Professur für Kunst- und Architekturgeschichte Chair of the History of ...

arch.ethz.ch

Professur für Kunst- und Architekturgeschichte Chair of the History of ...

Professur für Kunst- und

Architekturgeschichte

Chair of the History of Art

and Architecture

Professor

Dr. Werner Oechslin

Assistenz

Dr. Michael Gnehm

Hardy Happle

Carmelia Maissen

Forschung

Tobias Büchi

Dr. Michael Gnehm

Thomas Haensli

Dr. Sonja Hildebrand


Vorlesung Architekturund

Kunstgeschichte und

Diplomwahlfach Kunstund

Architekturgeschichte

links: Pont Transbordeur,

Marseilles. Aus: Sigfried

Giedion, Bauen in Frankreich,

Eisen, Eisenbeton, 1928

Architektur und Kulturgeschichte

des 19. und

20. Jahrhunderts

Lehre Teaching

Bilder und Bauten

Das Buch «für den eiligen Leser» (Giedion) hat in der Architekturtheorie

immer wieder und noch neustens seine

Verfechter. Gemeint ist damit, architekturtheoretische Positionen

über Bilder zu vermitteln, die von knappen

Kommentaren – und nicht umgekehrt – illustriert werden.

Seit Palladio lassen sich solche bilderprägende Züge in

der Architekturtheorie verfolgen. Doch was ist die Rolle

des Bildes innerhalb der Architekturtheorie? Antworten

geben nicht nur die Collagen zeitgenössischer architekturtheoretischer

Positionen, sondern auch die zunehmend

dominante Rolle, die der Illustration architektonischer Problemfelder

nicht erst seit ihrer Verbreitung durch Druckgrafik

und Buchdruck zukommt. Mit der «technischen

Reproduzierbarkeit» (Benjamin) von Wissen kommt

der Grafik und mit ihr der Zeichnung eine besondere Bedeutung

deshalb zu, weil diese für sich allein «auf

den Punkt» bringt, was Architekturtheorie immer zu erreichen

versucht: die Verknüpfung von Theorie und

Praxis. Mit der Zeichnung, mit den «lineamenta» (Alberti),

können in Kürze Anweisungen gegeben werden, die

der praktischen Umsetzung theoretischer Formulierungen

dienen. Doch Zeichnung, Grafik und ihre heutigen

Möglichkeiten mittels caad reduzieren sich nicht auf den

Entwurf allein: Ihre Möglichkeiten, Architekturtheorie

«plastisch» darzustellen, weiten sich vom Technischen heraus

auf die Darstellung – die Inszenierung – der zu erzielenden

architektonischen Effekte. Ja, die dergestalt bildgewordene

Architektur hat unbestreitbar selber die

Qualität, Architekturtheorie sosehr wie die Suche nach

technischen Lösungen ihrerseits zu beeinflussen. Der

Umstand, dass Zeichnungen technisch reproduziert neue

Architekturen sosehr über die «blosse Idee» wie über

konkrete Bauten beeinflusst, gewinnt gerade in der heute

computergestützten Entwurfstechnik weiter an Brisanz.

Ziel ist es, bildgebende Verfahren mit den damit verbundenen

theoretischen Implikationen zu konfrontieren.

Fragen danach, inwiefern das Verhältnis von Architekturtheorie

und gebauter Architektur über deren gegenseitige

Illustration hinausgeht, sind dabei zentral.

In der Vorlesung wurden Positionen zwischen 1500

und 1800 diskutiert, das Seminar legte den Schwerpunkt

auf das 20. und 21. Jahrhundert.

Geschichte der modernen Architektur «Um 1900»,

«Vormoderne» und der Paradigmawechsel um 1918/19

Am Ende des 20. Jahrhunderts ist die «moderne Architektur»

zum Jahrhundertstil geraten, der gerade deshalb aber

auch neuen Betrachtungen unterzogen wird. Es hat sich

gezeigt, dass eine «weisse» Moderne nach dem Muster

der Weissenhofsiedlung (1927) oder im Sinne eines «International

Style» (1932) keineswegs so ausschliesslich Gültigkeit

als «die moderne Architektur» besitzt. Die Grenzen

sind in verschiedenster Hinsicht aufgelöst worden: jene

zu einer «Vormoderne» vor 1914/18, jene zwischen den durch

die ciam sanktionierten «Rigoristen» und davon abweichenden,

vermittelnden «Regionalisten». Auch politische

Grenzziehungen zwischen einer Flucht in die Geschichte

und zu klassizistischer Architektur auf Seiten totalitärer

Regimes und einer Bevorzugung moderner Architektur

durch die Demokratien sind nicht wirklich haltbar.

129

Images and Buildings

The book ‘for the hurried reader’ (Giedion) has often had

its defenders in the field of architectural theory, and has

recently regained supporters. The underlying idea is that

positions in architectural theory should be communicated

through images augmented by brief captions, rather

than vice versa. Image-based approaches of this type

can be traced through architectural theory since the time

of Palladio. But what is the role of the image within

architectural theory? Answers to this question are provided

not only by the collage-like nature of contemporary

positions in architectural theory but also by the increasingly

dominant role that the illustration of topics in

architectural discussion has acquired. This shift does not

simply date to the moment when illustrations became

more widely distributed through the development of

printed graphics and printed books. Along with the

‘technical reproducibility’ (Benjamin) of knowledge, graphic

art and thus the drawing become particularly important

because in themselves, these consolidate what

architectural theory has always sought to achieve: a

connection between theory and practice. Brief instructions

can be given along with the drawing – the ‘lineamenta’

(Alberti) – that aid in the practical implementation of

theoretical formulations. However, drawings, graphics

and the opportunities nowadays provided by caad are

not restricted to the design and drafting process alone:

the possibility of representing architectural theory in a

‘sculptural’ form has moved beyond the technical field

into the depiction – the staging – of desired architectural

effects. Architecture that has become an image in this

way even has in itself the quality of being able to influence

architectural theory just as much as the search for

technical solutions did in its sphere. The fact that technically

reproduced drawings influence new forms of architecture

as much through the ‘mere idea’ as through

actual buildings has again become an explosive issue

again, particularly with today’s computer-aided drafting

methods. Our aim is to confront imaging procedures

with the theoretical implications associated with them.

The extent to which the relationship between architectural

theory and actual buildings goes beyond mutual

illustration of each other is central to our work. The

lecture course will discuss positions developed between

1500 and 1800, while the seminar will focus on the

20th and 21st centuries.

The History of Modern Architecture ‘Around 1900’. The ‘Pre-

Modern’ and the Paradigm Shift around 1918/19

At the end of the 20th century, ‘modern architecture’

became the style of the century, and also – perhaps for

this very reason – the subject of new investigative perspectives.

This movement was based upon the fact that

‘white’ modern architecture in the style of the Weissenhofsiedlung

(1927) or in the sense of an ‘International

Style’ (1932) was by no means the only valid kind of

Institut gta Departement Architektur

Werner Oechslin


Werner Oechslin

Institut gta Departement Architektur

Seminar Kunst- und

Architekturgeschichte

Titelblatt und Allegorie auf

die Architektur. Aus:

Vitruvius Teutsch, übersetzt

von W. H. Ryff, Nürnberg

1548, Exemplar der Stiftung

Bibliothek Werner Oechslin

Dementsprechend steht fest, dass unsere heutige kulturelle

Vielfalt zu besserem Verständnis nicht einer Reduktion

auf eine vermeintlich eindeutige und eindeutig

dominierende «weisse Moderne» bedarf, sondern der

Aufschlüsselung der Widersprüche, Verwicklungen, schlicht

all jener Komplexitäten, die sich mit der Wirklichkeit

der Geschichte seit jeher besser decken als irgendwelche

Idealsichten. Es ist im Übrigen abzusehen, dass auch

das 20. Jahrhundert – wie zuvor das 19. Jahrhundert – in

die (vermeintliche) Krise der Unübersichtlichkeit gerät,

bevor in angemessener Distanz der Blick auf die dann etwas

modifizierten grossen Linien wieder frei wird. Zur

Zeit steht die Revision, genauer, die (längst fällige) positive

Neubewertung des 19. Jahrhunderts an. Auf diesen Prämissen

bauen hier Lehre und Forschung zur sogenannten

«Moderne» auf.

Theorie der Avantgarde – Walter Benjamin über Kunst und

Architektur

Das Seminar geht Bezügen zwischen Benjamins Schriften

zur Kunst und Architektur und der architektonischen

Avantgarde nach, wie sie im unvollendet gebliebenen Passagenwerk

Benjamins anklingen und etwa in seinen Aufsätzen

zur Reproduktion und Photographie ausformuliert

worden sind. Einerseits steht dabei Benjamins Rezeption

von Texten zur Architektur der Moderne im Zentrum. Die

Beiträge Sigfried Giedions und besonders auch jene von

László Moholy-Nagy bilden hierbei wichtige Bindeglieder.

Andererseits werden über diese Bezüge die Positionen

untersucht, die während dem Benjamin-Revival ab den

sechziger Jahren zum Beispiel über Manfredo Tafuri

und Masimo Cacciari dafür sorgten, dass Benjamin im

Zusammenhang mit einer Architektur der Avantgarde

als Ideenstifter rezipiert worden ist. Grundsätzlich gilt es

insbesondere, Benjamins Begrifflichkeiten und methodischen

Ansätze in ihrer Spannbreite zwischen Kunst, Architektur

und (wissenschaftlicher) Literatur zu erarbeiten.

130

‘modern architecture’. In various respects, a particular version

of modernism had eliminated the boundaries between

the ‘Modern’ and the ‘Pre-Modern’ before 1914/18,

and between the ciam-sanctioned ‘rigorists’ and the

divergent ‘regionalists’. Nor was the political line drawn

between the totalitarian regimes’ escape into history

by way of classicist architecture, and the democracies’

preference for modern architecture really tenable.

It would thus appear clear that today’s cultural variety

does not require reduction to an assumedly unequivocally

dominant ‘white Modernity’ in order to gain a better

understanding. Instead, it requires the decoding of the

contradictions, the confusions, in short all the complexities

that have always been more compatible with the

reality of history than any idealistic visions. It is, incidentally,

also probable that the 20th century, like the 19th

century before it, will undergo a crisis of obscurity before

our understanding of the – by then, somewhat modified –

overall pattern, seen from an appropriate distance, will

regain its independence. At the moment, what is needed

is a revision, or more precisely a long overdue new and

positive evaluation of the 19th century. This is the

premise that underlies the teaching and research of socalled

‘Modernity’.

Theory of the Avant-Garde: Walter Benjamin on Art and

Architecture

This seminar course addresses the relationships between

Benjamin’s writings on art and architecture, and the

architectural avant-garde treated briefly in Benjamin’s

unfinished Passagenwerk and more comprehensively

in his essays on reproduction and photography. On the

one hand, the focus will be on Benjamin’s reception

of texts on modernist architecture. The contributions of

Sigfried Giedion and particularly also those of László

Moholy-Nagy provide important point of reference here.

On the other hand, these relationships will make it possible

to examine the positions, which, during the Benjamin

revival following the 1960s – for example, via Manfredo

Tafuri and Massimo Cacciari – led to Benjamin’s treatment

as a source of ideas in connection with avant-garde architecture.

Basically, it will be particularly important to

study Benjamin’s concepts and methodological approaches

in the area between art, architecture, and (scholarly)

literature.


Werner Oechslin, Thomas

Hänsli, Michael Gnehm,

Tobias Büchi und Lothar

Schmitt, 2000–2005

Forschung Research

Forschungsprojekt «Geschichte der Architekturtheorie im

deutschsprachigen Kulturraum des 16. bis 18. Jahrhunderts»

Die Forschungen zur Geschichte der Architekturtheorie

bilden einen der Schwerpunkte der wissenschaftlichen

Tätigkeiten am Institut gta. Deren Grundlage ist der seit

1990 erarbeitete «Zensus architekturtheoretischer

Schriften», der die entsprechende Quellenliteratur von

1500 bis 1850 in den einschlägigen Zürcher Bibliotheken

und der «Stiftung Bibliothek Werner Oechslin»

in Einsiedeln umfasst.

Gegenstand der derzeitigen Forschungsarbeiten sind

die architekturtheoretischen Schriften im deutschsprachigen

Kulturraum von ihren Anfängen bis 1618/48. Ein

wesentliches Charakteristikum der deutschsprachigen

Architekturtheorie dieser Zeit ist ihre Abgrenzung von

der älteren Traktatliteratur der italienischen Renaissance

(Alberti, Vitruv, Serlio). Zur Darstellung gelangen

neben den einschlägigen Werken Walter Hermann

Ryffs (Vitruv-Kommentar), Cœcke van Aelsts (Serlio-Übertragung)

und Joseph Furttenbachs auch verschiedene

Säulenbücher (Blum, Dietterlin, Krammer), Schriften zur

Geometrie (Dürer, Schwenter, Lencker, Vredemann de

Vries), Traktate zur Fortifikation sowie Inkunabeln. Die

Drucklegung des ersten Bandes, der die Schriften des

Zeitraumes bis 1618/48 umfasst, ist für das Jahr 2006

geplant.

Weitere Forschungsschwerpunkte:

–Barock (Werner Oechslin, Tobias

Büchi, Michael Gnehm, Thomas

Hänsli, Carmelia Maissen)

–19. Jahrhundert (Werner Oechslin,

Michael Gnehm, Hardy Happle)

–Aspekte der Moderne (Werner

Oechslin, Michael Gnehm, Hardy

Happle)

Teilprojekte:

–Werner Oechslin, Thomas Hänsli,

Michael Gnehm, Tobias Büchi,

Lothar Schmitt, Geschichte der

deutschen Architekturtheorie

des 16. bis 18. Jh., 2000–2004

–Thomas Hänsli, Perspektive in der

Architekturtheorie des frühen

18. Jh.: Andrea Pozzo (1642–1709),

Dissertationsprojekt

–Tobias Büchi, «Scientia architectonica».

Ontologie und

Architekturtheorie im Rahmen

der Wolffschen Philosophie,

Dissertationsprojekt

–Carmelia Maissen, Der Vorarlberger

Barockbaumeister Franz

Beer von Blaichten (1660–1726),

Dissertationsprojekt

–Werner Oechslin, Scamozzis «Idea

dell’ Architettura Universale»

–Werner Oechslin,

Palladio/Palladianismus

–Werner Oechslin, Michael Gnehm,

Gottfried Semper

–Hardy Happle, Der Kunsthistoriker

Wilhelm Worringer

(1881–1965). Die frühen Schriften,

Dissertationsprojekt

Weitere von der Professur betreute

Dissertationen:

–Mathew Davis, The Architecture

of Geographic Assemblage.

–Susanne Luttmann, Gottfried

Sempers Baulehre – eine quellenkritische

Rekonstruktion.

–Peter Omachen, Hotelstadt Luzern.

Architektur und Tourismus

1870–1914.

–Jürg Ragettli, Die Bauten der

Wasserkraftwerke in der Schweiz.

–Dieter Weidmann, Gottfried

Sempers Polytechnikum in Zürich.

Eine Baumonograhie.

–Ivo Zemp, Entwicklung der klassizistischen

Architektur im Kanton

Obwalden.

Publikationen Werner Oechslin

(Auswahl):

–Hrsg. und Redaktion der Zeitschrift

Scholion, seit 2001.

–Wagner, Loos e l’evoluzione

dell’architettura moderna,

Mailand: Skira, 2004 (Biblioteca

di architettura Skira, 23).

–Boris Podrecca – In der Mitte,

in: Matthias Boeckl (Hg.), Offene

Räume/Public Spaces. Boris

Podrecca, Wien/New York: Springer,

2004, S. 13–19 (engl. «Boris

Podrecca – In the Middle», ebd.,

S. 20–25).

–«Die Kunst hat ihre besondere

Sprache…», in: Michael Gnehm,

Stumme Poesie. Architektur und

Sprache bei Gottfried Semper,

Zürich: gta, 2004, S. 7–9.

131

Research project ‘The History of Architectural Theory in 16th to

19th Century German-Speaking Cultures’

Research on the history of architectural theory forms one

of the focal points of the gta Institute’s scholarly activities.

Its basis is the ‘Zensus architekturtheoretischer Schriften’

(‘Census of Architectural-Theoretical Texts’), which was

started in 1990 and comprises relevant source material

from between 1500 and 1850 that is held in Zurich’s

libraries and in the ‘Werner Oechslin Library foundation’

in Einsiedeln.

The current research is devoted to the architecturaltheoretical

writings of German-speaking cultures up to

1618/48. One of the essential characteristics of the Germanspeaking

architectural theory of this period is its dissociation

from the older treatises of the Italian Renaissance

(Alberti, Vitruv, Serlio). Works by Walter Hermann Ryff

(Vitruvius commentary), Cœcke van Aelst (Serlio translation)

and Joseph Furttenbach are supplemented by various

important books (Blum, Dietterlin, Krammer), writings

on geometry (Dürer, Schwenter, Lencker, Vredemann

de Vries),and treatises on fortification and incunabula.

The first volume, which comprises writings from the

period between 1618 and 1648, is scheduled for publication

in 2006.

–Villa Garbald. Eine ‹schlichte

Aufgabe› und deren Lösung mit

‹künstlerischem Takt›, in: Villa

Garbald. Gottfried Semper – Miller

& Maranta, Zürich: gta, 2004,

S. 28–33.

–«Schüchtern übergebe ich

dem Publicum eine Reihe von

Arbeiten…». Ein erster Satz

Alexander von Humboldts und

andere erste Sätze, in: Scholion,

3, 2004, S. 6–24.

–Prolegomena – an Stelle und in

Erweiterung erser Sätze, ebd.,

S. 25–43.

–«Architectura/architecti est

scientia»: Präliminarien, ebd.,

S. 162–166.

–Aktuelle Bucherwerbungen der

Stiftung Bibliothek Werner

Oechslin, ebd., S. 192–193 (Plato),

193–197 (Ioanna Baptista

Cassinens).

–Barock und Moderne. Verallgemeinerungen,

in Tomas Vlcek

(Hg.), Kolloquium zur Ausstellung

«Baroque Conflicts and

Continuities», Prag (im Druck).

–«Quantum homini licet»:

‹Aesthetik› zu heilsgeschichtlichen

Bedingungen, in: Sebastian Schütze

(Hg.), Estetica Barocca, Akten des

Kongresses Rom (im Druck).

–Il De re aedificatoria ed

Aristotele: definizione dell’architettura

e dell’architetto,

Akten des Kongresses in Mantova

(im Druck).

Institut gta Departement Architektur

Werner Oechslin

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