Frauen – Entwicklung ist weiblich - Franziskaner Mission

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Frauen – Entwicklung ist weiblich - Franziskaner Mission

FrauenEntwicklung ist weiblichWenn auch wir noch gehen Sr. Romana Baković über ihren Einsatz für Flüchtlingsfrauen aus dem KongoWenigstens einmal im Monat Messe feiern Gespräch mit Gemeindeleiterin Agustina Crispin in BolivienAgentinnen des Wandels Interview mit Seelsorgeamtsleiterin Dr. Daniela EngelhardWir haben Frischfleisch Sr. Arli Sousa Nojosa über Frauenschicksale im Nordosten Brasilien4 2010


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblichInhalt34681012141618Editorialvon Br. Augustinus Diekmann ofmAls Bruder von Frauen geprägtFranziskus und die Umarmung des Weiblichenvon Br. Nikolaus Kuster ofmcapMachtverhältnisse verändernWohlstand und Gleichberechtigung hängen zusammenvon Thomas M. SchimmelDie weibliche Seite GottesVon der Muttergöttin zur Muttergottesvon Katrin RiegerAntike Geschäftsfrau und ChristinLydia: Porträt einer frühchristlichen Gemeindeleiterinvon Br. Stefan Federbusch ofmDas afrikanische FrauenbildMutterschaft als Voraussetzung für gesellschaftliche Anerkennungvon P. Reinhard Kellerhoff ofm»Wenn auch wir noch gehen ...«Sr. Romana Baković über ihren Einsatz für Flüchtlingsfrauenvon Sr. Romana BakovićMittelseite»Entwicklung ist weiblich«: Frauenbilder»Wenn wir wenigstens einmal im MonatMesse feiern könnten!«Gespräch mit der bolivianischen Gemeindeleiterin Agustina Crispinvon Agustina Crispin20222324262829303131»Geschenk des Glaubens«Als deutsche Pastoralreferentin in Bolivienvon Ursula Knauer»Agentinnen des Wandels«Interview mit Seelsorgeamtsleiterin Dr. Daniela Engelhardvon Dr. Daniela EngelhardWege aus der ArmutSelbsthilfegruppen in Indien vergeben Mikrokreditevon Anto Thomas»Wir haben Frischfleisch«Frauenschicksale im Nordosten Brasiliensvon Sr. Arli Sousa Nojosa CICAF»Pastoral da Criança«Ganzheitliche Sorge für Kleinkindervon P. Erich Löher ofm20 Jahre Kampf um BürgerrechteLandarbeiterinnen aus Piauí auf dem Weg zur Gleichberechtigungvon Sr. Lindalva Alves Cruz CICAFFahrradkaufEine Glossevon Daniela BöhleKurznachricht zum Todestag von Bischof Böslvon Werner SchulzProjektImpressumPersonaliaIm September und Oktoberdieses Jahres waren wiederMissionare aus verschiedenenTeilen der Welt zuBesuch in der FranziskanerMission in Dortmund.Bruder Juvenal Ndayambajeaus Ruanda, Ostafrika, unterbrachseine Promotion an derUniversität Louvain in Belgienzu dem deutschen PhilosophenJürgen Habermas für einigeTage, um seine franziskanischenMitbrüder in Dortmund, Werlund Wiedenbrück zu besuchenund um in einer Partnergemeindeim Sauerland von denFortschritten der Franziskanerpastoralin Ruanda zu berichten.Schwester Arli Sousa Nojosaaus Brasilien begleitete BruderAugustinus Diekmann zuBesuchen bei deutschen Partnergemeindenund berichtete vonihrer Arbeit mit Frauen undKindern im Armenviertel vonTeresina, der Hauptstadt desBundesstaates Piauí.Schwester Romana Bakovićbrachte die neuesten Neuigkeitenaus Bukavu in der Demo ­kratischen Republik Kongo mit.Sie leitet dort ein Ausbildungszentrumfür traumatisierteFlüchtlingsmädchen.Altbischof Dom HeinrichJohannpötter aus Bacabal,Brasilien, verbrachte einenTeil seines Heimaturlaubs inDortmund und bereitete sichdort auf seinen Ad-Limina-Besuch beim Papst in Rom vor.


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010EditorialLiebe Leserinnen, liebe Leser,liebe Freunde der Franziskaner Mission,Entwicklung ist nicht nur grammatikalischweiblich. Es sind vor allemFrauen, die an einer nachhaltigenVermenschlichung unserer Welt ihrenAnteil haben. Deshalb hat die FranziskanerMission gerade dieses Thema inihrer Weihnachtsausgabe aufgegriffen.Dass starke Frauen mit ihremüberzeugenden Einsatz für GottesReich sowohl im Alten als auch imNeuen Testament von den männlichenAutoren verschwiegen wurden, liegtsicher an den damaligen patriarchalischgeprägten Kulturen. Aber wer dasEvangelium aufmerksam liest, findet inder Praxis Jesu einen großen heilsamenSchritt hin zur Gleichberechtigungvon Mann und Frau. Die Wurzelnder franziskanischen Bewegung sindvon beiden Geschlechtern geprägt.Franziskus und Klara von Assisi legtengemeinsam den Grundstein für eineechte Geschwisterlichkeit. Das wirdzum Beispiel im Kinofilm »Francesco«von 1989 unter der Regie von LilianaCavani auf eindrucksvolle Weisedeutlich.Die Entwicklung ist in unserenpastoralen und sozialen Partnerprojekten,trotz oftmals herrschendemMachismus, eindeutig weiblich.Lebendige Basisgemeinden wärenohne ihre charismatischen Leiterinnengar nicht denkbar. Gewerkschafterinnengeben ein beeindruckendesLebensbeispiel von Einfühlsamkeitund Mut. Und was wären unserevielen Schulprojekte ohne die charismatischenLehrerinnen! Überallschafft die weibliche Art der Optionfür die Armen befreiende neue Wirklichkeiten.Schauen wir uns dieseFrauen doch einmal auf unsererMittelseite an: Sie geben der Weltdurch ihren überzeugenden Einsatzfür Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrungder Schöpfung ein neues, einmenschlicheres Gesicht.In Bethlehem schenkte Maria vonNazareth der Welt das neue, ja ewigeLeben. Alle Mütter der Menschheitstehen in dieser Tradition. Weil sieexistenziell Leben schenken, sind siedie überzeugendsten Anwältinnendieses Lebens.Ein Franziskanermissionar hat einmalgesagt: »Nur wer liebt, kann wirklichGutes tun.« Genau das ist der Grundunserer Dankbarkeit gerade diesenengagierten Frauen gegenüber. Dankbarkeitaber auch Ihnen, unserenFreunden und Förderern gegenüber,die Sie durch ihre liebevolle Solidaritätso viel Gutes wirken. Die darausresultierende Entwicklung brauchtsicher viel Geduld und langen Atem.Allen unseren Leserinnen undLesern wünschen wir von Herzen einfriedvolles Weihnachtsfest und GottesSegen für das kommende Jahr 2011.IhrBr. Augustinus Diekmann ofmLeiter der Franziskaner MissionFranziskaner MissionFranziskanerstraße 1, 44143 DortmundTelefon 02 31/17 63 37 5Fax 02 31/17 63 37 70info@franziskanermission.dewww.FranziskanerMission.deSpenden erbitten wir, unter Angabe desVerwendungszwecks, auf das Konto 5100,Volksbank Hellweg eG (BLZ 414 601 16) oderKonto 34, Sparkasse Werl (BLZ 414 517 50).Dieser Ausgabe liegt eine Zahlkarte bei.Titel: Frauen verändern die Welt: diebekannten und die unbekannten. Diebeiden Mädchen auf der Titelseite feiernin Custa Ver die bestandene Doktorprüfungvon Sr. Lindalva, die in diesemHeft über die Entwicklung der Frau imbrasilianischen Nordosten schreibt.3


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblichAls Bruder von Frauen geprägtFranziskus und die Umarmung des WeiblichenFranziskus fällt mit einer frauenfreundlichenSpiritualität auf: Er wünscht seinen Brüdern»mütterliche Sorge« füreinander, empfiehltdas »Leben der Marta und das der Maria« zuverbinden und feiert eine Schöpfung, in derdie Geschöpfe geschwisterlich zusammenspielen.Jeder Gläubige kann als spirituelleMutter Christus neu auf die Welt bringen.Selbst im Gottesbild des Bruders überraschenweibliche Namen.Wir kennen Frauen, die den Bruderbiografisch geprägt haben: Seine Mutter,seine Verbündete Klara, seine FreundinJakoba, Maria als Gefährtin im Himmelund die Schwestern in San Damiano.4Pica die MutterKirche und Gesellschaft tauchen unterdem einzigen Abba (Gef 20) in ein radikalgeschwisterliches Licht. Der dramatischeBruch mit seinem Vater hat zur Folge,dass Franz alle patriarchalen Rollen ausseiner Bruderschaft ausschließt. Diemütterliche Rolle leidet dabei keinenSchaden. Liebe und Intui tion der Mutterwerden Vorbild für die Brüder (BR 6).Die Mutter eines Bruders ist Mutter allerBrüder. Für eine verarmte Mutter in Notschenkt Franz gar das einzige Evangeliarder Portiunkula weg (Per 56).Giovanna Pica stammt aus dem lokalenAdel und lässt den Sohn nach ihremNamen Giovanni taufen. Als diesersich seinen Weg bahnt, sperrt der Vaterihn ein und die Mutter lässt ihn frei(Gef 18): Wo väterliche Karriereplänezum Zwang werden, bleiben Picas Freiheitund Gespür ermutigend: Wo immerBrüder in der fraternitas Verantwortungübernehmen, sollen sie es geschwisterlichund mütterlich tun (NbR 9).Klara seine SchwesterZunächst trennen Jahre und das sozialeGefälle die beiden Heiligen. Klara lernterst gehen, als Franz 14-jährig in dieKaufmannszunft eintritt. Der Bürgersohnzählt zur Unterschicht, während Klaraim adeligen Favarone-Clan heranwächst.Märkte, Feste und Zunftpolitik liegenfarbenfroh jenseits dicker Mauern, dieKlara als Mädchen in ein Turmhauseinschließen. Erst als die junge FrauKlara, Mystikerin des Lichts. Zeichnung von Fra Roberto Pasotti. Bild zum Klara-Jahr 2003Kapuzinerkonvent in Bigorio, Schweizden Fußspuren Jesu folgen will, wirdFranz ihr Verbündeter.Hellsichtig ziehen die Brüder undKlara nicht gemeinsam durchs Land. InFrankreich wütet 1211 ein Kreuzzuggegen die Waldenser: Männer undFrauen, die das Wanderleben der Apostelgemeinsam weiterführen. Klara gründetmit Gefährtinnen eine eigene Gemeinschaft.Ihr Modell ist Betanien: WieMarta, Maria und Lazarus in einem gastfreundlichenHaus leben, gestalten KlarasSchwestern in San Damiano mit Brüdernein hospitium eine Herberge.Wie nahe sich Klara sesshaft undFranz unterwegs verbunden sind, zeigenIndizien: Klara betet sein Passionsoffiziumauswendig (LebKl 30). Er inspiriert sichin seiner Zusatzregel für Einsiedeleienan Erfahrungen der Schwestern. ImLied »Audite Poverelle« ermutigt derPoverello seine Schwestern als Minnesänger.Tiefes Vertrauen spricht aus derHeilung des geisteskranken GefährtenStefano, den Franz zu Klara schickt. Ineiner Krise klärt Franz die Versuchung,ganz eremitisch zu leben, indem er sichvon Silvestro und Klara an seine Berufungerinnern lässt (Fior 16). Dem Tode nahe,offenbart Franz in einer ergreifendenAschenpredigt den Schwestern seineVerfassung. Sein Vermächtnis ermutigtsie, der gemeinsamen Nachfolge in Armuttreu zu bleiben »wer auch immer«sie davon abbringen will. Klara erfährtFranz als mütterlichen Bruder, der siein Konflikten mit dem Papst auch vomHimmel her bestärkt (ProKl 3).Jakoba seine FreundinDer Biograf offenbart die Züge einerzärtlichen Freundschaft: Franz »pflegtin Rom« bei Jakoba dei Settesoli »zuweilen«, die ihn verwöhnt. Auch sterbendsehnt er sich nach ihrer Nähe und ihremMandelkuchen. Sie spürt von Ferne,


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010was der Bruder wünscht, kommt seinemBrief zuvor und erscheint von sich aus inder Portiunkula. Bemerkenswert ist dieAussage des Briefes, sie nicht die Brüder solle seinen Leib nach dem Tod in Leinenwickeln. In der Nacht vor der Bestattunglegt Elia den toten Franz in Jakobas Armemit den Worten: »umarme ihn nocheinmal, den du zu Lebzeiten so geliebthast« (3 C 37-39). Die Biografen erinnernan Maria von Magdala, wenn sie von der»speziellen Liebe« des Heiligen zur jungenWitwe sprechen: Nachfolge Jesu kann tiefeFreundschaft einschließen.Arme Schwestern Jesu JüngerinnenKlaras Gemeinschaft ist vor 1228 nieKloster. Franz bewundert die Schwestern,die meist aus dem Adelsstand in JesuArmut absteigen: »Vom Herrn selbst gerufenund vereint« (MahnKl), soll niemandsie in ihrer Nachfolge einschränken. Franzdrückt in der »Lebensform« die Freiheitund Würde der Schwestern in genialerDichte aus: »Von Gott inspiriert, habtihr euch zu Töchtern des himmlischenVaters gemacht, mit dem Heiligen Geistvermählt und das Leben der Apostel inden Fußspuren Jesu gewählt« (FormKl).Gregor IX. wird erfolglos versuchen,Klaras Schwestern wie unmündige Töchterzu behandeln und in strikte Klausur zudrängen. Franz bewundert die JüngerinnenJesu, die als Freundinnen der Stille undSchwestern der Stadt leben. Er verbringtvor seiner Augenoperation Krisenmonatein San Damiano und dichtet da denSonnen gesang, in dem Schwestern undBrüder harmonisch zusammenspielen:im Lied universal und im Leben lokal.des Vaters, im Dienst des Höchsten« als »Geschwister, Jünger und MütterChristi, den wir alle durch unserLeben neu auf die Welt bringen« als»Geliebte des Heiligen Geistes« (1 Gl).Weibliche Züge Gottes»Verliebt in deine Schönheit verbandsich Gottes Sohn mit dir einzig in derWelt« (SC): Jesus findet von der Krippebis zum Kreuz in Frau Armut seineliebste Freundin. In den Fußspuren Jesuleben und seiner Freundin gefallen färbtfranziskanische Nachfolge spirituell auchweiblich. Der Heilige Geist erhält in derPoesie des Poverello ebenso weiblicheGesichter: Die edlen Frauen Weisheit,Schlichtheit, Liebe, Demut, Armut undGeschwisterlichkeit werden nicht nurals Lehrerinnen besungen, sondern alsgöttliche Kraft in jede Seele eingegossen.Der Lobpreis von La Verna spricht Gottweitere weibliche Namen zu:Du zärtliche Liebe,Kostende Weisheit DuDu SchönheitDu erfüllte StilleDu HoffnungUnsere Freude DuGerechtigkeit DuDu Innere RuheGottes weibliche Dimension macht dieSchöpfung geschwisterlich, den Brudermütterlich und Glaube zu Freundschaft.Br. Nikolaus Kuster ofmcapBruder Nikolaus ist schweizerischer Kapuzinerund Dozent für Kirchengeschichte am ReligionspädagogischenInstitut Luzern. Außerdem hält erregelmäßig Vorlesungen in Venedig, Madrid undMünster.Maria Vorbild und GefährtinWendet sich das Salve Regina einesMönchs aus dem Tränental an eine Lichtgestaltim Himmel, sieht Franz Maria ander Seite ihres Sohnes auf Erden unterwegs:»Ich, Bruder Franz, arm und klein,will dem Leben und der Armut unseresHerrn Jesus Christus und seiner Mutternachfolgen« (VermKl). Wenn die Poverellein San Damiano mit Maria poverellaJesus barfuß bis ans Ziel folgen, »wirdeine jede mit Maria im Himmel gekröntwerden« (MahnKl): Maria lädt nicht zuWeltflucht ein, sondern ermutigt zumLeben im Hier und Jetzt. Franz sieht KlarasSchwestern in Marias intime Gottesnähegerufen (FormKl). In einem Brief bestärkter die Gläubigen zur dreifachen Gottesfreundschaft:als »Töchter und SöhneFra Roberto Pasotti: Franziskus umarmt Frau Armut, 20035


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblichMachtverhältnisse verändernWohlstand und Gleichberechtigung hängen zusammen»Babaçu livre«: Mit der Herstellung von Seife aus der Babaçu-Nuss sichert eine Frauenkooperative im Nordosten Brasiliens den Lebensunterhalt und fördert gleichzeitigden Schutz der Palmwälder.6Frauen sind ein entscheidender Faktor fürdie Entwicklung von Gesellschaften und dieBekämpfung der Armut. Doch es reicht nicht,sie zu fördern. Ihre Diskriminierung mussbeseitigt werden, damit menschenwürdigesLeben ohne Armut möglich ist.Seit den 1960er Jahren ist die zielgerichteteUnterstützung von Frauenmaßgeblicher Bestandteil der Entwicklungsarbeitstaatlicher Stellen undNichtregierungsorganisationen. Im Laufeder Jahrzehnte hat sich diese Förderungallerdings verändert. Man ist vom Instrumentder karitativen Frauenförderungoder der isolierten Frauenprojekte abgekommen,da die Frauen dabei eine zupassive Rolle einnahmen: Sie erhieltenzwar Hilfe in Form von Lebens-, SachoderGeldmitteln, nahmen aber am Entwicklungsprozessnicht aktiv teil. Ihregesellschaftliche Rolle wurde verfestigtund auf die Funktion der Familienversorgerinfestgelegt. Noch heute erzeugenFrauen in den Entwicklungsländern80 % der Grundnahrungsmittel, besitzenaber nur 10 % der Anbauflächen.Zwei Drittel der Ärmsten sind Frauen.70 % aller unbezahlten Arbeit wird vonFrauen verrichtet, aber nur 10 % desEinkommens von ihnen bezogen.Folgen eines patriarchalenGeschlechterbildesIn vielen Gesellschaften des Südenswerden zudem Frauen durch Traditionenund gesellschaftliche Strukturenunterdrückt und an der Ausübung ihresSelbstbestimmungsrechtes gehindert.Dies sind oft Folgen eines patriarchalenGeschlechterbildes, das religiös oderkulturell begründet wird und das Entwicklungund Fortschritt behindert.Frauen haben oft nur eingeschränktZugang zu Ausbildungund Bildung. Zwei Drittel allerAnalphabeten sind Frauen. Siewissen nicht um ihre Rechte undsind geschlechtsspezifischerGewalt wehrlos ausgesetzt.Frauen haben oft nur eingeschränktenZugang zum Gesundheitswesenund zu Medikamenten.So sind Präventions- und Behandlungsmethodennicht wirksam: DerAnteil an HIV-infizierten Frauenstieg beispielsweise in den letztenzwölf Jahren von 12 % auf 60 %.Frauen haben oft nur eingeschränktenZugang zu Märktenund zum Arbeitsmarkt. Sie lebendadurch in ökonomischer Abhängigkeitund können zum Haushaltseinkommennicht beitragen.Frauen haben oft nur eingeschränktenZugang zu wirtschaftlichenund politischen Entscheidungsgremien:so sind nur 17,9 %aller Parlamentsmitglieder weltweitweiblich und nur 14 % allerFührungspositionen in Wirtschaftund Verwaltung sind mit Frauenbesetzt.


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010GleichstellungsorientierungSeit der Weltfrauenkonferenz inPeking 1995 nutzen mehr und mehrOrganisationen darum das Instrumentdes Gender Mainstreaming,das die gesellschaftlichen Strukturenin den Blick nimmt und versucht,die traditionellen gesellschaftlichenRollen in allen Politikbereichen durchdie Entwicklungszusammenarbeitin Frage zu stellen. Die Machtverhältnissesollen verändert undGeschlechter differenzierende Sichtweiseneingebracht werden, die dieunterschiedlichen Fähigkeiten undAnliegen von Männern und Frauenberücksichtigen.Dabei sollen vor allem drei Aspektein den Blick genommen werden:Gerechtigkeit soll hergestelltwerden. Die Gleichstellung vonFrauen und Männern ist einMenschenrecht und Voraussetzungfür soziale Gerechtigkeitinnerhalb einer Gesellschaft.Differenziertes Handeln sollermöglicht werden. Frauen undMänner haben unterschiedlicheBedürfnisse und Anliegen, dieberücksichtigt werden müssen,um eine gerechte und friedvolleGesellschaft zu ermöglichen.Armut soll bekämpft werden.Die Gleichberechtigung vonMännern und Frauen führtzu höherer wirtschaftlicherEffektivität und ist damit einindirektes Instrument derArmutsbekämpfung.Dank Frauen auf ErfolgswegenGesellschaften mit einem hohen Maßan Gleichberechtigung zwischenFrauen und Männern weisen einhöheres Wirtschaftswachstum aufals Länder, in denen Frauen wenigerRechte und weniger Möglichkeitender Partizipation haben. Auch wennWirtschaftswachstum an sich nichtunbedingt bedeutet, dass sich Länderentwickeln und Armut gelindertwird, so bestärkt der Zusammenhangzwischen Wachstum und Chancengleichheitdoch, was internationaleKonferenzen und Organisationen seit1975 immer wieder betonen: dassdie soziale, politische und wirtschaftlicheTeilhabe von Frauen wichtigeFaktoren für die erfolgreiche unddauerhafte Entwicklung von Gesellschaftenund Staaten darstellen.An zwei kleinen Beispielen wirdklar, warum das so ist: Laut wissenschaftlicherStudien geben Frauen ihrerwirtschaftetes Einkommen bzw.das Haushaltseinkommen eher für dieVersorgung der Familie sowie die Bildungund Gesundheit ihrer Kinder aus. Sieschaffen damit die Basis für weitere unddauerhafte Entwicklung, da ihre Kinderspäter gesünder und qualifizierter sindund dadurch bessere Chancen auf demArbeitsmarkt haben.In Entscheidungsprozessen, so zeigendie Erfahrungen der Entwicklungspolitik,sind Frauen bei der Planung von Infrastrukturmaßnahmen,wie dem Straßenbauoder dem Bau von Gemeinschaftseinrichtungen,pragmatischer als Männer, dasie in der Regel die Verantwortung fürdie Versorgung der Familie tragen undweniger mobil sind.In der Menschenrechtserklärung derVereinten Nationen von 1948 sind dieFrauenrechte festgeschrieben worden.Seitdem wird in zahlreichen Konferenzenund Resolutionen immer wiederdie besondere Rolle der Frauen für dieEntwicklung und die Armutsbekämpfungbetont. So wichtig es ist, den Ländern desSüdens technische und finanzielle Hilfezur Verfügung zu stellen so wichtigist es, auch in anderen Ländern Gleichberechtigungvon Männern und Frauenzu fordern und zu fördern.Thomas M. SchimmelThomas M. Schimmel ist für die DeutscheFranziskanerprovinz in Berlin tätig.Harte Nuss mit reichem Kern: Nur da, wo Frauen und Männer wie bei der Verarbeitung der Babaçu-Nuss gleichberechtigt zusammenarbeiten,gewinnt das Leben eine positive Zukunftsperspektive.7


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblichDie weibliche Seite GottesVon der Muttergöttin zur Muttergottes»Gott schuf den Menschen nach seinem Bild.Als Mann und Frau schuf er sie.« (Gen 1,27).Wenn Gottes Abbilder Mann und Frau sind,warum sollte Gott dann nur männliche Eigenschaftenhaben? Was viele nicht wissen: Inder Bibel offenbart sich Gott immer wiedervon seiner weiblichen Seite. Die Traditionder Kirche überträgt den weiblichen Part imHimmel auf die Gottesmutter Maria. Im Zugeder Christianisierung übernimmt Maria zumTeil die Aufgaben der heidnischen Göttinnen,zum Teil werden alttestamentliche Bibelstellenauf sie umgedeutet.Paulus wollte in Ephesus den Glaubenan Christus verkünden, doch seine Missionendete im Desaster. Hier, wo der Tempel derGöttin Artemis stand, eines der sieben Weltwunderder Antike, hatten die Händler undSilberschmiede keinerlei Interesse an einemneuen Glauben. Sie wiegelten die Einwohnerauf, die stundenlang riefen: »Groß ist dieArtemis von Ephesus.« (Apg 19).Fruchtbarkeitsgöttinnen aus Jerusalem: Sie spielten einegroße Rolle in der frühen Frömmigkeit, da Kinderlosigkeitals Schande galt und die materielle Zukunft in Frage stellte.Muttergöttin IsisNicht nur in Ephesus musste sich dasChristentum gegen die Göttinnenkultebehaupten. Ägypten war das erstechristliche Land der Welt, doch erst im6. Jahrhundert nach Christus ordneteder »allerchristlichste Kaiser« Justinianan, den Tempel der Göttin Isis aufder Insel Philae bei Assuan nach über1.000-jähriger Kult geschichte zuschließen. Die ägyptische MuttergöttinIsis war so beliebt, dass ihr Kult nochlange Zeit geduldet wurde. Isis wareine globale Göttin. Ihr Verehrungsgebietreichte von Ägypten, über diebritischen Inseln, bis auf das Gebietdes heutigen Irak. Auch in Augsburg,Mainz und Köln beteten Gläubige inTempeln der Isis.Darstellungen der Isis zeigen einethronende Muttergöttin mit ihremSohn Horus auf dem Schoß. DieBedeutung solcher Bilder erkannteder Theologe Klemens von Alexandrienschon im 2. Jahrhundert nachChristus: »Komm, ich will dir denLogos zeigen in Bildern, die dir vertrautsind.« Anfang des 3. Jahrhundertstauchte der Isis-Bildtypus mit MutterMaria und ihrem Sohn Jesus auf demSchoß erstmalig in Rom in der PriscillaKatakombe auf.Eine andere, beliebte Darstellungder Isis findet sich auch in der Bibel.Isis breitet ihre schützenden Flügelaus. Es sind die Flügel eines Geiers.Die Altorientalen sahen im Geier einmütterlich sorgendes Tier. Und alsMose mit dem Volk Israel den Sinaierreichte, heißt es in der Bibel: »Ihrhabt gesehen, was ich den Ägypternangetan habe, wie ich euch auf Geierflügelngetragen und bis hierher zu mirgebracht habe.« (Ex 19,4).Wir singen heute: »Lobe denHerren, der alles so herrlich regieret,der dich auf Adelers Fittichen sichergeführet ...«. Wenn die alten Hebräerin den Psalmen die schützenden FlügelGottes besangen, dachten sie an eineweiblich-behütende Gottheit. Wirdenken an einen männlich-königlichenGott. Die Übersetzer der griechischsprachigenBibel, der Bibel, die dieChristen in den Urgemeinden lasen,haben aus dem in unserem Kulturkreisnegativ besetzten Aasgeier einen Adlergeschaffen.Gottesmutter MariaMaria breitet stattdessen ihren schützendenMantel über die Gläubigen aus,ein Bild, das besonders zu Kriegszeitensehr populär war. Als Schild Jahwesgriff Maria aber auch aktiv ins Kampfgeschehenein. Ihren unverhofften Sieggegen die Türken bei der Seeschlachtvon Lepanto (1571) führten dieChristen nicht auf Macht oder Waffen,sondern allein auf Maria zurück. DieSchlachten der Gegenreformationwurden unter dem Beistand Mariensgeschlagen. Die Siegessäulen aus demBarock zeigen Maria im Strahlenkranz,mit Sternen um ihr Haupt und auf einerMondsichel stehend. Genauso stelltendie Altorientalen ihre kriegerische Himmelsköniginund Jungfrau Ischtar dar.Christliche Künstler griffen dabei aufdie Worte aus der Johannesapokalypsezurück: »Dann erschien ein großesZeichen am Himmel: eine Frau, mit derSonne bekleidet; der Mond war unterihren Füßen und ein Kranz von zwölfSternen auf ihrem Haupt.« (Apk. 12,1).Theologen deuteten diese Worte aufMaria hin, die Johannes in seiner Offenbarungsicher nicht vor Augen hatte.Heute dient diese Bibelstelle wenigkriegerisch als Lesungstext an MariäHimmelfahrt (15. August).An Mariä Himmelfahrt pflegen vielePfarrgemeinden auch wieder den altenBrauch der Kräuterweihe. Dieser gehtauf heidnische Wurzeln zurück undwar eine Zeitlang verboten, bis er Mariaunterstellt wurde. Maria stiftet ihrenSegen für die Heilkraft der Kräuter.Aber Maria ist auch die, die wachsenund gedeihen lässt. Wir besingen sie alsMaienkönigin: »Maria dir befehlen wir,was grünt und blüht auf Erden. Oh lasses eine Himmelszier in Gottes Gartenwerden.«8


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010Maria trat an die Stelle der altenFruchtbarkeitsgöttinnen, an die sichdie Menschen seit den Anfängen desAckerbaus wandten. Mindestens seitdem 6. Jahrhundert verehren ChristenMaria als fruchtbringenden Acker,dargestellt mit Ährenmantel. Das altebäuerliche Jahr gewann seine Strukturdurch die Marienfeiertage: Es begannmit Mariä Lichtmess, wenn die Tagewieder heller wurden und endetemit Mariä Geburt im September,wenn der Pfarrer das Getreide fürdie Winter aussaat segnete.Zwei Überlieferungssträngevereinten sich in Maria: die weiblichgöttlichenBilder der Bibel, die aufMaria hin ausgelegt wurden, und dieGöttinnenvorstellungen aus der heidnischenUmwelt, die in Maria eineneue Deutung erfuhren. Da die Bibelin den Bildern ihrer Zeit spricht, findensich viele Vorstellungen göttlicherWeiblichkeit sowohl in den biblischenTexten als auch in der biblischenUmwelt, so zum Beispiel die personifizierte,weibliche Weisheit.Die Ägypter verehrten in derGöttin Maat Weisheit und Lebensklugheit.Im Totengericht bekanntensie, Maat-gerecht gelebt zu haben.Aber auch im Alten Testament tritt dieWeisheit als personifizierte, weiblicheGestalt auf. Christliche Theologendeuteten diese Bibelstellen auf Mariaum. Aus Maria, der einfachen Frauvom Lande, die Gott wegen ihrerNiedrigkeit ausgewählt hatte, wurdedie Weisheit in Person, die gebildeteGottesmutter.Konsequenterweise tritt Mariaab dem 9. Jahrhundert in ihrenBiografien als kluge Frau auf, die,egal, ob gleich nach der Geburt imStall oder bei der Flucht auf dem Eselnach Ägypten, unentwegt Bücherlas. Maria wurde zum Vorbild derbelesenen Oberschichtsfrau. Nicht nurdie Kirchenväter taten sich mit derschlichten Mutter aus Galiläa schwer.431 nach Christus, fast 400 Jahrenach dem missglückten Besuch desPaulus, tagte das Dritte ÖkumenischeKonzil in Ephesus. Die GöttinArtemis, die Jungfrau und göttlicheMutter in einem war, durfte nichtmehr verehrt werden. Dort, wo einstihr weltberühmter Tempel stand,berieten sich die Konzilsväter in derMaria als Herrscherin aus der Johannesapokalypse: »Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau,mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt.«aller ersten Marienkirche der Welt.Eines ihrer Ergebnisse: Maria, dieheilige Jungfrau, erklärten sie zurGottesgebärerin. Maria tritt an dieStelle der großen Göttin Artemis vonEphesus, ohne selber Göttin zu sein.Katrin RiegerKatrin Rieger ist freiberufliche Theologin.Ihr Text bezieht sich auf die Ausstellung»Gott Weiblich«, die sie durch Führungenund Vorträge begleitet hat.Ausstellung »Gott Weiblich Eine verborgene Seite desbiblischen Gottes«Die Sammlung, die eine Vielzahlarchäologischer Bildfunde ausdem Alten Orient zeigt, ist biszum 19. Dezember 2010 imHeidel berger Museum für sakraleKunst und Liturgie zu sehen.Mariendarstellungen spannen denBogen von der Urkirche bis zurModerne. Weitere Infos unterwww.gott-weiblich-heidelberg.de9


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblichAntike Geschäftsfrau und ChristinLydia: Porträt einer frühchristlichen GemeindeleiterinPhilippi: Ruinen des antiken Marktes und der BasilikaGestatten, dass ich mich vorstelle: Lydia,Purpurhändlerin aus Philippi im heutigenGriechenland. Die erste Christin aufeuropäischem Boden. Geboren bin ich inThyatira, der Stadt der Färber und Weberan der persischen Königsstraße. Hierlernte ich mein Handwerk, den Umgangmit Purpur. Das Rotviolett der Purpurschneckewar damals wertvoller als Gold.Einem Erlass aus dem Jahr 67 vor Christusgemäß war das Tragen von Purpur demKaiser und seiner Familie vorbehalten. Alsdiese Kleiderordnung wenige Jahrzehntespäter in Vergessenheit geriet, schmücktensich alle, die etwas auf sich hielten, mitder kostbaren Farbe. In den 30er Jahrenstand der Purpurhandel in voller Blüte,sodass ich mich entschloss, meinenHandelssitz aus Lydien nach Ostmakedonienzu verlegen. Philippi lag an derVia Egnatia, einer römischen Handelsstraße,die Rom mit Byzanz verband. Einenbesseren Standort konnte es nicht geben.Schwester des GlaubensAls »Frau aus Lydien« das bedeutetmein Name war ich eine stadtbekanntePersönlichkeit. Ich unterhielt Geschäftsbeziehungennach Ägypten, Persien, Rom,Gallien, Britannien und den Mittelmeerländern.Mich beschäftigten die Fragen desLebens, und so war ich als »Gottesfürchtige«häufig in unserem Gebetsraum zufinden, den wir mit einigen Frauen untenam Fluss unterhielten. Als Gottesfürchtigewurden damals übrigens die bezeichnet,die sich dem Judentum verbunden fühlten,ohne selbst von Geburt aus Jüdin oder Judezu sein.Eines Tages kamen einige Wanderpredigermit Namen Paulus, Silas undThimotheus zu uns, die in unserer kleinenSynagoge eine neue Lehre verkündeten. Ichwar so begeistert und überzeugt von ihrenWorten, dass ich ihnen Gastfreundschaftin meinem Haus anbot. Es dauerte nichtlange, bis ich mich zusammen mit einigenanderen aus meiner Hausgemeinschaft taufenließ. Rasch bildete sich eine kleine Hausgemeinde,die eifrig den Männern lauschte,die von Christus erzählten. Ihr könnt diesnachlesen in der Apostelgeschichte 16,14 ff.Dort steht geschrieben, dass ich diese Männerhierzu »nötigte«. Ja, so ganz freiwilligkamen sie nicht, denn es war eigentlichvöllig indiskutabel für eine alleinstehendeFrau in meiner sozialen Position, alleinstehendeMänner ins Haus einzuladen. Siewaren dadurch quasi gezwungen, mich alsSchwester des Glaubens anzuerkennen.Frühchristliche FrauenpowerEines Tages kam es zu einem Zwischenfall.Auf dem Weg zur Versammlungsstättewurden Paulus und Silas auf offener Straßeüberfallen und vor den Stadtpräfektengebracht. Man beschuldigte sie, gegen dasGesetz verstoßen zu haben und ihre eigeneWeltanschauung als göttliches Recht zuverkünden. Wegen Unruhestiftung und10


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010Erregung öffentlichen Ärgernisses wurdensie hinter Schloss und Riegel gesetzt. Ichtat natürlich alles dafür, dass sie so schnellwie möglich wieder die Freiheit erlangten.Anschließend schien es angeraten, dassPaulus und Silas weiterzogen. Ich stattetesie also mit einem Empfehlungsschreibenaus, sodass die Freunde in Thessaloniki siefreundlich aufnahmen. Später schrieb unsPaulus in einem Brief, dass er uns ins Herzgeschlossen habe und dass er Gott unseretwegenvoller Freude dankte. Ihr findetseine Zeilen heute im Philipperbrief 1,3 ff.Während Paulus grundsätzlich sonstniemandem zur Last fallen wollte undseinen Lebensunterhalt als Zeltmacherselbst verdiente, nahm er von uns auchmaterielle Unterstützung an.Das Schweigen brechenUnsere Hausgemeinden waren die wesentlichenStützen unseres Gemeindelebens.Wir trafen uns zum Gebet, zur Glaubensunterweisungund zu den eucharistischenMahlfeiern. Es war durchaus üblich, dassdiese Hausgemeinden von Frauen geleitetwurden. Leider wurde die Bedeutung vonuns Frauen über lange Jahrhunderte nichtgewürdigt. Dies mag auch daran gelegenhaben, dass sich die kirchlichen Strukturengegen Ende des 1. Jahrhunderts nachChristus zunehmend der patriarchalenUmwelt anpassten, sodass der Einfluss vonuns Frauen zurückgedrängt wurde. So sehr,dass wir innerhalb der Kirche zum »Schweigen«verurteilt wurden (1 Kor 14,34). Eströstet mich, dass sich dies bei Euch wiederverändert hat, wenngleich eine Gemeindeleitungdurch Frauen für Eure Kirchenleitungnoch immer schwer vorstellbar ist.Wenn Ihr wissen möchtet, wie groß dieZahl bedeutender frühchristlicher Frauenund Missionarinnen ist, lest die Liste derjenigennach, die Paulus in seinem Römerbriefgrüßt (Röm 16,1-16). Erinnern möchteich auch an die Apostolin Junia (Röm 16,7,aus der später ein Männername gemachtwurde), an die Gemeindeleiterin Nymphain Laodizäa (Kol 4,15), an die MissionarinPriska in Korinth (Apg 18,1 ff.; 24 ff.; Röm16,3-5), an die Diakonin Phöbe in Kenreä(Röm 16,1) und an Tabita, die viel Gutes tatund den Armen half. (Apg 9,36-41). Sie allelebten die Stelle aus dem Galaterbrief, ander es heißt: »Es gibt nicht mehr Juden undGriechen, Sklaven und Freie; denn ihr alleseid ›einer‹ in Christus Jesus.« (Gal 3,28).Im Herrn verbündete SchwesternFür uns Frauen damals bedeutete das, unsnicht einfach den gesellschaftlich-kulturellenZwängen zu fügen, sondern eigenverantwortlichneue Lebensverhältnisse zuschaffen. Dazu gehörten das gemeinsameArbeiten Ihr würdet vielleicht sagen:Teamarbeit und die Solidarität mit Menschen,die aus unterschiedlichen Gründengefährdet und bedroht waren. Durch Gastfreundschaftund die gemeinsame Mahlfeiererwuchs eine geschwisterliche undsolidarische Gemeinschaft der Glaubenden.Zusammen zu beten, Gott zu loben und zupreisen, Zeugnis des Glaubens zu geben,einander zu ermutigen, zu ermahnen undbeizustehen, die Güter miteinander zuteilen, die Gegenwart Christi in Brot undWein zu erfahren, aus dem Geist herauszu leben all das sind Charismen, die wirganz selbstverständlich miteinander teilen:damals in unserer Hausgemeinschaft undheute mit Euch.So grüße ich Euch herzlich und insbesonderealle meine Schwestern im Herrn,die bei Euch als Gemeindeleiterinnenweltweit tätig sind! In Verbundenheit Eure Lydia.Br. Stefan Federbusch ofmBruder Stefan ist Schulseelsorger am Franziskanergymnasiumin Großkrotzenburg.Lydia mit purpurner SchärpeLydia damalseine Purpurhändlerineine Frau mit einem Hauseine Gottesfürchtigeeine Frau, die ihr Herz öffneteine Frau, die die fremdenMänner einlädteine Frau, die drängteLydia heuteeine Frau, die ihre Fähigkeiten kennteine Frau, die Verantwortung übernimmteine Frau, die sich von Gottes Lebenspendendem Geist leiten lässteine Frau, die das Wesentliche entdeckteine Frau, die nicht ausgrenzteine Frau, die engagiert ist... Lydia, damals und heute: mutig,einfühlsam, überzeugend.Quelle:Projektgruppe Lydiafest (HedwigLamberty-Zielinski / Petra Lütjen).»Lydia: Geschäftsfrau Gastgeberin Gemeindeleiterin«.Katholisches Bibelwerk Stuttgart. 2005.An dieser Stelle des Baches, der heute nach ihrbenannt ist, soll Lydia getauft worden sein.11


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblichDas afrikanische FrauenbildMutterschaft als Voraussetzung für gesellschaftliche AnerkennungMehr als 12.000 Kunst- und Alltagsgegenständeaus Amerika, Afrika, Ostasien undOzeanien ermöglichen den Besuchern desVölkerkundemuseum in Werl die Begegnungmit fremden Völkern, Kulturen undReligionen. Der Direktor des Museums,Pater Reinhard Kellerhoff, beschreibt imfolgenden Text traditionelle afrikanischeFrauen- und Mutterbilder.ist es ein Privileg, zu diesem Zweckauserwählt zu werden. Die Frau, diedas erste derart gezeugte Kind zurWelt bringt, bleibt allgemein geachtet insbesondere vom Thronnachfolger,weil er ihr sein Königreich verdankt.Wird sie auch nicht die Ehegattin, sowird sie doch von Amts wegen demBund der Königinmütter angehören.Holzskulptur einer sitzenden Frau von derElfenbeinküste; geschwärztes Holz, Höhe 34 cm,Museum Forum der Völker, Werl;Die mit Perlenketten, Anhängern und Narbenmusterngeschmückte Frauenfigur dient als Bindeglied zu denBuschgeistern. Während der Zeremonien gilt sie gar alsderen Wohnsitz.Die afrikanische Frau spielt eine wichtigeRolle sobald sie Mutter wird.Denn die afrikanische Gesellschaft ob patriarchalisch oder matriarchalisch basierte bis Mitte des vorigenJahrhunderts auf dem Prinzip derBlutsverwandtschaft. Nur durchKinder sah die Sippe ihren Fortbestandgewährleistet. Die politischenund sozialen Reformen der 1950erJahre in Afrika führten zwar zu einerVeränderung der sozialen Strukturen.Doch bis heute spielt die Frau alsMutter eine Hauptrolle in den dortigenGesellschaften, weil sie durchihre Kinder weiterhin die Kontinuitätder Sippe sichert.Ein Beispiel dafür, was das konkretbedeutet: Ohne Kinder würdeder Ahnenkult unterbrochen. Füreinen kinderlosen Mann hieße das:Er hätte niemanden, der nach seinemTod für die Erfüllung der Riten sorgt,die ihm ein unbeschwertes Leben imJenseits ermöglichen. Indirekt sichertdie Frau ihrem Mann also durch ihreKinder seine Existenz über den Todhinaus.Es ist außerdem die Frau, diedem Mann den Beweis seiner Fruchtbarkeitermöglicht. Im KamerunerGrasland ist dies die notwendigeVoraussetzung dafür, dass der Sohneines Häuptlings die Nachfolge seinesVaters antreten kann. Bevor der Sohnden Thron besteigt, muss er währendseiner Initiationsperiode jede Nachtmit jungen Mädchen verbringen, dieman ihm so lange zuführt, bis einevon ihnen schwanger wird. Für diejungen Mädchen aus großen FamilienVor der EheSowohl die Mädchen, die aus dereigenen Familie wegheiratetenals auch die jungen Frauen, dieneu in sie einheirateten, erfülltenbis vor wenigen Jahrzehnten inAfrika vor allem eine Funktion: dieNachkommenschaft ihrer Männerzu sichern. Und nur durch ihreMutterschaft sicherte sich die Frauihren Platz in der Gesellschaft.In der Elfenbeinküste, BurkinaFaso und Angola trugen schon kleineMädchen Schilf- und Holzpuppen.Bei diesen Figuren handelte es sichnicht um Spielzeug, sondern umAmulette, deren magische Kraft diespätere Fruchtbarkeit ihrer Trägerinnenfördern sollte. Die kleine Figurwird immer am Rücken getragen, alswäre sie das gewünschte Kind. DieVerehrung dieser Objekte gründet aufeiner Legende, wonach eine Frau einschönes Mädchen gebar, weil sie einsolches Amulett getragen hatte.InitiationJunge Mädchen wurden nach ihrerersten Menstruation oftmals durchInitiationsriten von der Kindheitsphaseins Erwachsenenalter hinübergeführt.Die Zeremonie fand imheiligen Hain außerhalb des Dorfesunter der Aufsicht erfahrener Frauenstatt. Früher waren diese Riten oftmit der Beschneidung der Mädchenverbunden.In Sierra Leone erhielten dieMädchen bei ihrer Initiation Masken.Eine sehr aufwendige, sorgfältiggearbeitete Frisur, mehrere Hautfalten12


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010im Nacken als Zeichen des Wohlstandssowie Salbungen der Maskeund des Körpers mit Palmenöl solltendie Vorstellung von einer schönen,reichen Frau wecken. Während derInitiations zeit lernten die jungenMädchen die Regeln des Benehmens,die sie fortan einhalten mussten. DieMaske mit dem eingezogenen Kinnund dem verkleinerten oder nicht vorhandenenMund reflektierte die denFrauen abverlangte Unterwerfung.Zeit der EheDie Mutterschaft war für die Frau dasMittel dazu, aus der untergeordnetenStellung herauszutreten, in der siebis dahin gehalten wurde. Die hierzugeschlossene Ehe war nicht das Ergebnisgegenseitiger Anziehung zweierjunger Menschen. Sie diente vielmehrdem Zweck der Verbindung zweierNetzwerke: ihrer Sippen.Nach der Hochzeit bestand dergrößte Wunsch des jungen Paaresdarin, ein Kind zu bekommen. VieleFrauen waren jedoch unfruchtbaroder starben bei der Geburt. Daherhatten Wahrsager, die sich in diesenFragen für kompetent ausgaben,Hochkonjunktur.In der Hoffnung, dass die Kraftder Figur auf sie übergehen würde,zeigte man den betroffenen Frauen inKamerun eine Fruchtbarkeitsstatue,die eine Mutter bei der Niederkunftmit ihren Zwillingen darstellt. Instehender Position hält sie ihrenschweren Bauch, während der Kopfdes ersten Kindes bereits erscheint.Die Konsultation bei dem Wahrsagerfand heimlich statt und war voneinem Ritual und von Opfergabenbegleitet.In der Elfenbeinküste schriebman Unfruchtbarkeit dem Zorn eines»Ehemannes im Jenseits« oder einemNaturgeist zu. Der zu Rate gezogeneWahrsager empfahl, einen Hausaltarzu errichten und darauf eine Statuetteaufzustellen, die nach seinen Anweisungengefertigt wurde. Durch dieHarmonie ihrer Formen und die Feinheitihrer künstlerischen Gestaltungsind manche dieser Statuetten Kunstwerkevoll heiterer Gelassenheit,geeignet, die Unruhe einer jungenEhefrau zu beschwichtigen.Holzskulptur Esi mansa Mutter mit Kindder Akan (Fante) aus Ghana; helles Holz mitSchwärzung und Patina, Höhe 54 cm, MuseumForum der Völker, Werl;Den Esi mansa-Figuren werden Opfergaben dargebracht,um die Weiterführung des Volks undsein Wohlergehen zu erbitten. Nach Vorstellungder Fante wird dies allein durch die Frauengewährleistet, weshalb man sich auch stets dieGeburt einer Tochter wünscht.Nach der GeburtAfrikanische Bildhauer beschäftigten sichsehr oft mit dem Thema der Mutter, dieein Kind trägt oder stillt. Es sind keinePorträts, sondern kleine Figuren rituellenInhalts, die das Fortbestehen des Lebensverherrlichen. Oft sind auch schwangereoder stillende Frauen abgebildet, dienicht menstruieren. Durch ihre körperlicheVerfasstheit nähern sie sich denalten Frauen und weiblichen Ahnen ihrerSippe, an deren geistiger Kraft sie teilhaben.Mit diesen Mutterschafts-Statuenschafft der Künstler ein Bild der Frau,wie sie in den Augen der Afrikaner amvollkommensten ist.Holzskulptur Gwandusu, Mutter mit Kindder Bambara aus Mali; Weichholz mit Patina,Höhe 44 cm, Museum Forum der Völker, Werl;Als Abbilder der Urmutter und als Wasserheiligespielen die Gwandusu-Statuen bei regelmäßigenöffentlichen Ritualen für kinderlos gebliebeneEhefrauen eine Rolle: allein der Anblick dervollkommenen Schönheit solcher Figuren sollhier Abhilfe schaffen.P. Reinhard Kellerhoff ofmP. Reinhard Kellerhoff ist Direktor des MuseumForum der VölkerIm Rahmen des 350. Jubiläums der WerlerWallfahrt ist ab April 2011 im Museum Forumder Völker eine Sonderschau mit dem Titel»Schaust Du zu mir, so schaue ich zu Dir« zusehen. Repliken des Werler Gnadenbildes undBilder der Künstlerin Thekla Kampelmanntreffen auf Muttergottheiten aus afrikanischen,orien talischen und asiatischen Kulturen aus demBestand des Museums Forum der Völker.Literatur:Meyer, Laure: »Schwarzafrika. Masken,Skulpturen, Schmuckstücke«. PierreTerrail. Paris. 1992.13


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblich»Wenn auch wir noch gehen …«Sr. Romana Baković über ihren Einsatz für FlüchtlingsfrauenSr. Romana mit Lehrerinnen und Lehrern des Ausbildungszentrums für traumatisierte Flüchtlingsmädchen in Bukavu, D.R. KongoAlle drei Jahre verbringen Missionare dreiMonate in ihrer Heimat, um Kontaktezu pflegen, sich nötigenfalls medizinischbehandeln zu lassen und auch, um einwenig auszuruhen von ihrem Dauereinsatzim Missionsgebiet.Schwester Romana war diesen Sommerzum Heimaturlaub in Split, Kroatien. EinigeTage nahm sie sich Zeit, um in der FranziskanerMission Dortmund von ihrer Arbeitin der Demokratischen Republik Kongopersönlich zu berichten.Sr. Romana, wie alt waren Sie, alsSie in den Kongo gegangen sind?Sr. Romana: Damals war ich 27 Jahre.Heute bin ich 63. Ich habe also wesentlichlänger in Afrika gelebt als inKroatien.Heute leben Sie in Bukavu, einerStadt nahe der Grenze zu Ruanda.Sind Sie von Anfang an dort gewesen?Sr. Romana: Nein. Vor dem Bürgerkrieg,also bis 1996, haben wir in einem Dorfgelebt. Dort war das Leben ganz andersals das heute in der Stadt.Inwiefern?Sr. Romana: Vor dem Bürgerkriegwaren die Menschen arm, aber sielebten friedlich miteinander. Heutesind sie immer noch arm aber jetzthaben sie außerdem noch Angstvoreinander.Der Bürgerkrieg ist aber dochbeendet.Sr. Romana: Ja, trotzdem. Es gabEreignisse, nach denen vieles nichtmehr so ist wie vorher. Das beginnt beiden ganz kleinen Dingen des Alltags.Vor dem Bürgerkrieg hätte niemand imDorf seine Tür nachts abgeschlossen.Die Menschen haben einandervertraut, sie haben sich gegenseitignichts Böses getan. Seit dem Bürgerkriegtraut keiner mehr dem anderen.Niemand wagt mehr, öffentlich seineMeinung zu sagen.Warum das nicht?Sr. Romana: Weil er damit seinLeben riskiert. Wir haben in unseremZentrum eine Mutter, deren SohnJournalist war. Er prangerte Missständeöffentlich an und wurde ermordet.Eine unserer Lehrerinnen hatteeinen Mann, der die Soldaten seinerNachbarschaft sehr höflich bat: »Wennihr Holz zum Feuermachen braucht,brecht doch nicht in unsere Schulen einund zerstört dort nicht das ganze Inventar.Fragt uns, und wir werden euchbesorgen, was ihr braucht!« WenigeTage später war der Mann tot. Manfand ihn ermordet im eigenen Garten.Sind die Schwestern auch bedrohtworden?Sr. Romana: Ja, mehrmals. Einmalwar ich alleine zu Hause, als Soldatendie Tür eintraten und mich mit demMesser bedrohten. Sie verlangtenGeld. Ich ging mit ihnen durch dieRäume, öffnete alle Schubladen vorihren Augen, um ihnen zu zeigen,dass dort nichts zu holen war. Aber sieließen nicht locker. Ich dachte, dieswäre meine letzte Stunde. Schließlichbrachte ich sie zu dem Zimmer, indem wir unsere gesamten Ersparnisse14


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010für die Armen aufbewahrt hatten.Sie nahmen alles mit. Das bedeutete:Wir hatten für die Armen imnächsten Monat nichts. Wenn Siedann sehen, dass die Kinder in derSchule mehrere Tage nichts zu essenbekommen, schmeckt Ihnen daseigene Essen auch nicht mehr.Haben Sie manchmal darangedacht, nach Kroatien zurückzukehren?Sr. Romana: Ja, diese Frage musstenwir alle uns natürlich stellen. Wirsind elf Schwestern, die aus Kroatienstammen und nun im Kongo leben.Als es ganz schlimm wurde währenddes Bürgerkrieges, hat unsereProvinzialin jeder Einzelnen vonuns freigestellt, nach Europa zurückzugehen.Aber wir alle habendamals gesagt: Wir sind hier, ummit den Menschen zu leben undnotfalls auch mit ihnen zu sterben.Wenn auch wir noch gehen: Werbleibt bei ihnen und teilt ihre Not?Was genau machen Sie jetzt inBukavu?Sr. Romana: Wir haben dort einAusbildungszentrum für Flüchtlingsmädcheneingerichtet. Sie alle habenschreckliche Dinge erlebt. Eins derKinder wurde bereits mit fünf Jahrenmissbraucht. Ein Großteil unsererSchülerinnen hat mit eigenen Augenzusehen müssen, wie die Elternermordet wurden. Viele wurden vergewaltigt,manche einmal, mancheimmer wieder. Man kann sich dasGrauen, das diese jungen Menschenhinter sich haben, und das Leid,das sie dadurch an Leib und Seeleerlitten haben, kaum vorstellen.Wodurch helfen Sie denMädchen und Frauen?Sr. Romana: Die jungen Mädchenlernen bei uns Rechnen, Schreibenund Lesen. Die meisten von ihnenkönnen das noch nicht, wenn sie zuuns kommen, weil viele Familienim Kongo immer noch zuerst ihreSöhne zur Schule schicken. WennNähstunde in Bukavudas Schulgeld nicht für alle Kinderreicht, müssen die Töchter einfachzu Hause bleiben.Zusätzlich zu diesem Unterrichtbieten wir auch Nähkurse an. AmEnde der Ausbildung erhält jede derSchülerinnen eine Nähmaschine vonuns geschenkt, damit sie anschließendihren Lebensunterhalt selbstverdienen kann. Sie können sichkaum vorstellen, welche Freudedieses Geschenk bei den Mädchenhervorruft. Denn es sichert ihnennicht nur ein eigenes Einkommen.Die Tatsache, dass sie finanziellabgesichert sind, macht sie überNacht zu begehrten Heiratskandidatinnen.Eine Frau, die Geldverdient, kann sich aussuchen, wensie heiratet. Sonst ist das in Afrikaumgekehrt. Wenn man bedenkt, wiedie meisten Ehefrauen im Kongo vonihren Männern behandelt werden,ist das ein nicht zu unterschätzenderNebeneffekt.Außerdem fällt es den jungenFrauen durch ihre Arbeit leichter,das, was sie erlebt haben, zu vergessen.Übrigens hilft ihnen zurzeitauch eine Psychologin in unseremZentrum, ihre traumatischen Erlebnisseseelisch zu verarbeiten. Wirwissen aber nicht, ob wir dies inZukunft weiter anbieten können.Wovon hängt das ab?Sr. Romana: Von unseren finanziellenMöglichkeiten. Eine Einzelsitzung beider Psychologin kostet 10 Euro, dieTeilnahme an zehn Gruppensitzungen17 Euro pro Jahr. Für europäischeVerhältnisse sind das vielleicht überschaubareBeträge. Im Kongo ist dasaber unermesslich viel Geld.Sr. Romana BakovićSchwester Romana gehört dem Orden derFranziskanerinnen von Christkönig an undlebt seit 1974 in der Demokratischen RepublikKongo. Sie leitet das im Jahr 2000 gegründeteAusbildungszentrum für Flüchtlingsmädchenin Bukavu.Mittelseite»Entwicklung ist weiblich«: Die Bilder derMittelseite zeigen Frauen aus Brasilien, Ostafrika,Europa und Vietnam, die mit der Basisarbeit derFranziskaner verbunden sind. Sie schenken der Weltdurch ihren Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden undBewahrung der Schöpfung ein neues Gesicht. >>15


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblich»Wenn wir wenigstens einmal imMonat Messe feiern könnten!«Gespräch mit der bolivianischen Gemeindeleiterin Agustina CrispinGemeindeleiterin Agustina Crispin mit Pfarrer Robert Hof und den Kindern David und WillianIn vielen Teilen der Welt gibt es zu wenigePriester, als dass sie die Außenbezirke ihrerPfarreien regelmäßig erreichen könnten. Damitdas Gemeindeleben dort trotzdem lebendigbleibt, werden Leute aus dem einfachen Volk zuGemeindeleitern, sogenannten »Líderes« ausgebildet.Sie leiten sonntags die Gottesdienste,sie bereiten Kinder und Jugendliche auf dieSakramente vor und sie besuchen die altenund kranken Menschen aus ihrem Dorf.Agustina Crispin ist 37 Jahre alt und Gemeindeleiterin,»Líderin«, in Palestina nicht in demStaat im Nahen Osten, sondern in einem kleinengleichnamigen Ort in Bolivien, knapp 70 km vonder Provinzhauptstadt Concepción entfernt. InPalestina leben 32 Familien mit vielen Kindern.Pfarrer Robert Hof hat Doña Agustina dort besuchtund mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.Guten Tag, Doña Agustina, wiegeht es Ihnen?A. Crispin: Guten Tag, Padre Roberto,mir geht es gut und Ihnen?Danke, gut. Störe ich?A. Crispin: Nein, nein, ich kommegerade von Guayaba, wo dieses Jahrdas Schülersportfest stattgefundenhat. Einer muss ja die Kinder unseresDorfes begleiten, damit sie die Wocheüber gut betreut sind.Dann sind Sie jetzt bestimmtrecht müde. Darf ich mit Ihnentrotzdem ein kleines Interviewmachen für eine Zeitschrift derdeutschen Franziskaner?A. Crispin: Mit mir? Warum denngerade mit mir (lacht)?Weil Sie Líderin, oder wieman in Deutschland sagt » Katechistin« sind. Das istetwas Besonderes. Und es gibtwenige Frauen, die dieses Amtausüben. Und ein Foto braucheich auch noch von Ihnen.A. Crispin: Ein Foto? Gut, aberdann will ich mich erst noch schönmachen (lacht).Ein nettes Häuschen haben Sie.Und sogar bemalt.A. Crispin: Ja, dieses Haus wurdemöglich durch die Hausbaukooperative»casas dignas« (»Häuser stattHütten«), ein Projekt von PadreReinaldo. Er hat uns dabei vielgeholfen. Die Kinder haben es angemalt.Der Boden ist sogar gefliest.18


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010Wie viele Kinder haben Sie?A. Crispin: Ich ziehe zwei Kinder groß,David ist sechs Jahre alt und Willian acht.Außerdem kümmere ich mich auch ummeinen Neffen, der ist 16.Sind Sie verheiratet?A. Crispin: Ja. Selbstverständlich auchkirchlich.Was sagt denn Ihr Mann dazu, dassSie im Dorf als Líderin arbeiten?A. Crispin: Mein Mann unterstützt michdabei. Er selbst war viele Jahre Líder inseinem Heimatdorf in San Antonio deLomerío. Er hilft mir immer, die Gottesdienstevorzubereiten und die Liederauszusuchen.Wie lange sind Sie schon in IhremDorf Palestina als Líderin aktiv?A. Crispin: Seit wir uns im Jahr 2001hier angesiedelt haben. Ich kommeursprünglich aus Santa Ana de Velasco.Mein Mann und ich kamen hierher, weildas Land hier fruchtbarer ist. Es hat unshier von Anfang an gut gefallen. Damalswar Padre Reinaldo Pfarrer, der hat michdazu ermutigt. Es gab hier nur einenLíder, der brauchte Unterstützung. Jesushat ja auch seine Jünger immer zu zweitausgesandt, wie wir im Kurs gelernthaben. Einer allein verliert leicht denMut. Ich spürte also die Notwendigkeit,aber auch so etwas wie eine Berufung.Schon in meiner Jugend war ich in einerJugendgruppe engagiert. Zusammen mit»Moises«, so heißt mein Kollege, habeich dann angepackt. Die ersten Male, alsich einen Gottesdienst halten und vorden Leuten sprechen sollte, war ich soaufgeregt, dass mir die Stimme versagteund ich weinen musste. Ich betete zumHerrn, dass er mir die Angst nehme.Mittlerweile fühle ich mich aber sicherund es macht mir richtig Spaß, vor denLeuten zu sprechen. Dabei helfen dieKurse viel, die die Pfarrei zusammen mitMauro, dem hauptamtlichen Katechisten,veranstaltet.Dann sind Sie schon neun JahreLíderin. Worin bestehen Ihre Aufgaben?Was freut Sie am meisten?Was ist eher schwer?A. Crispin: Zunächst heißt es, Sonntagfür Sonntag einen einfachen Gottesdienstoder zumindest ein Gebet vorzubereiten.Dann das Fest zum Patrozinium »SantoAgustina Crispin im Gespräch mit Pfarrer Robert Hof: »Mit dem Besuch der Ordensschwestern sind wirsehr zufrieden. Sie kommen alle 14 Tage und machen mit uns Handarbeiten, schauen nach der Gesundheitunserer Kinder und lehren uns viele wichtige Dinge in Sachen Ernährung.«Tomas«. Ich bereite die Leute auf dieSakramente vor, unterrichte die Kinderund Jugendlichen im Glauben, so gut ichkann, besuche die Kranken und Alten,schaue nach denen, die besonders bedürftigsind, versuche Frieden in der Gemeindezu schaffen, Streit und Spaltungen zuüberwinden.Die größte Sorge bereiten uns dieSekten, die immer wieder auftauchen,derzeit sind es Zeugen Jehovas. Vor Jahrenhat sich unser Dorf wegen einer Sektetotal gespalten. Immer mehr liefen zu den» hermanos evangelicos« über, die einenPastor vor Ort hatten. Am Ende hießunser Dorf »Palestina«, der Name ist unsbis heute geblieben. Ursprünglich hießenwir »Soriocó«, benannt nach einem Baum,der hier wächst. Eigentlich sollten wir uns»Santo Tomas« nennen, so heißt unserPatron.Was macht eine Frau als Líderinanders als ein Mann?A. Crispin: Im Prinzip machen wir dasGleiche. Vielleicht kann sich eine Frauetwas besser in die Kranken und Alteneinfühlen. Aber das Dorf hört mehr aufeinen männlichen Líder. Einer Frau folgensie nicht so leicht, finde ich.Was wünschen Sie sich seitens derPadres und der Schwestern?A. Crispin: Mit dem Besuch der Ordensschwesternsind wir sehr zufrieden. Siekommen alle 14 Tage und machen mituns Handarbeiten, schauen nach derGesundheit unserer Kinder und lehren unsviele wichtige Dinge in Sachen Ernährungund Hygiene. Es ist halt schade, dass diePadres so selten vorbeikommen können.Wenn doch wenigstens an einem Sonntagim Monat ein Priester vorbeikommenkönnte, um mit uns die Messe zu feiernund eine richtige Predigt zu halten. Daswäre schön. Uns fehlt außerdem ein Versammlungsraum,in dem sich die Frauenmit den Schwestern treffen können, umzu arbeiten.Vielen Dank, Doña Agustina, fürdieses Gespräch. Viel Mut und GottesSegen für Ihre Aufgabe! Ihr Zeugnisals engagierte Frau macht auch unsMut in der Kirche Deutschlands.A. Crispin: Danke, Padre Roberto. Gerngeschehen. Grüßen Sie Ihre Landsleutein Deutschland. Jetzt muss ich Ihnenaber noch unbedingt die Schäden an derKapelle zeigen, die kaputten Fenster, dieStellen, durch die es hereintropft, denBalken, der fault, ...Agustina CrispinAgustina Crispin ist seit neun Jahren Gemeindeleiterinin Palestina, Bolivien.Das Gespräch führte Pfarrer Robert Hof.Robert Hof ist seit 2008 Missionar in SantaCruz, Bolivien.19


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblich»Geschenk des Glaubens«Als deutsche Pastoralreferentin in BolivienTreffen einer Frauengruppe: Die bolivianischen Gruppenleiterinnen warten nicht mehr allein auf Weisungen der (weißen) Missionare; ihrer Möglichkeiten und ihrerVerantwortung bewusst, treffen sie selbst Entscheidungen.Ursula Knauer ist Pastoralreferentinder Diözese Mainz und seit 15 Jahrenin Bolivien tätig. Vor einigen Jahrenhat sie im Vikariat Ñuflo de Chávezdie Leitung der Frauenarbeit in derDiözesan-Caritas übernommen. PaterLeopold Scheifele hat einige Passagenaus ihren Berichten zusammengestellt,mit denen sie im Mensajero, demRundbrief des Vika riates, regelmäßigihre Arbeit beschreibt. Der Text machtdeutlich, was sie als Fidei Donum(»Geschenk des Glaubens«) in Boliviengibt und gewinnt.ProduktionsgruppenJuli 2009Auf zwei Verkaufsausstellungen fandendie Handarbeitsprodukte unserer Frauenguten Absatz und das gab ihnen allen einenMotivationsschub. Nun konzentriert sichihre Arbeit auf die Vorbereitung der großen,internationalen Verkaufsausstellung inSanta Cruz im September, wozu sie auchschon Unterstützung bei ihren jeweiligenStadtverwaltungen beantragt haben. Ichfreue mich, wenn ich sehe, wie sie langsamSelbstvertrauen gewinnen und bei denzuständigen Behörden ihre Interessenvertreten lernen.Mai 2010Das Frauenprojekt mausert sich und wirdzu einem Vorzeigeprojekt in dem Maße, indem die Frauen immer schönere und besserverarbeitete Produkte herstellen und ihreInteressen immer selbstbewusster vertreten.Dazu tragen unsere regelmäßigen Treffenmit den einzelnen Gruppen bei, aber auchdie Bewusstseinsbildung, die die Frauenmittlerweile selber übernehmen.Anfang Mai war in Santa Cruzeine internationale Messe namens»Aus stellung für die Frau«, mit Mode,Accessoires, Kosmetik und Haushaltsartikeln.Aufgrund unseres mittlerweilefreundschaftlichen Kontaktes zu derMode designerin Ingrid Hölters unddank ihrer Vermittlung konnten wir fürunsere Frauen einen kostenlosen Standin einer der Messehallen bekommen.Dort lernten die Frauen unter professionellerAnleitung, wie man Produktewirksam präsentiert und verkauft.Eigenständige LeitungFebruar 2009Fast lässt mir die Ausbildung vonbolivianischen Gruppenleiterinnen keineZeit mehr zur unmittelbaren Begegnungmit den Frauen auf dem Lande. Aberauf der anderen Seite ist es besser, wenndie Menschen hier überwiegend mit20


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010boli vianischen Mitarbeitenden zusammenkommen,weil sie sonst nur schwer ausihrer durch Jahrhunderte der Missionierungangelernten Haltung herausfinden:Für alles ist der weiße Pater oder dieweiße Schwester da!Manchmal, wenn ich bei den Treffenunserer Frauengruppen dabei bin, merkeich dies noch deutlich: Alle Frauen wartenimmer auf meine Meinung, auf meineVorschläge, um dann der Einfachheithalber zuzustimmen.Dieses Verhalten ist auf der einenSeite Ausdruck ihres Respekts, aber aufder anderen Seite auch simple Bequemlichkeit,weil sie dadurch nicht selbernachdenken oder tätig werden müssen. Sobin ich froh, dass meine Mitarbeiterinnenin diesem Punkt sehr konsequent sind undein solches Verhalten bei den Frauen nichtmehr durchgehen lassen.Die Frauen haben auf diese Weiseschon gelernt, Verantwortung zu übernehmenund sich selbst zu organisieren,wenn sie auf eine Verkaufsausstellunggehen wollen. Am Anfang war es fastunmöglich, für ihre Kunsthandwerk-Vereinigung ein Leitungsteam zu erstellen keine wollte gewählt werden! Aber nachund nach haben sie sich an den Gedankengewöhnt, dass in Zukunft niemand für siesorgt, wenn sie ihre Interessen nicht selbstin die Hand nehmen.Unentgeltlich zur Verfügung gestellter Verkaufsstandbei der Messe in Santa Cruz: Die Frauenbieten Mode, Accessoires und Haushaltsartikelan, die sie selbst hergestellt haben.Vorzeigeprojekt Handarbeitsgruppe: Die Frauen stellen immer schönere und besser verarbeiteteProdukte her und vertreten ihre Interessen inzwischen selbstbewusster als früher.RadioprogrammAdvent 2009Die Frauen der Gruppe in San Ramónhaben nach anfänglichem Zögern undZaudern eine ungewohnte Tätigkeitentfaltet: sie gestalten ein eigenes»Frauen programm« im örtlichen Radio.Aber die Frauen mussten erst himmelhoheHürden von Scheu und Unsicherheitüberwinden, bevor sich letzteWoche die ersten beiden »Tapferen«ans Mikrofon trauten. Aber alles liefso prima, dass auch die anderen Mutfassten und sich der ungewohntenErfahrung stellen wollen. Für unsereArbeit ist das ein riesiger Erfolg. Denndiese Frauen treten mutig aus ihrembisherigen Rollenverständnis herausund erobern neue Bereiche.März 2010Unsere Frauen haben sich in SachenRadioprogramm hervorragend entwickelt;zwei von ihnen haben sichsogar als regelrechte Moderationstalenteentpuppt, die mittlerweile ihrFrauenprogramm »Mi voz se escucha«(»Meine Stimme wird gehört«) souverändurchführen. So haben sie in den letztenFolgen nacheinander die örtlichen Kandi ­daten für das Bürgermeisteramt im Radiolive zu ihren Wahlprogrammen befragt.In diesem Monat März werdenwir auch zusammen mit den Vertreternder örtlichen Bürgerkomitees eine ArtP odiumsdiskussion mit den Spitzenkandidatender Kommunalwahl organisieren,die auch im Radio übertragenwerden soll.Gedanken zum AdventNovember 2010Dass wir jetzt Advent feiern, ist wohlden wenigsten auf dem Land in Bolivienbewusst. Für die Menschen hier ist nunvor allem Ferien-Regen-Sommerzeit, mankann die etwas längeren Tage auf demFeld gut nutzen, und die Kinder sindwillkommene Helfer in Haus und Feld.Mit meinen Mitarbeiterinnen versuchenwir natürlich, den Frauen etwasvom Sinn des Advents zu vermitteln,aber ich habe oft den Eindruck, dass dieseVersuche nicht viel fruchten. Die Leuteverstehen den Sinn von Weihnachtenals Geburtstag des göttlichen Kindes, dasunser Retter wurde. Aber der Advent mitall der Symbolik, wie wir ihn in Europakennen, bleibt ihnen fremd. Woherauch die Tannenzweige nehmen, die imdeutschen Winter mit ihrem frischenGrün den Sieg der Hoffnung und desLebens symbolisieren? Was sollen Kerzenbei Temperaturen, die das Wachs zumSchmelzen bringen?In Bolivien wäre der Dezembervom Wetter her die geeignete Jahreszeit,um Ostern zu feiern: die Rückkehr der»Grünkraft«, wie Hildegard von Bingenes nannte, das Ende der Trockenzeit unddie Explosion von Leben und Grün inallen Schattierungen ...Ursula KnauerUrsula Knauer ist Pastoralreferentin des BistumsMainz und seit 15 Jahren als Seelsorgerin inBolivien tätig.Zusammenstellung des Textes:P. Leopold Scheifele ofm21


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblich»Agentinnen des Wandels«Interview mit Seelsorgeamtsleiterin Dr. Daniela EngelhardDaniela Engelhard ist seit 2002 Seelsorgeamtsleiterinim Bistum Osnabrück.Im folgenden Gespräch gibt sie Auskunftdarüber, wie eine Frau zu diesemAmt kommt und was ihr in der Kirchewichtig ist.22Frau Dr. Engelhard, wie sind Sie alsFrau zu Ihrer Stelle als Seelsorgeamtsleiteringekommen?Dr. Engelhard: Als vor neun Jahren meinVorgänger aus dem Amt schied, wolltedas Bistum Osnabrück erstmalig eine Frau möglichst eine promovierte Pastoralreferentin in der Leitung des Seelsorgeamteseinsetzen. Offensichtlich passte ich aufdas Profil mit pastoraler Ausbildung, theologischerPromotion, kirchlicher Sendungund Berufserfahrung.Was würden Sie als Ihre große Stärkebetrachten, die Sie einbringen?Dr. Engelhard: Als Frau mit Beruf undFamilie teile ich viele Lebenssituationenund -erfahrungen mit Zeitgenossen. Es istmir wichtig, diesen Blick von der Lebenssituationder Menschen her in die Arbeiteiner Bistumsleitung einzubringen wie auchumgekehrt: Brücken zu schlagen zwischenden Anliegen der Kirche und den Lebensweltender Menschen.Würden Sie der Definition zustimmen,dass die katholische Kirche eineGemeinschaft von Frauen ist, die vonMännern geleitet wird?Dr. Engelhard: Ohne die Treue und dasvielfach ehrenamtliche Engagement derFrauen würde die pastorale Arbeit vorOrt zusammenbrechen. Dagegen sind dieLeitungs ebenen fast ausschließlich männlichbesetzt. Dies ist ein Missverhältnis,das dringend der Veränderung bedarf.Beim Ökumenischen Kirchentagin München haben Sie am Podium»Frauen und Macht Ermächtigung Frauen mit Macht« teilgenommen.Wie sehen Sie das Verhältnis vonFrauen und Macht, insbesonderein der katholischen Kirche?Dr. Engelhard: Macht wird in der Kirchevielfach ausgeübt, aber kaum ausdrücklichErmächtigung für Frauen: Daniela Engelhard und Margot Käßmann beim Ökumenischen Kirchentag in Münchenthematisiert. Ein viel bewussterer undsensiblerer Umgang mit Macht gehörtzur Aufarbeitung der gegenwärtigenVertrauenskrise. Für einen tiefgreifendenkirchlichen Erneuerungsprozess ist diekatholische Kirche auf die Erfahrung,Kompetenz und Mitentscheidung vonFrauen angewiesen. Frauen sind zuermächtigen. Sie können in vielenkirchlichen Bereichen, zum Beispiel imCaritasverband, Bildungsbereich oder inden bischöflichen Verwaltungen auchohne Weihe Leitungsstellen wahrnehmen.Das ehrenamtliche Engage ment vielerFrauen und Männer sollte noch ausdrücklicherkirchlich bestätigt und anerkanntwerden.Sie haben sich selbst bei dieserPodiumsveranstaltung als »Agentindes Wandels« bezeichnet. Für welchenWandel setzen Sie sich ein?Dr. Engelhard: Frauen können auf vielenEbenen »Agentinnen des Wandels« sein.Dies war meine Botschaft auf dem Kirchentag.Ich setze mich zum Beispiel dafür ein,dass die katholische Kirche auch in derÖffentlichkeit ein weiblicheres Gesichterhält und nicht nur durch männlicheAmtsträger repräsentiert wird. In derVerkündigung sind alle Möglichkeitenauszuschöpfen, dass das Glaubenszeugnisvon Frauen stärker zu Gehör kommt.Ebenfalls setze ich mich im Rahmen meinerMöglichkeiten dafür ein, dass gut qualifizierteFrauen entsprechende Chancen beiStellenbesetzungen haben.Von der Deutschen Bischofskonferenzwird für Frauen in mittleren und höherenPositionen ein Kurs »Führen und Leiten«angeboten, an dem Sie mitarbeiten. KönnenSie die Zielrichtung kurz vorstellen?Dr. Engelhard: Frauen, die kirchlicheFührungs positionen übernehmen können,fallen nicht vom Himmel hierzu geeigneteMänner übrigens auch nicht. Der Weiterbildungskurs,der maßgeblich von der Arbeitsstellefür Frauenseelsorge der DeutschenBischofskonferenz entwickelt wurde, vermitteltFrauen wichtige Führungskompetenzenfür den kirchlichen Bereich. Grundlagen sindsowohl Erkenntnisse aus dem Managementbereichwie auch Ressourcen aus der geistlichspirituellenTradition des Christentums.Sie sind für die Einführung des» Diakonats der Frau«. Was erhoffenSie sich davon?Dr. Engelhard: Der Diakonat würde durchdie Öffnung für Frauen sicher noch reicher,authentischer und fruchtbarer. Es sind jaüberwiegend Frauen, die sich in diakonischenFeldern engagieren. Ihr Einsatz alsDienst an Brüdern und Schwestern aus einerchristlichen Motivation hat vielfach aucheine sakramentale Dimension. Dies kirchlichanzuerkennen durch den Diakonat für Frauenwäre wichtig.Dr. Daniela EngelhardDaniela Engelhard ist Theologin und seit 2002Seelsorgeamtsleiterin des Bistums Osnabrück.Das Gespräch führte RedaktionsmitgliedBruder Stefan Federbusch ofm.


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010Wege aus der ArmutSelbsthilfegruppen in Indien vergeben MikrokrediteSelbsthilfegruppe in Maharashtra: Die Frauen treffen ihre Entscheidungen gemeinsam.Armut und Arbeitslosigkeit sind diegrößten Probleme der indischen Landbevölkerung.Rund ein Viertel der Menschenlebt unterhalb der Armutsgrenze.Die durchschnittliche Arbeitslosenrateliegt insgesamt bei 7 %, die der Frauenbei 8,5 %. Insbesondere die Frauen sindzunehmend von Arbeitslosigkeit betroffen.Selbsthilfegruppen, die Mikrokredite zugünstigen Konditionen vergeben, leisteneinen wichtigen Beitrag im Kampf dieserFrauen gegen die Armut.Die Mitglieder der Selbsthilfegruppenkommen regelmäßig zusammen.Bei ihren Treffen steuern sie jeweilsihren Teil zu einem gemeinsamenFonds bei. Aus diesem Fonds werdendann zu sehr günstigen KonditionenKredite an Teilnehmerinnen derGruppe vergeben, wenn sie in einkleines eigenes Geschäft investierenmöchten oder wenn sie in einepersönliche Notlage geraten.Aus eigener Kraft ...Die in kleinen, überschaubarenEinheiten organisierten Selbsthilfegruppensind geprägt durch einenGeist der Gleichheit und des demokratischenUmgangs miteinander. DieFrauen treffen die Entscheidungengemeinsam und sind gleichzeitigNutznießerinnen in wirtschaftlicher,sozialer und kultureller Hinsicht.Partnerschaftlich überwachen sie dieRückzahlung der Kredite. Sie stärkensich gegenseitig und sorgen für denErwerb der für das wirtschaftlicheFortkommen nötigen Fachkenntnis.... zur UnternehmerinEs ist einfacher für die Frauen, alsGruppe ein günstiges Darlehen vonder Bank zu erhalten, als einzeln.Die Zinsen für die Mikrokreditesind niedrig, die Laufzeit ist lang.Die Gruppe entscheidet über diemaximale Höhe der Beträge, diesie verleiht. Auch die Höchstbeträgebewegen sich stets in einem Rahmen,der es den Frauen problemlos ermöglicht,das Geld pünktlich zurückzuzahlen.Die Mitglieder einigerSelbsthilfegruppen haben inzwischengemeinsam ein kleines wirtschaftlichesUnternehmen aufgebaut undsind nun in der Baumwollverarbeitungoder in der Herstellung vonNahrungsmitteln tätig.Anto ThomasAnto Thomas ist Mitarbeiter der gemeinnützigenOrganisation »Social Justice toAssist Society« (SJAS). SJAS unterstützt vorallem Selbsthilfegruppen, die Mikrokreditean Frauen im indischen Bundesstaat Maharashtravergeben und so zur Verbesserungihrer wirtschaftlichen Lage beitragen.23


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblich»Wir haben Frischfleisch«Frauenschicksale im Nordosten BrasiliensDie Lebensbedingungen der Menschenim Nordosten Brasiliens sind schwierig.Durch ausbleibenden Niederschlag, selbstin der Regenzeit, ist die Produktion derLandbevölkerung in diesem Jahr um 80 %eingebrochen. Allein im Bundesstaat Piauíist in 132 Städten der Notstand ausgerufenworden. Die Bevölkerung muss durchNahrungsmittelhilfe und mit Wasserwagenversorgt werden.Besonders schlecht ist die Lage derFrauen. 40 % von ihnen leiden anBlutarmut, weil sie das bisschen, wasder Familie zu essen bleibt, zunächstihren Kindern geben. Die Mütterbegnügen sich mit dem, was dannnoch übrig bleibt zu wenig für einegesunde Ernährung. Es gibt Menschen,die aus dieser Not noch Profit schlagen:Menschenhändler, die Frauen undjunge Mädchen an Bordelle in Europaverkaufen. Die Länder, in denen diemeisten dieser Frauen enden, sindItalien, die Schweiz, Deutschland,Portugal, Spanien und die arabischenStaaten. Meistens wird ihnen von ihremZuhälter der Pass abgenommen, sodasssie nicht fliehen und in ihre Heimatzurück kehren können. Das Schlimmsteist das Schweigen angesichts der Notdieser Frauen: sowohl in Brasilien alsauch in den Ländern, in denen dieseFrauen ihren Körper verkaufen müssen.Auch in Brasilien selbst nimmt dieGewalt gegen Frauen im Nordosten zu.Viele Männer glauben, dass eine Frauin ihren Besitz übergeht, sobald sie mitihr zusammen oder verheiratet sind.Die Frauen werden dazu erzogen, dieshinzunehmen. Die Gewaltrate gegenFrauen und junge Mädchen in Piauí istalarmierend. Dabei finden die Übergriffein aller Öffentlichkeit statt. In vielenFreudenvierteln werben die Häuser mitgroßen Schildern: »Wir haben Frischfleisch«.Gemeint ist: In diesem Bordellwerden Mädchen angeboten, die nochkeinen sexuellen Kontakt gehabt haben.Über die Seele und das weitere Lebendieser Mädchen macht sich anscheinendniemand Gedanken.Obst und Gemüse aus dem eigenen Anbau führt zur besseren Ernährung in den Familien derWäscherinnen und stellt eine zusätzliche Erwerbsquelle dar.Ausweg aus dem ElendViele Frauen im Nordosten Brasilienssehen keinen anderen Ausweg ausihrem Elend als die Prostitution. Siehaben keine Ausbildung und keinenBeruf, oft können sie nicht einmal lesenund schreiben. Wenn sie überhaupt eineArbeit finden, dann als Tagelöhnerinnen,Hausmädchen oder Wäscherinnen.Hier möchte ich gerne das Leben einerGruppe von Frauen beschreiben, die esgeschafft haben, gemeinsam ihre ArbeitsundLebensbedingungen zu verbessern.Füße im Wasser, Kopf in der SonneJeden Tag trafen sich die Wäscherinnenvon Teresina, der Hauptstadt desBundesstaates Piauí, zum Wäschewaschenam Fluss Potí. Mit den Füßenim eiskalten Wasser und mit dem Kopfin der brennenden Sonne reinigten siedie Wäsche anderer Leute, von morgensbis abends, sieben Tage die Woche,Sonn- und Feiertage eingeschlossen. DasGeld, das sie mit dieser harten Arbeitverdienten, reichte trotzdem kaum zumÜberleben. Nach langem und hartemRingen mit den Behörden richtete derStaat Piauí schließlich eine Wäschereifür 60 Frauen ein, in der sie wenigstensein Dach über dem Kopf hatten und mitden Füßen im Trockenen standen. Dieübrigen Arbeitsbedingungen erinnertenaber weiter an Sklaverei. Ohne freie Zeitund festen Lohn war es für die meistalleinerziehenden Mütter schwierig bisunmöglich, beides zu leisten: sich sowohlum ihre Kinder zu kümmern als auchden notwendigen Lebensunterhalt zuverdienen. Die Franziskanerinnen undFranziskaner in Teresina sahen die Notder Frauen und bauten eine bis heutewährende Partnerschaft mit ihnen auf.Zunächst sensibilisierten sie die Frauendurch bewusstseinsbildende Treffen fürdie Problematik ihrer Lage. Diese trafenbald darauf selbst die ersten Maßnahmenzur Verbesserung ihrer Arbeits bedingungen.Zunächst führten sie eineListe mit festen Preisen für bestimmteKleidungsstücke ein. Ein Hemd oderKleid, das hier gewaschen wurde, sollte24


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010genauso viel kosten, wie an anderenOrten in Piauí auch. Die Liste sollte stetsaktualisiert werden. Wenn in anderenTeilen von Piauí die Wäschepreise stiegen,sollten sie auch in der Wäscherei vonTeresina angehoben werden. Durch diesekleine erste Maßnahme verbesserten sichdie Lebensbedingungen der Frauen bereitsspürbar. Sie verdienten in weniger Zeitmehr, konnten die Sonn- und Feiertage mitihren Kindern verbringen, sodass sich auchdie Atmosphäre in der Familie entspannte.Neues SelbstbewusstseinDurch die Anerkennung ihrer Arbeitentwickelten die Frauen ein gesundesSelbstbewusstsein und waren stolz aufdas, was sie geleistet hatten. Eine vonihnen, Dona Dasdores, kam eines Tageszu mir und sagte: »Ich bin jetzt 53 Jahrealt und hatte nie ein Haus. Jetzt baue ichmir eins. Die Wände stehen schon, unddie Decke ist auch schon gezogen. Alles,was ich hierfür benötigte, habe ich mirim Schweiße meines Angesichts selbsterarbeitet. Meine Arbeit in der Wäschereiist unsere Lebensversicherung. Sie hatmir dieses Haus ermöglicht, in dem ichjetzt mit meinem Sohn und seiner Familielebe.«Bedrohung durch DrogenWie im Fall von Dona Dasdores müssendie Wäscherinnen meistens nicht nur fürsich selbst sorgen, sondern auch für ihreerwachsenen Kinder und deren ganzeFamilie. Dies stellt nicht nur eine enormefinanzielle Belastung für die Mütter dar. Oftgesellen sich noch Sorgen ganz anderer Artdazu. Ohne Beschäftigung und Perspektivenwerden ihre Kinder leichte Beutevon Drogendealern. So manche Mutterhat schon ihren bescheidenen Besitz biszum letzten Stuhl dadurch verloren, dassder Sohn seine Drogenschulden damitbeglichen hat. Ein solcher Fall stürzt diegesamte Familie von der Großmutter biszum Enkel in den finanziellen Ruin undin ständige Angst. Denn wer einmal in dieHände krimineller Gangs geraten ist, ist vorihnen niemals mehr sicher.Alles muss erkämpft werdenSituationen wie diese erfordern einestarke Gemeinschaft, in der die Frauensich gegenseitig stützen und stärken. DieWäscherinnen von Teresina bilden einesolche starke Gemeinschaft. Noch immerfällt ihnen nichts in den Schoß. Um allesmüssen sie kämpfen. Aber mit Rückendeckungdurch die Franziskanerinnenund Franziskaner machen sie trotz allerSchwierigkeiten immer wieder das (fast)Unmögliche möglich. Erst kürzlich habensie sich zusätzlich zur Wäscherei einenGarten erstritten, in dem sie nun sowohlfür den Eigenbedarf als auch für den VerkaufObst und Gemüse anbauen.Nach jahrelangem Kampf mit denörtlichen Autoritäten haben sie Anfangdes Jahres außerdem die Renovierungund Erweiterung der Wäscherei durchgesetzt.Vier Fünftel der Arbeiten warenbis Ostern fertiggestellt, doch seitdem liegtdie Baustelle brach. Nachdem der Staatden Arbeitern ihren versprochenen Lohnnicht gezahlt hat, sind diese erst einmalbis auf Weiteres in den Streik getreten …Die Dinge ändern sich nur langsamzum Guten im Nordosten Brasiliens.Aber sie ändern sich.Sr. Arli Sousa Nojosa CICAFSchwester Arli ist franziskanische Katechetenschwester in Teresina, der Hauptstadt des nordostbrasilianischenBundesstaates Piauí. Sie leitet dasWäscherinnenprojekt und den neuen Gemeinschaftsgartender Frauen. Außerdem holt sie Kinderaus sozial schwachen Familien von der Straße undbegleitet sie in ihrer Freizeit.Die Frauen freuen sich über geregelte Arbeitszeit, festen Lohn und einen geschützten Arbeitsplatz: Sr. Arli (im roten T-Shirt) mit den Wäscherinnen aus Teresina25


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblich»Pastoral da Criança«Ganzheitliche Sorge für KleinkinderDie ganzheitliche Sorge für Kleinkinder hatin Brasilien seit 25 Jahren einen Namen:»Pastoral da Criança«. Die Zielgruppebesteht natürlich aus KINDERN. Dazugehören Kin der im Mutterleib, Säuglinge,Kleinkinder bis sechs Jahre. Und werbetreut sie? Mütter und Väter, hauptsächlichnatürlich die Mütter. Und werist engagiert in der Pastoral des Kindes?Frauen, Frauen, Frauen und ... Männer.UNICEF hatte durch jahrelange Untersuchungenin ärmsten Ländern Afrikasund Asiens fünf Punkte ausgearbeitet,die die Kindersterblichkeit wesentlichherabsetzen und die Gesundheit derKleinkinder fördern sollten:1. Ernährung nur durch Muttermilch,möglichst bis zum 6. Monat2. Schutzimpfungen3. Durchfallbekämpfung4. monatliche Gewichtskontrolle undgezielte Ernährung5. genügend Abstand zwischen deneinzelnen Geburten26Diese fünf Punkte sollten voneinfachen Leuten umgesetzt werdenkönnen und mit relativ geringemKostenaufwand verbunden sein. Aufeinem internationalen Kongress überBevölkerungspolitik in der Schweizwurde 1982 dieses Programm vorgestellt.Der Präsident von UNICEFwandte sich an den anwesendenKardinal von São Paulo, Dom PauloEvaristo Arns und fragte an, ob sichdie katholische Kirche in Brasilienhier nicht engagieren könne. Diesergewann seine jüngere Schwester,Dr. Zilda Arns-Neumann für die Idee,eine vitale Frau um die 50, Witwe,Mutter von drei Jugendlichen, Ärztinund Mitarbeiterin im Gesundheits-Sekretariat ihres Bundesstaats Paraná.Ein erstes Pionierprojekt organisierteDr. Zilda 1983 in Florestópolis miteinigen begeisterten professionellenMitstreiterinnen und vielen einfachenFrauen aus dem Volk. Mit Erfolg: DieKindersterblichkeit ging zurück, dieLebensqualität der Kleinen wuchs,ihre armen Eltern machten mit.Pastoral da Criança im nordostbrasilianischen Teresina: monatliche Gewichtskontrolle für Kleinkinder»Pastoral da Criança«Dr. Zilda erfand auch den Namen fürdieses Projekt: Pastoral da Criança Pastoral des Kindes. Die Ärztin war derfesten Überzeugung, dass dieser Einsatzein Akt der Seelsorge war obwohl diesesWort bis dahin dem Dienst der Priestervorbehalten war. In Anlehnung an dasHerrenwort Joh 10,10 versah sie zusammenmit ihren Mitarbeiterinnen ihrenEinsatz nach dem Motto: Ich bin gekommen,damit alle Kinder Leben haben,und zwar Leben in Fülle. Sie organisierte,reiste, regte an, ermunterte, sprach vor beiBehörden eine zielstrebige, kompetente,unermüdliche Vorkämpferin für dieLebensqualität von Kindern.Als ich sie zufällig bei einemCafezinho, einem »Tässchen Kaffee«,in unserem Pfarrkloster in São Luiskennenlernte, erzählte sie mir vonihrer Arbeit. Kurz darauf stellte sieetwa 200 Frauen aus unserer Pfarreiin einem fast dreistündigen Vortrag dieIdee vor. Ihre freundliche, bestimmte,konkrete Art begeisterte. Wir startetendas Projekt in Vila Conceição, einemrelativ kleinen Viertel unserer Gemeindemit etwa 2.000 Einwohner innen undEinwohnern.


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010Frauen aus dem Volk als LeiterinnenMehrfach schon wurde das Wort von den»einfachen Frauen« gebraucht. Das istdas Geheimnis des Erfolges der Pastoralda Criança einfache Frauen für diesenDienst zu gewinnen und sie zur ständigenMitarbeit zu motivieren. Sie werden zuLíderes, das heißt »Leiterinnen«, geschultund übernehmen freiwillig die Sorge undBegleitung für 10 bis 20 Kleinkinder inihrer Nachbarschaft, zusammen mit denMüttern dieser Kinder.In Vila Conceição begann diese Schulungim Januar 1985 mit einer soziologischenErhebung. Die Frauen selbst gingenin ihrem Viertel von Haus zu Haus, stelltenFragen und füllten Formulare aus. Das istleicht gesagt: Und wer nicht schreibenkonnte? Der- bzw. diejenige nahm sichden Sohn oder die Tochter als »Sekretär«oder »Sekretärin« mit. Keine der Lídereshatte praktische Erfahrung, keine hattemehr als höchstens vier Jahre Schulbildung.Aber man wollte, man setzte sich ein,man machte das Beste daraus. Die Frauenlernten bei der Umfrage ihr Viertel besserkennen: ein Armenviertel mit Lehmhüttenohne fließendes Wasser, ohne sanitäreAn lagen, aber mit Hunger, Elend undGewalt. Das Ergebnis der Erhebung wargenau und vertrauenswürdig. Und wennsich einmal ein Ehemann über das Herumlaufenseiner Frau in der Nachbarschaftbeschwerte, überzeugten die Kolleginnenihn davon, wie wichtig diese Arbeit sei …Im April 1985 wurden die ersten23 Frauen zu Líderes ausgebildet. DieSchulungen öffneten den Frauen neueWelten. Viel Neues mussten sie lernen.Da waren zum Beispiel die Impfungenund ihre vielen Namen: Welche wofür?Wann? Wie? Und vor allem: Wo konntendie Kinder geimpft werden? Es gabkeine einzige Stelle dazu in der Nähe ... und das in São Luis, der Hauptstadtdes Bundesstaates Maranhão!Erste ErfolgeIm Juni 1985 begann die Praxis. 379 Mädchenund Jungen unter fünf Jahren wurdenzum ersten Mal gewogen. Die Ergebnissemussten in eine Grafik eingetragen werden,um zu sehen, ob die Kleinen auf dem »Wegder Gesundheit« waren. Leicht gesagt, aberbis das alle erst einmal hinbekamen ...Und wie reagierten die Mütter, vorallem die, deren Kind krank war? Vielewollten zunächst nichts von dem Projektwissen. »Was weißt Du denn schon?Du bist doch auch keine Kinderärztin«,Austausch von Erinnerungen: Dr. Zilda Arns-Neumann ( 2010) und Pater Erich Löher, die die Kinderpastoral in São Luísgemeinsam ins Leben gerufen haben, beim 25-jährigen Jubiläum der Initiative in den Bundesstaaten Maranhão und Piauí.hieß es. Aber die Líderes ließen nichtlocker: Sie waren darauf vorbereitetund hatten durch den Zusammenhalt inihrer Gruppe ein gutes Selbstvertrauengewonnen. Sie waren überzeugt, dasssie eine wichtige pastorale Sendunghatten. Bald gewannen sie das Vertrauender Eltern durch die Behandlung vonDurchfall und Austrocknung mit einereinfachen Salz-Zuckerlösung. Durchdieses einfache Mittel konnten sie dieHauptursache der hohen Kindersterblichkeitausmerzen. Das größte Erfolgserlebnishatten sie, als im August 1985eine Mutter mit ihrem völlig ausgemergeltenKleinkind weinend aus demKrankenhaus kam, das die Ärzte aufgegebenund zum Sterben nach Hausegeschickt hatten. Den Líderes gelang es,dieses Kind zu retten. Das sprach sichschnell herum im Viertel.Entwicklung bis heute1985, zur Zeit der soziologischenErhebung, starben in Vila Conceiçãoallein im Januar noch vier Kinder untereinem Jahr an Austrocknung. In denMonaten darauf starb kein einzigesKleinkind mehr daran, weil die Líderesmit Liebe und Kompetenz über »ihreKinder« wachten. Durchfall gab es nachwie vor das war bei den hygienischenVerhältnissen unvermeidlich. Abersterben mussten die Kinder darannicht mehr!Bald gab es rund 150 Líderes in dergesamten Pfarrei, Frauen aus dem Volk,Frauen von nebenan, die von den fast2.000 Kleinkindern in ihrer Nachbarschaftsagten: »Meinen Kindern gehtes gut; mein Antônio hatte Durchfall,meine Raimundinha hat nur Muttermilchbekommen; mein Júlio hat in diesemMonat zugenommen ...«Und die Männer? Sie wirkten beider Pastoral da Criança im Hintergrund,ganz im Hintergrund. Im Team unsererFranziskanergemeinde, der Glória inSão Luis, war ich verantwortlich für dasProjekt. Ich habe unsere Frauen begleitet,die Leitung aber hatten sie.Das ist bis heute so geblieben.Vieles ist durch die Pastoral da Criançawesentlich besser geworden, die Kindersterblichkeitist stark zurückgegangen.Trotzdem werden heute wesentlichweniger Kinder begleitet. Warum? Weiles inzwischen auch in Brasilien wenigerKinder gibt. Im Jahr 1970 hatte jedeFrau in Brasilien noch durchschnittlich5,8 Kinder heute sind es nur noch 1,8.Und trotzdem: Die Pastoral da Criançalebt weiter, auch wenn ihre Begründerin,Dr. Zilda Arns-Neumann, inzwischengestorben ist. Sie kam bei dem Erdbebenin Haiti ums Leben, als sie dort denSamen für die Pastoral da Criança säte.P. Erich Löher ofmPater Erich gehört als deutscher Missionar zuder Franziskanerprovinz Bacabal im NordostenBrasiliens. Zusammen mit der Ärztin Dr. ZildaArns-Neumann hat er im Jahr 1985 die Pastoralda Criança in der Franziskanerpfarrei von SãoLuís ins Leben gerufen.27


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblich20 Jahre Kampf um BürgerrechteLandarbeiterinnen aus Piauí auf dem Weg zur GleichberechtigungFrauen des Landarbeiterinnenkollektivs »Coletivo das Mulheres Trabalhadoras Rurais« (CMTR) in PiauíVielen Frauen im armen NordostenBrasiliens geht es heute erheblichbesser als noch vor 20 Jahren. Das istim Bundes staat Piauí außer der globalenFrauenrechts bewegung vor allem demLandfrauen kollektiv »Coletivo das MulheresTrabalhadoras Rurais« (CMTR) zu verdanken,das sich in den vergangenen beidenJahrzehnten wirkungsvoll für die Stärkungder Frauenrechte dort eingesetzt hat.Lange gehörten Frauen in dieserRegion, und unter ihnen vor allemdie Landarbeiterinnen, zu denMenschen im Lande, die besondersdiskriminiert wurden. Die Missachtungihrer Rechte fing in der eigenenFamilie an und erstreckte sich bisin weite Kreise der Gesellschaft.Die Frau war nach weit verbreiteterAnsicht »aufgrund ihrer biologischenVerfassung« dazu da, sich dem Mannunterzuordnen und sich um dieBelange des Haushalts zu kümmern.Alles, was darüber hinaus ging,musste sie sich erst einmal erkämpfen.Recht und WürdeDank des unermüdlichen Einsatzesdes Landfrauenkollektives sind dieRechte der Frauen in Piauí heuteweitgehend anerkannt. Es steht nichtmehr zur Debatte, dass auch Frauenein Recht auf Bildung und Gesundheitsversorgunghaben, dass sie unterwürdigen Bedingungen arbeiten undeinen gerechten Lohn für ihre Arbeiterhalten sollen. Zu den Errungenschaftender FrauenrechtsbewegungCMTR gehört auch, dass Fraueninzwischen über gesellschaftlichesund politisches Mitspracherechtverfügen.Dem Kollektiv geht es nicht nurdarum, dass die Frauen an materiellenGütern Anteil erhalten, die ihnen vonRechts wegen her zustehen. Es gehtder Bewegung auch um die Anerkennungder Frau als Rechtsperson. Diesist insofern wichtig, als zum Beispieldie häusliche Gewalt von Männerngegen ihre Frauen in Piauí immernoch sehr hoch ist. Was die Männerneben ihrer Ehe treiben, spielt keineRolle. Aber wenn die Frau in denAugen ihres Mannes auch nur in denVerdacht gerät, ihm untreu zu sein,muss sie mit Schlägen oder Schlimmeremrechnen. Der Kampf der Frauenum ihre Bürgerrechte hat dazugeführt, dass Gewalt gegen sie nunrechtlich verfolgt und bestraft wird auch dies war in der Vergangenheitkeine Selbstverständlichkeit.EntscheidungsträgerinnenDie Landfrauenbewegung stärktdas Selbstbewusstsein der Frauensowohl in ihrer Familie als auch inder Gesellschaft. Zuhause werden sieinzwischen eher in Entscheidungenmit einbezogen. Und durch dieAktivitäten des Kollektivs werdensie auch im außerhäuslichen Bereichmutiger und entschlossener.Die Frauen sind sich bewusst,dass sie noch längst nicht an ihremZiel angekommen sind, sonderndass sie zu Hause sowie in Politikund Gesellschaft oft noch nichtange messen geschätzt und geachtetwerden. Aber die ersten Schritteweg von der Diskriminierung hinzur Gleichberechtigung sind getan.Und viele weitere werden folgen.Sr. Lindalva Alves Cruz CICAFSchwester Lindalva ist franziskanischeKatechetenschwester. Sie hat in Soziologiepromoviert.28


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010FahrradkaufEine Glosse»Ich suche ein Trekking-Rad mit Stange«,sage ich zu dem Fahrradhändler. Als ermich herablassend anlächelt, weiß ich,ich hätte zu dem Fahrradhändler in derParallelstraße gehen sollen, aber jetzt istes zu blöd, zu sagen, »Danke, so wie siemich anlächeln, möchte ich lieber gehen.«Ach was, ich sollte einfach »Und tschüss«sagen, manchmal ist Höflichkeit was fürFeiglinge.»Ein Trekking-Rad also«, sagt er.»Eine Stange hat jedes Rad, müssen Siewissen«, sagt er und lacht. »Aber siehaben doch auch Damenräder«, sage ich,und er zwinkert mir zu. »Sie wollen soeine Querstange?« Er lacht wieder. »Nein,nein«, schüttelt er den Kopf, als hätte ichihn nach seiner Meinung gefragt. »Dakommen Sie doch mit einem langen Rockgar nicht drauf. Ich zeig Ihnen mal Räderfür Frauen.« Er sagt das so, als hätte erlieber gesagt: »Ich zeig Ihnen mal Räderfür Trottel.« »Gleich, mein Freund«, rufter dem Mann zu, der hinter mir denLaden betreten hat. Das ist vermutlichnicht wirklich sein Freund, sonderneinfach ein Mann. Einfach einer, demman nicht die Trottel-Räder zeigen muss.Das erste Fahrrad, das er mir zeigt, istrosa. »Das ist doch schön«, sagt er gönnerhaft.Ein rosa Hollandrad. Puha. »HabenSie das auch mit Glitzer?«, frage ich ihn.Einen Moment lang starren wir unsan. In Potsdam hat eine Autowerkstatteröffnet, in der nur Frauen arbeiten. Dakönnen Frauen hingehen und werdeneinfach wie Menschen behandelt. Sowas will ich auch für Fahrräder.»Nee«, sagt der Fahrradmann jetzt.»Mit Glitzer hab ich nicht.«»Hören Sie zu, Mann«, sage ich undwünschte, ich wäre riesig groß und riesigstark, dann würde ich den Fahrradmannjetzt vorn am Revers packen und an michranziehen so, dass er über dem Bodenbaumeln und ängstlich zu mir hochblickenmüsste. Leider ist aber der Fahrradmannriesig, und ich weiß auch nicht, ob ichihn wirklich so nah vor mir hängen habenwill. »Ich will ein Fahrrad«, sage ich, »ichwill kein rosa Puppenstubenspielzeug.Haben Sie ein Trekking-Rad mit Stangefür mich oder nicht?« Er zögert kurz undich kann plötzlich ganz schnell einenEntschluss fassen. »Und tschüss«, sage ichund drängle mich an dem Freund vomFahrradmann vorbei, mit dem der jetztsicher prima Fachgespräche führen kann.»Arbeiten Sie hier, junge Frau?«, fragtder alte Mann, der gerade sein Fahrradvor dem Laden abstellt. »Ich hab einenPlatten«, sagt er. »Und ich finde, in meinemAlter muss man so was nicht mehr selbermachen. Flickzeug hab ich, ist alles hier inmeinem Werkzeugtäschchen.« Er lächeltmich an, und ich lächle zurück. Ich sage:»Kein Problem«, und als ich fertig bin,»das geht aufs Haus«. Der alte Mannbedankt sich und fügt hinzu: »Sie machendas viel schneller als der Kollege, der hiersonst arbeitet.«Plötzlich muss ich dem Fahrradmanngar nicht mehr Löcher in die Reifen derausgestellten Fahrräder stechen. Stattdessenkaufe ich in der Parallelstraße einprima Trekking-Rad. Mit Querstange!Daniela BöhleDaniela Böhle ist freie Autorin in Berlin.29


Franziskaner Mission 4 | 2010 — Frauen Entwicklung ist weiblichKurznachricht zum Todestag von Bischof Bösl»Du hast eineChiquitano-Seele«Bischof Antonio Eduardo Bösl warIndigenen Vater und Bruder zugleichEine Rückblende über seinen Lebenswegvon Werner Schulz, Hirschau, (Neffe vonBischof Bösl).Am 13. Oktober 2010 jährte sich zumzehnten Mal der Todestag des bayerischenBischofs Antonio Eduardo Bösl, den seineHeimatgemeinde Hirschau mit einemFestgottesdienst und einer Gedenkfeierfestlich beging.Eduardo Bösl als junger Priester während seinerersten Zeit in Bolivien bei einer TaufeGerade zum Priester geweiht, ging Bösl1952 nach Bolivien, wo er als Missionarunter den Chiquitanos und Guarayos,Sirionos und Ayoreos wirkte. Segensreichwar er zunächst als Kaplan und Pfarrer in ElFortin Libertad, ab dem 1. April 1973 dannals bischöflicher Oberhirte der 90.000 km 2großen Urwalddiözese Ñuflo de Cháveztätig. Wie sehr die Indios ihren »MonseñorBols« (so sprachen die Indios seinen Namenaus) ins Herz geschlossen hatten und alseinen der ihren betrachteten, brachte 1998beim 25-jährigen Bischofsjubiläum eineIndianergruppe zum Ausdruck. »Tienes almachiquitana« »Du hast eine Chiquitano-Seele« stand auf dem Transparent, das sieihm überreichten. Eindrucksvoll bestätigtensie die Aussage von Erzbischof Julio Terrazas:»Bischof Bösl ist ein Mann des Volkes,und den Indios Vater und Bruder zugleich!«Die Wertschätzung kam nicht vonungefähr. Der Bau von Schulen, Lehrerwohnungen,Krankenstationen, Wegen,Brücken, Brunnen, Wasserleitungen,Kirchen und Kapellen war ihm einHerzens anliegen. Unter den sakralenBaumaßnahmen ragen zwei heraus: DieRestaurierung der Kirche von San Javierund der Kathedrale von Concepción. BeideGotteshäuser aus der jesuitischen Reduktionszeitglichen baufälligen Ruinen. Siewurden nach der von ihm vorangetriebenenRestaurierung »sakrale Juwele«, die von derUNESCO zu »Weltkulturgütern der Menschheit«erklärt wurden. Hartnäckig und erfolgreichkämpfte er in Agrarprozessen dafür,dass seine Indio-Familien Land zugeeignetbekamen. In der Bischofsstadt Concepciónavancierte er zum wichtigsten Arbeitgeber.Bischof Antonio Eduardo Bösl wurde zum Ehrenbürgervon Concepción ernannt.Gut 80 Arbeiter und 60 Lehrlinge fandenArbeit im bischöflichen Sägewerk, derSchreinerei, der Schnitzerei oder Mechanikerwerkstatt.An Anerkennung, Zuneigung undWertschätzung hat es Bischof Bösl inseiner »ersten wie zweiten Heimat« nichtgefehlt. Nach Boliviens Rückkehr zurDemokratie wurde ihm mit dem » Condorde los Andes« die höchste Staatsauszeichnungverliehen. Die drei größten Städteseines Vikariates, Concepción, Ascensiónund San Javier, haben ihn zum Ehrenbürgerernannt, ebenso seine VaterstadtHirschau. Dort erfuhr der Bischof am3. September 2000 eine besondereEhrung, als der Platz rund um dieStadtpfarrkirche in »Bischof-Bösl-Platz«umbenannt wurde. Auch der FreistaatBayern zollte dem selbstlosen Wirken desHirschauer Missionars durch die Verleihungdes »Bayerischen Verdienstordens«entsprechende Anerkennung.Franziskaner»Franziskaner« Das Magazin für Franziskanische Kultur und Lebensart30Viele sehnen sich danach, einige versuchenes ganz praktisch: Ein gemeinschaftlichesLeben aus dem Glauben.»Franziskaner« stellt unterschiedlicheLebenswege vor und gibt Hinweise fürdie eigene Suche.Weitere Themen:Haiti Welche Hilfe kommt an?Franziskanisches MarionettentheaterGeistlicher WegbegleiterUm die kostenlos erhältliche Zeitschrift»Franziskaner« zu beziehen, wenden Siesich bitte an:FranziskanerklosterAm Frauenberg 136039 FuldaAngela HeinerTel.: 06 61/10 95-36E-Mail: angela.heiner@franziskaner.dewww.zeitschrift.franziskaner.de


Frauen Entwicklung ist weiblichFranziskaner Mission 4 | 2010ProjektEin »NEST« für arme Frauen im Nordosten BrasiliensViele Mütter in Brasilien sind nicht nurarm. Viele von ihnen sind außerdem vonden Vätern ihrer Kinder verlassen worden,sodass sie mit ihren Kindern, ihrer Sorgeum sie und allen Problemen der Armutalleine dastehen.Daher unterstützen die Franziskanerin Bacabal, einer Stadt im bitterarmenNordosten Brasiliens, ein Projekt, dasFrauen in schwierigen Lebenslagenhilft, für sich und ihre Kinder zu sorgen.Es trägt den Namen »NINHO«,das heißt »Nest«. Wie das Nesteiner Vogelmutter und ihren JungenSchutz und Geborgenheit bietet,so will dieses Projekt Müttern undihren Kindern in Not Halt und neuePerspektiven für ihr Leben geben.Einige der Frauen leben in einerproblematischen Partnerschaft,andere sind ganz auf sich gestellt,wieder andere leiden unter gesundheitlichenKomplikationen.Ninho bietet den Frauen zweiverschiedene Kurse an. In dem erstenKurs lernen Schwangere, Hemdchen,Windeln und Tücher zu nähen.Auch Mini-Hängematten, welchedie Mütter unter fachkundiger undfürsorglicher Anleitung in demProjekt selbst anfertigen, gehören zurGrundausstattung der Säuglinge dazu.Bei Temperaturen, die im heißenNordosten Brasiliens auch nachtsnicht unter 30°C sinken, schlafenviele Menschen nämlich lieber inder Hängematte als im Bett. Das istluftiger und preiswerter.In einem zweiten Kurs erwerbendie Teilnehmerinnen die nötigenKenntnisse, um Handarbeiten herzustellen,die für den Verkauf geeignetsind. Handtücher, Tischwäsche,Bade-Utensilien all diese Artikelwerden nicht nur unter dem Aspektdes praktischen Nutzens angefertigt,sondern durch filigrane Verzierung inregelrechte Kunstwerke verwandelt.Die Artikel werden in einem kleinenprojekteigenen Laden verkauft. DieHälfte des Erlöses geht an die einzelnenFrauen. Von der anderen Hälftedes Ertrags wird das Material gekauft,das den Frauen in dem Projektkostenlos zur Verfügung gestellt wird.Nachdem sie den Kurs abgeschlossenhaben, können die Frauen mit ihrenerworbenen Fähigkeiten selbst kunstvolleHandarbeiten herstellen undsie für den Unterhalt ihrer Familienverkaufen.Mütter, die bereits ältere Kinderhaben, können die Mädchen undJungen zu den Kursen mitbringenund währenddessen in einem kleinen,aber liebevoll eingerichteten Raumnebenan betreuen lassen.Dona Nonata leitet die Kurse des Projekts »NINHO«.Stolz zeigt sie eine Baby-Hängematte, die eine derMütter angefertigt hat.Das Projekt Coyera, über das in dem Artikel »Leben imDreck« der Ausgabe 3 - 2010 der Franziskaner Missionberichtet wurde, ist Teil der Fundación Estrellas enla calle, die von Laien gegründet wurde. Es wird vonFranziskanern begleitet, aber nicht geleitet und hat eineeigene Homepage: www.estrellasenlacalle.com.ImpressumFranziskaner Mission wird viermal im Jahr kostenlos denFreunden der franziskanischen Missionsarbeit zugestellt.Franziskaner Mission erscheint im Auftrag der DeutschenFranziskanerprovinz von der Heiligen Elisabeth (Germania),der Provinz von Bacabal (Brasilien) sowie der Missionszentraleder Franzis kaner in Bonn-Bad Godesberg.Herausgeber Franziskaner Mission, DortmundVerantwortlich Augustinus Diekmann ofmRedaktion Anke Chávez, Stefan Federbusch ofm, Natanael Ganter ofm,Thomas M. Schimmel, Alfons Schumacher ofmFotos Lukas Brägelmann: Titelseite, Mittelseite, S. 27.Augustinus Diekmann: S. 2 (alle), 7, Mittelseite, 24, 25, 26, 31.FM-Archiv: S. 3, 14. Nikolaus Kuster: S. 4, 5. Thomas M. Schimmel: S. 6.Katrin Rieger: S. 8, 9. Wikimedia: S. 10. Ökumenisches Heiligenlexikon:S. 11 (beide). Reinhard Kellerhoff: S. 12, 13. Romana Baković: S. 15.Robert Hof: S. 18, 19. Ursula Knauer: S. 20, 21. Annika Lippmann: S. 22.Anto Thomas: S. 23. Coletivo das Mulheres Trabalhadoras Rurais, Piauí:S. 28. tommyS/pixelio: S. 29. Werner Schulz: S. 30. Jesusmafa.com: S. 32.Gestaltung sec GmbH, OsnabrückDruck IVD, Ibbenbüren; gedruckt auf Recycling-Papier31


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