DAV Panorama 1/2005 - Ladakh-Reisen.de

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LADAKH UNTERWEGSDer Winter in Ladakhsteht ganz im Zeichender Besinnung und derPilgerfahrt. Mehr als injeder anderen Himalayaregionhaben sich inLadakh die uraltenMythen und Traditionendes tibetischen Buddhismuserhalten. Mit spektakulärenKlosterfestenund Maskentänzen feierndie Ladakhis das neueJahr – eine Zeitreisein uralte Traditionenbuddhistischer undschamanistischerVergangenheiten. DerWinter in Ladakh ist aberauch eine Traumzeit fürBergwanderer. In einsamen,schneefreien Tälerneröffnen sich selbst füreingefleischte Ladakhkennerfantastisch neueWelten und Wege. DennWanderwege sind meistauch Pilgerwege. TEXT UND FOTOSVON JOACHIM CHWASZCZADAV Panorama 1/2005 39


Die Äcker und Felder entlang des Indus liegen seit Oktober brach.Seit Monaten träumt Ladakh einen märchenhaftenWinterschlaf. Die Gebirgspässesind tief verschneit, das alte Königreich imHimalaya ist hermetisch von der Außenweltabgeschnitten. Manchmal, bei klarer Sicht,findet ein Flugzeug vom nebligen Delhi seinenWeg über die schroffen Berggipfel. Meist aberdrehen die Maschinen wieder ab. Dichte Staubwolkenam Rand des Himalaya machen denFlug über die Sechstausender zu einem gefahrvollenAbenteuer. Deshalb ist allein schon derFlug nach Leh spektakulär. Ein strahlend blauerWintermorgen. Kaum hat das Flugzeug dievom Nebel verhüllte indische Tiefebene überflogen,liegt unter uns ein unendliches Labyrinthvon weißen Tälern und Gipfeln. ZugefroreneFlüsse, Tiefschneehänge ohne Anfang undEnde, schroff vereiste Gletscher. Nur wenigeAnzeichen menschlichen Lebens sind auszumachen.Eine winzige Ansiedlung liegt unter uns,Rauch steigt auf. Weit und breit ist keine Straße,kein Weg zu sehen. Wintereinsamkeit pur.Nun und Kun, die beiden markanten Gipfelder Ladakh Range tauchen linkerhand auf,das Flugzeug dreht gen Westen. Weit hinten erkenntman auf der rechten Seite den Gipfel desK2. Der Sinkflug in das obere Industal, in diearide Wüstenlandschaft von Ladakh beginnt.Ein dramatischer Szenenwechsel: Das Industalist gänzlich schneefrei, eine braungraueWinterlandschaft, durchzogen von den grünenFluten des Indus und umkränzt von winterlichenGipfeln. Die Klosterburgen von Tikseund Stakna sind zu erkennen. Wir überfliegenLeh, der alte Königspalast ragt empor, nocheinmal setzt der Flieger zu einer steilen Kurvean, um dann gegen Norden hin zu landen. DasKloster Spituk rauscht an uns vorbei. Wir sindgelandet, die Türen werden geöffnet. Trockene,kalte, frische Luft schlägt uns entgegen, keineWolke ist am Himmel zu sehen. Willkommenim winterlichen Ladakh!Ruhige Tage in LadakhIn Ladakh geht das Leben ruhig und beschaulichseinen Gang. Hotels und Restaurants sindgeschlossen, schon im Oktober haben die umtriebigenHändler aus Kaschmir ihre Souvenirshopszugemacht, von Touristen ist weit undbreit keine Spur zu sehen. Ladakh gehört wiederden Ladakhi. Die Äcker und Felder entlangdes Indus liegen seit Oktober brach. In denschwer zugänglichen Seitentälern sind die Dörferabgeschnitten von der Außenwelt. StrengerFrost hat den Boden metertief gefroren. Es gibtfür die Bauern nichts zu tun und deshalb widmetman sich ganz der Familie, den Freunden40DAV Panorama 1/2005


LADAKH UNTERWEGSund dem Gebet. Man geht - ganz in der altenTradition verbunden - auf Pilgerfahrt. NachLeh zum großen Neujahrsfest und zur großenProzession, nach Stok zum Guru Tsechu Festzu Ehren des großen buddhistischen Heiligenund Magiers Padmasambhava, und nach Mathozu den kraftvollen Klosterorakeln, den lha.Der Weg führt die Wanderer über gefroreneFlüsse und tief verschneite Pässe. Immer wiederholensie die heiligen buddhistischen Silben ommani padme hum – du Juwel im Lotos – als meditativesGebet. Ladakh und seine Menschen lebenin diesen Tagen die uralten Bräuche undZeremonien des tibetischen Buddhismus. Wirhaben das Glück, an diesem Leben gute zweiWochen lang teilhaben zu können.Unsere ersten Tage in „Kleintibet“ dienender Akklimatisation. Langsam und gemessenenSchritts wandern wir durch den Bazar von Leh,besuchen das Kloster Spituk und das mitten imIndustal gelegene Kloster Stakna. Überall treffenwir auf Szenen religiösen Lebens. Etwa inShey, dem uralten Kloster und Palast der Königevon Ladakh, wo sich mehrere hundert Pilgerversammelt haben. Sie rezitieren eine MillionMantras, heilige Gebete. Oder in Spituk,wo eine Gruppe von Jugendlichen sich in denkalten Staub wirft, um den heiligen Klosterkomplexmit Körperlängen abzumessen.Unsere Spaziergänge führen uns über tiefgefrorene Wege, durch kahle Weidenhaine undentlang eisig blauer Bäche. Die Luft ist glasklar.Und trotzdem, es ist nicht kalt – solange wir inder Sonne sind. Jetzt, wo der Winter gegen EndeFebruar langsam an Strenge verliert, besitztdie Sonne hier auf 3600 Meter Höhe schoneine ungeheuere Kraft – man spürt, der Frühlingkommt. Aber nur untertags und wehe,man kommt in den Schatten. Dann kriechtnoch die Kälte.Das Klosterfest von MathoDas erste Klosterfest steht an. Die Maskentänzein Matho sind in vollem Gang. Dicht gedrängtsitzen die Pilger unter dem strahlendblauen Winterhimmel. Krummbeinige, wilddreinblickende Nomaden aus den nördlichenHochebenen des Changtang lagern mit verfilztemHaarschmuck und strengem Geruch ranzigerYak-Butter neben adrett rausgeputztenrotbackigen Mädchen aus Leh. Kein Millimeterist im staubigen Klosterhof mehr frei. Terrassen,Balkone, Dächer – alles ist bis auf den letztenPlatz belegt. Das Nagrang Fest von Mathofindet nach dem streng vorgeschriebenen Ritualder cham-Tänze statt: Der Auftritt derSchutzgottheiten mit den furchterregendenGroßes Bild oben:Blick vom KlosterTikse ins Industal,kleines Bild oben:Kloster Tikse. Bilderunten, von links nachrechts: 1. Auftritt dermächtigen Orakelvon Matho, 2. OhrenbetäubendeMusikder Gelbmützen,3. Zweitägige Pilgerprozessionim Winterin Leh.DAV Panorama 1/200541


Tiermasken und der grotesk-heitere Tanz der„Herren des Leichenackers“, der chiti patis.Ein aus Teig geformter menschlicher Körperwird mit Ritualdolchen durchbohrt. Es erinnertan die früher im Bön üblichen Menschenopfer.Der Tanz der mächtigen Schwarzhutzauberergipfelt in einer symbolischen Szene: der Tötungdes tibetischen Bön-Königs Langdharma durcheinen als Zauberer verkleideten buddhistischenMönch. Mit gebannten Blicken folgen die wettergegerbtenLadakhis dem Schauspiel. Siewarten auf den Auftritt der Mönchsorakel, derlha, der mächtigsten und kraftvollsten Orakelin Ladakh. Um sie zu sehen und zu erleben,sind die Pilger seit Tagen unterwegs. Trotzbitterer Kälte, Wind und Wetter. Denn derAuftritt der lha bringt Glück, Segen und gutesKarma.Die Orakel der IhaAm frühen Nachmittag ist es so weit. Ein schrillerSchrei ertönt vom Klosterdach. Mit nacktemOberkörper und gezogenem Schwert tanzen diebeiden lha in wilder Trance auf der brüchigenDachmauer. Dreißig Tage und Nächte warendie Mönche aus dem Kloster in tiefer Meditationim Tempel der zornvollen Schutzgottheiteneingeschlossen. Heute und am nächsten Morgensollen sie ihre spirituelle Energie zum Wohledes Klosters, des Dorfes und vor allem derMenschen freisetzen. Ehrfurchtsvoll verneigensich die Zuschauer vor ihnen, werfen sich aufden Boden, murmeln heilige Mantras und Gebete.Immer wieder setzen die Tänzer ihreSchwerter an, ziehen sich mit kraftvollen Bewegungendie Klingen über Zunge oder Arme. Beijeder Attacke ertönt ein ohnmächtiger, ungläubigerAufschrei aus der Zuschauermenge. Aberlhas sind unverwundbar und das gilt es immerwieder unter Beweis zu stellen. Wild und kaumzu bändigen fegen sie über den Klosterhof. Wievon magischer Hand öffnet sich vor ihnen dieZuschauermenge. Unberechenbar und zornigschlagen sie mit ihren Schwertern um sich. Weheman kommt ihnen zu nahe. Mit ihren tantrischenWaffen zerstören sie alles Schlechte,vertreiben die negativen Kräfte des alten Jahres.Mit unglaublicher Kondition und vorangetriebendurch die Kraft der Trance wirbeln dieOrakel über den Klosterbezirk. Mehrere Stundendauert ihr ekstatischer Auftritt. Immer wiederrufen sie Prophezeiungen in die Menge. Erstim Abendlicht kehren sie in den zentralen Klosterhofzurück. Wild bäumen sich ein letztes Malfür diesen Tag ihre schweißgebadeten Körperauf. Einmal noch setzen sie an, um sich dieKlinge über Brust und Zunge zu ziehen. Die42


LADAKH UNTERWEGS„Lha gyal lo“ – „Die Götter sollen siegen“völlig erschöpften Begleiter, die dem wildenTanz der lha zu ihrem Schutz im Dauerlauf folgen,können nur mit Mühe das Schlimmste verhindern.Begleitet von einem schrillen, unmenschlichklingenden Schrei fallen die Orakelnach stundenlangem Auftritt in krampfhafteStarre. Geschmückt und behängt mit den segenbringendenweißen katak, den Seidenschals,werden sie in die Klosterräume getragen. Beeindrucktvon der mystischen Kraft und der Frömmigkeitder Zuschauer kehren wir nach Leh zurück.Bis spät in die Nacht hinein wird inunserem Quartier über die heutigen Erlebnissediskutiert.Segen für die PilgerAuch der zweite Tag des Festivals steht ganz imZeichen der lha. Ihre Verkleidung an diesemTag ist spektakulär, ihr Auftritt aber ruhigerund nicht mehr ganz so wild und furchterregend.Völlig mit schwarzem Ruß beschmiertkommen sie fast nackt aus dem Tempel. AmKopf eine zottelige Filzperücke, schmückt dasAbbild des mächtigen Mahakala (eines zornvollenAspekts des Bodhisattvas Avolokithesvara,des „Schutzheiligen“ Tibets) ihrenschwarzen Rücken. Er verleiht ihnen seineKraft, durch sie bringt er Schutz und Segenüber den heiligen Bezirk des Klosters und alle,die dort versammelt sind. Im Dauerlauf ziehendie Orakel durch das Dorf und um den weitläufigenKlosterbesitz. Den gebannten Pilgernschleudern sie in unverständlichen und wirrenSprachfetzen Glück bringende Segenswünschezu. „Lha gyal lo“ – „Die Götter sollen siegen“.Malerisches ZanskartalWir brechen auf zu unserem Ausflug in das Taldes Zanskar. Der Zusammenfluss von Indusund Zanskar, der noch mehr Wasser mit sichbringt als der Indus, ist eisfrei. Erst nach wenigenKilometern entlang dem Zanskar schließtsich die Eisdecke. Bei Chilling, der einzigenOrtschaft im engen Canyon, ist der Zanskarzugefroren. Meterdickes Spiegeleis, schillerndin mystischem Blau und Grün. Links undrechts des Flussufers türmen sich die Felswände.Senkrechte Steilabbrüche in den wunderschönstenOckertönen setzen ihren Kontrastzum Blau des Himmels. In Chilling besuchenwir die Gompa und natürlich die Schmiede.Die Dorfschmiede gelten seit Jahrhunderten alsdie geschicktesten Kupfer- und KesselschmiedeLadakhs. Geschützt vor der Kälte sitzen sie aufder Sonnenterrasse in einem windgeschütztenWinkel und arbeiten still vor sich hin – abernur solange die Sonne ihren Platz wärmt.Großes Bild oben:Blick von Stok aufdie Nubra Range undLeh. Kleines Bildoben: Blick auf dasTal Changspa oberhalbvon Leh.Bilder unten von linksnach rechts: 1. Vaterund Sohn im Zanskartal;2. Der spiegelglattzugefrorene Zanskar;3. Geschwärzt undfurchterregend –der zweite Auftrittder lha-Orakel.43


:info: Buddhismus in LadakhDie Menschen in Ladakh leben die uraltenBräuche und Zeremonien des tibetischenBuddhismus, so, wie sie seitHunderten von Jahren im Alltag derMenschen verankert sind. Aber auch so,wie wir sie aus Filmen wie Sieben Jahrein Tibet zu kennen glauben. Buddha,dharma, sangha – der Buddha, die Lehreund die Klostergemeinschaft – siesind die drei zentralen Hauptthemeninnerhalb des lamaistischen Buddhismus.Gerade im tibetischen Buddhismusspielt die Klostergemeinschaft eineherausragende Rolle. In den Klösternwerden die Lehren weitergegeben, dasLeben als Mönch, das Studium der buddhistischenPhilosophie wird zur wichtigenWegstrecke im ewigen Kreislauf derExistenzen.Seit der Vertreibung des Dalai Lama ausTibet durch die Chinesen hat sich Ladakhmit seinen vielen, oft Jahrhundertealten Klöstern zu einem unschätzbarenHort buddhistischer Tradition undLehre entwickelt. Vieles, was man ausden Berichten früherer Himalaya-Reisendervom verbotenen Dach der Welt,Tibet, hörte, hat sich hier im indischen„Klein-Tibet“ seine Existenz bewahrenkönnen. Während nur ein paar hundertKilometer weiter nordöstlich sich diebuddhistische Philosophie unter den Gewehrkolbender Roten Armee fast gänzlichgeschlagen geben musste, konntesich in Ladakh mit wenigen lokalen Abweichungender tibetische BuddhismusBefreiung ausdem Kreislauf derWiedergeburtam Leben erhalten und weiterentwickeln.Heute gehören die Klöster vonLadakh mit zu den wichtigsten Lehrstättendes geistigen Erbes Tibets.Buddhismus ist ein komplexes philosophischesSystem – weit entfernt vonden Klischees kreisender Gebetsmühlenund monotoner Gebetsformeln. ZentraleThemen sind dabei das Leiden undseine Überwindung, die Wiedergeburtund die Befreiung aus dem Kreislauf derewigen Existenzen, das Verlöschen oderder Übergang in das bei uns so häufigfalsch verstandene „nirvana“. Ein wichtigerBestandteil dieses gewichtigengeistigen Erbes Tibets sind die Mysterienspieleder Klöster. Sie bringen zentraleThemen der buddhistischen Lehreund Geschichte wie die Verbreitung desBuddhismus, den Kampf der guten undbösen Kräfte, die Frage nach Tod,Wiedergeburt und dem Kreislauf derExistenzen aus der meditativen Atmosphäredes Klosters heraus dem Volkenahe. Mönche spielen und tanzen in anschaulicherund für alle verständlicherArt und Weise die komplexen Inhalteschwieriger Sutren und philosophischerLehrschriften. Erst durch diese „Übersetzung“können alle – ob nun derSchriften kundig oder nicht – währenddieser Veranstaltungen am spirituellenVerdienst der Lehre teilhaben. Nur sowird das Ideal der Anteilnahme und desuniversellen Mitleids praktisch in die Tatumgesetzt. Der Besuch von Klosterspielenund cham-Tänzen ist verdienstvoll,sammelt positives Karma, denn mansetzt sich mit der Lehre auseinander,und das alleine zählt.44DAV Panorama 1/2005


LADAKH UNTERWEGSMit Touristen rechnet um diese Jahreszeit kein Mensch.Wir ziehen weiter. Mit Grödel betreten wirdas Eis des Zanskarflusses, wandern in der klarenWintersonne talauswärts, können nicht genugbekommen von dieser wunderschönenwinterlichen Einsamkeit. Manchmal bricht derFluss auf, aber schon nach wenigen Meternverschwindet das Wasser wieder gurgelnd unterder dicken Eisschicht, die an manchen langsamfließenden Stellen so klar ist, dass wir die Kieselsteineam Grund erkennen können. MitStecken und Steigeisen hat der Spiegelfluss seineGefahren verloren und jeder von uns kanndie Wanderung am Eis genießen.Für zwei Tage verlassen wir am nächstenTag die Hauptstadt Leh und fahren mit denJeeps am Indus entlang flussabwärts. Zunächststeht der Besuch von Likkir, des von „Nagaschlangenumschlossenen“ Klosters an. Bei denimmer noch eisigen Nachttemperaturen um die20 Grad minus lassen sich am frühen Vormittagkeine mythischen Nagaschlangen sehen. Umsomehr aber sticht der mächtige weiße BuddhaShakyamuni, der seit einigen Jahren mit mehrals zehn Metern Höhe neben dem Klosterthront, aus den Braun- und Grautönen der winterlichariden Bergwüste Ladakhs hervor. Wieauch bei all unseren anderen Klosterbesuchenbis jetzt müssen wir zunächst einmal nach demSchlüsselmönch suchen. Denn mit Touristenrechnet um diese Jahreszeit kein Mensch. Umsoherzlicher ist jedes Mal auch der Empfangund der Rundgang durch die stillen Tempelanlagen.Bereitwillig zeigt man uns die GebetsundVersammlungshallen, die Schreine derSchutzgötter und der Dämonen. Und selbstverständlichwird sofort ein Feuer in der Klosterkücheangezündet, denn ohne eine Tasse Butterteewill man uns nicht ziehen lassen.Zentrum tibetischer KunstLikkir liegt etwas versteckt nördlich derHauptstrasse von Leh nach Srinagar und dientuns als Ausgangspunkt für eine prächtige Panoramawanderungüber einsame Schotterpässeund völlig abgeschiedene Seitentäler zum großenKloster von Rizong. Der stattliche Klosterkomplexwird nach gut drei Stunden Winterwanderungin Höhen von 4200 Meternerreicht. Immer im Blick die Gipfel der LadakhHauptkette und den steilen, 5000 Meter hohenPassübergang Stakspi La oberhalb von Alchi.Auch in Likkir steht zunächst einmal die Suchenach dem Schlüssel an. Als wir dann aber nachall den Altären und Fresken auf dem Klosterdachstehen, werden wir wieder einmal miteinem fantastischen Rundblick belohnt. ImSommer gleicht Alchi am Indus einem Rummelplatz.Aus aller Herren Länder strömenKunstfreunde und Buddhismuskenner zusammen,um diesem Klosterjuwel der Superlativeihre Aufwartung zu machen. Ob nun wirklichder gelehrte tibetische Übersetzer und LehrerRintschen Zangpo der Gründer dieses legendärenKlosters war, steht wohl nicht ganz fest.Sicher jedoch ist, das Alchi seit dem 11. Jahrhundertzu den herausragenden künstlerischenBaudenkmälern Westtibets gehört. Es steht mitGuge und Tsaparang in Tibet in einer Reihe.Mit einzigartigen Fresken, Mandalas und einerarchaisch schönen dreistöckigen Tempelarchi-Großes Bild oben:Blick vom KardungLa (5602 m) auf StokKangri und das Industal.Kleine Bilder obenv.l.n.r.: 1. Alchi-Fresken;2. Maskentänze;3. Pilgerfrauen imFesttagsgewand; Bildunten links: ZweiTage dauert das Ausmessender Prozessionsrundemit derLänge des Körpers;Bild unten rechts:Kloster Likkir, einwahrer Kunsttempel.DAV Panorama 1/2005 45


:info: Unterwegs in LadakhKlimaLadakh ist der buddhistische Teil des indischenBundesstaates Jammu-Kaschmir.Er liegt im nordwestlichen Himalayaund grenzt an Pakistan und China. DasKlima ist, da Ladakh bereits hinter demHimalaya-Hauptkamm liegt, extrem wüstenhaftund trocken. Die Hauptstadt Lehwurde wegen der Grenzkonflikte mit Pakistanzu einer wichtigen militärischenBasis ausgebaut. Ladakh im Winter –das klingt schlimmer als es ist. Das Industalist fast gänzlich schneefrei. Verschneitsind nur die schattigen Seitentäler.Indus und Zanskar sind im Oberlaufzugefroren. Meist strahlt untertagsblauer Winterhimmel, gegen Abendschneit es. Ab Mitte Februar klettern dieTagestemperaturen bis über den Nullpunkt.Nachts fällt das Thermometerauf -10 bis -25 Grad.ReisezeitMitte Februar bis Anfang März. GenaueFesttermine fürs darauffolgende Jahrwerden erst im Spätsommer festgelegt.EinreiseFür Indien benötigt man ein Visum. Flugvon Europa nach Delhi und weiter nachLeh. Es gibt zwar einen offiziellen Flugplan,mit zwei bis drei Tagen Verzögerungmuss aber gerechnet werden.Wegen Nebel in Delhi oder Stauwolkenam Himalayarand drehen die Maschinenimmer wieder ab.Wichtig: Puffertage am Ende in Leh einplanen.Manchmal können die Flugzeugenicht in Leh landen.FesteIn den Monaten Februar/März finden folgendeFeste in Ladakh statt:Leh: Tibetisches Neujahr-Dosmoche;2 TageKloster Stok: Guru-Tsechu-Fest;2 TageLeh: Leh Gatschok - Umrundung derStadt mit Abmessen durch Körperlängen;2 TageMatho: Nagrang-Fest mit Auftritt derLha-Orakel; 2 TageImpfungen, Gesundheit, Kondition:Keine Impfungen notwendig – eine gutsortierte eigene Reiseapotheke aber istsinnvoll. Leh verfügt über ein spärlichausgerüstetes Krankenhaus. Nie ohneDaunenjacke aus dem Haus gehen -auch wenn es untertags schön warm ist.Sobald die Sonne hinter den Bergenverschwindet, wird es kalt. Unbedingtstärksten Sonnenschutz wegen der intensivenUV-Strahlung mitnehmen. DieAusflüge, Spaziergänge und kleine Wanderungenerfordern keine besonderenkonditionellen Anforderungen.Die höchsten Wanderhöhen liegen bei4200 Metern, der Besuch des KardungLa, mit 5600 Metern der höchste imWinter befahrbare Pass, erfordert eineSondergenehmigung. Wichtig für einengelungenen Aufenthalt ist eine langsameAkklimatisation zu Beginn.AusflügeDie Straßen sind schneefrei,alle interessanten Orte sindgut zu erreichen. Tagesausflüge sindkein Problem - Jeeptaxis können in Leham Busstand gemietet werden. Vorteilim Winter: Man ist alleine und kann ruhigund ohne Besucherstress die Klöster besichtigen.GeldUnbedingt nur Bargeld mitnehmen. Dollarskann man in Leh in der Bank wechseln.Reiseschecks und Kreditkartenwerden nicht akzeptiert!AuskunftNicht möglich, da das staatliche indischeFremdenverkehrsbüro keine Unterlagenüber „Winter in Ladakh“ hat.VeranstalterDAV-Summit Club, Am Perlacher Forst186, 81545 München, Tel.: 089/6 42 40-0, Fax: 089/6 42 40-100, E-mail:info@dav-summit-club.de, Web: www.davsummit-club.deTermin 2005: 13.2.-2.3., Termin 2006:4.-21. März (Reiseleitung JoachimChwaszcza)LiteraturErich Reismüller/Joachim Chwaszcza:... Ihr die ihr umherzieht... Pilgerbegegnungenim Himalaya. Edition Summit,ISBN 3-9809862-0-9, € 21,70. DerTitel ist im Buchhandeloder unterTel.: 089/1656 28 bzw. 16 1238 zu beziehen.46DAV Panorama 1/2005


LADAKH UNTERWEGSPuntsoks Weissagung liegt in der milden Abendluft.tektur. Im Sommer trampeln hier die Massendurch, jetzt sind wir ganz allein. Mit stillerKonzentration vertiefen wir uns in die kostbarenFresken und komplexen Mandalas.Alchi liegt bereits gut hundert Meter tieferals Leh und mit etwas Vorstellungskraft spürenwir hier schon den nahen Frühling. Erste zarteBlattknospen sitzen an den rotbraunen Weidentrieben.Die Bauern brechen bereits denharten Winterboden auf, um ihn vorzubereitenfür die kurzen Frühlings- und Sommermonate.„Du wirst sehen“, meint Puntsok, unser ladakhischerBegleiter, „in zwei, drei Wochen kannhier schon der Frühling da sein. Dann habendie Bauern alle Hände voll zu tun, um die Felderzu bestellen.“ Puntsoks Weissagung liegt inder milden Abendluft. Zum ersten Mal seit guteiner Woche stehen wir abends im Freien, umden Sternenhimmel zu bewundern, ohne dickeWintermütze und mit offener Daunenjacke.Ein Geschenk der GötterAm nächsten Morgen ist gegen neun Uhr Start.Mit den Jeeps fahren wir noch ein Stück am Indusabwärts bis zur Brücke nach Mangyu. Wieauch Alchi zählen die Ladakhis das Kloster vonMangyu zu den ältesten Klosterbauten desLandes, das bis ins 9. Jahrhundert auf RintschenZangpo zurückdatiert wird. Der knappdreistündige Weg wird wieder einmal zurTraumwanderung. Über gefrorene, gefluteteWiesen und vorbei an klirrenden Eiskataraktenführt der Fußweg stetig leicht ansteigend hochzum weit abgelegenen Ort. Angekommen aufdem kleinen Hochplateau von Mangyu suchenwir uns einen windgeschützten Sonnenplatz.Jede Sekunde muss man hier oben genießen,denn diese Wintertage in Ladakh sind ein Geschenkder Götter. Am Abend, beim letztenSonnenlicht fahren wir auf die Oasenstadt Lehzu, heim zu unserem durchaus komfortablen,vor allem warmen Hotel. Wir halten noch kurzam Markt, um bei den muslimischen Bäckernfrisches Fladenbrot zu kaufen, das so unverschämtgut schmeckt. Sonam, unser Koch, sitztschon seit Stunden in der Küche und zaubertin seinem Dampftopf indische Genüsse. Linsen,Reis, Blumenkohl, Chicken Curry – es mangeltuns an nichts. Selbst ein paar Flaschen Bier hatSonam aufgetrieben.Obwohl in Leh der Tagesablauf immer nochwinterlich geruhsam und still vonstatten geht,fliegt die Zeit für uns dahin. Jetzt sind es nurnoch vier Nächte, und das, obwohl jeder vonuns meint, er könnte noch Tage und Wochenhier oben verweilen. Denn gerade jetzt, wo esschon bald zu Ende geht, fangen wir an, diesebeschauliche Stille und Ruhe auch wirklich zuverstehen und zu genießen. Unsere Umtriebigkeitder ersten Tage ist einer zufriedenen innerenRuhe gewichen, denn selbst bei den schönstenSpaziergängen und sportlichsten Anstiegenhaben wir unseren Ehrgeiz gegen eine für unswestliche Besucher ungewohnte innere Ruhe getauscht.Und so trösten wir uns mit dem Gedanken,einmal wieder zu kommen, länger zu bleiben.Aber insgeheim hoffen wir doch, dass der Fliegerin vier Tagen wegen schlechtem Wetter nichtnach Delhi fliegen kann.Großes Bild oben:Königschörten beiShey, kleine Bilderoben v.l.n.r.: 1. RotesKloster in Leh,Ladakh; 2. In derSchmiede von Chilling;3. Das enge Zanskar-Tal. Bild unten rechts:der Palast von Leh imWinter.DAV Panorama 1/2005 47

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