STRAUBING STRAUBING - Regensburger Stadtzeitung

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Fußball ist unser Leben

Zwei echte Heroen des Fernsehsports: Steffen Simon (links) und Wolf-Dieter Poschmann.

Die Älteren und sehr viel Älteren werden sich

erinnern: Als Hanns Joachim Friedrichs, Wim

Thoelke und Harry Valerien das Sportstudio

moderierten oder Ernst Huberty und Eberhard

Stanjek durch die Sportschau führten, gab es

in Deutschland tatsächlich so etwas wie einen

kritischen Sportjournalismus, der sich dennoch

durch begeisternde Reportagen auszeichnete.

Unvergessen sind Stanjeks Weigerung, den

Nichtangriffspakt bei der WM 1982 zwischen

Deutschland und Österreich weiter zu kommentieren

oder Valeriens „Sappradi! Bursch!“,

wenn ein Sportler wieder mal eine besonders

waghalsige Aktion darbot.

Beste Werbung fürs Bezahlfernsehen

Nun, Friedrichs, Thoelke und Stanjek sind

längst tot, Huberty und Valerien über 80 Jahre

alt. Die ihnen nachgewachsene Generation der

öffentlich-rechtlichen Vorzeige-„Journalisten“

durften wir gerade bei der Europameisterschaft

bewundern. Zwei davon wurden vor

Jahren schon einmal treffend beurteilt, als eine

Programmzeitschrift von einem klugen Kopf

auf die Frage „Beckmann oder Kerner?“ die

Antwort „oder“ erhielt. Doch weder die ARD-

Plaudertasche (mit etwas Sachkenntnis) noch

der ZDF-Betroffenheits-Sülzer (offensichtlich

bar jeglichen Fußballverstands) sollen uns hier

weiter beschäftigen. Schlimm genug, aber an

ihr seichtes Geplänkel haben sich die Fußballfans

schon gewöhnt. Niemals gewöhnen dürften

sie sich aber an die an Slapstick erinnernden

10 Die Regensburger Stadtzeitung

Einlagen der Herren Bela Rethy, Steffen Simon

oder Wolf-Dieter Poschmann. Hat man bei Rethy

oftmals das Gefühl, er sehe etwas, was dem

gemeinen Fernsehzuschauer verborgen bliebe,

ist Poschmann ein Meister des andauernden

Sich-Selbst-Unterbrechens ohne jegliches Gespür

für Situationen. Nicht umsonst wurde ihm

bei seiner Demission als ZDF-Sportchef vor

einigen Jahren „Unfähigkeit“ vorgeworfen.

Das beste Argument, auf das Bezahlfernsehen

umzusteigen, ist aber Steffen Simon. Der Sportschau-Chef

mag ja die wohl abstruseste aller

Abseitsregeln gekannt haben, sein gnadenloser

Hang zu noch gnadenloseren Übertreibungen

hingegen macht ihn zum gnadenlosesten aller

Anbiederer, die der Fernsehsport zu bieten hat.

Ohne Unterlass – man möchte ihm zu gerne

zurufen: „Lass uns Zuschauer doch einmal

verschnaufen!“ – lässt er den Betrachter daran

teilhaben, dass ihn jeder Rückpass in nachgerade

ekstatische Verzückung versetzt, so dass

wir gar nicht wissen wollen, ob er überhaupt

noch nach Luft schnappen kann, wenn ihm

auf anderem Gebiet etwas Atemberaubendes

widerfährt.

Wir haben jedenfalls beim Kommentar des

Berliners Simon zur Mehmet-Scholl-Methode

gegriffen: Ton aus! Die Stille war himmlisch.

Keine Werbung für den SSV Jahn

Gar nicht himmlisch hingegen sind die Nachrichten,

die über Regensburgs ranghöchsten

Verein verbreitet werden. Dass sich Erfolgs-

Juli 2008

Fußball ist unser Leben

Die Erbärmlichkeiten der TV-Kommentatoren und des SSV Jahn

und Aufstiegstrainer Günter Güttler eher stillos

nach Burghausen verabschiedete, muss dem

SSV Jahn nicht unbedingt angekreidet werden,

auch wenn die zuletzt doch beeinträchtigte

Stimmung zwischen dem Coach und der Führungsriege

für den Abgang des Ex-Profis verantwortlich

gewesen sein soll.

In die Verantwortung der Jahn-Spitze fällt

jedoch das äußerst seltsame Gebaren, die Stadt

Regensburg – und somit den Steuerzahler – um

fast eine halbe Million Euro zu erleichtern.

Denn der DFB fordert für die 3. Liga einen

gewissen Standard im Stadion. Das wurde

dem SSV mitgeteilt. Unter anderem benötigt

die Tribüne Sitzschalen. Nun steht aber in der

Stadt der Bau eines neuen Stadions im Raum.

Insofern hätte vielleicht gegen die Auflagen

Einspruch eingelegt werden können. Doch der

Jahn ließ diese Frist verstreichen. Jetzt müssen

die Sitze her. Kostenpunkt: 425.000 Euro.

Und da macht es sich der Verein ganz leicht.

Denn die Stadt ist Eigentümerin des Stadions.

Also muss sie dafür aufkommen. Wenn nicht,

dann darf der Jahn nicht in der 3.Liga antreten

und die Stadt trägt Schuld daran. Welch

hübsches Drohpotenzial!

Was macht die Stadt? Sie gibt nach. In

einem so genannten „Blödsinns-Beschluss“. Die

Bezeichnung ist treffend. Man hätte sich ja

ganz einfach nicht erpressen lassen können.

Sondern sagen: Wenn sich der Jahn diese Daumenschrauben

widerspruchslos anziehen lässt,

muss er auch für die Befreiung sorgen. Also das

Geld selbst aufbringen. Und nicht andere dafür

zahlen lassen. (mü)

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