und Einleitung (98 KB) - Herbert Utz Verlag GmbH

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Stefan BuchenbergerVerfall zweier Familien.Tanizaki Junichiros SasameyukiundThomas Manns Buddenbrooks.Ein Vergleich.Herbert Utz Verlag ∙ München


Münchner Beiträge zur Sprach- und LiteraturwissenschaftBand 3Zugl.: München, Univ., Diss., 2002Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek:Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.ddb.de abrufbar.Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere dieder Übersetzung, des Nachdrucks, der Entnahme vonAbbildungen, der Wiedergabe auf photomechanischemoder ähnlichem Wege und der Speicherung inDatenverarbeitungsanlagen bleiben – auch bei nurauszugsweiser Verwendung – vorbehalten.Copyright © Herbert Utz Verlag GmbH ∙ 2004ISBN 3-8316-0411-8Printed in GermanyHerbert Utz Verlag GmbH, München089-277791-00 ∙ www.utzverlag.de


SeiteGliederung1 Einleitung 131.1 Die zentrale Fragestellung 151.1.1 Die intertextuellen Beziehungen der beiden Romane 181.1.2 Die biographischen Parallelen 221.2 Die Untersuchungsmethode 251.3 Ähnlichkeiten und mögliche Beziehungen 271.3.1 Relevante biographische Daten 271.3.2 Vorläufer und literarische Traditionen, Stellung 33im Werk, kultureller und historischer Hintergrund1.3.2.1 Vorläufer und literarische Traditionen 341.3.2.1.1 Sasameyuki und Genji Monogatari 361.3.2.2 Die Stellung im Werk 391.3.2.3 Der kulturelle und historische Hintergrund 402 Hauptteil: 43Der Vergleich der beiden Texte2.1 Die Ähnlichkeiten 432.1.1 Die Romananfänge 432.1.1.1 Die Romantitel 442.1.1.2 Übersetzung des ersten Kapitels von Sasameyuki 472.1.1.3 Analyse und Vergleich 522.1.2 Literaturwissenschaftliches: Raum-, Zeit- und 65Erzählstruktur, Figurenkonstellation, onomastischeBesonderheiten


GliederungSeite2.1.2.1 Die Raumstruktur 652.1.2.1.1 Zentrale Handlungsorte: Kobe, Lübeck 65und deren Umgebung2.1.2.1.2 Die Häuser der Familien 682.1.2.2 Die Zeitstruktur 742.1.2.3 Die Erzählstruktur 772.1.2.4 Die Figurenkonstellation 812.1.2.5 Onomastische Besonderheiten 892.1.3 Dialekte und regionale Unterschiede 912.1.3.1 Die Dialekte 912.1.3.2 Die regionalen Unterschiede 952.1.4 Das zentrale Thema des Verfalls: 98Krankheit und Tod als Verfallsmetaphern2.1.4.1 Krankheiten und Todesfälle in der Familie Makioka 982.1.4.2 Moralische Implikationen: 126Krankheit und Tod als Strafe für Verfehlungen2.1.4.3 Krankheiten und Todesfälle in der Familie 130Buddenbrook2.1.5 Die Modelle der Romanfiguren 1342.1.6 Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Verfall 1412.1.6.1 Der Verfall der Makiokas 1412.1.6.2 Der Verfall der Buddenbrooks 1452.1.7 Die Sozialkritik 1492.1.8 Die Romanenden 1592.1.8.1 Übersetzung des letzten Kapitels von Sasameyuki 1592.1.8.2 Analyse und Vergleich 1692.1.8.3 Das Grauen 176


GliederungSeite2.1.9 Die Film- und Theaterversionen der beiden Texte 1782.1.9.1 Die Filmversionen 1782.1.9.2 Die Bühnenversionen 1822.2 Die Unterschiede 1842.2.1 Prinzipielle Unterschiede der beiden Texte 1842.2.2 Kulturell bedingte Unterschiede 1872.2.3 Religion und Religiosität 1942.2.4 Ironie 1982.2.5 Übersetzungen und deren Wirkung 2013 Zusammenfassung und Ausblick 2124 Bibliographie 2204.1 Primärtexte 2204.2 Sekundärtexte 2214.2.1 Sekundärtexte zu Tanizaki 2214.2.2 Sekundärtexte zu Thomas Mann 2264.3 Theoretische Texte 2294.4 Sonstige 231


s 131 EinleitungVor der eigentlichen Fragestellung dieser Arbeit, der Frage, wiezwei so unterschiedliche Kulturen wie Japan und Deutschland undzwei in so unterschiedlichen Abschnitten ihres Schaffens stehendeAutoren wie Tanizaki Junichirô und Thomas Mann zwei sich aufden ersten Blick in vielem ähnelnde Texte hervorgebracht haben,stellt sich die Frage, ob und wie zwei derartige Texte überhauptmiteinander verglichen werden können.Dass dieses Problem der Vergleichbarkeit nicht nur in der vergleichendenLiteraturwissenschaft von großer Bedeutung ist, zeigtzum Beispiel auch ein Blick in die Verfassung der BundesrepublikDeutschland. Einer der wesentlichen Gedanken dieser Verfassungbesteht im Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, der sich aus demGleichheitsgrundsatz aus Art. 3. 1 GG ableitet, demzufolgewesentlich Gleiches nicht ungleich behandelt werden darf undwesentlich Ungleiches nicht gleich behandelt werden darf 2 .Obwohl dieser Grundsatz nicht so ohne weiteres auf die Literaturübertragen werden kann, ist er für Vergleiche so elementar, dasser als Ansatz auch für eine literaturwissenschaftliche Untersuchungverwendet werden kann. Allerdings stellt sich hierbei dieFrage, was „gleich“ und „ungleich“ eigentlich bedeuten. Vieles inden beiden Texten erscheint, wie gesagt, auf den ersten Blickgleich, aber es wird zu untersuchen und zu interpretieren sein, obdies wirklich der Fall ist. Hinzu kommt an dieser Stelle noch, dasskulturspezifische Unterschiede oder überhaupt kulturspezifischePhänomene nicht absolut, sondern ihrem Wesen nach arbiträrsind, da sie von der jeweiligen Kultur ihre jeweilige Bedeutungzugewiesen bekommen haben, die sich wiederum aus derGeschichte dieser unterschiedlichen Kulturen ableitet. DieseWillkür bei der Sinnerzeugung kultureller Phänomene ist einweiterer Punkt, der den Vergleich von Ungleichem ermöglicht,da dadurch die Unterschiede an sich relativiert werden 3 .23Vgl. Hesselberger , Dieter: Das Grundgesetz, Bonn 1990, S. 77 f.Vgl. Said, Edward W.: Orientalism. Western Conceptions of the Orient,


s 141 EinleitungAuf zwei in ihrem Ursprung unterschiedliche Texte wie Sasameyukiund Buddenbrooks angewandt bedeutet dies genauer gesagt,dass es zuerst festzustellen gilt, ob die augenscheinlichen Ähnlichkeitenihrem Wesen nach gleich sind und dementsprechendverglichen werden können und ob die augenscheinlichen Unterschiedeihrem Wesen nach doch nicht so ungleich sind, als dassman sie nicht mit dem vorgeschlagenen Begriffsinstrumentariumvergleichen und beschreiben könnte. Was bedeuten also im Kontextdieses Vergleiches Ähnlichkeiten und Unterschiede und wiekönnen diese miteinander verglichen werden? Und selbst wennman Ungleiches gleich behandelt, d. h. aus dem gleichen Blickwinkelheraus miteinander vergleicht, was ergibt sich daraus?Ein solcher Vergleich von zwei Texten mit ungleichem kulturellenHintergrund, mit dem Gemeinsamkeiten und Unterschiede undderen Ursachen festgestellt werden sollen, lässt Rückschlüsse aufden jeweiligen kulturgeprägten, spezifischen Charakter der Werkezu, wobei gerade Buddenbrooks sehr häufig für derartige Vergleichebenutzt wird, um die Charakteristika von Texten aus anderenKulturen herauszuarbeiten 4 . Hierbei handelt es sich zwar meistensum Vergleiche zwischen Texten aus dem westlichen Kulturraum,aber mittlerweile ist auch der interkulturelle Austausch zwischenwestlichen und fernöstlichen Kulturen ein so fester Bestandteilder internationalen Kulturlandschaft 5 , dass genügend Verbin-45London 1995, S.53,54. Said verweist hier außerdem auf Claude Levi-Strauss, der allgemein die Neigung des Menschen konstatiert, Ordnungzu schaffen, indem er jedem Ding seinen Platz in einem übergeordnetenSinnzusammenhang gibt. Die so erzeugte Bedeutung der Dinge ist ihrerNatur nach willkürlich, da sie von unterschiedlichen historischen Voraussetzungenausgeht, die keiner übergeordneten Logik folgen. In diesemSinn sind auch qualifizierende Äußerungen über nationale Eigenheiten,als wertneutral zu verstehen, da sie lediglich versuchen sollen, Phänomenedarzustellen, aber nicht sie zu beurteilen.Vgl. Broich, Ulrich: „Niedergangsvisionen – der englische Roman zur Zeitder Buddenbrooks“, S. 104 in: Heftrich, Eckhard; Sprecher, Thomas;Wimmer Ruprecht (Hrsg.): Thomas Mann Jahrbuch Band 15, Frankfurt amMain 2002, S. 103-116.Der japanische Regisseur Akira Kurosawa erkennt dies an, wenn er sagt:„the world today is an interplay of Eastern and Western cultures“. Vgl.Goodwin James: Akira Kurosawa and Intertextual Cinema, Baltimore,London, 1994, S. 8.


1 Einleitungs 15dungslinien existieren, die einen solchen Vergleich legitimieren 6 .Beide Texte zeigen eine starke typologische Verwandtschaft,haben den gleichen thematischen Kontext, den Verfall, vor dessenHintergrund ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede hervortretenund ein Grundmuster sichtbar wird 7 . Ein Vergleich derliterarischen Produkte zweier unterschiedlicher Kulturen, ein zentralerBestandteil der Komparatistik, ist somit ein wohlerprobtesund legitimes Mittel, um die Eigenheiten der jeweiligen Werke zuanalysieren und wenn möglich neue Erkenntnisse über sie zugewinnen.1.1 Die Zentrale FragestellungIn Thomas Mann und Tanizaki Junichirô haben Deutschland undJapan zwei der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhundertshervorgebracht. An beiden besteht nach wie vor starkes Interessein ihren jeweiligen Ländern, wie zum Beispiel mehrere neueThomas-Mann-Biografien in den letzten Jahren oder ein Tanizaki-Symposium auf dem Treffen der japanischen Gesellschaft für Komparatistikin Ashiya im Herbst 2000 zeigen. Zudem hat sich 2001das Erscheinen der Buddenbrooks zum 100sten Mal gejährt, wasnoch einmal zu großem Interesse an diesem Werk geführt hat.Das umgekehrte Interesse ist im Moment allerdings wenigerstark, obwohl es in den letzten Jahren wieder einige neue67Auch Tanizakis Werk wird oft mit dem westlicher Autoren verglichen, soz. B. mit dem Werk Edgar Allan Poes in: „Tanizaki and Poe: The grotesqueand the Quest for Supernal Beauty“, in: Lippet, Noriko Mizuta: Realityand Fiction in Modern Japanese Literature, New York 1980, S. 82-103.Vgl. Gerigk, Horst-Jürgen: „Epen des Niedergangs. Buddenbrooks, BelzjisPetersburg und Faulkners Absalom, Absalom!“, S. 154, 155 in ebd., 153-174. Dieser und der bei Fußn. 4 zitierte Aufsatz, zeigen sehr deutlich denoben erwähnten häufigen Gebrauch der Buddenbrooks für Vergleiche mitWerken aus anderen literarischen Sphären. Broich verwendet Buddenbrooks,um Charakteristika des englischen Romans zu erarbeiten, währendGerigk russische und US-amerikanische Werke heranzieht. Dies istnur ein kleiner Ausschnitt aus den Vergleichsszenarien, in denen Buddenbrookseine Rolle spielt.


s 161.1 Die Zentrale FragestellungÜbersetzungen der Werke Tanizakis gegeben hat 8 . Vor allem inDeutschland scheint Tanizaki ein wenig in Vergessenheit geratenzu sein und gerade sein wohl wichtigster Roman Sasameyuki wirdgeradezu völlig vernachlässigt 9 .Ein überaus bedauerlicher Umstand, denn gerade dieses WerkTanizakis zeigt erstaunliche Parallelen zu Thomas Manns Buddenbrooksund wäre sicher für deutsche Anhänger von Manns Romanvon großem Interesse. Es bleibt zu hoffen, dass Tanizakis Textwieder mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird und dass die vorliegendeArbeit dazu ihren Teil beisteuern kann.Der Verfall zweier Familien, der Buddenbrooks und der Makiokas,steht im Mittelpunkt von Thomas Manns gleichnamigem Romanund Tanizaki Junichirôs Sasameyuki. Beide Werke begründen auchheute noch den Weltruf der beiden Autoren. Thomas Mann wurdefür seinen Romanerstling 1929 der Nobelpreis verliehen, obwohlzu diesem Zeitpunkt bereits sein zweites großes Werk, Der Zauberberg,erschienen war 10 . Tanizaki schuf mit Sasameyuki währendder Kriegs- und Nachkriegswirren in Japan sein bedeutendstesund umfangreichstes Werk und hätte wahrscheinlich anstelleKawabata Yasunaris 1968 den Nobelpreis erhalten, wenn er nicht1965 verstorben wäre 11 .891011Dieser Verdienst gebührt in erster Linie dem Japanologen Josef Bohaczek,der 1994 Bushûkô hiwa (Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi)und 1996 Neko to Shôzô to futari no onna (Eine Katze, ein Mann undzwei Frauen) übersetzte. Vgl. Schaumann, Werner: „How to Translate JunichirôTanizaki for a German Reader“, Vortrag auf der Jahrestagung derICLA (International Comparative Literature Association) in Pretoria,August 2000, S. 2.Werner Schaumann bemerkt zu dieser beklagenswerten Situation, „Es(Sasameyuki) wird jetzt seit langem nicht mehr gedruckt. Dieses Meisterwerkvon Tanizaki wird vom Verleger wie ein geringes Werk ohne Bedeutungbehandelt.“ Übersetzt nach ebd. S. 2.Ein Umstand, der durchaus überrascht, denn in literaturkritischen Kreisenerfährt Der Zauberberg mindestens ebenso viel Wertschätzung wieBuddenbrooks. Vgl. Prater, Donald A.: Thomas Mann. Deutscher undWeltbürger, München, Wien 1995, S. 249.Dies scheint eine durchaus verbreitete Einschätzung der literarischenBedeutung Tanizakis zu sein. Vgl. Gessel, Van C.: Three Modern Novelists.Sôseki - Tanizaki - Kawabata, New York 1993. S. 129.

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