Aus dem Leben eines elfjährigen Mädchens im Südwesten Äthiopiens

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Aus dem Leben eines elfjährigen Mädchens im Südwesten Äthiopiens

Rijanas TagAus dem Lebeneines elfjährigen Mädchensim Südwesten Äthiopiens


• Rijana braucht ihren Vater nicht zu fragen, wie spät es ist.Sie weiß: Wenn die Sonne vor der Tür ihres Hauses über einembestimmten Baum steht, muss sie los, um rechtzeitig zur Schule zukommen. Zusammen mit Geschwistern und Nachbarskindern geht es überFußpfade zwischen Feldern und Höfen hindurch, bis die kleine Gruppean der „Almaz Böhm Higher Primary School“ in der Kleinstadt Kemeseankommt. Dort herrscht großer Betrieb. Die von Menschen für Menschenerbaute Schule besuchen 1.100 Schüler von der ersten bis zur achtenKlasse. Heute ist weniger los als sonst: Viele Kinder schwänzen,weil sie bei der Kaffeeernte helfen müssen. •• Um 8.30 Uhr beginnt derUnterricht. Obwohl ihr kleinerBruder Abubeker erst sieben Jahrealt ist und Rijana schon elf,gehen beide in die erste Klasse.Viele Kinder beginnen ihre Schul -bildung in Äthiopien spät.Vor allem Mädchen müssen ihreEltern häufig lange bitten, bis dieseihr Einverständnis geben, sie in dieSchule gehen zu lassen. Oft herrschtbei den Eltern noch die Meinung,dass Mädchen keine Bildungbrauchen, da sie bald Hausfrau undMutter sein werden.Heute steht zunächst Sachkundeauf dem Stundenplan. Darin lernendie Kinder zum Beispiel wie manGemüse anbaut oder wie Kühe mehrMilch geben. Wenn sie darüberzu Hause berichten, lernen auchdie Eltern dazu, die oft nie eineSchule besucht haben. •


• Brüderchen Abubeker magdie Schule nicht so sehr wieRijana. Vieles ist noch zu schwerfür den Siebenjährigen.Die Lehrerin hat viele rote Strichein seine Rechenaufgaben gemacht.Und jetzt fragt sie ihn auch noch:„Warum schreibst du nicht mit?“ –„Ich habe meinen Stift verloren“,sagt er kleinlaut. Wenn das derVater erfährt! Ein Stift kostet1,5 Birr, umgerechnet 10 Cent:viel Geld in einem Land, in demder Tagelohn eines Arbeiters einenEuro beträgt. Die Lehrerin leihtAbubeker einen ihrer Stifte. •• Heute nimmt Lehrerin Itenesch das Thema„Familie“ durch. „Was genau ist eine Familie?“ ruft siein den Klassenraum. Sofort strecken ein Dutzend Schülerden Arm und wedeln mit der Hand – so meldet man sichin einer äthiopischen Schule. Itenesch ruft Rijana auf.Leise sagt sie: „Menschen, die gemeinsam ein Hausteilen.“ Die Lehrerin lobt sie für die Antwort.Rijana lächelt stolz. •


• Lehrerin Itenesch ist 23 Jahre alt.Wie alle anderen Lehrer trägt sieeinen weißen Kittel, wie man ihn inEuropa in Laboren trägt. Verglichen miteuropäischen Lehrern ist Frau Iteneschsehr streng. Sie duldet keinen Lärm,kein Dazwischenplappern, keine Störung.Vielleicht geht das auch nicht andersbei so großen Klassen:In den Zweierbänken sitzen meist dreiSchüler. Insgesamt gehen 87 Kinder inihre Klasse. Jeden Tag muss sie sich auf dieAltersunterschiede der Kinder einlassen:Die einen darf sie nicht zu sehr über-,die anderen nicht zu sehr unterfordern.Für Rijana ist die Lehrerin ein Vorbild.„Ich mag Frau Itenesch sehr. Sie sprichtimmer mit mir, wenn sie mich aufdem Pausenfeld sieht.“Wenn sie groß ist, möchte sie auchLehrerin werden, sagt Rijana. •• Zwischen den Stunden erklingt die Schulglocke –eine rostige Autofelge, die draußen an einem Baum hängt undauf die mit einem Stein geschlagen wird. In der großen Pauseisst niemand, die Kinder haben keine Pausenbrote dabei.Viele Familien sind froh, wenn sie ihren Kindern zu Hause zweiMahlzeiten bieten können. Auf Sachkunde folgen für Rijanaan diesem Tag Mathe, Englisch, dann Oromo, die Mutterspracheder Kinder. In der letzten Stunde steht endlich Sport auf demProgramm. •


• Die Kinder greifen sichdie Plastiktüten, in denensie Stift und Schulhefteverstaut haben (Schulranzensind unbekannt) und machensich auf den Rückweg.Ab und zu schrecken sieStummelaffen in den Bäumenauf. Diese springen kreischendvon Ast zu Ast davon.Die Kinder beachten die Tieregar nicht, zu gewöhnlichist ihr Anblick für sie. •• Zu Hause bekommen die Kinder ihr Mittagessen.Sie essen das gleiche wie zum Frühstück: säuerlichesFladenbrot oder Maisbrei. Nur einmal im Monatgibt es Fleisch. Nach dem Essen dürfen sich die Kindereine Viertelstunde ausruhen. Dann müssen sie arbeiten.Gewöhnlich geht Rijana der Mutter im Haushalt zur Hand.Gekocht wird auf einer offenen Feuerstelle am Boden.Der Rauch ist kaum erträglich und beißt in den Augen.Heute muss Rijana nicht in der Küche helfen.Sie bekommt eine andere Aufgabe. •


• Rijana bricht mit Kindern aus der Nachbarschaft zurKaffee-Ernte auf. Die Sträucher ihres Vaters wachsen unweitdes Hofs. Ihre Mutter hat sie gebeten, den zweijährigenOmar mitzunehmen und auf ihn aufzupassen.Omar zu tragen, fällt der Elfjährigen nicht leicht.Rijana folgt der Mutter ohne Widerrede...... sie sammelt die Kaffeekirschen von den Zweigen.Die Qualität des Kaffees ist hervorragend. Findet erseinen Weg bis zur Kaffeebörse nach Addis Abeba,kann er bis nach Europa exportiert werden.Dort wird er als Spezialität für gutes Geld angeboten.Davon bekommt Rijanas Familie nur einen Bruchteil.Dennoch ist der Kaffee für das Einkommen äußerstwichtig: Für ein Kilogramm bekommen sie 50 Cent. •• „Kaffeekirschen zu ernten, ist keine so schwere Arbeit“,findet Rijana. Die Kirschen werden auf einer Plane ausgelegt.Die Sonne dörrt das Fruchtfleisch, so dass es von denKaffeebohnen gelöst werden kann. Manchmal nimmt Rijanaeine Handvoll davon, röstet sie über dem offenen Feuer.Dann zerstößt sie diese in einem Mörser und brüht ihrerMutter einen Kaffee. Diese „Kaffeezeremonie“ ist fürÄthiopier eine tägliche rituelle Handlung. Ihre Mutterbeobachtet sie bei dieser Arbeit stolz und segnet sie,bevor sie ihren ersten Schluck trinkt: „Möge Gott dir gutsein und dir gesunde Kinder schenken.“ Die Worte derMutter machen sie immer froh. „Kaffee machen ist dieallerbeste Arbeit“, sagt Rijana. •


• Endlich ist die Arbeit getan. Rijanaspielt mit ihren Freunden Ball.Diesen haben sie aus Lappen und Garnselbstgemacht. „Ich liebe Ballspielen“,sagt Rijana. „Das macht mich froh.“ •• Als die Sonne untergegangen ist, liegen Abubeker und Rijanaauf der Schlafstelle ihrer Eltern und machen Hausaufgaben.„Mathe mag ich am liebsten“, sagt Rijana. „Weil ich alles so schnellverstehe und das richtige Ergebnis herausbekomme.“ Bald müssendie Kinder die Kerze löschen, denn diese ist teuer. „Wenn ich in der Schulegut bin, bekomme ich sicher einen Beruf“, sagt Rijana. „Dann kann ichmir Kleider kaufen. Zuerst für mich, dann für meine Eltern undGeschwister.“ Und sonst? Was hat sie sonst für Träume? Rijana überlegt.Schließlich sagt sie: „Eine Wasserstelle, bei der das Wasser ausdem Hahn herausläuft – das wäre wirklich wunderbar.“ •


...das war ein Tag im Leben von Rijanain Illubabor im Südwesten Äthiopiens.Auf unserer Projektkartekannst du alle Projektgebiete vonMenschen für Menschen entdecken.Findest du Illubabor?Äthiopien ist riesengroß,dreimal so groß wie Deutschland.Viele Menschen dort leben nichtso glücklich wie Rijana und ihreFamilie im Menschen für Menschen- Projektgebiet.Es fehlt oft am Notwendigsten:sauberes Wasser, medizinischeVersorgung und Schulen.Hast du Lust, die Menschen in Äthiopien zu unterstützen?Dann werde aktiv für die Äthiopienhilfe.Mit 3,50 € kann ein Kind gegen sechs tödliche Krankheiten geimpft werden.für 10,- € bekommt ein Mensch Zugang zu sauberem Wasser undfür 50,- € kann einem Kind die Grundschulausbildung ermöglicht werden.Nimm ein Faltblatt mit und melde dich einfach bei uns.Wir helfen dir mit Ideen und Material.Telefon: 089 / 38 39 79 61E-Mail: melanie.koehler@mfm-online.orgAntworten auf weitere Fragen findest du auf:www.menschenfuermenschen.deWir freuen uns auf eure Fragen und euer Engagement!Fotografie: Rainer Kwiotek . Text: Bernd Hauser . Gestaltung: Linda Reiter

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