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Das Kreuz in der Theologie von N. T. Wright von Rainer Behrens 1 ...

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Bandes <strong>der</strong> Reihe Die Ursprünge des Christentums und die Frage nach Gott dargelegt. 9 Für unserThema ist beson<strong>der</strong>s wichtig zu verstehen, auf welche Weisen <strong>Wright</strong> narrative Exegesebetreibt. Im Blick auf das <strong>Kreuz</strong> kann man nach me<strong>in</strong>em E<strong>in</strong>druck folgendes sagen:<strong>Das</strong> <strong>Kreuz</strong> kommt <strong>Wright</strong> zufolge als Höhe- und Wendepunkt <strong>in</strong> zwei großen Erzählsträngen<strong>der</strong> Bibel vor: <strong>in</strong> <strong>der</strong> Bibel als Story <strong>von</strong> Schöpfung bis Neuschöpfung, und <strong>in</strong><strong>der</strong> Story des Gottesvolkes des Alten und Neuen Testamentes.<strong>Wright</strong> liest die Bibel grundlegend als Story <strong>von</strong> Schöpfung bis Neuschöpfung. 10 Innerhalbdieser Story f<strong>in</strong>det sich die Story des Volkes Gottes mit dem Tiefpunkt des Exilsund dem Höhe- und Wendepunkt <strong>der</strong> Story <strong>von</strong> Jesus. Die Story <strong>von</strong> Jesus wird <strong>Wright</strong>zufolge <strong>in</strong> den Evangelien als Story Israels erzählt: 11 Jesus ist <strong>der</strong> Messias Israels, <strong>der</strong> RepräsentantIsraels, und <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Tod und se<strong>in</strong>er Auferstehung f<strong>in</strong>det die wahre RückkehrIsraels aus dem Exil statt. Dies ist e<strong>in</strong>e zentrale These <strong>Wright</strong>s, die natürlich lebhaftdiskutiert wird. 12 Sie ist allerd<strong>in</strong>gs <strong>Wright</strong> zufolge extrem erhellend sowohl im Blick aufdas Leben Jesu als auch im Blick auf die paul<strong>in</strong>ische <strong>Theologie</strong>.<strong>Das</strong> <strong>Kreuz</strong> Jesu (und natürlich auch die Auferstehung 13 ) steht nun im Mittelpunkt sowohl<strong>der</strong> Story Gottes mit <strong>der</strong> Welt <strong>von</strong> Schöpfung bis Neuschöpfung, als auch im Mittelpunkt<strong>der</strong> Story des Gottesvolkes des Alten und Neuen Testaments. Ich wähle daherdiese beiden Erzählstränge <strong>der</strong> Bibel als Leitl<strong>in</strong>ien aus, um die Bedeutung des <strong>Kreuz</strong>esbei <strong>Wright</strong> e<strong>in</strong>igermaßen adäquat e<strong>in</strong>zufangen. Es sei jedoch nochmals erwähnt: Da se<strong>in</strong>ezahlreichen Schriften e<strong>in</strong>e recht ansehnliche Menge an Details, Aspekten und Stoßrichtungenenthalten, werden mit diesem Blickw<strong>in</strong>kel nur e<strong>in</strong>ige Grundzüge des <strong>Wright</strong>schenVerständnisses vom <strong>Kreuz</strong> angesprochen.3. Der Sieg über das Böse: <strong>Das</strong> <strong>Kreuz</strong> (und die Auferstehung) als Höhe- undWendepunkt <strong>der</strong> Story <strong>von</strong> Schöpfung bis Neuschöpfung<strong>Wright</strong> ist def<strong>in</strong>itiv e<strong>in</strong> big picture Theologe. Je nach persönlicher Vorliebe empf<strong>in</strong>dendie e<strong>in</strong>en das <strong>von</strong> vornehere<strong>in</strong> als große Schwäche, die an<strong>der</strong>en als große Stärke. Er betontwie<strong>der</strong>holt, dass die gesamte Bibel e<strong>in</strong> großes Drama <strong>von</strong> Schöpfung bis Neuschöp-9 <strong>Das</strong> Neue Testament und das Volk Gottes: NTVG, 57-192.10 Vgl. den Abschnitt über „<strong>Theologie</strong>, Erzählung und Autorität“ <strong>in</strong> NTVG, 187-191, sowie weiter ausgeführt<strong>in</strong> WRIGHT 2006a. Vgl. auch <strong>in</strong> <strong>der</strong> allgeme<strong>in</strong> verständlichen Literatur Teil 2 <strong>in</strong> WRIGHT 2006c:„In die Sonne schauen (Die Story <strong>von</strong> Gott und <strong>der</strong> Welt)“.11 Vgl. z.B. NTVG, 485 <strong>in</strong> Bezug auf das Lukasevangelium; siehe jetzt auch WRIGHT 2011b.12 Siehe die Diskussion <strong>von</strong> EVANS 1999. <strong>Wright</strong>s Sicht vom Exil und dessen Ende wird u.a. <strong>in</strong> NTVG,381-383; JSG, 317-324 (dort <strong>in</strong> Bezug auf das Thema Sündenvergebung); und <strong>in</strong> 2009, 57-63 behandelt.13 Siehe WRIGHT 2014.3


4. <strong>Das</strong> <strong>Kreuz</strong> (und die Auferstehung) als Höhe- und Wendepunkt <strong>der</strong> Story desGottesvolkesJesus ist für <strong>Wright</strong> <strong>der</strong> repräsentative Messias Israels, <strong>in</strong> dem das Exil des Volkes wahrhaftigzu Ende geht und <strong>in</strong> dem JHWH zum Zion zurückkehrt. In diesem Satz s<strong>in</strong>d e<strong>in</strong>igewichtige Aspekte <strong>der</strong> Auffassung <strong>Wright</strong>s vom historischen Jesus auf das Kürzestezusammengefasst. Um nun nicht <strong>in</strong> <strong>der</strong> Fülle <strong>von</strong> Details unterzugehen, die alle<strong>in</strong> Jesusund <strong>der</strong> Sieg Gottes enthalten, möchte ich folgende Schlaglichter setzen.Zunächst zum Thema „Endes des Exils“: Im folgenden kurzen Zitat listet <strong>Wright</strong> dieAspekte auf, die ihm signalisieren, dass zu Jesu Lebzeiten das Exil theologisch verstandennoch nicht zu Ende war, trotz <strong>der</strong> bereits geschehenen geographischen Rückkehrvieler Juden aus Babylon:Israel war nicht frei. Die Tora wurde nicht e<strong>in</strong>gehalten. Die falschen Leute herrschtenim Tempel. Die Verheißungen waren noch nicht wahr geworden. JHWH warnoch nicht zum Zion zurückgekehrt. Der Messias war noch nicht erschienen. DieHeiden kamen nicht nach Jerusalem, um vom wahren Gott Weisheit zu lernen.Stattdessen kamen sie, um Israel ihren Willen aufzuzw<strong>in</strong>gen, ihre „Gerechtigkeit“,ihre Lebensweise. Ich habe mich auf viele Stränge im Judentum des zweiten Tempelsbezogen und alle diese D<strong>in</strong>ge als „andauerndes Exil“ charakterisiert: Trotz <strong>der</strong>geographischen „Rückkehr“ vor e<strong>in</strong>igen Jahrhun<strong>der</strong>ten fand sich Israel <strong>in</strong> e<strong>in</strong>erStory lebend vor, <strong>der</strong>en letztes großes Kennzeichen die Zerstörung durch Babylonwar, e<strong>in</strong>e Zerstörung, die <strong>in</strong> <strong>der</strong> geographischen Rückkehr nur oberflächlich aufgehobenworden war. 19Wenn <strong>in</strong> diesem S<strong>in</strong>ne das Exil noch nicht zu Ende war, war ebenfalls klar: JHWHherrschte noch nicht auf die Weise, wie es die Verheißungen für die Zeit nach dem Exilbei Jesaja vorsahen. Von daher ist das Thema „Ende des Exils“ eng mit dem Thema <strong>der</strong>Herrschaft Gottes verknüpft, und <strong>Wright</strong> zeichnet Jesu Wirken <strong>in</strong> Wort und Tat im Vergleichmit den an<strong>der</strong>en zeitgenössischen Versuchen <strong>der</strong> Pharisäer, Sadduzäer, Essener,und Zeloten, Gottes Herrschaft mit ihren je eigenen Mitteln aufzurichten. In dieser konkretenhistorischen Verortung des Wirkens Jesu wird dann deutlich: Jesu Weg <strong>der</strong> Aufrichtung<strong>der</strong> Herrschaft Gottes bestand nicht im Versuch, mit <strong>der</strong> gewalttätigen, militärischenOption die Römer als Hauptgegner des Gottesvolkes auszuschalten (die zelotischefüllt, über Bundeserneuerung und Sündenvergebung. Und diese verschlüsselte Story, dieses Mahl-als-Erzählung, wirkt, <strong>in</strong>dem man es tut. Beim Brechen des Brotes und Tr<strong>in</strong>ken aus dem Kelch geht esnicht um etwas an<strong>der</strong>es, es sei denn, man nennt dieses an<strong>der</strong>e schlicht „Jesus“. Vielmehr sagen wir besser,dass Sühnetheorien bestenfalls Abstraktionen <strong>der</strong> Eucharistie s<strong>in</strong>d, welche selbst das Interpretationsrasterfür Jesu Tod ist, das uns – <strong>von</strong> Jesus selbst! – gegeben worden ist. <strong>Das</strong> verkompliziert dasLeben natürlich erheblich, da wir plötzlich e<strong>in</strong> drittes und verstörendes Element <strong>in</strong> die Debatte um dieSchrift und die Dogmen e<strong>in</strong>geführt haben, doch zum<strong>in</strong>dest <strong>in</strong> Bezug auf die Sühnefrage haben wirme<strong>in</strong>es Erachtens ke<strong>in</strong>e an<strong>der</strong>e Wahl.“ (WRIGHT 2008b, 63-64; jetzt auch <strong>in</strong> 2013e, 360-361)19 WRIGHT 2004, 74.6


Option). Jesu Weg bestand auch nicht dar<strong>in</strong>, auf die bessere E<strong>in</strong>haltung <strong>der</strong> Tora im gesamtenVolk zu drängen (und ggf. auch mit <strong>der</strong> militärischen Option zu liebäugeln: sodie Pharisäer <strong>in</strong> ihren verschiedenen Schulen). Jesu Weg bestand aber auch nicht im spirituellenRückzug <strong>in</strong> die Wüste als Speerspitze des erneuerten Gottesvolkes (evt. mit <strong>der</strong>Option, ggf. auch noch militärisch aktiv zu werden: so die Essener). Und Jesu Weg bestandauch nicht im Weg <strong>der</strong> Sadduzäer, auf verschiedene Arten und Weisen sich mit <strong>der</strong>politischen Macht <strong>der</strong> Römer zu arrangieren. Jesus identifizierte nicht die Römer als denHauptfe<strong>in</strong>d Israels, son<strong>der</strong>n letztendlich war <strong>der</strong> Hauptfe<strong>in</strong>d, (um kurz mit Luther zusprechen): Sünde, Tod und Teufel, also das Böse schlechth<strong>in</strong> <strong>in</strong> allen se<strong>in</strong>en Leben zerstörendenKräften und Mächten. Diese Mächte hatten auch Israel im Griff, und dieseMächte galt es zu brechen. 20Und genau das tat Jesus bereits <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em irdischen Wirken: Indem er heilte, Vergebungzusprach, Tischgeme<strong>in</strong>schaft mit den verme<strong>in</strong>tlich falschen Leuten hatte – kurzum:<strong>in</strong>dem er Heil und Segen <strong>in</strong> vielfältiger Form <strong>in</strong> die konkrete Lebensrealität <strong>der</strong>Menschen brachte, sagte er den Todesmächten den Kampf an und brach diese Mächteund ihre Konsequenzen bereits <strong>in</strong> zahlreichen E<strong>in</strong>zelfällen.Dieser Kampf mit dem Bösen gipfelte dann im <strong>Kreuz</strong>. Auf diese Weise verb<strong>in</strong>det<strong>Wright</strong> das irdische Wirken Jesu mit se<strong>in</strong>em <strong>Kreuz</strong> und <strong>der</strong> Auferstehung – e<strong>in</strong>e Frage,die ja jede historisch verwurzelte Christologie beantworten muss. In se<strong>in</strong>em <strong>Kreuz</strong> entladensich alle Todesmächte über Jesus, Mächte, gegen die er wie gesagt schon <strong>in</strong> an<strong>der</strong>enFormen se<strong>in</strong> Leben lang gekämpft hatte. Und <strong>der</strong> sche<strong>in</strong>bare Sieg dieser Mächtewird <strong>in</strong> <strong>der</strong> Auferstehung <strong>in</strong> ihre Nie<strong>der</strong>lage verwandelt, wie Paulus <strong>in</strong> Kolosser 2,13-15sagt.Es gibt aber noch e<strong>in</strong>e zweite Weise, auf die <strong>Wright</strong> das irdische Wirken Jesu und das<strong>Kreuz</strong> <strong>in</strong>nerlich verb<strong>in</strong>det. Diese Weise besteht <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em be<strong>in</strong>ahe syllogistischen Dreierschritt,den er <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Artikel „Jesus, Israel and the Cross“ entwickelt. Diese Argumentationist ziemlich e<strong>in</strong>fach, aber <strong>von</strong> erheblicher theologischer Bedeutung. <strong>Wright</strong>argumentiert hier folgen<strong>der</strong>maßen:1. Jesus warnte se<strong>in</strong>e Zeitgenossen vor dem unmittelbar bevorstehenden Gericht Gottes.2. Jesus identifizierte sich mit Israel, er repräsentierte Israel als Messias.3. Jesus nahm als Repräsentant Israels das Gericht auf sich, das er Israel verkündet hatte.Me<strong>in</strong>es Erachtens kann <strong>der</strong> Zusammenhang mit <strong>der</strong> Exilssituation und den Versuchen,Gottes Herrschaft aufzurichten, wie folgt konstruiert werden: Jesus sah, dass diean<strong>der</strong>en zeitgenössischen Versuche den Willen Gottes nicht wirklich wi<strong>der</strong>spiegelten20 Siehe bes. JSG, 518-531.7


und dass beson<strong>der</strong>s die militärische Option <strong>in</strong>s Desaster führen würde. Genauer: <strong>Das</strong>Verfolgen <strong>der</strong> militärischen Option würde <strong>in</strong> den Untergang, <strong>in</strong> den „Tod“ Israels führen.Historisch gesehen brauchte man dazu ke<strong>in</strong>e große Fantasie. Aus diesem Blickw<strong>in</strong>kelbetrachtet wird <strong>der</strong> Tod Jesu zu e<strong>in</strong>em prophetischen Akt e<strong>in</strong>er vorher nie angedachtenArt <strong>von</strong> Stellvertretung: Jesus stirbt als Messias, als Repräsentant des Gottesvolkes,er stirbt stellvertretend den Tod des Gottesvolkes. An dieser Stelle lohnt es wie<strong>der</strong>,<strong>Wright</strong> selbst zu hören:[Jesus] beansprucht, Israel zu repräsentieren, und wird <strong>von</strong> denen verstoßen, dieselber beanspruchen, Israel zu repräsentieren. Er bittet Israel e<strong>in</strong>dr<strong>in</strong>glich, <strong>der</strong> Rebellionabzuschwören, und wird selbst als Rebell <strong>von</strong> den Römern h<strong>in</strong>gerichtet.Der Tod, den er stirbt, ist Israels Tod, und das Muster <strong>der</strong> Heilungen und des Willkommenheißens,aus dem e<strong>in</strong> Großteil <strong>der</strong> Evangelienerzählungen besteht, deutetdas Motiv dafür an: Er stirbt Israels Tod, auf dass Israel nicht sterbe. Er nimmt denZorn Roms (<strong>der</strong> wie <strong>der</strong> Zorn <strong>von</strong> Assyrien o<strong>der</strong> Babylon die historische Verkörperungdes Zornes Gottes ist) auf sich selbst, damit sich Israel <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Rehabilitierungselbst durch das Gericht h<strong>in</strong>durch und <strong>in</strong> das wahre Reich Gottes versetztwie<strong>der</strong>f<strong>in</strong>det, damit Israel also den Weg zum Leben erkennt und ihm folgt, solangeZeit dazu ist. <strong>Das</strong> ist me<strong>in</strong>er Ansicht nach <strong>der</strong> Punkt, zu dem die gegenwärtige „Suche“führen sollte, wenn man sie bis zu ihrer logischen Schlussfolgerung zu Endeführt. 21„Er stirbt Israels Tod, auf dass Israel nicht sterbe“: Dieser unsche<strong>in</strong>bare Satz birgt <strong>in</strong>sich e<strong>in</strong>en weiteren zentralen Aspekt <strong>der</strong> <strong>Theologie</strong> <strong>Wright</strong>s: In Jesus wird Volk Gottes neudef<strong>in</strong>iert. Volk Gottes ist seit Jesus nicht mehr ethnisch def<strong>in</strong>iert, son<strong>der</strong>n über das Vertrauenzu Israels Messias und die Nachfolge auf Jesu Weg <strong>der</strong> Herrschaft Gottes. <strong>Das</strong><strong>Kreuz</strong> ist <strong>der</strong> stellvertretende Tod des Messias für se<strong>in</strong> Volk. Dieser Tod garantiert, dass„Israel nicht stirbt“ – aber das Israel, das überlebt, ist eben das Israel, das e<strong>in</strong>erseits ausethnischen Juden besteht, die Jesus als ihrem Messias folgen, und an<strong>der</strong>erseits aus Heidenaller Völker, die ebenfalls Jesus folgen. Insofern ist an dieser Stelle festzuhalten: <strong>Das</strong><strong>Kreuz</strong> nimmt <strong>in</strong> <strong>Wright</strong>s <strong>Theologie</strong> e<strong>in</strong>e Schlüsselrolle <strong>in</strong> <strong>der</strong> Neudef<strong>in</strong>ition des Gottesvolkes e<strong>in</strong>, e<strong>in</strong>eNeudef<strong>in</strong>ition, die sich allerd<strong>in</strong>gs bereits <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em irdischen Wirken an vielen Punkten angekündigthatte. 22Doch damit nicht genug: E<strong>in</strong>e <strong>der</strong> Stärken dieser Argumentation besteht dar<strong>in</strong>, dasssie aus <strong>der</strong> Erklärung <strong>der</strong> historischen Gründe für das <strong>Kreuz</strong> Jesu heraus e<strong>in</strong>en Grund für21 <strong>Wright</strong> 1985, Ende <strong>von</strong> Teil IV.22Ich nenne hier nur die Berufung <strong>der</strong> 12 Jünger als Echo <strong>der</strong> 12 Stämme Israels bzw. <strong>der</strong> 12 Stammväter,sowie <strong>Wright</strong>s Auffassung <strong>von</strong> <strong>der</strong> Bergpredigt als Jesu Ruf an Israel, Israel zu se<strong>in</strong>: JSG, 340, Teil<strong>von</strong> Kap. 7, Abschnitt 4.: Herausfor<strong>der</strong>ung: Der Ruf, als neues Bundesvolk zu leben (325-350). DieÖffnung des Gottesvolkes für die Heiden ist natürlich im irdischen Wirken Jesu nur rudimentär angelegtund entfaltet sich dann erst nachösterlich mit voller Kraft, siehe z.B. Apg. 10-15.8


die theologische Aussage liefert, dass „Christus für unsere Sünden starb“, e<strong>in</strong>e Aussage, dieja bereits bei Paulus (1. Kor. 15,1-3) als Allgeme<strong>in</strong>gut zitiert wird: 23Die theologische Interpretation ist <strong>in</strong>nerhalb <strong>der</strong> historischen Ereignisse zu f<strong>in</strong>den:Gerade weil er ganz wörtlich den Tod des rebellischen Israel starb, konnte se<strong>in</strong> Todals repräsentativer Tod für die ganze Welt verstanden werden. Als H<strong>in</strong>tergrund diesesganzen Gedankengangs müssen wir natürlich die charakteristische jüdische Annahmeh<strong>in</strong>zufügen, dass Israel irgendwie paradigmatisch o<strong>der</strong> repräsentativ für dieganze Welt steht: Jesus tut als Israels Repräsentant 24 für Israel das, was Israel zu tungerufen war, aber nicht tun konnte. Von hieraus gibt es e<strong>in</strong>e direkte Verb<strong>in</strong>dungzur paul<strong>in</strong>ischen <strong>Theologie</strong>, obwohl das noch mal e<strong>in</strong>e an<strong>der</strong>e Geschichte ist. Esbesteht auch e<strong>in</strong>e nachvollziehbare Verb<strong>in</strong>dung mit <strong>der</strong> Predigt, die <strong>in</strong> <strong>der</strong> Apostelgeschichteden frühen Aposteln <strong>in</strong> den Mund gelegt wird: aufgrund des Todes und<strong>der</strong> Auferstehung Jesu, welche noch nicht mit ausgefeilten theologischen Formelnbeglaubigt s<strong>in</strong>d, haben die Menschen die Chance, „sich <strong>von</strong> dieser verdorbenenGeneration zu retten“, d.h., die durch diese Ereignisse eröffnete Atempause zunutzen, um sich <strong>der</strong> wahren Familie Gottes anzuschließen, bevor die Katastrophegeschieht, <strong>in</strong> <strong>der</strong> Israel, wie es bisher konstituiert war, h<strong>in</strong>weggefegt werden wird. 25Mit an<strong>der</strong>en Worten: Die Frage nach <strong>der</strong> theologischen Relevanz des <strong>Kreuz</strong>es muss <strong>in</strong> Verb<strong>in</strong>dungzur Frage nach <strong>der</strong> historischen Bedeutung stehen; <strong>von</strong> daher bietet <strong>Wright</strong>s Ansatz,dass Jesus als Repräsentant stellvertretend für Israel starb, den Anstoß, die theologischeFrage nach <strong>der</strong> Stellvertretung und nach <strong>der</strong> Sühnetheologie vor diesem historischenH<strong>in</strong>tergrund zu betrachten. <strong>Wright</strong> selbst bekam den Anstoß, <strong>in</strong> diese Richtung zudenken, <strong>von</strong> Cairds Vortrag „Jesus and the Jewish Nation“, <strong>der</strong> wie folgt endete:Er geht <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Tod, <strong>in</strong>itiiert <strong>von</strong> e<strong>in</strong>em römischen Richter, aufgrund e<strong>in</strong>er Anklage,<strong>der</strong> er nicht schuldig war, <strong>der</strong> jedoch se<strong>in</strong>e Ankläger schuldig waren, wie dasEreignis bewies. Auf diese Art und Weise, nicht nur als theologische Wahrheit,son<strong>der</strong>n als historische Tatsache, trug er die Sünden <strong>der</strong> Vielen, <strong>in</strong> <strong>der</strong> Zuversicht,dass <strong>in</strong> ihm die ganze jüdische Nation ans <strong>Kreuz</strong> genagelt wurde, nur um dann <strong>in</strong>e<strong>in</strong>er besseren Auferstehung wie<strong>der</strong> zum Leben zu kommen, und <strong>in</strong> <strong>der</strong> Zuversicht,dass <strong>der</strong> Tag des Menschensohns, <strong>der</strong> das Ende des alten Israel sehen würde,auch die Rehabilitierung des neuen sehen würde. 26<strong>Wright</strong> selber fasst se<strong>in</strong>en Ansatz dann folgen<strong>der</strong>maßen zusammen. Ich zitiere ihn hierso ausführlich, weil se<strong>in</strong>e eigene Zusammenfassung auch allgeme<strong>in</strong>ere Aussagen überdas Verhältnis <strong>von</strong> <strong>Theologie</strong> und Geschichtsforschung umfassen, die nicht un<strong>in</strong>teressantse<strong>in</strong> dürften:23Siehe dazu CAIRD 1965, 22; MEYER 1979, 217.24 Siehe zum Stichwort „Repräsentation“ <strong>Wright</strong>s detaillierte Anmerkungen <strong>in</strong> NTVG, 368-371 (imwichtigen Kap. 10 über die Hoffnung Israels)25 WRIGHT 1985, Punkt 3 <strong>in</strong> Teil V.26 CAIRD 1965, 22.9


Die große historische Frage, <strong>der</strong> sich je<strong>der</strong> Student des Lebens Jesu stellen muss,lautet: Warum starb Jesus? Me<strong>in</strong>e Antwort lautet: Im Zentrum se<strong>in</strong>er vielen Kontroversenmit se<strong>in</strong>en Zeitgenossen stand se<strong>in</strong>e Proklamation und symbolische Inszenierungdes unmittelbar bevorstehenden Gerichtes Gottes über Israel. DieseProklamation und Inszenierung führte dazu, dass er <strong>von</strong> den jüdischen Führernden Römern zur H<strong>in</strong>richtung übergeben wurde. Diese Antwort ist bis hierh<strong>in</strong> <strong>der</strong>Frage <strong>von</strong> San<strong>der</strong>s ähnlich, aber <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er H<strong>in</strong>sicht stärker zugespitzt. Me<strong>in</strong>e Antwortöffnet den Weg direkt und ohne dass wir e<strong>in</strong>en Gang wechseln müssten zu<strong>der</strong> an<strong>der</strong>en Weise, die Frage „Warum starb Jesus?“ zu hören, also den Weg zur„theologischen“ Antwort. Ich schlage vor, dass die Evangelisten e<strong>in</strong>e „theologische“Antwort geben wollten und dabei glaubten, dass <strong>der</strong> beste Weg, das zu tun,dar<strong>in</strong> bestand, e<strong>in</strong>fach die Story zu erzählen und ihren Obertönen zu erlauben,selbst zu erkl<strong>in</strong>gen.Wenn diese Argumentation ungefähr richtig liegt, dann regt sie folgende Gedankenan: Gerade weil Jesus <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em jüdischen Milieu zu verorten und im H<strong>in</strong>blick aufdie Geschichte, <strong>Theologie</strong> und Politik des ersten Jahrhun<strong>der</strong>ts verständlich zu machenist, kann se<strong>in</strong> Tod (und se<strong>in</strong>e Haltung gegenüber se<strong>in</strong>em nahenden Tod) aufe<strong>in</strong>e Weise aufgefasst werden, die ihn nicht als „verrückt“ ersche<strong>in</strong>en lässt, son<strong>der</strong>nals historisch und theologisch nachvollziehbar. Er musste die Autoritäten nichtzum Handeln zw<strong>in</strong>gen; er musste schlicht und e<strong>in</strong>fach se<strong>in</strong>en Dienst <strong>der</strong> Warnungund E<strong>in</strong>ladung auf die Spitze treiben, was er mit dem E<strong>in</strong>zug <strong>in</strong> Jerusalem und <strong>der</strong>Aktion gegen den Tempel auch tat. Wenn man an dieser Stelle fragt, ob Jesus se<strong>in</strong>enTod als passenden und beabsichtigten Höhepunkt se<strong>in</strong>es Wirkens ansah, istnun klar, dass dies e<strong>in</strong>e Frage ist, die <strong>der</strong>jenigen sehr ähnlich ist, die wir oben zurückstellten:ob er glaubte, dass das Gericht über Israel unausweichlich war o<strong>der</strong>nur bed<strong>in</strong>gt durch das Versagen, se<strong>in</strong>e Botschaft zu beherzigen. Schweitzer bejahtebeide Fragen: Er verwarf die stets beliebte Vorstellung <strong>von</strong> e<strong>in</strong>em „galiläischenFrühl<strong>in</strong>g“, e<strong>in</strong>er Frühzeit, <strong>in</strong> <strong>der</strong> es so aussah, als ob Jesu Mission e<strong>in</strong> „Erfolg“werden würde, gefolgt <strong>von</strong> se<strong>in</strong>er Ablehnung, se<strong>in</strong>em Rückzug <strong>von</strong> den Massenund se<strong>in</strong>em Aufgreifen e<strong>in</strong>es „Plan B“, also des <strong>Kreuz</strong>es als zweitbestem Weg. DieEvangelisten sahen dies mit Sicherheit nicht so. In welchem Maße die Rückschauund das Verlangen, die Sache so auszusehen zu lassen, als ob Jesus und vielleichtsogar Gott das <strong>Kreuz</strong> die ganze Zeit über geplant hatte, die Präsentation <strong>der</strong> Evangelistenbee<strong>in</strong>flusst haben, können wir hier lei<strong>der</strong> nicht diskutieren.Jesus glaubte also, er sei <strong>von</strong> Gott berufen, Israel das unmittelbar bevorstehendeGericht zu verkünden sowie <strong>in</strong> und um sich selbst herum Israels Neukonstituierunge<strong>in</strong>zuläuten. Er verfolgte se<strong>in</strong>e Berufung selbst dann weiter, als es mehr alsklar war, woh<strong>in</strong> das führen würde, da er glaubte: Wenn Israels Tod <strong>von</strong> Israels Repräsentantengestorben werden konnte, wäre es möglich, dass Israel diesen Todnicht selbst sterben müsse. Wir sahen, dass dies nicht <strong>von</strong> dem Muster <strong>der</strong> bedeutsamenAktionen abweicht, die se<strong>in</strong>en öffentlichen Werdegang <strong>in</strong>sgesamt prägten, <strong>in</strong>dem er durchgängig die Unre<strong>in</strong>heit o<strong>der</strong> das Stigma <strong>der</strong> physisch o<strong>der</strong> sozial Bee<strong>in</strong>trächtigtenteilte, um sie zu heilen und wie<strong>der</strong>herzustellen (o<strong>der</strong>, wie es die Evangelistenoft ausdrücken, um sie zu „retten“). Obwohl diese Sichtweise nicht unter dievorgefertigten Sühne- und Rechtfertigungstheologien subsumiert werden kann, dieüblicherweise angeboten werden, kann diese Sicht doch die starken Aspekte dieser10


<strong>Theologie</strong>n <strong>in</strong> sich aufnehmen und ihnen das Fleisch und Blut zurückgeben, wasihnen als abstrakte Theorien oft geraubt wurde. Indem wir Jesus <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en sozialenund politischen Kontext zurückversetzen, kapitulieren wir nicht vor BrandonsTheorie. 27 Ebenso wenig machen wir ihn zu e<strong>in</strong>er historisch unverständlichen Gestalt,wenn wir vorschlagen, dass er theologische Gründe für se<strong>in</strong>en Weg zum<strong>Kreuz</strong> gehabt haben könnte. Geschichte ist nicht die Magd <strong>der</strong> <strong>Theologie</strong>, und<strong>Theologie</strong> ist nicht die Magd <strong>der</strong> Geschichte. Wenn wir Jesus auf die Art und Weiseverstehen, die ich vorgeschlagen habe, entpuppen sich Geschichte und <strong>Theologie</strong>als gegenseitig <strong>von</strong>e<strong>in</strong>an<strong>der</strong> abhängige Wege, auf denen über dieselbe Sache gesprochenwird. 28Soviel soll an dieser Stelle zunächst e<strong>in</strong>mal zum Thema „<strong>Das</strong> <strong>Kreuz</strong> als Höhe- undWendepunkt <strong>der</strong> Story des Gottesvolkes“ reichen. Natürlich gäbe es noch e<strong>in</strong>iges mehrzu sagen. Die Lektüre <strong>von</strong> Jesus und <strong>der</strong> Sieg Gottes füllt wie angedeutet den hier angegebenenRahmen detailliert aus und wirft sicher e<strong>in</strong>e Menge weiterer Fragen auf. Aber diesererste E<strong>in</strong>blick gibt hoffentlich e<strong>in</strong>e gute Grundorientierung. 295. E<strong>in</strong> Doppelpunkt zum AbschlussBis hierher haben wir uns nun mit dem <strong>Kreuz</strong> <strong>in</strong> <strong>der</strong> <strong>Theologie</strong> <strong>Wright</strong>s im H<strong>in</strong>blick aufdie beiden wichtigsten Erzählstränge <strong>der</strong> gesamten Bibel befasst, <strong>der</strong> Story <strong>von</strong> Schöpfungbis Neuschöpfung sowie <strong>der</strong> Story vom Gottesvolk <strong>in</strong>nerhalb dieser größeren Story.Wir haben dabei Paulus nur beiläufig erwähnt. Ich habe den Vortrag absichtlich sogestaltet, damit man zunächst e<strong>in</strong>mal die großen L<strong>in</strong>ien des <strong>Wright</strong>schen Denkenswahrnimmt und sich nicht gleich auf die (noch?) umstritteneren Aspekte se<strong>in</strong>er Paulusdeutungstürzt. 30Doch natürlich müsste hier jetzt e<strong>in</strong>e ausführliche Ause<strong>in</strong>an<strong>der</strong>setzung mit <strong>der</strong> Rolledes <strong>Kreuz</strong>es bei Paulus im Denken <strong>Wright</strong>s folgen. Aus Zeitgründen müssen jedoch e<strong>in</strong>paar e<strong>in</strong>leitende Bemerkungen reichen.Auch <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Paulusdeutung verfolgt <strong>Wright</strong> se<strong>in</strong>en narrativen Ansatz auf vielfältigeWeise. 31 <strong>Das</strong> folgende Zitat gibt e<strong>in</strong>en kle<strong>in</strong>en E<strong>in</strong>blick, was das heißen kann:Narrative Deutungen <strong>der</strong> Paulusbriefe s<strong>in</strong>d daher nicht e<strong>in</strong>fach e<strong>in</strong>e neue Mode, e<strong>in</strong>postmo<strong>der</strong>ner Trick, <strong>der</strong> mit e<strong>in</strong>em antiken Text spielt, e<strong>in</strong> Versuch, Paulus e<strong>in</strong>enEhrendoktor <strong>der</strong> Literaturwissenschaften <strong>von</strong> <strong>der</strong> Yale University zu verleihen.27 Brandon sieht Jesus als politischen Revolutionär <strong>der</strong> üblichen Form. Vgl. BRANDON 1967.28 WRIGHT 1985, abschließende Zusammenfassung.29 Zur Darstellung <strong>von</strong> Jesu Prozess und Tod <strong>in</strong> JSG vgl. auch BOCK 1999.30<strong>Das</strong> ist natürlich e<strong>in</strong>e Anspielung auf die Frage <strong>der</strong> Rechtfertigungslehre, die ja heiß umstritten wird.Ich habe mich bewusst entschieden, die Frage nach dem <strong>Kreuz</strong> <strong>in</strong> <strong>der</strong> <strong>Theologie</strong> <strong>Wright</strong>s nicht <strong>von</strong>dieser Frage nach <strong>der</strong> Rechtfertigung überlagern zu lassen.31 Vgl. dazu e<strong>in</strong>führend NTVG Kap. 13, 6. Paulus: Von Adam zu Christus (513-520); sowie bes. dieArtikel WRIGHT 2004 und 2008b.11


Diese Deutungen spiegeln auf e<strong>in</strong>er sehr tiefen Ebene die Tatsache wi<strong>der</strong>, dassPaulus ebenso sehr e<strong>in</strong> Theologe <strong>der</strong> Schöpfung wie <strong>der</strong> Erlösung ist, und sie machenuns auf die Tatsache aufmerksam, dass se<strong>in</strong>e <strong>Theologie</strong> <strong>der</strong> Erlösung geradee<strong>in</strong>e <strong>Theologie</strong> <strong>der</strong> erneuerten, erlösten Schöpfung ist. Sie spiegelt, ebenfalls auf e<strong>in</strong>ertiefen Ebene, die Tatsache wi<strong>der</strong> (auch wenn Paulus das Wort selten erwähnt),dass er e<strong>in</strong> Theologe des Bundes ist, <strong>der</strong> Genesis 15 auslegt und mit <strong>der</strong> Spannungr<strong>in</strong>gt, die zwischen den grundlegenden Bundesverheißungen an Abraham und demspäteren Bund mit Mose zu bestehen sche<strong>in</strong>t (Römer 4; Galater 3). Doch beides<strong>in</strong>d ganz eng verbunden: Gottes Bundesverheißungen an Abraham waren immerschon <strong>der</strong> Weg zur Erlösung <strong>der</strong> gesamten Menschheit und Schöpfung (z.B.: <strong>der</strong>neue Bund <strong>in</strong> 2. Kor. 3 führt zur neuen Schöpfung <strong>in</strong> Kap. 5; und die Argumentationführt <strong>von</strong> Abraham zurück zu Adam <strong>in</strong> Römer 4-5). Ich gebrauche „Bund“ <strong>in</strong>diesem S<strong>in</strong>ne als Kürzel, um die Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken: ObwohlPaulus natürlich glaubt, dass Gottes Absicht durch das dramatische, apokalyptischeEreignis des <strong>Kreuz</strong>es erfüllt worden ist, das im Wi<strong>der</strong>spruch zu allemmenschlichen Stolz und immanenten Prozessen steht, ist dies nichtsdestotrotz dieErfüllung gerade jener größeren, länger zurückgehenden Absicht. Was Gott im<strong>Kreuz</strong> und <strong>in</strong> <strong>der</strong> Auferstehung des Messias tat, und <strong>in</strong> <strong>der</strong> Gabe des Geistes, wardas, was er Abraham versprochen hatte. 32 Genau das me<strong>in</strong>te ich, als ich auf jeneEreignisse als „Höhepunkt des Bundes“ verwies. Paulus denkt nicht <strong>in</strong> isoliertenAphorismen o<strong>der</strong> theologischen Slogans, son<strong>der</strong>n <strong>in</strong> großen Storys, <strong>in</strong>klusive <strong>der</strong>Story, <strong>in</strong> <strong>der</strong> er se<strong>in</strong>er Ansicht nach selbst e<strong>in</strong>e entscheidende Rolle spielte. <strong>Das</strong> ist<strong>der</strong> Rahmen für die verschiedenen Erzählungen, die wir <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Briefen e<strong>in</strong>gebettetf<strong>in</strong>den und die ihre Frucht br<strong>in</strong>gen. 33Dieser narrative Gesamtansatz erlaubt es <strong>Wright</strong> u.a., zwischen Jesus und Paulus ke<strong>in</strong>egroße Kluft o<strong>der</strong> gar e<strong>in</strong>en grundsätzlichen Gegensatz o<strong>der</strong> Wi<strong>der</strong>spruch aufzubauen,son<strong>der</strong>n Paulus organisch an se<strong>in</strong>em historischen Ort im biblischen Erzählstrang zu verorten.Den hilfreichsten und schnellsten E<strong>in</strong>stieg <strong>in</strong> das Thema „<strong>Kreuz</strong> bei Paulus“ vermittelt<strong>der</strong> oben bereits genannte und gerade zitierte Artikel „Redemption from the NewPerspective? Towards a Multi-Layered Paul<strong>in</strong>e Theology of the Cross“ und jetzt auch <strong>in</strong><strong>der</strong> Ergänzung zum Artikel „Read<strong>in</strong>g Paul, Th<strong>in</strong>k<strong>in</strong>g Scripture: ,Atonement‘ asa SpecialStudy“ 34 . Im erstgenannten Artikel erhält man E<strong>in</strong>blicke, wie <strong>Wright</strong> sich selbst <strong>in</strong> <strong>der</strong>„New Perspective on Paul“ verortet; 35 E<strong>in</strong>blicke <strong>in</strong> se<strong>in</strong> Denken über „Erlösung“; 36 so-32 An dieser Stelle sei angemerkt, dass <strong>in</strong> diesem narrativen Ansatz <strong>der</strong> Verweis auf Abraham <strong>in</strong> Römer4 weit mehr ist als <strong>der</strong> Verweis auf Abraham als Beispiel des Glaubens. In Jesus erfüllt Gott den Auftragdes Abrahambundes, den Segen Gottes zu allen Völkern zu br<strong>in</strong>gen – das ist die narrative Signifikanz<strong>von</strong> Römer 4. Dieser Aspekt wird <strong>in</strong> <strong>der</strong> deutschen Literatur bisher kaum beachtet. So nimmt z.B.die 4. Auflage des Römerbriefkommentars <strong>von</strong> Klaus Haacker (HAACKER 2012) <strong>Wright</strong> als Diskussionspartnernicht e<strong>in</strong>mal wahr.33 WRIGHT 2004, 78.34WRIGHT 2013e, 368-376: The Cross <strong>in</strong> Paul.35 Oft wird James Dunn als „Erf<strong>in</strong><strong>der</strong>“ des Begriffs <strong>der</strong> „new perspective“ genannt. Es war jedoch<strong>Wright</strong>, <strong>der</strong> diesen Begriff erstmals prägte, und zwar <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Tyndale New Testament Lecture im Jahre1978 mit dem Titel „The Paul of History and the Apostle of Faith“, nun zugänglich <strong>in</strong> WRIGHT 2013e,3-20.12


wie E<strong>in</strong>blicke <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e Art <strong>der</strong> narrativen Exegese. Denn hier widmet er sich nach ausführlichene<strong>in</strong>leitenden Bemerkungen zu den gerade genannten H<strong>in</strong>tergründen <strong>der</strong> Rolle,die das <strong>Kreuz</strong> bei Paulus <strong>in</strong> sieben Schlüsselerzählungen spielt, welche das Rückgrat<strong>der</strong> gesamten paul<strong>in</strong>ischen <strong>Theologie</strong> bilden. Es muss hier reichen, diese sieben Schlüsselstoryszu nennen. E<strong>in</strong>e etwas ausführlichere Darstellung und Bewertung f<strong>in</strong>det sich <strong>in</strong>me<strong>in</strong>em zu Beg<strong>in</strong>n angekündigten Artikel.Die sieben Erzählungen lauten also – für <strong>Wright</strong>-Kenner wenig überraschend:1. Die Story <strong>von</strong> Schöpfung und neuer Schöpfung2. Die Story Israels3. Die Story <strong>der</strong> Tora4. Die Story <strong>der</strong> Menschheit5. Die Story <strong>von</strong> Paulus’ apostolischer Berufung 376. Die Story <strong>der</strong> Mächte <strong>der</strong> Welt 387. Die Story <strong>von</strong> Gott höchstpersönlich<strong>Wright</strong> zufolge s<strong>in</strong>d diese Erzählungen bei Paulus <strong>in</strong> die grundlegende Story vom Exoduse<strong>in</strong>gebettet sowie <strong>in</strong> <strong>der</strong>en Neuanwendung <strong>in</strong> den Storys vom Exil und dessen Ende.39 <strong>Das</strong> bedeutet, dass <strong>Wright</strong> dieses bereits oben angesprochene Thema auch <strong>in</strong> se<strong>in</strong>erPaulusauslegung fruchtbar macht. Ich setze an dieser Stelle also ke<strong>in</strong>en Schluss-, son<strong>der</strong>ne<strong>in</strong>en Doppelpunkt. Ich lade e<strong>in</strong>, sich mit diesem Artikel <strong>in</strong>tensiv zu befassen – und ggf.auch mit me<strong>in</strong>em ausführlicheren Artikel zu diesem und an<strong>der</strong>en Artikeln und Schriften<strong>Wright</strong>s. Außerdem lade ich zur <strong>in</strong>tensiven Ause<strong>in</strong>an<strong>der</strong>setzung mit <strong>Wright</strong>s an<strong>der</strong>enSchriften <strong>in</strong> Zustimmung und konstruktiver Kritik e<strong>in</strong>. Themen, mit denen man sichdabei beschäftigen müsste, umfassen me<strong>in</strong>es Erachtens die folgenden:• Was s<strong>in</strong>d die Stärken, was die Schwächen <strong>von</strong> <strong>Wright</strong>s narrativer Exegese?• Was s<strong>in</strong>d die Stärken und Schwächen <strong>der</strong> Alternativen?• Welche Bibeltexte werden aus <strong>Wright</strong>s Perspektive sehr erhellt, und wo hat mandas Gefühl, <strong>Wright</strong> ist e<strong>in</strong> wenig zu „kreativ“ <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en Bemühungen, Bibeltexte <strong>in</strong>se<strong>in</strong>en Ansatz e<strong>in</strong>zupassen?Als bekennen<strong>der</strong> <strong>Wright</strong>-Fan würde ich allerd<strong>in</strong>gs zu e<strong>in</strong>er <strong>in</strong>tensiven Beschäftigung mit<strong>Wright</strong>s Gesamtwerk raten, bevor man an <strong>der</strong> e<strong>in</strong>en o<strong>der</strong> an<strong>der</strong>en Stelle evt. zu schnell36 Siehe zu „Erlösung“ bei <strong>Wright</strong> auch WRIGHT 2011, Kap. 12: Erlösung neu durchdenken.37 Nicht nur, aber auch an dieser Stelle verb<strong>in</strong>det <strong>Wright</strong> die Rolle des <strong>Kreuz</strong>es Jesu mit <strong>der</strong> Rolle desLeidens im Leben se<strong>in</strong>er Nachfolger, welche im Zusammenhang <strong>der</strong> Berufung des Paulus natürlich mitHänden zu greifen ist.38 Unter diesem Punkt geht es um die politische Relevanz des <strong>Kreuz</strong>es bei Paulus, also um den Aspekt,dem <strong>Wright</strong> den Namen „Fresh Perspective on Paul“ gegeben hat, siehe u.a. WRIGHT 2005b.39 WRIGHT 2004, 81f.13


schießt. Me<strong>in</strong>e eigene jahrelange Beschäftigung mit se<strong>in</strong>em Werk hat bei mir jedenfallsden starken E<strong>in</strong>druck h<strong>in</strong>terlassen, dass die Stärken und vor allem die enorme Weite se<strong>in</strong>er<strong>Theologie</strong> die Schwächen und gelegentlichen „kreativen“ E<strong>in</strong>zelauslegungen bei weitemüberwiegen.Ich möchte schließen mit e<strong>in</strong>em kurzen Video-Ausschnitt <strong>von</strong> <strong>Wright</strong>, <strong>der</strong> e<strong>in</strong> wenig<strong>von</strong> se<strong>in</strong>em Schwerpunkt und dem Geist vermittelt, <strong>der</strong> ihm <strong>in</strong> <strong>der</strong> Frage des <strong>Kreuz</strong>eswichtig ist. 406. BibliographieBEHRENS, R. 2013. „<strong>Das</strong> Verständnis des <strong>Kreuz</strong>es <strong>in</strong> <strong>der</strong> <strong>Theologie</strong> N. T. <strong>Wright</strong>s“; demnächst auf:www.ntwright.chBOCK, D. L. 1999. „The Trial and Death of Jesus <strong>in</strong> N. T. <strong>Wright</strong>’s Jesus and the Victory of God“, <strong>in</strong>:Jesus & the Restoration of Israel, hrsg. <strong>von</strong> C. C. Newman, S. 101-125. Downers Grove: IVP.BRANDON, S. G. F. 1967. Jesus and the Zealots: A Study of the Political Factor Primitive Christianity. Manchester:Manchester Univrsity Press.CAIRD, G. B. 1965. Jesus and the Jewish Nation. London: Athlone Press.EVANS, C. A. 1999. “Jesus and the Cont<strong>in</strong>u<strong>in</strong>g Exile of Israel”, <strong>in</strong>: Jesus & the Restoration of Israel, hrsg.<strong>von</strong> C. C. Newman, S. 77-100. Downers Grove: IVP.HAACKER, K. Der Brief des Paulus an die Römer. ThHNT, Bd. 6. 4., erneut verb. u. erw. Aufl. Leipzig:Evangelische Verlangsanstalt.JEFFREY, S., M. OVEY und A. SACH. 2007. Pierced for Our Transgressions: Rediscover<strong>in</strong>g the Glory of Penal Substitution.Crossway Books.JENSON, R. 2007. „On the Doctr<strong>in</strong>e oft he Atonement“, <strong>in</strong>: Reflections 9, 2-13.MEYER, B. F. 1979. The Aims of Jesus. London: SCM Press. (Die Neuauflage <strong>von</strong> 2002 (Pickwick Publications)enthält e<strong>in</strong>e 12seitige E<strong>in</strong>führung <strong>von</strong> N. T. W., die zeigt, was W. an M. schätzt und beiläufige<strong>in</strong>iges über die Art offenbart, wie beide Geschichte treiben wollen.)WRIGHT, N. T. 1985, „Jesus, Israel and the Cross“, <strong>in</strong> SBL 1985 Sem<strong>in</strong>ar Papers, hrsg. <strong>von</strong> K. H.Richards, 75-95. Chico: Scholars Press. Auch zugänglich unter:http://ntwrightpage.com/<strong>Wright</strong>_Jesus_Israel_Cross.pdf______. 1991. The Climax oft he Covenant. Ed<strong>in</strong>burgh: T&T Clark.______. 2002. Romans, <strong>in</strong>: New Interpreter’s Bible, Bd. X. Nasville: Ab<strong>in</strong>gdon Press.______. 2004. „Redemption from the New Perspective? Towards a Multi-Layered Paul<strong>in</strong>e Theology ofthe Cross“, <strong>in</strong>: Redemption, hrsg. <strong>von</strong> S. T. Davis, D. Kendall, G. O’Coll<strong>in</strong>s, 69-100. Oxford: OxfordUniversity Press. Auch zugänglich <strong>in</strong> WRIGHT 2013e, 292-316, sowie unter:http://ntwrightpage.com/<strong>Wright</strong>_Redemption_NPP.htm______. 2005a. The Scriptures, the Cross and the Power of God. London: SPCK.______. 2005b. Paul: In Fresh Perspective. M<strong>in</strong>neapolis: Fortress.______. 2006a. The Last Word: Scripture and the Authority of God: Gett<strong>in</strong>g Beyond the Bible Wars. New York:HarperOne.______. 2006b. Evil and the Justice of God. London: SPCK.______. 2006c. Warum Christ se<strong>in</strong> S<strong>in</strong>n macht. Lahr: Johannis Verlag.______. 2007a. Christians at the Cross: F<strong>in</strong>d<strong>in</strong>g Hope <strong>in</strong> the Passion, Death, and Resurrection of Jesus. Ijamesville:The Word Among Us Press.______. 2007b. „The Cross and the Caricatures: A Response to Robert Jenson, Jeffrey John, and a newvolume entitled Pierced for Our Transgressions“. Siehe:http://www.fulcrum-anglican.org.uk/news/2007/20070423wright.cfm?doc=20540 WRIGHT 2008a.14


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