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110INTERVIEW »PORCUPINE TREE«GeschichtenProgressiv»Porcupine Tree« mit derneuen Produktion »Deadwing«Von Michael LoeslDas Musikerdasein von »Porcupine Tree«-Chef Steve Wilson wirkt von außenbetrachtet wie die Dauerresidenz in einem musikalischen Delikatessenladen.Angeödet von dem, was das Gros der Pop- und Rockmusik seit Ende derAchtzigerjahre präsentierte, schuf sich Wilson ein Netzwerk von Band-Vehikelnum seine Vorstellungen von idealer Musik in verschiedenen Disziplinen undStilistiken realisieren zu können. »No-Man«, »Bass Communion« und »Blackfield«sind nur drei der Projekte, die Wilson zum Erkunden von Ambient-Sounds,psychedelischer Rockmusik und äußerst geschmackvoll gestalteter Popmusikdienen.2.2005


111Vor allem aber ist Wilson Dreh- und Angelpunktbei der erfolgreichsten seiner vielenBands, »Porcupine Tree«. Deren neuesAlbum »Deadwing« führt mit einemdeutlichen Zuwachs an Metal-Anteilen,grandios in Szene gesetztem Harmoniegesangund feinster Produktionstechnikkonsequent den Weg fort, den das Vorgängeralbum»In Absentia« vorgegebenhat. Mal abgesehen davon, dass die neuenStücke von »Deadwing«, trotz ihrerbisweilen zehn Minuten Spielzeit, deutlichmehr klassische Songstruktur besitzenals »In Absentia«. Wie man mit verhältnismäßiggeringem Budget eine der herausragendstenProduktionen der letztenJahre schaffen konnte und von seiner unglaublichenProduktivität, erzählt SteveWilson im Interview.Geschichtentools 4 music: Erst die Aufnahmen zum»Blackfield«-Album im letzten Jahr, danndie Aufnahmen zum neuen »PorcupineTree«-Album »Deadwing«, dazwischeneine »Blackfield«-Tour, und jetzt gehst dumit »Porcupine Tree« auf Tour, währenddu schon Songs für die nächste »Blackfield«-Scheibeschreibst. Weißt du überhauptvorher, für welches deiner Projektedu jeweils komponierst?Steve Wilson: Ja, bis jetzt war es ziemlichleicht für mich festzulegen, für welchesProjekt ich gerade schreibe. Denn diemeisten sind ja keine Solo-Projekte, sondernKollaborationen mit anderen Musikern.Wenn ich alleine songähnlicheStücke für eine Rockband schreibe, warendie bislang immer von vornherein für»Porcupine Tree« gedacht. Mit demProjekt »Blackfield« ist der Schreibprozesskomplizierter geworden, weil »Blackfield«stilistische Parallelen zu »PorcupineTree« aufweist. Ich befinde mich also zumersten Mal in der Situation, dass bestimmteSongs für beide Bands relevant wären.Dennoch haben beide Projekte unterschiedlicheSchwerpunkte. »Blackfield«besitzt diesen sehr rockigen, metallenen,riffbezogenen Stil nicht.tools 4 music: Besteht trotzdem für dichals Songwriter die Gefahr, sich zu wiederholen,wenn man für zwei mehr oder wenigersongorientierte Projekte schreibt?Steve Wilson: Immer (lacht)! Ich spürebeim Schreiben und Aufnehmen immerden Druck, mich nicht zu wiederholen. Dashat nichts mit der Anzahl an Projekten zutun, in die ich involviert bin. Auch wennich ausschließlich mit »Porcupine Tree«beschäftigt wäre, hätte ich diese Wiederholungsparanoia.Ich versuche, für jedes2.2005


112GeschichtenINFOInternetwww.porcupinetree.comwww.deadwing.comTourdaten12. April, Köln Burgerhaus Stollwerck13. April, Berlin Columbia Club17. April, Hamburg Markthalle18. April, Bochum Matrix19. April, Frankfurt Batschkapp20. April, Karlsruhe Substage21. April, München Elser Zusatzhalleneue »Porcupine«-Album die Dinge sofrisch wie möglich zu gestalten, was beijedem Album schwieriger wird. Weil dumit jeder Platte einen weiteren Bestandteildeiner Band exploriert hast, den duanschließend nicht noch einmal untersuchenwillst. Vielleicht bin ich auch überempfindlich,was die eigene Wiederholungangeht. Eventuell habe ich dabei auchschon die eine oder andere gute Idee überBord geworfen. Weil sie mir einfach zuvorhersehbar erschien. Aber so ist dasLeben eines Songwriters. Zumindest istdas bei mir so.tools 4 music: Was hältst du als jemand,der gerne Mellotron-Sounds einsetzt, vondieser »Retro-Welle«, deren Vertreter aufSounds der 60s und 70s schwören?Steve Wilson: »Retro« ist ein seltsameSache. Ich würde allerdings das Mellotroneher als zeitlos bezeichnen. Nimm nurStevie Wonders Alben aus den frühenSiebzigern. Diese Platten mit ihrenSounds sind absolut zeitlose Klassiker. Dukannst die Sounds, den Style und dieIdeen dieser Alben nehmen, sie ein wenigverändern und trotzdem zeitgemäßklingen. Das haben wir bei »Jamiroquai«erlebt, der so ziemlich alles von StevieWonder geborgt hat. Es geht also beidiesem »Retro«-Ding nur um eine Sache:Ist deine Persönlichkeit als Musiker ausgeprägtgenug, um die geborgten Ideenzu deinen eigenen zu machen. Jetzt,2005, befinden wir uns an einem Punkt inder Rockmusik-Geschichte, an dem esnichts gibt, was es nicht schon vorhergegeben hat. Jedes Extrem, von derausgeruhtesten Ambient-Musik bis zumaggressivsten, extremsten Metal und allesdazwischen, ist bereits beleuchtet worden.Es geht also bei aktuellen Songwriternnur darum, ob sie als Schreibergut genug sind, die Vergangenheit zurecyceln und sie gegenwärtig klingen zulassen. Heutzutage nicht die Vergangenheitzu nutzen ist unvermeidlich. Vondaher ist es komisch, dass irgendeinKünstler als »Retro« bezeichnet wird, weilin Wahrheit alles »Retro« ist.tools 4 music: Die wichtigen Musiker derSeventies haben ihre wirklich bahnbrechendenAlben im Alter zwischen 20 und 30kreiert. Danach haben viele ihr Feuer undihren Enthusiasmus verloren. Nimm nurein Beispiel wie »Pink Floyd«, derenbeiden letzten Alben unfassbar langweiligwaren. Fürchtest du mit zunehmendemAlter – du bist immerhin »schon« 37 - denVerlust deiner Kreativität?Steve Wilson: Du hast absolut recht, dassdie meisten Bands ihre vitalsten Werke ineinem bestimmten Abschnitt ihresLebens produziert haben. DieseGesetzmäßigkeiten ändern sich meinerAnsicht aber langsam. Rock’n’Roll gibt eserst seit 50 Jahren. Das ist eigentlich keinlanger Zeitabschnitt. Die erste Welle derwichtigen 60er- und 70er-Bands schriebbahnbrechende Musik zweifellos in ihrerJugend. Aber der Rock’n’Roll wirdlangsam erwachsen. Inzwischen gibt esKünstler, die ihre besten Arbeiten im Alterzwischen 40 und 60 Jahren abliefern. Eingutes Beispiel dafür ist die Jazz-Szene.Jazz gibt es viel länger als Rockmusik.Einige seiner besten Werke hat MilesDavis produziert, als er über 50 Jahre altwar. Die Rockmusik wird sich in diesemPunkt am Jazz orientieren.tools 4 music: Hoffnung oder Glaube?Steve Wilson: (lacht) Nun ja, die »RollingStones« sind ja nun auch noch hin undwieder unterwegs. Ob deren Tourneenallerdings wichtig sind, ist zumindest diskussionswürdig.Ich habe nur eine logischeErklärung dafür, warum Bands ihrFeuer verlieren. Der Erfolg, den Bands wie»Pink Floyd« plötzlich mit »Dark Side OfThe Moon« hatten, macht den Unterschiedaus. Erfolg verändert deine Prioritäten.Die meisten Künstler verlieren nachgroßen Erfolgen ihre Motivation undwissen oft gar nicht mehr, warum sie ursprünglichüberhaupt Musik machenwollten. Sie sind für Jahre auf Tour, umihren Megaseller noch weiter zu promoten,leben in einer anderen Welt undwissen gar nicht mehr, worüber sie nochschreiben sollen.tools 4 music: Eine hypothetische Frage.Nehmen wir mal an, du wärst Chef einergroßen Plattenfirma mit unvorstellbaremBudget und könntest dir deine idealeBand zusammenstellen. Wie würde die,mit deinem Wissen über die bedeutendenMusiker der Rockgeschichte, aussehen?»In Absentia« wurde Anfang 1993veröffentlicht und setzte Maßstäbe – wirklichaußergewöhnlichGanz aktuell: »Deadwing«Mit »Lazarus« gibt es sogar eine »Maxi«-Auskopplung - irgendwie schon seltsam:»Maxi« und »Porcupine Tree« sind alsKombi-Paket absolut gewöhnungsbedürftig2.2005


AnzeigeSteve Wilson: Eine Supergroup auf dieBeine zu stellen wäre für mich total langweilig.Wenn du den besten Gitarristen,den fantastischsten Drummer und dengrandiosesten Songwriter zusammenwürfelnwürdest, wäre das Ergebnis schätzungsweiseziemlich dünn und nichtssagend.Ich habe eine völlig andere Philosophiehinsichtlich Bands im Kopf. DieChemie innerhalb einer Band muss stimmen,um wirklich herausragende Werkekreieren zu können. Dazu brauchst dunicht die größten Cracks als Instrumentalisten.Nimm eine Band wie »Pink Floyd«.Offensichtlich war Gilmore der Musiker inder Band, während Mason und Wrighteher weniger herausragende Instrumentalistenwaren. Aber sie haben starkzu diesem langsamen, sehr spartanischenGerüst bei »Pink Floyd« beigetragen. Undauch jetzt klingt der »Floyd«-Sound nochabsolut zeitgemäß. Technisch versiertereBands wie »Genesis« oder »Yes« klingenhingegen schon viel datierbarer.tools 4 music: Befindet sich »PorcupineTree« irgendwo dazwischen?Steve Wilson: Ja, ziemlich exakt so seheich uns. Ich bin kein besonders guterGitarrist. Richard ist weniger ein Keyboarderals ein Soundfreak. Wenn du ihnoder mich um ein kompliziertes Solo bittenwürdest, hätten wir keine Ahnung, wiewir das hinbekommen sollten. Aber er istein Genie im Sounddesign. Unser Drummerist der David Gilmour von »PorcupineTree«. Er ist ein brillanter Musiker. Abereiner ist genug. Zwei wären schon zu viel(lacht). Inzwischen ist »Porcupine Tree«eine Band mit einer ausgesprochen gutfunktionierenden Chemie. Ohne Gavin,unseren Drummer, oder Richard würdedie Band nicht mehr funktionieren. DieserSatz killt hoffentlich für immer denMythos das »Porcupine Tree« zu 98Prozent aus mir besteht. Auf »Deadwing«gibt es Drumparts, die ich niemals hätteschreiben können. Und Keyboardsounds,die ich vielleicht noch denken, aber nichtmehr realisieren kann.tools 4 music: Auf »Deadwing« spielenAdrian Belew und Mikael Akerfeldt von»Opeth« als Gastgitarristen. Was habendie zur Musik beigesteuert, das du nichtselber hättest spielen können?Steve Wilson: Adrian hat ein paar absolutdurchgeknallte Soli beigesteuert,die ich niemals spielen könnte. Er ist imTiteltrack und bei »Halo« zu hören. MitSoli, die so seltsam klingen, dass man siegar nicht als Gitarrensoli erkennt. Mikaelspielt ein ziemlich bluesorientiertes Soloam Ende von »Arriving Somewhere ButNot Here«.tools 4 music: »Deadwing« ist nicht nurmusikalisch, sondern auch in punctoProduktion ein herausragendes Werk. Wieviel Budget verschlingt eine solcheProduktion?Steve Wilson: Wir haben die Songs fastkomplett in unseren Heimstudios aufgenommen.»In Absentia« kostete doppeltso viel wie »Deadwing«, weil wir dafür ingroße Studios nach New York und LosAngeles gereist waren. »Deadwing« aufzunehmenhat rund 75.000 Dollar gekostet.Darin sind allerdings auch schondie Kosten für das Equipment enthalten,das wir uns speziell für die Aufnahmengekauft haben – zum Beispiel die bestenAnalog-Digital-Konverter. Aufgenommenwurde alles auf Harddisk. Außerdemhaben wir uns die feinsten Mikros zugelegt,um die Sounds bestmöglich festhaltenzu können. Das zeigt nur, was manheutzutage alles in halbwegs gut ausgestattetenHeimstudios machen kann.tools 4 music: Mit Ausnahme des Drumsounds,der auf »In Absentia« majestätischeGröße besaß und jetzt komprimierterklingt.Steve Wilson: Das stimmt. Aber wirhaben den Drumsound diesmal ganz bewusstnatürlicher und trockener gestaltet.Auf »In Absentia« klangen dieDrums sehr explosiv und für meinenGeschmack im Nachhinein zu amerikanisch.Aber »Deadwing« wurde genauwie das letzte Album fast komplett mit»Pro Tools« aufgenommen. Ich weiß,dass der Drumsound bei einigen »ProTools«-Aufnahmen klein und unnatürlichklingt. Aber das ist eben eine Frage derProduktionserfahrung.tools 4 music: Mit »Lazarus« habt ihr eineveritable Hitsingle auf »Deadwing«. Wiewürdest du darauf reagieren, wenn sich»Deadwing« zur Überraschung allerplötzlich sieben Millionen Mal verkaufenwürde?Steve Wilson: Ich wäre hoch erfreut, weilich an unsere Musik glaube und sie mit sovielen Menschen möglich teilen möchte.Aber ein solcher Erfolg würde mich undmeinen Weg als Musiker nicht mehrändern. Ich bin inzwischen viel zu alt undzynisch, um mich von solchen Erfolgenüberrennen zu lassen. Ein Phil Collinsoder Jon Bon Jovi zu werden wäre fürmich vollkommen absurd. ◗

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