peak oil – chance für einen nachhaltigen umgang mit energie? - Inrate

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peak oil – chance für einen nachhaltigen umgang mit energie? - Inrate

INrate ThemenreihePEAK OIL -Chance für einen nachhaltigen Umgang mit Energie?SummaryZürich, Dezember 2006


ImpressumAuftraggeber:INrateAutorInnen:Marion Lienhard, Anna Vettori, Rolf ItenBegleitgruppe:Danielle Lalive d'Epinay, Geschäftsführerin INrateChristoph Müller, Verwaltungsratspräsident INrateLektorat:Othmar HummDownload PDF:www.inrate.chEin ausführlicher Hintergrundbericht zum Thema Peak Oil steht ebenfalls unter dieser Adresse zur Verfügung.Eine gedruckte Fassung kann bei folgender Adresse bestellt werden:INrate AGfor sustainable investmentsWeinbergstrasse 318006 ZürichTel +41 44 274 15 80Fax +41 44 262 29 96info@inrate.ch2


PEAK OIL – CHANCE FÜR EINEN NACHHALTIGENUMGANG MIT ENERGIE?WAS BEDEUTET „PEAK OIL“?Erdöl spielt als fossiler Energieträger in der heutigen Gesellschaft eine zentrale Rolle. Heizöl, Benzin oderchemische Produkte aus Erdöl dienen den verschiedensten Verwendungszwecken, insbesondere im Transport,in der Wärme- und Stromerzeugung, in der Landwirtschaft oder Textilindustrie. Wirtschaft und Gesellschaftsind in ihrer heutigen Form von der Erdölproduktion abhängig. Der Ölverbrauch steigt stetig an, ungeachtetder Endlichkeit dieser Ressource. Die Frage, wie gross die weltweiten Ölreserven sind und wann dieseerschöpft sein werden, steht deshalb im Interesse der Weltöffentlichkeit.Die Förderleistungen in den Ölfeldern folgen geologischen und statistischen Gesetzmäßigkeiten. Die Produktionsteigt auf ein Maximum und fällt danach kontinuierlich ab. Die Produktion verläuft sowohl in den einzelnenFördergebieten als auch insgesamt entlang einer Glockenkurve, welche nach ihrem Entdecker ‚Hubbert-Kurve’ genannt wird.HUBBERT-KURVE UND PEAK OILJährliche ÖlproduktionPeak OilGesamteFörderungeiner RegionEinzelneÖlfelder00 JahreFigur 1 Die Nutzung einer Ölquelle über die Jahre. Die Förderung von Erdöl folgt der Hubbert-Kurve. Diese Kurve ist die erste Ableitungeiner als "logistische Funktion" bezeichneten Sättigungsfunktion. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Hubbert (1982).Hubbert spezifizierte 1982 den Verlauf der Kurve als die Ableitung einer logistischen Funktion. Diese Funktionbesitzt mit nur einem Peak und einem symmetrischen Kurvenverlauf die entsprechenden Eigenschaften. MitHilfe von Daten über die Ölproduktion in früheren Jahren wird versucht, die Hubbert-Kurve und damit diezukünftige Ölproduktion zu schätzen. Die zentralen Annahmen bilden Schätzungen über die gesamte weltweiteÖlproduktion, also das Integral unter der Hubbert-Kurve, sowie die anfängliche Wachstumsrate der Produktion.Wichtig ist dabei vor allem der prognostizierte Zeitpunkt, ab dem sich die weltweite Ölproduktion nicht mehrsteigern lässt. Der Punkt der maximalen Erdölförderung heisst Peak Oil. Für die Zeit danach wird eine stetigabfallende Produktion angenommen, was zu einem schwindenden Angebot an Erdöl führt.3


Das Szenario ist entscheidend von den Annahmen über die zur Verfügung stehenden Substitute abhängig(Schweizer Energieperspektiven).Im Vergleich zu Szenario 1 kommen die nötigen Investitionen nicht so sehr von Seiten der Ölanbieter (Kuperund Soast, 2006: Unsicherheiten und ineffizient tiefe Investitionen auf Angebotseite). Vielmehr gehen Änderungenvon der Nachfrageseite aus. Ein grosser Investitionsschub kann von der Industrie kommen, welcheenergieeffizientere Produkte entwickelt und erneuerbare Energiequellen für die Produktion nutzen kann. VerbesserteTechnologien könnten die Preisentwicklung sogar umkehren. Zudem wird erwartet, dass die Konsumentenauf veränderte relative Preise reagieren, indem sie ihren Energiekonsum einschränken, respektive aufandere Energieträger (u.a. Kohle und Atomstrom) ausweichen.Die Vertreter dieses Szenarios sind vor allem Ökonomen wie Zweifel, Mitchell, The Economist, Research-Abteilungen von Finanzunternehmen wie UBS und CS sowie Forschungsunternehmen wie Ecoplan.Szenario 3: Der Peak Oil tritt unmittelbar (bis 2015) ein, die Preise sowie deren Volatilität steigen starkan – mit gravierenden wirtschaftlichen Konsequenzen.Der Peak Oil wird schon in naher Zukunft eintreten. In nicht OPEC-Ländern (z.B. Norwegen, Russland, Kolumbien,Venezuela, Mexiko, China und viele mehr) haben die Ölfelder den Peak sogar schon überschritten(Simmons 2005, Rechsteiner 2003). Die starke Verknappung des Erdöls wird in erster Linie durch schwindendeReserven und ungenügende unkonventionelle Ölvorkommen (z.B. Öl- und Teersande) begründet (angebotsseitig).Als Folge sagen die Vertreter stark ansteigende Ölpreise (und auch Erdgaspreise) nach 2010voraus. Der stetige Preisanstieg wird als strukturelles Problem gewertet und eine globale (’letzte’) Ölkrise innaher Zukunft ist wahrscheinlich (abrupter Übergang). Neue Technologien garantieren keine Verbesserungen.Wegen der hohen Konzentration der Erdölvorkommen in geopolitisch instabilen Regionen stellt die zunehmendeKnappheit eine grosse Herausforderung an die Sicherheit dar. Verteilungskonflikte – Krieg ums Öl –sind absehbar und die Hauptbetroffenen werden wiederum die Armen in den Entwicklungsländern sein.Vertreter dieses Standpunktes sind vor allem nichtstaatliche Organisationen wie ASPO (mit Vertreter C.Campbell), Feasta, Schweizer Energie-Stiftung sowie die Experten M. Simmons und R. Rechsteiner. Dasfolgende Interview mit Herrn Colin Campbell, Gründer der Association for the Study of Peak Oil & Gas(ASPO) illustriert nochmals die Auswirkungen und zeigt einen möglichen Lösungsweg auf.7


Interview mit Herrn Colin Campbell (ASPO):Ist der Peak Oil für Sie ein ernstzunehmendes Phänomen – mit Auswirkungen auf Wirtschaft, Umwelt undGesellschaft?Ja, Der Peak und der Rückgang von Erdöl führen zu einschneidenden Veränderungen. Die zweite Hälfte desÖlzeitalters, die jetzt begonnen hat, wird geprägt sein vom Rückgang des Erdöls (und Gas) und einer Verringerungder Abhängigkeit vom Erdöl. Dadurch werden sich alle gesellschaftlichen, ökologischen und umweltpolitischenAspekte verändern, vielleicht sogar zum Guten. Die Umstellung wird jedoch grosse wirtschaftlicheund internationale Spannungen hervorrufen.Welche Auswirkungen hat der Peak Oil Ihrer Meinung nach auf die Entwicklung des realen Rohölpreises undder Preisvolatilität von Rohöl?Ölpreise reagieren auf Angebotsüberschüsse oder -kürzungen sehr empfindlich. Momentan und auf absehbareZeit sind praktisch keine zusätzlichen Produktionskapazitäten vorhanden. Infolge des Peak Oil könnte dieWelt in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale geraten: Auf Preisschocks, sinkende Nachfrage und Rezessionfolgen eine steigende Nachfrage und die Wirtschaft erholt sich, worauf wiederum Preisschocks folgen. Zudemwerden die Förderung nicht-konventioneller Öle und die Entwicklung erneuerbarer Energien behindert, dadiese stabile Rahmenbedingungen voraussetzen.Welche Chancen und Risiken sehen Sie infolge des Peak Oil für eine nachhaltige Energieversorgung?Erneuerbare Energien werden unverzichtbar werden. Kernenergie wird wahrscheinlich an Bedeutung gewinnen,trotz der damit verbundenen Risiken (problematische Abfallentsorgung, Atomwaffenbedrohung). Um denZugang zu den verbleibenden Erdölquellen, von denen sich die meisten im Mittleren Osten befinden, werdendie Verbraucher wetteifern.Welche Akteure sind aus Ihrer Sicht gefordert, um die Folgen von Peak Oil zu bewältigen?Die Staaten sollten ein Protokoll unterzeichnen, in dem sie sich bereit erklären, ihre Importe der Entnahmerateanzupassen (jährliche Produktion in Prozent der Reserven, zurzeit 2-3% pro Jahr). Dadurch passt sich dieNachfrage dem Angebot an und die Weltpreise würden sinken. Die Produktionsländer könnten ausserdemkeine überhöhten Einnahmen erzielen und die ärmeren Länder könnten ihre Minimalbedürfnisse decken. DieKonsumentInnen hingegen würden mit der Realität konfrontiert. Die Länder, die das Protokoll anwenden,könnten ihre Importe an den Meistbietenden verkaufen oder rationieren oder eine Kombination beider Szenarienvorsehen.8


FazitDas Phänomen des Ölfördermaximums ist sehr komplex und auch unter Fachleuten bestehen diesbezüglichgrosse Unsicherheiten und unterschiedliche Einschätzungen. Weitgehend unbestritten ist, dass die Ölförderungeinen Peak erreichen und anschliessend abnehmen wird und die Erdölpreise in der Folge steigen werden.Divergierende Ansichten bestehen vor allem bezüglich des Zeitpunktes, an dem der Peak Oil eintretenwird. Die Bandbreite reicht von heute bis nach 2030. Als Ursache der unterschiedlichen Szenarien gilt vorallem die grosse Unsicherheit über vorhandene konventionelle und unkonventionelle Ölvorkommen, möglicheEnergiesparpotenziale infolge Effizienzsteigerungen oder technologischen Fortschritts. Ein weiterer Unsicherheitsfaktorbetrifft die Nutzungsmöglichkeiten erneuerbarer Energiequellen als Substitute für Erdöl und derZeithorizont ihrer Einsetzbarkeit.In Anbetracht der grossen Unsicherheiten ist aus unserer Sicht eine Orientierung am Vorsorgeprinzip sinnvoll.Das Vorsorgeprinzip sagt, dass wir besser fahren, wenn wir schon heute die Weichen in Richtung Reduktionder Erdölabhängigkeit stellen. Diese Sicht legt eine Konzentration auf den zweiten Standpunkt nahe. DiesesSzenario geht davon aus, dass sich die Ölpreise nicht – wie nach den vergangenen Ölkrisen – erholen, sonderndass ein anhaltender Preisanstieg den Übergang in eine weniger erdölabhängige Wirtschaft einleitet.Dabei setzen die höheren Ölpreise die richtigen Verhaltensanreize, um den nötigen Strukturwandel, eingeschlossenInnovationen, in Gang zu setzen. Im Vergleich zu den letzten Ölschocks sind heute viele Backstopp-Technologien(Backstop-Technologien sind Technologien, die erschöpfbare Ressourcen durch unbegrenztverfügbare Ressourcen ersetzen können. Bsp. Substitution von fossilen Brennstoffen durch Solarenergie)bereits vorhanden, jedoch bei heutigen Ölpreisen noch zu teuer. Anhaltend höhere Ölpreise setzen einenbeschleunigten Anpassungsprozess in diese Richtung in Gang.KONSEQUENZEN FÜR DIE NACHHALTIGE ENTWICKLUNGWirtschaftliche AuswirkungenSteigende Ölpreise führen zu höheren Produktionskosten und schlagen sich in höheren Produktpreisen nieder.Wirtschaftliche Folgen sind eine anziehende Inflation, höhere Zinsen und ein rückläufiges Wirtschaftswachstum.Infolge der höheren Ölpreise verlieren die Haushalte an Kaufkraft. Bei den Unternehmen sinkendie Gewinne und die Investitionstätigkeit wird gebremst. Gleichzeitig werden andere Energieträger und Technologienund deren Nutzung relativ gesehen attraktiver. Die grosse Ungewissheit besteht darin, wie schnellAlternativen realisiert und Energiesparpotenziale ausgeschöpft werden können, um damit die Abhängigkeitder Wirtschaft vom ausgehenden Erdöl zu mindern (Entkopplung). Viele Ökonomen sind der Meinung, dassder Markt die Übergangsprobleme von Angebot und Nachfrage steuert und die veränderten Preise die richtigenAnreize für technologischen Fortschritt und Strukturwandel auf der Nachfrage- und der Angebotsseitesetzen werden. Wichtig für den Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung sind dabei deutliche Preissignaleund wirksame Umweltschutzmassnahmen, welche externe Effekte internalisieren, den Ausstoss an Treib-9


hausgasen begrenzen und mithelfen, Innovationsprozesse frühzeitig in Gang zu bringen. Ein permanenterÖlpreisanstieg würde damit die Entwicklung einer nachhaltigen und weniger ölintensiven Wirtschaft begünstigen.Diese Entwicklung führt ihrerseits zu neuen Kapital-, Ausrüstungs- und Bauinvestitionen, die neue Impulsefür die Volkswirtschaft auslösen. Kritiker bezweifeln hingegen das rechtzeitige Aufkommen von Alternativenund sagen aufgrund der mangelnden Nachfrage einen Konsumrückgang und eine weltweite Rezessionvoraus.UmweltwirkungenDie Verknappung von Rohöl kann für einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt eine Chance darstellen,wenn politische und wirtschaftliche Anreize so gesetzt werden, dass Erdöl vor allem durch erneuerbare Energieträgersubstituiert wird. Im Vordergrund stehen dabei Umweltschutzmassnahmen zur Internalisierung externerEffekte. Vorreiter wie Schweden und Deutschland zeigen mögliche Ansätze für eine erdölfreie Volkswirtschaftrespektive eine Vollversorgung der Volkswirtschaft mit erneuerbaren Energien (Beispiel Solarenergie).Kernenergie stellt keine nachhaltige Alternative dar. Sie bleibt ein Grossrisiko, das sehr grosse Schädenmit unabsehbaren und oft irreversiblen Folgen verursachen kann. Hinzu kommt das ungelöste Problem derEndlagerung radioaktiver Abfälle. Weitere Umweltrisiken ergeben sich aus der verstärkten Substitution vonErdöl durch Kohle und Holz. Kohle ist immer noch der billigste Rohstoff in den USA und Holz ist in vielenEntwicklungsländern für die breite Bevölkerung die einzige alternative Energiequelle.Gesellschaftliche AuswirkungenMarktwirtschaftlich effiziente Lösungen blenden Verteilungsfragen gänzlich aus. Diese spielen aber insoferneine Rolle, als mögliche Verhaltensänderungen von der Einkommensstruktur der Energienachfragenden abhängen.Nur wohlhabende Volkswirtschaften können sich die nötigen Anpassungsinvestitionen leisten. ImHinblick auf eine nachhaltige Entwicklung muss deshalb sichergestellt werden, dass Verteilungsproblemenicht zu Ungunsten der Schwellen- und Entwicklungsländer „gelöst“ werden. Zudem ist die Gefahr von weiterenRessourcenkrisen nicht zu unterschätzen.KONSEQUENZEN FÜR DIE FINANZMÄRKTEDie Endlichkeit der fossilen Energieressourcen und – davon abgeleitet – die mit dem Peak-Oil-Phänomenverbundenen Konsequenzen auf die Versorgung mit Erdöl verlangen praktisch eine neue Energieinfrastruktur.Und dies sowohl in der Energieversorgung als auch bei der Energienutzung. Das erfordert – zumindest vorübergehend,d.h. bis die Transition ins postfossile Zeitalter geschafft ist – einen zusätzlichen Kapitalbedarf ineinem Ausmass, welches makroökonomische Auswirkungen haben dürfte. Dem Investitionsaufwand stehenjedoch infolge der höheren Effizienz künftig geringere Ausgaben für Energie gegenüber. Zu rechnen ist miteinem Aufwärtsdruck auf die Zinsen und einem Abwärtsdruck auf die Konsumausgaben.10


Es ist davon auszugehen, dass diese Anpassungsreaktionen umso sanfter ausfallen, je früher mit dem notwendigenUmbau gestartet wird. Mit dem Abwarten wächst der angebotsseitige Schock des Umbaus und führtallenfalls zu grossen makroökonomischen Verwerfungen.Der notwendige Umbau der Energiewirtschaft und der Energieinfrastruktur wirkt sich auch auf andere Sektorenaus. Induziert werden generelle Wertschöpfungsverlagerungen von den (fossil) energieintensiven Sektorenwie etwa Stahl-, Glas-, Keramik- oder Papierproduktion zu weniger energieintensiven Sektoren, zum Beispielin der Hochtechnologie oder im Dienstleistungssektor.Schliesslich wird sich der Strukturwandel auch auf der Unternehmensebene manifestieren: Innovative Unternehmen,welche die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern früh reduziert haben und einen hohen Grad anEnergieeffizienz in der Produktion aufweisen sowie Unternehmen, welche Alternativen zu den herkömmlichenfossilen Energieträgern anbieten, werden vom Strukturwandel profitieren. Die Aktien dieser Unternehmenbesitzen das Potenzial, mittel- und langfristig eine bessere Performance zu erzielen. Unternehmen, welche anden veralteten, stark fossil gestützten, Produktionsweisen respektive an veralteten Produktsortimenten festhalten,werden an Wettbewerbsfähigkeit einbüssen und deshalb langfristig weniger Gewinne machen. Entsprechendwerden ihre Aktien eher zu den Verlierern gehören.Was bedeuten diese Entwicklungen für den Kapitalmarkt und für die Investoren? Drei für den Kapitalmarktableitbare Tendenzen dürften von Interesse sein:1. Auf den Aktien- und Obligationenmärkten dürfte sich die Zeit des Aufbaus der Infrastruktur als wichtigePhase erweisen. Einerseits ist damit ein grosser Finanzierungsbedarf verbunden, andererseits setzensich in den neuen Geschäftsfeldern Unternehmungen mit hohen Wachstumsraten durch, die neue Technologienanbieten oder generell vom hohen Wachstum profitieren. Hohes Gewinnwachstum kann die Erwartungenbeflügeln und zu Börsenentwicklungen führen, wie sie etwa in der Einführungsphase der mobilenTelekommunikationsnetze vorgekommen sind. Die Obligationenmärkte dürften während der Aufbauphaseder Infrastruktur durch eine Mehrnachfrage an Fremdkapital gekennzeichnet sein, was zu einementsprechenden Aufwärtsdruck auf die Renditen führen könnte.2. Der zu erwartende sektorielle Strukturwandel dürfte an den Kapitalmärkten Spuren hinterlassen, indemsich eine Gewichtsverlagerung von den schrumpfenden (fossil gestützten) zu den wachsenden (postfossilen)Sektoren einstellen dürfte. Die hohen Kapitalisierungen von Unternehmungen im Bereich fossilerEnergieträger dürften sich ablösen zugunsten hoher Kapitalisierungen von Unternehmungen mit hohenWachstumsraten (Aufbauphase).3. Die Titel von Unternehmen, welche sich frühzeitig auf den Strukturwandel eingestellt haben – durch ihreProduktionsweise respektive ihr Produktsortiment – dürften auch bei der Kapitalmarktperformance obenausschwingen.Dies führt zum Schluss, dass das Peak-Oil-Phänomen – primär wegen hoher Erdölpreise – zu deutlichenReaktionen auf den Aktien- und Obligationenmärkten führen wird. Diese Entwicklungen gilt es zu antizipieren.11


WIE GEHT INRATE MIT DEM PHÄNOMEN UM?Best-in-Service-AnsatzINrate erstellt Nachhaltigkeitsanalysen von Unternehmen nach ökologischen und sozialen Kriterien. Grundlagefür die Bewertung ist das Konzept der Nachhaltigkeit. Mit dem von INrate propagierten Best-in-Service-Ansatz liegt ein Filter vor, der effektiv nachhaltige von nicht nachhaltigen Firmen trennt.Der Best-in-Service-Ansatz fokussiert auf die Bedürfnisbefriedigung. Unternehmen sind Anbieter von Leistungen,mit welchen die Bedürfnisse der Gesellschaft möglichst umfassend befriedigt werden können. Das Bedürfnisnach Wärme beispielsweise kann durch verschiedene Massnahmen – bessere Gebäudedämmung,Solaranlage, Ölheizung – befriedigt werden. Im Fokus der Nachhaltigkeitsanalysen steht konsequent dieBedürfnisbefriedigung – durch „Services“ wie Wärme – und nicht Produkte wie Heizöl oder Gas. Der Best-in-Service-Ansatz führt somit dazu, dass im Sektor Energie alle Unternehmen verglichen werden, deren Produkteoder Dienstleistungen zur Befriedigung energierelevanter Bedürfnisse (Wärme, Kraft, Kälte etc.) dienen.Dazu zählen Unternehmen entlang der ganzen Wertschöpfungskette im Energiesektor, d.h. Unternehmen ausder Förderung, Verarbeitung, Transport und Verteilung von Energie sowie der Herstellung von Gütern, die fürden Einsatz von Erdölprodukten benötigt werden (Elektromotoren, Heizungsanlagen, etc.). Ebenfalls zumSektor Energie zählen Unternehmen, welche Einrichtungen und Massnahmen zur Energieeinsparung(Contracting, Wärmedämmung) anbieten.Innovative Unternehmen entwickeln neue Methoden zur Herstellung der gewünschten Services, die ökonomisch,ökologisch oder sozial effizienter sind als die bisherigen. Der Best-in-Service-Ansatz beurteilt ein Unternehmenanhand seiner Wirkung auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt – also anhand des Life Cycleseiner gesamten Produktkette. Konkret sind für Unternehmen im Sektor Energie folgende Kriterien massgebend:› INrate bewertet die Umweltbelastung der Produktepalette bzw. der Dienstleistungen. Unternehmen, welchein den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz respektive Energieeinsparungen tätig sind, werdenbesser bewertet als Unternehmen im Bereich fossile Energien.› Zusätzlich werden die gesellschaftlichen Risiken, welche mit dem Einsatz der Energieträger verbunden sind(zum Beispiel Kernkraftrisiken) sowie die ökologische Optimierung beurteilt. Zur Quantifizierung des Risikoswerden das Schadenspotenzial und die Eintretenswahrscheinlichkeit berechnet. Abgesehen von Kernenergie(Ausschluss) weist die Nutzung von Erdöl (Benzin, Diesel, Heizöl) das grösste Risiko auf. Wasserkraftbeinhaltet ein kleineres Risiko. Bei der Nutzung von Windenergie, Erdgas, Holz und Erdwärme ist das Risikovernachlässigbar. Das Kriterium „ökologische Optimierung“ bewertet z.B. die Materialeffizienz oder dieökologische Verträglichkeit in der Entsorgung dieser Produkte.› Ein weiteres Kriterium ist die Nachhaltigkeit des Energieeinsatzes für den Produktionsprozess. Im Vordergrundstehen dabei die Energieeffizienz sowie Anstrengungen zur Substitution von fossilen Energien. Beurteiltwerden ausserdem die Emissionen von Klimagasen und Luftschadstoffen sowie der Einkauf von Ener-12


gie als Vorleistung zum Produktionsprozess. Im Sinne einer nachhaltigen Energieversorgung sollten die Unternehmenden Einsatz von fossilen Brenn- und Treibstoffen mittel- und langfristig reduzieren bzw. vollständigaufgeben. Positiv beurteilt werden Energieeinsparungen infolge Effizienzverbesserungen sowie der Einsatzerneuerbarer Energieträger und Energietechnologien, z.B. Solarenergie und Geothermie.Bei Unternehmen in anderen Sektoren werden Energieeinsatz und Energieeffizienz ebenfalls auf Produkt- undProzessebene beurteilt. Es sind ausserdem Kriterien relevant, welche die ökologischen und sozialen Konsequenzender Verwendung der Produkte mit berücksichtigen. Dies ist beispielsweise bei einem Vorlieferantender Erdölindustrie der Fall.Bewertung von EnergieunternehmenUnternehmen sind Best-in-Service, wenn sie ökologisch und sozial effiziente Lösungen zur Befriedigung vonBedürfnissen anbieten, d.h. Produkte und Dienstleistungen, die erneuerbare Energien und energieeffizienteTechnologien einsetzen und dadurch Energieeinsparungen realisieren. Positiv beurteilt werden ausserdemUnternehmen mit einem nachhaltigen Energieeinsatz. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass der Energieverbrauchim Produktionsprozess durch die Ausschöpfung von Energiesparpotenzialen und die mit dem Einsatzvon Energie verbundenen Emissionen reduziert werden. Da die Umweltwirkungen der Produkte höhereingeschätzt werden als deren Herstellung, wird der Beurteilung der Produkte und Dienstleistungen deutlichmehr Gewicht beigemessen als den Produktionsverfahren.Unternehmen, welche sich der Nachhaltigkeit verpflichten und den Einsatz fossiler Energien und insbesondereErdöl reduzieren oder ganz darauf verzichten, schneiden in der Bewertung besser ab. Durch Minderungihrer Erdölabhängigkeit sind sie auch weniger anfällig auf Preiserhöhungen respektive stärkere Preisschwankungeninfolge des Peak Oil. Die bessere Umwelteffizienz führt zu einem Wettbewerbsvorteil.Von den von INrate beurteilten Unternehmen schneiden jene aus dem Bereich erneuerbare Energie (Solarthermie,Photovoltaik, Wasserkraft, energetische Abfallverwertung) besonders gut ab. Unternehmen derGaswirtschaft bieten zwar mit Anlagen zur Wärmekraftkopplung eine Übergangstechnologie an. Aufgrundihrer Umweltbelastung werden sie jedoch weniger positiv beurteilt. Vom Rating ausgeschlossen werden Unternehmen,die in der Nutzung von Kernenergie tätig sind. Kernenergie kann sehr grosse Schäden mit unabsehbarenund irreversiblen Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt verursachen. Im Sinne einer nachhaltigenEntwicklung ist Kernenergie daher nicht akzeptierbar.WELCHE LEHREN KÖNNEN WIR ZIEHEN?Peak Oil ist ein ernstzunehmendes PhänomenDas Phänomen des Ölfördermaximums ist sehr komplex, und auch unter Fachleuten bestehen grosse Unsicherheitenund unterschiedliche Einschätzungen. Weitgehend unbestritten ist, dass der Peak Oil in absehba-13


er Zeit eintreten wird. Über den genauen Zeitpunkt von Peak Oil gehen die Meinungen der Experten undExpertinnen allerdings auseinander. Sie reichen von heute bis weit nach 2030. Die Unterschiede, die zu dieserEinschätzung führen, sind auf unterschiedliche Schätzmethoden und unterschiedliche Annahmen über dieErdölreserven zurückzuführen.Peak Oil erhöht die ÖlpreiseEntsprechend dem unterschiedlich prognostizierten Zeitpunkt des Peak Oil gehen auch die Aussagen über diezukünftige Preisentwicklung des Rohöls weit auseinander (Tabelle 1). Sicher ist, dass der Rückgang der Förderungbei einer nach wie vor steigenden Weltnachfrage zu steigenden Preisen und einer höheren Preisvolatilitätführt. Als Folge davon sind inflationäre Tendenzen und Einbrüche beim globalen Wirtschaftswachstumzu befürchten. Gewisse Experten rechnen auch mit einer Verschärfung der Nord-Süd-Problematik sowie Kriegeum Ressourcen. Ob solch bedenkliche Entwicklungen tatsächlich eintreffen werden, hängt massgeblichdavon ab, ob es gelingen wird, unsere Abhängigkeit von Erdöl in einem sanften Anpassungsprozess zu reduzierenoder ob mit abrupten Anpassungsschocks zu rechnen ist. Wir können diese künftige Entwicklung beeinflussen,indem wir rechtzeitig beginnen, unsere Abhängigkeit von Erdöl zu mindern, beispielsweise in derRaumheizung und in der Mobilität.Peak Oil ist eine Chance für eine nachhaltige EnergiewirtschaftDie heutige Energiewirtschaft ist mit ihrem hohen Einsatz an fossilen Energieträgern nicht nachhaltig. DiePreise bilden nicht die vollen Kosten von Produktion und Verbrauch ab. Als Folge sind natürliche Ressourcenwie Erdöl relativ zu billig und werden deshalb übernutzt. Wird das Angebot an Erdöl in Zukunft laufend sinken,so wird Erdöl relativ, d.h. im Vergleich mit anderen Energieträgern, teurer und dies auch bleiben. Grundsätzlichsind schrittweise steigende Ölpreise nicht als negativ zu werten für unsere zukünftige Entwicklung, sondernsie sind als adäquate, marktwirtschaftliche Anreize zu sehen für den Strukturwandel und die notwendigenAnpassungsprozesse in Richtung erneuerbare Energien, effiziente Technologien und Güter auf der Angebots-und der Nachfrageseite. Peak Oil stellt somit eine Chance für eine nachhaltige Energiewirtschaft dar.Auf der anderen Seite beinhaltet der Peak Oil die Gefahr, dass Erdöl durch Atomenergie und andere fossileEnergieträger (Kohle, Erdgas) substituiert wird, welche ihrerseits negative Umweltauswirkungen und Grossrisikenauf Gesellschaft und Umwelt nach sich ziehen.Der Best-in-Service-Ansatz von INrate fördert die nachhaltige EnergieversorgungDer von INrate postulierte Best-in-Service-Ansatz fokussiert die Bedürfnisbefriedigung. Das Bedürfnis nachWärme beispielsweise kann durch verschiedene Massnahmen – bessere Gebäudedämmung, Solaranlage,Ölheizung – befriedigt werden. Im Sektor Energie werden somit alle Unternehmen verglichen, deren Produkteoder Dienstleistungen zur Befriedigung energierelevanter Bedürfnisse (Wärme, Kraft, Kälte etc.) dienen. Dazuzählen Unternehmen, die Öl fördern, ebenso wie Unternehmen, die Wasserkraftwerke betreiben oder Dämm-14


stoffe herstellen. Unternehmen sind Best-in-Service, wenn sie ökologisch und sozial effiziente Optionen zurBefriedigung des Bedürfnisses anbieten, d.h. energieeffiziente Technologien und Potenziale für Energieeinsparungenrealisieren. Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien (Solarthermie, Photovoltaik,Wasserkraft, energetische Abfallverwertung) und Energieeffizienz schneiden bei der Beurteilung durch INratebesonders gut ab. Damit will INrate den Strukturwandel hin zu einer nachhaltigen Energiewirtschaft fördernund nicht zuletzt zu einer möglichst sanften Bewältigung der aufgrund des Peak-Oil-Phänomens zu erwartendenHerausforderungen beitragen.15

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