Integration von formellem und informellem Lernen - SSRE2013

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Integration von formellem und informellem Lernen - SSRE2013

Integration von formellem undinformellem LernenDie menschliche Kognition!in der!formalen, nicht-formalen und informellen!Bildung!Prof. Dr. Walter Perrig!Experimentelle Psychologie und Neuropsychologie!Universität Bern!SGBF-Kongress 2013 in LuganoÜbersicht1. Die bildungspolitische Diskussion um formale(s), nichtformale(s) und informelle(s) Bildung(Lernen)2. Wie Lernen geschieht: (Integration) Zusammenführungformalen, nicht formalen und informellen Lernens durch dieübergeordnete Lernprinzipien (die menschliche Kognition)3. Konsequenzen für die Organisation und den Unterricht derformellen Ausbildung08.09.132


SGBF-Kongress 2013 in LuganoBildungspolitische und lerntheoretischeHerausforderungen! Welche Bildungsziele für welche Ausbildungsinstitution?! Welches Lernen, welchen Unterricht für welche Bildungsziele?! Lernen zu viele oder zu wenige das Richtige?! Wie kann man „formales“, „non-formales“ und „informelles“ LernenintegrierenAllgemeine Zielsetzung der Ausbildung:Durch Ausbildung (Bildung als Tätigkeit)• zu Kompetenz und• zur Selbstbildung und Verantwortlichkeit gegenüber gesellschaftlichenund ethischen Werten gelangen (Bildung als Eigenschaft).08.09.13 3SGBF-Kongress 2013 in LuganoDie Akteure in der AusbildungForschungs-Ausbildungs-InstitutionenAus: Perrig, W., Wippich, W., & Perrig-Chiello, P. (1993).Unbewusste Informationsverarbeitung. Bern: Huber.!LerntheoretischePrinzipien- Erwerb von Kompetenz- Anpassung an Umwelt- Lernprozesse- Gedächtnissysteme- NeurokognitionIndividuumGesellschaftArbeitsmarktTechnologieBildungspolitischeKriterien- Ausbildungstypen- Qualifikation- Zertifikation- Selektion- Berechtigung08.09.13 4


SGBF-Kongress 2013 in LuganoFormales, nicht formales und informelles imlebenslangen LernenDefinition der EU-KommissionFormales Lernen: Lernen, das üblicherweise in einer Bildungs- oderAusbildungseinrichtung stattfindet, (in Bezug auf Lernziele, Lernzeit oderLernförderung) strukturiert ist und zur Zertifizierung führt. Formales Lernenist aus der Sicht des Lernenden zielgerichtet.Nicht formales Lernen Lernen, das nicht in Bildungs- oderBerufsbildungseinrichtung stattfindet und üblicherweise nicht zurZertifizierung führt. Gleichwohl ist es systematisch (in Bezug auf Lernziele,Lerndauer und Lernmittel). Aus Sicht der Lernenden ist es zielgerichtet.Informelles Lernen Lernen, das im Alltag, am Arbeitsplatz, im Familienkreisoder in der Freizeit stattfindet. Es ist (in Bezug auf Lernziele, Lernzeit oderLernförderung) nicht strukturiert und führt üblicherweise nicht zurZertifizierung. Informelles Lernen kann zielgerichtet sein, ist jedoch in denmeisten Fällen nichtintentional (oder inzidentell/beiläufig).Europäische Kommission, Generaldirektion Bildung und Kultur, Generaldirektion Beschäftigung und Soziales: Mitteilung derKommission: Einen europäischen Raum des Lebenslangen Lernens schaffen. November 2001, , S. 9, 32f!08.09.13 5SGBF-Kongress 2013 in LuganoFormales, nicht formales und informelles LernenDefinition der OECD„ ‚Formal learning‘ refers to learning through a programme ofinstruction in an educational institution, adult training centre or in theworkplace, which is generally recognised in a qualifcation or acertifcate.‚Non-formal learning‘ refers to learning through a programme but it isnot usually evaluated and does not lead to a certifcation.‚Informal learning‘ refers to learning resulting from daily work-related,family or leisure activities.“Zitiert nach: Stand der Anerkennung non-formalen und informellen Lernens in Deutschland im Rahmen der OECDAktivität „ Recognition of non-formal and informal Learning 147 Seiten, undatiertes DokumentOECD (2006a): New OECD Activity on Recognition of non-formal and informal Learning. Guidelines for CountryParticipation, S. 408.09.13 6


SGBF-Kongress 2013 in LuganoDefinition in der gesetzlichenRegelung des lebenslangen LernensArt. 3 BegriffeIn diesem Gesetz bedeuten:a. Weiterbildung (nichtformale Bildung): strukturierte Bildung ausserhalb derformalen Bildung;b. formale Bildung: staatlich geregelte Bildung, die:1. in der obligatorischen Schule stattfindet; oder2. zu einem der folgenden Abschlüsse führt:- zu einem Abschluss der Sekundarstufe II, zu einem Abschluss der höherenBerufsbildung oder zu einem akademischen Grad,- zu einem Abschluss, der Voraussetzung für eine staatlich reglementierte beruflicheTätigkeit bildet;c. strukturierte Bildung: Bildung namentlich in organisierten Kursen, mitLernprogrammen und einer definierten Lehr-Lern-Beziehung;d. informelle Bildung: Kompetenzen, die ausserhalb strukturierter Bildung erworbenworden sind.Bundesgesetz Entwurf über die Weiterbildung (WeBiG): Mit dem Gesetz soll die Weiterbildung als Teil deslebenslangen Lernens im Bildungsraum Schweiz gestärkt werden.08.09.13 7SGBF-Kongress 2013 in LuganoFormal, nicht formal, informellStattfindende und organisierte LernprozesseEin bildungspolitischer Diskurs„Die Begriffe „formal“, „non-formal“ und „informell“ dienen derSystematisierung und Beschreibung der vielfältigen, inverschiedenen Zusammenhängen bewusst oder zufälligstattfindenden und sehr unterschiedlich organisiertenLernprozesse, – allerdings ist ihre Verwendung nach wie voruneinheitlich.“Stand der Anerkennung non-formalen und informellen Lernens in Deutschland im Rahmen derOECD Aktivität „Recognition of non-formal and informal Learning“. S. 8, undatiertes Dokument08.09.138


SGBF-Kongress 2013 in LuganoWie werdenAusbildungs- und Bildungszieleerreicht?Die theorie- und forschungsbegründetePrinzipien des Lernens beim Aufbauvon Wissen und Handlungskompetenzvon den Grundfertigkeiten bis hin zurExpertise• sind bei allen in allen Lernsettingsdieselben• variieren nur in ihren Anteilen inAbhängigkeit der Settings08.09.13 9SGBF-Kongress 2013 in LuganoFormelles und informelles Lernen unterstehendenselben LernprinzipienFormalesLernenAus: Perrig, W., Wippich, W., & Perrig-Chiello, P. (1993).Unbewusste Informationsverarbeitung. Bern: Huber.!LerntheoretischePrinzipienErwerb von KompetenzAnpassung an UmweltLernprozesseGedächtnisprozesseNeurokognitionNichtformalesLernenInformellesLernenBildungspolitischeKriterien- Ausbildungstypen- Qualifikation- Zertifikation- Selektion- Berechtigung08.09.13 10


SGBF-Kongress 2013 in LuganoWas Lernen ist und wie es geschieht! 1. Lernen ist" Verhaltensänderung aufgrund von Erfahrung" Ontogenetische Anpassung – Verhaltensänderung aufgrund vonRegelmässigkeiten in der Umgebung.! 2. Die Grundlagen des Lernens" sind angeboren, wirken unwillkürlich und unbewusst im Tun(implizites Lernen/Gedächtnis)" sind aber mit Erlebnisfähigkeit verbunden (Gespür, Ahnung, Intuition).-> daten-getriebenes Lernen" Die Erlebnisfähigkeit begründet unser Erkennen, Erinnern, daskonzeptuelles Wissen und Glauben und das bewusste, willkürlicheLernen (explizites Lernen/Gedächtnis)-> konzept-getriebenes Lernen08.09.13 11SGBF-Kongress 2013 in LuganoDaten-getriebenes und konzept-getriebenesLernen im Kognitions-ModellKognition bezeichnet „...allejene Prozesse, durch die dersensorische Input umgesetzt,reduziert, weiter verarbeitet,gespeichert, wieder hervorgeholtund schliesslich benutztwird.“(Neisser 1974, S. 19)Explizite Kognition/Lernen und GedächtnisRationales HandelnIntuitives EntscheidenReflexartiges VerhaltenAus: Perrig, W., Wippich, W., & Perrig-Chiello, P. (1993). UnbewussteInformationsverarbeitung. Bern: Huber.!!Implizite Kognition/Lernen und Gedächtnis08.09.13 12


SGBF-Kongress 2013 in LuganoDaten-getriebenes LernenBasis des Lernens Phänomen 1:Unbewusste Wahrnehmungs-StrukturierungAutomatische wahrnehmungs-strukturierende Prozesseführen zu unwillkürlichen Wahrnehmungserlebnissen.08.09.13 13SGBF-Kongress 2013 in LuganoAutomatische Wahrnehmungs-Strukturierung durch Merkmalsintegration> Unbewusste Merkmalsintegration bestimmt unser Erkennenund Erleben.> Prinzip der Übersummativität: Das Ganze ist mehr als dieSumme seiner Teile.08.09.13 14


SGBF-Kongress 2013 in LuganoWortrepräsentationen in unserem Primatengehirn„Neuronales Recycling“Basisprozesse beimLesenWortrepräsentation imSystem visuellerObjektrepräsentationenEin Neuron reagiertausschliesslich auf dieDarbietung einesbestimmten WortesRelevant für dasOrthographietraining(Dehaene, 2012)08.09.13 15SGBF-Kongress 2013 in LuganoBasis des Lernens Phänomen 2:Implizites Gedächtnis nach unbewussterWahrnehmungLernphaseKognitive BlindheitTestphaseResultateKlarifikationNeue BilderAlte BilderFrüher gezeigteeingebettete Bilderwerden später bei derEinzelpräsentation um10% schneller erkanntHofer & Perrig (2000)08.09.13 16


SGBF-Kongress 2013 in LuganoImplizites Gedächtnis bei nicht erkanntenWörternSpiegelmaskierungs-ParadigmaResultateFrüher gezeigte, aber nichterkannte Wörter• führen zu schnelleren Lösungenin einer Wortstammergänzung• Das Gehirn unterscheidetWörter von Nicht-WörternHollenstein et al (2012)08.09.13 17SGBF-Kongress 2013 in LuganoUnwillkürliche Wortaktivierung!und „Wiedererkennen“ aufgrund einesProzessgefühls!(Albrecht & Vorberg, 2010)• Nach schneller Wort/Nichtwort-Präsentation(214 Items; 14 pro Sek.)• sind Primingeffekte ineiner lexikalischenEntscheidung nach 5Minuten unverändert• und „Wiedererkennen“(Diskriminationzwischen „Alt“ und„Neu“)• wird durch Verarbeitungsgeläufigkeit/Vertrautheitermöglicht08.09.13 18


SGBF-Kongress 2013 in LuganoBasis des Lernens Phänomen 3:Langanhaltende implizite ErfahrungsnutzungGedächtnis realisiert sich im TunIch sehe die dargestellte Figur aufgrund einer lang zurückliegendenfrüheren Erfahrung ohne Erinnerung, das Bild je gesehen zu haben!!08.09.13 19SGBF-Kongress 2013 in LuganoGefühle steuern Verhalten, wenn Wissenund die Erinnerung fehlen• Priming im Verhalten: Claparèdes Handschlag• Emotionale Konditionierung amnestischer Patienten(Damasio 2000)08.09.13 20


SGBF-Kongress 2013 in LuganoBasis des Lernens Phänomen 4:Automatisches Regellernen und Konditionierung1988Regel !Zufall !08.09.13 21SGBF-Kongress 2013 in LuganoKonzept-getriebenes LernenBasis des Lernens Phänomen 5:Das Erleben ist die Basis konzeptuellen LernensProzessgefühl2-3 JahreBeginn der Bewusstseinsfunktionen auf der Lebensachse08.09.13 22


SGBF-Kongress 2013 in LuganoDas konzeptuelle WissenWissen „was“ oder „,dass“ und „wie“Das konzeptuelle Wissen umfasst(1) die bewusste persönliche Erfahrung oder Erinnerung (EpisodischesGedächtnis, z.B. naive Theorien) und(2) das symbolisch vermittelte oder inferierte, abstrahierte, semantischeWissen (Semantisches Gedächtnis, Propositionale Repräsentationen,Weltwissen).(3) Mentale Modelle sind Repräsentationen, in denen sich der Leser oderHörer die Gegebenheiten der Realität in quasi analoger Weise vorstellt(z.B. die räumlich relationale Anordnung).(4) Prozedurales Wissen (Können) ist handlungsbezogen und umfasstdie über Wissen angeleitete und über die Sinne aufgebaute automatisierteLernerfahrung.08.09.13 23SGBF-Kongress 2013 in LuganoBasale Gehirnfunktionen als Basis desLernens, derFähigkeits- und PersönlichkeitsentwicklungInteressePersönlichkeitResilienzUmweltLebensstilBerufMotivationFertigkeitenMotiveIntelligenzIndivduelle Differenzen in basalen Gehirnfunktionenbegründen Unterschiede in Begabung und Motivation08.09.13 24


SGBF-Kongress 2013 in LuganoVom Zusammenspiel von Begabung undMotivation beim Lernen!! Geläufigkeit = Verarbeitungsleichtigkeit : ist die Menge derInformation, die während eines bestimmten Zeitraumes verarbeitetwerden kann.!• Angeborene Unterschiede in der Geläufigkeit spezialisierterGehirnfunktionen entscheiden, welche Tätigkeiten und Aufgaben unsleicht fallen (Eignung)!! Geläufigkeit korreliert mit einem Gespür (Vertrautheit und Präferenz)!• Der Verarbeitungsaufwand der Gehirnfunktionen wird erlebt, undwas leicht fällt, gefällt (Neigung) !! Wiederholung erhöht die Geläufigkeit!! Was leicht fällt, gefällt und wird wiederholt!• Diese Prinzipien bestimmen, welche Tätigkeiten und welchenLebensstil wir bevorzugen.!• Ermöglicht Diskrimination zwischen „Alt“ und „Neu“!• Begründet intuitive Entscheidungen!08.09.13 25SGBF-Kongress 2013 in LuganoDer Erfolgskreislauf!in der Expertise-Entwicklung!Geläufigkeit(Eignung)Wiederholung(Training)Gefallen(Neigung)Kognitive und motivationale Faktorensind in denselben Gehirnfunktionenangelegt und laufen in dieselbe Richtung.Das Geheimnis vonExpertenleistungen:„In those domains whereperformance consistentlyincreases, aspiring expertsseek out particular kinds ofexperience, that is, deliberatepractice.“ (Ericsson, 2006)08.09.13 26


SGBF-Kongress 2013 in LuganoKonsequenzen für die Organisation und denUnterricht der formellen AusbildungFormelles und informelles Lernen aus derLernerperspektiveFormelles Lernen ist ein Lernsetting, das im Gegensatz zuinformellem Lernen ziel- oder kriterien-geleitetes, organisiertes(selbst/fremd-strukturiertes) Lernen darstellt und einenbesonderen Aufwand von Aufmerksamkeit und Anstrengungerfordert.Schulisches Lernen muss alles unternehmen um effizientesLernen auf den Grundlagen der Lernprinzipien zu erreichen08.09.13 27SGBF-Kongress 2013 in LuganoDie Verbindung von Lern- und LehrprinzipienPrinciples of Learning1. Adäquates Lerner-Vorwissen2. Bedeutungsvoll organisiertesWissen3. Motivation, wertvolle Lernziele zuerreichen4. Wissen, wie Fertigkeits-Komponenten kombiniert,integriert, angewendet werden5. Kriterien-geleitetes Üben mitexplizitem Feed-back6. Positives sozio-emotionalesKlima7. Selbst-kontrolle und Anpassungdes eigenen Lernens lernenCarnegie Mellon UniversityPrinciples of Teaching1. Unterricht auf das Vorwissenabstimmen2. Lernziele, Unterrichtsmethoden undPrüfungen aufeinander abstimmen3. Lernziele und -strategien explizieren4. Prioritäten setzen in der Vermittlungvon Wissen und Fertigkeiten5. Das Lehrerwissen/-können imErklären vollständig explizieren6. Klare variierende Lehrerrolle (z.B.Instruktor, Moderator) übernehmen7. Kontinuierliche und progressiveAnpassung des Unterrichts08.09.13 28


SGBF-Kongress 2013 in LuganoAnleitung zum nachhaltigen Lernen/UnterrichtenAnonymusWissenschaftliche InterpretationTell me, and I forgetTeach me, and I rememberInvolve me, and I learnTrain me, and I become anexpert (Zusatz des Referenten)- Ist aber nicht so schlimm: Vergessen(es) wirkt(implizit) und dient der Selektion, Abstraktion,und der Emotionsregulation- Lerninstruktion, -strategie vermittelt Wissen,dient dem Behalten und der ReproduktionIII Computergestützte Wissensvermittlung- Interessengeleitetes, verstehendes Lernengelingt durch Anwendungen in der Realität:Propositionen in mentale Modelle verwandeln- Modelle wahrnehmen, selber machenIII Computergestützte Modelle/Aufgaben- Zielgeleitetes Üben, Erfahrung des eigenenTuns und Rückmeldung anderer08.09.13 29SGBF-Kongress 2013 in LuganoFazit! Die Begriffe formelles, nichtformelles und informelles Lernen sindim bildungspolitischen Diskurs, nicht aber bei den neurokognitivenPrinzipien des Lernens gebräuchlich und funktional.! Formelles Lernen ist ein Lernsetting, das im Gegensatz zuinformellem Lernen ziel- oder kriterien-geleitetes, organisiertes(selbst/fremd-strukturiertes) Lernen darstellt und ein besonderesMass von Aufmerksamkeit und Anstrengung erfordert.! Daten- und konzept-getriebene Lernprinzipien verbinden formalesund informelles Lernen, weil sie bei beiden Lernsettings beteiligtsind! Formales Lernen hat grössere Anteile konzept-getriebenerProzesse mit Vermittlung von Aussagenwissen! Schulisches Lernen muss Aussagenwissen mit erlebbarer Praxisverbinden und damit die synchrone Wirkung von konzept- unddatengetriebenen Lernmechanismen nutzen08.09.13 30


SGBF-Kongress 2013 in LuganoDanke !08.09.13 31

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