Rechts-oder-was_2014

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Rechts-oder-was_2014

Rechts,oderwas?!Rechte Musik, Symbole und Organisationen -eine Informationsbroschüre mit lokalem Bezug


ImpressumRechts, oder was?!Rechte Musik, Symbole und Organisationen.Eine Informationsbroschüre mit lokalem BezugHerausgeber:Wuppertaler Initiative für Demokratie und Toleranz e.V.Sebastian GoeckeAn der Bergbahn 33 Fon: 0202 – 563 275942289 Wuppertal Fax: 0202 – 563 8178www.wuppertaler-initiative.deExterne Koordinierungsstelle desLokalen Aktionsplans WuppertalTräger: Stadt WuppertalBeratungsstelle der Mobilen Beratunggegen Rechtsextremismus im RegBK DüsseldorfTräger: Stadt Wuppertalwww.mobile-beratung-nrw.deKonzept:Demonstrationsrecht:Überarbeitung:Lektor:Gestaltung und Satz:Foto Cover:Druck:Sandra LorrInga GipperichMarat Trusov,Sebastian Woldorf,Frederik SchürhoffStefan SeitzMichael Hagemann,Valentina ManojlovSebastian GoeckeDroste-Druck GmbH, Wuppertal4. Auflage: 3.500 Stück August 20142 Rechts, oder was?!


Rechts, oder was?!Rechte Musik, Symbole und Organisationen.Eine Informationsbroschüre mit lokalem Bezug3


VorwortDie vorliegende Broschüre versucht in ihrer vierten Auflage, zusammenfassendaktuelle Entwicklungen im Bereich Rechtsextremismusin Deutschland, existierende Organisationen und Parteiensowie Musik, Mode und Codes der rechtsextremen Szenen darzustellen.Der letzte Teil beinhaltet eine Situationsbeschreibungrechtsextremer Aktivitäten im Bundesland Nordrhein-Westfalensowie eine kurze Hilfestellung zur Argumentation gegen rechte Parolenund rechtliche Hinweise zum Veranstaltungsrecht.Die Broschüre ist als Information für Interessierte, besonders aberfür Multiplikatoren und Jugendliche angelegt. Notwendig wurdedie Überarbeitung der ersten drei Ausgaben, da sich die rechtsextremeSzene in ihren Erscheinungs- und Strukturformen permanententwickelt und neue Modestile und Symbole hervorbringt. Zudemgab es diverse rechtliche Änderungen bzw. Verbote verschiedenerOrganisationen und Symbole.Symbole und Codes spielen in allen Subkulturen eine große Rolle,so auch in der rechtsextremen Szene. Da diese Symbole für Laienoft nur schwer zu erkennen und zu entschlüsseln sind, werden vieleder wichtigsten und weit verbreiteten Symbole in der Broschüreaufgelistet und erläutert. Sie kann als einfaches Nachschlagewerkgenutzt werden, wenn Unsicherheiten beim Auftauchen solcherSymbole im eigenen Umfeld bestehen, um diese einordnen zukönnen.Die Broschüre erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. FallsBedarf an weiterführenden Informationen zur Thematik besteht,können diese bei der Wuppertaler Initiative für Demokratie undToleranz angefragt werden.Textauszüge aus rechtsradikalen Liedtexten dürfen nicht in Reinformgedruckt oder verteilt werden. Daher verfügt diese Mappe,wenn, über deutlich gekennzeichnete Auszüge aus solchen Textenund macht aus dem Textzusammenhang klar, dass diese nur alsBeispiele genutzt werden und kritisch zu sehen sind. KompletteTexte dürfen auch von Nutzern dieser Broschüre nicht kopiert oderverteilt werden, da dies einen Straftatbestand darstellt und eineWeitergabe dieser Texte nicht kontrolliert werden kann. Genausoist mit der Verwendung verbotener rechter Symbole zu verfahren.Sollten Fragen oder Unsicherheiten zum Einsatz dieser Materialienbestehen, beraten wir Sie gerne unter der im Impressum abgedrucktenAdresse. Auch über Kritik, Ergänzungen und Anregungenzu der Broschüre würden wir uns freuen.Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Text nur die männlicheForm verwendet. Gemeint ist stets sowohl die weibliche alsauch die männliche Form.4 Rechts, oder was?!


Inhalt1. Rechtsextremismus – Der Versuch einer Erklärung.......................................................62. Musik als Medium rechtsextremer Propaganda..........................................................132.1 Rechtsrock....................................................................................................................142.2 Rechter Hip-Hop..........................................................................................................182.3 Liedermacher...............................................................................................................182.4 Nationalsozialistischer.................................................................................................192.5 Black Metal (NSBM).....................................................................................................192.6 Projekt „Schulhof-CD“..................................................................................................203. Rechtsextremismus im Internet..................................................................................214. Jugendliche Subkulturen............................................................................................224.1 Skinheads.....................................................................................................................224.2 „Autonome Nationalisten“...........................................................................................245. Bekleidungsmarken....................................................................................................245.1 Von der Szene für die Szene – Nazimode.....................................................................245.2 Von der Szene getragen ..............................................................................................286. Symbole und Codes in der rechten Szene...................................................................306.1 Zahlencodes ................................................................................................................306.2 Akronyme.....................................................................................................................326.3 Symbole.......................................................................................................................326.3.1 Strafbare Symbole / Symbole verbotener Organisationen.....................................326.3.2 Nicht strafbare Symbole / Bedingte Strafbarkeit....................................................367. Rechte Organisationen in Deutschland.......................................................................407.1 „Nationaldemokratische Partei Deutschlands“ (NPD).................................................407.2 „Bürgerbewegung Pro NRW“ (PRO NRW)....................................................................417.3 „Alternative für Deutschland“ (AfD) ...........................................................................427.4 „Autonome Nationalisten“ / Freie Kräfte ....................................................................427.5 „Die Rechte“ (DR).........................................................................................................457.6 „German Defence League“ (GDL).................................................................................467.7 „Die Identitäre Bewegung“ (IBD).................................................................................467.8 „Nationale/Nationalisten gegen Kinderschänder“.......................................................477.9 „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangeneund deren Angehörige“ (HNG).....................................................................................477.10 „Wiking-Jugend“ (WJ)...................................................................................................487.11 „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ)........................................................................487.12 Rechte Migrantenorganisationen.................................................................................498. Situationsbeschreibung NRW.....................................................................................508.1 Wahlauswertung 2014.................................................................................................599. Was kann man gegen Rechtsextremismus tun? Wie kann ich aktiv werden?...............6010. Argumente gegen rechte Parolen...............................................................................6111. Demonstrationsrecht.................................................................................................6611.1 Gegendemonstrationen – Gegenaktionen: Häufig gestellte Fragen............................7111.2 Literaturauflistung........................................................................................................77Quellenverzeichnis..............................................................................................................785


1. Rechtsextremismus –Der Versuch einer ErklärungRechtsextremismus ist in Deutschland längst keine Randerscheinungmehr. Vielmehr haben immer mehr Deutsche rechtsextreme,rechtspopulistische Einstellungsmuster. Diese bis in die Mitteder Gesellschaft reichenden fremdenfeindlichen und rechtsextremenEinstellungen zeigen sich beispielsweise im sogenannten„alltäglichen“ Rassismus. Dieses Phänomen bestätigt unter anderemdie aktuelle Studie von Oliver Decker, Johannes Kiess und ElmarBrähler „Die stabilisierte Mitte – Rechtsextreme Einstellung inDeutschland 2014“.Besonders verbreitet sind dabei Herabsetzung, Benachteiligungund Beleidigung von Menschen, die bestimmten Gruppen angehören,wie z.B. vermeintlich ausländische Mitbürger, Menschenmit Migrationshintergrund, Homosexuelle und viele andere. Diesbelegt die Arbeit des Bielefelder Wissenschaftlers Dr. WilhelmHeitmeyer, der in seiner Studie „Deutsche Zustände“ über mehrereJahre das Phänomen der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“beobachtet. Zudem tragen zunehmende Erfolge rechterParteien bei Kommunal- und Landtagswahlen dazu bei, dass rechteEinstellungen in der Gesellschaft immer häufiger offen geäußertwerden und damit auch eher toleriert bzw. akzeptiert werden.UnterscheidungFür den Begriff Rechtsextremismus gibt es keine allgemein anerkannteDefinition. Deswegen hängt die genaue Bedeutung desWortes oft vom jeweiligen Kontext ab.Man kann den Begriff Rechtsextremismus aus zwei Sichtweisennäher betrachten: behördliche/institutionelle und sozial- bzw. politikwissenschaftliche.Oft wird der Begriff im Zusammenhang mitder Bewertung von Gruppen, Aktionen, gesellschaftlichen oderpolitischen Entwicklungen gebraucht.Aus behördlicher Sicht sind folgende Aspekte von Bedeutung:Zunächst ist es wichtig, zwischen den Begriffen Rechtsextremismus,Rechtsradikalismus und Rechtsorientierung zu unterscheiden.Die unterschiedlichen Bezeichnungen werden fälschlicherweiseoft synonym gebraucht, haben jedoch durchaus nicht diegleiche Bedeutung.• Im Rechtsextremismus wird das Prinzip der freiheitlich-demokratischenGrundordnung abgelehnt, was verfassungsfeindlichist. Rechtsextreme Vereine oder Gruppierungen dürfen somitvom Verfassungsschutz überwacht und verboten werden.6 Rechts, oder was?!


• Der Rechtsradikalismus stellt das Prinzip der freiheitlich-demokratischenGrundordnung nicht in Frage, ist somit auchnicht als verfassungsfeindlich eingestuft und bewegt sich innerhalbdes rechtmäßigen politischen Spektrums.• Der Begriff Rechtsorientierung wird gebraucht, wenn Menschenin ihrem Weltbild noch nicht rechtsradikal oder rechtsextremgefestigt sind, aber bestimmte rechtsaffine Einstellungenund Vorurteile aufweisen bzw. äußern.Diese Sichtweise eignet sich jedoch nur für den engen institutionellenGebrauch. Sie hat mehrere Nachteile bei einem undefiniertenGebrauch. Basierend auf dem Ansatz der Extremismus-Theoriefindet eine Vermischung und Gleichsetzung von rechten undlinken politischen Ausrichtungen statt; außerdem vermittelt diesesModell eine Gesellschaftsarchitektur, die von einer „unbetroffenen“demokratischen Mitte ausgeht. Für den Gedanken, dassdiese demokratische Mitte für rechte Organisationen und Ideologienals Nährboden gilt, ist leider kein Platz mehr.Die aktuelle Politikwissenschaft betrachtet Rechtsextremismusanders und teilt das Phänomen in die beiden Ebenen Einstellungund Verhalten ein. Unter rechtsextremen Einstellungen verstehtman ein autoritäres Staatsverständnis, den positiven Bezug aufNationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sowiedie Verharmlosung des Nationalsozialismus. Ein rechtsextremistischesVerhalten zeigt sich am Wahlverhalten, der Mitgliedschaftin rechtsextremistischen Organisationen, der Ausübung von Gewaltund dem öffentlichem Protest. Auf beiden Ebenen müssennicht alle Bedingungen erfüllt sein, um eine Person als rechtsextremistischzu kennzeichnen. Ebenso führt eine rechtsextremistischeEinstellung nicht zwangsläufig zu einem solchen Verhalten,andersherum bedingt rechtsextremistisches Verhalten allerdingsdas passende Einstellungsmuster.7


Gründe für einen möglichen Einstieg in die SzeneDer Einstieg in die rechtsextreme Szene erfolgt überwiegend bereitsin der Jugendzeit. Mögliche Gründe dafür können sein: Einejugendliche Protesthaltung, einhergehend mit Provokation undTabubrüchen, Perspektivlosigkeit durch eine schlechte Schul- undAusbildung, wirtschaftliche Probleme der Jugendlichen und ihrerFamilien und einem damit verbundenen tatsächlichen oder befürchtetensozialen Abstieg. Zudem spielt der Mangel an Kenntnissenüber historische Zusammenhänge und Ursachen eine bedeutendeRolle bei einem möglichen Einstieg in diese Szene.Prägende Erfahrungen in der Familie und deren Umfeld und späterin Gruppen Gleichaltriger sind ausschlaggebende Faktoren fürein rechtsextremes Weltbild. Soziale Ängste um Arbeitsplatz undWohnung sowie ungesicherte Lebensperspektiven können solcheEinstellungen verfestigen.Die rechtsradikalen Parteien und Vereinigungen wenden sich ausdiesem Grund zunehmend sozialen Themen zu. Außerdem verstärkensie ihr lokalpolitisches Engagement und stellen vergangenheitsbezogeneThemen zurück. So wird versucht, die sozialeÄchtung zu überwinden und Akzeptanz in der Gesellschaft zu gewinnen;die politischen Ziele und Inhalte ändern sich jedoch dadurchnicht.Rechtsextremismus entwickelt zunehmend ein Wir-Gefühl. Erreichtwird dieses durch eine gemeinsame Bewegungsgeschichte,die sich in Mythen und Märtyrerlegenden niederschlägt unddurch gemeinsame Praktiken wie Rituale und Symbole verstärktund weiter transportiert wird. Gemeinsame Kleidung und Szenemedienwie Internetseiten sorgen ebenfalls dafür, dass ein Gefühlder Gemeinschaft entsteht. Musik mit rechten Inhalten wirdgenutzt, um gezielt Mitglieder und Wähler zu werben. Zudem istMusik ein Identifikationsangebot und stärkt das Gruppengefühl.Dieses Wir-Gefühl wird inhaltlich mit politischen Botschaften verknüpft.Aus dem Wir-Bewusstsein und aus Gemeinschaftserlebnissenresultiert letztendlich ein Gefühl eigener Stärke und derAnerkennung in einer sozialen Gruppe.Die rechte Szene nutzt verstärkt Musik mit rechten Inhalten, umbesonders Jugendliche für sich zu gewinnen. Dabei wird nahezujedes Spektrum angeboten – von Liedermacher-Songs bis hinzum sogenannten Rechtsrock: Jeder Musikgeschmack soll angesprochenwerden. In den meisten Fällen sind die Melodien sehreingängig, die Texte sind zunächst einmal zweitrangig. Die NPDnutzt die Musik ganz bewusst in ihrem Wahlkampf und verteilt imVorfeld ihre sogenannte „Schulhof-CD“ kostenlos vor Schulen undJugendzentren. Zudem lassen sich fast alle rechtsextremen Liederim Internet kostenlos downloaden. Auch wenn Jugendliche nichtzur rechten Szene gehören, ist ihnen Musik mit rechten Inhaltenoftmals bekannt. Musik avanciert gewissermaßen zu einer „Einstiegsdroge“in die rechte Szene.8 Rechts, oder was?!


Gründe für einen möglichen AusstiegEs gibt verschiedene Gründe für einen möglichen Ausstieg ausder rechtsextremen Szene. Ihre starre und strenge Hierarchie isteiner davon. Ausstiegskandidaten wollen sich zumeist nicht längervon in dieser Hierarchie Höhergestellten alles gefallen lassen.Individuelles wird in den rechtsextremen Gruppen ausgeblendet.Bei „Mitläufern“ gibt es oft eine große Angst davor, Straftaten zubegehen und für diese dann Sanktionen vom Staat zu erhalten.Des Weiteren können neue Freunde oder Partner, die nicht ausder rechtsextremen Szene kommen, ausschlaggebend sein für dieEntscheidung zum Austritt. Auch können positive Begegnungenund Erfahrungen mit Freunden und mit Fremdem Gründe für einenAusstiegswunsch sein.Allerdings wird es Ausstiegswilligen von Seiten der rechtsextremenSzene sehr schwer gemacht, die Gruppe wirklich zu verlassen.Sie werden von anderen Mitgliedern unter massiven verbalen,psychischen und angedrohten physischen Druck gesetzt.Es gibt spezielle Beratungen, die bei einem Ausstieg unterstützenund begleiten.Unter anderem gibt es Hilfe bei• www.exit-deutschland.de• www.ausstieg-zum-einstieg.deEin– und Ausstiegsprozesse aus wissenschaftlicher SichtÜber Ein- und Ausstiegsprozesse der rechten Szene existieren vieleKlischees, die mitunter jedoch nicht zutreffen. Fakt ist, dass esden Einsteiger oder den Aussteiger nicht gibt. Es lassen sich jedochbestimmte Faktoren benennen, die das Risiko einer Hinwendungzur rechten Szene und die Chance einer späteren Abwendung erhöhen.Dennoch muss sich nicht jeder von diesen Faktoren Betroffenezwangsläufig der rechten Szene anschließen.Der Diplom-Politologe und Kriminologe Nils Schuhmacher führte2002 und 2006 eine Studie zum Thema Ein- und Ausstiege sowieZugehörigkeiten im Bereich des jugendkulturellen Rechtsextremismusdurch. Dabei befragte er im Rahmen von Leitfaden-Interviews40 Jugendliche und junge Erwachsene, die entweder Einsteiger,fest Integrierte oder Aussteiger der rechten Szene waren. Bevorauf einzelne Ergebnisse der Studie eingegangen wird, bleibt festzuhalten,dass Rechtsextremismus kein reines Jugendphänomenist und dass er in allen gesellschaftlichen Schichten existiert. Ganzallgemein formuliert lässt sich sagen, dass rechtsextreme Haltungenauf Entscheidungen basieren, die aufgrund der tatsächlichenund subjektiv empfundenen Möglichkeiten zur Lebensbewältigunggetroffen werden. Neben Aspekten der persönlichen Biographiespielen auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen einezentrale Rolle.9


Einstieg:Schuhmacher weist dem Einstieg in die rechte Szene drei wesentlicheMerkmale zu: Kontextabhängigkeit, Prozesshaftigkeit undMehrdimensionalität.Kontextabhängigkeit meint im Kern die Gelegenheitsstrukturen.Diese sind günstig, wenn das soziale Umfeld, bspw. die Familie, bereitsrechtsextreme Einstellungen vertritt. Auch ein lokales rechtsextremesKlima bildet einen günstigen Nährboden für die Übernahmedieser Haltung. Als zentrales Moment stellt sich auch die elterlicheErziehung dar. Gewalttätige Konfliktlösung, die Verankerung vonstarken Männlichkeitsidealen sowie Empathie- und Toleranzdefiziteerhöhen das Risiko, der rechten Szene beizutreten.Kommt es tatsächlich zu einer Annäherung an die rechte Szene, sostellt sie sich als Prozess dar, d.h., dass der Einstieg letztendlich alsErfahrungskette realisiert wird. Zunächst wird der Betroffene aufdie Existenz der rechten Szene aufmerksam und eine erste Kontaktaufnahmefindet statt. In weiteren Schritten wird der Kontaktverstetigt und es kommt zu einer aktiven Rezeption (ideologischeVerinnerlichung und Verfestigung) der Szene. Schlussendlich werdendie rechten Stereotype systematisiert und die rechte Einstellunggeneralisiert.Aufgrund seiner Studie entwickelte Schuhmacher vier zentrale Einstiegsmuster.Der Einstieg ist also mehrdimensional. Allen Musternist gemeinsam, dass die Betroffenen günstige Gelegenheitsstrukturenvorfanden sowie eine das Risiko erhöhende Erziehung erlebten.1. Interethnisches Konkurrenzerleben:Dieses erste Einstiegsmuster resultiert aus wiederholten Konfliktenoder Konkurrenzen mit Migranten. Es reicht aus, dass der Betroffenedies subjektiv so empfindet, es muss nicht tatsächlich sosein. Aus diesen Problemen entsteht oft ein Außenseiterempfinden.Der Zugang zur Szenekultur findet in diesem Muster also überdie bereits vorhandenen rechtspolitischen Einstellungen statt.2. Alltagskulturelle Hegemonie:Die Betroffenen, die nach diesem Muster den Einstieg in dierechte Szene vollziehen, weisen ein ausgeprägtes Normalitätsempfindenbezüglich rechtsextremer Einstellungen auf. DerSzene nicht anzugehören, wird in diesem Fall als unvorteilhaftgesehen. Schuhmacher fand dieses Muster ausschließlich in Ostdeutschlandvor.3. Politische Supplementierung:In diesem Muster findet die Übernahme der rechtspolitischenEinstellungen über die Kultur der Szene statt. Bei Betroffenendominiert das Motiv der Anerkennung und des Zusammenhalts.Mitunter wird in rechten Kreisen ihre vorhandene Gewaltneigungakzeptiert und sie selbst empfinden diese nun als legitimiert.Oft beschreiben die Betroffenen ihren Einstieg als „Zufall“.10 Rechts, oder was?!


4. Gesinnungsgemeinschaftliche Rebellion:Zentrales Motiv ist hier die Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft,vornehmlich von Erwachsenen, Eltern und Lehrern.Bei weiblichen Jugendlichen kommt oftmals die Rebellion gegenvorherrschende Geschlechterbilder hinzu.Ausstieg:Ausstiege aus der rechten Szene sind nicht ad hoc möglich und jenach Grad der Involvierung in die Szene mit erheblichen Gefahrenfür den Betroffenen verbunden.Auch Ausstiege unterliegen nach Schuhmacher den Kennzeichender Kontextabhängigkeit, Prozesshaftigkeit und Mehrdimensionalität.Kontextabhängigkeit meint in diesem Fall, dass der Ausstieg sichauf Erfahrungen innerhalb und außerhalb der rechten Szene gründet.Entscheidend ist eine Veränderung im subjektiven Realitätserleben.Anfängliche Irritationen können den Prozess des Ausstiegs ins Rollenbringen. Diese sind gekennzeichnet durch auftauchende Widersprücheoder die Nicht-Einlösung von Erwartungen oder Werten.Werden zunehmend Erfahrungen gemacht, die nicht in dasbestehende Denksystem eingefügt werden können, so beginnt dieAblösung. Es wird eine innerliche Distanz aufgebaut, im Alltag findenerste Loslösungen von der Szene statt, bis es schließlich zuumfassenden Entflechtungen kommt. Letztendlich wird der Ausstiegmanifestiert, indem ein Bruch mit der Szene stattfindet undneue Lebensmodelle gesucht werden.Dieser Prozess ist mehrdimensional bedingt. Erfahrungen derDesintegration innerhalb der Szene sind ebenso maßgeblich wiesoziale Kontrolle durch Familie und Freunde außerhalb der Szene.Auch das sog. „Maturing out“, gekennzeichnet durch einenReifeprozess, der auch Berufs- oder Familienplanung beinhaltet,kann zum Entschluss des Ausstiegs führen. Neben diesen Faktorenerhöhen auch angedrohte oder erlebte Sanktionen die Chance füreinen Ausstieg.Sanktionen alleine sind jedoch nicht ausreichend, sondern könnennur im Zusammenspiel mit einem der anderen Faktoren Wirkungzeigen.11


Frauen und RechtsextremismusGrundsätzlich gilt, dass die rechte Szene von Männern dominiertist. Der Anteil der Frauen ist noch immer gering, nimmt jedoch zu.Der Einstieg erfolgt in vielen Fällen über Geschwister, Freundinnenoder über die Beziehung mit einem rechtsextrem eingestelltenMann. Von diesem wird die rechte Gesinnung zunehmend übernommenund letztendlich verinnerlicht. Daraus resultiert eine innereStabilisierung der Szene. Beziehung, Ehe, Familiengründung– das alles kann zunehmend innerhalb der Szene mit einer gleichgesinntenPartnerin stattfinden.Das Rollenbild von Frauen ist in der rechten Szene durchaus ambivalent.Einerseits weicht die anfängliche Skepsis gegenüber derMitgliedschaft von Frauen zunehmend ihrer stärkeren politischenEinbindung in rechte Strukturen. Dies liegt auch daran, dass Frauenihren Anspruch auf Teilhabe vermehrt selbstbewusst einfordern.Andererseits beschränken sich die Tätigkeiten von Frauenmeist auf den organisatorischen, unpolitischen Hintergrund unddie Erfüllung „einfacher“ Aufgaben, wie die Flugblattverteilung.Zum Teil betreiben sie Gaststätten oder stellen Immobilien als Szenetreffpunktezur Verfügung. Auch kommt ihnen die Aufgabe zu,inhaftierte Gleichgesinnte sowie deren Angehörige zu unterstützen.In erster Linie sollen Frauen zuverlässig, fleißig und mütterlichsein, ihr Refugium ist das Haus und der Haushalt - gemäß alten,traditionellen Rollenbildern. Spätestens ab einem bestimmten Alterwerden Frauen auf diese Rolle reduziert und politisch kaumernst genommen. Erfahrungen von Herabsetzung und Gewalt innerhalbder rechtsextremen Szene sind für viele Frauen keine Seltenheit.Es kann also keinesfalls von einer Gleichberechtigung vonMännern und Frauen gesprochen werden. Das bedeutet jedochnicht, dass rechtsextrem eingestellte Frauen weniger fanatisch alsMänner sind. Teilweise ist sogar das Gegenteil der Fall, da sie aufgrundder männlichen Dominanz innerhalb der Szene oft verstärktden Drang haben, sich intern und nach außen zu behaupten.Obwohl rechte Parteien und Organisationen kaum Frauen in hohenPositionen einsetzen, erkennen sie doch zunehmend, dass esvon strategischem Vorteil sein kann, Frauen stärker zu etablierenund öffentlichkeitswirksam zu positionieren, um ihre politischenZiele zu erreichen. Einerseits erhöht dies die Authentizität, andererseitswird Harmlosigkeit und Salonfähigkeit suggeriert. Dasäußere Erscheinungsbild von rechtsgesinnten Frauen hat sichweitgehend von alten Klischees gelöst: Heute können sie durchausfeminin auftreten. Insgesamt wirken Frauen auf diese Weisesanfter und freundlicher. Gewalttätigkeit, Fremdenfeindlichkeit,Rassismus, Antisemitismus – das alles strahlt von rechtsextremenFrauen weniger stark aus, als von rechtsextremen Männern. Diesist zwar ein Trugbild, scheinbar jedoch wirksam.12 Rechts, oder was?!


Ein weiteres verstärkt auftretendes Phänomen ist die Selbstorganisationvon Frauen, indem sie sich zu eigenen Organisationenzusammenschließen. Besonders große Bedeutung haben die „GemeinschaftDeutscher Frauen“ (GDF), der „Mädelring Thüringen“und der „Ring nationaler Frauen“ (RNF) erlangt.Experten weisen darauf hin, dass die Gefahr, die von weiblichenAkteuren der rechten Szene ausgeht, ernst zu nehmen ist undfordern, die Forschung in diesem Bereich auszuweiten sowie geschlechtsspezifischeInterventionsmaßnahmen zu entwickeln.Weitere Informationen zum Themenkomplex finden sich auf derInternetseite „gender-und-rechtsextremismus.de“ der FachstelleGender und Rechts-extremismus der Amadeu Antonio Stiftung.2. Musik als Mediumrechtsextremer PropagandaIn den 1990er Jahren entstand in Deutschland die weltweit größterechte Musikszene. Derzeit gibt es in Deutschland ca. 150 rechteBands. Die rechte Musik ist heute für die Neonaziszene zumwichtigsten Propagandamittel geworden. Der Rechtsrock ist derbekannteste Musikstil mit rechtslastigen Inhalten. Mittlerweilelassen sich aber auch in fast allen anderen Musikstilen solche Inhaltefinden, wie z.B. im Black Metal, Liedermacher-Songs und imHip-Hop.Musik gilt in der Szene als die stärkste „Einstiegsdroge“. Rassistischeund rechtsextreme Botschaften werden in Texten entwederganz offen oder versteckt transportiert. Wenn man im Umgangmit bekannten Neonazibands einige Handlungsstrategien zu Verfügunghat, so wird es ganz schwierig, wenn man mit der Grauzonekonfrontiert wird.Vor kurzem lief die Diskussion um die Band „FreiWild“ aus Südtirol.Die Band ist sehr populär bei Jugendlichen und arbeitet inihren Texten mit nationalistischen und völkischen Thesen. DieLage wird durch die Verflechtung des Frontmanns mit der rechtenSzene erschwert. Zwar distanziert sich „FreiWild“ offiziell von jeglicherpolitischer Ausrichtung, ganz gelingt es der Band aber nicht.Eine ausführliche Beschreibung der Rechtsrockszene und derGrauzonen bieten das Buch von Thomas Kuban „Blut muss fließen- Undercover unter Nazis“ und der gleichnamige Film.13


2.1 RechtsrockDer Rechtsrock in Deutschland existiert seit den frühen 1980erJahren. Vorreiter war die englische Band „Skrewdriver“. Zu Anfangwar dieser Musikstil noch eher verhalten rassistisch. Seit Anfangder 1990er Jahre radikalisierte sich der deutsche Rechtsrock massiv.Er bekannte sich offen zum Nationalsozialismus und leugneteden Holocaust.In seiner heutigen Form vermittelt der Rechtsrock rechtsextremes,neonazistisches und rassistisches Gedankengut. Die Texte insimpler Reimform richten sich gegen Staatsorgane, Linke und Ausländer,rufen zum Widerstand gegen diese auf und glorifizierenein „national befreites“ Deutschland und seine NS-Vergangenheit.Daneben behandeln die Texte aber auch Themen wie Liebe undFreundschaft und sind deshalb gleichermaßen im unpolitischenUmfeld bekannt. Die Qualität der Instrumentalisierung und derAufnahme reichen von primitiv bis professionell.Der Rechtsrock wird heute gezielt zur Werbung Jugendlicher fürrechtsextreme und neonazistische Ideologien genutzt.Sleipnir„Sleipnir“ ist zugleich Bandname und Pseudonym von Marco Laszcz,der die Band 1995 gründete. Seit etwa 1988 war Marco Laszcz in derrechten Musik-Szene als Liedermacher aktiv. Der Name stammt ausder nordischen Mythologie – Sleipnir ist das achtbeinige Pferd desGottes Odin.Die Band ist in der rechten Szene sehr bekannt und populär. Es bestehengute Kontakte zur freien Neonaziszene und zur NPD. „Sleipnir“veröffentlichte einige seiner Lieder auch auf der „Schulhof-CD“der NPD.SkrewdriverDie 1977 gegründete englische Band „Skrewdriver“ um den Frontmannund Sänger Ian Stuart Donaldson hat den Rechtsrock auchin Deutschland intensiv geprägt. „Skrewdriver“ war zu Beginn einePunk-Band, erst 1982 wandte sie sich rechtsextremen Ideologienzu. Im Umfeld der Band kam es immer wieder zu rassistischer Gewalt.Auf Ian Stuart Donaldson gehen die rechtsextremen Netzwerke„Rock Against Communism“ und „Blood & Honour“ zurück.Nach dem tödlichen Autounfall des Frontmannes und Sängers löstesich die Band 1993 auf. Daraufhin setzte sich eine regelrechteVermarktungsindustrie in Gang, die bis heute zum Kultstatus derBand beiträgt.14 Rechts, oder was?!


StahlgewitterDie Band „Stahlgewitter“ gehört zu den bekanntesten Bandsder deutschen Rechtsrockszene. Die Band wurde im Jahr 1995von Daniel Giese und Frank Krämer gegründet. Ihr Sänger DanielGiese, welcher in der Szene Kultstatus besitzt, spielt zudemin mehreren Bands wie zum Beispiel „Saccara“, „Kahlkopf“, „Gigi& Die Braunen Stadtmusikanten“, „In Tyrannos“ oder „Die LustigenZillertaler“. Trotz des starken Verdachtes konnte man DanielGiese nicht offiziell nachweisen, als Sänger der Band „ZillertalerTürkenjäger“ gewirkt zu haben. Der Musikstil von „Stahlgewitter“enthält Elemente der Heavy-Metal-Musik. Besonderes Merkmalist die prägnante Stimme von Daniel Giese, welche sehr tief undhart klingt. Die Texte beinhalten rechtsrocktypische Themen wiedie Verschwörungstheorie des „ZOG“ sowie die Verherrlichungdes Nationalsozialismus. Zum Beispiel in den Liedern „Ruhm undEhre“ und „Ruhm und Ehre II“ zollen „Stahlgewitter“ der Wehrmachtund der Waffen-SS „Ruhm und Ehre“.Gigi & Die Braunen Stadtmusikanten„Gigi & Die Braunen Stadtmusikanten“ ist ein weiteres Projekt vonNeonazi-Sänger Daniel Giese. Mit dieser Band brachte Giese mit„Braun is beautiful“, „Braun Ist Trumpf“ und „Adolf Hitler lebt“ bisheute drei Alben heraus. Außerhalb der rechten Szene erreichtedie Band größten Bekanntheitsgrad in den Medien mit ihrem Lied„Döner-Killer“, welches im Jahr 2010 veröffentlicht wurde. In diesemLied singt die Band über eine Mordserie an Migranten. DieParallelen zu der NSU-Mordserie sind nicht zu übersehen. Die Opferwerden in diesem Lied verhöhnt und die Taten verunglimpft.Als im Jahr 2011 die Morde der NSU an die Öffentlichkeit gerieten,wurde der Sänger wegen Volksverhetzung angeklagt. Daniel Giesewurde daraufhin im Jahr 2012 zu 7 Monaten Haft auf Bewährungwegen Volksverhetzung verurteilt.Die Lunikoff Verschwörung„Die Lunikoff Verschwörung“ ist von Michael „Lunikoff“ Regenerim Jahr 2004 als Nachfolgeband von „Landser“ gegründet worden.Sie spielen Rechtsrock im Stil von „Landser“. Im Gegensatzzu „Landser“-Zeiten wird versucht, die Texte der Band von Gründenfür eine Indizierung oder Strafverfolgung freizuhalten. So istes der Band möglich, Live-Konzerte zu spielen. Die Band brachteseit der Gründung 2004 vier Studioalben heraus. Nur das aktuellsteim Jahr 2011 erschienene Album „L-Kaida“ wurde indiziert.Die Band ist auch auf „NPD-Schulhof-CDs“ und anderen rechtenMusik-Samplern vertreten.15


Kategorie C„Kategorie C“ ist eine rechte „Hooligan-Band“ aus Bremen. Mitwechselnden Besetzungen spielten sie unter den Namen „KategorieC“, „KC-Die Band“ und aktuell „Kategorie C–Hungrige Wölfe“oder nur „Hungrige Wölfe“. Die Bandmitglieder werden der rechtenHooliganszene zugeschrieben. Ihr Sänger Hannes Ostendorf istein Neonazi aus Bremen. Die Lieder der Band handeln von Fußball,Alkohol und Gewalt. Zwar versucht die Band, nach außen unpolitischzu wirken, nach ihrem Motto „Fußball bleibt Fußball und Politikbleibt Politik“, aber zum Beispiel in ihrem Lied „Deutschlanddein Trikot“ heißt es „Deutschland dein Trikot, das ist schwarz undweiß, doch leider auch die Farbe deiner Spieler.“ Zudem spieltedie Band auf rechten Veranstaltungen wie 2001 zum 20-jährigenJubiläum der rechtsextremen Hooligan-Gruppe „Borussenfront“oder dem Solidaritätskonzert für den damals inhaftierten „Landser“-FrontmannMichael Regener im Jahr 2006. Die Verbindungender Band zur rechten Szene sind eindeutig.EndstufeDie Band „Endstufe“ wurde 1981 in Bremen unter dem Namen„H2O“ gegründet. Nach einer Umbenennung in „Zyklon“, eineeindeutige Anlehnung an das Granulat Zyklon B, welches zur Vergasungin den Konzentrationslagern genutzt wurde, gab die Bandsich den Namen „Endstufe“. 1987 wurde ihre erste Platte veröffentlicht.Die deutschen Texte sind nationalistisch angelegt.StörkraftDie Band „Störkraft“ wurde 1987 gegründet. Anfang der 1990erJahre wurde sie durch mehrere Medienberichte zu einer der bekanntestenBands des Spektrums. Die äußerst prägnante Stimmedes Sängers und das typisch kurze melancholisch klingende Gitarrensolomit viel Hall sind die musikalischen Hauptmerkmale dieserBand.Oidoxie„Oidoxie“ ist eine Rechtsrock-Band aus Dortmund. Die Band wurde1995 gegründet und vertritt offen rassistische und nationalsozialistischeInhalte. Nachdem die Band mit dem von der Bundesprüfstelleindizierten Album „Schwarze Zukunft“ unter Druckgeriet, gestaltete die Band die Inhalte der in Deutschland veröffentlichtenLieder weniger eindeutig, um der Justiz keine weitereAngriffsfläche zu bieten. Die Band ist mit der freien Neonaziszenegut vernetzt und pflegte z.B. Kontakte zur verbotenen Vereinigung„Blood and Honour“.16 Rechts, oder was?!


KraftschlagDie rechtsextreme Band „Kraftschlag“ gründete sich in Itzehoe umden Frontmann Jens-Uwe Arpe. Im Jahr 1990 veröffentlichte dieBand ihre erste CD. Die Texte der Band sind außerordentlich aggressiv.Bei einem Konzert im September 1996 in Wuppertal billigteder Sänger Jens-Uwe Arpe vor etwa 50 Neonazis die Brandanschlägevon Mölln, Hoyerswerda, Rostock und Solingen sowie dieVernichtung der Juden im Nationalsozialismus. Dabei wurde derHolocaust teils geleugnet und teils gebilligt. Im Verlauf des Konzerteskam es zu Hitlergrüßen und nazistischen Parolen seitensder Konzertbesucher. Im Jahr 2000 wurde die Band in Deutschlandverboten. Bis dahin war sie eng in das internationale Rechtsrock-Netzwerk„Blood & Honour“ eingebunden.Textbeispiel: „Weiße Musik“„Wir sind eine weiße Rockband und spielen weiße Musik.Unsere Waffen sind die Instrumente und Melodien für den Sieg.“LandserDie 1992 gegründete Band „Landser“ zählt ebenfalls zu den bekanntestenNeonazi-Bands in Deutschland. Um unerkannt zu bleiben,trat die Band in ihrer ganzen Geschichte fast nie öffentlichauf. Zudem erfolgten die Aufnahmen für ihre CDs immer im Ausland,um der Strafverfolgung in Deutschland zu entgehen. In ihrenLiedern stacheln die Bandmitglieder unverhohlen zu Rassismusund Antisemitismus an und verherrlichen den Nationalsozialismus.2001 flog die Band auf. In der Folge wurden die Bandmitglieder2003 wegen der Einstufung als kriminelle Vereinigung zu HaftundBewährungsstrafen verurteilt. Die direkte Nachfolgebandvon „Landser“ nennt sich „Die Lunikoff Verschwörung“. Obwohldie Band „Landser“ nicht mehr existiert, hat sie bis heute in derrechtsextremen Szene Kultstatus.Textbeispiel: „Kanake verrecke“„Kanake verrecke - verfluchter Kanake!Du bist nichts weiter als ein mieses Stück Kacke!Du bist das Letzte - du bist nur Dreck,du bist nur Abschaum - du musst hier weg!“Weisse WölfeDie Band entstand 1998 im nordrhein-westfälischen Sauerland. Daserste Album „Weisse Wut“ aus dem Jahr 2002 wurde von der Bundesprüfstelleindiziert, es kam zu einem Verfahren wegen Volksverhetzungund Gewaltverherrlichung. Die Angeklagten wurden freigesprochen.Die Band hat gute Kontakte zu anderen rechten Musikernund Bands, wie z.B. „Oidoxie“ und „Sleipnir“. Die Texte sind äußerstrassistisch und antisemitisch und rufen zur Gewalt und Verherrlichungdes Nationalsozialismus auf.17


2.2 Rechter Hip-HopMakss DamageHinter dem Namen steht ein Rapper aus Gütersloh, der sich seitetwa 2008 im Internet präsentiert und sehr schnell zunächst in linkenKreisen bekannt wurde. Vor allem seine Texte, die zu Beginnseines Auftretens sozialistische und kommunistische Inhalte hatten,sorgten für Popularität.Ende 2010, Anfang 2011 wechselte „Makss Damage“ die Seiten undtaucht seitdem primär in rechten Kontexten auf. In einem Interviewmit dem Nazi Axel Reitz erklärte er seine Sympathien für rechtsextremeIdeologien und seine Beteiligung an rechtsextremen Demonstrationenin Wuppertal und Soest.2.3 LiedermacherDer Begriff Liedermacher bezeichnet einen Sänger, der Musik undTexte seines Programms überwiegend selbst schreibt. Die Präsentationbasiert auf der eigenen Interpretation und musikalischenBegleitung. Dabei wird großes Gewicht auf den anspruchsvollenGehalt des Textes gelegt. Seit einigen Jahren gibt es auch rechtsextremeLiedermacher, wie zum Beispiel Frank Rennicke und AnnettMüller, geb. Moeck.Anett Müller, geb. MoeckAnnett Müller, geb. Moeck, zählt mit zu den populären rechtsextremenLiedermacherinnen. Sie ist verheiratet mit dem ebenfallsrechtsextremen Liedermacher Michael Müller und ist Mitglied sowieAushängeschild der NPD. Ihre Lieder sind auf mehreren „Schulhof-CDs“vertreten. Ihre Stilrichtung ist eher dem Hardrock zuzuordnen.Jan-PeterJan-Peter Kersting ist ein Liedermacher aus Lippstadt. In seiner Musik,die nur von einer Gitarre begleitet wird, erzählt er emotionalaufgeladene Geschichten über das Soldatentum. Neben seinenSoloprojekten war er zeitweise Mitglied einiger Rechtsrock-Bands(z.B. „Sleipnir“) und Teil der „Böhse-Onkelz“-Cover-Band „FalschePropheten“. Auch auf den „Schulhof-CDs“ der NPD war er vertreten.Des Weiteren verfügt Jan-Peter über gute Kontakte nach Polen,Griechenland und Russland, wo er schon mehrere Konzerte gespielthat.18 Rechts, oder was?!


Frank RennickeFrank Rennicke wurde 1964 in Braunschweig geboren und gilt alsbeliebtester Liedermacher der rechtsextremen Szene. Er gehörtebis zum Verbot 1994 der rechtsextremen Organisation „Wiking-Jugend“an, danach wurde er Mitglied der NPD.Der musikalische Stil von Rennicke erinnert stark an ReinhardMey. Rennicke begleitet seine Texte mit Gitarrenmusik. SeineTexte greifen typisch rechtsextreme Themen und Wertvorstellungenwie Rassismus und Ausländerhass auf. Zudem glorifiziert erdie Wehrmacht und vertritt eine anti-amerikanische Haltung. ImJahr 2000 wurde Rennicke wegen Volksverhetzung zu einer Bewährungsstrafeverurteilt. Rennicke arbeitete aktiv an der „Schulhof-CD“der NPD mit und steuerte auch eins seiner balladenartigenStücke zu dieser CD bei.Textbeispiel: „An Deutschland“„Wir bleiben deutsch - wir sind nicht tot zu kriegen!Wir bleiben deutsch, von Norden bis nach Süden.|:Einst wird im deutschen Landedoch die Freiheit siegen!Allvater weiß auch schon,wann das geschieht:| ...Wir bleiben treu dem Erbe uns‘rer Ahnen!Wir bleiben treu dem deutschen Volk und Land!|:Wir halten hoch im Geist die schwarz-weiß-roten Fahnen,weil unter diesen Deutschland neu erstand:|“2.4 NationalsozialistischerBlack Metal (NSBM)„Nationalsozialistischer Black Metal“ (NSBM), im Englischen „NationalSocialist Black Metal“, ist die Bezeichnung für neonazistischeStrömungen im Black Metal. Die Musiker vertreten eine nationalsozialistischeGesinnung und verarbeiten diese in ihrem Auftretenund in ihrer Musik. Im NSBM werden heidnische und nationalsozialistischeElemente miteinander vermischt. Die NSBM-Szene istinternational organisiert.Absurd„Absurd“ ist eine eindeutig der rechtsextremen Szene zuzuordnendeBand, die ihren Kult- und Bekanntheitsstatus hauptsächlichmit einem durch die Gründungsmitglieder gemeinsam begangenenMord an einem 15-Jährigen im Jahr 1993 erreicht hat. Bei derTat waren die Bandmitglieder 17 Jahre alt. Nach Verbüßung ihrerHaftstrafe waren nur zwei von drei Gründungsmitgliedern nochaktiv. Bis zuletzt existierte die Band in wechselnden bzw. nicht eindeutigenFormationen.19


Totenburg„Totenburg“ ist eine rechtsextreme Band der NSBM-Szene. IhreMusik bezeichnet die Band selbst als „arisch“. Auf T-Shirts und CDsnennt sie sich dementsprechend „Thuringian Aryan Black Metal“.„Totenburg“ ist eine international aktive Band, deren Mitglieder inDeutschland zum Teil auch in anderen Rechts-Rock-Formationentätig sind.Benannt ist diese Band nach einem bestimmten Typus von Denkmälernzu Ehren gefallener Krieger, deren Bau besonders zur Zeitdes Nationalsozialismus geplant wurde.2.5 Projekt „Schulhof-CD“Musik ist in der rechten Szene ein wichtiges Medium zur Verbreitungmenschenverachtender Ideologie. Zudem ist sie ein identitätsstiftenderFaktor und trägt maßgeblich zum Zusammenhaltder Szene bei. Insbesondere Jugendliche lassen sich unmittelbarvon rechter Musik ansprechen und begeistern. Darum nutzt dierechte Szene Musik verstärkt als Werbemittel.So übernahm die NPD die Strategie der freien Neonazis, kostenlossogenannte „Schulhof-CDs“ vor Schulen und Jugendzentren zu Anwerbungszweckenzu nutzen. Bereits 2004 verteilte die NPD zumWahlkampf in Sachsen die CD „Schnauze voll – Wahltag ist Zahltag“.Ab August 2005 wurde bundesweit die zweite „Schulhof-CD“„Hier kommt der Schrecken aller Spießer und Pauker – Die NPDrockt den Reichstag“ verteilt. Seit 2009 bis heute werden jedesJahr „Schulhof-CDs“ produziert und verbreitet, teilweise als Wahlkampfwerbung(Niedersachsen 2013) der NPD. Außerdem stehensie im Internet kostenlos zur Verfügung. Der größte Teil wurde indiziert,darf also nicht öffentlich verbreitet werden. Das heißt jedochnicht, dass man die Inhalte nicht im Internet herunterladenkönnte.Allgemein kann man durch die konsequente Wahrnehmung desHausrechts von Schulen und anderen Einrichtungen die Verteilungder CDs untersagen.Seit etwa 2010 nutzen auch die „Autonomen Nationalisten“ ausverschiedenen Regionen das Konzept der „Schulhof-CD“. Unterdem Namen „Jugend in Bewegung“ wird die „Schüler-CD DES NA-TIONALEN WIDERSTANDS“ kostenlos angeboten. Die Inhalte sindvielfältig und beschränken sich nicht nur auf Musik, sondern bietenzahlreiche Texte, Videos und rechtsextremistische Handlungsmöglichkeitenan. Unter anderem enthält die CD Kontaktlisten zurechtsextremen Gruppen in Deutschland. Die Gestaltung der Inhalteund deren politische Ausrichtung stellen eine große Gefahrfür Jugendliche und junge Erwachsene dar, da hier viele Möglichkeitenzur Identifikation mit rechtsextremem Gedankengut angebotenwerden.20 Rechts, oder was?!


3. Rechtsextremismus im InternetDas Internet entwickelte sich in den letzten Jahren zum maßgeblichenMedium der rechten Szene. Zahlreiche rechte Parteien, Organisationenund Einzelpersonen verfügen über mehr oder minderprofessionelle Internetauftritte und Blogs.Laut „jugendschutz.net“ existierten im Jahr 2011 etwa 1671 Internetseitenmit eindeutig rechtsextremen Inhalten. Neben der reinenDarstellung von eigenen politischen Ansichten, wird das Internetals Plattform genutzt, um beispielsweise als relevant erachteteTagesgeschehnisse zu kommentieren und um miteinander in Kommunikationzu treten. Auch Termine für Demonstrationen oderTrauer- und Gedenkmärsche werden dort publiziert und beworben.Diverse Berichte, Videos und Fotos dieser Veranstaltungenwerden veröffentlicht. Gleichzeitig bietet das Internet geeigneteVoraussetzungen, um Sympathisanten oder Mitglieder zu rekrutierensowie bei Rechtsextremen beliebte Kleidung und Musik zuvertreiben. Des Weiteren erleichtert das Internet die Vernetzungder regionalen rechten Organisationen untereinander.Auch soziale Netzwerke wie Facebook, vk.com und Twitter sowieMediaplattformen wie Youtube werden von der rechten Szeneverstärkt genutzt, um auf sich aufmerksam zu machen und umihre Kommunikation nachhaltig zu gestalten. Zudem existierenForen, welche nur über Passwörter zugänglich sind. In diesem Zusammenhangwurden auch Partnerbörsen für Männer und Frauenmit rechtsextremer Gesinnung aufgebaut. Die Anzahl der rechtenRadiosender ging 2011 auf 17 zurück, 2010 waren es 20. Das hateinerseits mit Verboten einiger Sender zu tun, andererseits ist derZugang zu rechten Musik über Online-Stream einfacher geworden.Ende 2012, Anfang 2013 weichen viele Neonazis auf die russische„vk.com“-Seite aus, die als stärkster Konkurrent von Facebook gilt.„vk.com“ bietet eine sehr interessante Alternative zu Facebook,da es in Deutschland, wenn überhaupt, vermehrt unter russischsprachigenMenschen bekannt ist. Man bleibt so weniger kontrollierbardurch den politischen Gegner und staatliche Institutionen.Es gibt fast keine Begrenzungen, was die Darstellung der eigenenMeinung angeht: §§ 86a und 130 (Volksverhetzung und Verwendungverfassungsfeindlicher Symbole) gelten nicht. Die Vernetzungsmöglichkeitenmit osteuropäischen Neonazi-Netzwerkensind viel einfacher. Dazu kommt noch der uneingeschränkte Zugriffauf diverse Lieder und Videos mit rechtsextremen Inhalten.Insgesamt bietet das Internet für die rechte Szene eine Reihe vonVorteilen, die sie konsequent nutzt.Zum Thema Rechtsextremismus im Internet bietet die Internetseite„jugendschutz.net“ ausführliche und aktuelle Informationenan.21


4. Jugendliche SubkulturenUnter Jugendlichen gibt es verschiedene Subkulturen, die sich invielen Bereichen voneinander abgrenzen. Die Zugehörigkeit zudiesen Subkulturen spiegelt auch ein bestimmtes Lebensgefühl.Um die Subkulturen von den rechtsextremen, rechtsradikalenund rechtsorientierten Jugendlichen abgrenzen zu können, ist eswichtig, Informationen über sie zu haben. Auffällig ist, dass immermehr rechtsradikale Jugendliche versuchen, die einzelnenSubkulturen zu unterwandern, indem sie teilweise Kleidungsstilekopieren oder Musikrichtungen anderer Subkulturen mit rechtsextremenTexten füllen. Besonders interessant ist hierbei die Gothic-Szene,da diese sich unter anderem intensiv mit germanischerGeschichte und Symbolen identifiziert. Im Folgenden werden einigeSubkulturen näher vorgestellt.4.1 SkinheadsDie Subkultur der Skinheads ist nicht, wie häufig angenommen, mitder Neonaziszene und nationalsozialistischem Gedankengut gleichzusetzen.Die Subkultur der Skinheads basiert ursprünglich auf anderenHintergründen, Normen und Werten, als den durch die Medienvermittelten gefestigten Vorurteilen und Verallgemeinerungen.Roots, Spirit of ’69 und ’76, Oi! Oi! Oi!Die Skinhead-Bewegung hat ihren Ursprung in den britischen Arbeiterviertelnder 1960er Jahre. Allen voran ist hier Londons East Endzu nennen. Die Subkultur entwickelte sich zum Teil aus der Kulturder Mods: Aus Mangel an finanziellen Mitteln wandten sich die ausder Arbeiterschicht stammenden Jugendlichen vom dandyhaftenStil ab. Sie lehnten schicke Kleidung und kostspielige Drogen ab undkleideten sich auch an den Wochenenden genauso wie an ihren hartenWerktagen: Jeans, Arbeiterstiefel (Boots) und einfache Hemdenwurden ihr „Markenzeichen“. Preiswertes Bier war ihre Antwort aufden Konsum der wohlhabenderen Jugendlichen.Das Bewusstsein, aus der Arbeiterklasse zu stammen, zeichnete sichnicht nur an der Kleidung ab, sondern manifestierte sich deutlich imStolz auf die Zugehörigkeit zur „working class“. Im Jahr 1969 hattedie Skinhead-Bewegung ihre erste Hochphase, bei der sich die bisdato nebeneinander existierenden unterschiedlichen Strömungenzusammenschlossen und vor allem in den Fußballstadien Englandsmit hoher Präsenz auftraten.Später, im Jahr 1976, fand eine schwierige, aber bedeutungsschwereZusammenführung der gerade entstehenden Punk- und derSkinhead-Bewegung statt. Hier trat die zweite Generation der Skinheadsauf. Nachdem erste Barrieren genommen waren und sogareinige Mitglieder der älteren Generation durch soziologische Umständemitzogen, gilt bis heute im Sinne des Geistes dieser Zeit derSpruch „if the kids are united“ (ein Zitat der Band „Sham 69“). In22 Rechts, oder was?!


den Anfangstagen hörte man als Skinhead Early Reggae, Ska undNorthern Soul. Später kam mit dem Punk eine Musikform auf, derenSchlachtruf ein dreifaches „Oi“ war. Sie ist eine Spielart des Punkrock.Skinheads und RechtsradikalismusNeben dem „working class-Bewusstsein“ ist die Skinhead-Subkulturvon ihren Wurzeln her eigentlich unpolitisch. So entdeckten und adaptiertenfaschistische Gruppen das martialische Outfit der als rebellischund gewalttätig geltenden Jugendkultur für sich. Trotzdemist die Subkultur der Skinheads eine heterogene Szene, in der heuteviele verschiedene Denkweisen zu finden sind. Der Rechtsradikalismusallerdings zählt nicht zu den Wurzeln der Bewegung. Anhängerdieser Kultur sprechen für sich: Echte Skinheads sind keine Nazis.Als Gegenpol zur Entwicklung der Naziskins bildeten sich Ende der80er Jahre antifaschistische Skinheadbewegungen, wie z.B. dieSHARP (Skinheads Against Racial Prejudice) und die Red und AnarchistSkinheads (RASH).HammerskinsDie Hammerskins sind eine rechtsextremistische Gruppierung vonSkinheads, die 1986 in den USA gegründet wurde. Sie haben einenelitären Anspruch und die Zielsetzung, eingeteilt in Divisionen, alle„weißen“ Skinheads der Welt in einer „Hammerskin Nation“ zu vereinigen.Laut Verfassungsschutz gibt es in Deutschland um die 100Anhänger dieser Gruppierung. Das Symbol der Hammerskins zeigtzwei gekreuzte Zimmermannshämmer, die im Selbstverständnis derHammerskins für die „weiße Arbeiterklasse“ stehen. Die Gruppierungist international vertreten und führt unter anderem Trainingsmit paramilitärischer Ausrichtung durch - und betreibt Läden sowieVersandhandel.Boots & Braces – das ErscheinungsbildDurch ihre Wurzeln in der englischen Arbeiterklasse haben Anhängerdieser Subkultur ein einfaches, aber martialisches Erscheinungsbild.Wichtigstes Detail ist wohl der rasierte Kopf. Bei traditionellenSkinheads ist es üblich, die Haare mit einem Akkurasierer so kurz zuscheren, dass man die Kopfhaut sehen kann, dabei kann die Längeder Haare durchaus noch variieren. Bei neonazistischen Skinheadsist eine Nassrasur eher üblich. Bei Kleidungsstil und Erscheinungsbildwird im Allgemeinen auf große Schnörkel verzichtet: Beliebtist eine einfache und praktische, aber auch stilvolle Kleidungsart.Typisch sind hochgekrempelte Jeans und Arbeitsstiefel. Häufig werdendie Hosen mit Hosenträgern am richtigen Platz gehalten. DieStiefel gibt es in verschiedenen Varianten unterschiedlicher Farbenund Höhe – mit Stahlkappen oder ohne. Gern getragen werdenHemden der Marken Ben Sherman und Fred Perry (siehe Beklei-23


dungsmarken), aber auch Band-Shirts oder T-Shirts mit Motiven,die in irgendeiner Form das Lebensgefühl des Trägers wiederspiegeln.Pullover und Pullunder mit Rundhals- oder V-Ausschnitt gehörenebenso zum Standard-Outfit eines traditionellen Skinheads.Spekulationen über die Farbe der Schnürsenkel in den schwerenStiefeln eines Skinheads sind in erster Linie ein Mythos: Auf wessenErfindung er zurückgeht und wer sich tatsächlich daran orientiert,ist völlig unklar. Ein klarer Rückschluss auf politische oder sonstigeGesinnung kann aus der Farbe der Schnürsenkel sicherlich nicht gezogenwerden.4.2 „Autonome Nationalisten“Die „Autonomen Nationalisten“ bilden an sich zwar keine eigeneSubkultur, übernehmen in ihrem Auftreten, ihrer Kleidung und demvon ihnen praktizierten Aktionen jedoch viele Elemente modernerJugendkultur.Modisch orientieren sie sich stark an der Skater- und der Fußball-Ultraszene.Cargo-Hosen, Sneaker, Windbreaker und Kapuzenpulloverunterstreichen ihren urbanen Lebensstil, der sich z.B. auch in dergehörten Musik widerspiegelt. Sie hören Deutschpop und Indy-Musikund benutzen Street-Art und eine popkulturelle Symbolik fürihre politischen Botschaften. Angelehnt ist das Erscheinungsbild andie linke autonome Szene, deren Aktionsformen und Erkennungszeichendie „Autonomen Nationalisten“ kopieren. Weitere Informationendazu finden sich im Kapitel 7.4 „Autonome Nationalisten“ /Freie Kräfte.5. BekleidungsmarkenBekleidungsstile und Bekleidungsmarken sind ein wichtiges Mittelfür Jugendliche, ihre Zugehörigkeit zu den verschiedenen Subkulturendeutlich zu machen. Allerdings sind solche Zuordnungennicht in jedem Fall eindeutig. Ein Jugendlicher, der ein Elementdes Kleidungsstils einer bestimmten Subkultur trägt, muss nichtzwangsläufig zu dieser Subkultur gehören. Auch lässt sich nichtjede Bekleidungsmarke einem bestimmten Spektrum zuordnen.Viele der Marken, die z. B. gerne von rechtsextremen Jugendlichengetragen werden, distanzieren sich häufig ausdrücklich vomrechten Spektrum. Genaue Zuordnungen lassen sich also nur dannvornehmen, wenn die getragene Modemarke ein eindeutiges Bekenntniszur rechten Szene darstellt. Daher wird die folgende Auflistungnach dem Bekenntnisgrad aufgestellt.5.1 Von der Szene für die Szene – NazimodeAufgelistet werden hier Modemarken, die von Rechtsextremenproduziert und vertrieben werden. In fast allen Fällen ist von einerbewussten Zugehörigkeit zur rechten Szene auszugehen.24 Rechts, oder was?!


ConsdapleDer Name der Bekleidungsmarke leitet sich von dem englischenBegriff „constable“, also „Schutzmann“ ab. Die Consdaple-Kleidungwurde von Neonazis entworfen und erfreut sich in der rechtenSzene großer Beliebtheit aufgrund der im Namen auftauchendenBuchstabenkombination NSDAP. Dieser Teil des Namens ist der einzigsichtbare Teil z.B. unter einer geöffneten Jacke. Der Schriftzugist nicht zufällig an den der Marke „Lonsdale“ angelegt: Die Marke„Consdaple“ wurde vom Betreiber des rechtsextremen Patria-Versandesauf den Markt gebracht, nachdem „Lonsdale“ den Liefervertraggekündigt hatte. Das Angebot reicht von Aufnähern überKappen bis hin zu T-Shirts und Bomberjacken und hat somit ein vielfältigesSpektrum.Erik and Sons„Erik and Sons“ wurde 2007 gegründet. Die Modemarke weist engeVerbindungen zu „Thor Steinar“ auf. Nicht nur die optische Gestaltungder Kleidung ist ähnlich, die Marke wird unter anderem vonPersonen vertrieben, die früher mit dem Vertrieb von „Thor Steinar“zu tun hatten. Inzwischen wird die Marke als eine starke Konkurrenzgesehen. In der Szene ist die Marke umstritten, da man vermutet, esgehe dabei nur um Profit.Dobermann StreetwearDer Name der Bekleidungsmarke „Dobermann Streetwear“ beziehtsich auf die deutsche Hunderasse Dobermann, die den Ruf einesbesonders scharfen Wachhundes hat. Angelehnt ist der Name andie beliebte Marke „Pit Bull Germany“, die sich offiziell vom Rechtsextremismusdistanziert. Damit bietet die Marke eine Ausweichmöglichkeit.„Dobermann Streetwear“ ist auf den kommerziellen Vertrieb ausgelegtund erfährt immer größere Popularität. Das Spektrum desAngebots reicht über Hosen und T-Shirts bis hin zu Baseball-Kappen.Das Angebot ist zum Teil auch mit eindeutig rechter Symbolikversehen.Der Geschäftsführer von „Dobermann-Deutschland“ ist zweifellosder rechtsextremen Szene zuzuordnen. 1981 stand der Geschäftsmannvor Gericht, weil er im Namen einer „Rassistischen Liga“ beieinem Anschlag auf Migranten zwei selbstgebaute Sprengsätze detonierenließ.Masterrace Europe„Masterrace Europe“ bedeutet übersetzt „Herrenrasse Europa“.Der eindeutige Name lässt nicht viel Raum zur Deutung der politischenGesinnung. Sie ist bei Neonazis sehr beliebt und wird ausschließlichüber neonazistische Versände vertrieben.25


Hatecrime„Hatecrime“ ist eine Marke mit Sitz in den USA, deren Bekleidungauch in Deutschland über neonazistische Versände angeboten wird.„Hatecrime“ bedeutet ins Deutsche übersetzt „Hassverbrechen“. Inden USA gibt es für den Begriff eine gesetzliche Definition, welchelautet: „a criminal offense committed against a person, property orsociety, which is motivated, in whole or in part, by the offender’sbias against a race, religion, disability, sexual orientation, or ethnicity/nationalorigin“.Das bedeutet wörtlich übersetzt: „Eine Straftat gegen eine Person,gegen Eigentum oder die Gesellschaft, die im Ganzen oder in Teilenmotiviert ist durch die Vorurteile des Täters gegen eine Rasse, eineReligion, eine Behinderung, eine sexuelle Orientierung oder eineethnische/nationale Herkunft. “Diesen Begriff bewusst plakativ zu verwenden, soll die Missbilligunggegen ein Gesetz dieser Art und die positive Einstellung zu rechtenGewalttaten nach außen tragen. Eine Anmeldung der Marke „Hatecrime“in Deutschland wurde im Jahr 2003 vom deutschen Marken-und Patentamt abgelehnt mit dem Hinweis auf „Verherrlichungeiner auf Hass beruhenden Kriminalität“.H8wear (Hatewear)„H8wear“ ist eine Bekleidungsmarke, die aus dem Umfeld organisierterNeonazis kommt. Sie richtet sich speziell an Fans von Hardcore-Musik,ist aber auch in anderen Kreisen beliebt. Der Name„H8wear“ (sprich Hatewear) lässt sich übersetzen mit „Hasskleidung“.Das Einbinden der Zahl in den Namensbeginn ist ein Spielmit dem Code HH bzw. 88, was als zusätzliche Bedeutung nebendem Namen für ein „Heil Hitler“ steht. Die Zahlen stehen hier synonymfür die Stellung des Buchstabens „H“ im Alphabet.Thor Steinar„Thor Steinar“ ist eine Marke, die eindeutig der rechten Szene zuzuordnenist. Sie hat einen sportlichen Stil, ist eher unauffällig undfür Außenstehende schwer als rechte Marke zu erkennen.Vor einigen Jahren geriet die Marke unter verstärkte Beobachtungund juristischen Druck, da das damals verwendete Logo der Firmastark einer verbotenen Rune ähnelte und damit für mehrereStaatsanwaltschaften den Straftatbestand des Verwendens vonKennzeichen verfassungswidriger Organisationen erfüllte (siehe 1.Logo). Daraufhin änderte die Firma ihr Markenlogo (siehe 2. Logo).Die Motivdrucke der Marke „Thor Steinar“ nehmen meist Bezugauf einen heidnisch-germanischen Hintergrund. Oftmals glorifizierensie die Wehrmacht (z.B. das T-Shirt „Heia Safari“, was aufein Marschlied der deutschen Afrika-Kämpfer anspielt). Insgesamtwird gern mit Andeutungen in einer Grauzone knapp unterhalbder Strafbarkeitsgrenze gespielt. „Thor Steinar“ stellt Kleidung fürHerren, Damen und Kinder her.26 Rechts, oder was?!


ReconquistaDiese Modemarke war seit 2008 vom Markt verschwunden undtauchte seit etwa 2010 mit dem Namen „Reconquista reloaded“wieder im Netz auf. Die Marke stellt Alltags- und Sportkleidungher, in denen versteckt rechte und diskriminierende Botschaftentransportiert werden. Der Name der Marke allein gibt schon dieRichtung vor, nämlich die „Rückeroberung“ der iberischen Halbinseldurch Christen, die von Muslimen besetzt war. Im Gegensatzzu anderen Modemarken werden die Inhalte verborgen und nichtdirekt dargestellt, was Außenstehenden die eindeutige Zuordnungerschwert bzw. unmöglich macht.PatriotBei der Marke „Patriot“ reicht das Angebot von Ansteckern bis zuJacken und Pullovern. Auch diese Marke kann eindeutig dem rechtenSpektrum zugeordnet werden.Rizist„Rizist“ gehört zu den jüngeren Marken, die trotz ihrer unauffälligenErscheinung der rechten Szene zuzuordnen ist. Die Kleidungist oftmals mit Graffitis versehen und richtet sich vom Stil her anKunden aus der Hip-Hop- oder Skater-Szene. Die Hersteller versuchen,über das Design Kunden am rechten Rand zu erreichen.White RexHinter dieser Modemarke steht ein russisches Projekt, das sichnicht nur auf die Produktion von Freizeitbekleidung und Sportequipmentkonzentriert, sondern sehr intensiv im Sportbereichtätig ist. White Rex benutzt die Schwarze Sonne oder Tyr- undOdal-Runen (s.u. im Kapitel Symbole) als grafische Elemente. Auchdas Entstehungsdatum der Firma hat einen Bezug zur rechten Szene– 14.08.08, was klar auf 14/88 anspielt. White Rex veranstaltetin ganz Russland MMA (Mixed Material Art-Kampf)-Turniere. Diesefinden auch teilweise im Ausland statt (Ukraine, Weißrussland),2013 war ein Turnier in Rom geplant. Das Projekt arbeitet nichtnur mit rechtsnahen Symbolen, sondern propagiert die Wiedererstehungdes paneuropäischen Kampfgeistes. Auf der Internetseiteheißt es: „Unter dem Druck der Propaganda fremder Werte habendie weißen Völker Europas ihren innovativen Entdeckergeist, denGeist des Kämpfers, den Geist des Kriegers eingebüßt! Eine derHauptaufgaben von White Rex besteht darin, diesen Geist wiederzuerwecken.“Außerdem pflegt „White Rex“ intensive Kontakte zur rechten Musikszeneund bekanten Neonazis in Russland.27


Ansgar AryanDiese Modemarke ist etwa seit Frühling 2009 auf dem Markt. DerName hat einen konkreten politischen Bezug zur rechten Szenemit dem englischen Wort Aryan (deutsch: Arier). Zum Anderemwird eine Anknüpfung an die Saga von Ansgar vorgenommen, wasdie Verbindung zur skandinavischen Mythologie herstellt.Die Marke wurde in der rechten Szene erst nicht gut aufgenommen,da sie teuer war und wenig den „deutschen“ Vorstellungenentsprach. Dennoch konnte die Firma „Nordic Tex“ Kundschaft gewinnen,unter anderem mit der Unterstützung von sozialen undgemeinnützigen Projekten privater Träger im rechten Spektrum,wie z.B. der „HNG“ (Hilfsorganisation für nationale politische Gefangeneund deren Angehörige).5.2 Von der Szene getragenDie folgenden Marken werden von den Angehörigen der rechtenSzene zum Teil gern getragen, sind allerdings auch generell oderin anderen subkulturellen Zusammenhängen populär. Eine Zuordnungzur rechten Szene allein aufgrund des Tragens dieser Markendarf nicht vorgenommen werden! Es sollten zusätzlich andere Indizienüberprüft werden.Alpha Industries„Alpha Industries“ ist eine kommerzielle Marke aus den USA. Angebotenwerden qualitativ hochwertige sportliche Bekleidungenbis hin zu Bomberjacken. „Alpha Industries“ ist Ausstatter der US-Army und hat keinerlei Verbindung zu neonazistischen Kreisen.Die Marke ist in der rechten Szene sehr beliebt, weil das Logo derBekleidungsfirma, das meistens als Brustemblem auf der Kleidungzu sehen ist, dem verbotenen Zivilabzeichen der SA ähnelt.Ben ShermanBen Sherman galt auf der Londoner Carnaby-Street der 1960erJahre, dem Zentrum der Musik- und Partykultur, als Mode-Ikone.Der typische Stil seiner Hemden wird von Skinheads seit Ende der1960er Jahre gern getragen. Die Marke ist in vielen Kreisen sehrbeliebt und hat keinen politischen Hintergrund.Doc Martens„Doc Martens“ stellt traditionell schwere Arbeiterstiefel her. Diesegibt es in verschiedenen Varianten mit und ohne Stahlkappe. DieSchuhe der englischen Marke sind in allen Subkulturen beliebt, siehaben seit Jahren Kultstatus.28 Rechts, oder was?!


BomberjackeDie Bomberjacke ist eine Nachbildung der Jacke der US-amerikanischenBomberpiloten im Zweiten Weltkrieg. Die Beliebtheit derBomberjacke hat weniger politischen als ästhetischen Grund: Siewirkt martialisch und täuscht ein breites Kreuz vor. Typisch sindder nicht vorhandene Kragen und das meist orangefarbene Innenfutter.Für Lokalpatrioten gibt es die Jacken mittlerweile mit demAufdruck fast jeder Stadt / jedes Stadtteils.Troublemaker„Troublemaker“ bedeutet im Deutschen so etwas wie „Krawallmacher“und signalisiert die Gewaltbereitschaft seines Trägers.Diese Marke ist bei Hooligans und Skinheads ebenso beliebt wieim Rockermilieu. „Troublemaker“ wird auch über neonazistischeVersände und Läden vertrieben.Fred PerryFred Perry ist eine Ikone der Skinhead-Bewegung, weil er der ersteWimbledon-Sieger war, der aus einfachen Verhältnissen stammte.Die typischen Fred-Perry-Hemden gibt es seit den 1950er Jahren.Sie waren schon bei den 69er Skinheads beliebt, die kein grundlegendesInteresse an Politik, sondern vielmehr an ihren Idealenhatten und stolz auf ihre Herkunft aus der Arbeiterklasse waren.Typisch für die Bekleidungsmarke „Fred Perry“ sind ihre Hemden,Pullunder (meist mit V-Ausschnitt) und Jacken. Der Lorbeerkranzals Zeichen des Siegers ist auch bei den Rechten geschätzt undwurde über die Jahre stilbildendes Modeelement in der Szene. Ansonstenerklärt sich die Nutzung dieser Marke bei rechtsorientiertenPersonen nur durch die Übernahme aus der Skinhead-Szeneund der Tatsache, dass die T-Shirts zum Teil mit schwarz-weiß-rotemKragen erhältlich sind. Ironischerweise tragen Neonazis dieseKleidung meist mangels ausreichender Kenntnis über das Idol derArbeiterbewegung, denn Fred Perry war jüdischen Glaubens.Die Firma distanziert sich ausdrücklich von rechten Kreisen undunterstützt antirassistische Projekte. Nichtsdestotrotz werdenProdukte dieser Marke in neonazistischen Läden und über entsprechendeVersände verkauft.Pro-Violence und SportfreiDie Bekleidungsmarke „Pro-Violence“ richtet sich insbesonderean die (rechte) Hooligan-Szene. Die Kleidung ist über rechte Versandhäuserund Läden, zum Teil auch im Rockermilieu erhältlich.Die Hersteller von „Pro-Violence“ kommen aus der MagdeburgerHooligan-Szene und sponsern häufig mit ihrer Kleidung Ordnerdienstevon neonazistischen Konzerten und Aufmärschen.29


Lonsdale„Lonsdale“ ist eine englische Traditionsmarke für Sportbekleidung,speziell für den Boxsport. Diese Bekleidung wird auch gernevon Skinheads getragen. Die Marke kam in den Verruf, eine Neonazi-Markezu sein, weil sie die Buchstaben NSDA enthält. Andersals bei der nachempfundenen Bekleidung von „Consdaple“ fehlthier allerdings das P. Außerdem scheitert die Behauptung einergewollten Spielerei im Namen allein daran, dass die Firma „Lonsdale“elf Jahre vor der Partei NSDAP gegründet wurde.„Lonsdale“ hat sich Ende der 90er Jahre vehement vom neonazistischenKundenkreis distanziert, stellte für viele Läden und Versändeder rechten Szene die Belieferung ein und unterstützt antirassistischeKulturinitiativen.Der markante Schriftzug ist Vorbild und Modefragment der neonazistischenSzene geworden. Viele der in neonazistischen Kreisenhergestellten Modeartikel tragen den Markennamen oder andereParolen in demselben Schriftstil.PitbullDie Bekleidungsmarke „Pitbull“ hat sich nach der als aggressiv geltendenHunderasse benannt. Das Angebot ist enorm und reichtweit über den Standard hinaus bis hin zu kugelsicheren Westen.„Pitbull“ ist beliebt im Rocker- und Hooligan-Milieu sowie inrechten Kreisen, allerdings stellte der Geschäftsführer schon voreinigen Jahren seine Position gegen Rassismus klar. Einer derGeschäftsführer ist Türke, zudem werden in dem Betrieb auchausländische Mitarbeiter beschäftigt.6. Symbole und Codes in der rechten SzeneSymbole in der rechten Szene stehen für eindeutige politischeBotschaften und vermitteln den Trägern ein Wir-Gefühl. Es gibtoffene und verschlüsselte Symbole. Die offenen Symbole lassensich häufig aus dem Nationalsozialismus herleiten und sind rechteindeutig. Die verschlüsselten Symbole sind jedoch meist nur einErkennungsmerkmal für Gleichgesinnte und lassen sich oft nurschwer zuordnen.6.1 ZahlencodesZahlencodes sind beliebte Verschlüsslungen für oftmals auchstrafrechtlich relevante Begriffe, Grußformeln und Organisationszeichen.Die Zahlen stehen meist synonym für die Stellung desBuchstabens im Alphabet.30 Rechts, oder was?!


14 WordsDamit sind die 14 Worte des US-amerikanischen Ku-Klux-Klan-Anhängersund inhaftierten Gewalttäters David Lane gemeint. DieFormel lautet: „We must secure the existence of our people anda future for white children.” („Wir müssen den Fortbestand unsererRasse bewahren und die Zukunft der weißen Kinder sicherstellen.“).Der Zahlencode - auch in Kombinationen wie 14/88 - findetsich als Grußformel in Briefen von Rechten, in ihren Publikationenoder als Endung von e-Mail- und Website-Adressen wieder.18Der Zahlencode 18 steht für Adolf Hitler. Das A ist der erste Buchstabeim Alphabet, das H der achte.1312/ACABDer Code 1312 steht für die englischsprachige Parole „All Cops AreBastards“ (Alle Bullen sind Bastarde), auch abgekürzt durch ACAB.ACAB ist eine häufige Gefängnistätowierung in Großbritannien. Inden 1970er und 1980er Jahren wurde die Parole von den Jugendsubkulturendes Punk und des Oi! aufgegriffen und fand späterauch in der rechtsextremen Szene Verbreitung. Teilweise wird dieParole heute durch den Code 1312 abgekürzt. Das A ist der ersteBuchstabe im Alphabet, das C der dritte und das B der zweiteBuchstabe.168:1168:1 ist der Code für einen rechtsextremistischen Terroranschlag1995 in Oklahoma (USA), bei dem 168 Menschen durch ein Bombenattentatdes Rechtsextremisten Timothy McVeigh ums Lebenkamen. Der Code soll das „Ergebnis“ ausdrücken.88Der Zahlencode 88 steht für die verbotene Grußformel „Heil Hitler“.Das H ist der achte Buchstabe im Alphabet.31


6.2 AkronymeWAR / WAWDiese Akronyme stehen für „White Aryan Resistance“ (WAR) unddie deutsche Übersetzung „Weißer Arischer Widerstand“ (WAW).Ein eindeutiger Bezug zum Rechtsextremismus, Rassismus undNationalsozialismus geht schon aus dem Namen hervor.RaHoWa / Racial Holy WarRaHoWa ist eine Abkürzung des englischen Spruches „Racial HolyWar“ was sich in deutscher Sprache als „Heiliger Rassenkrieg“übersetzen lässt.ZOGZOG steht für den englischen Slogan „Zionist Occupied Government“,was übersetzt „Zionistisch besetzte Regierung“ bedeutet.Dahinter stehen antisemitische und rassistische Gedanken sowieVerschwörungstheorien über die Weltherrschaft der Juden.6.3 SymboleDie Rechtsextremen bedienen sich eines breiten Spektrums anSymbolen, die sich grob in zwei Kategorien aufteilen lassen: strafbarund nicht strafbar. Das heißt, das Tragen und Zurschaustellendieser Symbole ist verboten und kann zur Anzeige gegen die verantwortlichePerson führen. Auch der Besitz von großen Mengender verfassungswidrigen Symbole kann angeklagt werden, falls derVerdacht besteht, dass diese zu Propagandazwecken eingesetztwerden. Die in der Broschüre aufgelisteten Symbole entsprechendem Stand von Anfang 2011. Da permanent Verbotsverfahren eingeleitetwerden, empfiehlt es sich, regelmäßig zu überprüfen, obSymbole aktuell verboten wurden.6.3.1 Strafbare Symbole /Symbole verbotener OrganisationenIn diesem Kapitel sind unter anderem Symbole der Organisationenaufgeführt, die im Lauf der Geschichte als rechtsextrem undverfassungsfeindlich eingestuft und verboten wurden. Im Rahmendes Verbotsverfahrens wurden auch die Symbole und Logos derOrganisationen verboten.32 Rechts, oder was?!


Gau-Abzeichen/Gau-DreieckDas Gau-Abzeichen ist ein Dreieck (Gau-Dreieck) oder ein Rechteckmit dem Namen des jeweiligen Bundeslandes bzw. „Gaus´“(z.B. Schlesien) in weißer Schrift auf schwarzem Grund. Durch dieAnlehnung an die Abzeichen, die an den Uniformen der Hitlerjugendgetragen wurden, gelten die sogenannten Gau-Dreieckemittlerweile als Kennzeichen verbotener Organisationen.Blood & HonourDer Name der 2000 vom Bundesinnenministerium verbotenenNeonazigruppierung „Blood & Honour“ (Blut und Ehre) lehnt sichan den Wahlspruch der SS und die Nürnberger Rassegesetze derNationalsozialisten an. Der Name wird oftmals als B&H oder alsZahlencode 28 (zweiter und achter Buchstabe des Alphabets, BH)abgekürzt.Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP)Die „Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei“ (FAP) wurde 1995 vomBundesinnenminister verboten. Ihr Symbol, der Zahnkranz, der inder NS-Zeit das Hakenkreuz umrahmte, wurde auch von der nationalsozialistischen„Deutschen Arbeitsfront“ verwendet.Deutsche Alternative (DA)Die „Deutsche Alternative“ (DA) wurde 1992 als bundesweite Organisationmit Sitz in der ehemaligen DDR durch das Bundesinnenministeriumverboten.Direkte Aktion Mitteldeutschland/JFSymbol des 1995 – eineinhalb Jahre nach seiner Selbstauflösung– vom brandenburgischen Innenministerium verbotenen Neonazivereins„Direkte Aktion Mitteldeutschland/JF“ (DA/JF), einerNachfolgeorganisation der „Nationalistischen Front“.Doppel-Sig-Rune1933 erhielt der Grafiker Walter Heck den Auftrag, ein Symbol fürdie SS zu entwickeln. Heck verdoppelte die Sig-Rune als visuelle Alliterationfür die zwei „S“ der Schutzstaffel. Als Ersatzsymbol wirdoft das nicht verbotene schwarze Sonnenrad verwendet.33


Aktion Ausländerrückführung (AAR)Die Organisation „Aktion Ausländerrückführung“ (AAR) wurde1983 durch das Bundesinnenministerium verboten.Sturmabteilung (SA)Das öffentliche Zurschaustellen des Kennzeichens der nationalsozialistischen„Sturmabteilung“ (SA) ist nach § 86a StGB strafbar.Nationale Liste (NL)Die „Nationale Liste“ (NL) wurde 1992 vom Bundesinnenministerverboten.HakenkreuzDas Hakenkreuz galt als sogenanntes Sonnenrad in vielen altenKulturen als Zeichen für Fruchtbarkeit und Leben. Die NSDAP nutztees als „Heils-Symbol der Arier“.Hakenkreuz – negativ(s.o.) Gilt darüber hinaus als Symbol der 1983 verbotenen „AktionsfrontNationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten“ (ANS/NA)Hakenkreuz – seitenverkehrts.o.Swastika-KreuzDas altindische Swastika-Kreuz gilt als verändertes Hakenkreuz. Eswurde in ähnlicher Form in den Symbolen des „Deutschen Frauenwerkes“und der „NS-Frauenschaft“ verwendet.Heimattreue Vereinigung Deutschlands (HVD)Die „Heimattreue Vereinigung Deutschlands“ (HVD) wurde 1993vom Innenministerium Baden-Württemberg verboten.Wolfsangel (quer)Zeichen für „Hitler Jugend-Adjutant“.34 Rechts, oder was?!


KeltenkreuzUrsprünglich handelt es sich bei dem Keltenkreuz um ein keltischesGrabkreuz aus dem 6. Jahrhundert. In der neonazistischen Bewegunggehört es als Zeichen für „die Überlegenheit der weißen,nordischen Rasse“ zu den beliebtesten Symbolen. Gleichzeitig solldamit das gemeinsame kulturelle Erbe der „nordischen Rasse“ symbolisiertwerden. Das Keltenkreuz findet sich auf CD- und Plattencovern,T-Shirts, Aufnähern etc. Seine Strafbarkeit war bis vor kurzemumstritten. Da das Keltenkreuz in der Fahne der neonazistischen„Volkssozialistischen Bewegung Deutschland/Partei der Arbeit“(VSBD/PdA) Verwendung fand, die vom Bundesinnenminister 1982verboten wurde, gilt es als Kennzeichen einer verfassungswidrigenOrganisation im Sinne der §§ 86, 86a StGB, dessen Verwendung imZusammenhang mit der VSBD/PdA strafbar ist. Mit dem Beschlussdes Bundesgerichtshofes vom 1. Oktober 2008 ist nun auch eineisolierte Darstellung des gleichschenkligen Keltenkreuzes strafbar.Kameradschaft OberhavelDie „Kameradschaft Oberhavel“ wurde 1997 durch das brandenburgischeInnenministerium verboten.White YouthDas Kennzeichen der im September 2000 vom Bundesinnenministeriumverbotenen „White Youth“-Organisation, der Jugendorganisationvon „Blood & Honour“, besteht aus einem roten Dreieckund einer schwarzen Triskele auf einem weißen Kreis in der Mitte.Sieg- oder Sig-RuneDie Sig-Rune war ein altes germanisches Symbol für Thor, den Donnergott,und soll den Blitz symbolisieren, der schon in der germanischenMythologie für „Sieg“ und „Lösung“ stand. Die einfache Sig-Runewar bis 1945 das Abzeichen des „Deutschen Jungvolkes“ und istdaher als Kennzeichen einer verbotenen Organisation strafbar.Sig-Rune mit waagerechten Spitzen(s.o.) Kennzeichen der verbotenen „Aktionsfront Nationaler Sozialisten/NationalerAktivisten“ (ANS/NA).Nationale Offensive (NO)Die neonazistische Sammlungspartei „Nationale Offensive“ (NO)wurde vom Bundesinnenministerium 1992 verboten.35


Nationaler Block (NB)Der „Nationale Block“ (NB) wurde 1993 vom bayerischen Innenministeriumverboten.Nationale Sammlung (NS)Die „Nationale Sammlung“ (NS) wurde 1989 vom Bundesinnenministeriumverboten.Nationalistische Front (NF)Die „Nationalistische Front“ (NF) wurde 1992 vom Bundesinnenministeriumverboten.ReichskriegsflaggeDie Reichskriegsflagge war die Kriegsflagge des NorddeutschenBundes und des Deutschen Reichs von 1867 bis 1921. Von denNationalsozialisten wurde die Reichskriegsflagge bis 1935 ohnedas Hakenkreuz verwendet, danach kam das Hakenkreuz hinzu.Das öffentliche Zeigen/Tragen der Reichskriegsflagge ohne Hakenkreuzwird in den Bundesländern unterschiedlich geahndet.In Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen, Berlin, Brandenburg,Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland stellt das öffentlicheZurschaustellen einen „Verstoß gegen die öffentliche Ordnung“dar: Die Fahne wird dann eingezogen.6.3.2 Nicht strafbare Symbole /Bedingte StrafbarkeitFolgende Auflistung stellt Symbole dar, die entweder keinen Strafbestanderfüllen, dennoch oft von Rechtsextremen als legaler Ersatzder verbotenen Symbole benutzt werden, oder Symbole, dienur in einem nachweisbaren Zusammenhang mit verbotenen Organisationeneine strafrechtliche Relevanz haben. Einige der Symbolewerden auch in anderen subkulturellen Zusammenhängenverwendet, so dass man diese nur als Indiz benutzen sollte, umeine Zugehörigkeit zur rechten Szene festzustellen.HammerskinsDie beiden gekreuzten Zimmermannshämmer sind das Symbolder sogenannten „Hammerskins“. Sie verstehen sich als elitäre,internationale rechtsextreme Skinhead-Organisation. Die Hammerskinsund ihre Symbole sind nicht verboten.36 Rechts, oder was?!


Combat 18 (C18)Hinter C 18 verbirgt sich der Bezug zur britischen Neonazi-Terror-Gruppierung„Combat 18“. Die Zahl 18 steht dabei für AH,Adolf Hitler, „Combat“ bedeutet „Kampf“. Ein isolierter Schriftzug„Combat 18“ weist keine strafrechtliche Relevanz auf, in Kombinationmit dem SS-Totenkopf ist das Logo verboten.Eisernes KreuzDas Eiserne Kreuz war die deutsche „Tapferkeitsauszeichnung“ inden beiden Weltkriegen. Es wird von Rechtsextremisten in verschiedenenVariationen – aber immer im Bezug zur DeutschenWehrmacht und dem Nationalsozialismus – gebraucht. Das Zurschaustellendes Eisernen Kreuzes ohne Hakenkreuz ist seit 1957straffrei.Fahne Schwarz-Weiß-Rot / ReichskriegsfahneDie sogenannten Reichsfarben dienen den Neonazis angesichtsdes Verbotes der Hakenkreuz-Fahne als Ersatz-Bezug zum Nationalsozialismus.In der Ideologie der NSDAP und damit auch derheutigen Neonazis steht das Rot für den vermeintlich „sozialenCharakter“ der NS-Bewegung, das Weiß für den deutschen Nationalismusund das Schwarz – anstelle des schwarzen Hakenkreuzes– für den Sieg der sogenannten „arischen Rasse“ und die Judenvernichtung.Ku-Klux-Klan (KKK)Kennzeichen des Ku-Klux-Klans, der ältesten rechtsextremen undrassistischen Gruppierung der USA, die bekannt ist für extremenAntisemitismus und Lynchmorde an Afroamerikanern. Das Abzeichendes KKK ist lediglich in Brandenburg strafbar. Neonazisoperieren anstelle von klar erkennbaren Symbolen oft mit Zahlencodes.Für das Symbol des KKK wird alternativ die Zahl 311 verwendet.Sie steht für „3 mal den 11. Buchstaben“ des Alphabets:KKK.Schwarze SonneDas Symbol der schwarzen Sonne ist trotz vieler gegenteiligerBehauptungen kein germanisches oder heidnisches Symbol. AlsZeichen ihrer mystisch-okkulten Seite wurde es von der SS geschaffen.Es befindet sich als Bodenmosaik in der Wewelsburg beiPaderborn. Der eindeutige Bezug zur SS macht es als Ersatzsymbolfür die Doppel-Sig-Rune bei den Rechtsextremisten sehr beliebt.Das Zurschaustellen der schwarzen Sonne ist nicht strafbar.37


Lebens-RuneDie Lebens-Rune ist nicht verboten, auch wenn es sich um einDienstrangabzeichen des SA-Sanitätswesens handelt. Das Symbolbedeutet in der Neonazisymbolik „Das Reich lebt“.Odal-RuneIn der germanischen Mythologie steht die Odal-Rune für Besitzoder Eigentum. Sie war zur NS-Zeit das Symbol der Hitlerjugend. Die1995 verbotene „Wiking-Jugend“ (WJ) verwendete die Odal-Runeebenso wie der verbotene „Bund Nationaler Studenten“ (BNS). DasVerbot der Organisationen erstreckte sich auch auf ihre Symbole.Das öffentliche Zeigen der Odal-Rune ist als Kennzeichen verfassungswidrigerOrganisationen nach § 86a StGB strafbar. Die isolierteDarstellung der Odal-Rune hingegen ist nicht strafbar.Tyr-RuneIn der germanischen Mythologie stand die Rune für den KriegsgottTyr, der manchmal auch als Gott des Rechts verehrt wurde.Während der NS-Zeit war die Tyr-Rune das Leistungsabzeichen derHitlerjugend und wurde an den Kragenspiegeln diverser SA-Einheitengetragen. Sie stand symbolisch für „die Tat“. Die Strafbarkeitdes öffentlichen Zeigens ist umstritten. Benutzt wird sie heuteu.a. von der verbotenen FAP, der nicht verbotenen NPD und ihrerJugendorganisation JN.ThorshammerDer Thorshammer symbolisiert den Hammer des germanischenDonnergottes Thor. Es steht für Gerechtigkeit und Rache. Von Neonaziswird es als Zeichen für ihren Bezug auf die germanische Mythologiebenutzt. Der Thorshammer wird auch in der Metal-Szenegetragen. Die Verwendung ist straffrei.White Power (WP)„White Power“ (WP) bedeutet „Weiße Macht“ und ist der mittlerweileinternational verbreitete Slogan des „Ku-Klux-Klan“. DerSchriftzug ist nicht verboten.White Power-Faust(s.o.) Die Faust dient zumeist als bildliche Darstellung des Begriffs „WhitePower“. Viele Neonazis verbinden dies auch mit dem sogenannte„White-Power-Movement“ oder der „White-Power-Bewegung“.38 Rechts, oder was?!


TriskeleDie Triskele ist ein keltisches Sonnensymbol, das heute u.a. vomKu-Klux-Klan genutzt wird und oft als Ersatz für das HakenkreuzVerwendung findet. Das öffentliche Zurschaustellen der Triskeleist nicht strafbar.W oder „Aktion Widerstand“Dieses Zeichen wurde vor allem in den 1970er Jahren von der sog.„Aktion Widerstand“ benutzt. Diese wurde mit massiver Unterstützungder NPD initiiert, um deren Zerfallsprozess nach einigenmissglückten Wahlteilnahmen durch die Installierung einer außerparlamentarischenOpposition aufzuhalten. Mit ihren militantenParolen wie „Willy Brandt - an die Wand“ oder „Deutsches Landwird nicht verschenkt, eher wird der Brandt gehängt“ protestiertedie „Aktion Widerstand“ gegen die Ost-Politik von Willy Brandt.Dadurch sollten alle Fraktionen des rechten Lagers geeint und darüberhinaus das entsprechende Gedankengut auch in nationalebürgerliche Kreise, v.a. in die Vertriebenenverbände, getragenwerden.Heute werden das Zeichen und der Name „Aktion Widerstand“noch vereinzelt von den „Jungen Nationaldemokraten“ (JN), derJugendorganisation der NPD, benutzt. In diesem Zusammenhangist das Zeichen nicht strafbar. Gleichzeitig schmückte das „W“Ende der 1980er Jahre auch den Titel der Zeitschrift „Die NeueFront“ des damaligen Neonazi-Führers Michael Kühnen. Von derZeitschrift leiteten sich sowohl der Name der dahinter stehendenOrganisation, der „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“(GdNF), als auch der sog. „Widerstandsgruß“ bzw. „Kühnengruß“ab. Dieser ist eine abgewandelte Form des „Hitler-Grußes“: Dabeiwird der Arm ausgestreckt, Daumen, Zeige- und Mittelfinger abgespreiztund der Ringfinger und der kleine Finger angewinkelt. Der„Widerstandsgruß“ ist verboten.Wolfsangel oder Gibor-RuneDie Wolfsangel oder Gibor-Rune war das Zeichen des „DeutschenJungvolkes“, der späteren „Hitlerjugend“. Heute wird sie vor allemvon militanten Neonazi-Gruppierungen verwendet. Die „WanderjugendGibor“, eine Nachfolgeorganisation der verbotenen„Wiking Jugend“ (WJ), und die verbotene „Junge Front“, die Jugendorganisationder 1982 verbotenen VSBD/PdA, verwenden dieWolfsangel in ihren Logos. Das Zeigen der Wolfsangel im Zusammenhangmit der „Jungen Front“ ist als Kennzeichen einer verbotenenOrganisation nach § 86a StGB strafbar. Da dieser Zusammenhangaber nicht immer nachgewiesen werden kann, bleibt dieStrafbarkeit umstritten. Die isoliert dargestellte Wolfsangel ohneBezug zu den genannten Organisationen ist nicht strafbar39


7. Rechte Organisationen in DeutschlandDie bekanntesten Parteien des rechten Spektrums sind die „NationaldemokratischePartei Deutschlands“ (NPD), die „Republikaner“(REP), „Die Rechte“ und die „PRO-Bewegung“ (PRO Deutschland,PRO NRW und PRO Köln). Auch die 2013 gegründete Partei„Alternative für Deutschland“ (AfD) lässt sich diesem zuordnen.Daneben existieren zahlreiche weitere Organisationen. Der Bundesverfassungsschutzgeht für das Jahr 2013 von 21.700 rechtsextremistischenPersonen aus, von denen 9.600 als gewaltbereiteingestuft werden. Die neonazistische Szene umfasst rund 5.800Personen.Organisationsübergreifend lassen sich jedoch vermehrt identischeStrategien bei der Mitglieder- oder Wählerrekrutierung sowie beidem Versuch der Erreichung gesellschaftlicher Akzeptanz feststellen.Vor allem „volksnahe“, sozialpolitisch getarnte Themen stehenauf der Agenda der rechten Organisationen. So verfügt bspw. dieNPD, überwiegend in Ostdeutschland, über Beratungsstellen fürArbeitslosengeld-II–Empfänger. Die Thematisierung von Kriminalität,insbesondere im Bereich der sexuellen Kriminalität gegen Kinderund der Intensivtäterschaft, verbunden mit drastischen Forderungennach einem höheren Sanktionsmaß, ist charakteristischfür rechtsextreme Organisationen. Außerdem versuchen dieseParteien, gezielt junge Menschen für sich zu gewinnen, indemsie Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche schaffen oder anSchulen so genannte „Schulhof-CDs“ verschenken, auf denen ausschließlichrechtsextreme Musik zu finden ist.In den letzten Jahren gab es vermehrt Verhandlungen über Fusioneneinzelner Parteien („Republikaner“ mit „PRO-Parteien“, NPDmit DVU). Ziel sollte die Bündelung der Kräfte für eine gesteigertepolitische Durchschlagskraft innerhalb der rechten Parteienlandschaftsein. Diese Bestrebungen sind jedoch gescheitert. Dafürentstand mit der Partei „Die Rechte“ ein neuer parteipolitischerAkteur.Auf den folgenden Seiten sind die relevantesten rechten Organisationennäher beschrieben.7.1 „NationaldemokratischePartei Deutschlands“ (NPD)Die „Nationaldemokratische Partei Deutschlands“ (NPD) wurde1964 gegründet. Die Partei wird vom deutschen Verfassungsschutzbeobachtet, weil sie als rechtsextrem eingestuft wird. Dierechtsextremen Bestrebungen der Partei lassen sich insbesonderean ihren antisemitischen und ausländerfeindlichen Äußerungenerkennen. Zudem arbeitet sie mit Neonazis zusammen und vertrittdas Ziel, die Grenzen des deutschen Reiches wiederherzustellen.Bei der letzten Bundestagswahl 2013 erhielt die NPD 1,3%40 Rechts, oder was?!


der Stimmen, damit sank der Anteil gegenüber 2009 um 0,2%.Bei der Landtagswahl in Sachsen 2009 erlangte die NPD 5,6% derStimmen und verfügt seither über acht Sitze im Landtag. In Mecklenburg-Vorpommernkam die Partei 2011 auf 6,0% der Stimmenund ist seitdem mit fünf Sitzen im Parlament vertreten. Bei derWahl zum Europaparlament 2014 konnte sie 1,0% der Stimmenerlangen und schickt seit dem einen Vertreter nach Brüssel. 2013meldet der Bundesverfassungsschutz bundesweit 5600 Mitglieder(400 weniger als 2012).Die „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) sind die offizielle Jugendorganisationder NPD, die 1969 gegründet wurde. Die Mitgliederder JN sind zwischen 14 und 35 Jahre alt. Die JN bekennt sich zurrechtsextremen Ideologie und zum Grundsatzprogramm der NPD.Die Mitglieder der JN vertreten diese Standpunkte jedoch deutlichaggressiver als die Mitglieder der NPD.Ende 2013 reichte der Bundesrat einen Antrag auf Verbot der NPDein.7.2 „Bürgerbewegung Pro NRW“ (PRO NRW)Die „Bürgerbewegung PRO NRW“ wurde am 6. Februar 2007 inLeverkusen gegründet. Die landesweite Regionalpartei mit ihremSitz in Düsseldorf trat bei der Kommunalwahl 2009 und bei derLandtagswahl 2010 an, bei der Landtagswahl bekam sie 1,4% derStimmen. Im Zuge der Kommunalwahlen in NRW 2014 errang PRONRW (plus PRO KÖLN) 31 Mandate. Mit ihrem Programm gibt diePartei vor, die einheimische Bevölkerung vor in ihren Augen negativenkulturellen und religiösen Einflüssen von innen und außenschützen zu wollen. Sie tritt gegen den Bau neuer Moscheen inNRW ein und will die Einwanderung nach Deutschland stoppen.In ihrem Wahlprogramm wird deutlich, dass PRO NRW fremdenfeindlichePositionen vertritt.Zudem existiert die Untergruppe „Jugend PRO NRW“, speziell fürJugendliche und junge Erwachsene.2013 hatte PRO NRW zusammen mit PRO Köln circa 1000 Mitglieder.Pro KölnPRO Köln wurde 1996 gegründet. Die Bürgerbewegung vertrittausländerfeindliche und menschenrechtswidrige Haltungen undhat sich vor allem den Islam als Feindbild gesetzt. Sie steht im Verdachtverfassungsfeindlich zu sein und wird deshalb vom Verfassungsschutzbeobachtet.41


PRO DeutschlandDie „Bürgerbewegung PRO Deutschland“ wurde 2005 im Zuge derWahlerfolge von PRO Köln gegründet. So fungiert u.a. der ehemaligePRO Köln-Funktionär Manfred Rouhs als Bundesvorsitzenderder Partei. Eigenständige Aktivitäten konnte die Partei bisher nurin wenigen Kommunen entfalten (u.a. Berlin) und nennenswerteWahlerfolge blieben bisher aus. Seit einiger Zeit ist das Verhältniszwischen PRO Deutschland und PRO NRW stark angespannt, wassich zuletzt daran zeigte, dass PRO NRW dem bundesweiten Ablegergrößtenteils die Unterstützung im Bundestagswahlkampf 2013verwehrte.7.3 „Alternative für Deutschland“ (AfD)Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) wurde am 6. Februar2013 gegründet und verpasste im September 2013 mit 4,7% beider Bundestagswahl nur knapp den Einzug in den Bundestag. Sieversteht sich selbst als konservativ und wirtschaftsliberal. Mitmittlerweile über 17.000 Mitgliedern stieg die Mitgliederzahl innerhalbeines Jahres rasant. Ihr Führungspersonal rekrutiert sichzum Großteil aus marktradikalen Wirtschaftswissenschaftlern,mittelständischen Unternehmern und dem stark konservativenpolitischen Spektrum.Das einigende Thema ist die Ablehnung der Euro-Rettungspolitikder Bundesregierung und der Europäischen Währungsunion.Desweiteren fordert die Partei Volksentscheide und –initiativennach dem Schweizer Vorbild sowie ein Einwanderungsgesetz ähnlichdem in Kanada. Dieses basiert auf einem Punktesystem, dasnach den Kriterien Alter, „Anpassungsfähigkeit“, Ausbildung undSprachkompetenz Punkte vergibt und dadurch eine „qualifizierteZuwanderung“ sicher stellen soll.Solche Forderungen und die sehr konservativen Positionen zu Familieund Homosexualität bedienen eindeutig auch ein rechtspopulistischesWählerklientel. Ob sich die Partei langfristig rechts derCDU/CSU etablieren kann und inwieweit sie die rechtspopulistischeLücke in der deutschen Parteienlandschaft zu schließen vermag,bleibt abzuwarten. Bei den Europawahlen 2014 erhielt dieAfD 7,0% der Stimmen und zog mit 7 Abgeordneten ins EU-Parlamentein.7.4 „Autonome Nationalisten“ / Freie KräfteDie „Autonomen Nationalisten“ (AN) sind Mitte der 1990er Jahreentstanden. Nach dem Verbot zahlreicher neonazistischer Organisationentauchte der Begriff der „Autonomen Nationalisten“ inDiskussionen der extremen Rechten auf. Bis Mitte 2000 gab es innerhalbder freien Kameradschaften keine große Differenzierungzwischen der alten Struktur der Kameradschaften und AutonomenNationalisten.42 Rechts, oder was?!


Erst seit ca. 2005 kommt es zu einer Abspaltung der „AutonomenNationalisten“ als einer neuen Aktionsform, die sich von alten Kameradschaftenmit ihren strengen hierarchischen Strukturen, veraltetenAktionsformen und starken Abhängigkeit von politischenParteien distanzierten. Als neues Erscheinungsbild wurde bewusstfast das komplette Erscheinungsbild des linksautonomen SchwarzenBlocks übernommen.Bei den Aktivisten der „Autonomen Nationalisten“ handelt essich um eine neue Generation von Neonazis, deren Zielrichtungdeutlich aktionsorientierter ist als bei der überwiegenden Mehrheitder Neonazis. Diese neue Generation begreift sich selbst als„politische Speerspitze“. Ihre Mitglieder rekrutieren sich fast ausnahmslosaus Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen im Alter zwischen16 und 23 Jahren. Des Weiteren können die „AutonomenNationalisten“ in vollem Umfang der Neonazi-Szene zugeordnetwerden; teilweise handelt es sich sogar um aktive Mitglieder bestehenderKameradschaften. Die Entstehung der „Autonomen Nationalisten“lässt sich auch mit dem Versuch von Teilen der freienSzene, eine Unabhängigkeit von der NPD zu erreichen, erklären.Dadurch kam es zu einer Verjüngung der gesamten Neonazi-Szene.Mit der erlebnisorientierten Ausrichtung der Jugendlichen sowieeiner feststellbar erhöhten Gewaltbereitschaft wurde auch Kritikan der etablierten Kameradschafts-Szene laut, die sich einem modernen,aktionsorientierten und jugendkonformen Erscheinungsbildverschließe.In den letzten Jahren konnte man feststellen, dass die Gewaltbereitschaftder „Autonomen Nationalisten“ zunimmt. Sie sehenihre Anwendung von Gewalt nicht mehr als ein vermeintlichesSelbstverteidigungsrecht gegen staatliche Repressionen (z.B. gegenPolizeibeamte als Vertreter des Systems) und gegen den politischenGegner (z.B. Gegendemonstranten des linken Spektrums),sondern auch als ein effektives Mittel, gesetzte Ziele zu erreichen.Sie verstehen sich als politischen Gegenpol zu den Autonomen derlinksextremistischen Szene.In ihrem optischen Erscheinungsbild sind die „Autonomen Nationalisten“kaum noch von den Linksautonomen zu unterscheiden.Sie übernehmen Symbole (z.B. die Antifa-Flagge), Kleidungsstile(z.B. eine einheitliche schwarze Kleidung mit Kapuzenpullovern)und Aktionsformen. So dient das Outfit im Verlauf von Demonstrationenzur Vermummung bei der Bildung eines geschlossenen, sogenannten „Schwarzen Blocks“. Die Gestaltung von Transparentenorientiert sich am Graffiti-Stil. Bewusst werden Anglizismen undkapitalismuskritische Parolen verwendet. Die „Autonomen Nationalisten“verzichten im Alltagsleben auf für Neonazis typische Szenekleidungund greifen stattdessen gängige Trends der Jugendmodeauf, um eine rein äußerliche Zuordnung außerhalb der Gruppezu erschweren. Dies entspricht auch dem sogenannten „Konzeptdes politischen Partisans“, dem unerkannten Bewegen in der bekämpftenGesellschaft.43


Die ideologische Grundlage der „Autonomen Nationalisten“ istanalog der Zuordnung zum neonazistischen Spektrum ein rassenbiologischgeprägtes, völkisches Menschenbild, aus dem die kollektivistischenVorstellungen für einen autoritären Staatsaufbauhergeleitet werden. Eine ideologische Grundlage der „AutonomenNationalisten“ erscheint vor dem Hintergrund des Fehlens einergemeinsamen Basis in Form eines intern allgemein akzeptiertenHandlungskonzeptes sehr diffus. Die „Autonomen Nationalisten“treten vorwiegend in Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen auf.Entsprechend ihrer Propaganda sehen sich die „Autonomen Nationalisten“als (Einzel-)Kämpfer für eine „neue Ordnung“. Die „AutonomenNationalisten“ bedienen sich im Rahmen ihrer politischenArbeit und des angestrebten kurzfristigen Mobilisierungsgradeshauptsächlich der neuen Medien bzw. des Internets. Wie im Bereichder übrigen Neonazi-Szene bestehen darüber hinaus persönlicheKontakte zu Führungsaktivisten. Direkte Absprachen funktionieren.Eine Organisationsbildung ist schwer nachzuweisen, dieVernetzung zwischen den regionalen Gruppen der „AutonomenNationalisten“ fand in Form der „Aktionsgruppen“ (AGs) statt, diesich in NRW regional aufteilen ließen. Eine der mitgliederstärkstenAktionsgruppen war die „AG Rheinland“, die Informationstransfer,Bewerbung von Veranstaltungen und Rekrutierung neuer Mitgliederbesonders intensiv betrieb.Eine Zusammenarbeit zwischen den „Autonomen Nationalisten“und der NPD findet in Nordrhein-Westfalen nur anlassbezogen(z.B. bei Demonstrationen) statt. Bedingt durch ihre geringe Mitgliederzahlist die NPD auf eine Zusammenarbeit mit dem gesamtenneonazistischen Spektrum angewiesen.Die „Autonomen Nationalisten“ stellen für die NPD jedoch aufgrunddes beschränkten Personenpotenzials sowie der strukturellenDifferenzen derzeit keinen kalkulierbaren Bündnispartnerdar. Im Gegenteil bildet sich durch die Etablierung der Partei „DieRechte“ (DR) und ihre Teilnahme an Wahlen ein neues Konkurrenzverhältnis.Verbote 20122012 sprach das Ministerium für Inneres und Kommunales desLandes NRW Verbote mehrerer neonazistischer Gruppierungenwegen des Verdachtes der Gründung einer kriminellen Vereinigungaus. Diese Verbote betrafen unter andere aktive Gruppen,wie den „Nationalen Widerstand Dortmund“ (NWDO), die „KameradschaftAachener Land“ (KAL) und die “Kameradschaft Hamm“(KSH). Alle drei Gruppierungen wurden am selben Tag verboten.Davor gab es Verbotsverfahren gegen die Kölner „KameradschaftWalter Spangenberg“, in der Axel Reitz aktiv war, sowie den„Freundeskreis Rade“ aus Radevormwald (im Jahr 2011).44 Rechts, oder was?!


Welche Wirkung haben diese Verbote auf die rechte Szene in NRWgehabt?Man kann von zweierlei Wirkung sprechen: Einerseits hat man bestehendeStrukturen zerschlagen. Die verbotenen Gruppen verlorendie Berechtigung, unter dem früheren Namen zu agieren undihre Materialien weiter zu verbreiten. Zudem hatte das Verbotteilweise eine abschreckende Wirkung auf die Jugendlichen undjungen Erwachsenen, die sich den Gruppen annäherten bzw. nochnicht fest eingebunden waren. Andererseits kann man mittlerweilesagen, dass sich ebenso negative Effekte ergaben. Die im Mai2012 vom Christian Worch gegründete Partei „Die Rechte“ (DR)wurde zu einer Ersatzorganisation für die verbotenen Gruppierungen.Unter dem Dach einer Partei rücken Neonazis mehr in dieöffentliche Debatte und bleiben durch das Parteienprivileg bishervon der Strafverfolgung im Sinne der Wiederbetätigung der verbotenenOrganisationen geschützt. Es wurde deutlich, dass (ähnlichwie in den 90er Jahren) die Verbote in der Szene vorausgesehenwurden und man es rechtzeitig geschafft hat, sich darauf vorzubereiten.Nach einer kurzen Pause aktivieren sich die Neonazis nunin der neu gegründeten Partei.7.5 „Die Rechte“ (DR)„Die Rechte“ wurde im Mai 2012 von Christian Worch, einem derführenden Neonazis in Deutschland, gegründet. Mehrere Monatenach der Gründung war die neue Partei nach außen eher wenigwahrnehmbar. Die Situation änderte sich, als im August 2012 dreiNazi-Kameradschaften in NRW verboten wurden. Unmittelbarnach den Verboten wurden in NRW mehrere Kreisverbände derPartei „Die Rechte“ gegründet, die personell von Aktivisten undMitgliedern der lokalen, teilweise verbotenen Neonazigruppierungenbesetzt wurden.Das Verhältnis zu NPD ist angespannt. Es gab gemeinsame Aktionen(wie z.B. in Essen am 9. November 2012) und die Zusammenarbeitmit NPD-nahen Funktionären findet in Einzelfällen statt.Man kann aber davon ausgehen, dass „Die Rechte“ die NPD als zuschwaches Glied der rechten Bewegung in Deutschland betrachtetund im politischen Sinne mit der Partei konkurriert. So löstesich z.B. der NPD-Kreisverband Düsseldorf/Mettmann (der früherschon durch seine extremen Einstellungen und „kontraproduktive“Nähe zu militanten Neonazis innerhalb der Partei umstrittenwar) auf und schloss sich der Partei „Die Rechte“ an.An den Bundestagswahlen 2013 nahm die Partei in NRW mit einerLandesliste teil. Sie erreichte allerdings nur 0,02% der Stimmen.Die geplante Teilnahme an den Wahlen zum Europaparlamentim Mai 2014 verpasste die Partei, da sie nicht die notwendigen4.000 Unterstützungsunterschriften aufbringen konnte. In dreinordrhein-westfälischen Städten (Dortmund, Hamm, Wuppertal)kandidierte sie zu den Kommunalwahlen und errang in Dortmundund Hamm je einen Platz im Stadtrat.45


Ihre Mitgliederzahl stieg im letzten Jahr deutlich und beträgt aktuellrund 500 (Stand: Anfang 2014). Insgesamt kann man festhalten,dass „Die Rechte“ nur in NRW über ernstzunehmende Parteistrukturenverfügt – und das auch nur in einigen Regionen. Bundesweitkonnte sie sich bisher nicht etablieren, was u.a. zu Streitigkeitenzwischen dem Bundesvorsitzenden Christian Worch und dem starkenDortmunder Kreisverband führte.7.6 „German Defence League“ (GDL)Die 2010 entstandene „German Defence League“ (GDL) ist eineweitere relativ neue Bewegung innerhalb des rechten Spektrums.Die GDL besteht aus mehreren bundesweit gestreuten „Divisionen“– lokalen Gruppen mit kommunaler/regionaler Anknüpfung.Die GDL hat einen klaren Bezug zu der „English Defence League“,die in Großbritannien stark vertreten ist. Die Ähnlichkeiten sindnicht nur bei der Namensfindung gegeben, sondern spiegeln sichauch in den Inhalten der Gruppierung. Die GDL sieht den Islamals eine Bedrohung Europas und leistet „maximalen Widerstand“dagegen. Durch die inhaltliche Nähe ist die Kooperation mit der„PRO-Bewegung“ eine logische Schlussfolgerung. Die GDL beteiligtsich an allen Islam-kritischen Demonstrationen und unterstütztePro-NRW bei der Anti-Moschee-Demonstration u.a. am27.10.2012 in Wuppertal. Es gibt teilweise Überschneidungen mitder Neonaziszene und mit rechtsorientierten Hooligans.7.7 „Die Identitäre Bewegung“ (IBD)Die „Identitäre Bewegung Deutschland“, kurz IBD, entstand ausdem französischen „Bloc Identitaire“. Das Lambda-Symbol in Gelbauf schwarzem Grund wird als Logo der Bewegung verwendet. DieAnhänger der IBD vertreten den Ethnopluralismus, eine Ideologieder neuen Rechten, nach der eine „Reinhaltung“ der kulturellenStaaten und Gesellschaftsformen nach Ethnien angestrebt wird.„Ethnien“ werden hierbei nach der kulturellen Zugehörigkeit undnicht nach ihrer biologischen Abstammung unterschieden. Einflüssefremder Kulturen werden somit als Gefährdung der „eigenenIdentität“ verstanden. Die IBD tritt für den „Schutz des EuropäischenKontinentes vor Überfremdung, Massenzuwanderung undIslamisierung“ ein. Gefordert wird eine geistig-kulturelle Revolutionder Jugendlichen auf Grundlage der „ethnokulturellen Identität“.Direkte Aktionen, bei denen die IBD öffentlich, außerhalbdes Internets, auf sich aufmerksam macht, waren bisher zumeistFlashmobs, welche bewusst provokant sein sollen.So wurde z.B. Anfang Oktober 2012 ein Tanz-Workshop der Caritasin Wien von zehn maskierten IBD-Aktivisten gestört. Die Aktivistentanzten mehrere Minuten auf Techno und hinterließen Flyer mit„Zertanz die Toleranz“ und dem Symbol von „Reconquista“, einer Lifestyle-Kleidermarke,die vor allem bei Rechtsextremen beliebt ist.46 Rechts, oder was?!


Ähnliche Vorfälle gab es bereits mehrmals auch in Deutschland.Die IBD ist überwiegend im Internet über Facebook, Youtube undBlogs aktiv, versucht aber auch durch provokative Aktionen sowieAufkleber und Schmierereien auf sich aufmerksam zu machen.7.8 „Nationale/ Nationalistengegen Kinderschänder“Ein wichtiges Beispiel für den Missbrauch brisanter, gesellschaftlicherThemen ist die 2001 von Betreibern rechter Homepages gegründeteInitiative „Nationale/Nationalisten gegen Kinderschänder“ (NgK). Dierechte Szene macht sich mit dieser Initiative die allgemeine Empörungund moralische Verurteilung bei Bekanntwerden von Kindesmissbrauchsfällenzunutze. So werden Demonstrationen gegen „Kinderschänder“an Orten durchgeführt, an denen es zu öffentlich starkwahrgenommenen Fällen von Kindesmissbrauch kam bzw. wo als„Kinderschänder“ oder Intensivtäter verurteilte Personen wohnen,wie z.B. im Kreis Heinsberg im Jahr 2009. Ziel ist, Menschen, die sichvon dem Thema dieser Initiative ansprechen lassen, für die rechteSzene zu gewinnen.Die „Nationale/Nationalisten gegen Kinderschänder“ wird mittlerweilevon vielen rechten Bands, Fanzines, Versänden, Homepagesund Einzelpersonen unterstützt. Auf vielen rechten Internetseitengibt es Verlinkungen zur Seite der NgK. Auch in der rechten Musikszenegreifen viele Bands das Thema Kindesmissbrauch auf. Die „Nationale/Nationalistengegen Kinderschänder“ arbeiten zudem mit derNPD zusammen.7.9 „Hilfsorganisation für nationale politischeGefangene und deren Angehörige“(HNG)Die „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene undderen Angehörige“ (HNG), gegründet 1979, wurde im Jahr 2011verboten. Unter den zuletzt rund 600 Mitgliedern fanden sichzahlreiche namhafte Rechtsextremisten. Die Organisation vermittelteAnwälte für angeklagte und verurteilte Rechtsextremistenaus dem Spektrum der NPD und der freien Kameradschaften undunterstütze diese finanziell. Außerdem schickte sie Inhaftiertenrechte Broschüren und stellte den Kontakt zwischen ihnen undder Szene her.Seit dem Verbot versuchen verschiedene Organisationen wieder „Gefangenenhilfe Freundeskreis“ oder die „Aryan DefenseJail Crew“ die Solidaritätsarbeit für inhaftierte Rechtsextreme zuübernehmen.47


7.10 „Wiking-Jugend“ (WJ)Die „Wiking-Jugend“ (WJ) wurde 1952 durch den Zusammenschlussverschiedener rechtsextremer Jugendgruppen gegründet.Historisches Vorbild für diese rechte Jugendorganisation war dieHitler-Jugend. Die Organisation war streng nach dem Führerprinzipgegliedert und die größte rechtsextreme JugendorganisationDeutschlands. Die Zugehörigkeit zur „Wiking-Jugend“ warlebenslang angelegt, es galt das sogenannte Lebensbundprinzip.Die „Wiking-Jugend“ verfolgte als Ziel die „Erziehung zur gemeinschaftsgebundenenPersönlichkeit“ und bot auch paramilitärischeTrainings an.1994 wurde die „Wiking-Jugend“ vom Bundesministerium desInneren verboten. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie ca. 400 bis 500Mitglieder. Als Nachfolgeorganisation der „Wiking-Jugend“ gilt die„Heimattreue Deutsche Jugend“.7.11 „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ)Ein wichtiges Beispiel für die organisierte Jugendarbeit in derrechten Szene ist die „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ), dieaus der verbotenen „Wiking-Jugend“ entstand. Als eingetragenerVerein hatte die HDJ bundesweit ca. 400 Mitglieder. Mädchen undJungen im Alter von 7 bis 29 Jahren wurden über vermeintlichunpolitische Freizeitangebote geködert. So gab es beispielsweiseZeltlager, Wochenendwanderungen, Lagerfeuer, Ferienfahrtenoder Kanu- und Fahrradtouren. Bei diesen Freizeitaktivitäten wurdendie Kinder und Jugendlichen ideologisch beeinflusst.Ziel dieser rechten Jugendarbeit war es, die Kinder und Jugendlichenbereits in jungen Jahren für die rechtsextreme Szene zu gewinnen.Auch die Familien der Kinder sollten durch die Angeboteerreicht werden. Die rechte Szene bot zudem verstärkt Hausaufgabenbetreuungund Nachhilfe an, um Kinder und Jugendliche unterdem Deckmantel der Seriosität für die rechtsextreme Szene zugewinnen. 2009 wurde die HDJ verboten.Seitdem macht sich die „Interessengemeinschaft Fahrt und Lager“innerhalb der NPD-Jugend „Junge Nationaldemokraten“ (JN) daran,in die Fußstapfen der HDJ zu treten. Auch sie organisiert Zeltlagerund Schulungen für Kinder und Jugendliche, die der Arbeitder HDJ und WJ ähneln. Seit Anfang 2011 sind jedoch keine öffentlichenAuftritte der Organisation bekannt.48 Rechts, oder was?!


7.12 Rechte MigrantenorganisationenIn Deutschland existieren neben den deutschen rechtsextremenParteien und Organisationen auch rechtsextreme Migrantenorganisationen.Diese Organisationen sind gegen die freiheitliche demokratischeGrundordnung Deutschlands gerichtet und verfolgenebenfalls das Ziel, eine Veränderung in den jeweiligen Heimatländernherbeizuführen.„Graue Wölfe“Ein wichtiges Beispiel ist dabei die Ülkücü-Bewegung oder auch„Graue Wölfe“ genannt, nach dem Erkennungssymbol der Organisation,einem grauen Wolf. Diese Bewegung hat bundesweit etwa7.000, in NRW etwa 2.000 Mitglieder. Kennzeichnend für diese Bewegungist ein übersteigertes Nationalbewusstsein, das die Nationsowohl politisch-territorial als auch ethisch-kulturell als höchstenWert ansieht. Die „türkische Rasse“ wird von den Ülkücü-Anhängernals „Herrenrasse“ angesehen. Die Ülkücü-Bewegung stehtaufgrund ihrer rassistischen und faschistischen Ideologie unter Beobachtungdes Verfassungsschutzes. Die bedeutendste Organisationder Ülkücü-Bewegung in Deutschland ist die „Föderation derTürkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland e.V.“(ADÜTDF). Der überwiegende Teil der in Deutschland lebendenMigranten distanziert sich von solchen politisch-extremistischenGruppierungen und Parteien.Russlanddeutsche NationalistenEine organisierte nationalistische Bewegung gibt es auch bei denSpätaussiedlern oder so genannten Russlanddeutschen. Vertreteninsbesondere durch Organisationen wie die „National-KonservativeBewegung der Deutschen aus Russland“, die aus der „SchutzgemeinschaftDeutsche Heimat` der Deutschen aus Russland“und dem „Freundeskreis - die Russlanddeutschen Konservativen“entstand sowie durch parteigebundene Arbeitskreise der Russlanddeutschenbei der NPD und Pro-Bewegung. Aufgegriffen werdenThemen wie: Islamisierung und Überfremdung Deutschlandsdurch andere Völker, deutschfeindliche politische Ausrichtung derGroßparteien und eine „systematische Unterdrückung des deutschenVolkes“ u.v.m. Eine enge Zusammenarbeit mit der NPD zeigtdie politische Ausrichtung dieser Organisationen, welche sichselbst als eine Brücke zwischen den deutschen und russischen nationalistischenBewegungen sehen. In den letzten Jahren gab eseine starke Annäherung an die „Europäische Aktion“, die als geeignetererpolitischer Partner gesehen wurde. Schließlich wurde imMai 2013 eine eigene Partei namens „Arminius-Bund“ gegründet,die auch an den Kommunalwahlen 2014 in NRW teilgenommenhat, allerdings ohne signifikante Erfolge erzielen zu können.49


8. Situationsbeschreibung NRWDie extreme Rechte in Nordrhein-Westfalen splittet sich auf in verschiedeneParteien und Gruppierungen. Die Parteien NPD, „PRONRW“ und „Die Rechte“ sind in manchen Orten und Regionenaktiv und verfügen über ein gewisses Wählerpotential, flächendeckendeStrukturen bzw. landespolitische Relevanz besitzen siekaum. In den Kommunalvertretungen Nordrhein-Westfalens verfügtdie NPD seit den Kommunalwahlen 2014 über insgesamt 13Sitze, Pro NRW über 29 und „die Republikaner“ über 5 Mandate.„Die Rechte“ erzielte je einen Sitz in den Stadträten von Dortmundund Hamm.Im Jahr 2013 fanden verstärkt Kundgebungen und Mahnwachenvon extremen Rechten vor Asylbewerberunterkünften statt. Nurin wenigen Städten schafften sie es jedoch über die eigene Szenehinaus Bürger zur Teilnahme zu mobilisieren.Das Verbot mehrerer Kameradschaften 2012 führte nur kurzzeitigzu einer Schwächung der rechten Szene. Auch wenn die über vieleJahre etablierten Demonstrationen zum Antikriegstag in Dortmundund der Trauermarsch in Stolberg wohl der Vergangenheitangehören dürften, entwickeln sich z.B. zum 1. Mai in Dortmundneue regelmäßige identitätsstiftende Aufmärsche.Für das Jahr 2013 beziffert die Landesregierung die Zahl der rechtspolitischmotivierten Straftaten auf insgesamt 3085. Davon sind1018 der Hasskriminalität und 2243 der Verherrlichung des Nationalsozialismuszuzuordnen. Darunter befinden sich 221 Straftatenmit antisemitischem Hintergrund.Innerhalb einiger Fußball-Fanszenen kam es wiederholt zu Einschüchterungenund Angriffen vonseiten rechtsoffener Hooligansauf gesellschaftspolitisch engagierte Fans. Ob die Geschehnisse inAachen, Dortmund, Duisburg und Essen jedoch als Teil einer Strategieorganisierter Neonazis gewertet werden können, ist fraglich.Im Folgenden sind regionale Situationsbeschreibungen der extremenRechten vor Ort dokumentiert.Köln/Rhein-Erft-Kreis/LeverkusenIm Jahr 2004 errang die „Bürgerbewegung PRO Köln“ mit ihrem islamfeindlichenWahlkampf 4,7% der Stimmen bei der Kommunalwahlund zog mit vier Mitgliedern in den Stadtrat ein. Dieses Ergebniskonnte „PRO Köln“ 2009 auf 5,4% ausbauen. Neben der Hetze gegenMoscheeneubauten und Flüchtlingsunterkünfte ist die Ablehnungdes Autonomen Zentrums ein weiteres zentrales Thema der Partei.Auch im benachbarten Rhein-Erft-Kreis verfügt „PRO NRW“ übereine starke Basis. So erhielt die Partei bei der Kommunalwahl 2009in Bergheim 6,0% und zog mit drei Abgeordneten in den Stadtratein.50 Rechts, oder was?!


Beide Ergebnisse konnten 2014 nicht gehalten werden, sodass„PRO“ sowohl in Köln, als auch in Bergheim und dem benachbartenLeverkusen nur noch mit je 2 Abgeordneten in den Räten vertretenist.Im angrenzenden Rhein-Erft-Kreis, besonders in der Stadt Pulheim,entwickelte sich zudem eine sehr aktive Gruppe von AutonomenNationalisten („Autonome Nationalisten Pulheim“ ANP), die durchGraffitis, Aufkleber und die Einschüchterung von Nazigegnern aufsich aufmerksam machte. Sie bildeten eine der wichtigsten Stützender „Aktionsgruppe Rheinland“, einer Vernetzungsstrukturder Autonomen Nationalisten im Rheinland, die mittlerweile imUmfeld der Partei „Die Rechte“ aufgegangen ist.Einzelne Mitglieder kommen auch aus den nördlichen KölnerStadtteilen Pesch und Esch. Zentrale Figur der rechtsextremistischenSzene Kölns und dem Umland war lange Zeit Axel Reitz,der den Spitznamen „Hitler von Köln“ führte. Reitz war u.a. in der2012 verbotenen „Kameradschaft Walter Spangenberg“ (auch als„Freie Kräfte Köln“ bekannt) aktiv. Nachdem er im Zuge des Strafprozessesgegen das „Aktionsbüro Mittelrhein“, einem Naziverbundzwischen Koblenz und Köln, ausführliche Aussagen gegenüberder Staatsanwaltschaft machte, erklärte er sein Ausstieg ausder rechten Szene.In Leverkusen gab es eine aktive Gruppe Autonome Nationalisten,diese ist allerdingst seit längerer Zeit nicht mehr als Gruppe wahrnehmbar.Momentan gilt Leverkusen als Hauptquartier von „PRONRW“. Markus Beisicht, der Vorsitzende von „PRO Köln“ und „PRONRW“, sitzt für „PRO NRW“ mit Susanne Kutzner im LeverkusenerStadtrat. Bei den Kommunalwahlen 2014 erhielt die Partei 4,4 %der Stimmen.Düsseldorf/MettmannDer Kreisverband Düsseldorf/Mettmann der NPD galt viele Jahreals eine der radikalsten Gliederungen der Partei in NRW. So warenFührungsmitglieder regelmäßig als Redner auf Kundgebungenund Demonstrationen der neonazistischen Kräfte aufgetreten, u.a.auch bei Aktionen, der mittlerweile verbotenen Kameradschaften.Daraus lässt sich erklären, dass große Teile des Kreisverbands derNPD im Frühjahr 2013 zu der Partei „Die Rechte“ wechselten undden Kreisverband „Die Rechte“ Düsseldorf/Solingen/Mettmanngründeten.Gegen den Düsseldorfer Neonazi Sven Skoda, der landesweit Demonstrationenorganisiert und dort als Redner auftritt, läuft derzeitein Strafverfahren wegen Mitgliedschaft in einer kriminellenVereinigung.51


Aachen/Düren/HeinsbergIn der Städteregion Aachen hat die rechtsextremistische Szeneeine lange Tradition. Seit den 1960er Jahren gilt vor allem dieStadt Stolberg als Neonazi-Hochburg. So hatte die mittlerweileverbotene „Wiking-Jugend“ dort über mehrere Jahrzehnte ihrenHauptsitz und seit 1999 sitzt im Stadtrat stets ein Vertreter derDVU bzw. NPD.Anfang der 2000er Jahre gründete sich die „Kameradschaft AachenerLand“ (KAL), deren Wirkungsbereich sich auf die StädteregionAachen sowie die Kreise Düren und Heinsberg erstreckte. Sie organisiertenicht nur zahlreiche Demonstrationen und beteiligte sichdeutschlandweit an neonazistischen Aufmärschen, sondern fielauch durch eine äußerst hohe Gewaltbereitschaft auf. Mitgliederder KAL waren an zahlreichen Angriffen gegen politische Gegnerbeteiligt. Auch der offene Bezug zum Nationalsozialismus war u.a.durch „Heldengedenken“ und Sprühaktionen am 20. April (GeburtstagAdolf Hitlers) Teil der Aktivitäten.Nach dem Verbot der Kameradschaft 2012 traten viele Mitgliederder KAL in „Die Rechte“ ein und führen seitdem im legalen Rahmeneiner politischen Partei ihre Aktivitäten fort.Im Jahr 2008 deutete die extreme Rechte den Totschlag an einemStolberger Jugendlichen zu einem geplanten Mord an einem Kameradenum, da der Täter einen Migrationshintergrund besaß.Daraufhin entstand ein Märtyrerkult, der zahlreiche rechtsextremistischeDemonstrationen mit bis zu 800 Teilnehmern nach sichzog. Bis ins Jahr 2012 entwickelte sich dieser nun jährlich stattfindende„Trauermarsch“ zu einem der größten und bekanntestenNaziaufmärsche in Westdeutschland.In den letzten Jahren kam es auch innerhalb der Fanszene desFußballvereins Alemannia Aachen vermehrt zu rechtsextremistischenVorfällen. Die Fangruppe „Karlsbande Ultras“ (KBU) sowieTeile der Hooliganszene, in deren Umfeld sich einige stadtbekannteNeonazis bewegen, griffen immer wieder vor und nach Spieltagenantirassistisch engagierte Fans der „Aachen Ultras“ (ACU) an.Die Situation spitzte sich so weit zu, dass sich die ACU zu Beginndes Jahres 2013 gezwungen sah, auf ihr Erscheinen bei Spielender Alemannia zu verzichten. Die Gruppe beklagte sich mehrmalsüber das fehlende Engagement der Vereinsführung und des Fanprojektsgegen die rechtsextremistischen Tendenzen im Stadion.Die Stadt Alsdorf gilt in der Region als Hochburg der Partei „dieRepublikaner“, die im Stadtrat mit einem Sitz vertreten ist (zuvorsaßen zwei Mandatsträger im Rat). Außerdem ist in Alsdorf einedeutsch-belgische „Kameradschaft Alsdorf-Eupen“ aktiv.Im Kreis Heinsberg hat die NPD bei den Kommunalwahlen 2014 einhohes Ergebnis erzielt und kam auf jeweils einen Sitz in den StadträtenGeilenkirchen und Erkelenz sowie einen Vertreter im Kreistag.52 Rechts, oder was?!


Wuppertal/Oberbergischer KreisUnter dem Namen „Nationale Sozialisten Wuppertal“ entstandMitte 2008 eine aktive Gruppe Autonomer Nationalisten. Diesewar gut integriert in die Vernetzungsstruktur „AktionsgruppeRheinland“ und auf sämtlichen großen Demonstrationen und Aktionender extremen Rechten in NRW zugegen.Zwei Beispiele unterstreichen die hohe Gewaltbereitschaft der AutonomenNationalisten: Im November 2010 überfiel die Gruppemit Unterstützung von Neonazis aus Velbert, Solingen und Esseneine Filmvorführung des Medienprojekts im Wuppertaler GroßkinoCinemaxx. Dabei drangen 25 bis 30 Neonazis in das Kino einund versuchten die Veranstaltung zu stören. In 2011 griffen etwa15 Neonazis auf einem Flohmarkt in Wuppertal Vohwinkel mehrere,aus deren Perspektive „links“-aussehende Jugendliche an undverletzten diese mit Schlagstöcken und Fahnenstangen.Außerdem fanden Anfang 2011 und im September 2013 zweirechtsextremistische Demonstrationen statt, die mit 300 bzw. 160Teilnehmern das Mobilisierungspotential der rechtsextremistischenSzene über Wuppertal hinaus belegen. Auch die „NationalenSozialisten Wuppertal“ organisierten sich nach den Verboteneiniger Kameradschaften in NRW in der Partei „Die Rechte“ undgründeten den Wuppertaler Kreisverband.„Die Republikaner“ sind seit 2004 im Wuppertaler Stadtrat vertreten(aktuell 1 Sitz) und seit 2014 verfügt „PRO NRW“ dort überzwei Mandate. Diese führten in den letzten Jahren vereinzeltKundgebungen zu den Themen Moscheebau und Flüchtlingspolitikdurch.Bei den letzten Kommunalwahlen im Jahr 2014 zog „PRO NRW“auch in die Stadträte in Remscheid mit zwei Mandaten, in Solingenmit einem Mandat und im Oberbergischen Kreis mit einemMandat ein.Von Februar 2011 bis April 2012 war im bergischen Radevormwaldder „Freundeskreis Rade“ aktiv. Die Neonazigruppierung, von dereinige Mitglieder für „PRO NRW“ als sachkundige Bürger in Ratsausschüssensaßen, verübte mehrere Angriffe auf Migranten undAndersdenkende. Beispielsweise schlugen die Rechtsextremistenim Februar 2011 in Dahlhausen einen Kioskbesitzer und seinenSohn mit Eisenstangen und Schlagstöcken zusammen. Die Gruppeverfügte über gute Verbindungen zu den „Nationalen SozialistenWuppertal“ und weiteren Kameradschaften.Das Landgericht Köln stellte Anfang 2014 fest, dass es sich bei dem„Freundeskreis Rade“ um eine kriminelle Vereinigung nach §129StGB handelt und verurteile sieben Personen wegen Mitgliedschaftin dieser. Nach dem Verbot des „Freundeskreises Rade“ wurden die„Freien Kräfte Oberberg“ in der Region aktiv. Später schlossen sie sichder Partei „Die Rechte“ an und gründeten den örtlichen Kreisverband.53


Essen/Duisburg/BochumZwei Stadtteile Duisburgs waren im letzten Jahr mehrmals Zielrechtsextremistischer Aktionen. Ein Wohnblock in Rheinhausen,der zum Großteil von zugezogenen Roma Familien bewohnt wird,sowie eine neu geplante Unterkunft für Asylbewerber im nördlichenStadtteil Neumühl wurden zum Anlass rassistischer undrechtsextremistischer Aktionen genommen.So wurden an beiden Standpunkten Kundgebungen und Demonstrationen– teils von „besorgten Bürgern“, teils von „PRO NRW“ausgerichtet - durchgeführt, auf denen auch Mitglieder des neonazistischen„Nationalen Widerstand Duisburg“ unbehelligt teilnehmenkonnten. Am 5. Oktober 2013 zählte eine Kundgebungvon „PRO NRW“ in Neumühl 250 Teilnehmer, darunter viele Anwohner.Im Stadion des Fußballvereins MSV Duisburg eskalierten die langeschwelenden Auseinandersetzungen zwischen der antirassistischengagierten Ultragruppe „Kohorte“ und den rechtsoffenen Hooligansder „Division Duisburg“.Nachdem die Ultras am 19. Oktober 2013 ein Banner aus Solidaritätmit einer ebenfalls antirassistischen Fangruppe aus Braunschweigzeigten, wurden sie nach dem Spiel von Hooligans deseigenen Vereins gewaltsam angegangen. Unter den Angreifernwaren neben der „Division Duisburg“ wahrscheinlich auch Neonazisaus dem Umfeld des „Nationalen Widerstands Duisburg“ sowiedes „Nationalen Widerstands Dortmund“ beteiligt.Das Ergebnis der Kommunalwahlen 2014 spiegelt das rassistischeKlima in Duisburg wieder. „PRO NRW“ zog mit 4 Personen in denStadtrat und in alle 7 Bezirksvertretungen ein. Die NPD erhielt einRatsmandat.Die NPD ist seit der Kommunalwahl 2009 mit einem Mandat imRat der Stadt Essen vertreten. Die Partei führt regelmäßig Kundgebungenund Infostände durch. Im September 2012 bezog derLandesverband NRW der NPD seine neue Landesgeschäftsstelle inEssen-Kray, die sich zuvor in Bochum-Wattenscheid befand.Obwohl der Landesverband aus Bochum weggezogen ist, bleibtdie NPD mit einem Mandat im Stadtrat durch Claus Cremer (Landesvorsitzenderund Geschäftsführer der NPD) vertreten. Außerdemkam es in Bochum-Langendreer in den letzten Jahren zuÜbergriffen und Bedrohungen von Seiten der im Stadtteil aktivenNeonazis.Als im Oktober 2013 das Fanprojekt der AWO in Essen den Film„Blut muss fließen“, eine Dokumentation über Rechtsrock, zeigenwollte, störten 20 Hooligans von Rot-Weiß Essen und verhindertenunter Androhung von Gewalt die Aufführung. Als Reaktion daraufstellte der Fußballverein sein Stadion einen Monat später fürdie Wiederholungsveranstaltung zur Verfügung.54 Rechts, oder was?!


DortmundDie Stadt Dortmund hat eine lange Tradition rechtsextremistischerAktivitäten. Nach dem Verbot der in Dortmund stark verankerten„Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP) etablierte sichdort die „Kameradschaft Dortmund“. Führungsfigur dieser Gruppewar der bekannte Neonazi und Hooligan Siegfried „SS-Siggi“Borchardt.Anfang-Mitte der 2000er entstand in Dortmund die erste westdeutscheGruppe der Autonomen Nationalisten (AN), die schnelldie Führung im rechtsextremistischen Lager der Stadt übernahm.Die AN traten durch Flugblattverteilungen, Aufkleber, Flashmobsund andere jugendaffine Aktionen in die Öffentlichkeit. Auch dieEinschüchterung politischer Gegner war Bestandteil ihrer Aktivitäten.Eine weitere bedeutende Gruppe ist die „Skinhead-Front DortmundDorstfeld“, die vor allem in der Subkultur der SkinheadsMitglieder rekrutiert und durch Konzertveranstaltungen und einehohe Gewaltbereitschaft auf sich aufmerksam macht. So ist beispielsweiseSven Kahlin, der im Jahr 2005 nach einem Wortgefechteinen Punker erstach, Mitglied Gruppe.Ein weiteres Beispiel für die Gewalttätigkeit der Dortmunder Neonazissind die Geschehnisse am 1. Mai 2009. An diesem Tag griffenrund 400 Rechtsextremisten die traditionelle Gewerkschaftsdemoin Dortmund an.Seit dem Jahr 2005 findet in Dortmund Anfang September die Demonstration„Nationaler Antikriegstag“ statt, die eine der wichtigstenVeranstaltungen der extremen Rechten bundesweit wurde(im Jahr 2008 mehr als 1100 Teilnehmer).Auch in die Fanszene des Fußballvereins Borussia Dortmund bestehenKontakte. Neben den noch bestehenden personellen Verflechtungenmit der Hooliganszene, die in den 1980er Jahren ihrenUrsprung haben, existieren auch Kontakte zur Ultragruppe „Desperados“.Höhepunkt der rechtsextremistischen Aktionen rund um die Fußballspieleist der Angriff zweier Rechtsextremisten auf einen Fanprojekt-Mitarbeiter im Februar 2013. Die beiden Täter lauertendem Mitarbeiter während eines Auswärtsspiels auf der Toiletteauf und schlugen und traten brutal auf ihn ein.Im August 2012 verbot das Innenministerium NRW den „NationalenWiderstand Dortmund“ (NWDO), in dem sich die AutonomenNationalisten sammelten. Kurz darauf traten zahlreicheDortmunder Rechtsextremisten in die Partei „Die Rechte“ einund führten ihre Aktivitäten weiter. Kreisvorsitzender der Parteiund Spitzenkandidat für die Kommunalwahl 2014 in Dortmund istSiegfried „SS-Siggi“ Borchardt.55


Seit 1999 sind durchgehend auch Rechtsextremisten der DVUbzw. NPD in den Stadtrat gewählt worden. Bei der Kommunalwahl2012 erhielt die NPD 1,9% der Stimmen (2 Sitze). Das Verhältnisder parteifreien Rechten zur NPD unterlag ständigen Schwankungen.Zur Kommunalwahl 2009 erhielt die Partei jedoch tatkräftigeUnterstützung.Zur Kommunalwahl 2014 traten ehemalige Mitglieder des„NWDO“ als „Die Rechte“ an und erhielten 1,0% der Stimmen (einRatsmandat).Nach Bekanntgabe des Einzugs der Partei in den DortmunderStadtrat am 25. Mai 2014 versuchten rund 25 Mitglieder und Sympathisantensich gewaltsam Zutritt zur Wahlparty im Rathaus zuverschaffen. Sie konnten nur durch eine Blockade zahlreicher demokratischerPolitiker und dem Einsatz der Polizei daran gehindertwerden.MünsterlandIn Münster und den umliegenden Kreisen verfügt die organisierteextreme Rechte über verhältnismäßig schwache Strukturen. Zwarexistieren in Münster und im Kreis Steinfurt Kreisverbände derNPD sowie in Warendorf ein NPD-Stützpunkt, diese kandidiertenaber nicht bei den Kommunalwahlen und entwickeln auch sonstnur wenig Aktivitäten.Eine Gruppe der Autonomen Nationalisten war vor allem in Ahlenaktiv. Deren Mitglieder haben sich mittlerweile dem KreisverbandHamm von „Die Rechte“ angeschlossen.Im März 2012 organisierten die 2010 gegründeten „NationalenSozialisten Münster“ einen Aufmarsch in Münster, der, obwohl ernicht blockiert werden konnte, von großem Gegenprotest begleitetwurde. Nach diesem Aufmarsch und den Kameradschaftsverbotenlöste sich die Gruppe schließlich auf.Auch von einem im Oktober 2012 gegründeten „BezirksverbandMünsterland“ der Partei „Die Rechte“ gehen schon seit über einemJahr keinerlei Aktivitäten mehr aus. Weitere Grüppchen vonNeonaziaktivisten waren in den Städten Emsdetten, Rheine undWarendorf aktiv.In Münster, als alte Universitätsstadt, existieren allerdings verschiedenekleine Zirkel aus dem Umfeld der „Neuen Rechten“, sounter anderem eine Gruppe der „Identitären Bewegung“. Mit der„Burschenschaft Franconia“ ist auch eine Studentenverbindungaus dem rechtsextrem beeinflussten Dachverband der „DeutschenBurschenschaft“ ansässig.56 Rechts, oder was?!


Recklinghausen/GelsenkirchenDie „Bürgerbewegung PRO NRW“ konnte bei der Kommunalwahl2014 in Gelsenkirchen 4,0% der Wählerstimmen auf sich vereinenund damit ihr Ergebnis von 2009 in etwa halten. Sie verlor nur0,3% und stellt weiterhin eine dreiköpfige Fraktion im Stadtrat.Die Partei verfügt in Gelsenkirchen also über eine Stammwählerschaft.Anders im benachbarten Kreis Recklinghausen, wo zwar ein Kreisverbandvon „PRO NRW“ existiert, aber nicht zur Kommunalwahlkandidierte. Die dort ansässige lokale Wählervereinigung „UnabhängigeBürgerpartei“ (UBP) bedient ein ähnliches Wählerklientelwie „PRO NRW“. Sie setzte im Wahlkampf auf eine populistischeAnsprache und Themen wie Zuwanderung, Kriminalität und Moscheebauten.Sie ist in allen Kommunen des Kreises mit mindestenseinem Mandat in den Räten vertreten.Der Kreis Recklinghausen war einige Jahre das Aktionsgebietverschiedener Neonazigruppen, die sich in der „AktionsgruppeRuhr-Mitte“ zusammengeschlossen hatten. Demonstrationen,Propagandadelikte, Sachbeschädigungen und Gewalttaten fandenvor allem in Marl, Gladbeck und Recklinghausen statt. Aber auchin Datteln, Haltern am See oder im benachbarten Olfen (KreisCoesfeld) waren Gruppen der Autonomen Nationalisten aktiv.Die „Aktionsgruppe Ruhr-Mitte“ löste sich Ende 2010 auf. In denFolgejahren nahmen auch die Neonazi-Aktivitäten ab, ohne allerdingsvollständig zum Erliegen zu kommen.Ostwestfalen-LippeDie Region Ostwestfalen-Lippe (OWL) ist aus mehreren Gründen inextremen Rechten Kreisen bekannt. In Vlotho war über Jahrzehnteder Verein „Collegium Humanum“ beheimatet, der in seinem vereinseigenenSeminargebäude eine Vielzahl von neonazistischenBildungsveranstaltungen durchführte. Das Collegium arbeiteteeng mit Holocaust-Leugnern wie z.B. Horst Mahler zusammen undveröffentlichte die Zeitschrift „Stimme des Gewissens“.Seit dem Verbot des Vereins 2008 wird die Arbeit mit der neuenPublikation „Stimme des Reiches“ fortgeführt und die ehemaligeVorsitzende des „Collegium Humanum“, Ursula Haverbeck-Wetzel,tritt weiterhin als Referentin auf vielen rechtsextremistischen Veranstaltungenauf. Zudem stammt der Sänger der populären rechtenMusikband „Sleipnir“, Marcus Laszcz, aus Verl.Wenn auch in Niedersachsen gelegen, hat die Stadt Bad Nenndorf imKreis Schaumberg, eine besondere Bedeutung für die extreme Rechtein OWL. Seit 2006 finden dort alljährlich im August Aufmärsche vonNeonazis mit mehreren hundert Teilnehmern statt. Den bisherigenHöhepunkt stellt die Demonstration 2010 dar, bei der 900 Rechtsextremistenaus dem gesamten Bundesgebiet zugegen waren.57


Hamm/UnnaIm westfälischen Hamm gründeten Neonazis 2003 die „KameradschaftHamm“. Die Organisation trat in den folgenden Jahrendurch zahlreiche Demonstrationen und Kundgebungen sowie Gewalttatenin Erscheinung. Hervorzuheben ist ihre fest Einbindungin das nordrhein-westfälische Neonazi-Netzwerk. So gehörte dieGruppe zu den Gründungsmitgliedern des mittlerweile aufgelösten„Aktionsbüro Westdeutschland“ und versuchte auch im Umland,beispielswiese in Ahlen, Soest und Münster, Neonazi-Strukturenaufzubauen.Die Kameradschaft Hamm wurde im August 2012 verboten. IhreMitglieder fanden schnell den Übergang in die Partei „Die Rechte“,deren Kreisverband vom ehemaligen KameradschaftsführerSascha Krolzig geleitet wird. 2014 zog „Die Rechte“, obwohl sienur in weniger als der Hälfte aller Wahlbezirke kandidiert, mit jeeinem Vertreter in den Stadtrat sowie in die BezirksvertretungHerringen ein.Mit dem Clubhaus der „Fraternitas Germania“, einer rechtsextremen„Bruderschaft“, verfügt die Neonazi-Szene in Hamm überRäumlichkeiten, die sie für Feiern und Schulungsveranstaltungennutzt. Auch die NPD Unna/Hamm veranstaltete hier ihre überregionalenSaalveranstaltungen.Noch existent ist das um das Jahr 2008 gegründete „Freie NetzUnna“, dessen Mitglieder zwar teilweise von den Razzien in Hammund Dortmund betroffen waren, ihre Aktivitäten jedoch in der altenGruppenstruktur weiterführen. Mitglieder der Gruppe sind inmehreren Städten des Kreises aktiv.Gute Kontakte pflegen sie auch zum Kreisverband Unna/Hammder NPD. Der Kreisvorsitzende Hans-Jochen Voß arbeitete eng mitden „Freien Kameradschaften“ aus dem Kreis Unna, Dortmundund Hamm zusammen, die er in der Vergangenheit auch mitfinanzierte.Er hält auch zur neugegründeten Partei „Die Rechte“ einen„kameradschaftlichen“ Kontakt.Die lange Zeit im Rat der Stadt Hamm vertretenen „Republikaner“(REP) kandidierten nicht bei der Kommunalwahl 2014. Auch dervon einem ehemaligen REP-Ratsherrn gegründete Kreisverbandvon „PRO NRW“ trat nicht an.58 Rechts, oder was?!


8.1 Wahlauswertung 2014Bei den Kommunal- und Europawahlen 2014 traten in NRW mehrereParteien an, die dem rechten Spektrum zuzuordnen sind. Darunterauch einige Akteure, die zum ersten Mal zur Wahl antraten.So traten neben NPD, PRO NRW/PRO Köln, „Die Republikaner“ erstmalsParteien wie „Die Rechte“ (DR), die „Alternative für Deutschland“(AfD) und diverse Kleinstparteien, wenn auch jeweils nichtflächendeckend, an.Der Wahlkampf dieser Parteien bestand, wie auch in den Vorjahren,aus teilweise massiver Plakatierung vor Ort, Infoständen sowieWahlveranstaltungen, die seitens NPD und Pro-NRW im Rahmeneiner groß angelegten Wahlkampftour organisiert waren. Von einemgemeinsamen Wahlkampf, evtl. auch abgezielt auf die Möglichkeiteneiner späteren Fraktionszusammenarbeit der rechtenParteien, kann nicht gesprochen werden. Der Aufruf der Partei „DieRechte“ an eigene Wähler sich bei den Europawahlen für die NPDzu entscheiden, ist u.a. darauf zurück zu führen, dass es nicht gelang,selbst genug Unterschriften für den Antritt bei den Europawahlenzu sammeln. Da man aber auf der europäischen Ebene denRechtsruck vorantreiben wollte und die NPD als einzige vertretbarepolitische Kraft von „Die Rechte“ betrachtet wurde, hat man für siegeworben. Abgesehen davon, kann man sonst von einer starkenKonkurrenz zwischen den rechten Parteien sprechen.Die Kommunalwahlen haben für die o.g. Parteien eine sehr großeBedeutung, da man intern (bis auf die AfD) keine realistischenChancen sieht, bei den Landtagswahlen mit über 5 % zu punkten.So wird der Zugang zum aktiven parlamentarischen Leben in NRWnur über die kommunale Ebene als möglich gesehen. Lokalpolitikwird von den Parteien als Möglichkeit gesehen, sich intensiver inkommunalen Zusammenhängen einzubringen und somit auf derlokalen Ebene Präsenz zu zeigen, Aufmerksamkeit zu erregen undpotentielle Wähler zu rekrutieren. Erschwerend hinzu kommt dieTatsache, dass sogar Parteien mit einem geringeren WählerpotenzialMandate in den Kommunalparlamenten erlangen können, daes in NRW seit 1999 keine Fünf-Prozent-Sperrklausel mehr gibt. Dasbedeutet am Beispiel von „Die Rechte“ in Dortmund, wo bei insgesamt202.064 gültigen Stimmen die Partei mit 2101 Stimmen aufein Prozent kommt, dass sie damit einen Sitz im Stadtrat bekommt.Sich weiter zu etablieren, gelang der NPD in NRW jedoch nicht. Sieverlor im Vergleich zu 2009 insgesamt 11 Mandate (Vgl. 2009: 27Mandate; 2014: 16 Mandate). Insgesamt gaben 14.146 Menschenihre Stimme für die NPD, was 0,2 % bedeutet (2009: 25.798 Stimmen,0,4%). Das hat einerseits mit der Konkurrenz durch die Partei„Die Rechte“ zu tun. Nicht nur Wähler, sondern auch einige Mitgliederund ein kompletter Kreisverband der NPD traten zu „DieRechte“ über. Zudem bestehen weitreichende strukturelle sowiefinanzielle Probleme und interne Machtkämpfe über die politischeAusrichtung und Posten. So gelang es der NPD nicht, flächendeckendzur Wahl anzutreten und ihr Ergebnis zu halten.59


Im Gegensatz dazu kann man bei PRO NRW von regionalen Erfolgensprechen. Die Partei konnte in Teilen des Landes in die Kommunalparlamenteeinziehen und ihre Präsenz erhöhen. So z.B. in Teilendes Ruhrgebiets und im Bergischen Land. Aus den insgesamt 62errungenen Mandaten landesweit ergeben sich 12 Fraktionen. Beidiesen Kommunalwahlen stimmten 36.085 Menschen für Pro-NRW,was 0,5 % ergibt (2009: 41.291 Stimmen, 0,6 %). Weiterhin bleibendas Münsterland und Westfalen-Lippe für PRO NRW Regionen, inden sie keine relevanten Erfolge verzeichnen können. Zu benennenist der Verlust von 3 Sitzen bei PRO Köln. Somit verliert PRO Kölnden Fraktionsstatus im Kölner Stadtrat.„Die Rechte“ schaffte es in die Stadträte in Dortmund und Hammmit jeweils einem Sitz. Dazu konnte die Partei in Dortmund 4 Plätzein Bezirksvertretungen und in Hamm einen erreichen. Die Partei,die die meisten Erfolge zu verzeichnen hat, ist die „Alternative fürDeutschland“, die insgesamt auf 141 Mandate in den Kommunalparlamentenkommt (davon 55 Sitze in den Bezirksvertretungen).Insgesamt können die Wahlergebnisse der rechten Parteien nichtals landesweiter Erfolg gewertet werden. Sicherlich werden Kommunalverwaltungenmit den gewählten Vertretern rechter Parteienvor einer neuen und besonderen Herausforderung stehen und müssenim Umgang mit dieser für sie neuen Situation unterstützt undberaten werden. Eine endgültige Analyse, wie stark die Parteien indas politische Leben der Kommunen eingreifen werden, kann momentannoch nicht geleistet werden.9. Was kann man gegenRechtsextremismus tun?Wie kann ich aktiv werden?Rechtsextremismus und Rassismus sind Phänomene, die in jederGesellschaft zu finden sind und einem auch im Alltag begegnenkönnen. Demnach bedarf es permanenter Auseinandersetzungmit der Thematik und Engagement, um entgegen zu wirken.Wichtig ist: Es gibt viele Menschen, die sich in vielfältiger Formgegen Rassismus und Rechtsextremismus engagieren. Man ist alsonicht allein: Es gibt bereits viele Ideen und Möglichkeiten, was manmachen kann. Deswegen ist es möglich, Verbündete zu finden, dieeinen unterstützen können und mit denen man gemeinsam aktivwerden kann.Im Anhang sind Adressen und Ansprechpartner zu finden, dieUnterstützung bieten bzw. bereits aktiv gegen Rassismus undRechtsextremismus sind. Zudem steht die Wuppertaler Initiativefür Demokratie und Toleranz als Ansprechpartner zur Verfügungund vermittelt gerne Kontakte zu verschiedensten Gruppen undStellen.60 Rechts, oder was?!


Hier werden in der Folge zwei Beispiele und Informationen zuMöglichkeiten gegeben, aktiv zu werden. Einmal zu Möglichkeitender Reaktion auf rassistische und rechtsextreme Parolen, mit denenman alltäglich im eigenen Umfeld konfrontiert sein kann undwo es wichtig ist, sie nicht unwidersprochen zu lassen. Im zweitenTeil werden Informationen zum Demonstrationsrecht gegeben,die Relevanz haben, wenn es darum geht, wie man auf rechtsextremeAufmärsche reagieren kann.10. Argumente gegen rechte ParolenBehauptung 1: Den Holocaust/die Shoah hat es nie gegebenRichtig ist: Der vorsätzliche Völkermord an rund 6 Millionen Judenist durch umfassende Zeitzeugenberichte, schriftliche Dokumente,gerichtliche Feststellungen in Strafverfahren, Filmaufnahmen,Ansammlungen von Haaren, Schuhen, Zahngold und Knochen,Massengräber, Briefe – schlicht durch sämtliche Erkenntnisse derGeschichtswissenschaft- eindeutig belegt. Die erhaltenen Konzentrationslager,in denen Juden systematisch ermordet wurden,kann sich jeder ansehen. Aufgrund dieser Tatsachen ist die Leugnungdes Holocaust in Deutschland ein Straftatbestand und auchungeachtet dessen schlichtweg niemals zu akzeptieren. Aus derdeutschen Geschichte resultiert eine besondere Verantwortung,die ernst genommen werden muss und keineswegs einen von denRechtsextremen propagierten „jüdischen Schuldkult“ darstellt.Behauptung 2: Es gibt menschliche RassenRichtig ist: Erkenntnisse der Genetik und der Evolutionsbiologiebeweisen unzweifelhaft, dass menschliche Rassen nicht existentsind. Wir alle stammen von unseren afrikanischen Vorfahren ab,wobei sich in unterschiedlichen geographischen Räumen Untergruppengebildet haben, die sich genetisch und somit auch äußerlichvoneinander unterscheiden. Diese sind einander jedochgenetisch ähnlicher, als bspw. Bruder und Schwester. Die Unterteilungvon Menschen in Rassen ist also nichts anderes, als eineauf falschen Tatsachen beruhende illegitime Selektion.Bereits 1978 verabschiedete die Generalkonferenz der UNESCOeine Erklärung über „Rassen“ und rassistische Vorurteile. Dortheißt es: „Alle Menschen gehören einer einzigen Art an und stammenvon gemeinsamen Vorfahren ab. Sie sind gleich an Würdeund Rechten geboren und bilden gemeinsam die Menschheit.“ Besondersabsurd und schlichtweg falsch ist es, von einer „jüdischenRasse“ zu sprechen, da es sich beim Judentum um eine Religionhandelt.61


Behauptung 3: Hitler hatte die Idee, Autobahnen bauen zulassen und bekämpfte damit erfolgreich die ArbeitslosigkeitRichtig ist: Das vermeintliche „Prestige-Projekt“ Adolf Hitlers beruhtauf Plänen des Frankfurter Wirtschaftsamtes, die bereits ausdem Jahr 1925 stammen. In diesem Jahr gründete sich die NSDAPgerade neu, nachdem sie zwei Jahre zuvor verboten worden war.1926 wurde der „Verein zur Förderung der Autostraße Hamburg-Frankfurt-Basel“(Hafraba) eingerichtet, der ein Straßennetzmit „allein dem Kraftfahrzeugverkehr vorbehaltenen, völlig kreuzungsfreienStraßen“ vorsah. Dieser Plan musste vom Reichstag– aufgrund eines Oppositionsbündnisses aus NSDAP und KPD – jedochverworfen werden. Ein derartiges „Luxusprojekt“ wolle mannicht finanzieren.Noch vor der Machtergreifung Hitlers wurde im August 1932die erste deutsche Autobahn auf Initiative der Stadt Köln fertiggestellt, die heutige A555 von Köln nach Bonn. 1933 griff Hitlerschließlich auf die bereits bestehenden Pläne der Hafraba zurückund schaffte es so, den Autobahnbau als sein persönlich initiiertesProjekt in den Köpfen der Menschen zu etablieren und für Propagandazweckezu missbrauchen. Bis heute hat sich dieser Mythoshartnäckig gehalten.Ebenso wie die Ansicht, Hitler sei der Massenarbeitslosigkeitdurch den Autobahnbau erfolgreich begegnet.Tatsächlich konnten in der kurzzeitigen Hochphase des Autobahnbausvon rund 5 bis 6 Millionen Arbeitslosen lediglich 200.000 bis250.000 Menschen wieder in Lohn und Brot gebracht werden.Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Arbeitsbedingungen sichaufgrund mangelenden maschinellen Geräts sehr menschenunwürdiggestalteten. Das publizierte das NS-Propaganda-Blatt „DieStraße“ 1937 sogar selbst.Behauptung 4: Das Grundgesetz ist ein Diktat der Westalliierten.Es hat Entstehungsmängel, da es vom deutschenVolk nicht abgesegnet worden istRichtig ist: Das Grundgesetz ist die Verfassung Deutschlands. DieWestalliierten USA, Frankreich und Großbritannien stellten zweigrundlegende Bedingungen an eine neue deutsche Verfassung:Demokratie und Föderalismus. Damit sollte einer erneuten totalitärenHerrschaft vorgebeugt werden. Die detaillierte inhaltlicheAusarbeitung des Grundgesetzes überließen die Alliierten jedochden Deutschen. Von einem Diktat kann also keineswegs die Redesein.62 Rechts, oder was?!


Im August 1948 tagte der sog. Herrenchiemsee-Konvent, demLandesdelegierte, Juristen, Politiker und Verwaltungsfachleuteangehörten. Sie arbeiteten einen Entwurf des neuen Grundgesetzesaus, welcher Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republikund dem menschenverachtenden NS-Regime zog. Das Grundgesetzwurde vom Parlamentarischen Rat am 8. Mai 1949 beschlossenund von den Alliierten genehmigt. Es kam zwar zu keinerVolksabstimmung über die Annahme der neuen Verfassung, diesmuss für die Gültigkeit einer Verfassung jedoch auch nicht der Fallsein. Alle Länder, mit Ausnahme von Bayern, stimmten dem neuendeutschen Grundgesetz zu. Bayern akzeptierte aber die Entscheidung.Zuvor war festgelegt worden, die Verfassung nur bei einerZweidrittelmehrheit anzunehmen.Behauptung 5: Einwanderung und multikulturelles Zusammenlebensind VölkermordRichtig ist: Völkermord findet statt, wenn eine Volksgruppe aufgrundbestimmter Merkmale vorsätzlich vernichtet, ermordetoder auf andere Weise ausgerottet wird. Der Holocaust, also dieErmordung von rund 6 Millionen Juden durch das NS-Regime, istder Inbegriff eines Völkermordes. Multikulturelles Zusammenlebenhat damit offenkundig rein gar nichts zu tun, im Gegenteil:Diese Behauptung ist eine dreiste Umkehrung der Wirklichkeit.Selbst im Fall einer quantitativen Mehrheit von Einwanderern,wären die Deutschen damit in keiner Weise einer Bedrohung, geschweigedenn einer vorsätzlichen Ausrottung unterworfen.Behauptung 6: Ausländer nehmen den Deutschen die ArbeitsplätzewegRichtig ist: Es ist gesetzlich festgelegt, dass Inländer und EU-Bürgerbei Bewerbung um die gleiche Stelle den Vorzug gegenüber Ausländernerhalten. Tatsache ist auch, dass Ausländer und Deutschemeist gar nicht um denselben Posten konkurrieren, da Ausländermeist geringer oder höher qualifiziert sind als Deutsche. Für vieleStellen finden sich gar keine deutschen Arbeitnehmer.Außerdem sollte man nicht unbeachtet lassen, dass die sozialwissenschaftlicheForschung zu der Erkenntnis gekommen ist, dassMenschen mit einem ausländischen Namen seltener zu Vorstellungsgesprächeneingeladen werden als Deutsche, und zwar unabhängigvon ihrer Qualifikation. Die eingangs genannte These istalso völlig unhaltbar. Es ist außerdem darauf hinzuweisen, dass inDeutschland rund 240.000 ausländische Unternehmen ansässigsind, die 570.000 Arbeitsplätze bereitstellen.63


Behauptung 7: Ausländer sind krimineller als DeutscheRichtig ist: Ausländer sind nicht automatisch krimineller als Deutsche.Zwar ist es richtig, dass sie in der Polizeilichen Kriminalstatistik(PKS) häufiger auftauchen als Deutsche: Diese Statistik unterliegtjedoch einigen Verzerrungsfaktoren. Allgemein sind die höchstenKriminalitätsraten bei deutschen und nicht-deutschen jungenMännern, die gering qualifiziert sind und in urbanen Räumen leben,zu verzeichnen. Diese Gruppe ist unter den in Deutschland lebendenAusländern überrepräsentiert. Außerdem ist zu beachten,dass bestimmte strafbare Delikte natürlicherweise nur von Ausländernbegangen werden können, so etwa Verstöße gegen dasAsylgesetz. Des Weiteren gehen in die PKS auch jene Straftatenein, die von Touristen und Durchreisenden sowie von sich illegalin Deutschland aufhaltenden Personen verübt werden. Teilweisereisen diese einzig und allein mit dem Ziel der Straftatenbegehungein: beispielsweise Drogenhandel, Schmuggel, Zuhälterei.Es lassen sich noch weitere Verzerrungseffekte aufzeigen: So konntenwissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass die Anzeigebereitschaftder Bevölkerung gegenüber Ausländern höher ist alsgegenüber Deutschen. Ein differenzierter Blick auf die PKS zeigtsogar, dass ein ausländischer Arbeitsmigrant seltener straffälligwird als ein Deutscher in vergleichbarer sozialer Position.Es soll jedoch nicht bestritten werden, dass auch die bereinigtePKS noch aufzeigt, dass ausländische Jugendliche, insbesonderesolche zwischen 14 und 17 Jahren, häufiger mit dem Gesetz inKonflikt kommen, als gleichaltrige Deutsche. Hier muss jedoch daraufhingewiesen werden, dass Kriminalität kein kulturelles oderethnisches und schon gar kein genetisches, sondern ein sozialesProblem ist, das bei Jugendlichen oft auf ein geringes Qualifikationsniveauund schlechte wirtschaftliche Perspektiven zurückzuführenist. Diesen Problemen sehen sich ausländische Jugendlichedeutlich häufiger gegenüber, als ihre deutschen Altersgenossen.Generell gilt: Eine Einzelperson mit individuellem Hintergrund begehteine Straftat, nicht eine Nationalität.Behauptung 8: Das „Weltjudentum“ hat sich verschworen,um die Welt zu unterwerfenRichtig ist: Das „Weltjudentum“ gibt es de facto nicht. Auch der „JüdischeWeltkongress“ ist keine weltweite jüdische Vereinigung, diedazu veranlassen könnte, von einem „Weltjudentum“ zu sprechen.Der Kongress wurde 1936 gegründet, um „das Überleben und dieEinheit des jüdischen Volkes“ zu sichern. Auch die Behauptung derjüdischen Weltherrschaft ist völlig haltlos. Sie geht vor allem auf die„Protokolle der Weisen von Zion“ zurück, ein Schlüsseldokumentdes Antisemitismus. Sie entstanden im ausgehenden 19. Jahrhundertund manifestieren eine Verschwörungstheorie, nach welcherdas „Weltjudentum“ durch demokratische, moderne Strukturen dieWeltherrschaft an sich reißen und die Völker unterdrücken will.64 Rechts, oder was?!


Dies wurde zu Zeiten des Nationalsozialismus zur Vernichtung derJuden instrumentalisiert und von vielen Menschen geglaubt. Obwohldie tatsächlichen Urheber nicht eindeutig benannt werdenkönnen, sprechen viele Indizien dafür, dass die russisch-zaristischeGeheimpolizei die „Protokolle“ verfasst hat. Absurderweise glaubenjedoch auch heute noch Menschen an den Wahrheitsgehaltder „Protokolle“, obwohl bereits seit über sieben Jahrzehnten erwiesenist, dass die „Protokolle“ gefälscht wurden.Behauptung 9: Rechtsextreme Einstellungen sind von derMeinungsfreiheit gedecktRichtig ist: Nach Urteilen des Bundesverfassungsgerichtes gilt dasim Grundgesetz (GG) manifestierte Recht auf Meinungsfreiheitauch für Personen mit rechtsextremen Ansichten. Art 5. GG trittjedoch außer Kraft, wenn volksverhetzende Äußerungen getätigtoder andere Straftaten begangen werden. Es ist darauf hinzuweisen,dass über jedem Artikel des deutschen Grundgesetzes dieUnantastbarkeit der Menschenwürde steht: „Die Würde des Menschenist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtungaller staatlichen Gewalt.“ (Art. 1, Abs.1 GG). Dieser Grundsatzist mit rechtsextremen Ansichten nicht zu vereinbaren, sie schließensich gegenseitig aus.Deutschland ist zudem eine streitbare Demokratie. Das bedeutet,dass die Bundesrepublik sich gegen demokratiefeindliche Bestrebungenzur Wehr setzt. Damit wurden die Konsequenzen aus demScheitern der Weimarer Republik und dem langjährigen NS-Regimegezogen. Dazu Wolfgang Hoffmann-Riem, ehemals Richteram Bundesverfassungsgericht: „Rassismus, Antisemitismus undAusländerfeindlichkeit als Kernpunkte neonazistischer Ideologiesind nicht irgendwelche unliebsamen, politisch unerwünschtenAnschauungen, sondern solche, die mit grundgesetzlichen Wertvorstellungenunvereinbar sind. Der Ausschluss gerade dieses Gedankengutsaus dem demokratischen Willensbildungsprozess, istein aus der historisch bedingten Werteordnung des Grundgesetzesableitbarer Verfassungsbelang, der es rechtfertigt, die Freiheitder Meinungsäußerung, bezogen und beschränkt auf dieses Gedankengut,inhaltlich zu begrenzen.“65


11. DemonstrationsrechtWas ist das Demonstrationsrecht und wo kommt es her?Das Demonstrationsrecht setzt sich zusammen aus dem Recht auffreie Meinungsäußerung (Art. 5, Abs. 1 GG) und der Versammlungsfreiheit(Art. 8 GG). Nach Art. 5, Abs. 1 GG hat jeder dasRecht, seine Meinung frei zu äußern und zu verbreiten. Nach Art.8 GG haben alle Deutschen das Recht, sich friedlich und ohne Waffenzu versammeln.Sollte man rechte Demonstrationen besser ignorieren oderetwas dagegen unternehmen?Teilweise wird sich dafür ausgesprochen, rechte Demonstrationenbewusst zu ignorieren, damit Rechte keine (mediale) Aufmerksamkeitbekommen, um sich in der breiten Öffentlichkeit zupräsentieren. Allerdings sollte man, auch in Anbetracht der Opferrechter Gewalt, menschenverachtende Parolen nicht einfach sostehen lassen. Rechte besetzen oft Themenfelder, z.B. Moscheebau,Intensivstraftäter oder Zuwanderung und öffentliche Räume,um dadurch Präsenz zu zeigen, ihre Positionen in der Öffentlichkeitzu verbreiten und dafür zu werben (sg. Strategien des „Wortergreifens“und des „Besetzens öffentlicher Räume“). Das Ignorierenoder Verharmlosen rechter Aktivitäten, z.B. die Leugnungvon Problemen durch Rechtsextreme, um als Kommune keinenschlechten Ruf zu riskieren, gibt Rechten erst den Raum für ihreIdeologie und fördert ihre Aktivität eher. Daher sollte man als Zivilgesellschaftden Rechten nicht die Meinungshoheit an den vonihnen besetzten Themen überlassen, indem man ihre Ansichtendazu unkommentiert lässt, sondern ihnen auf einer möglichstbreiten gesellschaftlichen Basis zeigen, dass rechte Aktivitätennicht einfach akzeptiert werden. Eine solche engagierte Auseinandersetzungmit dem Rechtsextremismus würde daneben den Rufeiner Kommune eher aufwerten als ihm schaden. Ein Bewusstseinfür das Problem und Aufklärungs- und Präventionsarbeit sind dereinzige wirksame Weg, Rechtsextremen (argumentativ) in derÖffentlichkeit zu begegnen. Außerdem ist dies wichtig, um auchrechtes Gedankengut (z.B. Fremdenfeindlichkeit oder Homophobie),welches immer noch weit in der Bevölkerung verbreitet ist,auszuräumen.Wie sind insgesamt die Reaktionsmöglichkeiten der staatlichenInstitutionen auf Rechtsextremismus?Reaktionen des juristischen Systems und staatlicher Institutionenauf das Problem des Rechtsextremismus sind begrenzt und nurim Rahmen der Gesetze möglich. Unsere freiheitliche Grundordnungbedeutet eben auch, dass man die Freiheitsausübung anderer,also auch Rechtsextremer, im Rahmen der Gesetze tolerieren66 Rechts, oder was?!


muss. Das Recht bietet demnach keine Lösung für die Verankerungund die Bekämpfung rechtsextremen Gedankengutes in derGesellschaft. Rechtsextremismus ist primär ein gesellschaftlichesProblem, dem man auch hauptsächlich auf dieser Ebene (z.B.durch zivilgesellschaftliches Engagement) begegnen sollte. DasVersammlungsrecht zu verschärfen oder Strafen zu erhöhen, istkein probates Reaktionsmittel, weil es die Versammlungsfreiheitaller einschränken würde. Man sollte daher den Staat und dieStrafjustiz nicht immer nur dann stark machen, wenn es politischwünschenswert erscheint.Warum kann man rechte Demonstrationen nicht einfach imVorfeld verbieten?Rechte Organisationen können sich zusätzlich zur Meinungsfreiheit(s.o.) auch auf das Grundrecht der Versammlungsfreiheit berufen,solange sie nicht gemäß Art. 21, Abs. 2 GG (Parteiverbot)bzw. Art. 9, Abs. 2 GG (Vereinsverbot) verboten worden sind. DieMeinungs- und Versammlungsfreiheit sind zentrale Rechte derBürger in einer Demokratie und können nur unter engen Voraussetzungeneingeschränkt werden.Warum schützt die Polizei rechtsextreme Versammlungen?Ist eine Versammlung nicht verboten, hat der Staat (und somitdie Polizei) die Pflicht, die Versammlung vor Störungen von außen(z.B. durch Gegendemonstranten) zu schützen. Durch den Schutzeiner rechten Demonstration ergreift die Polizei nicht Partei fürdie Inhalte der Rechten, sondern erfüllt nur ihre Schutzpflicht, diesie gegenüber jeder nicht verbotenen Versammlung hat.Warum können sich Rechte auf die Meinungsfreiheit berufen,wenn sie genau diese Freiheit eigentlich abschaffenwollen?Die Meinungsfreiheit gilt im Grunde auch für Rechtsextreme undihre Äußerungen, weil nicht vom Staat zwischen wertvollen undweniger wertvollen Äußerungen unterschieden werden darf, sondernprinzipiell jede Meinung in der freiheitlichen, demokratischenGrundordnung geschützt wird. Nicht von der Meinungsfreiheitgedeckt sind allerdings erwiesen falsche Tatsachen, bewussteLügen (z.B. die Holocaustleugnung) oder strafbare Äußerungen,z.B. nach §§ 130 (Volksverhetzung) oder 185 (Beleidigung) StGB.Insbesondere, wenn konkrete Äußerungen Rechtsextremer dieMenschenwürde aus Art. 1, Abs. 1 GG verletzen, indem sie z.B.Menschen als minderwertig klassifizieren oder ihnen das gleichberechtigteLebensrecht absprechen, sind sie nicht mehr von derMeinungsfreiheit erfasst, da die Menschenwürde im Grundgesetzder höchste Wert und absolut geschützt ist.67


Unter welchen Voraussetzungen können rechte Demonstrationenverboten werden?Ein Versammlungsverbot ist die „ultima ratio“ im Versammlungsrecht,darf also nur erlassen werden, wenn mildere Maßnahmen(vertrauensbildende Maßnahmen durch den Veranstalter oder Auflagengem. § 15, Abs. 1 VersG) keinen Erfolg versprechen. Demonstrationenaußerhalb geschlossener Räume können nach § 15 VersGverboten werden, wenn durch sie die öffentliche Sicherheit oder Ordnungunmittelbar gefährdet ist. Die „öffentliche Sicherheit“ umfasstdie Rechtsordnung, die Rechte des Einzelnen (z.B. Gesundheit, Vermögen,Ehre) und den Bestand des Staates sowie seine Veranstaltungenund Einrichtungen. Gefahren für die öffentliche Sicherheit sindzum Beispiel Empfehlungen, die Gesetze zu missachten, Inkaufnahmevon Gewalttätigkeiten, das Tragen strafbarer Symbole (z.B. Hakenkreuz)oder ein Verstoß gegen strafrechtliche Äußerungsdelikte(z.B. § 130 StGB – Volksverhetzung). Nicht darunter fallen die bloßeTeilnahme von Personen aus dem rechtsextremen Spektrum, die Verbreitungvon rechtsextremem Gedankengut, sofern es nicht gesetzlichverboten ist, und Gefahren (z.B. von gewalttätigen Ausschreitungen),die nur von einer Teilgruppe bei einer Demonstration ausgehen.Unterhalb der Strafbarkeitsschwelle ist die Verbreitung rechten Gedankengutseine Gefahr für die öffentliche Ordnung beispielsweisebei:• Verherrlichung führender Personen des NS-Systems (z.B. RudolfHeß)• Verharmlosung / Rechtfertigung der NS-Diktatur, Leugnung vonKriegsschuld und Kriegsverbrechen• Aufmärsche, Verwendung von Symbolen / Fahnen / Abzeichen/ Parolen / Grußformeln, die denen des NS-Systems ähnlich sind• Ausländerfeindlichkeit, die geeignet ist, Teile der Bevölkerungeinzuschüchtern oder zu verängstigen• Versammlungen an einem eindeutig symbolträchtigen Tag, wodurchgrundlegende soziale oder ethische Anschauungen der Bevölkerungerheblich verletzt werden (z.B. am Holocaust-Gedenktag,dem 27. Januar)Eine alleinige Gefährdung der öffentlichen Ordnung rechtfertigt nachder bis heute gültigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts(BVerfG) ein Versammlungsverbot grundsätzlich nicht, kannaber zu Auflagen führen.Wann können Auflagen zu einer Demonstration erlassenwerden?Auflagen (beispielsweise bzgl. des Ortes, der Zeit, der Teilnehmerzahl,des Inhaltes oder der Route einer Demonstration) könnengem. § 15, Abs. 1 VersG unter denselben Voraussetzungen erlassenwerden wie ein Versammlungsverbot. Sie werden insbesonderebedeutsam, wenn nur eine Gefahr für die öffentliche Ordnung68 Rechts, oder was?!


vorliegt, welche ein Versammlungsverbot allein nicht begründenkann. Grundsätzlich ist eine Auflage einem Versammlungsverbotvorzuziehen, weil Auflagen das Grundrecht auf Versammlungsfreiheitnicht so stark beeinträchtigen wie ein Verbot. Das Verbotbestimmter Inhalte als Auflage setzt wegen der hohen Bedeutungder Meinungsfreiheit in der Regel die Strafbarkeit dieser Inhaltevoraus. Für ein Verbot bestimmter Redner als Auflage reicht esnicht aus, dass diese in der Vergangenheit schon einmal strafbareInhalte geäußert haben: Es müssen vielmehr konkrete Anhaltspunktedafür bestehen, dass sie dies wiederholen werden.Warum können Rechte mit Hilfe von Tarnveranstaltungendemonstrieren?Eine Strategie der Rechten ist, eine unproblematische Veranstaltunganzumelden, die im Lauf der Demonstration auf Geheiß odermit Billigung des Veranstalters umgewidmet wird (sg. Tarnveranstaltung,z.B. Anmeldung einer Demonstration gegen die Eurokrisezur Tarnung einer Rudolf-Heß-Gedenkveranstaltung). Dabei bestehtdie Gefahr, dass strafrechtliche Äußerungsdelikte begangenwerden, so dass die Versammlung eigentlich hätte verboten werdenkönnen. Indizien für eine Tarnveranstaltung können der Ortund die Zeit der Demonstration sowie frühere Täuschungen durchden Anmelder sein. Wegen der hohen Bedeutung der Versammlungsfreiheitstellen die Gerichte allgemein sehr hohe Anforderungenan die für ein Verbot erforderliche Tarnabsicht.Wie entscheidet die Behörde, ob eine Demonstration verbotenwird oder Auflagen erlassen werden?Die Polizei erlässt ein Versammlungsverbot oder Auflagen aufGrundlage einer Gefahrenprognose im Vorfeld einer Versammlung.Je größer dabei das Ausmaß eines befürchteten Schadensist, desto geringer werden die Anforderungen an die zeitlicheNähe und die Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts. Soll eineVersammlung verboten werden, gelten besonders hohe Anforderungenan die Gefahrenprognose.Außerdem hat die Polizei bei ihrer Entscheidung gemäß § 15,Abs. 1 VersG ein Ermessen (= Entscheidungsspielraum), d.h. sieist nicht dazu verpflichtet, beim Vorliegen der Voraussetzungendes § 15 VersG die Versammlung zu verbieten oder Auflagen zuerlassen. Vielmehr muss sie das geschützte Rechtsgut (die öffentlicheSicherheit oder Ordnung) gegen das Rechtsgut, in das sie miteinem Verbot oder einer Auflage eingreift (Versammlungsfreiheit,Meinungsfreiheit) im konkreten Fall abwägen.69


Wann kann eine Versammlung aufgelöst werden?Nach § 15, Abs. 3 VersG kann eine Versammlung aufgelöst werden,wenn sie nicht angemeldet ist, Auflagen nicht eingehalten werden,oder die tatsächliche Durchführung von den Angaben in der Anmeldungabweicht. Das bedeutet allerdings nicht, dass eine Demonstrationallein beim Vorliegen einer der Voraussetzungen automatischaufgelöst wird. Sie darf nach der Auslegung des BVerfG so langestattfinden, wie die öffentliche Sicherheit noch nicht gefährdet ist.Welche Maßnahmen darf die Polizei während einer Demonstrationergreifen?Die Polizei kann Teilnehmer, welche die Demonstration grob stören(§ 18, Abs. 3 VersG) oder gegen das Vermummungsverbotoder das Schutzwaffenverbot verstoßen (§ 17a, Abs. 4, S. 2) vonihr ausschließen. Sie kann auch gemäß § 15, Abs. 3 VersG eine Demonstrationauflösen, die nicht angemeldet ist, verboten ist, oderwenn Auflagen nicht eingehalten werden.Außerdem ist die Polizei durch § 19a in Verbindung mit § 12aVersG dazu ermächtigt, Bild- und Tonaufnahmen von Demonstrationsteilnehmernzu machen, wenn tatsächliche Anhaltspunktebestehen, dass von diesen eine erhebliche Gefahr (= qualitativ gesteigerteGefahr, z.B. für besonders wichtige Rechtsgüter wie Lebenoder Gesundheit oder für eine Vielzahl von Personen) für dieöffentliche Sicherheit oder Ordnung ausgeht.Bei Verstößen gegen das Waffen-, Schutzwaffen-, VermummungsoderUniformverbot sowie beim Auflagenverstoß darf die Polizeinach § 30 VersG die dazu verwendeten Gegenstände einziehen.Identitätsfeststellungen oder Durchsuchungen von Demonstrationsteilnehmerndurch die Polizei sind nur beim Vorliegen der Voraussetzungenvon § 19a in Verbindung mit § 12a VersG oder § 15VersG zulässig.Weitere Maßnahmen der Polizei gegen Demonstrationsteilnehmernach dem Polizeigesetz NRW (z.B. Platzverweis oder Ingewahrsamnahme)sind erst zulässig, wenn der Betroffene nichtmehr unter dem Schutz der Versammlungsfreiheit nach Art. 8 GGsteht, also wenn er rechtmäßig von einer Demonstration ausgeschlossenwurde oder die Demonstration rechtmäßig aufgelöstwurde.70 Rechts, oder was?!


11.1 Gegendemonstrationen –Gegenaktionen:Häufig gestellte FragenMuss eine Demonstration erlaubt oder genehmigt werden?Nach Art. 8 GG besteht das Versammlungsrecht frei von einerbehördlichen Erlaubnis oder Genehmigung. Für Versammlungenunter freiem Himmel (Versammlungen, die zu den Seiten offenund für jedermann zugänglich sind) besteht nach § 14 VersG (Versammlungsgesetz)nur eine Anmeldepflicht.Muss man jede Demonstration anmelden?Nach § 14, Abs. 1 VersG sind grundsätzlich nur Versammlungenaußerhalb geschlossener Räume anmeldepflichtig. Eine solcheVersammlung muss spätestens 48 Stunden vor ihrer öffentlichenBekanntgabe angemeldet werden. Dies gilt aber nicht für Spontanversammlungen(Versammlungen, die sich aus einem aktuellenAnlass ungeplant und ohne Veranstalter entwickeln), weildiese eben keinen Veranstalter haben, der die Anmeldepflichtwahrnehmen kann. Eine Eilversammlung (kurzfristig geplante Versammlung,die ohne Gefährdung des Versammlungszwecks nichtin der 48-Stunden-Frist angemeldet werden kann) ist vom Veranstalteranzumelden, sobald die Möglichkeit dazu besteht: Hier giltdie 48-Stunden-Frist nicht. Die Möglichkeit zur Anmeldung bestehtmeist schon zeitgleich mit dem Entschluss zur Veranstaltung,spätestens aber nach der Bekanntgabe der Versammlung.Wie meldet man eine Demonstration an?Eine Versammlung muss laut § 14, Abs. 1 VersG bei der „zuständigenBehörde“ angemeldet werden. Dies ist meist die örtlichePolizeibehörde.Die Anmeldung ist formfrei und kann auch per Telefon oder Faxerfolgen.Zur Erfüllung der Anmeldepflicht aus § 2, Abs. 1 und § 14, Abs. 1VersG sind anzugeben:• Name und Anschrift des Veranstalters (mehrere Veranstaltersind gleichzeitig anmeldepflichtig)• Name und Anschrift des Versammlungsleiters• Zeit, Ort und erwartete Teilnehmerzahl der Demonstration• Route der Demonstration• Gegenstand (Inhalt / Thema) der Versammlung• Hilfsmittel (z.B. Transparente, Lautsprecher)• ggf. Antrag zur Verwendung von Ordnern71


Gibt es ein „Erstanmelderprivileg“ bei der Demonstrationsanmeldung?Ein sog. „Erstanmelderprivileg“, also den Vorzug einer früher angemeldetenDemonstration vor anderen, später angemeldetenDemonstrationen am selben Ort, gibt es im VersG nicht. Die Behördemuss bei mehreren, am gleichen Ort angemeldeten Versammlungendie Interessen beider in einen Ausgleich bringen, sodass die Versammlungsfreiheit beider Demonstrationen möglichstweitreichend verwirklicht wird. Eine Maßnahme ist zum Beispiel,die Marschroute zweier Demonstrationen geringfügig zu verändern,damit diese sich nicht gegenseitig behindern oder es zu Ausschreitungenkommt.Eine Belegung oder „Reservierung“ öffentlicher Plätze im Vorausist daher nicht möglich, weil man sich damit über die Versammlungsfreiheitanderer hinwegsetzen würde.Gibt es für mich als Veranstalter eine „Kooperationspflicht“mit der Behörde?Eine Kooperationspflicht auf der Seite des Veranstalters gibt esnicht. Dennoch ist eine Kooperation mit der Behörde hilfreich,da durch vertrauensbildende Maßnahmen des Veranstalters dieSchwelle, ab der die Polizei in das Versammlungsrecht eingreifenkann (z.B. durch Auflagen, Verbot oder Auflösung) erhöht wird.Die Behörde selbst ist zur Kooperation mit dem Veranstalter verpflichtet.Sie muss dem Veranstalter erwartete Probleme erläutern,ihm Auskünfte geben und ihn beraten. Ein Verstoß gegen dieKooperationspflicht kann dazu führen, dass die Gefahrenprognosefür eventuelle Auflagen oder ein Verbot gerichtlich angreifbar ist.Welche Pflichten habe ich als Teilnehmer einer Demonstration?Alle Versammlungsteilnehmer müssen den Anweisungen des Versammlungsleiters(des Veranstalters) bzw. der Ordner Folge leisten(§ 19, Abs. 2 VersG). Störungen, die bezwecken, die ordnungsgemäßeDurchführung der Versammlung zu verhindern, müssengemäß § 2, Abs. 2 VersG unterlassen werden. Waffen oder Sachen,die dazu geeignet sind, Personen zu verletzen oder Sachen zu beschädigen(z.B. Baseballschläger, Schlagstöcke) darf man nach § 2,Abs. 3 VersG nicht mitführen. Das gilt auch für sg. „Schutzwaffen“, z.B. Helme oder Schutzkleidung, die nach den konkreten Umständendafür bestimmt sind, Vollstreckungsmaßnahmen z.B. derPolizei zu verhindern (§ 17a, Abs. 1 VersG). Außerdem darf mangemäß § 17a, Abs. 2 VersG keine Gegenstände mitführen oder ineiner Aufmachung kommen, die dazu dienen sollen, die Feststellungder Identität zu verhindern (z.B. Vermummung mit Sturmhauben,Schals oder Mützen). Auch dürfen Versammlungsteilnehmer72 Rechts, oder was?!


gemäß § 3 VersG keine Uniform oder gleichartige Kleidungsstückeals Ausdruck einer gemeinsamen politischen Gesinnung tragen.Ein Verstoß gegen die oben genannten Pflichten kann zu einerStrafbarkeit gemäß § 21 VersG (Störung von Versammlungen), § 22VersG (Beeinträchtigung / Bedrohung der Versammlungsleitung /Ordner), § 23 VersG (Öffentliche Aufforderung zur Teilnahme aneiner verbotenen Versammlung), § 27 VersG (Führung von Waffen/ Vermummung), § 28 VersG (Verstöße gegen das Uniform- undpolitische Kennzeichenverbot) führen oder eine Ordnungswidrigkeitgemäß § 29, Abs. 1, Nr. 1a (Verstoß gegen das Vermummungsverbot)und Nr.4 (Störung von Versammlungen) VersG begründen.Wird eine Versammlung insgesamt aufgelöst oder wird man vondieser ausgeschlossen, muss man sich unverzüglich von ihr entfernen(§§ 13, Abs. 2 und 18, Abs. 1 VersG bzw. § 11, Abs. 2 VersG).Sind zu der Versammlung Auflagen erlassen worden, muss manals Demonstrationsteilnehmer diese befolgen (§ 29, Abs. 1, Nr. 3VersG). An einer verbotenen Versammlung darf man nicht teilnehmen.Verstößt man gegen diese Pflichten, ist dies eine Ordnungswidrigkeitgemäß § 29, Abs. 1, Nr. 1, 2, 3 oder Nr. 5 VersG.Welche Rechten und Pflichten hat der Versammlungsleiter?Der Versammlungsleiter darf viele Aspekte einer Versammlungbestimmen, hat dafür aber auch eine gesteigerte Verantwortung.Er kann den Versammlungsablauf insgesamt bestimmen (§ 8, S.1 VersG) und die Versammlung jederzeit unterbrechen, schließenoder wieder fortsetzen (§ 8, S. 3 VersG). Er darf nach § 9, Abs. 1,S. 1 VersG / § 19, Abs. 1, S. 2 VersG ehrenamtliche Ordner einsetzen.Zur Versammlung entsandte Polizisten müssen sich gemäß §12 VersG dem Versammlungsleiter zu erkennen geben. Kann sichder Versammlungsleiter bei den Teilnehmern nicht durchsetzen,hat er gemäß § 19, Abs. 3 VersG das Recht, die Versammlung fürbeendet zu erklären.Während der Versammlung muss der Leiter für Ordnung sorgen(§ 8, S. 2 VersG und § 19, Abs. 1, S. 1 VersG). Den Einsatz von Ordnernmuss er bei der Anmeldung beantragen und sie polizeilichgenehmigen lassen (§ 18, Abs. 2 VersG). Dabei muss er gemäß § 9,Abs. 1 VersG sicherstellen, dass diese Ordner volljährig sind, keineWaffen tragen und nur durch weiße Armbinden mit der Aufschrift„Ordner“ gekennzeichnet sind. Er muss auch gemäß § 25 VersG dieAngaben in der Anmeldung im Wesentlichen einhalten und fallsAuflagen erlassen worden sind, diese beachten. Verbotene odernicht angemeldete Versammlungen darf der Leiter nicht abhalten(§ 26 VersG) oder dazu aufrufen (§ 23 VersG). Werden Polizeibeamtezur Versammlung entsandt, muss der Leiter ihnen gemäß §12 VersG einen angemessenen Platz einräumen.Bei einem Verstoß gegen diese Pflichten macht sich der Versammlungsleitergemäß §§ 23-26 VersG strafbar, bzw. begeht eine Ordnungswidrigkeitgemäß § 29, Abs. 1, Nr. 6-8 VersG.73


Was passiert, wenn ein Versammlungsleiter fehlt?Wird eine Versammlung ohne Leiter durchgeführt (z.B. bei einerSpontanversammlung), steht sie trotzdem immer noch unter demSchutz von Art. 8 GG und kann nicht allein aus dem Grund, dassein Versammlungsleiter fehlt, aufgelöst werden. § 15, Abs. 3 VersGist so auszulegen, dass die Versammlung stattfinden darf, so langedurch sie die öffentliche Sicherheit nicht gefährdet ist. Allerdingssinkt hier die Eingriffsschwelle für die Polizei, da kein Verantwortlichervorhanden ist, der auf die Teilnehmer kontrollierend einwirkenkann.Wie kann man sich sonst bei Demonstrationen strafbar machen?• Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte (§ 113 StGB).Wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte macht sichstrafbar, wer bei einer Diensthandlung eines Vollstreckungsbeamtenmit Gewalt / Androhung von Gewalt Widerstand leistetoder den Beamten tätlich angreift. Ein rein passives Verhalten(z.B. Sitzenbleiben bei einer Sitzblockade trotz Aufforderungder Polizei, den Ort zu verlassen) ist kein Widerstand oder tätlicherAngriff, also nicht gemäß § 113 StGB strafbar.• Nötigung (§ 240 StGB).Eine Strafbarkeit wegen Nötigung setzt Gewalt oder Drohungmit einem „empfindlichen Übel“ voraus. Die bloße körperlicheAnwesenheit einzelner Personen, die nur eine psychischeZwangswirkung hervorruft (z.B. bei einer absichtlichen Straßenblockadedurch einzelne Personen) ist grundsätzlich keineGewalt. Bei Blockadeaktion ist Gewalt nur gegeben, wenndie beabsichtigte Fortbewegung anderer durch tatsächlichunüberwindbare Hindernisse unterbunden wird, z.B. durchAnketten an Bahngleise. Bei Straßenblockadeaktionen liegtGewalt trotzdem vor, wenn die ersten Fahrzeuge, die reinphysisch zum Anhalten gezwungen werden, dann ein unüberwindlichesHindernis für alle nachfolgenden Fahrzeugeschaffen (sg. „2.-Reihe-Rechtsprechung“ des BGH). Ist z.B. dieBlockade oder Behinderung des Straßenverkehrs nur eine Nebenfolgeeiner Demonstration und als solche nicht Sinn undZweck einer Aktion, ist dies von Art. 8 GG geschützt und nichtstrafbar. Eine Drohung mit Strafanzeige, wenn sie angemessenerscheint, ist keine Nötigung im Sinne des § 240, ebenso istdie Drohung mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde, z.B. gegenübereinem Polizisten, nicht strafbar.• Öffentliche Aufforderung zu Straftaten (§ 111 StGB).Das Abspielen provokanter Lieder (z.B. mit dem Slogan „Hautdie Bullen platt wie Stullen!“) ist von der Kunstfreiheit gem.Art. 5, Abs. 3 GG und der Meinungsfreiheit gem. Art. 5, Abs. 1GG geschützt und kein öffentlicher Aufruf zu Straftaten, weilkeine konkrete Tat, Tatzeit und Tatort dadurch benannt wer-74 Rechts, oder was?!


den. Auch die generelle Befürwortung rechtswidriger Taten ansich erfüllt mangels fehlender konkreter Angaben nicht denTatbestand des § 111 StGB. Auch ein „Blockadetraining“ istnicht automatisch ein öffentlicher Aufruf zu Straftaten, wennnicht z.B. durch Reden unmissverständlich zur konkreten Teilnahmean einer strafbaren Blockadeaktion aufgerufen wird.• Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr durch das Bereitenvon Hindernissen (§ 315b, Abs. 1, Nr. 2 StGB).Ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr gem. § 315bStGB durch eine Demonstration liegt nur vor, wenn man dadurchLeib oder Leben eines anderen Menschen oder Sachenvon „bedeutendem“ Wert, also teurer als 750 Euro, konkretgefährdet.• Gefährliche Eingriffe in Bahn-, Schiffs- und Luftverkehr durchdas Bereiten von Hindernissen (§ 315, Abs. 1, Nr.2 StGB).Die oben beschriebene Gefährdung ist auch Voraussetzungfür einen gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr gem. § 315StGB.• Beleidigung (§ 185 StGB),Die Bezeichnung eines Polizisten als „Scheißbulle“ ist nach §185 strafbar. Bei der Bezeichnung eines Beamten als „Bulle“kommt es darauf an, ob sich der herabsetzende Charakter ausdem Kontext ergibt. Reine Kollektivbeleidigungen (z.B. der Polizeials Ganzes) sind nicht strafbar. Ergibt sich aber aus demZusammenhang der Aussage, dass eine Sammelbezeichnungauf eine einzelne Person oder auf einen klar abgrenzbarenPersonenkreis bezogen ist, ist sie als Beleidigung strafbar.Ist eine Blockade einer rechten Demonstration strafbar?Eine Blockade rechter Demonstrationen, um diese zu verhindern,ist rechtlich heikel. Ob eine friedliche Sitzblockade überhaupt vonder Versammlungsfreiheit gedeckt ist, hängt von der Dauer undIntensität der Blockade, der vorherigen Bekanntgabe der Aktion,den Ausweichmöglichkeiten der rechten Demonstranten und demSachbezug der blockierten Personen zu dem Protestinhalt ab. Isteine friedliche Blockade als Ausdruck des Protestes gegen Rechtenur symbolisch, nur von begrenzter Dauer, und ist ein Ausweichenmöglich, ist sie tendenziell von der Versammlungsfreiheit gedecktund nicht als grobe Störung gem. § 21 VersG strafbar. Eine teilweiseBeeinträchtigung des Versammlungsrechts der Rechten durchGegenaktionen ist von diesen hinzunehmen, da auch Gegendemonstrantendas Recht auf Versammlungsfreiheit haben. Nichtvon der Versammlungsfreiheit gedeckt ist die selbsthilfeähnlichezwangsweise Durchsetzung eigener Interessen, mit der man sichüber die Versammlungsfreiheit anderer hinwegsetzen würde: Isteine friedliche Blockade ein unüberwindliches Hindernis von nichtunerheblicher Dauer, das nicht ohne Weiteres umgangen werdenkann, ist sie nicht von der Versammlungsfreiheit nach Art. 8 um-75


fasst, da sich der Schutz der Versammlungsfreiheit auf kommunikativeMittel erstreckt, nicht aber auf Zwangsmaßnahmen. Dahermacht man sich bei einer solchen Aktion wegen grober Störungeiner nicht verbotenen Versammlung gem. § 21 VersG bzw. unterUmständen auch wegen Nötigung gem. § 240 StGB strafbar.Die Strafbarkeit bei derartigen Blockadeaktionen ist damit zu erklären,dass ein „guter“ Zweck nicht alle Mittel heiligt. Eine nachdem geltenden Recht legitime Grundrechtsausübung, auch vonRechten, darf nicht einfach unterbunden werden, weil es politischwünschenswert erscheint. Mit einer solchen Instrumentalisierungund Verformung des Rechts nach politischer Opportunität würdeman sich sozusagen auf die Ebene der Rechten selbst begeben, dasie genau dies in der Vergangenheit systematisch praktiziert habenund immer noch als Strategie verfolgen. Zudem spielt manRechtsextremen in die Karten, wenn man sich als Gegendemonstrantbei einer Gegenaktion strafbar macht. Es ist gerade eine ihrerStrategien, sich zu profilieren, indem sie die Gegendemonstrantenals „Rechtsverletzer“ darstellen.Ist ein „Blockadetraining“ strafbar oder kann es verbotenwerden?Ein sog. „Blockadetraining“, also ein Treffen im Vorfeld einer Demonstration,um den Teilnehmern zu zeigen, wie sie sich bei einerBlockadeaktion verhalten sollen, wird von den Gerichten unterschiedlichbewertet und ist rechtlich sehr umstritten. Das Oberverwaltungsgericht(OVG) Münster hat 2012 entschieden, dass einfriedliches Blockadetraining nicht verboten werden kann, weil dieöffentliche Sicherheit oder Ordnung dadurch nicht unmittelbar gefährdetist, und auch nicht gem. § 111 StGB (Öffentliche Aufforderungzu Straftaten) strafbar ist. Jedoch hat das Verwaltungsgericht(VG) Dresden im Februar 2013 festgestellt, das Blockadetrainingsei gemäß § 111 StGB strafbar, weil in dessen Rahmen konkret zurTeilnahme an einer strafbaren Totalblockade einer rechten Demonstrationaufgerufen würde. Daher verboten die Richter auchdie Probeblockade.Was tue ich, wenn Rechtsextreme Gegendemonstrantenzum „Outing“ fotografieren?Teilweise fotografieren Rechte die Teilnehmer einer Gegendemonstration,um diese als politischen Gegner zu identifizieren,als sogenanntes „Outing“, und sie gezielt zu verunglimpfen, einzuschüchternoder auch anzugreifen. Ein derartiges Fotografierenverletzt das Allgemeine Persönlichkeitsrecht (Art. 2, Abs. 1 / Art.1, Abs. 1 GG) der Porträtierten und muss als Gefahr für die öffentlicheSicherheit von der Polizei unterbunden werden. Allerdings istes der Polizei bei (Groß-) Demonstrationen oft nicht möglich, dieFotografen auszumachen bzw. das Fotografieren wirksam zu unterbinden.In einer solchen Situation ist von mehreren Gerichtenanerkannt, dass eine Vermummung des Gesichts gerechtfertigt76 Rechts, oder was?!


und somit nicht gem. § 27 Abs. 1, Nr. 2 VersG strafbar ist, wennder Betroffene sich vor dem Fotografieren der Rechten schützenmöchte und sich nicht der Identitätsfeststellung durch die Polizeientziehen will. Eine Vermummung außerhalb dieser konkretenGefahrsituation lässt eher auf die Absicht, sich der Strafverfolgungzu entziehen, schließen und ist gem. § 27, Abs. 2, Nr. 2 VersG strafbarbzw. eine Ordnungswidrigkeit nach § 29, Abs. 1, Nr. 1a VersG.Ein Fotografierverbot als Auflage einer rechten Versammlung istmangels feststellbarer konkreter Gefahr in der Regel nicht zulässig.11.2 Literaturauflistung• BVerfGE 73, 206, Beschluss vom 11.11.1986 („Sitzblockaden I“)• BVerfGE 92, 1, Beschluss vom 10.01.1995 („Sitzblockaden II“)• BVerfGE 104, 94, Beschluss vom 24.10.2004 („Sitzblockaden III“)• BVerfG, Beschluss vom 26.10.2004, AZ: 1 BvR 1726/01 („Platzverweis“)• BVerfGE 111, 147, Beschluss vom 23.06.2004 („Synagogenbau“)• BVerfGE 90, 241, Beschluss vom 13.04.1994 („Auschwitz-Lüge“)• BVerfG, Beschluss vom 06.05.2005, AZ: 1 BvR 961/05 („Verhinderungeiner NPD-Demonstration am Holocaust-Mahnmal“)• BVerfG, Beschluss vom 07.03.2011, AZ: 1BvR 388/05 („Verurteilung wegenNötigung durch Sitzblockade“)• BVerfGE 69, 315, Beschluss vom 14.05.1985 („Brokdorf“)• BVerfGE 85, 69, Beschluss vom 23.10.1991 („Eilversammlungen“)• BVerwGE 82, 34, Beschluss vom 21.04. 1989• OVG Münster, Beschluss vom 18.09.2012, AZ: 5 A 1701/11• OVG Lüneburg, Beschluss vom 28.07.2011, AZ: 11 LA 101/11• VG Dresden, Beschluss vom 01.02.2013, AZ: 6 L 35/13• VGH Mannheim, Beschluss vom 26.01.1998, AZ: 1 S 3280/96• VGH Baden-Württemberg, Beschluss vom 30.04.2002, AZ: 1 S 1050/02• VG Meiningen, Beschluss vom 21.05.2005, AZ: 2 E 43/05• VG Aachen, Beschluss vom 31.03.2010, AZ: 6 L 125/10• OLG Thüringen, Beschluss vom 21.11.1994, AZ: 1 Ss 71/93• OLG Stuttgart, Beschluss vom 26.02.2007, AZ: 4 Ss 42/2007• Hans-Peter Schaden, Klaus Beckmann, Detlef Stollenwerk: Praxis derKommunalverwaltung – Gesetz über Versammlungen und Aufzüge (Versammlungsgesetz)– Kommentar, Stand: September 2005• Rudi Müller-Glöge, Ulrich Preis, Ingrid Schmidt (Hrsg.): Erfurter Kommentarzum Arbeitsrecht, 13. Auflage 2013• Volker Epping, Christian Hillgruber (Hrsg.): Beck’scher Online-KommentarGG, 17. Edition, Stand 01.01.2013• Dieter Dölling, Gunnar Duttge, Dieter Rössner (Hrsg.): Gesamtes Strafrecht- Handkommentar, 2. Auflage 2011• Lothar Michael, Martin Morlok: Grundrechte, 2. Auflage 2010• Wolfgang Hoffmann-Riem: „Demonstrationsfreiheit auch für Rechtsextremisten?– Grundsatzüberlegungen zum Gebot rechtsstaatlicher Toleranz“,NJW 2004, S. 2777 ff.• Klaus Weber: „Zur Anmeldepflicht bei Versammlungen“, ZeitschriftKommunaljurist (KommJur) 2010, S. 410 ff.• Pressestelle des Verwaltungsgerichts Braunschweig (Hrsg.): Rechtsprechungzu Demonstrationszügen von Rechtsextremisten – Antworten aufhäufig gestellte Fragen, Stand: 12.04.201177


QuellenverzeichnisLiteratur• Decker, Oliver; Kiess, Johannes; Brähler, Elmar (2014): Die stabilisierteMitte – Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014 (http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/mitte_leipzig_internet.pdf)• Glaser, S.; Pfeiffer, T. (Hrsg.) (2013): Erlebniswelt Rechtsextremismus.Menschenverachtung mit Unterhaltungswert. Hintergründe – Methoden– Praxis der Prävention. 3. überarbeitete und ergänzte Auflage.Schwalbach: Wochenschau Verlag• Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2011): Deutsche Zustände. Folge 10. Berlin:Suhrkamp• Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) (2007): Musik– Mode – Markenzeichen. Rechtsextremismus bei Jugendlichen. 4.Auflage. Arnsberg: Becker-Druck• Meiners, Ole (2001): Magisterarbeit: Jugendkult Skinheads – Böse Bubenzwischen Arbeiterklasse und Neofaschisten?Internetadressen• www.ak-ruhr.de• www.amadeu-antonio-stiftung.de• www.berliner-jugendforum.de• www.bmi.bund.de• www.bnr.de• www.bpb.de• www.buendnis-toleranz.de• www.dasversteckspiel.de• www.dhm.de• www.diepresse.com• www.du-sollst-skinheads-nicht-mit-nazis-verwechseln.de• www.dhm.de• www.gender-und-rechtsextremismus.de• www.ida-nrw.de• www.im.nrw.de• www.jugendkulturen.de• www.jugendschutz.net• www.lotta-magazin.de• www.mobile-beratung-nrw.de• www.mut-gegen-rechte-gewalt.de• www.netz-gegen-nazis.com• www.osz-gegen-rechts.de• www.planet-wissen.de• www.politische-bildung.nrw.de• www.politische-bildung-brandenburg.de• www.rp-online.de• www.spiegel.de• www.stern.de• www.turnitdown.de• www.unesco.de• www.verfassungsschutzgegenrechtsextremismus.de• www.wdr.de• www.wuppertaler-initiative.de• www.zentralratjuden.de78 Rechts, oder was?!

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