Tanz der Schatten

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Tanz der Schatten

Es gab einen Brauch in Griechenland, bei dem die Menschen nach der Trauerfeier für die VerstorbenenSüßwasser in das Meer gossen, damit sie nicht verdursten.Von Walter SeyfferEs ist Heilig Abend. Voller Erwartung steht derkleine Heinz vor der geschlossenen Tür zumWohnzimmer und wartet auf den verheißungsvollenKlang des Glöckchens, das ihm erlaubteinzutreten, um die Gaben, die das Christkindgebracht hat, zu bestaunen. Der Vater,der neben ihm steht, öffnet den Schrank, indem er sein Jagdgewehr aufbewahrt, nimmtdie Waffe heraus und geht in den Garten.Heinz bleibt zurück und wartet ungeduldigauf dessen Rückkehr. Nach kurzer Zeit hört ereinen Schuss. Der Vater kommt zurück, stelltdas Gewehr wieder an seinen Platz und sagt:„Eben habe ich das Christkind erschossen,von nun an bekommst Du Deine Geschenkevon mir.“Dies geschah Weihnachten 1926. Heinzerzählte mir diese Geschichte, kurz nachdemich ihn kennengelernt hatte, im Alter von 82Jahren. Uns blieben noch fünf Jahre bis zuseinem Tod im Jahr 2006. In diesen fünf Jahrenübernahm ich für ihn die Aufgabe seinenJagdhund auszuführen, da er nicht mehr in derLage war, das oft unbändige Tier an der Leinezu halten. Wenn ich dann abends nach demletzten Spaziergang den Hund bei ihm vorbeibrachte,nutzte der alte Mann die Gelegenheit,mir Geschichten aus seinem Leben zu erzählen.Bei seiner Beisetzung sprach ein Freund ausKindertagen. Er berichtete von einem jenerWinter, in dem der Fluss, an dem unsere kleineOrtschaft liegt, noch ungetrübt von Chemikalienzufror. Er, sein Freund Heinz undnoch einige andere Jungs, versuchten denzugefrorenen Fluss zu überqueren. Mit einemMale brach einer der Jungs ins Eis ein. VollerPanik rannten alle Kinder weg – bis auf Heinz.Heinz zog seinen Gürtel aus und robbte aufdem Bauch hin zu der Stelle, an der der Jungeverzweifelt um sein Leben kämpfte. Der Jungekonnte den Gürtel greifen und Heinz zog ihnaus dem eiskalten Wasser auf eine feste Stelledes Eises.Kurz vor dem Krieg nahm Heinz ein Medizinstudiumauf, das er nicht beenden konnte,weil er kurz danach zum Militär eingezogenwurde. Nachdem das „Tausendjährige Reich“kein Reich mehr hatte, beendete er seine Ausbildungzum Arzt und ging in die USA, dennim darniederliegenden Deutschland sah er fürsich keine Zukunft.Ein ganz anderes Leben führte Ophelia, diein einer „Anderswelt“ geboren wurde. IhreEltern hatten sich für ihre Tochter gewünscht,dass sie eine große Schauspielerin werdensollte. Sie hofften darauf, dass ihre Namensgebungein gutes Omen sein würde. Opheliahatte zwar die Bewunderung für die Spracheder großen Dichter geerbt, doch ihre Stimmewar zu leise, als dass sie eine Schauspielerinhätte werden können. Sie fand ihren Platz imSouffleurkasten eines Provinztheaters, direktüber dem Orchestergraben.Während Ophelia die Trommelwirbel imOrchestergraben den Musikern überließ undden Schauspielern Texte von heldenhaftemSieg und glorreichem Scheitern zuflüsterte,erlebte Heinz im Schützengraben das nervenzerfetzendeTrommelfeuer von Maschinengewehren,das jede Hoffnung auf eine Auferstehungniedermetzelt. Zu ihrer beider Glückwährte die Zeit nicht lange, in denen sichdie Kriegsherren von den Texten der Dichterbedroht fühlten. So konnte Ophelia ihrenBeruf bis ins hohe Alter ausüben und Heinzentkam dem Schützengraben zumindest körperlichunversehrt.In Chicago fand Heinz seine erste Stellein der Gerichtsmedizin. Dort obduzierteer neben den gutbürgerlichen Leichen auchdie von Mafiosi, die mit Betonklötzen an denFüßen im Lake-Michigan versenkt wordenwaren. Nach einigen Jahren verschlug es ihnnach San Francisco, wo er seine eigene Praxiseröffnete. Wie er nicht ohne Stolz verkündete,behandelte er dort illegale mexikanischeEinwanderer grundsätzlich umsonst.Diese Praxis teilte er mit einem jüdischenArzt, dessen Fähigkeiten er in den höchstenTönen lobte. Das Heimweh nach Deutschlandließ ihn mehrfach zwischen den USA und seinerHeimat hin- und herpendeln. Anfänglichbeschränkten sich die Anekdoten, die er mir28 info3 03|09 Anthroposophie im Dialog


Anthroposophie, Spiritualität uns soziale zuwendunggegenüber zum Besten gab, auf seine Zeit imAusland. Dann kam es immer häufiger vor,dass er von seinen Erlebnissen im Krieg erzählte,wo er als noch nicht ausgebildeter Arzt vorAufgaben stand, die er ohne Erfahrung undFachwissen zu meistern hatte. Diese Schilderungenmündeten fast immer in ein heldenhaftesBezwingen von Widrigkeiten, die sichihm entgegenstellten, und entließen ihn stetsals strahlenden Helden. So verweigerte er inGefangenschaft einem französischen Offizierdie ärztliche Versorgung, solange dieser nichtdie Brotration für die Kameraden erhöht hatte.Er erzählte von der heimlichen Notamputationan einem abgeschossenen englischen Flieger,mit dem er noch jahrelang nach dem Kriegin Briefkontakt stand. Jeder Krieg wirft, auchnachdem der letzte Schuss gefallen ist, nochlange Schatten. Es war für mich offenkundig,dass Heinz mit diesen Geschichten vieleunterschlagene und weniger heroische Erlebnissezu überdecken versuchte.Ophelias Leben dagegen verlief äußerlichruhig. Doch am Abend, wenn die Texteder Dichter in den Schauspielern zum Lebenerwachten, erlebte sie mit ihrem Publikum dieKabalen, Irrungen und Wirrungen, eben jeneSehnsüchte, die das Schicksal der Menschenbestimmen.Nach vielen Jahren kehrte das Publikumdiesem kleinen Theater den Rücken, weil esbequemer war, sich Geschichten im Fernsehenanzusehen. Überdies hatten die Menschenfast alle Autos und fuhren lieber in dieGroßstadt, um dort berühmtere Schauspielerzu sehen. Ophelia war zu diesem Zeitpunktnoch nicht alt genug, um sich auf ihr Altenteilzurückzuziehen. Als die letzte Vorstellung zuEnde ging, blieb sie noch eine Weile in ihremSouffleurkasten sitzen und starrte gedankenverlorenauf die leere Bühne. Mit einem Malesah sie einen Schatten über die Bühne gleiten,doch es war niemand da, der ihn hätte werfenkönnen. Sie fragte mit ihrer leisen Stimme:„Hallo, ist da wer?“ Der Schatten erschrak undsie hörte eine Stimme, die sagte: „Ich wollteSie nicht erschrecken, aber ich weiß nicht, woich bleiben soll. Bitte schicken Sie mich nichtweg.“„Aber Schatten gehören doch immer zujemandem“, erwiderte Ophelia.„Nicht immer. Es gibt einige Überzählige,die niemand haben will. Übrigens, mein Nameist Schattenschelm.“„Das ist aber traurig“, sagte sie und bot demSchatten an, bei ihr zu bleiben.„Aber Sie haben doch bereits einen Schatten.“,sagte Schattenschelm.„Ihr werdet Euch schon vertragen“, erwiderteOphelia. So trug sie von nun an zweiSchatten mit sich.Wenige Tage später begegnete sie einemweiteren Schatten in einer Kirche, in der siesich ausruhen wollte. Er trug den Namen Dunkelangstund bat ebenfalls um Zuflucht.„Auf einen mehr oder weniger kommt esnicht an“, sagte sie und nahm ihn auf.Fast täglich kamen neue Schatten zu ihr. Sietrugen die Namen: Hein Allein, Siechnacht,Nimmermehr und Leereschwere.Des Nachts in ihrer kleinen Kammer, fingendie Schatten oft an zu streiten, wer von ihnenden ersten Platz bei Ophelia einnähme undmanchmal kam es sogar zu einem richtigenSchattenboxen.Ophelia kannte Streit nur von der Bühneund so kam sie auf die Idee, den Schatten dieTexte der großen Dichter beizubringen. Dannkonnten sie sich wenigstens mit deren Wortenstreiten. Die Schatten gaben sich große Mühe.Schon nach kurzer Zeit konnten sie die großenTragödien der Welt spielen, während ihnenOphelia soufflierte, wenn sie einmal im Textstecken blieben.Heinz war inzwischen wieder nach Deutschlandzurückgekehrt und hatte sich an seinemGeburtsort ein Haus gebaut. Auch er fühltesich wie Ophelia noch nicht zu alt, als ihm perGesetz verwehrt wurde, seinen Beruf weiterauszuführen. Er war inzwischen 65 Jahre altgeworden und hatte deshalb jüngeren MedizinernPlatz zu machen. Ältere Ärzte durftenaber Urlaubsvertretungen annehmen, undwann immer ein solches Angebot kam, nahminfo3 03|09 Anthroposophie im Dialog29


Frank Schubert30 info3 03|09 Anthroposophie im Dialog


Anthroposophie, Spiritualität uns soziale zuwendung„Heinz wusste nichts von Schatten, er kannte ihre Namen nicht und als sie zu ihm kamen,vermieden sie es auch, sich ihm zu offenbaren.“er es freudig an, denn es vertrieb die Schatten,die sich auch bei ihm – im Gegensatz zuOphelia allerdings unangemeldet – eingefundenhatten. Wann immer er diesem Ruf ausseiner Vergangenheit folgen konnte – wenner gebraucht wurde –,verwandelte sich dieser,zu Hause meist nachlässig gekleidete Mannin einen amerikanischen „Doc“, den eine Casting-Agenturohne Zögern für die Rolle deserfahrenen Chefarztes in einer KrankenhausTV-Serie empfohlen hätte.Heinz wusste nichts von Schatten, er kannteihre Namen nicht und als sie zu ihm kamen,vermieden sie es auch, sich ihm zu offenbaren.Sie waren die Zwillinge von Schattenschelm,Dunkelangst, Hein Allein, Siechnacht, Nimmermehr,und Leereschwere. Sie lauschtendem Schatten von Heinz die Erlebnisse seinesLebens ab und flüsterten ihm Geschichtenvon siegreichen Kriegstaten ein, aber auch dieAngst vor dem Alter und dem Alleinsein.Ophelias Kunstgeschichten lebten vonder Vieldeutigkeit des Scheiterns im Siegund vom Siegen im Scheitern. Diese Art vonGeschichten konnten die fremden Schatten inHeinz nicht zulassen. Dass dem Siegen auchimmer der Zweifel folgt, bedeutete für sieSchwäche. Man ist, wer man ist und bleibt auchso. Sein eigener Schatten wurde von ihnen indie äußerste Ecke seines Herzen gedrängt undwagte kaum mehr, in Erscheinung zu treten.So waren es nun die fremden Schatten, diebei Heinz die Regentschaft antraten, währendOphelias Schatten in kunstvollen Geschichtenvon zweifelhaften Siegen und gelungenen Verwandlungenzu berichten wussten.Vielleicht ist es einigen Leserinnen undLesern bereits aufgefallen, dass es sich beiOphelia um eine Kunstfigur handelt. Sie ist dieProtagonistin in Michael Endes Buch OpheliasSchattentheater. Wer dieses wunderbaremoderne Märchen kennt, der weiß auch, dassdieses Schattentheater von Ophelia im Romanbald die Öffentlichkeit sucht, dass sie ein fahrendesTheater gründet und ein begeistertesPublikum findet. Eines Tages trifft sie aufeinen anderen Schatten, der sich als der Todbei ihr vorstellt. Sie kann sich ihm nicht verweigernund nimmt ihn bei sich auf, wie alldie anderen Schatten zuvor. Dieser kann abernicht bleiben und nimmt sie mit in die Geistwelt.Vor dem Himmelstor wird sie von wunderschönenGestalten in farbenprächtigenGewändern erwartet, die sie fragen, ob sie sienicht wiedererkennen würde. Sie wären ihreerlösten Schatten und müssten nun nicht mehrumherirren. Sie führen sie zu einem prächtigenTheater, über dessen Eingang mit goldenenLettern steht: „Ophelias Lichttheater“.Ein Theater, in dem die Engel von nun andie Geschicke der Menschen in den Wortender Dichter erlauschen, um daraus zu lernen,wie elend und großartig, wie traurig und wiekomisch es ist, Mensch zu sein und auf derErde zu wohnen. Am Ende des Märchens heißtes, dass Gott selbst ab und an in diesem Theatervorbeischaut, aber das wisse man nicht sogenau.Elixiere des AltersMichael Ende zeigt in seiner Geschichte, dasswir trotz anfänglichen Unvermögens – OpheliasWunsch selbst Schauspielerin zu werdenscheitert an der zu leisen Stimme – die Möglichkeithaben, im Leben geistig Erworbenesso zu transformieren, dass es zum Elixier desAlters werden kann. Ophelia handelt auf derGrundlage ihrer Lebenserfahrung und verwandeltihre Schatten, indem sie intuitiv dasDunkel ihrer Seele mit künstlerischen Inhaltenerleuchtet, – mit den Inhalten, denen sieein Leben lang verbunden war. Im Künstlerisch-Geistigenfinden die Schattenwesenihre Erlösung. Ein Ideal, das es anzustrebenlohnt, weil es sinnstiftend und tröstlich ist.Offenkundig lauerten diese Schatten schonihr ganzes Leben unerkannt auf den rechtenAugenblick, um sich zu offenbaren. Erst aber,nachdem Ophelia den Sinn ihres Lebens mitder Schließung des Theaters verloren glaubte,wagten sie es, in Erscheinung zu treten.In einem Kunstwerk ist es erlaubt, ohneRücksicht auf die Realitäten des Lebens eineideale Lösung anzubieten. Ophelia selbst istinfo3 03|09 Anthroposophie im Dialog31


Teil einer Geschichte und diese Geschichtespielt sich in einer „Anderswelt“ ab. AlsKünstler ist es Michael Ende gegeben, eineganz und gar erfolgreiche Lebensgeschichteals erstrebenswertes Ziel dem Leben voranzustellen.Die Persönlichkeit Ende bleibt davonunberührt und wird selbst oft genug seinenSchatten gegenübergestanden haben, denener sicher nicht in so umfassendem Maße dieschönen Künste lehren konnte, wie das seineOphelia tat.„Vielleicht waren die Äußerungen von Heinz auch ein Kalkülseiner Schatten, die darauf hofften, dass ich ihm augenblicklichdie Freundschaft kündigen würde.“Umgang mit WundenHeinz sagte mir einmal voller Stolz, er habein den letzten dreißig Jahren kein Buch mehrgelesen. Willenstypen wie er sehen nun malim „Schöngeistigen“ reine Zeitverschwendung.Sie legen Hand an, wo es notwendigerscheint, sind stets präsent, wann immer sieglauben gebraucht zu werden, immer tätigund voller Stolz auf das, was geleistet wurdeund was noch zu leisten ist. Mit dem Platz ineinem Souffleurkasten hätte sich Heinz niemalszufriedengegeben. Es waren immer dieBretter der Welt, die ihm einen festen Bodenunter den Füßen versprachen, ungeachtet derTatsache, dass die Texte auf seiner Bühne seinereigenen Dichtung entsprachen und wenigWert auf Doppelbödigkeit legten. Eben einganzer Mann, der den Verlust des vom Vatererschossenen Christkinds zwar gerne alsAnekdote zum Besten gibt, aber dabei die nieverheilte Wunde tunlichst unerwähnt lässt.Wie ging Heinz mit diesen Wunden um?Er versteckte sie unter den siegreichenGeschichten und überdeckte sie mit Werten,die ihm vor mehr als einem halben Jahrhundertvon anderen Schatten eingetrichtert wurden.Im Laufe der Zeit, in dem sich unser Kontaktnormalisierte und weniger förmliche Rücksichtengenommen wurden, kam es zu Äußerungen,bei denen seine Schatten ihre anfänglicheZurückhaltung aufgaben. Immer öfterbekamen seine Geschichten eine politischeFärbung. Zuerst in zarten braunen Pastelltönen,die sich dann allerdings sehr bald als tiefbraunenazistische Soße entpuppten. So habeer einem amerikanischen Arztkollegen erwidert,als dieser in ihm den Deutschen erkannteund ihn herausfordernd mit „Heil Hitler“begrüßte, dass Hitler ein fähigerer Außenpolitikerwar, als alle amerikanischen Präsidentenzusammen und dass dessen einziger Fehler inder Fehleinschätzung gegenüber der StärkeRusslands lag …das mit den Juden allerdings,das wäre nicht nötig gewesen.Mir hatte es bei diesen Äußerungen dieSprache verschlagen und ich brauchte tatsächlicheinige Zeit, um mir darüber klar zu werden,wie ich auf diese Nazipolemik reagierensollte. Wie war es möglich, dass ein Mannoffensichtlich immer noch vom nationalsozialistischenUngeist infiziert war, der Jahrzehntein den USA mit einem jüdischen Kollegenzusammengearbeitet, dessen Tochtereinen Afro-Amerikaner geheiratet hatte unddessen zwei Enkel eine schokoladenbrauneHaut haben und heute mit ihm zusammenunter einem Dach wohnen?Völlig überraschend präsentierte sich nuneines Tages auch noch die „Deutsche NationalZeitung“ schamlos auf dem Küchentisch.Als er nun ungeniert mit mir über einen, derbekanntermaßen unsäglichen Leitartikeldieses Blattes sprechen wollte, so als ob ich einKamerad aus alten Zeiten sei, gab ich ihm zurAntwort, dass ich aus einem Haus stamme, indem der Großvater Mitglied der kommunistischenPartei gewesen sei. Überdies hätte meinVater mit gerade 21 Jahren durch eine Phosphorbombeim Schützengraben schwersteVerletzungen erleiden müssen und dass ebendieser Vater geglaubt hatte mir auf meinenLebensweg mitgeben zu müssen, dass die einzigeLegitimation zur Waffe zu greifen, die sei,einen Nazi zu töten. Danach verließ ich seineWohnung.Als ich am nächsten Tag wieder erschien,um seinen Hund abzuholen, war er sehrbemüht, die Wogen wieder zu glätten. Ich hattemit meiner Reaktion deutlich gemacht, dasses Grenzen meiner Toleranz gab, die nicht zuüberschreiten sind. Vielleicht, so dachte ichmir, waren die Äußerungen von Heinz auchein Kalkül seiner Schatten, die darauf hofften,dass ich empört reagieren und ihm augenblicklichdie Freundschaft kündigen würde,was zur Folge gehabt hätte, dass er ihnen nunwieder allein ausgesetzt gewesen wäre.Die Fronten waren nun klar gezogen und32 info3 03|09 Anthroposophie im Dialog


Anthroposophie, Spiritualität uns soziale zuwendungdas Thema Krieg blieb meist außen vor. Ichwusste darauf zu verzichten, ihn mit meinenpolitischen Vorstellungen zu belehren. Nocheinige Jahre saßen wir gelegentlich zusammenund er erzählte mir immer wieder die gleichenGeschichten aus seiner Zeit in Amerika undöffnete dazu eine Flasche seines geliebten Budweiser-Biers,an das ich mich erst widerwillig,doch im Lauf der Zeit zu gewöhnen begann.Manchmal vergaß er, die National Zeitung zuSeite zu legen, doch ich konnte auch das nacheiner Weile mühelos übersehen.Das vergangene Jahrhundert hat es verstanden,sich in unermesslichen Gräueltatenzu dokumentieren. Sie mögen im Angesichtder Tragödien, die sie hervorgebrachthaben, unverzeihlich sein, doch die Tragödien,in denen wir selbst die Haupt- und Nebenrollenübernehmen, sind nicht von Dichterngeschrieben. Diese Tragödien schreibt dasLeben ohne zu fragen, ob mir ihre Handlungzusagt oder nicht.Aber es ist ein Fehler zu glauben, dass wirnur die kleinen Dinge ändern können undgegenüber den großen machtlos sind. An denkleinen Herausforderungen des Alltags könnenwir täglich scheitern und mutlos werden.Es sind die großen Motive wie Güte, Mitleid,Demut und Liebe, mit deren Inhalten wirdie kleinen Dinge des Lebens infizieren könnenund in diesem Tun über uns selbst hinauswachsen,auch ohne die großen Worte derDichter und Denker.Als Heinz den Jungen aus den eiskalten Flutenrettete, war er schon als Kind über sichselbst hinausgewachsen. In seinem Beruf warer der mildtätige Retter für Tausende von Menschen.Seine Tragik lag wohl eher darin, dasser immer dem Tun den Vorzug gab und demDenken wenig Aufmerksamkeit schenkte. Aufseine Gefühlsebene konnte er sich verlassen,denn sein Gefühl sprach immer die Spracheder Entrechteten. Offenbar trägt das Christkindeine schusssichere Weste, weiß sich zumrechten Zeitpunkt tot zu stellen, um dadurchletztendlich zu überleben. Unsere Zeit bringtschon so manch widersprüchlichen Heldenauf die Lebensbühne. Und gerade gegenüberjenen Heldinnen und Helden, deren Schattensich in Altenheimen ungezügelt verselbständigenund dabei immer wieder dieselbenGeschichten sinnentleert vor sich hinbrabbeln,liegt es an uns, nie zu vergessen, dass hinterdiesem unverständlichen Kauderwelsch eineBiographie steht, die es mit größtmöglichemRespekt zu würdigen gilt.Ich traf Heinz im letzten Sommer seinesLebens oft alleine im Holzschuppen seinesGartens an. Versunken in seinem Kunstledersessel,dessen Armlehnen von Hundezähenmalträtiert waren, saß er dort mit geschlossenenAugen; ich trat voller Erfurcht leise,aber so deutlich an ihn heran, dass er michschließlich hören musste. Es lebte in mir eineScheu und zwar aus der Erkenntnis heraus,dass er in diesen Momenten das Glück derVergangenheit lebte, dass er, der so viele überlebthatte, mit dieser seiner vertrauten Vergangenheitin diesen Augenblicken allein bleibenwollte. Es waren der Geschmack, der Geruchund die Farben einer Zeit, von der man zwarder nächsten Generation noch erzählen kann,deren Ratlosigkeit gegenüber dieser zerronnenenWirklichkeit aber genauso tief ist wiedie Ratlosigkeit, mit der des Öfteren das Alterder Jugend hilflos gegenübersteht. Es war derRespekt, den man einem Träumenden gegenüberempfindet, weil man weiß, dass er sich mitjedem Aufwachen in einer ihm fremd gewordenenWelt wieder findet.Wenige Wochen vor seinem Schlaganfallfragte mich Heinz, ob ich daran glaube, dasses ein Weiterleben nach dem Tode gäbe. Alsich ihm sagte, dass ich dies für die größtwahrscheinlicheMöglichkeit hielte, war er schockiertund zugleich erleichtert. In diesemMoment offenbarte sich mir der Sinn unsererkurzen Lebensbegegnung.Er konnte mit dieser Antwort zumindestfür diesen Augenblick jene Schatten, die ihmimmer wieder weismachen wollten, dass dasalles Humbug ist mit einem „Leben nach demTode“, auf ihren Platz verweisen. Überdieswurde den Schwingen einer Hoffnung, diebereits gelähmt schienen, ein Aufwind gegeben,der direkt in die Zuversicht führte.Ophelias Schattentheater blieb ihm verschlossen,ihm, der zu Lebzeiten keine Bücherlas.Doch auch von denen, die keine Bücherlesen, gibt es nicht wenig zu lernen. Ich habevon Heinz gelernt, dass es nicht die Tiefeneines Menschen sind, die du entdecken musst,sondern seinen Aufstieg. Dies ist unser allerWeg aus dem Dunkel ins Licht.Walter Seyfferist als Biographieberater imRaum Heidelberg-Mannheimtätig.Informationen und Konkakt:www.biographie-arbeit.comGesprächsabend mit WalterSeyffer am 26. März um 20.00Uhr in FrankfurtAmselhof-BuchhandlungAlt-Niederursel60439 FrankfurtBuchtipp:Verena Kast. Der Schatten inuns. Die subversive Lebenskraft.dtv Verlag, € 8,90Erhältlich im Amselhof-BuchversandBestellnumer X 1654info3 03|09 Anthroposophie im Dialog33

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