Download - juridikum, zeitschrift für kritik | recht | gesellschaft

juridikum.at
  • Keine Tags gefunden...

Download - juridikum, zeitschrift für kritik | recht | gesellschaft

echt & gesellschaftrelevanten Ressourcen immer schlechterin der, unter ganz anderen sozio-historischenBedingungen entstandenen Kategoriedes Eigentums verorten.Übersehen sei an dieser Stelle freilichnicht, dass diese Zuordnung betriebsnotwendigist. Ohne sie hätte die GesellschaftProbleme, mit ihren Knappheiten aktuellso weit zurande zu kommen, dass ihreBehebung auch in the long run betriebenwerden kann. Ohne sie würde der Gesellschafteine Voraussetzung zum arbeitenfehlen. Sobald allerdings diese Voraus- mit Knappheit durch Eigentum erfüllt ist,weiter entwickeln und im Zuge dessendie Knappheiten der Landwirtschaftdurch Knappheiten des Handwerks unddes Handels, diese durch solche der Industrieund diese wieder durch solcheder Organisation, der Dienstleistungund schließlich sogar der Freizeitgesellschaftergänzen. Im Lauf der letzen zweiJahrhunderte ist es so in immer kürzerenZeitabständen notwendig geworden, dieRegulierung der Knappheiten, also unter der Eigentumsform nachzubessern. Unddabei ist es niemals nur darum gegangen,sie gleichsam für andere, nun als knappgeltende Ressourcen .Denn keine der relevanten Knappheitswahrnehmungenunserer Gesellschaft istim Zuge ihrer Geschichte verschwunden.Wir arbeiten nach wie vor für NahrungsundLebensmittel, haben diese Aktivitätenaber mittlerweile folgenreich durchdie Herstellung von Massenprodukten,von Kultur- und Bildungsgütern, vonLuxus- und Freizeit-Gadgets bis hin zuEntertainment- und Wissensproduktenergänzt. Die Knappheitswahrnehmungenunserer Gesellschaft haben sich im Zugedessen in kurzer Zeit multipliziert. Angesichtsder Diskrepanz etwa zwischeneuropäischen und außereuropäischenKnappheitswahrnehmungen, zwischender nach wie vor weitgehend wohl Existenz-bezogenenKnappheit in Afrikaetwa und der unübersehbar bereits großteilsauf Freizeit- und Unterhaltungsaktivitätenbezogenen Knappheit in Europa,ist damit deutlich geworden, dass Knappheitswahrnehmungenin der Modernegrundsätzlich als kontingent, als auch andersmöglich betrachtet werden müssen,und dass die moderne Gesellschaft ebennicht mehr nur einen, sondern vielmehreine Vielzahl von Blickwinkeln bereithält,aus denen sie wahrnimmt, was siefür knapp hält.Mit beigetragen zu dieser Polykontexturalitäthat dabei die Notwendigkeit,die in der Differenzierung der Arbeit neuentstehenden Knappheiten zu bemessenund zu systematisieren – prominent etwaim Versuch, sie primären, sekundärenund tertiären Wirtschaftssektoren zu zuordnen–, um sie so ihrer rechtlichen Regelungin der Eigentumsform zugänglichzu machen. Dabei sind unter anderemStatistik und Wirtschaftsforschung oderallgemeiner noch Sozial- und Rechtswissenschaftentstanden, um ArbeitsundWirtschaftsoutput, Wohlstand undArmut, Einkommensentwicklungen,soziale Ungleichheiten und vieles mehrzu erheben, und im Zuge dessen Problemlösungsaktivitätenzu initiieren, diedie dabeisollen. 13Nicht zuletzt im Zuge dessen hat eine gewonnen, deren „Produkt“ heute alsdie maßgebliche knappe Ressource gilt– die Wissensarbeit und ihr „Produkt“Wissen.III.Auch die Form, mit der die Knappheitvon Wissen aktuell gesetzlich geregeltwird – die der Intellectual PropertyRights –, orientiert sich an der klassischenEigentumsform. Schon angesichts derbisherigen Überlegungen lässt sich alsovermuten, dass sich diese Form nur bedingteignet, um die als knapp wahrge-verorten.Abgesehen von den sonst oft vorgebrachtenAspekten der beschränktenEigentumsfähigkeit von Wissen (Nicht-Rivalität im Konsum, Nicht-Ausschließbarkeitvon der Nutzung etc.), weist dieseForm unter „polykontexturalen“ Bedin-blematikauf. Unter diesen Bedingungenlässt sich, wie gesagt, die Perspektivitätder Knappheitswahrnehmungen nichtübersehen. Zwar wird einerseits natürlichin vielen Bereichen daran gearbeitet,Zugang und Verfügbarkeit von Wisseneinzuschränken und es damit eigentumsfähigzu machen. In diesen Bereichen giltWissen offensichtlich in einer Weise alsknapp nahe legt. 14 Darüber hinaus lassen sich inder Moderne aber auch Bereiche ausmachen,in denen Wissen eher als zuviel undnicht als knapp scheint, in denen etwa„neue Unübersichtlichkeit“, über Unplanbarkeitvon Ausbildungs- und Karriereverläufenoder über sonstige Unkalkulierbarkeitenbei Wissensinvestitionengeklagt wird. Verschiedentlich werdendann zwar Differenzierungen eingezogen,um die je aktuelle ökonomischeoder bildungsrelevante Nutzbarkeit dochin den Griff zu kriegen. Das eigentlicheProblem polykontexturaler Knappheitswahrnehmungenscheint aber tiefer zuliegen, nämlich in dem Umstand, dass inder Moderne Wissen eigentlich nur mehrim Verbund mit dem je von ihm selbst determiniertenNicht-Wissen als Eigentumzugerechnet werden kann.Am anschaulichsten lässt sich dieserUmstand vielleicht an der Verselbständigungeines Problemlösungsbereichesverdeutlichen 15 , den die Gesellschaft,so ließe sich sagen, ursprünglich zurhandlungsentlasteten Bearbeitung spe- hat, der sich im Zuge seiner Entwicklungaber mehr und mehr „selbstgeschaffenen“Problemen und schließlich auchder Erkundung seiner eigenen Bedingungenund Voraussetzungen zugewandthat – dem Bereich der Wissenschaften.Mit den Wissenschaften steht der Moderneein auf Dauer gestellter Problematisierungsbetriebzur Verfügung, derspeziell und per Dekret darauf abstellt,nichts unhinterfragt zu lassen, nicht einmalseine eigenen Betriebsbedingungen,sprich jene Wissensstände, die ihmselbst zum einen Wissenserkundung ermöglichenund zum anderen dabei auchvorgeben, welche Erkundung jeweils relevantist. Mit Verselbständigung sei der(historisch etwa mit „Elfenbeinturm-“oder „Glasperlspiel“-Metaphern beklagte)Umstand angesprochen, dass dieser13) Vgl zu dieser „Dialektik“ vonProblemwahrnehmung und Wissenschaft:Füllsack 2006: 207ff.14) Für einen Überblick über Wissensformen,für die dies zu geltenscheint, vgl.: Füllsack 2006:290f.15) Vgl auch hierzu u.a.: Füllsack2006: 103ff, 207ff.juridikum 2007 / 2 Seite 81

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine