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echt & gesellschaftBetrieb nicht nur seinem gesellschaftlichenAuftrag, sondern einer Eigenlogikfolgt, die unter anderem dadurch bedientwird, dass in den Wissenschaftennur wer Neues entdeckt, Chancen erhältmitzumischen, also etwa einen Erwerbsarbeitsplatzim Wissenschaftsbetrieb zuergattern. 16 dafür, dass (zumindest in der europäisiertenWelt) Wissensstände kaum noch langeBestand haben, dass der Betrieb in derRegel nicht lange braucht, um sie wiederzu problematisieren. Die Moderne ist,wie dies genannt wurde, auf Treibsandgebaut. Ihre Festlegungen sind zu „Kurzfristveranstaltungen“geworden. 17Dies sorgt tendenziell für „Gleichzeitigkeit“der gerade im Fokus der Aufmerksamkeitstehenden Phänomene unddem, was in deren Latenz als „Mittel“oder als „Rahmen“ dafür fungiert, traditionellaber ausgeschlossen blieb. Essorgt, differenztheoretisch formuliert,für den Einschluss des in jeder UnterscheidungAusgeschlossenen. Andersgesagt, in der Moderne kann gewusstwerden, dass einerseits keine Aufmerksamkeitfür irgendetwas, ohne Ausschluss,sprich ohne Selektion möglichist – Eigentum schließt notwendig ebendie Nicht-Eigner von der Verfügbarkeitüber knappe Ressourcen aus –, dass aberzum anderen eben auch kein Ausschlussmehr von Dauer ist und damit gleichsamim Vollzug stets auch wieder miteinbezogenoder zumindest mitgedacht werdenmuss. Und dies betrifft insbesondere dasWissen selbst. Wer heute weiß, kann inder Regel auch wissen, was dabei jeweilsnicht gewusst wird, und er kannvor allem wissen, dass dies mit einigerWahrscheinlichkeit nicht lange nicht gewusstwerden wird.Dieser Umstand legt es nahe, Wissenunter polykontexturalen Bedingungenals „Zwei-Seiten-Form“ zu betrachten,die dasjenige Nicht-Wissen, das durchsie selbst ausgeschlossen wird, gleichsamschon mit einschließt. Wissen ist unterdiesen Bedingungen stets nur mit seinemKomplement, dem dazugehörigen Nicht-Wissen zu haben. Und dies gilt auch fürden Fall, in dem es, weil es als knappgilt, als Eigentum zugerechnet wird.Genau dann kann nämlich einerseits gewusstwerden, dass die Eigentumsformeine historische Errungenschaft ist, dieunter anderen, nämlich monokontexturalenBedingungen entstanden ist undschon damit nicht dazu taugt, die zentraleRessource der „Wissensgesellschaft“ zufassen. Und andererseits kann auch gewusstwerden, dass Eigentum selbst eine„Zwei-Seiten-Form“ ist, die unweigerlicheinschließt, was sie selbst ausschließt,die also, indem sie das Verfügungsrechtüber knappe Ressourcen bestimmtenGesellschaftsmitgliedern oder -teilenzuordnet und anderen nicht, diese anderenins Spiel bringt, zum Beispiel als gutvernetzte Internet- oder Hacker-Community,die schon ob ihrer Größe heutemit großer Wahrscheinlichkeit Lücken inden Manifestationen der Eigentumsformausmacht und diese zu nutzen weiß, umihre eigenen Knappheiten zu reduzieren.Oder eben grundsätzlicher noch: als globalerMarkt, der ob des Potentials seinerNachfrage und ob der Unmöglichkeit, ihnlückenlos zu regulieren, enorme Anreizebietet, zu jeder Maßnahme zum Schutzvon Eigentumsrechten nahezu zeitgleichbereits – wie Bill Gates in Moskau erlebenmusste – „Gegenmaßnahmen“ aufden Plan zu rufen, die ihrerseits, und seies in physisch entfernten, für den vernetztenKonsumenten aber unmittelbar„nebenan“ liegenden Weltgegenden zu umgehen.Denn dies scheint das Charakteristikumder polykontexturalen Gesellschaft.Was immer ausgeschlossen wird,ist keine marginale und (dauerhaft) vernachlässigbareRestgröße mehr, sonderndrängt gleichsam von sich aus – undjemehr es durch Gesetze oder auch schon auszuschließen versucht wird – auf seinenEinschluss. Hegel hat ähnliches als„List der Vernunft“ bezeichnet, Adornohat es als „negative Dialektik“ beschrieben.Luhmann spricht vom Einschlussdes Ausgeschlossenen, von der „Zwei-Seiten-Form“ jeder Unterscheidung ineiner Moderne, deren soziale Differenzierungkeine privilegierten und damitdauerhaft dominanten Problemsichtenmehr kennt. 18 Was unter diesen Bedingungenals knapp wahrgenommen wird,wird stets nur unter einem bestimmtenBlickwinkel als knapp wahrgenommen,von einem Beobachter, der wissen kann,dass auch er bei seinen Knappheitswahrnehmungenbeobachtet wird, und dabeiganz andere KnappheitswahrnehmungenRelevanz haben.Knappheiten unter diesen Bedingungenmithilfe von Verfügungsrechtenin Eigentumsform zu bewältigen, kanndamit gar nicht anders, als weitere Problemezu generieren – Probleme, die voraussagbarumso größer werden, je dynamischerdie Bedingungen werden, unterdenen an ihrer Lösung gearbeitet wird,und je enger die Eigentumsform – nichtzuletzt auch im Hinblick auf diese Problemeselbst – geschnürt wird.Univ.Doz.Dr.Manfred Füllsackist Dozent am Institut für Philosophieder Universität Wien;manfred.fuellsack@univie.ac.at.Literatur:Brocker, Manfred (1992): Arbeit undEigentum. Der Paradigmawechsel in derneuzeitlichen Eigentumstheorie. Darmstadt.Cooper, William H. (2006) Russia’sAccession to the WTO. CRS Report forCongress; unter: www.usembassy.it/pdf/other/RL31979.pdf (29.3.2007)Fuchs, Peter (1999) Intervention undErfahrung. Frankfurt/M.Füllsack, M. (2006): Zuviel Wissen.Zur Wertschätzung von Arbeit und Wissenin der Moderne. Berlin.Dowling, John H. (1968): IndividualOwnership and the Sharing of Game inHunting Societies; in: American AnthropologistVol. 70, No. 3, p. 502-507.Hardin, Garrett (1968): The Tragedyof the Commons; in: Science 162, 1243-1248.Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaftder Gesellschaft. Frankfurt/M.Luhmann, N. (1997): Die Gesellschaftder Gesellschaft. Frankfurt/M.Stehr, Nico (2001): Wissen und Wirtschaften.Frankfurt/M.16) Eine ähnliche Logik liegt demgleichermaßen zur Polykontexturalitätder Moderne beitragenden Bereichdes Journalismus zugrunde.17) Fuchs 1999: 157.18) Vgl. u.a.: Luhmann 1997: 60.Seite 82 juridikum 2007 / 2

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