten Wochen fast die Gesamtheitder nur Monate zuvor geflohenen albanischenBevölkerung. Aus Furcht vor Vergeltungsakten derAlbaner fliehen allerdings etwa 230.000 Kosovo-Serben, Roma und Angehörige anderer Minderheitenin die entgegengesetzte Richtung nach Serbien undMontenegro. Im Kosovo wird eine zivile UN-Verwaltung (UNMIK) eingerichtet.11. Dezember 1999Politische Veränderungen beginnen auf dem BalkanFuß zu fassen. Franjo Tudjman, der starke Mann inKroatien, stirbt, und in dem Land wird eindemokratisches System installiert. Im Oktober desfolgenden Jahres gesteht Slobodan Milosevic seineNiederlage bei der Präsidentenwahl in Belgrad einund wird am 28. Juni 2001 an das InternationaleTribunal in Den Haag ausgeliefert, um sich wegenKriegsverbrechen zu verantworten.Februar 2001In der ehemaligen jugoslawischen RepublikMazedonien bricht ein Konflikt aus. Mehr als 150.000Menschen fliehen, vor allem in das angrenzendeKosovo. Im August unterzeichnen die beidengegnerischen Parteien des Landes eineFriedensvereinbarung, und die Zivilbevölkerungbeginnt in das Land zurückzukehren.4. Februar 2003Das Parlament in Belgrad verabschiedet dieVerfassungscharta eines neuen Landes – derStaatenunion von Serbien und Montenegro. DieserBeschluss markiert das formelle Ende der früherenBundesrepublik Jugoslawien, die während der Balkan-Kriege der 1990er Jahre zerbrochen war.Juli 2004Mit der Rückkehr des einmillionsten während desKrieges vertriebenen Bürgers erreicht Bosnieneinen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu seinernationalen Aussöhnung.Januar 2005Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien undMontenegro beschließen mit Unterstützung vonUNHCR, Europäischer Union und der Organisationfür Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE),alle offenen Flüchtlings- und Vertriebenenproblemebis Ende 2006 zu lösen.Herbst 2005Seit Mitte der 1990er Jahre sind in alle Gebiete desBalkans mehr als zwei Millionen Vertriebene undFlüchtlinge zurückgekehrt. Etwa 620.000 Menschenwarten jedoch noch darauf, ebenfallszurückkehren zu können. Größtes Problem ist dieFrage der Rückkehr von Serben und Angehörigenanderer Minderheiten in das Kosovo. UNHCR hat fürdie Unterstützung während des seit zehn Jahrenlaufenden Dayton-Prozesses etwa 500 Millionen US-Dollar aufwenden können. Das UN-Flüchtlingskommissariatwar sowohl in Kriegs- als auch inFriedenszeiten federführende humanitäreOrganisation, hat aber in den letzten Jahren seineAktivitäten in der Region nach und nach verringert.FLÜCHTLINGE NR. 3/20059


Das „Wunder“ vonDayton–10 Jahre danachDP/21234•2005 DP/23026•2005Auf dem gesamtenBalkan sind in denletzten JahrenMenschen inso genannteMinderheitengebietezurückgekehrt.Ein ethnischkroatischer Bauer inder bosnischenRepublika Srpska.Eine bosniakischeGroßfamilie nebenihrem wiederaufgebauten Haus inder früherenkroatischenHochburg Stolacnahe Mostar. EinigeFamilienmitgliederleben mittlerweilein den VereinigtenStaaten.hochprozentige einheimische Schnäpse, sowohl anOrtsansässige als auch an immer mehr Touristen. Kinderschwimmen in der Neretwa, um sich im heißenSommer ein wenig Abkühlung zu verschaffen. DieGeräusche von Lachen und Musik wehen von der anderenSeite der Schlucht herüber.Nur wenige Menschen halten heute noch inne, umdie kleine Gedenktafel am einen Ende der Brücke zuinspizieren. Sie trägt die knappe Inschrift „DENKE AN1993“, über der ein Stück einer explodierten Sprenggranateangebracht ist.Nur ein paar Straßen weiter sind die Spuren desKonflikts auffälliger: Reihen geisterhafter, vonSchrapnellen gezeichneter Gebäude, die zu weitzerstört sind und für deren Wiederaufbau weder Geldnoch bei den Führern des Landes möglicherweise derpolitische Wille vorhanden ist.Wie die Gegensätze in Mostar selbst haben Optimistenund Pessimisten genug Belege für ihre jeweiligeSichtweise dessen, was in den letzten zehn Jahrenin der Region geschehen ist.POSITIVESAuf dem gesamten Balkan wurden in den letztenJahren etwa 2,5 Millionen Rückkehrer gezählt. Bis zu650.000 Flüchtlinge konnten sich auf Dauer im Auslandniederlassen.In Bosnien wurden nach der Unterzeichnung desFriedensabkommens von Dayton mehr als eine MillionRückkehrer registriert. Fast die Hälfte von ihnen lebennunmehr in Gebieten, in denen sie jetzt die ethnischeMinderheit bilden. Dies ist der schwierigste und heikelsteAspekt der gesamten Rückkehr.In den ersten Friedensjahren floss internationaleHilfe im Umfang von fünf Milliarden US-Dollar in dasLand. Etwa die Hälfte der 500.000 in Bosnien zerstörtenHäuser wurden instand gesetzt oder neu gebaut.Etwa 200.000 Eigentumsstreitigkeiten wurden friedlichbeigelegt.Wie die Brücke in Mostar entstand auch Sarajewoaus den Trümmern neu. In der Stadt findet man wiederdas quirlige Straßenleben, die schicken Geschäfte unddie Restaurants, die es früher dort gab. Gleichwohl gemahnendie überwucherten Ruinen einiger Gebäudeim Zentrum ständig an die jüngere Vergangenheit.Weil es keine größeren Zwischenfälle gab, wurdedie Stärke der internationalen Friedenssicherungstruppenin Bosnien von einem Höchststand von 69.000auf 7.000 verringert.Die kroatische Regierung gliederte 1998 die letztender von jugoslawischen Bundestruppen zu Beginn desKrieges eroberten Gebiete wieder ein und beendete damitauch den Konflikt zwischen diesen beiden Ländernfriedlich.Die Regierung in Zagreb wird von vielen Kritikernbeschuldigt, die Rückkehr von Serben nicht genügendvorangetrieben zu haben. Sie gibt jedoch an, im Laufedes letzten Jahrzehnts mehr als 130.000 Flüchtlingewieder in ihrer Heimat willkommen geheißen zu haben.Weitere 240.000 Menschen, die während des10 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


Krieges zu Binnenvertriebenen geworden waren, sindebenfalls in ihre Städte und Dörfer zurückgekehrt.In Jugoslawien, das sich zu einem späteren Zeitpunktoffiziell in „Staatenunion Serbien und Montenegro“umbenannte, ging die Zahl der Flüchtlinge seit 1996um mehr als zwei Drittel auf etwa 150.000 heute zurück.Mehr als 100.000 Menschen kehrten nach Kroatien sowieBosnien zurück, und im Rahmen einer wichtigenpositiven Entwicklung nahmen in den letzten Jahren116.000 andere Flüchtlinge die Einladung Belgrads an,sich dort auf Dauer anzusiedeln und die Staatsangehörigkeitdes Landes anzunehmen.Die internationale Gemeinschaft begrüßte die neueFlexibilität Belgrads und gab zur Belohnung ein zuvorbeschlossenes Hilfspaket im Umfang von 1,3 MilliardenDollar frei, um der am Boden liegenden Wirtschaftdes Landes wieder auf die Beine zu helfen.Diese großen Rückkehrbewegungen führten dazu,dass in vielen Gebieten dieser drei Länder Serben, Kroatenund Bosniaken (Muslime) wieder Seite an Seite lebenund arbeiten.Autoritäre Regime in Belgrad und Zagreb wurdendurch demokratische Regierungen ersetzt, und der früherejugoslawische Staatschef Slobodan Milosevicwurde nach Den Haag überstellt, wo er sich in einemnoch laufenden Verfahren für ihm vorgeworfeneKriegsverbrechen verantworten muss.Im Januar dieses Jahres gaben die Regierungen vonBosnien, Kroatien sowie Serbien und Montenegro gemeinsammit UNHCR, der Europäischen Union undder Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeitin Europa (OSZE) bekannt, den Schlussstein in demFlüchtlings-Puzzle in ihren jeweiligen Ländern einfügenzu wollen. Sie unterzeichneten in Sarajewo das Abkommenzur so genannten „3 x 3-Initiative“, in dem siesich verpflichteten, bis Ende 2006 alle offenenVertreibungsprobleme in der Region zu lösen.Damit würde schließlich die federführende Rollevon UNHCR bei der Durchsetzung der humanitärenZiele des Friedensabkommens von Dayton enden, inderen Rahmen die Organisation 500 Millionen US-Dol-FLÜCHTLINGE NR. 3/2005Ein ethnischserbischesMädchen naheKnin nach derRückkehr ausSerbien.DP/20974•200511


Das „Wunder“ vonDayton–10 Jahre danachFür diese dreiFrauen aus Kroatienund Bosnien gibt esnur noch dasAltenheim in derserbischenHauptstadt Belgrad.lar für Schutz- und Unterstützungsprojekte ausgegebenhat. Dies würde gleichzeitig den Schlusspunkt eineraußergewöhnlichen Zeitspanne sowohl für die Organisationals auch die Region darstellen.Paddy Ashdown, der Hohe Repräsentant der internationalenGemeinschaft in Bosnien, ein ausgemachterRealist und Optimist, nannte das Jahrzehnt seit Daytonnichts weniger als ein „Wunder“.Der früher für die britischen Liberalen aktive Politikersagte kürzlich: „Das Wunder in Bosnien bestehtdarin, wie viel in zehn Jahren getan wurde. Man musssich in Erinnerung rufen, dass ein Sechzehntel derBevölkerung getötet wurde, mehr als in Frankreich imZweiten Weltkrieg, und die Hälfte der Bevölkerung obdachlosgemacht wurde …“Ein einheimischer Mitarbeiter einer Hilfsorganisation,der die Belagerung von Sarajewo überlebt hat, sahdie Ergebnisse des Dayton-Vertrags ebenfalls eindeu-12 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


tig positiv: „Um den Krieg zu beenden, hätten wir angesichtsall des Leidens und all der Toten ein Abkommenmit dem Teufel unterzeichnet. Nichts anderesspielte eine Rolle.“NEGATIVESIn einem Altenheim in einem Vorort von Belgradteilen sich drei Frauen über 70 Jahre ein winziges Zimmermit drei Eisenbetten nebst zugehörigem Nachttisch.Zwei stammen ausder Region um Knin inKroatien, die dritte ausGorazde in Bosnien. Alledrei wurden durch denKrieg aus ihren Wohnortenvertrieben und suchtenals Serbinnen vorübergehendZuflucht inSerbien. In den sich anschließendenJahren desExils verloren sie nacheinanderihre Ehemänner,ihre Verwandten und allihre Besitztümer.Die 78 Jahre alte DraginjaMatijas erwartete ursprünglich,nur wenigeTage, nachdem sie 1995 inPanik geflohen war, in ihrBauernhaus zurückkehrenzu können. „Alles, wasich jetzt noch besitze, istdas hier“, sagt sie undumklammert ihre Handtasche.„Das ist alles“, wiederholtsie in Tränen. „Ichbin zu alt und kann nurnoch hier sterben.“ Ihrezwei Zimmergenossinnennicken zustimmend. Siesind ebenfalls davon überzeugt,dass dies wohl auchihr Schicksal sein wird.Auf dem gesamten Balkanwarten immer nochschätzungsweise 620.000Flüchtlinge und Binnenvertriebenedarauf, an ihrefrüheren Wohnorte zurückkehrenzu können.Manche, wie die drei altenDamen in Belgrad – dievergessenen Opfer, die esnach jedem Krieg gibt –haben jedoch nichts mehr,zu dem sie zurückkehrenkönnten.Andere bleiben im Hinund Her der regionalenpolitischen Entwicklungengefangen. Als nachdem Abzug serbischer Militär- und Polizeieinheitendie zuvor geflohenen Albaner zurück in das Kosovoströmten, gerieten mehrere zehntausend Angehörigeder serbischen Zivilbevölkerung und anderer Minderheitenin Panik und verließen die Provinz, weil siemögliche Vergeltungsakte der Albaner befürchteten.Nur sehr wenige von diesen sind im Laufe der Jahrezurückgekehrt, und während die internationale Gemeinschaft,Serbien und die Albaner um die ZukunftFLÜCHTLINGE NR. 3/2005DP/23720•200513


Das „Wunder“ vonDayton–10 Jahre danachFederführend bei der RückkehrDAS FRIEDENSABKOMMENVON DAYTON beendete denKrieg in Bosnien und Herzegowina.Es wurde von den Staatspräsidentenvon Bosnien und Herzegowina,Kroatien und der BundesrepublikJugoslawien am 21. November 1995auf dem LuftwaffenstützpunktWright-Patterson in Dayton imamerikanischen Bundesstaat Ohioparaphiert und am 14. Dezember1995 in Paris unterzeichnet.In dem Abkommen verpflichtetensich die Parteien, gegenseitigihre Souveränität zu achten, einenWaffenstillstand in Bosnien einzuhalten,ihre Truppen hinter vereinbarteTrennlinien zurückzuziehen,eine neue Verfassung zu verabschiedensowie Präsidenten- undParlamentswahlen durchzuführen.Die Hauptstadt Sarajewo wurdewiedervereint, es wurde eineZentralregierung gebildet, und –was einer der umstrittensten Punktewar – es wurden zwei separateGebietseinheiten innerhalb desLandes anerkannt, die seinerethnischen ZusammensetzungRechnung trugen : die so genannteBosnisch-Serbische Republik(Republika Srpska) und dieBosniakisch-Kroatische Föderation.Bei Ausbruch der Balkankriegeim Jahre1991 hatte der UN-Generalsekretär UNHCR alsfederführende humanitäreOrganisation während der sichabzeichnenden Krise ernannt. ImDayton-Abkommen wurde das UN-Flüchtlingskommissariat erneutaufgefordert, die Federführung fürdie Bemühungen zur Rückführungmehrerer Millionen durch dieKämpfe entwurzelter Menschenan ihre früheren Wohnorte zuübernehmen.Obwohl der Vertrag nur fürBosnien und Herzegowina galt,hatte er in der gesamten Balkan-Region weitreichende politische,militärische und humanitäreAuswirkungen.Die humanitären Aufgabenwurden in Anhang 7 des Dayton-Abkommens aufgeführt undumfassten die folgendenwichtigsten Punkte :! UNHCR wurde als federführendeOrganisation damit betraut, „dieUnterstützung aller Organisationenbei der Rückführung zukoordinieren“ und einen Plan zuentwickeln, der „eine frühzeitige,friedliche, ordnungsgemäße undzeitlich abgestufte Rückkehr vonFlüchtlingen und Vertriebenenermöglicht“.! „Alle Flüchtlinge undVertriebenen haben das Recht,unbehindert an ihre früherenWohnorte zurückzukehren. Siesollen das Recht auf Rückgabe ihresEigentums haben, das ihnen im Laufeder Feindseligkeiten seit 1991genommen wurde, und sie sollen fürjegliches Eigentum entschädigtwerden, das ihnen nichtzurückgegeben werden kann.“! Rückkehrer sollten zurückkehrenkönnen, „ohne Gefahr zu laufen,schikaniert, eingeschüchtert,verfolgt oder diskriminiert zuwerden, insbesondere nichtaufgrund ihrer Volksgruppenzugehörigkeit,ihres Glaubens oderihrer politischen Ansichten“.! Alle Parteien verpflichteten sich,„der Diskriminierung dienendeGesetze und Verwaltungspraktiken“aufzuheben, Aufrufe zu „ethnischeroder religiöser Feindseligkeit oderHass“ über die Medien oder andereKanäle zu verhindern, ethnischeMinderheiten und ihrenproblemlosen Zugang zuhumanitären Organisationen zuschützen sowie Amtsträger, die dieGrundrechte von Minderheitenverletzen, strafrechtlich zu verfolgen,zu entlassen oder zu versetzen.! Die Parteien verpflichteten sich,„politische, wirtschaftliche undsoziale Bedingungen zu schaffen, dieder Rückkehr und Reintegrationförderlich sind“. Ein sehr wichtigerAspekt war die Einrichtung einerKommission für Vertriebene undFlüchtlinge. Sie sollte die potenziellmehreren hunderttausendEigentumsstreitigkeiten und-ansprüche entscheiden.14 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


DP/22838•2005DP/23922•2005der Provinz ringen – komplette Unabhängigkeit für diealbanische Mehrheit oder Autonomie innerhalb Serbiens?–, verharrt eine Viertelmillion Menschen, diebezweifeln, dass sie im Kosovo sicher sind und ihre Zukunftnicht durch eine Rückkehr dorthin aufs Spiel setzenwollen, in einer ungewissen Rechtsstellung als Vertriebenein Serbien.Es gibt weitere große Probleme, die allen Staatenauf dem Balkan gemein sind. Die Hilfe aus dem Auslandwurde drastisch gekürzt, und die Volkswirtschaftenin der Region stehen vor zwei sehr großen Hindernissen:Sie müssen versuchen, sowohl sich voneinem verheerenden Krieg zu erholen als auch obsoletesozialistisch-kommunistische Volkswirtschaftenauf flexiblere Systeme umzurüsten.Die Arbeitslosenquote beträgt fast überall 30 Prozentund erreicht in manchen Regionen sogar die 80-Prozent-Marke. Die Hälfte der bosnischen Bevölkerunglebt an oder unterhalb der Armutsgrenze, 50 Prozenthaben keine Gesundheitsversorgung und 18 Prozentkeinen Anschluss an das Stromnetz. Die aufgeblähteBürokratie in Bosnien – fünf Präsidenten, zwei Premierminister,13 Bildungsminister, um die unterschiedlichenMachtstrukturen zu besetzen – verschlingt60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes.Auch wenn die offensichtlichsten Formen der Diskriminierungbeseitigt wurden, kommt es bei der Arbeitssuchesowie beim Zugang zu Gesundheitsversorgungund Bildungswesen weiterhin verbreitet zu„stiller“ Diskriminierung.Viele Angehörige der Zivilbevölkerung, insbesondereRückkehrer, sind gezwungen, sich ihren Lebensunterhaltdurch Subsistenzlandwirtschaft zu verdienen,wobei sie oft auf eine einzige Kuh oder einenGemüsegarten angewiesen sind. Als eine Mitarbeiterineiner internationalen Hilfsorganisation vor Ortkürzlich gefragt wurde, wie diese Menschen denn zurechtkommen,zuckte sie mit den Schultern und antwortete:„Sie sind alle Zauberkünstler. Wir begreifennicht, wie sie überhaupt von einer Woche zur nächstenüberleben.“Die Sicherheitslage mag sich verbessert haben, aberes befinden sich immer noch mindestens 10.000 bekannteKriegsverbrecher auf freiem Fuß, darunter dieangeblichen Urheber des Massakers von Srebrenicaund anderer Gräueltaten, Radovan Karadzic and RatkoMladic.Nur die Hälfte der Angehörigen von Minderheitensind nach ihrer Rückkehr an ihre früheren Wohnortezurückgekehrt. Und obwohl diese Rückkehrer Seite anSeite mit ihren früheren Nachbarn wohnen, warendiese in den jüngsten Kriegen schließlich ihre Feinde,und von Zusammenleben in dem Sinne, wie es früherüblich war, kann eben keine Rede sein.„Ich bin einmal zurückgefahren, um nach meinemHaus in Mostar zu sehen“, sagt eine Frau, die jetzt amStadtrand von Belgrad lebt. „Mein früherer Nachbarsah mich und sagte: ‚Was willst du hier? Für mich existierstdu nicht mehr.‘ Deshalb werde ich nie mehrzurückkehren.“Der frühere UN-Flüchtlingskommissar Ruud Lubberswarnte das UNHCR-Exekutivkomitee, all die losenEnden auf dem Balkan könnten vielleicht nie wiedersauber zu einem einheitlichen Ganzen verknüpft werden.„Wir sollten uns weiterhin um die Rückkehr allerbemühen, die sie anstreben, uns aber gleichzeitig vondem künstlichen und kontraproduktiven Ziel verabschieden,alle verbliebenen entwurzelten MenschenFLÜCHTLINGE NR. 3/2005Für Familien, die inzerstörte Dörfer inZentralbosnienzurückkehren, istdas Leben sehrhart.Navenka Bodirogastammt ausSarajewo. Sie hatsich entschlossen,in Serbien zubleiben.15


Das „Wunder“ vonDayton–10 Jahre danachFlucht aus Knin imJahr 1995.zurückzuführen“, sagte er.Manche Kritiker machen den Dayton-Vertrag fürall die Übel verantwortlich, die auf Bosnien und seinenNachbarn liegen. Ein Professor der Universität von Sarajewobeschrieb ihn als ein „Frankenstein-Abkommen“,weil durch die darin festgeschriebene Teilungdes Landes in zwei Einheiten – die serbisch beherrschteRepublika Srpska und die Bosniakisch-Kroatische Föderation– die während des Krieges verfolgte Politik der„ethnischen Säuberung“ rechtlich sanktioniert wordensei.Navenka Bodiroga floh zu Beginn des Krieges trotzihrer damals bereits weit fortgeschrittenen Schwangerschaftaus Sarajewo und trägt heute zum Lebensunterhaltder Familie bei, indem sie in ihrer Wohnungin der Stadt Sabac nahe Belgrad kleine Näharbeitenausführt. Sie weint, wenn sie sich an Sarajewo erinnert,wo sie geboren wurde. „Ich habe so großes Heimweh“,© SALGADO/SCG•1995sagt sie. Aber sie entschied sich kürzlich, die serbischeStaatsangehörigkeit anzunehmen und in Sabac zu bleiben.„Dayton“, sagt sie, „war ein Desaster, zu dem es einfachkommen musste“: Das Abkommen mag das Tötenbeendet haben, aber für Serben wie sie war es eineKatastrophe, die zu dauerhaftem Exil führte.HOFFNUNGEN UND ÄNGSTEEine Reise durch Kroatien, Bosnien und Serbien offenbartalle Gegensätze in der Region in der Zeit nachDayton: die Hoffnungen auf die Rückkehr und die damitverbundenen Sorgen, den Kampf ums Überleben,erneuerte Freundschaften und anhaltende feindseligeEinstellungen aus der Zeit des Krieges sowie die Ängsteangesichts einer immer noch sehr unsicheren Zukunft.In der Krajina in Kroatien sind die Einheimischen16 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


Serbische Rückkehrer in Knin im Jahr 2005.DP/20747•2005Ein nach Kroatien zurückgekehrter Serbe,der bei seiner Ankunft ein gerade wiederaufgebautesHaus und einen neugeborenen Enkelvorfand.DP/20795•2005davon überzeugt, dass die dicht bewachsenen Hügelund tiefen Täler in der Umgebung von Knin, der größtenStadt in der Region, der Ausgangspunkt für die Serievon Kriegen waren, die das ehemalige Jugoslawienauseinander gerissen haben.Kroaten erinnern sich immer noch mit Schaudernan eine Versammlung im Jahr 1989, als Priester und andereSprecher bei der nahe gelegenen Kirche vom HeiligenLazar eine Menge von schätzungsweise 60.000Menschen in einen Taumel von serbischem Nationalismushochpeitschten. „Da wussten wir, dass der Kriegunvermeidbar war“, sagt ein Bauer.Damals war die Krajina das Kernwohngebiet derserbischen Bevölkerung Kroatiens. Sie erklärte sich1991 als Republika Krajina („Krajina“ bedeutet Grenzgebiet)ebenfalls für unabhängig.Wie im Voraus abzusehen war, begann der erste Massenexodusder Zivilbevölkerung. Angesichts der damaligenÜberlegenheit serbischer Soldaten und Milizionärein den Kampfhandlungen flohen etwa 500.000Kroaten und andere Nicht-Serben aus der Krajina undanderen Teilen des Landes. Als sich das Kriegsglückwendete, begann eine wieder erstarkende kroatischeArmee die „Operation Sturm“ und zwang ihrerseitsetwa 250.000 Serben ins Exil. Ihre Flucht war damalsbereits Bestandteil einer kontinuierlichen und verwirrendenMassenbewegung unterschiedlicher lokalerBevölkerungsgruppen auf dem gesamten Balkan.Schätzungsweise 40.000 der 120.000 Serben sindseitdem in die Region um Knin zurückgekehrt. Sie machendort heute jedoch nur noch zehn Prozent derBevölkerung aus – verglichen mit 90 Prozent vor demKrieg. Landesweit ging die Zahl der kroatischen Serbenvon 600.000 auf weniger als die Hälfte zurück.Die Umkehrung der ethnischen Zusammensetzungund die geringe Zahl von Rückkehrern in Regionen, inFLÜCHTLINGE NR. 3/200517


Das „Wunder“ vonDayton–10 Jahre danachDP/20853•2005Eine 1991 ausKnin geflohenekroatischeFamilie hat nachihrer RückkehrErfolg mit ihremGemüseanbau.denen sie heute eine Minderheit darstellen, ähnelt demMuster der Veränderungen nach dem Krieg in vielenStädten und Dörfern auf dem gesamten Balkan, derenzukünftige Konsequenzen noch nicht abzusehen sind.Und in den persönlichen Geschichten von Kroaten,Bosniaken und Serben in dieser Ausgabe vonFLÜCHTLINGE spiegeln sich die Erfolge und anhaltendenProbleme der gesamten Region wider.Als Sava und Nevenka Stojanovic 1995 nach Serbienflohen, wurde ihr Haus von kroatischen Soldaten vollständigzerstört. Sie kehrten zwei Jahre später zurück,und obwohl sie drei Jahre lang in einem angrenzendenStall wohnen mussten, wurde ihnen damals umfangreicheHilfe zum Wiederaufbau ihres Hauses in ihremangestammten Dorf angeboten – Hilfe, die in den heutigenwirtschaftlich schwierigeren Zeiten nicht mehrzur Verfügung steht.Boris Petkos Haus wurde ebenfalls zerstört. Es zähltjedoch zu den schätzungsweise 120.000 Wohngebäuden,die die Regierung seit dem Krieg wiederaufgebaut hat.Während seine Ehefrau bereits vor mehreren Jahrenzurückkehrte, folgte Petko, ein Serbe, der sich vor möglicherSchikanierung durch Angehörige der kroatischenMehrheit fürchtete, ihr auf Dauer erst vor kurzem ausdem Exil. Bei seiner Ankunft fand er nicht nur ein neuesHaus vor, sondern auch einen Enkel, der nur wenige Stundenzuvor geboren worden war. Mit den Einnahmen ausdem Verkauf der Milch ihrer vier Kühe kommt die Familiegerade so zurecht. Petko jedoch ist überglücklichund sagte: „In dem Augenblick, als ich nach Hause kam,begann ich zu weinen. Ich weine immer noch. Ich kann dasalles nicht glauben. Es ist wunderbar.“Dusanka Jolic hatte keine solchen Glücksmomente.Seit ihrer Rückkehr vor fünf Jahren lebt die Serbin inzwei kleinen Kellerräumen, während nur ein paar hundertMeter entfernt ein kroatischer Flüchtling aus Bosniennoch immer ihr dreistöckiges Elternhaus im DorfKovacic bewohnt. Der Kroate hatte bereits begonnen,das Haus auszuschlachten, um sich das Baumaterial zusichern, und jedes Mal, wenn Frau Jolic ihr Eigentumzurückverlangte, drohte er, es ganz zu zerstören. „Ichhabe die Rückgabe meines Eigentums bereits 1998 beantragt“,sagt sie. „Ich warte immer noch.“ Die kroatischenBehörden lehnten es ab, einzugreifen.Perisa Mijakovac hat weder einen Arbeitsplatz – wiedie Mehrheit in der Krajina – noch ein Zuhause. Im kommunistischenVorkriegssystem hatte er einen garantiertenAnspruch auf eine staatliche Wohnung, aberZehntausende verloren dieses Privileg in dem Chaos,das sich entwickelte. Menschen wie Mijakovac neuenalternativen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, istvielleicht das größte Problem für die Regierung in Zagrebheute, wenngleich manche Kritiker ihr vorwarfen,den Prozess ständig untergraben zu haben. Bis dasProblem gelöst ist, fährt Mijakovac weiterhin zwischendem Haus seiner Schwiegermutter im Dorf Ridjane undseiner Wohnung im Exil hin und her. Er weiß nicht, ober seine Zukunft in Kroatien oder Serbien sehen soll.Robert Konforta steht vor einem anderen Dilemma.Als Kroate floh er 1991, kehrte aber vier Jahre späterzurück, als seine serbischen Nachbarn ihre Traktorennebst Anhänger bestiegen und ins Exil fuhren. Obwohler jetzt zur kroatischen Mehrheit gehört, steht an derSpitze der Verwaltung der Kommune, in der er lebt, eingebietsfremder Serbe, dem er vorwirft, die Erweiterungseines kleinen Gemüseanbaubetriebs zu blockieren.„Nach dem Krieg wagten wir es zum ersten Mal,uns zu dem zu bekennen, was wir sind – Kroaten“, sagtKonforta. „Jetzt fühlen wir uns wieder wie eine Minderheit.“Dies ist eine potenziell verhängnisvolle Entwicklungangesichts des Umstands, dass die Erinnerungenan den Krieg noch so frisch sind.Und als jüngst der zehnte Jahrestag der „OperationSturm“ begangen wurde, machten die Feierlichkeiten18 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


Ein bemerkenswerter Erfolg – aber es bleibt noch viel zu tunDer Hohe Repräsentant in Bosnien bewertet zehn Friedensjahre.VON P ADDY A SHDOWNIM JULI NAHM ICH AN DEN GEDENKFEIERLICHKEITEN ZUMZEHNTEN JAHRESTAG des Massakers von Srebrenica teil. Die dortbegangenen Morde liegen immer noch wie ein Schatten auf derSeele Europas. Srebrenica weckt jedoch neben Furcht undSchrecken auch Hoffnung.Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind, die zurückgekehrt sind,um in dieser Stadt und überhaupt in Bosnien und Herzegowinasowie in der gesamten Balkanregion zu leben, sind ein täglicherBeweis dafür, dass das Böse auf Dauer nicht obsiegen kann. DieseRückkehrer machen ein Recht geltend, das nie zuvor in Europadurchgesetzt worden war: das Recht von Flüchtlingen,zurückzukehren.1945 gab es in Europa fünf Millionen Vertriebene. Fast niemandvon ihnen konnte an seinen Wohnort vor dem Zweiten Weltkriegzurückkehren.1995, zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des Friedensabkommensvon Dayton, hatte der Krieg in Bosnien zu mehr alszwei Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen geführt. Seit damalssind mehr als eine Million Menschen an ihre früheren Wohnortezurückgekehrt. Dies ist ein Erfolg in einem Ausmaß, das währendoder unmittelbar nach dem Konflikt undenkbar war.Damals waren die Haupthindernisse für die Rückkehr dieTraumatisierung der Vertriebenen und die anhaltendeEinschüchterung durch diejenigen, die sie vertrieben hatten. Ineinem Klima der Rechtlosigkeit und in dem herrschendenVerwaltungschaos waren die örtlichen Institutionen – Polizei,Kommunalverwaltungen, Sozialdienste – aus politischen Motivennicht bereit, die Rückkehr zu unterstützen, oder aus administrativenGründen nicht in der Lage, ein für die Rückkehr günstigesUmfeld zu schaffen.Durch einen langsamen, aber stetigen Prozess einschließlich derAbsetzung obstruktionistischer Polizisten und Kommunalbeamterwurde das Klima systematisch verbessert. Die jährlichenRückkehrerzahlen stiegen von mehreren zehn- auf mehrerehunderttausend zu Beginn des neuen Millenniums, wenngleichsich der Trend in der jüngsten Zeit wieder verlangsamt hat.Wir sind in eine neue Phase eingetreten, in der das größteRückkehrhindernis nicht länger politischer oder administrativerNatur ist, sondern der Mangel an wirtschaftlichen Chancen.Neulich hielt ich eine Rede zur Eröffnung einer Metallverarbeitungsfabrikin Srebrenica und stellte dies als ein ungemeinnützliches Ereignis dar, das den dort arbeitenden Menschen Brotgeben würde. Ich wies auch darauf hin, dass der ausländischeInvestor sein Kapital nicht aus Nächstenliebe in das Werk gesteckthat, sondern dass er eine nüchterne Geschäftsentscheidung aufder Grundlage der langen Tradition der Metallverarbeitunggetroffen hat, die in diesem Teil des Landes besteht.Das Unternehmen hat in Srebrenica investiert, weil dort eineKombination von qualifizierten Arbeitskräften, wettbewerbsfähigenLohntarifen, einer stabilen Währung, reichlichvorhandenen Ressourcen und Marktnähe gegeben war. Ich sagte,dass wahrscheinlich immer mehr Investoren die Vorteile dieserKombination erkennen und nutzen werden.ARBEITSPLÄTZE SIND DER SCHLÜSSELMEHR INVESTITIONEN bedeuten mehr Arbeitsplätze, waswiederum einen höheren Lebensstandard nach sich ziehen wird.Diese Gleichung bildet den Kern für eine dauerhafte Rückkehrvon Flüchtlingen nach Bosnien und Herzegowina.Wir sind keine Wohltätigkeitsorganisation, sondern bemühenuns um die Maximierung des wirtschaftlichen Potenzials, damit esden Rückkehrprozess unterstützen kann. Arbeitsplätze sindBausteine des Wohlstands, und sie sind auch Bausteine für einenanhaltenden Rückkehrprozess.UNHCR spielt auch weiterhin eine wichtige Rolle in diesemProzess. Die Organisation hat nach dem Dayton-Abkommen dasRückkehrtempo vorgegeben und sichergestellt, dass dieEntstehung einer modernen demokratischen Gesellschaft auf derReintegration von Gemeinschaften und nicht auf ihrerdauerhaften Teilung gründet.Das UN-Flüchtlingskommissariat hat eine beeindruckendeFähigkeit bewiesen, seine Programme und Strategien an sichständig verändernde Umstände anzupassen. Beginnend mit derBereitstellung von Unterkünften hat die Organisation nach undnach rechtliche und administrative Hürden für die dauerhafteRückkehr beseitigt und im Rahmen dessen Rechtshilfe- undInformationszentren eingerichtet, die bereits mehrerenhunderttausend Menschen geholfen haben.FLÜCHTLINGE NR. 3/200519


DP/23342•2005DP/23440•2005DP/23518•2005DP/23387•2005SarajewoheuteDP/23371•200520 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


DP/23457•2005DIE WIEDER-GEBURTEINER STADTSupermärkte, Werbetafeln,neue Hochhäuser, Trams und einpulsierendes Straßenleben ...DP/23594•2005DP/23351•2005DP/23609•2005DP/22603•2005FLÜCHTLINGE NR. 3/200521


Das „Wunder“ vonDayton–10 Jahre danachWiederaufbau inder RepublikaSrpska.Anwälte von VasaPrava beratenHilfsbedürftige inganz Bosnien.erneut die Zwiespältigkeit, die Wut und die tiefen Gräbendeutlich, die so viele Gemeinschaften weiterhintrennen.Der kroatische Ministerpräsident Ivo Sanader nanntedie Operation „einen ruhmreichen Befreiungsakt undeinen Wendepunkt in der kroatischen Geschichte“,reichte jedoch gleichzeitig den Serben die Hand zurVersöhnung, indem er sagte: „Wir müssen sie (die Befreiung)von dem sich anschließenden beschämendenVorgehen gegen die Serben trennen.“In diese Kerbe stieß auch der serbische PremierministerVojislav Kostunica: „Die Kolonne der Fliehendenvon Knin bis Belgrad bestand aus den Opfern einesschrecklichen unsichtbaren Verbrechens, der größten‚ethnischen Säuberung‘ nach dem Zweiten Weltkrieg.Auch zehn Jahre danach gibt es weder Gerechtigkeitnoch ein Eingeständnis der Wahrheit.“DP/21304•2005DAS SERBISCHE KERNLAND BOSNIENSAuf der anderen Seite der Grenze in Bosnien vertriebenserbische Truppen 1992 ohne Ausnahme alleAngehörigen der bosniakischen (muslimischen) Bevölkerungaus der Stadt Kozarac und anderen Dörfern inder näheren Umgebung. Sie wollten für ihre RepublikaSrpska ein ethnisch „reines“ Kernland um die nahe gelegeneGroßstadt Banja Luka schaffen.Tausende von Männern aus der Gegend wurden inOmarska und Keraterm interniert, dem berüchtigstenund tödlichsten der während des Krieges eingerichtetenKonzentrationslager. Andere wurden ermordet. DieToten warf man in die Schächte von Bergwerken in derRegion, aus denen heute immer noch Leichen geborgenwerden. Wohnhäuser und Moscheen wurden systematischzerstört.Als Mitarbeiter von FLÜCHTLINGE Kozarac 1999besuchten, schien es, dass alle Bemühungen, Bosniakenzur Rückkehr zu bewegen, wegen des offenen Widerstandsörtlicher serbischer Fanatiker zum Scheiternverurteilt waren.„Das Dorf Kozarac bietet einen Anblick, wie manihn eigentlich nur von Fotos der schrecklichsten Bombardierungsexzessedes Zweiten Weltkriegs kennt“,hieß es damals in der Zeitschrift. „Praktisch jedes Hausist zerstört. Wild wuchernde Vegetation droht nun, diesenGeisterort zu verschlingen. Vor dem Konflikt lebtenhier 16.500 relativ wohlhabende Bosniaken. Bis jetztsind fünf Familien zurückgekehrt.“Heute bietet sich ein wesentlich hoffnungsvolleresBild. 90 Prozent der Wohngebäude in der Region wurdenwiederaufgebaut, und etwa 7.000 Bosniaken sindzurückgekehrt. Auch wenn diese Gesamtzahl weiterhinenttäuschend ist, waren die zurückgekehrten Muslimezuversichtlich genug, an eine Zukunft des Orteszu glauben. Sie haben die Gebeine mehrerer hundertanderer Bosniaken aus Massengräbern und Bergwerksschächtengeborgen und sie auf einem örtlichenFriedhof beigesetzt.Die Zahl der Rückkehrer ist in den letzten Jahrenweiter gesunken, und das ungeheure Ausmaß der nochausstehenden erforderlichen Anstrengungen zum WiederaufbauBosniens lässt sich vielleicht am besten ineiner beengten Anwaltskanzlei im nahe gelegenen Prijedorerfassen, der regionalen Hauptgeschäftsstelle einerGruppe namens Vasa Prava („Deine Rechte“).Die Rechtsberatungsorganisation wurde mit Unterstützungvon UNHCR als landesweites Netzwerkaufgebaut. Sie hat mindestens 300.000 Menschen kostenlosbei der Lösung von Problemen geholfen, die vonder Wiederinbesitznahme von Eigentum bis zur Rückkehrnach Kroatien und von der Ehescheidung bis zurBeschaffung einer Arbeitserlaubnis reichen.„Ich empfange hier täglich etwa 20 bis 30 RatSuchende“, sagt die Anwältin Snjezana Cepic. „UnsereArbeitsbelastung nimmt zu. Leider werden unsereDienste noch jahrelang benötigt.“Nach Einschätzung von Udo Janz, dem ehemaligenUNHCR-Vertreter in Bosnien, ist die Gründung vonVasa Prava eines der besten und wichtigsten Projekteim Rahmen des Balkan-Einsatzes des UN-Flüchtlingskommissariats.„Vasa Prava hat sich bei unseren Bemühungenzur Rückkehr von mehreren hunderttausendMenschen als unverzichtbar erwiesen“, sagt er.DP/21310•2005DP/21315•200522 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


DP/21420•2005Im Namen derReligion:DER BLANKE HORRORDer religiöse und ethnische Fanatismus, der Srebrenicamöglich machte, beginnt viele Kilometer vordiesem Schreckensort. In einem Dorf an einer Kreuzung,an der eine Straße in das Tal von Srebrenica abzweigt,errichteten religiöse Eiferer in den letztenKriegstagen eine kleine orthodoxe Kirche unmittelbarim Vorgarten einer Muslimin, wie es scheint, als bewussteProvokation.Die Frau versucht zu erreichen, dass die Kirchewieder abgerissen wird, sieht sich jetzt aber selbst beschuldigt,religiösen und ethnischen Hass zu schüren.Genau an dieser Kreuzung trennten die serbischenTruppen 1995 bosniakische Männer von den Frauenund führten die Männer weg, um sie hinzurichten.Weiter unten im Tal waren Arbeiter kürzlich unterHochdruck mit der Errichtungeines sieben Meter hohen Betonkreuzesbeschäftigt, das an die Ermordungvon 49 Serben durch bosniakischeMilizen am 7. Januar 1993,dem orthodoxen Weihnachtsfest,erinnern soll.„Niemand gedenkt der serbischenOpfer“, sagt einer der Arbeiterverbittert, wobei er offensichtlichauf die für den folgenden Taggeplanten GedenkgottesdiensteDP/21762•2005zum Gedächtnis an das Massaker an fast 8.000 muslimischenMännern und Jungen aus Srebrenica anspielt.Während die Zerstörung der Brücke in Mostar unverzüglichals bequemer Anlass zur Verdammung vonKriegsgräueln genutzt wurde, konnten sich die serbischeFührung und auch die internationale Gemeinschaft imAllgemeinen erst in diesem Jahr wirklich dazu durchringen,sich ernsthaft der Ungeheuerlichkeit des Verbrechensin Srebrenica zu stellen und öffentlich ihreScham für die Rolle zu bekennen, die sie dabei spielten.Mehrere zehntausend Menschen, Staats- und Regierungschefs,Diplomaten, der serbische Staatspräsidentsowie Angehörige und Verwandte der Opfer kamenan der Gedenkstätte gegenüber einer nicht mehrgenutzten Batteriefabrik zusammen, wo unter den Augenein paar unglücklich dreinschauender UN-Soldatendie Männer von den Frauen getrennt und in denFLÜCHTLINGE NR. 3/2005Umbettung vonmuslimischen Toten inKozarac.Eine umstritteneorthodoxe Kirche.Gedenken für toteSerben naheSrebrenica.DP/21785•200523


Das „Wunder“ vonDayton–10 Jahre danachDP/21960•2005Hafiza Hodlicerinnert sich an einMassaker.Tod geschickt wurden. Während der Gedenkfeier wurdenunter den Augen der Welt mehr als 600 Opfer zurletzten Ruhe gebettet, wie mit 1.326 anderen bereits zuvorverfahren worden war. Viele andere Tote könnennicht identifiziert oder gefunden werden.Die Inschrift auf einem Obelisken aus Marmor ander Gedenkstätte verleiht der Hoffnung Ausdruck, dassein solches Massaker nie wieder geschehen wird:Möge aus Leid Hoffnung werdenMöge Rache zu Gerechtigkeit werdenMögen die Tränen der Mütter zu Gebeten werdenDamit SrebrenicaNie wieder geschiehtFür niemanden nirgendsViele Menschen sind sich dessen nicht sicher. Voneiner Vorkriegsbevölkerung von fast 28.000 Bosniakensind nur 4.000 zurückgekehrt.„Monatelang habe ich geweint“, sagt die 58 Jahre alteHafiza Hodlic, deren Ehemann und zwei Söhne währendder Eroberung der Stadt weggeführt und danachnie wieder gesehen wurden. „Ich habe keine Tränenmehr übrig. Aber ich hoffe immer noch, dass einesTages mein Mann und meine Söhne von irgendwo hierhinzurückkommen werden.“Ihre Tochter Merima Mustafic hatte sich ein kürzlichveröffentlichtes Videoband angesehen, auf dem zusehen ist, wie serbische Truppen sechs gefangene Männeraus Srebrenica töten. Es handelte sich um den erstenunbestreitbaren Beweis für die Gräueltat. Die männlichenMitglieder der Familie sind darauf nicht zu sehen.Merima wurde davon jedoch so aufgewühlt, dass siezur Beruhigung ins Krankenhaus gebracht werdenmusste. Wochen später stand sie immer noch unterSchock.„Ich möchte mich einfach nur an das Leben erinnern,das wir hier einmal hatten,“ sagt ihre Mutter nacheinem weiteren vergeblichen Versuch, von der zuständigenKommunalverwaltung Hilfe für den Wiederaufbauihres niedergebrannten Hauses zu erhalten. „Einanderes Lebensziel ist mir nicht mehr geblieben.“Die Frauen und Kinder in einer Sammelunterkunftim nahe gelegenen Jezevac hatten ein wenig mehrGlück als Hafiza Hodlic. Sie konnten die Gebeine ihrerdem „Verschwindenlassen“ zum Opfer gefallenenmännlichen Familienmitglieder bergen und identifizieren.„Zumindest wissen wir, wo sie begraben sind“, sagteine Frau. „So ist es besser.“Aber könnten sie je wieder vertrauensvoll mit ihrenserbischen Nachbarn zusammenleben? „Nie, nie,niemals“, antworten alle sofort einstimmig. „Wir misstrauenihnen, und sie misstrauen uns“, sagt eine Frau.„Was denken Sie, wie sich unsere Kinder verhalten werden,wenn sie erfahren, dass ihre Väter von den Nach-24 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


arn ermordet wurden? Sie werdendas nie vergessen.“SARAJEWO UND STABILITÄTIn Sarajewo rattern altersschwacheStraßenbahnen wiederüber die Hauptstraße, die währendder Belagerung als „Allee derHeckenschützen“ bekannt wurdeund nur mit gepanzerten Fahrzeugenbenutzt werden konnte. Eineübel riechende Baracke für Flüchtlingeist als strahlend saubere Coca-Cola-Fabrik wiederauferstanden.Nachts tummeln sich Tausendevon Familien und Liebespaaren aufden gepflasterten Bürgersteigen, inden Restaurants und bei denSchmuckhändlern im türkischenund österreichischen Viertel oderbesuchen angesagte Fotoausstellungenin der weltberühmten Stadtbibliothek,die im Inneren durchBrandschäden nach wie vor stark inMitleidenschaft gezogen ist.Neu gebaute große Einkaufszentrensind voll, aber ein kleinesewiges Licht an einem belebtenDurchgang erinnert die Bürger vonSarajewo an den schrecklichsten Augenblickin der Stadtgeschichte, alsim Februar 1994 eine Granate früham Morgen in einer Gruppe vonMarktbesuchern landete. Dabei wurden 68 Menschengetötet und 200 weitere verletzt.Am jüdischen Friedhof in den Bergen in der Umgebung,der während des Krieges Teil der Frontlinie war,herrscht dagegen wieder Ruhe. Ein paar Instandsetzungsarbeitenwurden durchgeführt, aber erschreckenderweiseist der Unfrieden noch nicht ganz vorbei.Einige Gräber wurden von Vandalen geschändet.Sarajewo war einmal eine lebhafte multiethnischeMetropole. Ein Teil der Serben ist in außerhalb gelegeneVororte zurückgekehrt. Viele andere jedoch, dieHäuser und Geschäfte im Zentrum besaßen, ziehen esvor, in Serbien oder noch weiter entfernt zu leben undihr altes Zuhause nur gelegentlich zu besuchen.Mehrere zehntausend Menschen, die weiterhin entwurzeltsind, nutzten jedoch die Aufhebung der Reisebeschränkungenauf dem größten Teil des Balkans, umfür kurze Zeit zurückzukehren, um Angehörige, Freundeund ihr Zuhause zu besuchen und eine Verbindung mitder Vergangenheit aufrechtzuerhalten. Auch dies warein hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft.Das neue Schlagwort auf dem Balkan heißt „Stabilität“.Dies unterstreicht die Notwendigkeit, die in denletzten zehn Jahren bereits erreichten Fortschritte zufestigen und auszubauen und bis Ende 2006 ungelösteFlüchtlingsprobleme in den meisten Teilen des Balkans– das Kosovo bildet eine Ausnahme – zu lösen.„Vor wenigen Jahren war das drängendste ProblemDP/23284•2005Sicherheit, Sicherheit und noch einmal Sicherheit“, soUdo Janz von UNHCR. „Heute ist es die Wirtschaft.“Trotz des massiven Wiederaufbauprogramms in dergesamten Region bleibt sie übersät mit den vor sichhinrostenden Industriebrachen der Vorkriegszeit – Fördertürme,Kraftwerke, Backsteinfabriken –, in denenvor dem Krieg der größte Teil der ErwerbsbevölkerungArbeit fand.Einige neue Betriebe wurden eröffnet, und Organisationenwie UNHCR haben zahllose kleine Selbsthilfeprojektegefördert. Die bereits zurückgekehrten entwurzeltenBewohner und diejenigen, die noch eineEntscheidung über ihre Zukunft treffen müssen, betontenjedoch fast einstimmig, dass die Schaffung vonArbeitsplätzen der entscheidende Schlüssel für denzukünftigen Erfolg der Region ist.Der 71 Jahre alte Kroate Franjo Majijevic kehrte 1998an seinen früheren Wohnort in der Republika Srpskazurück. Wenngleich es keinen Anlass für Sorgen umdie Sicherheit von Minderheitenangehörigen gibt, klagter: „Was Arbeitsplätze angeht, sieht die Zukunft düsteraus. Die Kohlegruben sind geschlossen. Das Hüttenwerkgibt es nicht mehr. Dies ist eine sterbende Kommune.“Der 69-jährige Serbe Vidak Dujkovic ist in sein Heimatdorfnahe der Stadt Tuzla in einem anderen Teildes Landes zurückgekehrt, aber die Felder, die er einstbewirtschaftet hat, sind durch Minen unzugänglich geworden,es gibt keine Telefonverbindung zur Außenweltund fließendes Wasser nur jeden zweiten Tag.„Können wir hier überleben?“ fragt er rhetorisch.„Nun, es gibt keine Arbeitsplätze, und wir können unsnicht von den Wänden und dem Dach unseres Hausesernähren.“Obwohl Paddy Ashdown, der Hohe Repräsentantin Bosnien, überzeugt ist, dass sich in dem Land bereitsein „Wunder“ vollzogen hat, ist er doch realistisch genug,zu wissen, dass insbesondere in dem derzeitigenschwierigen wirtschaftlichen Klima, das vieles von dembisher Erreichten wieder zunichte gemacht werdenkönnte.„Wir haben vergessen, wie lange es dauert, vomKrieg verwüstete Gesellschaften wieder zu vereinen,sagte er kürzlich. „Das ist ein Prozess, den man in Jahrzehntenmessen muss.“ !FLÜCHTLINGE NR. 3/2005Die restaurierteSynagoge inSarajewo, einst ander Frontlinie derbelagerten Stadt.25


Kosovo: EineBestandsaufnahme?DIE UNRUHEPROVINZ STEHT VOREINER SCHWIERIGEN ZUKUNFTLDie Verwirrung undVerbitterung sind immernoch kaum verarbeitet.„Wir hegten große Hoffnung,aber jetzt haben wir alleHoffnung verloren“, sagt der 37-jährigeDragisa Petkovic. „Wir glaubten, wirwürden in zwei oder drei Tagenzurückkehren können. Nun sind wirüberzeugt, dass wir nie zurückkehrenwerden.“Danijela Stanojevic erschauert. „Nurdaran zu denken, wieder dort zu sein,flößt mir große Angst ein“, sagt die jungeMutter. Doch nach einem Blick auf daswinzige Zimmer, in dem sie mit ihremEhemann und ihren zwei Kindernlebt, fügt sie hinzu: „Wirbrauchen sehr viel Mut, Nervenund Geduld, um so zu leben.Manchmal fühlen wir unswie Tiere.“Eine 21-jährige Nachbarn inder Sammelunterkunft machtihrer lange zurückgehaltenenWut und Enttäuschung Luft:„Ständig kommen Leute hierher.Sie stellen Fragen. Wir füllenFormulare aus. Sie versprechenHilfe. Aber was passiert?Wir sitzen hier seit sechs Jahrenfest, und wir haben nichts.“ Dieschlimme Situation, in der sie und ihreNachbarn sich befinden, sagt sie, „ist nurdie Schuld der NATO. Sie trägt die Verantwortungfür alles, was uns widerfahrenist.“Anfang 1999 flohen nach einem Jahrzunehmender Unruhen fast eine MillionAlbaner in Panik aus dem Kosovo, dersüdlichsten Provinz Jugoslawiens (dasseitdem in Serbien und Montenegro umbenanntwurde), oder wurden von Soldatenund Polizisten daraus vertrieben.Die internationale Gemeinschaft griffein, und innerhalb von drei Monatenwendete sich das Schicksal: NATO-Truppenmarschierten in das Kosovo ein, undDP/24302•2005ihnen auf dem Fuß folgten die meistender zuvor vertriebenen Albaner.Gemäß den Bestimmungen einesFriedensplans zogen sich die serbischenTruppen aus der Provinz zurück. AusFurcht vor Vergeltungsangriffen rachesüchtigerzurückgekehrter Albanerflohen nun jedoch mehr als 200.000 Serbenund Angehörige von Minderheitenwie Roma (siehe Seite 29) aus der Provinz.Das Kosovo wurde einer UN-Verwaltung(UNMIK) unterstellt. Wahlen wurdendurchgeführt, administrative undpolitische Institutionen geschaffen. Diegerade geflohenen Vertriebenen wurdenaufgefordert, vor einer Entscheidungüber die langfristige Zukunft der Provinzzurückzukehren.Bislang leben Dragisa Petkovic undseine Familie, Danijela Stanojevic und dieüberwiegende Mehrheit der entwurzeltenfrüheren Bewohner des Kosovo –schätzungsweise 226.000 Menschen – jedochweiterhin mit einer unsicherenRechtsstellung in Serbien und Montenegro.Sie sind nicht überzeugt, dass sie sicherin eine ungewisse Zukunft im Kosovozurückkehren können, haben aberderzeit auch kaum Alternativen, anderswoneu zu beginnen.„Ich bin zu einem Besuch zurückgekehrt“,sagt Danijela Stanojevic. „Aberjedes Mal, wenn ich die Grenze zum Ko-26 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


Serbische Kathedrale von Mitrovica (oben).Danijela Stanojevic steht vor einer ungewissenZukunft (links).Kriegskinder aus dem Kosovo und ihreBeschützer von der KFOR (unten).DP/24406•2005DP/24414•2005sovo überquere, wird mir schwach aufden Beinen. Ich ängstige mich so.“RÜCKKEHREtwa 13.000 Serben und Angehörigeanderer Minderheiten sind zurückgekehrt,aber ihre politische, wirtschaftlicheund soziale Situation sind bedrückend.Wie ein Großteil der Balkan-Regionleidet das Kosovo unter wirtschaftlicherStagnation und sehr hoher Arbeitslosigkeit.Die ethnische Zusammensetzung undVerteilung der Provinz haben sich drastischverändert. Die Albaner stellenheute mehr als 90 Prozent der Bevölkerung.Bis auf Mitrovica haben die SerbenFLÜCHTLINGE NR. 3/2005die städtischen Zentren weit gehend verlassen.Der gerade einsetzende Rückkehrprozesserlitt einen schwerwiegenden Rückschlag,als es im März 2004 in der gesamtenProvinz zu Unruhen kam, an denensich schätzungsweise 50.000 Albaner beteiligten.Mindestens 19 Menschen wurdengetötet, mehrere tausend Serben ausihren Häusern vertrieben und mehrerehundert Gebäude und Kirchen zerstört.In der Region sind die Folgen diesesAufruhrs immer noch spürbar. Das imNorden gelegene Dorf Svinjare wurdegleich aus drei Richtungen angegriffen.Nahebei stationierte internationaleKFOR-Truppen retteten mehrere hun-27


DP/24654•2005Was birgt die Zukunftfür diese jungenserbischen Rückkehrer ?dert Bewohner, aber die Angreifer brannten135 Häuser von Serben in der ethnischgemischten Ortschaft nieder.Die Regierung baute die meisten derHauptgebäude rasch wieder auf. Nur einDrittel der Serben ist jedoch zurückgekehrt,und es herrscht ein instabiler Waffenstillstandzwischen ihnen und den Albanern.„Unsere Nachbarn halfen denAngreifern, unsere Häuser zu plündernund zu zerstören“, behauptet ein Bauer kategorisch,nachdem er zu seinem Anwesenzurückgekehrt war. Seine Familie istimmer noch so verängstigt, dass sie nachtsnicht in ihrem Haus bleibt. Sollten dieKFOR-Soldaten abziehen, „würde das Lebenfür uns sehr, sehr schwierig werden“,sagt der Bauer. Ein anderer sagt dagegenmit Nachdruck: „Ich gehe nie wieder vonhier fort, was auch geschehen mag.“In Mitrovica hatten griechische Truppenmehrere Jahre die orthodoxe Kathedraleim südlichen Stadtteil bewacht, indem überwiegend Albaner leben. Aberwährend der Unruhen im Jahr 2004brannte die Kirche völlig aus. Vier Jahrezuvor hatte Slobodanka Nojic, die Ehefraueines Priesters an der Bischofskirche,FLÜCHTLINGE gesagt: „Ich habe zuviel Angst, die Kirche zu verlassen. Wennwir versuchen würden, das Gelände ohneEskorte zu verlassen, würden wirentführt oder getötet. Wir würden mit Sicherheitnie mehr in dieses Haus zurückkehren.“Ihre Befürchtungen erwiesen sich alsbegründet. Heute sind alle Priester undihre Familien geflohen, und die Kirche istversperrt und verlassen.Um die Fortschritte bei der Reintegrationin einem anderen Teil des Kosovoeinzuschätzen, besuchte FLÜCHT-LINGE nach vier Jahren erneut die überwiegendvon Serben bewohnte EnklaveSlivovo, einen Bezirk mit acht Dörfern,der in seiner landschaftlichen Schönheitan kitschige Postkarten aus der Schweizerinnert.Im Gegensatz zu den meisten Bewohnern,die nach 1999 das Gebiet verlassenhaben, ist Miro Pavic auf seinem Bauernhofgeblieben. Er baut Weizen, Mais undObst an und hält ein paar Stück Vieh. Damalsbeschrieb er seine Existenz als „Lebenin einem vergoldeten Käfig. Wir sitzenhier inmitten unseres Gemüsesgefangen.“Slivovo war eines von nur etwa einemDutzend Gebieten, die zu der Zeit als sichergenug galten, um Flüchtlinge zurRückkehr zu ermutigen. In der Nähe stationierteschwedische Truppen solltendie Sicherheitslage zusätzlich stabilisieren.Pavic hatte ihre Präsenz als „absolutunverzichtbar“ bezeichnet und gesagt:„Ich kann mir nicht vorstellen, wie wirohne sie hier leben könnten.“Die Schweden sind mittlerweile abgezogen.Es hat keine Zwischenfälle gegeben,und Pavic arbeitet in einer nahe gelegenenStadt. Es sind jedoch nur ein paarDutzend Serben zurückgekehrt, und diemeisten misstrauen dem instabilen Frieden.Ein 75 Jahre alter Bauer sagt: „DasLeben im Dorf ist ruhig, und ich werdenie von hier fortgehen. Aber anderenortsDP/24869•2005entwickeln sich dieDinge nicht so gut.“Bei den Bemühungenzur Stabilisierungder Unruheprovinzwurdenseit 1999 wichtigeFortschritte erzielt;es muss jedochnoch wesentlichmehr erreicht werden.UNHCR hältbeispielsweise invielen Regionen dieLage noch für zuinstabil, um vertriebeneAngehörigevon Minderheitenaktiv undoffiziell zur Rückkehraufzufordern.In einem Berichtder angesehenenInternational CrisisGroup war zu lesen,dass die staatlichenInstitutionengestärkt werdenmüssen, weil andernfalls„das Kosovowahrscheinlichbald wiederDP/24533•2005instabil wird, wasalle Investitionen in Gefahr bringenwürde, die bisher für den Aufbau der Zukunfteines in Europa integrierten westlichenBalkans geleistet wurden“.Der entscheidende Punkt aller erfolgversprechendenBemühungen ist dieÜberwindung eines scheinbar unlösbarenDilemmas: Nach Jahren der ethnischmotivierten Schikanierung durch dieZentralregierung fordern die Albaner dievollständige Unabhängigkeit. Ein solchesErgebnis würde jedoch wahrscheinlichdie Rückkehr von vielen der heute nochvertriebenen früheren Bewohner verhindernund möglicherweise einen weiterenExodus zur Folge haben.Belgrad favorisiert dagegen eine Lösung,die ein Mitarbeiter einer humanitärenOrganisation mit den Worten „etwasmehr als eine Autonomie, aber nicht dievollständige Unabhängigkeit“ umschrieb– eine Formel, die viele Albaner vermutlichablehnen würden.Derzeit gibt es diesem Mitarbeiter zufolgenur zwei Szenarien für die Zukunft:„ein schlechtes und ein noch schlechteres“.!28 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


„Warum hilft man uns nicht?Warum rettensie unsere Kinder nicht?“DP/24503•2005Angehörige der Romaminderheit warten in der Provinz auf eine bessere Zukunft ...DP/24457•2005UNGEWISSE ZEITEN FÜR DIE MINDERHEIT DER ROMA IM KOSOVODie Hölle könnte so aussehen:Eine Gruppe hässlicherHütten, zusammengeflickt ausHolzteilen, Pappkarton, Plastikfolien,Blechen und Gasbetonsteinen.Rostige Container dienen alsToiletten. Im Schatten einer verlassenenZiegelei und einer giftigen bleihaltigenAbraumhalde patschen Kinder durchübel riechende ölhaltige Pfützen. FeinerStaub bedeckt alles – Gesichter, Zähne,Kleidung, Nahrung und Möbel – mit einerdicken grau-schwarzen Schmutzschicht.Jahrelang sickerten die Giftstoffe einerstillgelegten Bleimine in der im Nordendes Kosovo gelegenen Stadt Mitrovica inden Boden und das Grundwasser in derFLÜCHTLINGE NR. 3/2005Umgebung. Ausländische Gesundheitsexpertenbeschreiben es als eine Umweltkatastrophe,und Leidtragende sind insbesondereetwa 500 Roma, die in nahegelegenen provisorischen Lagern leben.Die Roma sowie die eng mit ihnenverwandten Aschkali und so genanntenÄgypter bilden seit Jahrhunderten einenTeil des Vielvölkergemischs auf dem Bal-29


DP/24948•2005Rückkehr nach Gnjilane.kan. Während des Konflikts im Kosovoim Jahr 1999 sahen sich jedoch Tausendevon ihnen gezwungen, gemeinsam mitmehr als 200.000 Serben aus der Provinzzu fliehen, weil ihnen vorgeworfenwurde, mit diesen zu kollaborieren.Viele gingen nach Serbien und in umliegendeLänder, während andere Zufluchtin provisorischen Unterkünftenfanden. Allgemein wurde erwartet, dasssie dort nur wenige Wochen bleiben würden.Sechs Jahre danach sind die meistenvon ihnen jedoch weiterhin Vertriebene.Für die Roma aus Mitrovica ist daraus einbuchstäblich tödliches Geduldspiel geworden.Als im letzten Jahr die Weltgesundheitsorganisation(WHO) Roma-Kinderauf Bleivergiftung untersuchte, warendie Werte so hoch, dass sie den Messbereichder Geräte überstiegen. Ein Teil derKinder ist vielleicht bereits daran gestorben,während andere möglicherweise unterGedächtnisverlust, Erbrechen undKrämpfen leiden. Gesundheitsexpertenbeschrieben die Situation als „beschämend“,während die Roma selbst AngstDie Roma-Mahalla ist nach wie vor zerstört und verlassen ...haben und nicht wissen, woran sie sind.„Wenn ich meine kleine Tochter anschaue,fühle ich mich, als ob ich sterbenmüsste“, sagt eine Mutter im Lager Zitkovac.„Der Staub bringt sie um, und siekann kaum gehen.“UMSIEDLUNG DRINGENDERFORDERLICHUNHCR und andere Organisationendrängen seit mindestens einem Jahr aufdie unverzügliche Umsiedlung dieserGruppe von Roma. Aber infolge Trägheit,Gleichgültigkeit, sich verändernder politischerPrioritäten und Intrigenwirtschaftist nichts geschehen.Die Roma selbst wollten ebenfalls nirgendwoanders hin umziehen als an ihrefrüheren Wohnorte. Bei den meisten vonihnen liegt dieser nur ein paar Kilometerentfernt in einem Teil von Mitrovica, der„Roma-Mahalla“ genannt wird und bis1999 eine der größten und wohlhabendstenRoma-Siedlungen auf dem Balkan war.Während des Konflikts flohen jedochalle 6.000 Bewohner der Mahalla.Rachsüchtige Albaner, die nur wenigeMonate zuvor ihre eigenenHäuser hatten verlassenmüssen, steckten die gesamteEnklave in Brand undzerstörten sie.Abgesehen von gelegentlichenPlünderern liegt dieRoma-Mahalla verlassen da.Es gibt jedoch neuerlichePläne zu ihrem Wiederaufbau,und bei optimistischerBetrachtungsweise könntedieser innerhalb wenigerMonate beginnen. Wahrscheinlicherist jedoch, dasses wesentlich länger dauernDP/24574•2005DP/25004•2005wird, bevor die ersten Angehörigen derMinderheit ihr altes Viertel wieder werdenbeziehen können.Während die Roma aus Mitrovicanoch warten müssen, konnten einige wenigeAngehörige von Minderheiten bereitswieder an ihre früheren Wohnorteim Kosovo zurückkehren. Das AmericanRefugee Committee (ARC) schloss Ende2004 die erste Phase eines Projekts zurInstandsetzung der Roma-Häuser in derAbdullah-Preschewa-Straße in der StadtgemeindeGnjilane ab, und etwa 114 der2.500 Bewohner vor dem Krieg kehrtendorthin zurück.Im April kehrte eine Großfamilie, bestehendaus 16 Personen zwischen einein-30 FLÜCHTLINGE NR. 3/2005


halb und 74 Jahren, in das Dorf Radivojcezurück. Bis ganz in der Nähe ein neuesdreistöckiges Haus fertig gestellt ist, lebtsie in einer provisorischen Hütte ausHolz und von UNHCR zur Verfügunggestellten Plastikplanen.Alle Nachbarn der Familie sind Albaner,aber der Patriarch ist optimistischund hofft, als Schmied in dieser ländlichenGemeinde gut verdienen zu können.„Wir wurden hier ganz herzlich wiederaufgenommen. Kein Problem“, sagter, umgeben von allen seinen Angehörigen.„Wir haben uns nichts zuschuldenkommen lassen; weshalb sollten wir alsonicht zurückkehren? Ich bin ehrlich, unddas ist unser Zuhause.“ !Vertriebene Kinder vertreiben sich die Zeit, so gut es geht.FLÜCHTLINGE NR. 3/2005DP/24492•200531


Die ewige Flamme für die Kriegstotenvon Sarajewo.

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