Verbreitung der Gefährdungsbeurteilung in Deutschland

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Verbreitung der Gefährdungsbeurteilung in Deutschland

ArbeitsweltPräv Gesundheitsf 2009 · 4:71–76DOI 10.1007/s11553-008-0153-xOnline publiziert: 25. Dezember 2008© Springer Medizin Verlag 2008D. Beck 1 · U. Lenhardt 21Berlin2Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, BerlinVerbreitung derGefährdungsbeurteilungin DeutschlandHintergrundDie Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung(GFB) bildet seit 1996 ein Kernelementdes betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes(AGS), der – den Prinzipiender vorbeugenden Gefahrenverhütung,der Vermeidung von Risiken an der Quelleund der menschengerechten Arbeitsgestaltungfolgend – alle von der Arbeit undder Arbeitsumgebung ausgehenden Gefahreneinzubeziehen hat. Die gesetzlicheBasis für die GFB sind die §§ 5 und 6 desArbeitsschutzgesetzes (ArbSchG), das fürBetriebe aller Branchen und Größen gilt.Unter GFB wird das Erkennen undBewerten der Entstehungsmöglichkeitenvon Unfällen und Gesundheitsbeeinträchtigungenbei der Arbeit verstanden[4]. Hierbei geht es sowohl um potenziellgesundheitsschädigende Energie- undStoffeinwirkungen auf den Menschen alsauch um körperliche und psychische Belastungen,die negative Beanspruchungsfolgenhervorrufen können. Im Anschlussan die Gefährdungsermittlung und -bewertungsollen Maßnahmen zur Gefährdungsreduktionabgeleitet, durchgeführtund auf Wirksamkeit überprüft werden.Die Ergebnisse der GFB sind gemäß § 6ArbSchG zu dokumentieren. Verantwortlichfür die Durchführung der GFB ist derArbeitgeber, eine unmittelbare Mitwirkungder Beschäftigten gilt jedoch als wesentlicheVoraussetzung für die Effektivitätdes Verfahrens [4, 7].Empirische Informationen zur Verbreitungder GFB sind rar und ausgesprochenheterogen. Eine Betriebsrätebefragungdes Wirtschafts- und SozialwissenschaftlichenInstituts (WSI) aus demJahr 2004 (n=2177) ergab, dass die GFBin durchschnittlich nur etwa 50% der gewerblichenBetriebe ab einer Beschäftigtenzahlvon 20 – mit erheblichen Unterschiedenzwischen Betriebsgrößenklassenund Branchen – umgesetzt war [2].Für den öffentlichen Dienst ermittelte dasWSI durch analoge Befragung von Personalräten(n=1396) eine sogar deutlichniedrigere Umsetzungsquote (35%) [1].In einer anderen Erhebung aus dem Jahr2007 gaben 35% von 129 befragten saarländischenBeschäftigtenvertretungen an, diegesetzlich vorgeschriebene GFB sei in ihremBetrieb vollständig oder überwiegenddurchgeführt worden [12]. Die genanntenZahlen sind allerdings nicht repräsentativfür die Gesamtheit der Betriebe, da ein erheblicherTeil der kleinen Betriebe sowiesolche ohne Belegschaftsvertretung vonvorneherein nicht in die Erhebungen einbezogenwaren.Weitere Daten zur Verbreitung derGFB stammen aus der Überwachungstätigkeitstaatlicher Arbeitsschutzbehörden.So ermittelten die hessischen Behörden2002 im Rahmen einer Schwerpunktaktion,dass 41% von 872 aufgesuchtenBetrieben eine den Anforderungen imWesentlichen genügende GFB vorzuweisenhatten, wobei auch hier die Quote erheblichin Abhängigkeit von Branche undBetriebsgröße variierte [13]. Zwei nachfolgendeSchwerpunktaktionen kamen beijeweils anders zusammengesetzten Betriebsstichprobenauf abweichende Zahlen(2003: 55%; 2004: 36%) [14, 15]. Auchaus Nordrhein-Westfalen gibt es sehr unterschiedlicheAngaben über den Anteilder überprüften Betriebe, die ihre gesetzlichePflicht zur GFB umfassend oderdoch überwiegend erfüllt haben (StaatlichesAmt für Arbeitsschutz Coesfeld 2003:16%; 2004: 30% [18]; BezirksregierungMünster 2006/2007: 45% [5]) Währenddie bisher genannten Untersuchungen zudem Ergebnis kommen, dass die GFB inkleinen Betrieben deutlich seltener durchgeführtwird als in größeren, berichten dieArbeitsschutzbehörden von Berlin undBrandenburg, dass von gut 1000 gemeinsamüberprüften Kleinstbetrieben mit wenigerals 10 Beschäftigten 65% eine GFBdurchgeführt haben [16].In Bezug auf den Verbreitungsgradder GFB hat man es also mit relativ starkstreuenden Befunden zu tun, die in strukturellheterogenen, für die Gesamtheit derdeutschen Betriebe nicht repräsentativenStichproben gewonnen wurden und daherbestenfalls für bestimmte Segmenteder Betriebslandschaft Aussagekraft besitzen.Darüber hinaus liegen den Untersuchungenoffenbar auch keine vergleichbarenKriterien zur Erfassung von GFBzugrunde, denn anders scheint die Tatsachenicht erklärbar, dass Arbeitsschutzbehördenverschiedener Bundesländer dieUmsetzungsquote in Kleinbetrieben malUnser besonderer Dank gilt der Bundesanstaltfür Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, namentlichFrank Brenscheidt, der uns für die Zweckedieser Studie die Daten der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung2005/2006 zur Verfügunggestellt hat.Prävention und Gesundheitsförderung 1 · 2009 |71


ArbeitsweltTab. 1 Durchführung der GFB über Betriebsgröße und Wirtschaftszweig (in %)Anteil der Befragten, die dieDurchführung einer Gefährdungsbeurteilungfür ihren ArbeitsplatzbestätigtenIndustrie(n=3.520)ÖffentlicherDienst(n=4.161)AndererBereich(n=773)SonstigeDienstleistung(n=2.589)Handel(n=1.625)Handwerk(n=1.716)Kleinst- und Kleinunternehmen (n=6.332) 33 32 24 21 22 18 24Mittlere Unternehmen (n=3.732) 46 42 39 34 33 32 39Große Unternehmen (n=4.329) 58 45 39 44 44 38 51Wirtschaftsbereich (n=14.384) 51 39 30 29 28 22 36Betriebsgröße(n=14.384)Tab. 2Logistische Regressionen auf Fehlen der GFBExp(b j ), n=9.571 Modell 1 Modell 2 Modell 3Betriebsgröße (Referenz: große Betriebe)Kleinst- und Kleinbetriebe 4,01 a 2,90 a 2,87 aMittlere Betriebe 1,84 a 1,56 a 1,56 aWirtschaftsbereich (Referenz: Industrie) bHandwerk 2,06 a 2,04 aHandel 1,77 a 1,77 aSonstige Dienstleistungen 1,74 a 1,75 aAnderer Wirtschaftsbereich 1,62 a 1,60 aWirtschaftliche Lage (Referenz: sehr gut oder gut) 1,34 aPseudo-R 2 (Nagelkerke) 0,104 0,122 0,125a p


ArbeitsweltÜbersichtsdarstellung bisher vorliegenderErfahrungen und Befunde, welche Handlungspotenzialeüberbetriebliche Akteurebei der Weiterentwicklung von Gesundheitund Sicherheit in Klein- und Mittelbetriebenhaben.Die zukünftige Forschung und Praxiszum Thema GFB sollte an diesen Erfahrungenanknüpfen und durch Studienund angemessene Programmevaluationenden Kenntnisstand zur Praxis derDurchführung der GFB in den Betrieben,zu den hemmenden und fördernden Bedingungeneiner erfolgreichen Durchführungder GFB und zu Handlungspotenzialenund Interventionsmöglichkeitenverbessern. Dies gilt insbesondere für dieGruppe der Klein- und Kleinstunternehmen.Die Befundlage zur Verbreitung vonGFB wirft ferner die Frage auf, inwieweitbei den unterschiedlichen Akteuren eingeteiltes Verständnis von diesem Verfahrensowie kongruente Kriterien und Methodenzur Beurteilung seiner betrieblichenImplementation vorausgesetzt werdenkönnen. Mit Blick auf die z. T. erheblichenDiskrepanzen zwischen den Schätzungenverschiedener Arbeitsschutzbehördensind diesbezüglich durchaus starkeZweifel angebracht.Das Qualitätsniveau der verfügbarenDaten zur Verbreitung der GFB in bundesdeutschenBetrieben wird somit derBedeutung, die diese Informationen füreine zielgerichtete Förderung des AGShaben, nicht gerecht. In Anbetracht dessenscheint es höchst angezeigt, einheitlicheKriterien zur Bewertung von GFB zuentwickeln und auf dieser Basis ein zwischenden Überwachungsinstanzen abgestimmtesMonitoring zu etablieren. Mitder jüngst getroffenen Vereinbarung einergemeinsamen Leitlinie zur methodischenVorgehensweise der Landesarbeitsschutzbehördenund der Unfallversicherungsträgerbei der Beratung undÜberwachung der Betriebe zum ThemaGFB ist zumindest ein erster Schritt in dieseRichtung getan [7].Fazit für die PraxisDie derzeitige Verbreitung der GFB inbundesdeutschen Betrieben ist als unzureichendzu bewerten. Die Ergebnissedeuten auf einen erheblichen BeratungsundUnterstützungsbedarf insbesondereder Kleinst- und Kleinunternehmen hin.In Anbetracht der wenig zufrieden stellendenQualität der verfügbaren Datenist es notwendig, einheitliche Kriterienzur Bewertung von Gefährdungsbeurteilungenzu entwickeln und auf dieser Basiseine gleichgerichtete ÜberwachungsundBeratungspraxis sowie ein koordiniertesMonitoring zu etablieren.KorrespondenzadresseDipl.-Soz. D. BeckDorotheastraße 26,10318 BerlinDBeck@gmx.deInteressenskonflikt. Der korrespondierende Autorgibt an, dass kein Interessenskonflikt besteht.Literatur1. Ahlers E (2005) Gesundheitsbelastungen im öffentlichenDienst – Prävention (noch) kein Thema?WSI-Mitteilungen 58: 346–3512. Ahlers E, Brussig M (2005) Gefährdungsbeurteilungenin der betrieblichen Praxis. WSI-Mitteilungen58: 517–5233. Bundesagentur für Arbeit (2007) Betriebsgrößenklassen:Zahl der Betriebe und ihrer sozialversicherungspflichtigBeschäftigten. Bundesagentur fürArbeit, Nürnberg (Stand 30.06.2007; http://www.pub.arbeitsamt.de/hst/services/statistik/aktuell/iiia6/sozbe/betriebed.xls, letzter Zugriff am 05.052008)4. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin(2004) Ratgeber zur Ermittlung gefährdungsbezogenerArbeitsschutzmaßnahmen im Betrieb.Handbuch für Arbeitsschutzfachleute. BAuA, DortmundBerlin5. Bezirksregierung Münster (2008) Ergebnisse ausdem Bezirksprogramm B0715 „Betriebliches ArbeitsschutzsystemNachhaltigkeit betrieblicher Arbeitsschutzberatungenund -kontrollen“. BezirksregierungMünster, Münster6. Bundesinstitut für Berufsbildung (2007) BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2005/2006 – Arbeitund Beruf im Wandel. Bundesinstitut für Berufsbildung,Bonn (http://www.bibb.de/de/26738.htm, letzter Zugriff am 13.10.2008)7. 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Hessisches Sozialministerium (2005) Ergebnisberichtder Schwerpunktaktion „Beurteilung der betrieblichenGefährdungsbeurteilung“ in den Jahren2004/2005. Hessisches Sozialministerium,Wiesbaden (http://projekte.sozialnetz.de/global/show_document.asp?id=aaaaaaaaaaaxczr, letzterZugriff am 21.05.2008)16. Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutzund technische Sicherheit (2007) Gefährdungenbeurteilen – auch im Kleinstbetrieb! Eine gemeinsameAktion der Arbeitsschutzbehörden Berlinsund Brandenburgs und der Berufsgenossenschaften.Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutzund technische Sicherheit, Berlin (http://www.berlin.de/lagetsi/themen/73073.html,letzter Zugriff am 05.05.2008)17. Pröll U, Dechmann U, Georg A (2003) Wirkungsbedingungen,Handlungspotenziale und Interventionsmöglichkeitenüberbetrieblicher Akteure beider Weiterentwicklung von Gesundheit und Sicherheitin Klein- und Mittelbetrieben. Expertisefür die Expertenkommission „Betriebliche Gesundheitspolitik“der Bertelsmann-Stiftung und Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf18. Staatliches Amt für Arbeitsschutz (2005) AmtsprogrammA0429 „Gefährdungsbeurteilung – Informieren– Beraten – Wirkung kontrollieren“. Abschlussbericht.Staatliches Amt für Arbeitsschutz,Coesfeld (http://www.bezreg-muenster.nrw.de/aufgaben/Organisation/Dezernate/Dezernat_55_56_Arbeitsschutz/Fachaufgaben/Betriebliches_Arbeitsschutzsystem/Veroeffentlichungen/A0429_Abschlussbericht_biblio.pdf, letzter Zugriff am02.07.2008)76 | Prävention und Gesundheitsförderung 1 · 2009

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