Leseprobe - Mare

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Leseprobe - Mare

Ceratias uranoscopus war keinen Deut hübscher als Holboells Zufallsfund.Thomson beschrieb ihn minutiös, den Körper und die Angel,die ihm auf dem Kopf wuchs, mit dem »birnenförmigen Köder, der ineinem transparenten weißlichen Fleck endete«. Es gebe keinen »vernünftigenZweifel«, dass er und seine Verwandten am Boden lebten.Dort lägen sie verborgen im Schlamm, warteten auf Beute: »Es wirdvermutet, dass sie dabei die Angel samt Anhang als Köder benutzen,aber es ist wahrscheinlicher, dass es sich dabei um ein Sinnesorganhandelt, das ihnen anzeigt, wenn sich etwas Fressbares nähert.«Thomson wäre erstaunt gewesen, wenn er den Anglerfisch einmalauf der Jagd gesehen hätte. In den Angelruten leben in kleinen HauttaschenMilliarden von Leuchtbakterien, die für Licht sorgen – denn inder Tiefsee bedeutet ein strahlendes Etwas oft eine Einladung zu Tisch:Dort unten gibt es leuchtende Würmer, und schimmernde Bakteriensiedeln sich auf Fäkalien an oder auf sich zersetzenden Nahrungsresten,auf von Parasiten befallenen, schwachen Tieren oder Kadavern.Sie sind wie Leuchtsignale, die den Fischen zeigen, dass es hier etwaszu fressen gibt, schließlich bevorzugen diese Bakterien Fischmägen alsLebensraum und wollen auf dem schnellsten Weg dorthin. Ein Lichtin der Dunkelheit bedeutet also eine willkommene Gelegenheit ineiner frugalen Welt. Genau das macht sich der Anglerfisch zunutze.Wenn er jagt, bewegen sich nur seine Augen, und die Spitze der Angelglimmt. Er verharrt regungslos, während das fleischige, sich krümmendeAnhängsel für ihn lockt. Kommt ein hungriger Fisch näher, ist dassein Tod. Wie der Blitz schießt der Anglerfisch vor, reißt sein riesigesMaul auf, schnappt den Kopf des Fisches. Der will fliehen, versucht zuentkommen – und treibt sich durch den eigenen Flossenschlag nochtiefer in den zahnbewehrten Schlund des Räubers hinein. Ein andererAnglerfisch macht es sich noch etwas bequemer. Er muss noch nichteinmal mehr zuschnappen. Galatheathauma trägt das Leuchtorgan direktim Rachen. Wer so unvorsichtig ist, den leuchtenden Köder zuinspizieren, sitzt in der Falle: Galatheathauma braucht sein Maul nurnoch zu schließen.Die Jagdmethoden der Anglerfische erscheinen zwar bizarr, aberdie Räuber der Tiefsee müssen andere Strategien einsetzen als die derlichtdurchfluteten Meereszonen. Dort oben leben die großen Schwärmeder Heringe, Makrelen oder Sardinen. Sie leben im Licht, orientierensich optisch. Um zu überleben, setzen sie auf Geschwindigkeit,auf Gewandtheit, sie bilden Schulen: große Schwärme, in denen sichalle genau gleich bewegen, sodass von der Seite her nicht mehr dereinzelne Fisch zu erkennen ist, sondern nur noch eine silbrige, flirrendeWand. Die Masse bietet Schutz. Ebenso seine Färbung. Von obenbetrachtet verschmilzt ihr bläulich oder grünlich gefärbter Rückenebenso mit der Farbe des Wassers wie ihr silberner Bauch von untenher gesehen mit dem hellen Sonnenlicht.Gejagt werden die schnellen Fische von nicht minder schnellen,starken Räubern wie Thunfischen, Haien, Delfinen, dem Kabeljau,aber auch Kalmaren. Die obersten Meter des Meeres – die epipelagischeZone – sind wie die Savannen Afrikas: Statt der Gnuherdenziehen hier Heringsschulen, und die Rolle der Löwen und Hyänenübernehmen die Raubfische oder die Delfine, die auf Sicht jagen, ihreOpfer einkreisen oder hetzen.In den dunklen Tiefen des Meeres funktioniert diese Strategie nichtmehr. Es zählt auch nicht, schnell und stark zu sein – man muss sich»listenreicher« durchs Leben schlagen und auf die Listen der anderengefasst sein. Wie Stigmatoteuthis arcturi – der Arcturus-Juwelenkalmar.Er lebt tagsüber in bis Metern Tiefe und steigt nachts aufbis in Meter Tiefe. Auf den ersten Blick könnte man ihn für deformierthalten, so weit stehen seine Augen auseinander,und sie sehen auch noch vollkommenunterschiedlich aus: das eine klein, in denMantel eingesunken, das andere sehrgroß, und es scheint regelrechtaus dem Körper hervorzuquellen.Mit diesem Augehält der Kalmar ständigim Wasser über sich Ausschaunach Beute, während daskleine in die dunkle Tiefe starrt, um Feindeauszumachen.Anglerfi sch(Galatheathauma oderThaumatichthys)Größe: bis cmLebt zwischen und rund MeternWassertiefe.Setzt auf so etwaswie köderbestückteMausefallen: Im Maulleuchtet ein Köder –wer danach schnappt,sitzt in der Falle.8 TIEFSEE (5)Licht in der Dunkel heit9RZ_Innen_Maquette.indd 811.12.2009 9:34:30 UhrRZ_Innen_Maquette.indd 911.12.2009 9:34:31 Uhr

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