Gute Arbeit unter Druck!? Psychische Belastungen in der Arbeitswelt ...

library.fes.de

Gute Arbeit unter Druck!? Psychische Belastungen in der Arbeitswelt ...

Psychische Belastungen in der Arbeitswelt - Stand, Entwicklungen, Handlungsmöglichkeiten

Vorwort

Eine „Neue Qualität der Arbeit“ ist aus gesundheitspolitischer-,

volks- und betriebswirtschaftlicher Sicht eine Herausforderung

und muss zum Thema von Betriebsräten, Arbeitgebern,

Tarifparteien und Politik werden. Wie notwendig

dies ist, wird durch eine Vielzahl von Untersuchungen und

Befragungen belegt, die in dieser Broschüre näher betrachtet

werden.

Die Verbreitung psychischer Belastungen z.B. durch schlechte

Arbeitsorganisation, Arbeitsverdichtung, schlechtes Betriebsklima,

Monotonie und Mobbing spielen eine einen

immer stärkerer Rolle. Die „Europäische Stiftung zur Verbesserung

der Arbeits- und Lebensbedingungen“ bilanziert

2002 eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen sowohl

in Deutschland als auch europaweit. Vor dem Hintergrund

der mittlerweile europäisch überall gültigen gesetzlichen

Anforderungen des neuen Arbeitsschutzrechts ist diese

Feststellung von besonderer Brisanz und markiert den politischen

Handlungsbedarf. Heute wirken „klassische“ arbeitsbedingte

Gesundheitsgefahren wie Lärm, Gefahrstoffe etc.

in der Regel als Mehrfachbelastungen und sind nach wie vor

relevant. Stressgefährdungen durch wachsendes Arbeitstempo

und Zeitdruck bei gleichzeitig stärkeren fachlichen

Anforderungen, eine Präkarisierung der Beschäftigungsverhältnisse

und Sorge um den Arbeitsplatz kommen hinzu.

Das Belastungsspektrum wandelt sich, ohne wirkliche Entlastung

zu bringen.

Die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, die Arbeitnehmer

erfahren, geht einher mit tief greifenden Veränderungen

in der Arbeitswelt, die durch Globalisierung, Vermarktlichung

aller Arbeits- und Geschäftsprozesse und

immer höheren Anforderungen an eine Leistungserbringung

geprägt werden. Offenbar existiert eine große Lücke zwischen

den heute geltenden rechtlichen Voraussetzungen,

die seit 1996 eine „menschengerechte Arbeitsgestaltung“

und damit auch den Abbau psychischer Fehlbelastungen

fordern und den betrieblichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen

die die Erfüllung dieser Anforderungen ermöglichen.

Umfrageergebnisse der IG Metall zur Zukunftsdebatte zeigen:

Die überwiegende Mehrzahl der Arbeitnehmer möchte

eine Arbeit ausfüllen, die anspruchsvoll und befriedigend

ist, Erfolge bringt und das Gefühl vermittelt, selbstständig

und verantwortungsvoll etwas Sinnvolles zu tun. Allerdings

ohne dass eine solche Arbeit überfordert, dauerhaft stresst

und die Gesundheit schädigt. Oder anders: Arbeitnehmer

wünschen sich eine „Gute Arbeit“, die langfristig gesundheitsförderlich

und aufgrund guter Leistung langfristig sicher

ist. Demgegenüber ist festzustellen: Es existiert eine

großes und offenbar noch wachsendes Defizit bei der Umsetzung

europäischer und deutscher Arbeitsschutzgesetzgebung.

In besonderem Maße gilt diese für Stressgefährdungen.

Die hierzu fehlenden mangelhaften oder unvollständigen

Gefährdungsbeurteilungen, wie die Befragungsergebnisse

in dieser Broschüre zeigen, sind der Normalzustand

in vielen Betrieben. Das muss sich ändern! Deshalb

legen wir hier einen Schwerpunkt und möchten mit dieser

Broschüre Ansatzpunkte und Wege aufzeigen, wie das

„Konfliktfeld“ psychische Belastungen im Betrieb gemeinsam

sachgerecht bearbeitet werden kann und welchen Nutzen

davon Beschäftigte und das Unternehmen haben können.

Die Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung zum Abbau

psychischer Fehlbelastungen auf Basis des Arbeitsschutzgesetzes

ist arbeitsschutzrechtlich geboten, wirtschaftlich

sinnvoll, praktisch machbar und eine Chance für

eine neue Qualität der Arbeit.

Horst Schmitthenner

IG Metall Vorstand

Prof. Dr. Heide Pfarr

Geschäftsführerin der

Hans-Böckler-Stiftung

2

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine