TTB 217 - van Vogt, AE - Die Zeit der Androiden

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TTB 217 - van Vogt, AE - Die Zeit der Androiden

A. E. van VOGTDIE ZEITDER ANDROIDEN(MORE THAN SUPERHUMAN)Deutsche ErstveröffentlichungERICH PABEL VERLAG KG • RASTATT/BADEN


Titel des Originals:MORE THAN SUPERHUMANAus dem Amerikanischen von Walter BrummINHALTA. E. van VogtDie Doppelgänger(The Reflected Men)A. E. van VogtDie Zeit der Androiden(All the Loving Antroids)A. E. van Vogt und James H. SchmitzProjekt Omega(Research Alpha)TERRA-Taschenbuch Nr. 217TERRA-Taschenbuch erscheint 14täglich imErich Pabel Verlag KG, 7550 Rastatt, PabelhausCopyright © 1971 by A. E. van Vogt,with permission of agency F. J. Ackerman & W. ErnstingRedaktion: G. M. SchelwokatVertrieb: Erich Pabel Verlag KGGesamtherstellung: Zettler, SchwabmünchenEinzelpreis: 2,80 DM (inkl. 5,5% MWST)Verantwortlich für die Herausgabein Österreich: Waldbaur Vertrieb, A-5020 Salzburg,Franz-Josef-Straße 21Printed in Germany August 1973Scan by Brrazo 12/2007


Die Doppelgänger1.Für Edith Price war der gut gekleidete junge Mann,der in ihre Bücherei kam, typisch für die Sommerurlauber,die jedes Jahr in Harkdale erschienen. Sielebten abseits von den Einheimischen, zu denen siejetzt gehörte. Sie schrieb seinen Namen auf – SethMitchell, und weil sie vermutete, daß er einen befristetenLeserausweis wollte, schob sie ihm ein Formblattüber den Tisch.Erst als er es ungeduldig zurückstieß, hörte siewirklich auf das, was er sagte.»Ach so«, sagte sie dann verdutzt. »Sie wollen einenKristall?«»Genau«, sagte er. »Ich möchte, daß man mir einenkleinen Stein zurückgibt, den ich vor Jahren IhrerMuseumssammlung hier überließ.«Edith schüttelte ihren Kopf. »Das tut mir leid. DerMuseumsraum mit der Gesteinssammlung wird zurZeit neu geordnet. Er ist für die Öffentlichkeit geschlossen.Ich glaube nicht, daß vor der Wiedereröffnungetwas zu machen ist, und selbst dann wird MißDavis, die Leiterin der Bücherei, ihre Erlaubnis gebenmüssen. Und sie hat heute ihren freien Tag, sodaß Sie nicht einmal mit ihr sprechen können.«»Wie lange wird diese Neuordnung dauern?«»Oh, mehrere Wochen, nehme ich an«, sagte Edith5


leichthin.Die Wirkung ihrer Worte auf den Mann – einen soselbstsicher und erfolgreich wirkenden Typ, wie sieihn in New York oft gesehen hatte, aber kaum inHarkdale – war verblüffend. Er erbleichte, murmelteetwas Unverständliches, und als er sich abwandte,war es, als sei er von einem unvermuteten Schicksalsschlaggetroffen worden.Es gehörte nicht zu Ediths Gewohnheiten, den Büchereikundennachzustarren. Aber seine Reaktionwar so extrem, daß sie ihn beobachtete, als er mitunsicherem Schritt zur Tür ging. Am Eingang geselltesich ein gedrungener, stämmiger Mann zu ihm.Die zwei sprachen kurz miteinander und gingen zusammenfort. Augenblicke später sah Edith durch einFenster, wie sie in einen nagelneuen Cadillac stiegen.Seth Mitchell schob sich hinter das Lenkrad.Der teure Wagen und die Tatsache, daß noch einanderer Mann beteiligt war, schienen dem an sichunbedeutenden Vorfall Wichtigkeit zu verleihen.Edith erhob sich von ihrem Stuhl, gab ihrer KolleginMiß Tilsit ein unmißverständliches Zeichen undnahm den Schlüssel zur Damentoilette vom Wandhaken– wobei sie unauffällig den Schlüssel zumMuseumsraum in ihrer Hand verschwinden ließ.Eine halbe Minute später untersuchte sie die ausgestelltenSteine.Es waren insgesamt etwa dreißig Steine ausgestellt –Zufallsfunde aus der näheren und weiteren Umge-6


ung Harkdales –, und wie ein Schild verkündete,war die Sammlung von enthusiastischen Schülernzusammengetragen worden. Edith Price hatte baldden Stein gefunden, den der Mann gesucht hatte; erlag unter einer verblaßten Karte mit der Aufschrift:»Schenkung von Seth Mitchell und Billy Bingham.«Sie schob die gläserne Deckplatte des Ausstellungstischszur Seite, langte hinein und nahm denStein an sich. Er war ungefähr acht Zentimeter lang,drei Zentimeter breit und an der dicksten Stelle vielleichtzwei Zentimeter stark; ein bräunlicher Brocken,der, obschon an einigen Stellen angeschliffen,das Licht nicht gut reflektierte. Es war der bei weitemunscheinbarste Stein der Sammlung.Als sie das offensichtlich wertlose Stück zwischenden Fingern drehte, kam ihr ein Gedanke: Ich könnteihm den Stein nach der Arbeit ins Hotel bringen unddas ganze Hin und Her mit der Ziege vermeiden.Damit war Miß Davis gemeint.Sie entfernte das Etikett mit den Namen der Stifteraus dem Schaukasten. Nach all den Jahren hatte derKlebstoff sich zersetzt und haftete nicht mehr gut,und das vergilbte Papier ließ sich leicht ablösen. Siewar im Begriff, den Stein in die Tasche zu stecken,als sie bekümmert erkannte, daß sie das Kleid ohneTaschen anhatte.Verflixt! dachte sie.Weil der Stein etwas zu groß war, um ihn in derHand zu verbergen, trug sie ihn durch den Korridorzur Toilette, um ihn dort irgendwie im Büstenhalter7


oder Strumpfgürtel unterzubringen. Dann sah sie denPapierkorb und bemerkte, daß jemand einen zerbrochenenBlumentopf hineingeworfen hatte, der nochhalb voll Erde war. Daneben lag ein brauner Papierbeutel.Ein paar Sekunden später hatte sie den Stein inden Beutel gesteckt, die Erde daraufgeschüttet undden Beutel wieder in den Papierkorb gestopft. Gewöhnlichwar es ihre Aufgabe, das Gebäude abzuschließen,und so würde es kein Problem sein, denBeutel nach Dienstschluß mitzunehmen.Edith kehrte an ihren Arbeitsplatz zurück …Und der Stein begann sofort, die Erde und dieSandkörner, in die er eingebettet war, nutzbar zu machen.So kam der Prozeß in Gang, der fünfundzwanzigJahre lang unterbrochen gewesen war. An diesemAbend und während der folgenden Nacht erinnertensich alle betroffenen Seth Mitchells an ihre Kindheit.Die meisten lächelten bloß, oder zuckten die Achseln,oder regten sich im Schlaf. Die meisten von denen,die in fernen Zonen außerhalb der westlichenHemisphäre lebten, nahmen schon bald ihre normaleBeschäftigung wieder auf.Aber einige wenige, die sich plötzlich an den Kristallerinnerten, konnten die Erinnerung nicht gleichwieder loswerden.Einige Zeit nachdem sie den Stein beiseite geschaffthatte, nützte Edith eine Flaute im Kundenverkehr,um sich zu Miß Tilsit umzudrehen und zu fragen:8


»Kennst du in dieser Gegend einen Seth Mitchell?«Miß Tilsit war eine lange, zu dünne Blondine miteiner Hornbrille, hinter deren Gläsern ungewöhnlichkleine, aber sehr wache graue Augen blitzten.»Seth Mitchell«, sagte Miß Tilsit. »Ja, ich weiß;das war die Geschichte mit den zwei Jungen. BillyBingham und Seth Mitchell.«Und sie erzählte Edith mit sichtbarem Genuß diemysteriöse Geschichte von Billy Binghams Verschwindenvor fünfundzwanzig Jahren, als er undsein Freund Seth Mitchell zwölf Jahre alt gewesenwaren.»Seth behauptete, sie hätten sich um einen blitzendenStein oder Kristall geprügelt, den sie gefundenhatten«, schloß sie. »Und er schwor, daß sie wenigstenszwanzig Meter vom Rand der Klippe entferntgewesen seien, die an der Stelle zum Lake Naragangabfällt, und daß Billy nicht ertrunken sei – das warnämlich, was alle anderen glaubten. Rätselhaft wurdedie Sache nur dadurch, daß niemals eine Spur vonBilly entdeckt wurde.«»Seltsam, was die Dinge aus den Menschen machenkönnen«, philosophierte Miß Tilsit. »Der Todseines Freundes war für Seth Mitchell eine so niederschmetterndeErfahrung, daß er menschenscheu wurde– ein menschliches Schattenwesen, könnte mansagen. Er hat eine Farm in der Gegend von Abbotsville.«»Du meinst, Seth Mitchell wurde ein Farmer?«fragte Edith.9


»Sicher. Warum nicht?«Edith sagte nichts mehr, aber sie dachte bei sich,daß Miß Tilsit vielleicht keine so gute Quelle lokalerInformationen sei, wie sie bisher geglaubt hatte. Wasimmer der Mitchell war, der in die Bücherei gekommenwar, wie ein Farmer hatte er nicht ausgesehen!2.Kurz nach neun Uhr parkte Edith ihren Wagen gegenübervon dem Motel, wo sie nach längerem SuchenSeth Mitchells metallisch-goldfarbenen Cadillacausgemacht hatte.Es war ziemlich dunkel unter dem Baum, wo siewartete, und das erleichterte sie. Aber selbst in derzweifachen Sicherheit des Wagens und der Dunkelheitkonnte sie ihr Herz pochen und die heiße Röte inihren Wangen fühlen, und sie fragte sich zum drittenoder vierten Male: Wozu tue ich das?Sie hatte die selbstkritische Einsicht, daß sie hoffte,dies würde sich zu einer Sommerromanze entwickeln.Ihr Gedankengang erfuhr eine plötzliche Unterbrechung,als die Tür des Wohnquartiers, vor dem derCadillac stand, geöffnet wurde. In dem lichterfülltenRechteck erschien die Silhouette des kurzen, gedrungenenMannes, den sie am Nachmittag mit Mitchellgesehen hatte. Während Edith unwillkürlich denAtem anhielt, trat der Mann heraus und schloß dieTür hinter sich.10


Einen Moment später kam er aus der Toreinfahrtdes Motels, stand ein paar Sekunden wie unschlüssigund marschierte dann mit schnellen Schritten in dieRichtung des Zentrums von Harkdale, das nur wenigeGehminuten entfernt war.Er kann schnell wieder zurück sein, dachte sie trübe.Als sie der Gestalt nachblickte, ließ ihr Antrieb irgendwienach.Niedergeschlagen startete sie den Motor.In ihrer kleinen Wohnung angelangt, schob Edithden Papierbeutel mit dem Kristall in das Geschirrfachunter der Spüle, aß apathisch ihr Abendbrot undlegte sich dann schlafen.Der untersetzte Mann kehrte mit finsterer Miene insMotel zurück. »Der Stein war nicht da. Ich habe dieSammlung und den ganzen Museumsraum durchsucht«,sagte er zu Seth Mitchell, der auf einem derBetten lag, geknebelt und an Händen und Füßen gebunden.Seth Mitchell beobachtete mit Unbehagen und erzwungenemSchweigen, wie der andere seine Füßevon den Fesseln befreite.Nun fiel ihm das Gespräch mit der jungen Frauwieder ein, und er sagte verzweifelt: »Vielleicht dieseBibliothekarin …«»Vielleicht«, sagte der andere unverbindlich.Er band Seth Michells Hände los und trat zurück.Er machte eine auffordernde Bewegung mit der Pi-11


stole, und sie gingen hinaus zum Wagen und fuhrenfort.Als die Straße einen Aussichtspunkt über demSteilufer des Lake Naragang erreichte, sagte derMann: »Halten Sie hier auf dem Parkplatz!« NachdemSeth Mitchell gehorcht hatte, krachte der Schuß.Der Mörder schleppte sein Opfer hinaus zu einerüberhängenden Klippe, band den Körper mit einerschweren Steinplatte zusammen und stieß das Paketüber den Rand in das Wasser.Darauf fuhr er weiter nach New York, ließ denWagen auf Seth Mitchells Parkplatz stehen und verbrachtedie Nacht in New York mit der Vorbereitungseiner Rückkehr nach Harkdale.Edith schlief diese Nacht sehr unruhig und träumte,daß alle möglichen Edith Prices an ihrem Bettvorbeimarschierten. Nur ein halbes Dutzend von diesenEdiths war verheiratet, und das schockte sie sogarin ihrem Traum.Noch schlimmer, es gab eine Menge Edith Prices,die fett und schwammig, und viele andere, die verschlagen,hysterisch oder geistesgestört waren. Immerhinhatten mehrere Ediths ein entschieden energisches,positives Aussehen, und das war beruhigend.Sie erwachte, als das Telefon läutete. Es war derHausmeister der Bücherei. »Hallo, Miß Price, könnenSie vielleicht etwas eher kommen? Jemand hatheute nacht eingebrochen.«Edith hatte ein seltsames Gefühl von Unwirklichkeit.»Eingebrochen?« sagte sie verdattert. »Bei uns?«12


»Ja. Am schlimmsten sieht es im Museumsraumaus. Der Dieb muß gedacht haben, einige von denSteinen dort hätten irgendeinen Wert, denn er hatüberall herumgewühlt und sie auf den Boden verstreut.«3.Für Edith Price war der magere, nicht mehr ganzjunge Mann im Overall nichts weiter als ein unbeholfener,undeutlich sprechender Farmer.Sie schrieb seinen Namen auf – Seth Mitchell. EinMoment ging hin, und dann traf die Erkenntnis siewie ein Schlag. Sie blickte erschrocken auf.Das geplagte Gesicht, das auf sie herabstarrte, warvon Sonne und Wind verbrannt und gegerbt, mithohlen Wangen und traurigen Augen. Nichtsdestowenigerschien es ihr, daß er eine sensationelle Ähnlichkeitmit dem Seth Mitchell von gestern hatte.Ein Licht ging ihr auf, und sie dachte: Dies ist derSeth Mitchell, von dem die Tilsit erzählt hat! Es mußeine Mitchell-Sippe geben, mit vielen Brüdern undVettern und so weiter, die einander alle ähnlich sehen.Ihr Verstand mühte sich noch immer mit den Möglichkeitenab, die sich daraus zu ergeben schienen,als sie die Bedeutung seines gemurmelten Anliegenserfaßte. Sie echote leer: »Einen Stein, sagen Sie? EinenKristall, den Sie vor fünfundzwanzig Jahren demMuseum schenkten?«13


Er nickte.Edith preßte ihre Lippen zusammen, ärgerlich überihre Konfusion, und dann sah sie, daß der Mann eineBanknote aus seiner Brieftasche genommen hatteund sie ihr mit schüchterner Gebärde hinstreckte. Eswar eine Zwanzigdollarnote.Endlich fand sie ihre Selbstbeherrschung wiederund sagte: »Das ist eine Menge Geld für einen wertlosenStein.«»Es ist derjenige, den ich will«, murmelte er. Siehatte Mühe, ihn zu verstehen, und seine nächstenWorte entgingen ihr ganz, so leise und undeutlichwurden sie gesprochen, aber dann sagte er mit etwasfesterer Stimme: »… damals, als Billy verschwand.«Es blieb einen Moment still zwischen ihnen, währendEdith die Idee verdaute, daß dieser hier wirklichder echte Seth Mitchell war.Dann schluckte sie und sagte: »Ich habe davon gehört.Ein sehr ungewöhnliches Ereignis.«Seth Mitchell nickte. Seine Augen waren von einemselten blassen Grau; es waren gute Augen. »Wirgriffen beide nach dem Stein«, sagte er. »Ich hatteihn zuerst, und dann wollte er ihn mir wegnehmen,und ich schrie ihn an, er solle abhauen. Und dannwar er auf einmal weg.«Er schien ihre Gegenwart beinahe vergessen zuhaben, denn als er fortfuhr, sprach er mehr zu sichselbst als zu ihr. »Er funkelte und glänzte nur so.Nicht, wie er später wurde. Er wurde ganz matt undstumpf, und niemand wollte mir glauben.«14


Er schwieg einen Moment; dann sagte er, beinaheheftig: »All diese Jahre habe ich nachgedacht. Es hatfurchtbar lange gedauert, bis ich die Wahrheit sah.Aber letzte Nacht kam sie mir in den Kopf. Wassonst hätte Billy verschwinden lassen können, als ichihn anschrie? Was sonst als der Stein?«Edith dachte unbehaglich, daß dies ein Problemfür einen Psychiater sei, und nicht für eine Bibliothekarin.Ohne Zweifel wäre es die einfachste Lösung,diesem Seth Mitchell den wertlosen Stein zu geben,den er wollte.Je eher sie den Stein in ihrer Küche loswurde, destobesser.»Wenn Sie mir Ihre Adresse geben wollen«, sagtesie freundlich, »dann werde ich mit der Leiterin sprechenund sehen, was wir für Sie tun können. Abernehmen Sie das Geld bitte zurück. Wenn wir denStein finden, sollen Sie ihn auch so wiederhaben.«Die Adresse, die er ihr nannte, war irgendwo zwischenHarkdale und Abbotsville.Sie sah ihm gedankenvoll nach, als er mit schleppendemSchritt zur Tür und hinaus ging.Auf dem Heimweg von der Arbeit fuhr Edith amMotel vorbei. Der golden schimmernde Cadillac warfort.Gut, dachte sie erleichtert. So ist diese kleine Verrücktheitausgestanden.Sie machte sich ihr gewohntes spätes Abendessen.Dann, nachdem sie sich vergewissert hatte, daß die15


Wohnungstür abgeschlossen und der Küchenvorhangzugezogen war, zog sie den Papierbeutel unter derSpüle hervor – und bemerkte, daß der Beutel leichtergeworden war. Es schien weniger Erde darin zu sein.Eine momentane Angst überkam sie, daß der Steinverschwinden sein könnte. Sie breitete hastig eineZeitung aus und leerte den Beutel mit Erde und allemdarauf aus. Dann starrte sie auf das funkelnde, glitzerndeDing, hob es verwundert auf.»Aber das ist doch nicht möglich«, flüsterte sie.»Das war ein stumpfer, glanzloser Stein. Und jetzt –jetzt ist er einfach herrlich!«Sie hob den Kristall gegen das Licht – und sah,daß eine Zeichnung oder ein Muster im Inneren war.Jemand hatte eine Darstellung des Sonnensystemsin das Innere des Kristalls geschnitten oder geätzt. Esschien Edith, daß das rote und purpurne Farbenspieldes ganzen Kristalls von der winzigen Sonne undihren Planeten auszugehen schien, aber das konnteeine optische Täuschung sein.Während sie die Umrisse des Sonnensystems gegendas Licht der Küchenlampe beobachtete, kam ihrein phantastischer Gedanke, daß der Kristall magischeKräfte haben könnte, und mit plötzlicher Entschlossenheitsagte sie mit einer lauten und klarenStimme: »Billy Bingham – den Jungen; ich will ihnzurückgeholt haben – jetzt!«In der Stille, die auf ihre Worte folgte, kam siesich zunehmend albern vor.Vom lange vermißten Billy war nirgendwo ein16


Zeichen zu entdecken.Gott sei Dank! dachte sie atemlos.Am folgenden Morgen stand Edith früher als sonstauf; ihr Entschluß stand fest. Es war höchste Zeit,daß sie sich eines Gegenstandes entledigte, der ihreVernunft zu untergraben drohte.Als sie den Kristall aufhob und betrachtete, sahsie, daß die Darstellung in seinem Innern eine anderegeworden war. Jetzt war ein menschlicher Körper zusehen, dessen Umrisse in purpurnen und roten Lichtpunktennachgezeichnet zu sein schienen.Wie sie jedoch bei genauerem Hinsehen entdeckte,war die winzige Gestalt tatsächlich äußerst detailliertund zeigte das Knochengerüst und die wichtigstenOrgane. Es gab sogar noch feinere Strukturen, die anein dünnes Geflecht aus Spinnweben erinnerten undvielleicht Blutkreislauf und Nervensystem darstellensollten.Sie untersuchte das seltsame Bild im Kristall, dochwie es entstanden war, blieb ihr ein Rätsel.Entschlossen tat sie den unheimlichen Stein in einekleine Schachtel, füllte sie mit Erde auf – Kristalle,so hatte sie einmal gelesen, brauchten Nährstoffe –,verpackte die Schachtel und adressierte sie an SethMitchell, Rural Route 4, Abbotsville.Kurz darauf fuhr sie zum Postamt. Erst als sie dasPäckchen aufgegeben hatte, wurde ihr klar, daß siewieder impulsiv gehandelt hatte. Zu spät kam derGedanke, was sie tun solle, wenn Seth Mitchell der17


Bücherei einen Dankesbrief schreiben würde. Unmöglichkönnte sie erklären, was sie bewogen hatte,den Kristall zu stehlen … Unglücklich überlegte sie,wie Miß Davis die Niederlage der Collegeabsolventingenießen würde, die ihr vom Stadtrat aufgezwungenworden war.Es war ein deprimierender Augenblick. Sie hattedas Gefühl einer endlosen Serie von ähnlich falschenEntscheidungen in ihrem Leben.Edith saß bereits an ihrem Schreibtisch in der Leihbücherei,als Miß Tilsit mit diesem Gesichtsausdruckhereinkam. In den sechs Monaten in Harkdale hatteEdith ihre Kollegin gut genug kennengelernt, um zuwissen, wann sie Neuigkeiten brachte.»Hast du schon die Zeitung gelesen?« fragte MißTilsit triumphierend.»Nein«, sagte Edith.»Erinnerst du dich, daß du mich nach einem Mannnamens Seth Mitchell fragtest?«Edith erinnerte sich nur zu gut, aber sie setzte eineleere Miene auf, als müsse sie erst nachdenken, wergemeint sei.Miß Tilsit entfaltete den »Harkdale Inquirer«, dasvierseitige Lokalblatt, und hielt die Titelseite hoch.Die Schlagzeile lautete: BILLY BINGHAM GE-FUNDEN?Edith streckte die Hand aus, und Miß Tilsit gab ihrdie Zeitung. Edith las:Ein etwa zwölfjähriger Junge wankte gestern18


abend kurz nach zweiundzwanzig Uhr aus dem Waldnahe Lake Naragang und versuchte das Haus zu betreten,wo Billy Bingham vor fünfundzwanzig Jahrengelebt hatte. Der gegenwärtige Besitzer des Hauses,Zimmerermeister John Hildeck, brachte den verwirrtenJungen zur Polizeistation. Von dort wurde er zumKrankenhaus transportiert.Weiter kam Edith nicht. Ihr Oberkörper kipptevorwärts, ihre Arme baumelten schlaff. Im nächstenMoment klappte der Boden hoch und schlug hart inihr Gesicht.Als sie auf der Couch im Nebenraum erwachte,war die Erinnerung noch immer da, klar und hart undunwahrscheinlich, wie sie dem Kristall befohlen hatte,Billy Bingham zurückzubringen. Und es war amVorabend zwischen neun und zehn Uhr gewesen.4.In Miami.Der Seth Mitchell in dieser Stadt hatte ein privatesVokabular, in dem er Gott, das Schicksal oder dieNatur (diese Begriffe bezeichneten für ihn dasselbe)den »großen Musikanten« nannte. In dieser exklusivenTerminologie war sein Leben eine Sinfonie.Er hatte Geld, Mädchen, eine fabelhafte Karriereals Spielautomatenbesitzer und Buchmacher amRand der Unterwelt – alles ohne Einschränkungen,denn sein Orchester war diszipliniert und folgte seinemTaktstock. Nicht schlecht für einen Kleinstadt-19


jungen, der die Melodien der großen Welt erst alsZwanzigjähriger gelernt hatte.Aber nun hatte der große Musikant plötzlich einedissonante Note anklingen lassen.Mitchell hielt den »Harkdale Inquirer« in seinerHand, die Nummer mit dem Bericht über Billy BinghamsRückkehr.Er studierte das grob gerasterte Foto eines ängstlichaussehenden Jungen, der wirklich etwa zwölfJahre zu zählen schien. Er sah wie Billy Binghamaus, und auch wieder nicht. Mitchell war überrascht,daß er nicht sicher war. Der »Inquirer« bedauerte,daß er kein Foto vom richtigen Billy habe auftreibenkönnen, und erklärte, daß Billys Eltern schon vorlanger Zeit aus Harkdale fortgezogen seien – nachTexas, wie manche Leute meinten. Niemand wußteGenaueres.Der Zeitungsbericht schloß: »Die einzige anderePerson, die den Jungen wahrscheinlich identifizieren,beziehungsweise seine Behauptung nachprüfenkönnte, ist Seth Mitchell, Billy Binghams Jugendfreund.Mitchells gegenwärtige Adresse ist unbekannt.«Mitchell dachte sarkastisch: Der »Inquirer« solltemal seine Abonnentenliste durchsehen.Der nächste Tag.Als er Zimmer 312 des städtischen Krankenhausesvon Harkdale betrat, sah er den Jungen in einem Bettrechts von der Tür. Billy legte ein Magazin aus der20


Hand und blickte ängstlich zu dem Besucher auf.Mitchell sagte mit freundlichem Lächeln: »Billy, dubrauchst dich nicht zu fürchten. Ich bin als deinFreund hier.«Der Junge sagte mit unsicherer Stimme: »Das hatder große Mann auch gesagt, und dann wurde er böse.«Mitchell fragte nicht, wer der große Mann gewesensei. Er zog einen Stuhl neben das Bett, setzte sichund sagte freundlich: »Billy, was mit dir geschehenzu sein scheint, klingt beinahe wie eine Märchengeschichte.Aber wichtig ist vor allem, daß du dir keineSorgen machst.«Billy biß auf seine Unterlippe, und eine Träne rollteüber seine Wange. »Sie reden und behandeln michhier, als ob ich lügen würde. Der große Mann sagte,daß ich ins Gefängnis käme, wenn ich ihnen nicht dieWahrheit sagen wollte.«Mitchell dachte zurück an die Tage, als er von genausoungeduldigen und herrischen Typen über BillysVerschwinden verhört worden war. Er sagte:»Nichts wird dir passieren, solange ich ein Wort mitzuredenhabe. Aber ich möchte dir gern ein paar Fragenstellen, an die vielleicht sonst keiner gedacht hat.Du brauchst nicht zu antworten, wenn du nicht willst.Wie findest du das?«»Gut.«Mitchell nahm das für grünes Licht. »Kannst dudich erinnern, was für Kleider Seth anhatte?«»Graues Hemd und eine braune Kordhose.«21


Das war die erste Enttäuschung für Mitchell. Erhatte gehofft, die Beschreibung würde seinem Gedächtnisaufhelfen, aber sie tat es nicht.»Hattest du auch eine Kordhose an?«»Sie hängt im Schrank«, sagte der Junge und zeigte.Mitchell stand auf, öffnete den Schrank und nahmeine abgewetzte, billige Kordhose heraus, um sie beschämt,aber aufmerksam zu betrachten. Er konntesich nicht entsinnen, sie jemals zuvor gesehen zu haben.Fünfundzwanzig Jahre, dachte er trübe. Die Zeitwar wie ein dichter Schleier mit ein paar zerfetztenLöchern darin. Durch die Löcher konnte er flüchtigeBlicke in seine Vergangenheit tun, bloße Augenblickeaus seinem Leben, jeder einzelne erhellt durcheinen besonderen momentanen Eindruck, und keinerwirklich voll sichtbar.»Billy.« Mitchell war wieder auf dem Stuhl. »Duerwähntest einen funkelnden Stein, den du aufhebenwolltest. Wie groß war dieser Stein?«»Oh, er war groß.«»Wie eine Zündholzschachtel, vielleicht?«»Größer. Mindestens so.« Billys Hände zeigten eineLänge von etwa fünfzehn Zentimetern.Mitchell versuchte den Irrtum dieser Angabe mitseiner Erinnerung irgendwie in Einklang zu bringen,aber es ging nicht.Die Überlegung verursachte ihm Unbehagen. Ermachte Zugeständnisse, wo keine erlaubt sein sollten.Er zögerte. Er wollte herausbringen, ob Billy den22


Kristall tatsächlich berührt hatte, wußte aber nichtrecht, wie er es vorbringen sollte. Er begann: »Nachdeinen Angaben war es so, daß dein Freund – wiehieß er noch gleich?« Er wartete.»Seth. Seth Mitchell.«»Richtig. Also, daß Seth Mitchell den Stein zuerstsah. Aber du wolltest ihm das Ding wegnehmen, wares nicht so?«Der Junge schluckte. »Es war nicht böse gemeint.Ich wollte nur derjenige sein, der ihn dem Museumgab.«Der Donner dieser Enthüllung vibrierte durch MitchellsGehirn. Natürlich, dachte er, jetzt fällt es mirein. Er wußte sogar, warum er vergessen hatte. DieBibliothekarin hatte den Stein, der nach ein paar Tagenin der Hosentasche stumpf geworden war, nurwiderwillig genommen und dabei etwas über kleineJungen gemurmelt, die man nicht entmutigen dürfe.Mit diesen Worten hatte sie ihn so vollkommen entmutigt,daß er den ganzen Vormittag in der Folgezeitverdrängt hatte.Es war schwer zu glauben, daß ein jugendlicherBetrüger so viele Details wissen würde. Aber wenner nicht schwindelte, dann bedeutete es, daß BillyBingham …Er brach den Gedankengang ab, gebremst von derUnmöglichkeit der ganzen Situation. Er hatte einmalgelesen, daß geistige Störungen – wie dieser Jungesie haben mußte – manchmal von einer überaktivenEinbildungskraft herrührten.23


Mitchell holte tief Atem. »Gut. Nun noch zweiFragen. Um welche Tageszeit war das?«»Seth und ich waren nach der Schule schwimmengegangen«, sagte Billy. »Es muß also vier oder fünfUhr gewesen sein, als wir den Stein fanden.«Mitchell nickte und sagte: »Wie die Zeitungschrieb, kamst du ungefähr um zehn Uhr abends zudiesem Haus. Wo warst du in der Zwischenzeit?«»Ich war nirgends«, sagte Billy. »Seth und ichkämpften um den Stein. Ich fiel hin. Und als ichmich wieder hochrappelte, war es stockdunkel.« SeineStimme wurde plötzlich weinerlich. »Ich weißnicht, was passiert ist. Ich glaube, er hat mich einfachliegenlassen.«Mitchell stand auf und dachte: Dies ist lächerlich.Ich sollte meinen Kopf untersuchen lassen.Nichtsdestoweniger machte er an der Tür nocheinmal halt und warf dem Jungen im Bett eine letzteFrage hin: »Ist sonst jemand hier gewesen – außerder Polizei, meine ich, und dem großen Mann undmir? Hat jemand dich angerufen?«»Nur eine Frau von der Leihbücherei.«»Leihbücherei?«»Sie wollte die genaue Zeit wissen, zu der ich dadraußen am See aufwachte. Sie heißt Edith Price undarbeitet in der Bücherei. Natürlich wußte ich esnicht.«Die Information schien bedeutungslos. Mitchellsimulierte eine Freundlichkeit, die er nicht längerfühlte, als er sagte: »Nun, Billy, ich will dich wieder24


an dein Magazin lassen. Vielen Dank.«Er verließ das Krankenhaus, zahlte seine Hotelrechnung,stieg in seinen Mietwagen, fuhr zum Flugplatzin die nächste größere Stadt und flog zurücknach Miami.In Chikago.Seth Mitchell (Inhaber des gleichnamigen Detektivbüros)starrte den Mann an, der gerade in sein Bürogekommen war, als sähe er ein Gespenst. Zuletztzwinkerte er und sagte: »Bin ich verrückt?«Der Fremde, ein stattlicher Mittdreißiger, ließ sichin den Besuchersessel sinken und sagte mit einemrätselvollen Lächeln: »Die Ähnlichkeit ist bemerkenswert,nicht wahr?«Er sprach mit einer klaren Baritonstimme; undwenn Mitchell es nicht besser gewußt hätte, dannhätte er geschworen, daß es seine eigene Stimme sei.Tatsächlich bekannte er, als er Marge Aikens etwasspäter von dem Besucher erzählte: »Ich hatte die ganzeZeit das Gefühl, daß ich selbst es sei, der da saß.«»Aber was wollte er?« fragte Marge. Sie war eineschlanke Blondine, die mit ihrem dreißigsten Jahrnoch nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt hatte;Mitchell beabsichtigte sie eines Tages zu heiraten.»Wie sah er aus?«»Wie ich. Das ist es ja. Er war mein hundertprozentigerDoppelgänger. Er trug sogar einen Anzug,der mich an einen erinnerte, den ich zu Hause hängenhabe.«25


»Hat er dir seine Adresse gegeben?«Mitchell blickte unglücklich auf seinen Notizblock.»Oh! Ich habe vergessen, sie aufzuschreiben!«»Will er wiederkommen?«»Nein, aber er gab mir diese tausend Dollar in bar,und ich gab ihm eine Quittung. Also müssen wir esmachen.«»Was?«»Das ist die albernste Sache von allem. Er will,daß ich einen Onyx finde. Er sagt, er habe ihn vorlängerer Zeit in einem Kleinstadtmuseum irgendwoim Staat New York gesehen. Er könne sich nichtmehr erinnern, wo genau.«»Das wird entweder sehr schwierig oder sehr einfach«,sagte Marge nachdenklich.»Laß mich ausreden, Marge. Ich weiß, wo dieserStein ist, den er will. Er liegt im Museumsraum deröffentlichen Bücherei von Harkdale, meiner Geburtsstadt.Aber es wird noch besser – paß auf! Ich selbstvermachte diesen Kristall als kleiner Junge der Bücherei.Und ausgerechnet in der letzten Nacht träumteich von ihm!«Marge ließ sich nicht vom Thema abbringen.»Und er kam zu dir? Von allen hundertfünfzig Detektivbürosin Chikago wählte er deins und kam zudem einen Mann auf der Erde, der wie er selbst aussiehtund weiß, wo der Kristall ist?«»Er kam zu mir.«Marge schürzte ihre Lippen. »Seth, das ist nichtnormal. Das ist phantastisch. Du hättest ihn nicht ge-26


hen lassen sollen. Du bist doch sonst so wach.«»Danke.«»Warum sagtest du ihm nicht einfach, wo derStein ist?«»Um tausend Dollar zu verlieren? Marge, ein Detektivist manchmal wie ein Arzt. Die Leute bezahlenihn für Informationen, die er schon hat.«»Und was willst du nun machen?« fragte sie.»Nun, ich sagte ihm die Wahrheit, nämlich, daß ichnoch mehrere Tage hier zu tun habe, und dann …«Er blickte sie mit hochgezogenen Brauen an und sagtenach einer bedeutungsvollen Pause: »Es wäre natürlichein Fehler, in Harkdale zu erscheinen, bevordrei oder vier Geheimnisse aufgeklärt sind. Zum Beispiel,wie es kommt, daß es zwei von uns gibt.«Marge nickte energisch. »Und wenn du schließlichdoch hinfährst«, sagte sie, »solltest du dein Aussehenverändern.«»Darauf kannst du dich verlassen!« war die entschiedeneAntwort. »Diese Sache muß vorsichtigangegangen werden.«Anderswo auf der Erde dachten noch zwei Dutzendvon den insgesamt 1811 Seth Mitchells an den Kristall,erinnerten sich des Traums, den sie vor ein paarNächten gehabt hatten, und hatten eine seltsame, gespannteAhnung von einer unmittelbar bevorstehendenKrise.Wie der Seth Mitchell in Montreal, Kanada, esseiner frankokanadischen Frau beschrieb: »Ich kann27


das Gefühl nicht loswerden, daß ich bald eine Prüfungzu bestehen haben werde.«Seine Frau, die mit beiden Beinen auf der Erdestand und eine praktisch-nüchterne Verachtung fürsolche Hirngespinste hatte, wollte wissen, was füreine Prüfung das sei.Ihr Mann sagte unglücklich: »Ich meine, daß ichan dem gemessen werde, was ich heute sein könnte.Und ich habe das Gefühl, daß ich bessere Entscheidungenhätte treffen können, mehr aus mir hätte machenkönnen. Ich bin nicht der Mann, der ich seinkönnte.«»Na und?« sagte sie. »Wer ist es schon? Und wasist dabei?«»Kaputt. Das ist dabei.«»Wie meinst du das?« fragte sie scharf.»Kaputt.« Er zuckte mit der Schulter. »Es tut mirleid, daß ich so negativ bin, aber das ist mein Gefühl.Weil ich nicht das Beste aus mir gemacht habe, binich unten durch. Erledigt. Gewogen und zu leicht befunden.«Seine Frau seufzte. »Meine Mutter warnte mich,daß alle Männer verrückte Ideen kriegen, wenn siegegen die Vierzig gehen. Und nun bist du soweit.«»Ich hätte mutiger sein sollen, oder was«, murmelteer.»Was ist schlecht daran, ein Steuerberater zu sein«wollte sie wissen.Ihr Mann schien nicht zu hören. »Ich habe das Gefühl,daß ich meine Heimatstadt besuchen sollte«,28


sagte er in einem halb bekümmerten, halb ängstlichenTon.Sie packte seinen Arm. »Du gehst sofort zu DoktorLedoux«, sagte sie. »Du brauchst eine gründlicheUntersuchung. Ich glaube, du bist ein bißchen mitden Nerven herunter.«Dr. Ledoux konnte nichts finden. »Tatsächlich«,sagte er, »kenne ich nur wenige Männer Ihres Alters,die sich eines so guten Allgemeinbefindens erfreuenwie Sie.«Der Seth Mitchell aus Montreal mußte zugeben,daß seine plötzliche Besorgnis ziemlich lächerlichwar.Aber er beschloß, Harkdale zu besuchen, sobaldseine geschäftlichen Verpflichtungen es ihm erlaubten.5.Die Stimme kam völlig unerwartet, und sie hatte einenleichten ausländischen Akzent. »Miß Price, ichmöchte mit Ihnen sprechen.«Edith sah den Sprecher in der Dunkelheit zwischenden Garagen und dem Mietshaus stehen, wosie wohnte. Er versperrte ihr den Weg.Sie erstarrte.Bevor sie einen Laut hervorbringen konnte, fuhrdie Stimme fort: »Was haben Sie mit dem Kristallgemacht?«»Ich … ich verstehe nicht.«29


Sie konnte den Sprecher jetzt etwas besser sehen.Er war kurz und breit gebaut, und auf einmal erkanntesie ihn als den Mann, der den ersten Seth Mitchellmit dem goldfarbenen Cadillac begleitet hatte.»Miß Price, Sie haben den Stein aus dem Schaukastenentfernt. Entweder geben Sie ihn mir, oder Siesagen, was Sie mit ihm gemacht haben, und die Sacheist erledigt.«Edith hatte die unangenehme innere Spannung einerPerson, die unklug gehandelt hat und darum keineEingeständnisse machen kann, nicht einmal einemFremden gegenüber.»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, sagte sie mittonloser Stimme.»Hören Sie, Miß Price«, sagte der Mann versöhnlich.Er trat aus dem Schatten. »Ich bin kein Wegelagerer.Lassen Sie uns in Ihre Wohnung gehen und inRuhe darüber sprechen.«Das war eine Erleichterung, denn ihre kleineWohnung lag zwischen anderen, so daß die übrigenMieter nur durch dünne Wände von ihr getrennt waren.So unglaublich es scheinen mochte, sie vertrauteihm sofort und ging ohne Argwohn an ihm vorbei,um die Haustür zu öffnen. Und so war ihre Überraschungtotal, als er sie plötzlich packte. Einer seinerArme umschloß ihre Arme und ihren Oberkörper wieeine Klammer. Gleichzeitig klappte er eine harte,unnachgiebige Handfläche über ihren Mund und flüsterte:»Keine Dummheiten; ich bin bewaffnet.«30


Benommen und von dieser Drohung halb gelähmt,ließ sie sich zu einer Durchfahrt zerren und in einenWagen stoßen, der dort neben einem Zaun parkte.Er stieg ein, und dann saß er in der fast völligenDunkelheit und blickte sie unverwandt an. Sein Gesichtsausdruckwar nicht zu erkennen, aber als dieSekunden vergingen und er keine bedrohliche Bewegungmachte, verlangsamte das rasende Hämmernihres Herzens sich allmählich, und sie keuchte: »Wersind Sie? Was wollen Sie?«Der Mann schmunzelte und sagte: »Ich bin derschlechteste von allen möglichen Ashtars des fünfunddreißigstenJahrhunderts. Aber wie sich herausstellte,habe ich eine hohe Überlebensfähigkeit.«Als er weitersprach, war seine Stimme hart undnüchtern. »In meiner Ära bin ich Physiker. Ich erkanntemeine Gefahr und analysierte einen Schlüsselaspektder Natur dieses Kristalls. Im Zusammenwirkenmit menschlichen Wesen operiert er auf derBasis der Vibrationswellen, die von allen Zellen einesKörpers ausgehen. Durch die Eigenerzeugungdieser Vibration kann der Kristall die betreffendePerson erschaffen beziehungsweise neu erschaffen.Durch die Aufhebung der Vibration kann er sie auslöschen.Als mir dies klar wurde – und da ich in meinerÄra nicht die Orientierungsperson des Kristallswar – errichtete ich einfach eine Barriere auf der Vibrationsebenemeines eigenen Körpers und rettete somein Leben, als der Kristall alle die geringeren Ashtarsauslöschte.«31


Düster fügte der Mann hinzu: »Aber wie esscheint, blieb ich durch meinen Sieg auf einer anderenEbene mit ihm verbunden. Als er durch die Zeitins zwanzigste Jahrhundert zurückfiel, fiel ich mitihm. Unglücklicherweise nicht ganz gleichzeitig. Ichtraf erst letzte Woche auf diesem Felsen über demSee ein. Welch ein bemerkenswert kompliziertes internesSystem von Energieströmen der Kristall habenmuß! Stellen Sie sich das vor! Beim Durchgangdurch die Zeit mußte er diese fünfundzwanzigjährigeInaktivitätsperiode und sein Wiedererwachen gemessenhaben und setzte mich prompt innerhalb von Tagennach seiner Reaktivierung ab.«Die Stimme verstummte. Edith riskierte eine kleineBewegung; sie änderte ihre Haltung auf dem Sitz,um eine zunehmende Unbequemlichkeit in einemBein zu lindern. Als eine Gegenreaktion ausblieb,flüsterte sie: »Warum erzählen Sie mir dies? Esklingt völlig verrückt.«»Ich möchte Informationen von Ihnen«, sagte derschlechteste von allen möglichen Ashtars.»Ich weiß nichts über einen Kristall.«»Was ich wissen will«, fuhr der Mann unerschütterlichfort, »ist folgendes: Haben Sie irgendwann inletzter Zeit den Wunsch gehabt, daß Sie einen anderenLebensweg als diesen genommen hätten, der Sieals Bibliothekarin nach Harkdale geführt hat?«Edith dachte darüber nach und bejahte.Der Mann lehnte sich zurück. Soweit sie ihn in derDunkelheit sehen konnte, schien er nichts gegen sie32


zu planen; er wirkte sogar ausgesprochen entspannt.Er sagte mit einem Schmunzeln: »Sind Sie die bestevon allen möglichen Edith Prices?«Edith antwortete nicht. Sie begann das Gefühl zuhaben, daß sie diesem Mann vielleicht doch vertrauenkönne; daß sie ihm sagen sollte, wo der Kristallwar.Ashtar sagte: »Ich bin überzeugt, daß die EdithPrice, die im zwanzigsten Jahrhundert die Orientierungfür den Kristall ist, nicht mit Ihnen identisch ist.Und daß Sie darum genauso bedroht sind wie ich.«»Wieso?«»Ihre Bedrohung besteht darin, daß Sie ausgelöschtwerden, sobald der Kristall die vollkommeneEdith Price auswählt.«Edith war entsetzt. Während der Minuten, die aufseine Feststellung folgten, war sie sich nur undeutlichder Worte bewußt, die über ihre Lippen sprudelten.Sie erzählte ihm alles.Während er ihren Enthüllungen lauschte, unterdrückteAshtar einen Impuls, sie auf der Stelle zuermorden. Er entschied sich für Behutsamkeit; gingetwas schief, so konnte ihm nur diese Edith helfen,den anderen Ediths auf die Spur zu kommen.So sprach er beruhigende Worte, ließ sie aussteigenund schaute ihr nach, als sie zum Haus wankte –in Sicherheit, wie sie glaubte.33


6.Die Notiz lautete: »Er war nicht da. Der Kristall warnicht da. Die Farm war verlassen. Haben Sie michangelogen? Ashtar.«Edith fühlte sich von einem fröstelnden Schauerüberlaufen, als sie die Worte las; besonders der letzteSatz erfüllte sie mit Angst.Es war Samstag.Bevor sie zur Arbeit ging, betrat sie die Eisenwarenhandlungvon Harkdale und erstand einen kleinenBrowning, eine automatische Pistole, die bequem inihrer Handtasche unterzubringen war. Und sie verließden Laden mit der Überzeugung, daß sie den Dingenvon nun an mutiger gegenübertreten würde. Doch einZweifel blieb: War die Entschlossenheit, in Notwehrzu schießen, ein Schritt vorwärts? War dies alleinschon geeignet, sie zur besten von allen möglichenEdith Prices zu machen?Wohl kaum.Als sie in die Bücherei kam, wartete Miß Tilsit miteiner neuen Zeitungsmeldung auf:FARMER VERMISSTSeth Mitchell, Farmer aus Abbotsville, ist seit mehrerenTagen abgängig. Dies entdeckte sein NachbarCarey Grayson, als er gestern zu Mitchell fuhr, umeinige Säcke Saatgetreide zu kaufen. Wie er feststellte,waren die Kühe ungemolken und halb verhungert,34


die Schweine und Hühner unversorgt, und von Mitchellwar keine Spur zu finden. Grayson fütterte dieTiere, dann verständigte er das Büro des Sheriffssowie einen Vetter Mitchells, der in einem Nachbardistriktwohnt. Eine Untersuchung wurde eingeleitet,an der auch die Kriminalpolizei beteiligt ist.Edith gab die Zeitung mit einem nichtssagendenKommentar zurück. Aber sie dachte: Das also wares, was Ashtar entdeckt hatte.Trotz ihres Beschlusses zitterte sie. Es gab keinZurück …Sonntag.Sie war nach New York gefahren und parkte zweiBlocks von dem kleinen Hotel garni nur für Frauen,wo sie früher gewohnt hatte. Sicherlich, sagte siesich, würde wenigstens eine Edith-Doppelgängerindort abgestiegen sein.Aus einer Telefonzelle rief sie das Hotel an undfragte nach Edith Price. Nach einer Pause sagte dieEmpfangsdame: »Einen Moment, ich verbinde.«Edith hängte ein, und dann sackte sie gegen dieGlaswand und mußte die Augen schließen. Es warihr selbst nicht klar, was sie erwartet hatte, aber dereinzige hoffnungsvolle Gedanke in ihrem Kopf war:Kann es sein, daß ich die einzige Edith Price bin, dieweiß, daß es andere gibt? Und gibt mir das einenVorteil gegenüber den Unwissenden?Oder gab es schon irgendwo eine Edith Price, die35


durch ihre natürlichen Begabungen die Beste vonihnen allen geworden war?Die Überlegung endete, als sie einen kurzen,stämmigen Mann erblickte, der nicht weit von ihrerTelefonzelle stand. Etwas an ihm kam ihr bekanntvor. Im nächsten Augenblick schlug sie ihre Handvor den Mund und starrte mit aufgerissenen Augen.Ashtar!Die Edith Price, die kurz darauf aus der Telefonzelletrat, war immer noch zittrig und noch nicht mutig.Aber zwei Tage der Angst und Bedrohung hattensie verwandelt. Sie war eine leicht zu beunruhigende,zu kopflos-impulsivem Handeln geneigte junge Fraugewesen. Auch jetzt kam es noch vor, daß sie vorAngst bebte; aber immer häufiger preßte sie die Lippenzusammen und hatte Gedanken, die energischund realistisch waren.Bei hellem Tageslicht auf einer verlassenen NewYorker Straße an einem friedlichen Sonntagvormittagwirkte Ashtar weit weniger unheimlich. Er sahwie ein biederer Handwerksmeister aus – klein,breitschultrig, fleischiges Gesicht, ordentlich abernicht extravagant gekleidet, unauffällig im Benehmen.Als er nun herankam, entschloß Edith sich zurVorwärtsstrategie und sagte, bevor er den Mund öffnenkonnte: »Sind Sie wirklich aus dem fünfunddreißigstenJahrhundert?«Er warf ihr einen schnellen, schlauen Blick zu, derdeutlich genug zu verstehen gab, daß er ihren Zustandangespannter Nervosität durchschaute, und36


sagte bereitwillig: »Ja.«»Sind in Ihrer Zeit alle wie Sie? Ich meine, habenalle Ihre Statur, ihre Körpergröße und so?«»Es wurde entschieden«, sagte Ashtar, »daß einmehr gedrungener und breiter Körper vielseitigerverwendbar und für die meisten Zwecke leistungsfähigerist. Das war mehrere hundert Jahre vor meinerGeburt. Und so kann ich Ihre Frage bejahen. Niemandist länger als hundertfünfundsiebzig Zentimeter.«»Woher wissen Sie, daß Sie der schlechteste vonallen möglichen Ashtars sind?«Er zuckte die Schultern. »Wie soll ich Ihnen daserklären? Es ist eine Frage der persönlichen Selbsteinschätzung.In meinem zähen Kampf, eine hohePosition in der Gilde der Wissenschaftler zu erreichen,habe ich mich oft in die relative Geborgenheitund Sicherheit der gesichtslosen Masse zurückgesehnt.Und der Kristall ließ diese Wünsche Wirklichkeitwerden, indem er andere Ashtars erschuf.«Die Antwort legte nahe, daß es mit Härte undEnergie nicht getan war, wenn sie die beste allermöglichen Edith Prices werden wollte. Edith seufzteenttäuscht und erinnerte sich ihrer anderen Fragen.Sie erzählte ihm von den beiden Darstellungen, diesie im Kristall gesehen hatte, und fragte ihn, ob erwisse, was die Bilder bedeuteten.»Als ich den Kristall zuerst sah«, sagte Ashtar,»war in seinem Innern eine Wiedergabe unserer Galaxis.Später wurde daraus das Sonnensystem. Was37


Sie sahen, war vermutlich eine Übertragung vonmeiner Zeit, wo wir auf allen Planeten Niederlassungenhaben. Und was ich sah, muß aus einer Zeitstammen, wo der Mensch in die Galaxis vorgedrungenist. Es könnte bedeuten, daß der Kristall sich derÄra anpaßt, in der er sich befindet. Warum aber dieDarstellung eines Menschen und nicht die des PlanetenErde in dieser Ära erscheint, ist mir nicht klar.War es die Gestalt einer Frau, oder die eines Mannes?«Edith wußte es nicht zu sagen.Ashtar blinzelte in die Sonne und schüttelte nachdenklichseinen Kopf. »Ein so kleiner Gegenstand«,murmelte er. »Solch umfassende Fähigkeiten.«Er hatte ihre nächste Frage bereits indirekt beantwortet,aber Edith stellte sie trotzdem.Ashtar seufzte. »Nein, der Kristall ist ganz bestimmtnicht aus dem fünfunddreißigsten Jahrhundert.Er erschien plötzlich. Ich stelle mir vor, daß erinfolge irgendeines Fehlers oder Versagens aus einerzukünftigen Ära durch die Zeit zurückgefallen ist,und zwar in Etappen von jeweils fünfzehnhundertJahren.«»Könnte es nicht sein, daß er absichtlich zurückgeschicktwurde«, fragte Edith. »Und wenn ja, wasbezweckt man damit?«Der stämmige kleine Mann blickte sie erschrockenan. »Die Idee, daß der Kristall absichtlich zu einemZweck zu uns geschickt wurde«, sagte er zögernd,»war mir nicht in den Sinn gekommen. Es ist eine so38


ungeheuer wertvolle Maschine, daß wir sofort davonausgingen, sie sei unseren Nachfahren verloren gegangen.«Er schwieg eine Weile, dann sagte er unvermittelt:»Ich möchte jetzt diese zweite Edith Priceaufsuchen. Ich schlage vor, daß Sie nach Harkdalezurückkehren. Wenn ich den Kristall finde, werde ichmich dort bei Ihnen melden.«Sie sah ihn in einen blitzenden neuen Wagen steigenund die schmale Straße davonfahren, und erstverspätet fiel ihr ein, daß sie sich Wagentyp undNummernschild hätte merken sollen. Sie stand kopfschüttelndda und dachte ärgerlich: Was bin ich dochfür eine drittklassige Edith Price!Als sie von der Telefonzelle zu ihrem eigenenWagen zurückkehrte, sah sie sich plötzlich von einerPassantin angehalten, die ihr mit der Frage: »SindSie Miß Price?« den Weg vertrat.Edith war in Gedanken noch bei ihrem Gesprächmit Ashtar gewesen und fuhr zusammen. Sie starrtedie Fremde an. Die andere Frau war blond, vielleichtdreißig Jahre alt und hatte sehr wache, aufmerksameAugen. Edith hatte sie noch nie gesehen. Als dieSchrecksekunde vorüber war, hatte sie nicht das Gefühleiner Bedrohung, aber sie wich unwillkürlichzurück.»J – ja«, sagte sie.Die Frau wandte den Kopf zu einem am Straßenrandparkenden Wagen und rief: »In Ordnung, Seth.«Seth Mitchell stieg aus und eilte zu ihnen. Er wargut gekleidet, ähnlich wie der Seth Mitchell mit dem39


goldfarbenen Cadillac, aber es gab einen feinen Unterschied.Sein Gesicht hatte einen festeren, energischerenAusdruck.Er sagte: »Ich bin Detektiv. Wer ist der Mann, mitdem Sie eben sprachen?«Sie waren in ein Cafe gegangen, um ihr Gespräch zuführen, und Edith war zugleich erleichtert und beunruhigt,als sie erfuhr, daß diese Detektive zwei Tagelang in Harkdale gewesen und durch ihren Anruf beiBilly Bingham auf ihre Fährte gekommen waren.Während der anschließenden Beschattung war ihnenaufgefallen, daß der stämmige kleine Mann ebenfallsEdiths Bewegungen beobachtete. Und so waren andiesem Morgen drei Wagen nach New York gefahren– Ediths, Ashtars und ihrer.Der Informationsaustausch dauerte seine Zeit, undals sie aus dem Cafe kernen, hatte Seth Mitchell eseilig, die andere Edith Price anzurufen. Er kam unverrichteterdingeaus der Telefonzelle.»Die Empfangsdame sagt, Miß Price sei vor etwazwanzig Minuten mit einem Mann fortgegangen. Ichfürchte, wir sind zu spät gekommen.«Sie beschlossen, die Rückkehr der zweiten Edithabzuwarten. Aber obwohl sie bis zum späten Abendin New York blieben, kam die junge Frau nicht zuihrem Hotel zurück.Sie sollte nie zurückkehren. Ihr Körper, mit einerKugel im Gehirn und mit Steinen beschwert, ruhte40


seit Stunden auf dem Grund des East River.Und Ashtar hatte den Kristall.Zu seiner großen Enttäuschung war diese Edithnicht die Orientierungsperson des Kristalls gewesen.Er verbrachte den Abend und einen Teil der Nachtmit dem Zusammenbau von Teilen einer Spezialwaffe,denn er hatte eine sonderbare Vorahnung, daß erdie subtile Energie dieser Waffe für die Edith Pricegebrauchen würde, die er inzwischen wieder inHarkdale glaubte.7.Weil es spät war, und weil sie die zweite Edithschließlich auch am nächsten Morgen durch einFerngespräch erreichen zu können glaubte, machtenEdith und die zwei Detektive sich kurz nach dreiundzwanzigUhr in zwei Wagen auf den Weg nachHarkdale. Auf Ediths Bitte steuerte Seth Mitchellihren Wagen. Marge Aikens folgte in Mitchells größeremFahrzeug.Unterwegs erläuterte Detektiv Mitchell seineeinstweiligen Schlußfolgerungen und erklärte dererstaunten Edith, daß er sie für die Original-Edithhalte, und daß der Kristall noch immer zu ihr orientiertsei. Nach seiner Meinung war es ihre Einschätzungdes Farmers Seth Mitchell gewesen, die diesemunglücklichen Mitchell-Doppelgänger zum Verhängnisgeworden war. Der Kristall, so meinte er,habe ihr negatives Urteil akzeptiert und den Farmer41


ausgelöscht, noch bevor sie das Päckchen mit demKristall zur Post gebracht habe.Die Logik des Detektivs entsetzte Edith. Tränenströmten über ihr Gesicht, und sie stammelte: »Aber… aber so hatte ich es nie gemeint! Oh, dieser armeMann!«»Natürlich hatten Sie es nicht so gemeint«, sagteMitchell. »Sie konnten es nicht wissen. Haben Sieübrigens daran gedacht, daß die Post Ihnen das Päckchenals unzustellbar zurücksenden wird?«»Nein, daran hatte ich noch nicht gedacht«, gabEdith zu. »Ach, es ist alles so verwirrend! Könnte essein, daß der Kristall schon wieder in meiner Wohnungist? Oder ist vielleicht eine andere Edith …«»Offenbar kann der Kristall Denkvorgänge beeinflussen«,sagte der Detektiv. »Daß ich von ihmträumte, ist sicherlich kein Zufall. Und nie im Lebendachte ich daran, nach Harkdale zurückzukehren.Aber wenn ich diese verrückte Sache richtig sehe,dann spielt es überhaupt keine Rolle, wo der Kristallist; wir brauchen nicht mal zu wissen, wer ihn hat.Die Entfernung zwischen ihm und seiner Orientierungspersonist kein Faktor.«»Ich weiß nicht«, sagte sie zögernd. »Wenn ichwüßte, daß ich den negativen Gedanken über diesenarmen Farmer Mitchell erst hatte, nachdem ich denKristall aufgegeben hatte, wäre das ein Beweis fürIhre Vermutung. Aber ich weiß es eben nicht. Vielleichthatte ich das Päckchen noch bei mir, als dieser– dieser verhängnisvolle Gedanke kam.« Sie schwieg42


einen Moment, dann sagte sie: »Und vielleicht binich nicht wirklich die Orientierungsperson.«»Das werden wir morgen testen.«»Und was ist mit Ashtar?« fragte Edith. »Ich habeimmer das Gefühl, daß er gefährlich werden kann. Erkönnte besondere Waffen haben, von denen wirnichts wissen. Und wie er mir sagte, kann der Kristallihm nichts anhaben. Wie denken Sie darüber?«»Lassen Sie mich über Ashtar nachdenken«, sagteder Mann.8.Sie beobachtete sein Profil, während er schweigenddurch die Nacht fuhr. Und sie dachte: Was für einkluger Kopf! Aber egal wie scharf sein Verstand seinmag, ein bloßer Privatdetektiv kann nicht gut der bestevon allen möglichen Seth Mitchells sein. EinMann mit einem solchen Beruf muß irgendwo in derMitte sein – und das ist in diesem Wettbewerb nichtgenug.Und er verschwand.Noch mehrere Sekunden nach diesem Gedankenhielt der plötzlich führerlose Wagen seinen geradenKurs. Seine Geschwindigkeit, die ungefähr hundertStundenkilometer betragen hatte, ließ natürlich sofortnach, weil auf dem Gaspedal kein Fuß mehr war.Eine Gefahr entstand erst, als Edith einen hysterischenSchrei ausstieß und wild nach dem Lenkradgriff. Die ruckartige Vierteldrehung brachte den Wa-43


gen vom Kurs, und bei ihrem rein instinktiven Gegenmanövergeriet er ins Schleudern. Nach einigenSekunden und vorsichtigerem Gegensteuern hatte siedas Fahrzeug wieder unter Kontrolle, konnte auf denFahrersitz hinüberrutschen und die Bremse erreichen.Dann hielt sie am Straßenrand und blieb zitternd undbenommen sitzen.Marge Aiken hatte ihre Fahrt verlangsamt, sobaldsie gesehen hatte, daß mit dem vorderen Wagen irgendetwas nicht stimmte. Nun hielt sie hinter Edith,stieg aus und ging nach vorn.»Seth«, begann sie, »was …«Edith öffnete die Tür und kam heraus auf die Straße.Sie zitterte am ganzen Körper, und ihre Knie warenso weich, daß sie sich festhalten mußte. Trotzdemhatte sie einen verrückten Impuls, irgendwohinzu rennen, und er dauerte an, während sie blindlingsdrauflos stammelte, vom Schock entnervt.Es dauerte eine Weile, bis die blonde Frau denSinn des unzusammenhängenden Gestotters erfaßte.Aber plötzlich keuchte sie, und Edith fühlte sich beiden Schultern gepackt und geschüttelt.Sie versuchte sich zu befreien, aber Marges Fingerließen nicht locker und schüttelten sie weiter. DasSchütteln wurde schmerzhaft. Sie fühlte denSchmerz im Nacken, dann in den Armen, und endlichkam der Gedanke: Ich muß vorsichtig sein. Ichdarf nichts tun oder sagen, was sie aufregt.Mit diesem Gedanken kehrte die Vernunft zurück.Sie sah jetzt, daß Marge in einem Zustand von Hy-44


sterie war. Das Schütteln war nur die automatischeReaktion einer Person, die vor Kummer halb vonSinnen war.Mitleid kam. Sie befreite sich mit drei leichtenOhrfeigen, und Marge ließ sie los und sank schluchzendgegen den Wagen. »Oh, mein Gott!« würgtesie. »Oh, mein Gott!«Allmählich begannen die zwei Frauen sich zu beruhigen.Edith versuchte, Marges Brotgeber mit demgleichen Kommando zurückzuholen, das sie bei BillyBingham mit Erfolg verwendet hatte, aber sie hattedabei ein Gefühl, daß es nicht klappen werde – dieAuslöschung der Seth Mitchells war offenbar fällig –,und es klappte auch nicht. Die Minuten vertickten.Obwohl sie den Befehl in vielen Variationen in dieNacht hinausrief, gab es kein Zeichen vom verschwundenenSeth Mitchell, dessen Gegenwart dieganze Situation für die Dauer eines langen halbenTages in jenem ermutigenden Licht hatte erscheinenlassen, das ein intelligenter und entschlossenerVerstand verbreitet.Zuletzt fuhren die zwei Frauen, je in ihrem Wagen,erschöpft und niedergeschlagen weiter nachHarkdale. Da Marge ein Hotelzimmer reserviert hatte,fuhr sie zum »Harkdale Inn«, und Edith fuhr inihre Wohnung.Es war beinahe vier Uhr früh, als sie sich angekleidetauf ihr Bett warf. Während sie bereits amEinschlummern war, kam eine ängstliche Befürchtung:Würde die beste von allen möglichen Ediths in45


Sachen persönlicher Reinlichkeit so nachlässig sein?Mit bleiernen Gliedern tappte sie ins Badezimmer,zog sich aus, duschte, putzte ihre Zähne, kämmte ihrHaar, legte einen frischen Schlafanzug an undschlüpfte, endlich mit sich zufrieden, unter die Decke.Am nächsten Tag war sie müde und tat ihre Arbeitnur mechanisch.Gegen zwei Uhr rief Marge Aiken an. Sie meldete,daß sie New York angerufen und entdeckt hatte, daßdie zweite Edith noch immer nicht in ihr Hotel zurückgekehrtwar.Nach diesem Anruf hatte Edith eine Reihe flüchtigerVisionen von anderen Ediths, größtenteils frommenund gutherzigen Frauen, kaum angekränkelt vondes Gedankens Blässe. Eine Edith lebte als Nonne;eine andere keusche Edith war verheiratet, hatte ihrSexualleben jedoch auf ein Minimum eingeschränktund widmete ihre ganze Aufmerksamkeit den Kindern,die sie hatte, und eine weitere Edith hatte sichdem Zen-Buddhismus zugewandt.In diesen Nebel von Gedanken und verschwommenenVorstellungsbildern drang plötzlich Miß TilsitsStimme ein: »Ein Gespräch für dich, Edith.«Als sie den Hörer abnahm, war Edith sich undeutlichdes mißbilligenden Gesichts von Miß Davis imHintergrund bewußt. Obwohl es das erste Mal war,daß sie persönliche Anrufe empfing, stellte die Leiterinden entrüsteten Ausdruck eines Arbeitgebers zurSchau, dessen Geduld über jedes vernünftige Maß46


hinaus strapaziert worden ist.Edith vergaß das, als sie im Telefonhörer die vertrauteStimme Ashtars hörte.Der Mann sagte: »Ich möchte Sie gleich nach IhrerArbeit sprechen.«»Ja, ja«, sagte Edith mit schwacher Stimme. »Im›Harkdale Inn‹; im Foyer.«9.Ashtar verließ die Telefonzelle, von der er angerufenhatte, ein grausames Lächeln auf dem breiten Gesicht.Nun, da er den Kristall hatte, gab es für ihnzwei Möglichkeiten des Sieges.Die erste Lösung war, die gegenwärtige Orientierungspersondes Kristalls zu töten – Edith. In ihremFall wollte er keine Risiken eingehen. Er würde dafürsorgen, daß sie das »Harkdale Inn« niemals erreichte.Die Beseitigung dieser Edith barg allerdings eineunerfreuliche Möglichkeit. Obwohl er analysiert hatte,daß sie die Orientierung des Kristalls war, ließsich ein Irrtum in diesem Punkt nicht völlig ausschließen.Sollte sich nach ihrer Ermordung herausstellen,daß sie es nicht war, so hätte er seine Informationsquellezur Auffindung anderer Ediths selbstverschüttet.Er war gewillt, das auf sich zu nehmen. Aber alsVorsichtsmaßnahme hatte er den Kristall bereits ausder nährenden Erde genommen. Er wußte nicht ge-47


nau, wie lange es dauern würde, bis der Kristall ausMangel an Nährstoffen deaktiviert wurde, aber zweiWochen waren sicherlich die Obergrenze. Woraufder Kristall sich zu der Person orientieren würde, dieihn reaktivierte. Und die Person wäre natürlich erselbst.Das »Harkdale Inn« war ein Ferienhotel für gehobeneAnsprüche.Der Empfangschef der Tagschicht hatte seine eigenenVorstellungen darüber, was einen guten Hotelfachmannausmacht: ein so gutes Gedächtnis, daß ersich absolute Diskretion leisten konnte.Er war ein solcher Mann. Er hatte in verschiedenenguten Hotels gearbeitet, und er hatte sich – so sagte er– um einen Posten in einem kleinen Ferienort beworben,weil er Heimweh nach dem ländlichen Lebenseiner Kindheit hatte. Sein Name war Derek Slade.An diesem schicksalsträchtigen Tag geriet Derekzum erstenmal in seiner Karriere in Schwierigkeiten,als im Laufe einiger Stunden vier Seth MitchellsZimmer bei ihm buchten. Jedesmal glaubte er, es seiderselbe Mann, nur mit einer anderen Frau, und erbegann die Situation zu genießen, als Seth Mitchellzum fünftenmal eintraf. Nur hatte er diesmal keineFrau bei sich.Aber Derek Slade war ein erfahrener Empfangschef,und es dauerte nicht lange, bis er selbst für diesesPhänomen seine diskrete Erklärung hatte. Dieserglatte Bursche, Seth Mitchell, hatte vier Frauen in48


verschiedenen Zimmern, und offenbar wollte er nochein separates Zimmer für sich allein.Nachdem Seth Mitchell sein Einzelzimmer gebuchthatte, sagte Derek mit leiser Stimme: »Sie dürfenauf meine Diskretion zählen, Mr. Mitchell.«Der Seth Mitchell vor dem Schalter hob seine Augenbrauen,dann nickte er mit einem kurzen Lächeln.Derek war erfreut. Die Bemerkung sollte für einZwanzig-Dollar-Trinkgeld gut sein.Er war noch dabei, sich zu beglückwünschen, alsdie Aufzugtür zurückrollte und einen anderen SethMitchell entließ, der den Empfangsschalter ansteuerte.Als er herankam, wandte der eben eingetroffeneSeth Mitchell sich um und wollte dem Jungen folgen,der sein Gepäck zum Aufzug trug.Die beiden Seth Mitchells prallten fast aufeinander.Beide machten ausweichende Bewegungen undmurmelten nichtssagende Höflichkeitsformeln. Siewaren im Begriff, aneinander vorbeizugehen, als DerekSlade sich vom ersten Schock erholt hatte.Es war einer seiner besten Momente, voll Geistesgegenwartund Entschlußfreudigkeit. Er hob seineStimme ein wenig und sagte mit der genau richtigenDosierung von Autorität: »Mister Mitchell.«Die zwei Seth Mitchells waren bereits in einemleicht verwirrten Zustand. Bei der Nennung ihresNamens blieben sie stehen und wandten sich gehorsamum.Derek sagte: »Mr. Seth Mitchell, ich möchte Siemit Mr. Seth Mitchell bekanntmachen. Meine Her-49


en, bitte warten Sie einen Moment.«Er ließ sie ihre Zeit totschlagen – einer von ihnenschien sich rasch zu erholen, der andere blieb verwirrt–, während er die Zimmer der anderen SethMitchells anrief. Er mußte alle vier Räume rufen,aber bald darauf standen fünf Seth Mitchells vor ihm.Von allen Anwesenden wurde Derek Slade amwenigsten beachtet. Er wollte es nicht anders, dennso konnte er beobachten.Vier von den fünf Mitchells schluckten und stottertenmiteinander. Der fünfte Mitchell trat mit einemleisen Lächeln beiseite, was die Verlegenheit der anderennoch verstärkte. Derek Slades kühle Stimmetraf sie wieder im richtigen Moment: »Meine Herren,warum gehen Sie nicht in den Konferenzraum dortdrüben und besprechen in aller Ruhe dieses merkwürdigeZusammentreffen?«Als sie seiner Aufforderung folgten und durch dieHalle gingen, betrat Marge Aikens das Hotel – geradenoch rechtzeitig, um das Profil des letzten SethMitchells zu sehen, bevor er im Konferenzraum verschwand.»Seth!« rief sie sofort mit tränenerstickter Stimme.»Mein Gott, ich dachte, du seist tot!«Sie rannte vorwärts, ergriff den Arm des Mannes –und erstarrte. Er hatte sich zu ihr umgewandt, undetwas Fremdes an ihm stürzte sie in Verwirrung.Nachher, als alle gehört hatten, was Marge wußte,schlug sie vor, daß sie Edith in der Bücherei anrufen50


und sofort zum Hotel kommen lassen sollten, stattbis zum Abend zu warten.Drei von den Seth Mitchells hatten Einwände. Deraus Montreal sagte: »Zuerst müssen wir uns vor denautomatischen Urteilen dieser jungen Frau schützen,die schon dem Farmer und dem Detektiv Mitchellzum Verhängnis wurden.«Ein anderer Mitchell, der sich durch eine etwastiefere Stimme auszeichnete, machte sich Gedankenüber Ashtar. »Wenn er die zweite Edith Price ermordethat, um an den Kristall zu kommen«, sagte er,»dann wird Ashtar nicht zögern, auch diese EdithPrice umzubringen, die die wirkliche Orientierungspersondes Kristalls ist. Darum ist es unsere Aufgabe,die hiesige Edith Price zu schützen.«Man kam daraufhin überein, daß es das wichtigsteProblem sei, Edith zum Hotel zu bringen. Danachkönnten sie mit ihr sprechen und sie mit der gebotenenEindringlichkeit auf die Gefährlichkeit unbedachterUrteile hinweisen.Der dritte Mitchell sagte, das Problem sei nicht sosehr Ediths Einschätzung der Männer; vielmehr liegees in ihren klischeehaften Vorstellungen darüber, wieseine Frau sein sollte. Vermutlich habe der Kristallpflichtschuldig eine lange Reihe von Edith Priceserschaffen, die allesamt gewöhnliche menschlicheWesen mit wenig unterschiedlichen moralischenMaßstäben und Ansichten seien.»Ich würde sie ersuchen, mit Hilfe des Kristallseine völlig andere Edith Price zu erschaffen – eine,51


die telepathische Fähigkeiten hat. Warum? Damit siediese ganze Situation verstehen und zu einer Lösungbeitragen kann.«Seine Worte brachten eine hoffnungsvolle Reaktion.Es war eine offensichtlich gute Idee – wenn siesich verwirklichen ließ.Ein vierter Mitchell, der bis dahin passiv gebliebenwar, meldete sich zu Wort: »Es wäre nicht uninteressant,wenn eine solche telepathische Fähigkeit denjenigenMitchell identifizieren könnte, der Ihrem Cheffür die Auffindung des Kristalls tausend Dollar bezahlte,Miß Aiken.«Der zuletzt und ohne Frau eingetroffene Seth Mitchelllehnte sich lächelnd zurück und sagte: »Siebrauchen nicht weiter zu suchen. Ich bin der Betreffende.«Als die Aufregung und das Durcheinander derFragen allmählich nachließen, fuhr er fort: »Um eskurz zu machen, ich träumte auch, wie Sie alle. Undwie der schlechteste Ashtar plötzlich die Adresse einesSeth Mitchell in seinem Kopf hatte, so war amMorgen nach dem Traum die Adresse des DetektivsMitchell in meinem.«»Aber warum bemühten Sie sich nicht selbst umden Kristall? Warum zahlten Sie tausend Dollar?«Der Junggeselle Mitchell lächelte wieder. »Ich sageIhnen das ungern, meine Herren, und es wird zuIhrem Vorteil sein, Miß Price nichts davon zu sagen,aber nach den Gedanken, die ich im Anschluß anmeinen Traum hatte, bin ich der beste von allen mög-52


lichen Seth Mitchells.«Viele Minuten vergingen, bevor seine Zuhörersich wieder beruhigt hatten und er auf die Substanzall der Worte eingehen konnte, mit denen sie ihnüberschüttet hatten. »Ich weiß nicht, warum ich derbeste von allen Mitchells bin. Aber ich mietete jemanden,um an meiner Stelle hierher zu kommen,weil ich Gefahr witterte. Und heute kam ich selbst,weil ich glaubte, dies sei die entscheidende Krise. Ichkann Ihnen nicht sagen, was ich tun werde, sollte siewirklich eintreten. Ich habe nicht einmal das Gefühl,daß meine Rolle entscheidend ist. Ich glaube einfach,daß etwas sich anbieten wird. Aber wir sollten unserekostbare Zeit nicht weiter meiner Person widmen.Wir haben wichtigere Dinge zu tun, bis Edith Pricevon ihrer Arbeit kommt. Fangen wir damit an.«Sie waren friedliche Bürger; und so verständigtensie nun die Polizei, die im Motel nachfragte, wo derMitchell mit dem goldfarbenen Cadillac genächtigthatte. Im Besitz seines Autokennzeichens, rief einerder Beamten sein Büro in New York an und erfuhr,daß der Wagen dort war, der Mann selbst aber seitvielen Tagen vermißt wurde. Darauf wurde gegeneinen untersetzten Mann, dessen einziger bekannterName Ashtar war, ein Haftbefehl erwirkt.Weil der Polizeiposten Harkdale nur schwach besetztwar, konnte Ashtar nach Einbruch der Dunkelheit indie Stadt und auf den Parkplatz der öffentlichen Bibliothekfahren, ohne beobachtet zu werden. Er hatte53


sein Eintreffen exakt berechnet und war ungefähreine Minute nach der offiziellen Schließungszeit zurStelle.Trübe Dunkelheit. Ein letztes Zwielicht, das ebenin Nacht versank. Ein paar Kunden manövriertennoch auf dem Parkplatz, als Edith das Gebäude verließ.Mit einigem Erstaunen sah sie, daß ein Einsatzwagender städtischen Feuerwehr mit laufendem Motorbeim Eingang stand. Aber sie hatte bereits Bedenkenhinsichtlich der bevorstehenden Fahrt zum Hotel, dasihr auf einmal sehr weit entfernt zu sein schien. Undso war der Anblick des großen Feuerwehrwagensberuhigend.Um zu ihrem eigenen Wagen zu gelangen, mußte siedas große Fahrzeug umgehen. Als sie es tun wollte,fuhr das Ungetüm mit einem gigantischen Donner seinesMotors an. Edith blieb stehen, zögerte eine halbeSekunde und sprang zurück – eben noch rechtzeitig.Irgendwo jenseits des Einsatzwagens erhellte einrötlicher Blitz den dunstigen Abend.10.Obwohl Edith es nicht sehen konnte, hatte der Blitzseinen Ursprung in einem der manövrierenden Wagen.Wie ein Leuchtspurgeschoß schoß das Licht vondem Wagen zum Feuerwehrfahrzeug. Beim Aufschlagentstand ein Geräusch, wie es bis dahin nochnie gehört worden war: ein tiefes, durchdringendes54


Dröhnen, als die molekulare Struktur des Metallsaufgelöst wurde.Die Kugel durchschlug den dicken Stahlrahmendes Löschwagens und regenerierte sich beim Durchgangaus den aufgelösten Stahlmolekülen. Ihr Flugverlangsamte sich nicht, als sie das große Fahrzeugpassierte. Tatsächlich gab es keine Panzerung deszwanzigsten Jahrhunderts, die sie hätte aufhaltenoder auch nur verlangsamen können – weder diePanzerplatten eines Schlachtschiffes noch die meterdickenStahlbetonwände eines Bunkers.Es war eine Gewehrkugel, und so unterlag sie denGesetzen der Ballistik, durch Luft wie durch Metall.Auf ihrer geradlinigen Bahn hätte sie auch Edith Pricedurchschlagen, wäre ihre Geschwindigkeit nichtdie einer Kugel gewesen, enorm, aber endlich.So fuhr sie durch den Feuerwehrwagen, der nochin Bewegung war, wurde eine meßbare Zeit vonmehreren Sekundenbruchteilen mit ihm fortbewegtund verfehlte Edith um fünfzehn Zentimeter. Danndurchschlug sie die Außenmauer des Gebäudes, dieinneren Wände, kam durch die Rückwand wieder insFreie und sauste weiter in die Nacht. Da ihre kinetischeEnergie eine bestimmte Qualität war, fiel ihreFlugbahn nach weiteren fünfhundert Metern raschab, und sie bohrte sich in den Boden, wo sie schließlichsteckenblieb.Unterdessen feuerten zwei Polizeibeamte in Zivilmit Maschinenpistolen auf die Gestalt im Innern desWagens, aus dem das leuchtende Geschoß abgefeuert55


worden war.Das peitschende Knattern und die hämmerndenEinschläge, die seinen eigenen Wagen trafen, erschrecktenAshtar. Aber er hatte einen Molekularverstärkeran Bord, dessen Feld das Glas und das Metallseines Wagens härtete; und so drangen die Geschossenicht durch.Doch hatte er nur wenige Geschosse, und in derDunkelheit konnte er das Ausmaß der Falle, die manihm gestellt hatte, nicht erkennen. So riß er das Steuerherum, gab Gas und jagte davon.Ein Streifenwagen nahm die Verfolgung auf, under konnte im Rückspiegel sehen, daß das grelleBlinklicht allmählich aufholte. Obwohl weder derStreifenwagen noch seine bewaffneten Insassen eineGefahr für ihn darstellten, fürchtete er eine Straßensperre.Er kreuzte durch verschiedene Seitenstraßenund lockte den Streifenwagen in nur wenigen Minutenauf eine Straße in Ufernähe, die an der Rückseitedes »Harkdale Inn« vorbeiführte. Es war eine Annäherungsroute,die er vor Tagen als Fußgänger gründlicherforscht hatte.Befriedigt kurbelte er das Fenster herunter, verlangsamteseine Fahrt, beugte sich hinaus und zieltekurz auf den Kühlergrill des Streifenwagens. EinenAugenblick später fuhr sein rot leuchtendes Geschoßin den Motor des verfolgenden Wagens. Es gab einKrachen und ein metallisches Kreischen, als der Motorsich beinahe selbst zerriß.Ashtar gab Gas und fuhr weiter zum Hotel. Aus56


einem Grund, der ihm nicht klar war, kamen ihm dieersten quälenden Zweifel am Gelingen seines Vorhabens,als er sich seinem Ziel näherte. Es war allzuoffensichtlich, daß man es auf ihn abgesehen hatte,und Schwierigkeiten mit der Polizei waren in seinemsorgfältigen Kalkül unberücksichtigt geblieben.Doch schien nach wie vor richtig zu sein, daß er sichnur ins Hotel einzuschleichen und ein einziges Geschoßdurch ein bestimmtes menschliches Herz zujagen brauchte.Minuten später hatte er sich durch ein rückwärtigesFenster des Hotels gezwängt und fand sich ineinem dunklen Lagerraum. Als er sich zu einer Türtastete, hatte er die flüchtige Vorstellung, wie seineKollegen von der ehrwürdigen Gilde der Wissenschaftlerihn bei solch niedrigem Handeln beobachteten.Aber, so sagte er sich verächtlich, was sie dachten,würde aufhören, eine Rolle zu spielen, nachdemer den Kristall unter seiner Kontrolle hätte. Nach seinerRückkehr in seine eigene Zeit würde es dramatischeVeränderungen geben; ein paar hundert Mitgliederder Gilde, die er auf seiner schwarzen Listehatte, waren fällig für die Ausrottung.Vorsichtig öffnete er die Tür. Als er durch denKorridor jenseits dieser Tür zu tappen begann, hörteer das leise Geräusch hinter ihm. Er fuhr herum undriß seine Waffe hoch.Ein sofortiger, unerträglicher Schmerz in seinemArm zwang ihn, die Waffe sinken zu lassen. Imnächsten Moment entfiel sie seiner gefühllosen57


Hand. Noch während er mit der Erkenntnis rang, daßer es mit der Technologie des fünfunddreißigstenJahrhunderts zu tun hatte, sah er eine stämmige, untersetzteGestalt in der Türöffnung des Lagerraumsstehen, aus der er selbst eben gekommen war.Der unerbittliche Zwang des Schmerzes führteseine Hand zu seiner inneren Brusttasche. Er konntenicht anders, er mußte den Kristall herausnehmenund dem anderen hinhalten.Der zweite Ashtar sagte nichts. Er schloß die Türhinter sich, nahm den Kristall, bückte sich und hobdie Waffe vom Boden auf. Dann schob er sich anseinem Gefangenen vorbei, öffnete eine zweite Tür,stieß Ashtar in einen kahlen kleinen Raum, der demersten ähnlich war, aber völlig leer schien. Er schloßauch diese Tür. Seine Schritte entfernten sich.Sofort hörte der unerträgliche Schmerz in den zusammengepreßtenMuskeln des schlechtesten Ashtarauf. Sofort warf er sich auf die Tür und versuchte sieaufzureißen. Die Tür war verschlossen und fühltesich entnervend solide an. Ashtar wirbelte herum undwar mit drei Sätzen am Fenster.Als er auch dieses nicht öffnen noch einschlagenkonnte, begriff er verzweifelt, daß er von molekularenKräften aus seiner eigenen Ära gefangen war. Erkonnte nichts tun als sich auf den Betonboden, setzenund warten, während die Minuten vergingen.Der beste von allen möglichen Ashtars ging durchdie Hotelhalle in den Konferenzraum. Die fünf Seth58


Mitchells standen in einer Gruppe vor der Tür, außerhalbvon Edith Prices Gesichtsfeld; sie war imKonferenzraum. Ashtar machte das verabredete Zeichenund gab die Waffe des schlechtesten Ashtar einemder Mitchells. Sie waren gründlich. Sie durchsuchtenihn, und dann schickten sie ihn weiter zuMarge Aikens, die in der Tür stand.Er gab ihr ein weiteres, vereinbartes Zeichen.Nachdem er so seine Identität als der freundlicheAshtar, den Edith als einen ersten Schritt erschaffenhatte, zweifelsfrei bewiesen hatte, wurde er eingelassen.Er legte den Kristall vor Edith auf den Konferenztisch.Als ihre Finger automatisch danach greifenwollten, hielt er sie am Handgelenk zurück.»Ich habe ein Gefühl«, sagte er, »daß es der Augenblickder Krise sein wird, wenn Sie, die wirklicheOrientierungsperson, diesmal den Kristall aufheben.«Seine Stimme und seine Worte schienen weit entfernt.Sie hatte – so schien es ihr – diese Gedankenund Gefühle erwogen, als sie mit der Entscheidunggerungen hatte, ihn zu erschaffen – den besten allermöglichen Ashtars. Das war auch ein Augenblick derKrise gewesen.Nichtsdestoweniger zögerte sie aus Respekt vorseinem Wissen. Sie wandte ihren Kopf zur Tür undsagte zu Marge: »Soll ich ihm sagen, was wir diskutierten,während er unten im Lagerraum war?«Marge Aiken nickte.Ashtar hörte sie an. Seine Miene schien Zweifel59


auszudrücken, und als sie geendet hatte, sagte er:»Die Wiedererschaffung eines seiner Herstellerdurch den Kristall könnte genau das sein, was dieseHersteller von Ihnen erwarten.«»Das ist, was wir uns auch sagten«, antworteteEdith. Sie fühlte keine Angst, was sie selbst erstaunte.»Aber wir überlegten, daß die Hersteller des Kristallsden Unterschied verstehen, da der Kristall programmiertist, die beste Verkörperung eines jedenIndividuums zu finden, und der beste Ashtar sich alseine vernünftige Person und nicht als ein Kriminellererwiesen hat. Wir dürfen daher annehmen, daß dieGesellschaft jener fernen Zukunft normal ist und unskeinen Schaden zufügen wird. Nicht zuletzt deshalbentschlossen wir uns, Sie hier bei uns wiederzuerschaffen– als eine Art Probe.«»Eine gute Überlegung«, sagte Ashtar. »Doch ichfühle, daß etwas damit nicht stimmt.«»Aber Sie haben keinen bestimmten Einwand?«fragte sie.»Nein.« Er zögerte, dann sagte er mit einemSchulterzucken: »Ich schlage vor, Sie heben den Kristalleinfach auf. Dann werden wir sehen, ob meinGefühl, daß dies schon hinreichend ist, irgendeineSubstanz hat. Wenn ich in diesem Punkt irrte, dannkönnen wir meine Zweifel beiseiteschieben.«»Soll ich dabei das Muster im Kristall ansehen?«Die Mitchells hatten entdeckt, daß dies der Schlüsselzu ihrer Kontrolle über den Kristall war. Durcheingehende Befragung und eine scharfsinnige Analy-60


se der Gedanken, die sie gehabt hatte, als der Kristallseine Wunder für sie getan hatte, waren sie darauf gekommen,daß es immer dann geschah, wenn sie dasinnere Bild betrachtete oder im Geist nachzeichnete.»Nein«, antwortete Ashtar. »Ich fühle, daß Sie bereitsind.«Diese Andeutung einer Wahrnehmungsfähigkeit,die über vielleicht Tausende von Jahren hinausreichte,erschreckte Edith, aber das Gefühl war nur momentan.»Wir glauben alle«, sagte sie, »daß wir keine Alternativehaben.«Ohne weitere Verzögerung streckte sie ihre Handaus und nahm den Kristall vom Tisch.Im nächsten Augenblick rang sie mit einem Ohnmachtsanfall.Der Mann, der aus der Ecke des Raumeskam, wo er aus dem Nichts Gestalt angenommenhatte, war ein Riese. Zwei, zweieinhalb, nein,drei Meter hoch – ihr ungläubiger Verstand sah sichzu immer neuen Schätzungen gezwungen, als sie sichbemühte, ihr Bewußtsein auf die enorme Realitäteinzustellen.Die Größe, die blaue Kleidung mit dem Brustharnisch– wie ein römischer Zenturio in Sommeruniform– der bronzene Körper, das große Gesicht mitden kohlrabenschwarzen Augen, fest und ohne einLächeln; und in seiner Haltung ein von Zweifelnoder Furcht ungetrübtes Machtbewußtsein.Er sagte in seiner dröhnenden Baßstimme: »Ichbin Shalil, der Beste von allen möglichen.«61


11.Lange wartete Edith wie gelähmt, daß er seinen Satzvollende. Sie vermutete, daß er sich als den Bestenvon allen möglichen Shalils bezeichnen würde. Aberschließlich begriff sie, daß der Satz vollendet war.Die Hersteller des Kristalls hatten das bestqualifizierteIndividuum ihrer gesamten Rasse geschickt, umdiese Situation zu regeln.Marge Aiken sank mit einem Schreckenslaut gegenden Türrahmen, als sie des Ungeheuers ansichtigwurde. Zwei von den Mitchells kamen ihr zu Hilfe,und als sie den halb ohnmächtigen Körper der blondenFrau stützten, sahen auch sie die Erscheinungund erstarrten. Das lockte die drei restlichen Mitchellsan die Tür zum Konferenzraum. Dann drängtensie alle wie auf Verabredung hinein und schobenMarge Aiken mit sich. Der letzte Mitchell schloß dieTür.Und so war die Situation, als der beste Ashtar mitscharfer Stimme sagte: »Miß Price – löschen Sie ihnaus! Er meint es nicht gut.«Der Riese zog eine Grimasse. »Sie können michnicht auslöschen«, sagte sein Baß in perfektem Englisch.»Natürlich beherrsche jetzt ich, und nur ich,den Kristall. Der Begriff ›es mit jemand gut meinen‹ist relativ. Ich meine es gut mit meiner Gruppe inmeiner Zeit.«Der dunkle Glanz seiner schwarzen Augen wan-62


derte über die fünf Mitchells und die zwei Frauenund richtete sich dann auf Ashtar. »Welche von Ihnensind die biologisch ursprünglichen menschlichenWesen?« fragte er.Er hatte eine Schnelligkeit und Zielsicherheit desDenkens, die schon für sich allein beunruhigend war.Edith hielt den Kristall umklammert und blickte unsicherzu den Mitchells. Aber sie starrten alle denRiesen an und schienen ihren fragenden Blick nichtzu bemerken. Einer von ihnen sagte: »Ashtar, in welcherWeise meint er es nicht gut?«Ashtar schüttelte seinen Kopf. »Ich fühle die Einzelheitennicht«, sagte er unglücklich. »Es ist ein Gefühl.Sie haben den Kristall für ihre Zwecke hierherzurückgeschickt. Seine Frage nach ursprünglichenmenschlichen Wesen weist in eine sehr bedeutsameRichtung. Aber beantworten Sie sie nicht – nicht dieseund nicht eine andere Frage.«Der Riese versuchte nicht zu argumentieren; erschritt zur Tür. Die kleine Gruppe der Mitchells wichvor ihm zurück, und er öffnete die Tür und spähte insFoyer. Nach zehn oder fünfzehn Sekunden stieß erdie Tür zu und drehte sich um.»Ich folgere«, sagte er, »daß die Menschen dieserÄra die unveränderten Originale sind. Solche brauchenwir für unsere Experimente.«Ashtar sagte: »Einer von Ihnen hat die Waffe desschlechtesten Ashtar. Erschießen Sie ihn!«Die Worte waren kaum ausgesprochen, als dieWaffe in Sicht schwebte, den Fingern der zwei Mit-63


chells auswich, die sie zu ergreifen suchten, und wievon einem Gummiband gezogen in Shalils riesigeHandfläche sauste. Er ließ sie in seinem faltenreichenblauen Gewand verschwinden.Der beste Ashtar blickte zu Edith. »Nun«, sagte erniedergeschlagen, »ich habe getan, was ich konnte.«Er zuckte mit der Schulter und wandte sich dem Ungeheuerzu. »Was wird aus mir?«Die glänzendschwarzen Augen musterten ihn etwaseingehender. »Der Kristall übermittelt mir Daten«,sagte Shalil. »Sie und der andere Ashtar sindaus einer Ära, in der die Menschen bereits biologischverändert sind?«Ashtar warf Edith einen entschuldigenden Blickzu. »Er ist so genau im Bilde«, sagte er, »daß ichkeine zusätzliche Gefahr darin sehe, ihm eine Fragezu stellen.«Ohne ihre Antwort abzuwarten, sagte er zu demGiganten: »Die Entscheidung wurde im einunddreißigstenJahrhundert getroffen, knapp vierhundertJahre vor meiner Zeit, nachdem viele Versuche ergebenhatten, daß kurze, kompakte Körper ein größeresÜberlebenspotential haben als lange, dünne. Nun seheich, daß in Ihrer Ära ein viel größerer, schwerererund stärkerer Mensch die Norm ist. Welches ist derGrund dafür?«»Verschiedene Probleme«, antwortete Shalil. »Inmeiner Ära, die nach Ihrer Rechnung dem dreiundneunzigstenJahrhundert entsprechen dürfte, sind wirein raumfahrendes Volk, das auf vielen Welten zu64


Hause ist.« Er brach ab. »Da wir gegenwärtig keinInteresse an Ihnen haben, werde ich Sie und den anderenAshtar in Ihre eigene Zeit zurücksenden.«Wieder erschien eine Grimasse auf dem großflächigenGesicht, doch bevor Shalil fortfahren konnte,unterbrach Ashtar: »Warten Sie! Was haben Sie mitdiesen Leuten vor?« Er winkte zu Edith und denMitchells.»Sie sind jetzt Kristallmuster«, war die ungeduldigeAntwort. »Für unsere Experimente brauchen wirnur den besten Seth Mitchell und die beste Edith Price.Die anderen achtzehnhundertzehn Mitchells undsiebenhundertdreiundzwanzig Prices können gehen,wohin sie wollen. Der Kristall wurde eingestellt, diebesten Exemplare zu finden.«»Aber warum?«»Etwas ist schiefgegangen. Wir müssen noch einmalden Ursprung des Menschen studieren.«»Brauchen Sie diese spezifischen Personen, oderwerden Sie sich damit begnügen, sie in Ihrer Äravom Kristall duplizieren zu lassen?«»Es gibt sie nur einmal. Wenn sie in irgendeineranderen Zeit erschaffen werden, dann werden sie indieser Zeit ausgelöscht.«»Was werden Sie mit ihnen tun? Sie sezieren?«»Zuletzt vielleicht. Darüber werden die Experimentatorenbefinden. Genug jetzt. Das Programm istfestgelegt, und die Versuchsexemplare werden dringendbenötigt. Miß Price, geben Sie mir den Kristall.Wir halten nichts von unnötigen Grausamkeiten, und65


ich möchte die Ashtars nach Hause schicken.«»Geben Sie ihn nicht heraus, Miß Price«, drängteAshtar. »Seine Behauptung, daß er die totale Kontrolleüber den Kristall habe, mag unzutreffend seinund erst in dem Moment Wahrheit werden, wo er ihntatsächlich in seinem Besitz hat. Diese Riesenmenschenaus der fernen Zukunft müssen überredet werden,eine andere, weniger willkürliche Lösung ihresProblems zu akzeptieren.«Edith stand da und starrte den Riesen an, und dieungeheure Bedrohung, die unausgesprochen hinterseinen knappen Worten lauerte, begann ihr Bewußtseinauszufüllen. Was ihr bisher als ein überaus wünschenswertesZiel erschienen war – die Beste zu sein –,hatte sich plötzlich in das am meisten unerwünschteverwandelt.Aber sie bemerkte, daß sie sich noch immer nichtfürchtete. Ihr Verstand war klar. Sie glaubte, daßAshtar sich irrte und daß sie die Kontrolle über denKristall verloren habe. Es war naheliegend, daß dieHersteller des Kristalls irgendein System hatten, mitdessen Hilfe sie ihn in entscheidenden Situationenwieder an sich bringen konnten.Dieser Punkt war jedoch so wichtig, daß sie ihnnachprüfen mußte, bevor sie den Kristall auslieferte.Sie hob ihn vor ihre Augen und sagte mit festerStimme: »Wer immer diesen Riesen besiegen kann,soll jetzt hier sein!«Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, als diegleiche unsichtbare Kraft, die zuvor die Waffe be-66


wegt hatte, den Kristall aus ihren Fingern riß. Hilflossah sie zu, wie auch er in der Handfläche des Riesenlandete. Die schwarzen Augen blitzten sie triumphierendan, als er sagte: »Das war ein guter Versuch.Aber alle Ihre Verbündeten sind in diesem Raum. Esgibt keine anderen.«»In diesem Fall«, sagte die ruhige Stimme einesMannes, »denke ich, daß ungeachtet der Folgen meinAugenblick gekommen ist.«Worauf der Junggeselle Seth Mitchell sich von derGruppe seiner Doppelgänger löste und vor den Riesenhintrat.Shalil betrachtete ihn mit mäßigem Interesse. Eskam zu einer längeren Pause, die Edith eine Gelegenheitgab, den besten aller Seth Mitchells anzusehenund Stärkung in der bloßen Menschlichkeit zufinden, die er repräsentierte. Sie sah, daß er einendunkelgrauen Anzug trug, daß sein schmales Gesichtfest und seine grauen Augen ruhig und furchtlos waren.Irgendwie war sie stolz, daß in diesem kritischenMoment ein solcher Seth Mitchell existierte.Die Pause endete. Das Wesen aus der fernen Zukunftsagte:»Ich hoffe, es ist Ihnen klar, daß Sie die anderenSeth Mitchells zur Auslöschung verurteilen, indemSie mir Ihre Identität so aufzwingen. In dieser Ärahat der Kristall keine Alternative als sie auszulöschen.«Marge stieß einen schwachen Schrei aus. »Sie sindfort! Die anderen Mitchells sind verschwunden!67


Mein Gott!« Sie brach in Schluchzen aus.Edith sank ächzend auf den nächsten Stuhl.Der verbliebene Seth Mitchell warf den beidenFrauen einen kurzen, unwilligen Blick zu und sagte:»Da meine soeben verschwundenen DoppelgängerKristallmodelle bleiben, sind sie jetzt nicht mehr inGefahr als sie es sein würden, wenn diese Kreaturihre Drohung wahrmachte. Das gleiche gilt wahrscheinlichfür den Mitchell mit dem goldlackiertenCadillac und die Edith Price, die mutmaßlich in NewYork ermordet wurde.« Er wandte sein Gesicht wiederShalil zu und sagte: »Ich denke, Sie sollten diebeiden Ashtars in ihre Zeit zurück transportieren.«Die Augen des Riesen veränderten ihren Ausdruck,als dächte er nach. Dann sagte er: »Es ist geschehen.«Edith blickte zu der Stelle, wo Ashtar gewesenwar.Ashtar war verschwunden.Shalil betrachtete den besten von allen möglichenSeth Mitchells und sagte: »Sie sind der wirklicheNutznießer des Kristalls, nicht wahr?« Er sprach inseinem weichsten Baß, und ein aufmerksamer, beinahelauschender Ausdruck war in seinem Gesicht.»Sie sind ein reicher Mann geworden. Sie besitzendrei … vier Unternehmen.«»Ich hörte auf, als mein Privatvermögen zehn Millionenerreicht hatte«, sagte der beste Mitchell. Erwandte sich mit einem entschuldigenden Blick zuEdith um. »Sie sehen, ich bin der eigentliche, der ur-68


sprüngliche Seth Mitchell. Damals, als Junge, konnteich mir nicht vorstellen, was ich jemals mit sovielGeld anfangen würde. Aber ich hatte mir die Summezum Ziel gesetzt, und alles andere folgte daraus.«Ohne auf eine Reaktion von ihr zu warten, fixierteer abermals den gigantischen Gegner. »Alle anderenSeth Mitchells«, sagte er, »sind die Resultate vonJungenträumen. Er wußte, daß es Anwälte und Ärzteund Steuerexperten und Offiziere und Tramps undPolizisten gibt. Und auf der Ebene der Tagträumeeines solchen Jungen ist es nur logisch, daß es bis zuihrer Auslöschung auch einen Cowboy Seth Mitchellgab, einen Großwildjäger, einen Schiffskapitän, einenFlugzeugpiloten und wahrscheinlich sogar einpaar außerordentliche Verbrecher.«Er brach ab. »Aber ich habe den Eindruck, daß Siedas nicht verstehen, weil es in Ihrer Zeit keine Jungenmehr gibt. Ist das richtig?«»Wir sind Kristallduplikate«, sagte der Riese. »Alssolche werden wir vermutlich ewig leben – wenn esuns gelingt, den gegenwärtigen Ermüdungstendenzender Zellen vorzubeugen.« Nach kurzem Zögern fügteer hinzu: »Was ist ein Junge?«»Vielleicht ist das Ihr Problem«, sagte Seth Mitchell.»Sie haben alles über Kinder vergessen. Variationder Erbfaktoren. Ich bin die Schöpfung einesJungen, der nicht nur den Kristall besaß, sondern dernoch lange nach Billy Binghams Verschwinden mitdem Druck und der Kritik der Erwachsenen lebenmußte und folglich viele Fluchtphantasien hatte, mit69


denen er sich der Wirklichkeit zu entziehen suchte.Stellen Sie sich dieses Jungen Phantasien von totalerMacht vor; eines Jungen, der von unfreundlichenErwachsenen als verlogen und schlecht hingestelltwurde. Eines Tages wollte er es ihnen allen zeigen.Wie, das war dem Jungen Seth Mitchell nicht klar,aber wenn die Zeit käme, würde er es wissen, undnatürlich würde er nicht so böse sein wie sie zu ihm.Die Art und Weise, wie er seine totale Macht gebrauchte,würde etwas Edles haben.«Die ruhige, entschiedene Stimme fuhr fort: »Vielleichtkönnen Sie besser als ich beurteilen, was derKristall aus einer solchen Instruktion machen würde.«»Da Edelmut eine Rolle zu spielen scheint«, wardie rauhe Antwort, »denke ich, daß ich dieses JungenPhantasie ruhig bis zu ihrer äußersten Grenze erprobenkann.«Worauf er scharfe Befehlsworte in einer fremdenSprache bellte.Edith, die alledem in nervöser Spannung gelauschthatte, dachte in Verwunderung und Schrecken: Gottist wirklich tot! Diese Leute aus der fernen Zukunfthaben nie von ihm gehört.Ihr Gedanke endete. Denn die Baßstimme warplötzlich verstummt.Etwas traf Edith tief im Innern ihres Körpers. DerRaum um sie verdunkelte sich. Wie aus weiter Fernehörte sie Seth Mitchells Stimme entschuldigend sagen:»Ich weiß leider keine andere Lösung, Miß Price, als70


Sie mit ihm zu schicken. Es scheint, daß Sie in dem,was Sie eben dachten, die Lösung gefunden haben.Der Kristall wird das zeigen. Hoffentlich geht es fürSie gut aus.«Einen Moment danach fiel sie in Unendlichkeit.12.Edith lag ohnmächtig auf einer Konturenliege in einemWinkel des Kristall-Verwaltungszentrums. Inregelmäßigen Abständen kam ein Riese und überprüftedie Instrumente, die über sie wachten und dieunsichtbaren Kraftlinien steuerten, die sie hielten.Eine lange Nacht verging und wich dem Dämmerneines neuen Tages. Das Sonnenlicht, das durch diedurchscheinenden Wände einsickerte, sah endlich einhalbes Dutzend Riesen, unter ihnen Shalil, um diebewußtlose junge Frau aus dem zwanzigsten Jahrhundertversammelt.Sollten sie sie wecken – oder nicht?Der äußere Anschein sagte, daß sie hilflos sei. AlsShalil bemerkt hatte, daß der beste Seth Mitchelldem Kristall Befehle gab, hatte er Edith besinnungslosgemacht, und in diesem Zustand war sie im dreiundneunzigstenJahrhundert eingetroffen.Was Shalil und seine Kollegen beunruhigte, war,daß sie seit ihrer Wiedererschaffung eine undefinierbareMacht ausstrahlte. Eine totale Macht! Wiekonnte das sein?Shalil hatte ihnen eine genaue Schilderung seiner71


Erlebnisse und Beobachtungen im zwanzigsten Jahrhundertgegeben. Danach war kaum ein Zweifel ander emotionalen Primitivität, der Gewöhnlichkeit undder Ungefährlichkeit aller Bewohner der Vergangenheiterlaubt, mit denen Shalil zusammengekommenwar.Wieder ließen sie sich auf telepathischer Ebeneberichten, daß der beste Seth Mitchell angenommenhatte, der Kristall würde aus den Machtphantasieneines Jungen eine ungewöhnliche Energiekonfigurationentwickeln. Und weil der beste Seth Mitchellund jener Junge miteinander identisch waren, schienklar zu sein, daß der Kristall ursprünglich zu ihm orientiertgewesen war und seine Energien damals fürspäteren Gebrauch mobilisiert hatte. Daraus folgertendie Riesen unglücklich: »In diesen Kristallen istmehr Potential als wir bisher analysiert haben.«Und wie konnte das sein?Mit seinen letzten Worten an Edith Price hatte derbeste von allen möglichen Seth Mitchells angedeutet,daß er eine Gedankenübertragung von ihr empfangenhatte, vermutlich über den Kristall. Aber sobald Shalilden Kristall unter seine Kontrolle gebracht hatte,hätte ein solcher Informationsaustausch nicht mehrmöglich sein sollen.13.Ein Riese grunzte: »Ich denke, wir sollten sie töten.«Ein zweiter Herkules grollte einen Einwand.72


»Wenn der Tötungsversuch eine Reaktion der absolutenMacht auslöst, die von ihr ausgeht, dann könntedie Gewalt unkontrollierbare Formen annehmen. Eswäre viel besser, auf der Basis von Shalils Berichtdie niveauniedrige Funktionsweise ihres Verstandszu benützen, um ihr Wissen und ihre Selbsteinschätzungkennenzulernen.«Alle hielten das für eine gute Idee. »Und sollte etwasschiefgehen«, erklärte einer, »so können wir siejederzeit durch sofortige Auslöschung und Wiedererschaffungmittels des Kristalls von neuem ohnmächtigmachen.«Sie beendeten ihre mehr und mehr zuversichtlichenÜberlegungen mit dem Entschluß, daß Edith beiihrem Erwachen den Eindruck haben sollte, völligfrei zu sein …Sie lag im Gras. Es berührte ihre Finger und ihr Gesicht.Der frische Geruch davon war in ihrer Nase.Edith öffnete ihre Augen und hob den Kopf.Wildnis. Eine Lichtung in einem wuchernden Urwald.Ein kleines braunes Tier mit buschigemSchwanz flüchtete ins Unterholz, als sie aufsprang,verstört von der jäh hereinbrechenden Flut der Erinnerungen.Dann sah sie den Riesen, der sich fünf Meter zuihrer Linken aufrappelte. Er kam nur langsam undunbeholfen auf die Füße, als ob er benommen wäre.Es war ein diesiger Tag, und die Sonne stand hocham Himmel. Sie bemerkte, daß die Lichtung ein73


Wiesenhang war, aber auf der Talseite hing nebligerDunst über den Wäldern und versperrte die Aussicht.Ein weißlicher Fleck mit verschwimmenden Konturenschien ein Gebäude zu sein.Edith blickte kaum in die Richtung. Statt dessenwandte sie sich dem Riesen zu und fragte: »Wo sindwir?«Shalil beobachtete sie aufmerksam. Er fand esschwierig zu verstehen, daß sie nicht intuitiv wußte,wo sie war, doch ihre Gedanken zeigten ihm klar,daß sie besorgt und verwirrt auf die neue Situationreagierte. Die Analyse, die seine Kollegen und ergemacht hatten, war offenkundig zutreffend. Sie hattendurch telepathische Überwachung festgestellt,daß diese Frau in einem unwahrscheinlichen Maßvon Instinkten, unbewußten Anpassungshaltungenund vergessenen Erinnerungen motiviert wurde, jedevon ihnen psychisch so solide wie eine Stahlstange.Ihr ganzes Leben lang hatte sie Regeln befolgt, sichdem Gruppendenken untergeordnet. Elternhaus,Schule und College hatten die Normen geformt, undnie hatte sie diese Normen grundsätzlich in Fragegestellt.Shalil hatte in ihrem Gedächtnis ein Bewußtseinentdeckt, daß Millionen von Menschen irgendwiekeine Möglichkeit hatten, eine höhere Bildung zuerreichen. Das war erstaunlich für ihn, und die Gründedafür blieben unklar; Edith selbst schien wenigdarüber nachgedacht zu haben. Sie glaubte, daß allediese Leute von einer Fülle zufälliger Umstände dar-74


an gehindert wurden.In diesem Bereich ihrer persönlichen Entwicklunghatte Edith einen besseren, geraderen Weg genommenals der Durchschnitt. Doch im College, zum erstenmalvon ihrer Familie getrennt, war sie in denSog einer Gruppenbewegung von Nonkonformistengeraten. Was immer die Motive der anderen Gruppenmitgliedergewesen sein mochten, bei Edith wares allein das starke innere Bedürfnis nach Zugehörigkeitzur Gruppe gewesen. Diese oberflächlicheBindung ohne echte Gemeinsamkeit der Anschauungenhatte keine neuen Normen an die Stelle der altensetzen können, und so war Edith in eine persönlicheKrise geschlittert, die ihr ganzes späteres Verhaltenbestimmt hatte. Wie eine Ertrinkende hatte sie umdie Rückkehr zu einer inneren Norm gekämpft. Einneues Studienfach, Verbindungen mit verschiedenenMännern – die Konfusion war enorm, und es warschwierig zu bestimmen, welche von diesen Handlungenein wirkliches Ziel darstellte.Zu dieser Verwirrung trug bei, daß alles, was sietat, von einer sehr großen Zahl von kleinen, endloswiederholten Handlungen modifiziert wurde – Eßgewohnheiten,Körperpflege, Kleidungsproblemen,Kommunikation, Reaktionen, Gehen, Schlafen, Denken:lauter Stereotypen.Shalil konnte nicht einen einzigen Zugang finden,der frei von diesen Stereotypen gewesen wäre; tatsächlichschienen sie den größten Teil ihres wachenBewußtseins auszufüllen. Schließlich sagte er, um75


Zeit zu gewinnen: »Dies ist der Garten der Kristalleim dreiundneunzigsten Jahrhundert. Hier, in der amwenigsten berührten Wildnis, die es auf unseremPlaneten noch gibt, liegen die Kristalle in der Erdevergraben, wo sie von wissenschaftlichen Wächternbehütet werden.«Nachdem er das gesagt hatte, sah er, daß ihre Gedankeneine neue Richtung einschlugen. Ihre Hauptsorgewar jetzt, daß sie womöglich niemals in ihreeigene Ära zurückkehren würde. Da er wußte, daßsie sofort zurückkehren konnte, indem sie den richtigenGedanken dachte, erkannte er sofort seine Chance.Es kam darauf an, sie in Unruhe, Ungewißheitund Sorge zu halten. Seine Überlegungen, wie dasam sichersten zu bewerkstelligen sei, verursachteneine hastige telepathische Konsultation zwischenseinen Kollegen. Augenblicke später kam der Vorschlag:»Wir glauben, daß Ablenkung das beste Mittelist, Shalil. Laß ihr einen kleinen Sieg, der so aussieht,als sei er ein Geschenk von dir.«Die Idee schien nicht schlecht zu sein, und Shalilführte sie aus, als ob sie eine Anweisung wäre.14.Ein neuer Morgen in Harkdale. Marge Aiken verließihr Hotelzimmer und kam nach unten. Sie gingdurchs Foyer und spähte beinahe automatisch in denKonferenzraum. Die Beleuchtung war ausgeschaltet,die Vorhänge waren noch zugezogen; und die däm-76


merige Leere war sofort wie eine zusätzliche Last,die ihr Bewußtsein beschwerte.Niedergeschlagen wandte sie sich ab, um in denFrühstückssaal zu gehen, als ein Mann auf sie zutratund sie aus ihrer Geistesabwesenheit riß. Sie fuhrzusammen.Derek Slade, in seiner unaufdringlichen Eleganzwie ein Modell aus einem Journal für Herrenmode,verbeugte sich höflich und sagte mit dezent gedämpfterStimme: »Madame, wenn ich mich rechtentsinne, waren Sie gestern abend mit den fünf Mr.Mitchells im Konferenzraum. Wissen Sie vielleicht,wo die vier verheirateten Mr. Mitchells sind? Wiemein Kollege vom Nachtdienst notierte, sind dieEhefrauen in großer Unruhe und haben während derNacht wiederholt bei ihm angerufen. Und nun ist einPolizeibeamter unterwegs, weil drei der DamenVermißtenanzeige erstattet haben.«Marge wollte schon leugnen, daß sie die Frau war,die er mit den Mitchells gesehen hatte. Aber das hätteden Mann nur mißtrauisch gemacht. Außerdemhatte sie bemerkt, daß er den Junggesellen Mitchellnicht erwähnt hatte, und sie verneinte seine Frageund erkundigte sich nach diesem Mitchell.»Er ist nicht in seinem Zimmer«, sagte Derek Slade.»Wie ich hörte, ist er vor vielleicht zwei Stundenausgegangen.«Marge blieb in der Türöffnung stehen und überlegte,was aus dem besten Seth Mitchell geworden seinmochte und wie sie diesen Hotelangestellten und sein77


lästiges Problem loswerden könne, als sie sah, daßder Mann mit offenem Mund und runden Augen anihr vorbei in den dunklen Raum starrte.Hinter ihr waren Geräusche. Eine Männerstimmesagte: »He, wer hat das Licht ausgemacht?«Marge drehte sich um.Die vier am Vorabend ausgelöschten Seth Mitchellsstanden unweit der Tür. Sie kehrten ihr dieRücken zu.Marge begriff sofort, was die Worte bedeuteten.Diese Männer hatten keine Ahnung, daß seit ihremVerschwinden Zeit vergangen war; genau wie BillyBingham die fünfundzwanzig ausgefallenen Jahreseines Lebens nicht wahrgenommen hatte. Dies wardas gleiche.Mechanisch langte sie zum Lichtschalter nebender Tür. Als die Lampen aufstrahlten, kam ein fünfterSeth Mitchell aus einer Ecke des Raums, wo ereben erschienen war. Er machte einen sehr verwirrtenEindruck, und viele Minuten sollten vergehen,bis er als der Seth Mitchell mit dem goldfarbenenCadillac identifiziert wurde, denn er hatte weder eineKugel im Kopf noch einen Tropfen Wasser an seinemuntadeligen Anzug.Im Moment hatte Marge nur einen flüchtigenBlick auf ihn, denn ein sechster Mitchell stand plötzlichauf der anderen Seite des Konferenztisches. SeineHaltung, der wachsame Blick und das erleichterteWiedererkennen darin, als er Marge in der Türöffnungstehen sah …78


Sie vergaß ihre ganze angelernte Diskretion undstieß einen Schrei aus: »Seth – du bist es!«Wie sie zu ihm kam, und er zu ihr, war nicht ganzklar. Sie begegneten einander auf halbem Weg nebendem langen Konferenztisch, und sie lösten sich erstaus ihrer Umarmung, als Marge bemerkte, daß EdithPrice kaum einen Meter neben ihnen stand und sehrschüchtern und ängstlich umherblickte.Dann erschien nahebei ein weiterer Mitchell. Ertrug einfache und derbe Arbeitskleidung, und Margeschloß daraus, daß er der Farmer sein müsse.Marge warf ihm nur einen flüchtigen Blick zu.Nachdem sie sich der Umarmung ihres Detektivsentwunden hatte, sah sie, daß Edith ein anderes Kleidtrug und anders frisiert war als die Edith, die siekannte. Trotz dieser schnellen und genauen Beobachtungendauerte es eine Weile, bis Marge begriff, daßdies die Edith Price war, die in New York vomschlechtesten Ashtar umgebracht worden war.Von den Ashtars war nichts zu sehen.Und obwohl die Zeit verstrich – und schließlichauch der Junggeselle Mitchell zum Hoteleingang hereinkam–, warteten sie vergeblich auf das Wiedererscheinenvon Edith Price, der Orientierungspersondes Kristalls.Der beste Seth Mitchell erläuterte, daß er spazierengegangenund beim Überdenken aller Geschehnissezu dem Schluß gelangt sei, daß die Dinge eineRegelung finden würden.»Und nun, wie ich zurückkomme, sind Sie alle da«,79


schloß er hoffnungsvoll. »Jeder von Ihnen ist ein lebendigerBeweis dafür, daß Edith eine Lösung gefundenhat.« Er blickte von einem zum anderen undsagte: »Sie möchten gern wissen, was für eine Lösunges ist, und was sie kann. Ich wagte es letztesMal nicht auszusprechen, aber – nun, wenn Gott totist, was kann ihn ersetzen?«»Dann sind Sie Gott«, platzte Marge heraus. Sieschlug eine Hand vor ihren Mund und rief: »Oh, Siemeinen – Edith?«Der beste Seth Mitchell sagte bedächtig: »Ich fragemich, was der Kristall und Edith mit diesem Konzeptanfangen werden.«Shalil war in Schwierigkeiten. Statt Einblick in dieDenkprozesse zu gewinnen, mit denen diese Edithnach wie vor den Kristall kontrollierte, sah er sichihrem schier unerschöpflichen idealistischen Geschwätzausgesetzt, mit dem sie ihm den Nutzenfreundschaftlicher Beziehungen zwischen seinesgleichenund den Menschen der Vergangenheit einzuredenversuchte. Alle Mitchells und Prices sollten wiedererschaffenwerden. Für die Probleme der Bewohnerdes dreiundneunzigsten Jahrhunderts sollte aufder Basis freiwilliger Zusammenarbeit eine Lösunggefunden werden. Zugleich aber sollte es verbotensein, Menschen aus ihrer Zeit für Experimente zuverwenden.Dann stellte Edith sich in einem Ausbruch vonPhantasie einen Zeitkorridor zwischen dem dreiund-80


neunzigsten und dem zwanzigsten Jahrhundert vor,durch den die vom Kristall wiedererschaffenen Mitgliederder Mitchell-Price-Gruppe sicher passierenkönnten.Als sie – ohne es selbst zu wissen – diese enormeVerbindung unter ihrer Kontrolle hergestellt hatte,blieb Shalil in seiner Verzweiflung nichts übrig, alssie auszulöschen. Er erschuf sie wieder auf der Konturenliegeund in erneuter Bewußtlosigkeit, und wiederversammelten sich die Wissenschaftler um ihrenKörper und erörterten das Ausmaß ihrer Niederlage.Das Problem war, daß sie keinen Fortschritt gemachthatten. Edith strahlte noch immer totale Machtaus; sie beherrschte den Kristall.Shalil hatte eine überwältigende Einsicht. »Vielleichtist dies eine einzigartige Gelegenheit, unsereeigenen Grenzen zu untersuchen. Vielleicht bestehtdas wirkliche Problem darin, daß wir in unseremwissenschaftlichen Eifer das Rätsel abgelehnt haben.«Totenstille folgte auf seine Worte. Er sah, daß sieerschüttert waren. Das Rätsel war der verbotene –weil unwissenschaftliche Bereich des Denkens: dasRätsel, das das Universum ist. Warum existiert es?Von wo ist es gekommen?Seit Anbeginn der Wissenschaft hatten die Wissenschaftlersich darauf konzentriert, wie die Dingewaren und was sie bewirkten.Niemals warum. Die Frage des ›Warum?‹ hattensie den Philosophen überlassen, und diese hatten sie81


unter ihren esoterischen Gedankengebäuden begraben.Das schockierte Schweigen endete, als ein Rieserauh auflachte. »Ich weiß nichts über das Rätsel«,sagte er, »aber als Wissenschaftler weiß ich, wasmeine Pflicht ist – unsere Pflicht. Wir müssen dieseskleine weibliche Wesen zum Bewußtsein erwecken,sie über das Ausmaß ihrer Macht informieren undsehen, was sie damit anfängt.«»Aber sie könnte uns alle töten«, protestierte einanderer. »Ich bin noch nie getötet worden.«»Es würde eine interessante Erfahrung für dichsein«, sagte der erste. »Völlig verschieden von Auslöschung.«»Edith ist nicht ein Typ, der tötet«, sagte Shalil.»Ich glaube, dies ist ein ausgezeichneter Plan. Erwird uns wichtigen Aufschluß geben.«Sie verstanden, was er meinte, und sanktioniertendie Erweckung.Nachdem Edith sich von ihrem Schock beruhigthatte, zu dem das Erwachen in abermals veränderterUmgebung geführt hatte, und nachdem man sie überihre absolute Fähigkeit aufgeklärt hatte, reagierte siefast zwanghaft auf die Möglichkeit. Eine wilde Hoffnungerfüllte ihr Bewußtsein. Die Irrtümer und Fehlurteilezu berichtigen, die ihr Leben auf die enttäuschendeund leere Straße zahlreicher Männerbekanntschaftengeführt hatte, von denen keiner dieVerantwortung für sie und ihre Fähigkeit, Kinder zurWelt zu bringen, übernehmen wollte – das war ihr82


sehnlichster Wunsch. All die Jahre der Frustrationseit ihrer Collegezeit verwandelten sich in ihren Augenzu Tränen, und dann, als sie sprechen konnte, zuden Worten: »Abgesehen von dem, was ich Shalilgerade gesagt habe, möchte ich eigentlich nichts alsglücklich verheiratet sein.«Die Riesen sahen in ihren Gedanken, daß die Person,die sie als Ehemann anvisierte, der JunggeselleSeth Mitchell war. Und so befahlen sie dem Kristall,daß der Wunsch sofort in seiner genauen und begrenztenBedeutung verwirklicht werde. Und dannstanden sie erleichtert da und schüttelten in Verwunderungüber das schwierige Konzept der Ehe ihreKöpfe.In einer Ära, wo jeder durch einen Prozeß vonKristall-Duplikation für immer lebte, wären sie vonallein niemals auf die richtige Frage gekommen, diezu einer solchen Antwort geführt haben würde.»Vielleicht ist es möglich«, sagte Shalil vorsichtig,»daß die Wechselwirkung zwischen dem unmanipuliertenMenschen des zwanzigsten Jahrhunderts unduns biologisch vervollkommneten Exemplaren inbeiden Gruppen zu einer Auflockerung erstarrterDenkweisen führen könnte.«Er rechnete mit heftigem Widerspruch, aber zuseinem Erstaunen fühlte keiner seiner Kollegen sichherausgefordert. Einer murmelte sogar nachdenklich:»Sollte das je geschehen, so könnten wir vielleichteines Tages herausbringen, was der Kristall ist.«Aber das war natürlich unmöglich.83


Der Kristall war ein räumliches Phänomen. DieEnergieströme in ihm und um ihn und aus ihm beeinflußtenEreignisse, Gegenstände, Personen. Aber daswar eine untergeordnete Funktion – wie das motorischeZentrum in einem menschlichen Gehirn, daseinen Muskel in der Spitze des kleinen Fingers bewegt.Der Muskel sollte beweglich sein. Unglücklicherweiseist er es nicht. Für das motorische Zentrumspielt das keine Rolle. Und wäre der ganze Arm abgetrennt,es würde nichts davon bemerken und seineSignale für Finger und Hand weitersenden als seinichts geschehen.Auf der fließenden Ebene der Existenz machtendie Wechselwirkungen in und aus dem Kristall undum ihn herum ein Vielfaches der Anzahl von Atomenim Universum aus – genug für alle Lebensgestaltungenvon allen Menschen, die je lebten und jemalsleben würden.Aber für den Kristall war das nebensächlich. Alsein Modell von Zeit- und Lebensströmen hatte erdiese Ströme während fünfundzwanzig Jahren imMuseumsraum von Harkdale eingestellt. Das spieltekeine Rolle. Das war beinahe nichts. Als eine Raumgestaltwar seine Existenz ununterbrochen. Obwohler während dieses Vierteljahrhunderts inaktiv gewesenwar, keine Aufzeichnungen gemacht hatte undkeine Erinnerung besaß, war er, wußte er und konnteer.Nachdem sie ihn und Tausende von anderen,84


gleichartigen Kristallen gefunden hatten, waren diemenschlichen Wesen des achten und neunten Jahrtausendsdarangegangen, die Wechselwirkungen undStröme für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Sie entdecktendie wesentlichsten »Gesetze«, die der Wirkungsweiseder Kristalle zugrundelagen, und bemühtensich redlich, jene Regeln herauszufinden, die bestimmteUnbekannte im Verhalten der Wellen in undum und aus den Kristallen »erklären« würden.Eines Tages würden alle Wechselwirkungen allenLebens und aller Zeiten gleichmäßig unter den Kristallenverteilt sein. Dann würden sie ihre wahre Gestaltannehmen: eine Kristallform, ein Raum. Erwürde endlich vollständig sein, seine Aufgabe erfüllt.Er hatte es nicht eilig.Und so wartete er. Und wartend, erfüllte er andereFunktionen, die nicht seine eigenen waren, unwichtige,geringfügige Funktionen, gewissermaßen Nebenprodukteseiner Ströme und Wechselwirkungen, indenen sich die Illusionen von Bewegung spiegelten:Ereignisse, Dinge, Personen; Erscheinungen, die eigentlichnichts beinhalteten …Infolgedessen gibt es heute in der Nähe Harkdalesein einstöckiges Gebäude von ungewöhnlicher Form.Es befindet sich an der Stelle über dem Lake Naragang,wo Billy Bingham einst verschwand. Es ist einsolides Bauwerk, dem eine gewisse ästhetischeSchönheit nicht abzusprechen ist. Auf einer Messingtafelneben dem Eingang stehen die Worte:85


KRISTALL AGder Seth Mitchells und Edith PricesKein ZutrittFeriengäste, die auf ihren Spaziergängen das Schildlesen, wundern sich oft über den Plural in den Namen.Und die Einheimischen zucken auf Befragendie Achseln und sagen, daß die Firma wahrscheinlichmit den zahlreichen Kristallen und Halbedelsteinenhandle, die in der Gegend zu finden sind.Am Stadtrand von Harkdale, kaum weiter als zehnGehminuten von dem Gebäude entfernt, steht eingroßes, hübsches Haus inmitten eines weitläufigenGartens. In diesem Haus wohnen Seth und EdithMitchell.Zur Verwunderung ihrer Nachbarn begannen Mr.und Mrs. Mitchell (geborene Edith Price) ihr Ehelebenmit der Adoption eines dreizehnjährigen Jungen,den sie Billy Bingham Mitchell nannten.86


Die Zeit der AndroidenAuf den Notruf des Androiden kam die Polizei, undein Krankenwagen brachte die bewußtlose Anita Copelandfort, die eine Überdosis Schlafmittel genommenhatte.Der Polizeibeamte A. Sutter schrieb in seinen Bericht,daß dieser Androide – der telefonisch die Polizeiverständigt hatte – in Haltung und Benehmen ungewöhnlichmenschlich zu sein schien. »Selbst dieleichte Vorwärtsneigung«, schrieb er, »die das charakteristischeHauptmerkmal der seriengefertigtenAndroiden ist, scheint bei diesem Modell berichtigtzu sein, was auf eine kostspielige Sonderanfertigungschließen läßt. Mir war bisher nicht bekannt, daß sovollkommene Androiden hergestellt werden.«Nachdem er und sein Kollege die ganze Geschichtegehört hatten, waren sie kurze Zeit ratlos.»Hmm, ja«, sagte Wachtmeister J. Black zweifelnd,während Sutter schrieb, was er konnte. »Esklingt nicht direkt illegal, aber es war bestimmt einschmutziger Trick von ihm, seiner Frau einen Androidenunterzuschieben, der sein genaues Ebenbildwar, ohne ihr was davon zu sagen.«Sutter blickte von seinem Block auf und fragte denAndroiden: »Hat sie irgendwelche Verwandten?«»Einen Bruder«, war die Antwort. »Aber er wirdkeine große Hilfe sein. Er hält seine Schwester fürübergeschnappt.«87


»Aber Sie haben seine Anschrift?« drängte Sutter.»Ja. Er heißt Dan Thaler. Er ist Physiker im Regierungsdienst.«Sutter schrieb Namen, Anschrift und Telefonnummerauf, und Black machte gleich einen Anruf,der glücklicherweise die gewünschte Verbindungbrachte.Als Dan Thaler kurz darauf zum Haus seinerSchwester kam, fand er zwei Polizisten und seinenSchwager Peter Copeland, die ihn erwarteten.Wenigstens schien es sein Schwager zu sein, bisDan sagte: »Hallo, Peter.«Peter verbeugte sich und lächelte ein schwaches,zynisches Lächeln, sagte aber nichts.Einer der Beamten trat mit strenger Miene auf Peterzu und sagte: »Ist Ihnen klar, daß Sie eben denEindruck vermittelt haben, Sie seien wirklich PeterCopeland?«»Ich bin Peter II.«, war die gelassene Antwort.»Ich bin programmiert, so zu handeln, als ob ich PeterI. wäre. Ich kann dieses Programm nicht aus mirlöschen.«Völlige Überraschung!Sein erster wirklicher Anhaltspunkt. Dan Thalerstand ganz still, bemüht, sich nicht anmerken zu lassen,welch ein phantastischer Glücksfall dies für ihnwar.Seit mehr als einem Jahr war er mit einem Geheimauftragbeschäftigt; er sollte ermitteln, was unterden Androiden vor sich ging.88


Irgend etwas ging vor – die Regierung wußte es.Aber was?Weder er noch seine Vorgesetzten hatten eine Ahnunggehabt, daß so vollkommene Androiden existierten.Sofort nachdem er die erstaunliche Realität begriffenhatte, prägte Dan Thaler einen Ausdruck dafür:Superandroide.Natürlich ging er davon aus, daß dieser Peter II.tatsächlich ein Androide war, unter dessen menschengleichemÄußeren eine mechanisch-elektronischeStruktur war.»Was hat dies alles zu bedeuten?« fragte er, als erdiesen Punkt seiner Reaktion erreicht hatte.Man berichtete ihm, was mit seiner Schwester geschehenwar, und Dan Thalers etwas blasses Gesichtwurde fleckig von zorniger Röte. Seine hagere Gestaltstraffte sich, und seine Stimme ging hinauf.»Weiß jemand, wo mein Schwager ist? Ich werdeihm den Schädel einschlagen.«Der Androide trat höflich auf ihn zu. »Sie beziehensich auf Anitas Ehemann, Peter – wo er ist?« Erzog eine Brieftasche und nahm eine Karte heraus.»Ich habe Anweisung von Peter, diese Anschriftnicht weiterzugeben, aber die Polizei kann eine solcheAnweisung natürlich außer Kraft setzen.«Er gab die Karte Wachtmeister Sutter. Dan Thalerversuchte sie mit schnellem Zugriff an sich zu bringen,aber der Polizist hielt sie von ihm weg.»Nicht in Ihrer gegenwärtigen Verfassung, Mr.89


Thaler«, sagte er kritisch.In Wirklichkeit hatte Dan die Rolle des empörtenBruders geistesgegenwärtig improvisiert, um die Polizistennicht unnötig zu unangebrachten Spekulationenzu verleiten. Er notierte die Namen und Identifikationsnummernder Beamten mit der Absicht, seinenEinfluß zu gebrauchen, um einen von ihnen fürdie nächsten Tage als Helfer zugeteilt zu bekommen.Mit diesen Daten in der Tasche wandte er sich demAndroiden zu und sagte: »Da ich ein verantwortlicherVerwandter bin und Sie ein wertvolles Eigentumdarstellen, denke ich, daß Sie gelagert werdensollten, bis diese Angelegenheit geregelt ist.«Peter II. verbeugte sich höflich. »Meine Kiste istim Keller«, sagte er. »Soll ich Sie hinunterbegleiten?«Dan nahm Wachtmeister A. Sutter vorsichtshalbermit. Ein paar Minuten später sahen die beiden Männerzu, wie der Androide mit einem Fernsteuerungsgerätfummelte, die Kontakte unterbrach und in diesargähnliche Kiste zurücksank.Wachtmeister Sutter half Dan, den Deckel herabzulassen,worauf er nach oben ging. Dan zog einkleines Instrument aus einem Sortiment, das er beisich trug, hielt es über die Kiste und beobachtete dieSkalen.Die kleinen Zeiger machten deutlich, daß der Superandroideüberhaupt nicht abgeschaltet war, sondernstill in seiner Kiste lag und wartete.Dan lächelte grimmig. Er ging hinauf, begleitete90


die Beamten ins Freie und sperrte die Haustür ab. Erging mit ihnen zu ihrem Wagen, und als sie fort waren,stieg er in seinen eigenen und fuhr davon – umnach einer Umkreisung des Blocks von der anderenSeite zurückzukommen und in hundert Meter Entfernungvom Hauseingang zu parken.Eine Stunde verging, dann wurde die Tür geöffnetund der Peter-Androide kam heraus. Dans Instrumenteidentifizierten die menschliche Gestalt als eineelektronische Einheit, und als er diese Gewißheit hatte,erschoß Dan den Androiden mit einer Energiewaffe.Sein Wagen glitt auf den gefallenen Körper zu undhielt. Dan sprang heraus, zog den Androiden in denFond und fuhr weiter.Am anderen Morgen, bei seinem sechsten odersiebten Versuch, eine verbindliche Auskunft überden Zustand seiner Schwester zu erhalten, gelang esihm endlich, den behandelnden Krankenhauspsychiaterzu sprechen. Nachdem er eine Weile auf die Verbindunggewartet hatte, meldete sich eine Männerstimmeund sagte: »Auf Mrs. Copelands Bitte habeich zugestimmt, einstweilen alle Besucher abzuweisen.«»Ich bin ihr Bruder. Wie geht es ihr?«»Sie ist nicht in Gefahr. Aber sie hat den ausdrücklichenWunsch geäußert, auch keine Verwandtenzu empfangen.«Er sagte: »Wann, meinen Sie …?«»Sie sagte, sie würde Sie anrufen.«91


Wachtmeister A. Sutter war beträchtlich erheitert, alsInspektor Ingrath ihm an diesem selben Nachmittagsagte: »Äh, Sutter, bleiben Sie doch an diesem Fall,bis die Angelegenheit mit den, äh, Drohungen desBruders geregelt ist. Äh, und besuchen Sie diese Ratte,das heißt, äh, Peter Copeland, und warnen Sie ihnvor, äh, möglicher Gefahr von seinem Schwager.«Sutter rief darauf die private Telefonnummer an,die auf der Karte stand, und wurde irgendwohindurchgestellt. Nach einer kleinen Weile sagte eineMännerstimme: »Ja, Wachtmeister, hier ist Peter Copeland.«Nachdem Sutter seine Geschichte erzählt hatte,sagte die Stimme: »Ich glaube, die beste Lösung wäre,wenn mein Schwager käme, um meine Seite derAngelegenheit kennenzulernen, und wenn Sie dabeizugegen wären. Ich schlage vor, Sie holen ihn ab undbesuchen mich hier im Werk, wann immer es Ihnenpaßt.«Die zwei Männer – Dan Thaler und WachtmeisterA. Sutter – fuhren noch am selben Tag zu CopelandsFabrik und wurden sofort ins Chefzimmer geführt.»Ich fand mich«, schrieb Sutter später, »in der Gegenwarteines ruhig wirkenden Mannes von ungefähreinem Meter fünfundsiebzig Körpergröße und sehrvertrautem Aussehen, weil er natürlich bis ins Detaildem Androiden glich, den ich am Tag zuvor im Hauseder Copelands gesehen hatte.«Wachtmeister Sutter zog einen Stuhl auf die Seite92


und machte sich bereit, seine Rolle als Moderatorund Vermittler zu spielen.Peter Copeland brach das gespannte Schweigender ersten Sekunden mit den besänftigend gemeintenWorten: »Ich bin sehr froh, daß du gekommen bist,Dan. Es ist mir klar, daß ich dir eine Erklärungschuldig bin.«Copeland fuhr fort: »Es ist nicht ganz einfach, miteinem Bruder über seine Schwester zu sprechen, weiles unwahrscheinlich ist, daß er jemals begreifenwird, wie unvernünftig eine Frau sein kann.«Dan Thaler sagte grimmig: »Wenn ein Mann undeine Frau nicht miteinander auskommen, dann solltensie sich scheiden lassen.«Peter Copeland lachte kurz auf. »Soll das ein Witzsein?« sagte er.Das Bild, das er nun von Anita entwarf, war das –wie Sutter aufzeichnete – »einer hysterischen Frau,die bei der kleinsten Andeutung, daß ihr Mann nichtbereit sein könnte, genau das zu tun, was sie wollte,mit Selbstmord oder öffentlichem Skandal zu drohenpflegte.«Einige der Erklärungen, die Sutter notierte, waren:»Sie bestand darauf, mich mit Körper und Seele zubesitzen. Sie wollte nicht nur die Substanz, sondernauch noch den Schatten. Sie rief mich zehn- oderzwölfmal täglich im Büro an. Ich hatte kaum Zeit,über irgend etwas nachzudenken, bevor sie schonwieder am Telefon war. Eines Tages, als sie zumdrittenmal eine wichtige Konferenz unterbrochen93


hatte, erkannte ich, daß ich etwas tun mußte. Zuerstdachte ich nur daran, einen Androiden anzuschaffen,der ihre Anrufe für mich beantworten würde. DerRest – den Androiden auch zu Hause meine Rollespielen zu lassen – kam später.«»Der Rest«, sagte Dan, »ist absolut unverzeihlich.«»Laß mich ausreden, bitte …«Anita konnte sich später nicht erinnern, wann genauder Wechsel stattgefunden hatte. Irgendwie wurdedas Leben – normal.Wenn sie wieder eine ihrer depressiven Stimmungenhatte, war sie nicht selten nervös und gereizt,sprach ärgerlich mit Peter, oder schrie ihn sogar an.Und dann merkte sie, daß er keinen Widerstand leisteteund nicht laut wurde, wie sie erwartet hatte.Statt dessen blieb er freundlich, redete ihr gut zu, warbereit, auf sie einzugehen. Und wenn sie irgendwelchePläne hatte, die er früher als kindisch oder zukostspielig abgelehnt hätte, so erhob er jetzt nur nochselten Einwände, und auch diese in einer Form, diees ihr unmöglich machte, mit einem Zornesausbruchzu reagieren.»Alles was dein kleines Herz begehrt«, pflegte eroft zu sagen.Eines Tages war sie daraufhin explodiert. »Du redestmit mir, als ob ich ein kleines Kind wäre!«schrie sie ihn an.»Also«, sagte Peter Copeland zu Dan Thaler, »alsder Androide mir diese Bemerkung meldete – wenn94


man ein Gekreisch so nennen kann –, sah ich darineine Herausforderung. Ich beschloß, die Programmierungdes Roboters zu vervollkommnen und vorallem unendlich flexibel zu machen, so daß er ihrenWünschen und Launen noch besser nachgeben undihr keinerlei Angriffsfläche bieten würde. Es wurdeein interessantes Experiment für mich, festzustellen,was eine neurotische Frau ihrem Mann alles zumutet– und inzwischen war mir weiß Gott klar geworden,daß Anita die schlimmste Neurotikerin ist, von derich je gehört habe.Das Problem der Neuprogrammierung war nichtsehr schwierig, da Peter II. bereits hinreichende Erfahrungmit ihr hatte, die voll gespeichert war, undselber Vorschläge zur Verbesserung der Flexibilitätmachen konnte. Ich erweiterte das Repertoire stehenderRedewendungen um Sätze wie: ›Dein Wunsch istmir Befehl‹; ›Du hast immer gute Ideen‹; ›Du verstehstes immer, dir etwas Interessantes auszudenken;›Das werden wir machen‹; ›Ich bin glücklich,daß wir uns darin einig sind‹. Was mich im weiterenVerlauf verblüffte, war, daß sie nicht ein einzigesMal nach meinen Wünschen fragte. Es schien ihrniemals aufzufallen, daß ich selbst keine Wünscheäußerte. Offenbar war es für sie völlig selbstverständlich,daß mir gefiel, was ihr gefiel.Wenn ich dir alles erzählen würde, was währenddieser Periode passierte, du würdest mir nicht glauben.Sie begann mich mit Erledigungen und Botengängenwährend des Tages zu beauftragen; der An-95


droide hatte den ganzen Tag zu tun, bloß um dieseInstruktionen auszuführen. Aber das war noch nichtalles, denn sie machte weiterhin ihre zehn bis zwölfAnrufe pro Tag, in der selbstverständlichen Erwartung,mich im Büro zu erreichen. Die Folge war, daßich wieder ihre Telefongespräche beantworten mußte.Ich bestellte ein weiteres Androiden-Duplikat.«Copeland stand auf, ging zu einer Tür hinter seinemSchreibtisch, öffnete sie und sagte: »Peter III.komm doch mal für einen Moment heraus.«Worauf sein genaues Duplikat hinter ihm in denRaum kam, sich mit einem leisen, spöttischen Lächelnverneigte und sagte: »Zu Ihren Diensten, meineHerren.«Peter I. setzte sich wieder und sagte: »Kannst duMr. Thaler und Mr. Sutter hier kurz erklären, welchesdeine Pflichten waren?«»Die meiste Zeit«, war die Antwort, »saß ich einfachim Nebenzimmer und nahm Mrs. CopelandsAnrufe entgegen.«»Kannst du diesen Herren sagen, wie lange du imDurchschnitt jeden Tag mit diesen Telefongesprächenbeschäftigt warst?«»Zwischen fünf und sechs Stunden täglich.«»Wie lange dauert unsere Arbeitszeit?«»Siebeneinhalb Stunden, einschließlich Mittagspause.«»Wo war Peter II. während dieser Zeit?«»Gewöhnlich machte er für Mrs. Copeland Besorgungen.«96


»Wo war ich?«»Hier an diesem Schreibtisch, außer bei solchenAnlässen, wo …«»Diese Anlässe interessieren hier nicht«, sagte PeterI. hastig.»Sehr wohl, Sir«, sagte Peter III. mit einem bedeutungsvollenLächeln.Dan Thaler sagte schneidend: »Ich glaube, das wareben ein sehr wichtiger Ausrutscher. Nun beginne ichallmählich klar zu sehen. Es gibt eine andere Frau.«Peter I. seufzte. »Gut, ich gebe es zu. Aber daspassierte erst viel später. Das schwöre ich.«Es war der Moment, auf den Dan Thaler gewartethatte. Die richtige Zurschaustellung von Emotionenmochte in dieser Situation das beste Mittel sein, umPeter einige Informationen zu entlocken. Er stand aufund sagte in giftigem Ton: »Ich will nichts mehr vondiesem widerwärtigen und verleumderischen Zeughören.«Peter sagte: »Um Himmels willen, Dan, sei vernünftig.Du bist Wissenschaftler. Sicherlich wirst dunicht bestreiten wollen, daß meine Argumentationeinleuchtend und logisch ist.«Dan zischte: »Wo hast du diese besonderen Androidenher? Und gleich zwei?«Ein verlegenes Lächeln kam in Peter CopelandsGesicht. »Jeder von diesen«, sagte er, »hat michachtzehntausend Dollar gekostet. Ich kann dir sagen,Dan, es war wirklich kein Pappenstiel.«»Aber wer verkauft sie?«97


»Oh, irgendeine Organisation. Ein Androidekommt als Vertreter zu dir. Du denkst, er ist einMensch wie du und ich, bis er die Wahrheit enthüllt.Zuerst konnte ich es kaum glauben.«»Aber woher wußten sie, daß du Interessent bist?Zu mir ist nie jemand gekommen, um mir einen zuverkaufen.«»Oh.« Peter schwieg stirnrunzelnd. »Nun, daskann ich wirklich nicht beantworten. Eines Morgenswar er da, und ich kann nur sagen, daß er mir herzlichwillkommen war. Ich glaube, er sagte etwas, daßdie Rechtslage in Bezug auf die Verwendung mechanischerDoppelgänger noch unklar sei. Es istmöglich, daß du als Regierungsangestellter für ihntabu bist.«»Aber wie war es beim zweiten Kauf?« fragteDan. »Kam der Vertreter einfach so vorbei?«»Genau. Er kam eine Zeitlang in regelmäßigenAbständen, um sich zu erkundigen, ob der Androideeinwandfrei arbeite. Kundendienst, sagte er.«»Und er kam wieder, als du gerade mit dem Gedankenspieltest, einen zweiten anzuschaffen?«»Ja, so kann man es ausdrücken.«»Hattest du jemandem eine Andeutung gemacht?«»Sei kein Dummkopf. Wem denn?«Plötzlich erkannte Dan, daß das alle Informationenwaren, die Peter hatte.»Lassen wir das!« schnappte er. »Denke nicht, dukönntest mich umstimmen, indem du das Themawechselst.«98


»Aber du warst es ja, der es wechselte!« protestiertePeter.»Ich werde mit meiner Schwester reden«, knurrteDan. »Bis dahin ist deine kostbare Haut sicher.«Damit marschierte er aus dem Raum, zufriedenüber die Art und Weise, wie er die Schlüsselfragenbehandelt hatte.Wachtmeister Sutter endete seinen späteren Berichtmit den Worten: »Ich blieb zurück und diskutiertemit Mr. Copeland die mögliche Gefahr dieserDrohungen. Er nahm sie nicht ernst, und er weigertesich auch, Angaben über die andere Frau in seinemLeben zu machen. Er erklärte nur, daß er sie nichtliebe und daß sie darum nicht zähle.«Während der zwei Tage, die Dan Thaler auf Nachrichtvon seiner Schwester wartete, zerlegte und studierteer den »toten« Androiden, dann baute er ihnwieder zusammen und legte ihn in die Kiste in PeterCopelands Haus.Bevor er ging, installierte er eine verborgene Kamera,die den Kellerraum mit der Kiste überwachteund sich automatisch einschaltete, wenn jemand inden Bereich ihres Objektivs kam.Am Morgen des dritten Tages erhielt er die Auskunft,daß seine Schwester aus dem Krankenhausentlassen sei. Entrüstet verlangte er Anitas Psychiater.»Einen Moment«, sagte die Frauenstimme. Nacheiner Weile meldete sie sich wieder. »Es tut mir leid.99


Doktor Schneiter glaubt nicht, daß ein Gespräch mitIhnen zweckdienlich ist.«»Schneiter!« knurrte Dan. »Sagen Sie diesemDoktor Schneiter, daß ich zu ihm kommen und mireinen halben Liter von seinem Blut holen werde,weil er meine Schwester auf die Straße gelassen hat,ohne mich zu konsultieren!«Er knallte den Hörer auf die Gabel.Sofort nach diesem Stückchen Schauspielerei riefer Wachtmeister Sutter an und wurde zu ihm durchgestellt.Wie sich zeigte, war Sutter mit einem Streifenwagenin der Stadt unterwegs.Dan sagte: »Ist es richtig, daß jeder eine Veränderungseines Wohnsitzes sofort melden muß, und daß,wenn irgendwo eine Wohnung oder ein Zimmervermietet wird, der Name des neuen Bewohners voneinem Computer der Polizei gespeichert wird? Undwenn ja, können Sie dort etwas für mich feststellen?«Wie erwartet, bejahte Sutter die Frage und erklärtesich bereit, ihm zu helfen.Die nächsten vierundzwanzig Stunden verbrachteDan Thaler mit der Suche nach seiner Schwester. Erdurchstreifte Warenhäuser, Geschäfte für Damenmodenund andere ihrer Schlupfwinkel – vergebens.Und als er schließlich von Sutter die Adresse erhielt,war Anita nicht da. Die Besitzerin der Pension sagte:»Sie ist selten hier – einen Block weiter ist eineBar; ich glaube, sie hält sich meistens dort auf.«Anita schlürfte nervös an einem großen, giftgrünenCocktail, als Dan sich auf den benachbarten100


Barhocker schob. Zuerst sah sie ihn nicht, und als sieschließlich bemerkte, daß jemand den Platz neben ihreingenommen hatte, sagte sie, ohne ihren Kopf zuwenden: »Haben Sie das absichtlich getan – sich nebenmich gesetzt?«Ihre Stimme klang angestrengt, und ihr Gesichtwar gerötet; sie stand offensichtlich unter einer innerenSpannung und hatte wahrscheinlich zuviel getrunken.Und sie schien nicht zu bemerken, zu wemsie sprach.Dan Thaler nickte; er traute sich nicht, etwas zusagen. Alles, was Peter gesagt hatte – und Dan hatteseinem Schwager geglaubt –, schwand in einer erstenAufwallung von wirklichem Mitleid mit seinerSchwester dahin.Anita, die ihn noch immer nicht angesehen hatte,sagte: »Was ist? Wollen Sie eine Frau? In Ordnung –von mir aus jederzeit.«Dan keuchte: »Anita!«Darauf wandte sie sich halb um und sah ihn an. IhreAugen weiteten sich. Dann warf sie ihre Arme um ihn.»Oh, mein Gott, Dan!« schluchzte sie. »Ich hab’dich so gebraucht. Wo bist du gewesen?«Nach einer kleinen Weile machte Dan sich sanftvon ihr los.»Anita, du brauchst Hilfe.«»Ich komme schon zurecht.«»Sei keine dumme Gans«, sagte er mit brüderlicherGrobheit. »Du solltest zu einem Psychiater gehen.«»Ich war schon bei einem«, sagte Anita. »Doktor101


Schneiter. Er ist ein kluger Mann. Einer, der michversteht. Er denkt auch, daß Peter eine Ratte ist, einniederträchtiges Scheusal.«Ihre Worte bestätigten Dans niedrige Meinung vondem Psychiater. Dieser Doktor Schneiter hatte ihreinfach zugestimmt und sie so der Notwendigkeitenthoben, die Frage nach ihrer eigenen Verrücktheitzu stellen und sich damit auseinanderzusetzen.Also war es an ihm.Er berichtete ihr von Peters Klagen, und währender sprach, war er sich ihrer blauen Augen bewußt, dieihn anstarrten. Als er geendet hatte, kamen plötzlichTränen und trübten das Blau: Ihre Augen nahmen eindunkles Aussehen an.Mit einem Aufschluchzen sagte sie: »Also bist duauf seiner Seite? Ich habe mir gleich gedacht, daß duauch gegen mich bist.«Dan war überzeugt, daß sie das meiste von dem,was er gesagt hatte, überhaupt nicht gehört hatte.»Hör zu«, sagte er, seine Ungeduld niederhaltend.»Nehmen wir nur einen Punkt: Ist es wahr, daß dujeden Tag zehn- bis zwölf mal in seinem Büro angerufenhast?«»Ich habe ihn niemals angerufen.« Ihr Ton warzornig. Die Tränen waren getrocknet, und ihre Augenblitzten blaue Funken. »Ich hasse ihn. Warum sollteich einen Mann anrufen, den ich hasse?«»Damals haßtest du ihn noch nicht«, sagte Dan.»Ich habe ihn immer gehaßt. Ich habe ihn nie gemocht.«102


Dan blickte in ihre Augen. Sie waren wieder himmelblauund starrend. Niemand zu Hause, dachteDan.Er erinnerte sich an einen Androiden, den sie imCollege als Demonstrationsobjekt für die Wirkungsweisevon integralen Schaltkreisen gehabt hatten.Nach absichtlichen Eingriffen in dieses zentraleSteuerungssystem hatte er angefangen, auf Fragenmit nur teilweise sachbezogenen Antworten zu reagieren.Anitas Reaktion war ähnlich.Dan hatte sich zur Theke gewandt, als er diesembeunruhigenden Gedanken nachhing. Als er sie wiederansehen wollte, war sie fort. Er fuhr auf seinemHocker herum und sah sie durch den Raum eilen, aufden Tisch eines Mannes zu, der ein paar Minuten zuvorhereingekommen war; Dan erinnerte sich, daß ersein Eintreten mit einem flüchtigen Blick bemerkthatte.Während er bestürzt zusah, versuchte Anita sichan den Mann heranzumachen.Aber der Fremde schüttelte den Kopf. Sie redeteauf ihn ein und unternahm einen Versuch, sich aufseinen Schoß zu setzen.Als er sie abwehrte und sich nicht umstimmenließ, kehrte sie ihm abrupt den Rücken, machte einenweiten Bogen zwischen den Tischen und nahm wiederihren Platz neben Dan ein.Dann sagte sie, als ob nichts geschehen wäre: »Daist eine andere Frau, nicht?«Weil Dan keine Verpflichtung gegenüber Peter103


fühlte, antwortete er ohne nachzudenken: »Ja.«»Ich dachte es mir.« Ein rachsüchtiger Ausdruckkam in ihr Gesicht. »Das ist es also.«»Einen Moment«, sagte er heiser. »Das ist esnicht. Das ist es überhaupt nicht.« Er machte eineungeduldige Handbewegung, als er sah, daß diesesDetail nur geeignet war, die ganze Sache in AnitasGehirn noch mehr zu verdrehen.Sie hörte schon nicht mehr auf ihn. Der rachsüchtigeAusdruck blieb in ihrem Gesicht.Er sagte: »Was ist mit diesen Männern, an die dudich heranmachst? Du benimmst dich wie eine Straßendirne.«»Ach das!« Ein Achselzucken erledigte die Fragefür sie. Nach einem Moment fügte sie hinzu: »Waseine Frau tut, zählt nicht. Frauen sind nur Objekte.«Der rachsüchtige Ausdruck hatte völlig von ihremGesicht Besitz ergriffen, als sie diese Worte aussprach.Dan schaltete auf sein eigentliches Thema um.»Vielleicht können wir herausbringen, wer dieseFrau ist«, sagte er. »Hör zu, wenn du mit diesem Androidenwarst, der Peter spielte …«»Ich will nicht darüber sprechen!«»… bist du jemals mit ihm an einem Ort gewesen,der dir ungewöhnlich vorkam?«Diese Frage schien durchzukommen. »Nur einmal«,sagte sie. »Es war die Straße mit diesen komischenLäden und so.«»Was für komische Läden?« sagte Dan, der sofort104


die Vermutung hatte, daß hier eine Schlüsselinformationvorlag und daß seine Schwester die Sache verpfuschenwürde, indem sie sich nicht erinnerte.»Du weißt schon«, sagte sie mit einer unbestimmtenHandbewegung. »Ich war schon früher mal dort,auf einer Versammlung.«»Mit wem? Was war das für eine Versammlung?«»Ahh!« sagte sie und gähnte. »Du und deine ewigenFragen! Du ermüdest mich.«Worauf sie ihr Arme auf die Bartheke legte, ihrenKopf sinken ließ und einschlief.Der Barmann kam herüber. »Sie müssen sie hier‘rausbringen«, sagte er zu Dan. »Wir können hierniemanden gebrauchen, der so betrunken ist wie sie.«»Helfen Sie mir«, sagte Dan. Er faßte Anita unterund führte sie hinaus zu seinem Wagen. Entgegenseiner Erwartung leistete sie keinen Widerstand, undder Barmann konnte sich darauf beschränken, ihnendie Tür zu halten. Dan brachte sie zu ihrer Pensionund in ihr Zimmer.Dann verließ er sie, besorgt und nachdenklich.Um drei Uhr früh läutete Dans Telefon.Er tastete schlaftrunken nach dem Hörer, und nacheiner Weile verstand er, was der Mann am anderenEnde sagte: Anita war festgenommen worden undbefand sich in einer Polizeiwache.»Weswegen?« schrie er in den Hörer.»Sie versuchte, einen Androiden mit einem Hammerzu zerstören.«105


»In ein paar Minuten bin ich dort«, schrie er. »Vonwo rufen Sie?«Er kritzelte die Adresse auf einen Zettel, sprangaus dem Bett und fuhr fluchend in seine Kleider. Alser das Polizeirevier erreichte und sich ausgewiesenhatte, wurden Anita und Peter Copelands stattlicherAndroide in die Wachstube gebracht. Es dauerte einekleine Weile, bis Dan begriff, was vorgefallen war.Wie es schien, hatte der Androide Anita angezeigt,weil sie versucht hatte, sich an fremdem Eigentum zuvergreifen: ihm selbst.Der Androide, der sich als Peter II. identifizierte,sagte mit Würde: »Ich lag in meiner Kiste und fühlteeinen heftigen Schlag auf meine Schulterpolsterung.Ich öffnete meine Augen, und da stand Anita übermir, einen Hammer zum zweiten Schlag erhoben.Natürlich entfernte ich das destruktive Instrumentaus ihrer Hand und rief sofort die Polizei.«Dan war entschlossen, die Angelegenheit ohneviel Aufhebens zu bereinigen, und so verbürgte ersich für seine Schwester und nahm sie mit sich. Währendder Fahrt zu ihrer Pension hing sie schlaff imBeifahrersitz, den Kopf auf der Rückenlehne, dieAugen geschlossen. Ihre Kleider und ihr Haar warenunordentlich. Es schien zwecklos, ihr irgendwelcheVorhaltungen zu machen, solange sie in diesem Zustandwar.»Was ist passiert?« fragte er zuletzt verdrießlich.»Was hatte das alles zu bedeuten?«Nach ungefähr einer Minute, als er schon nicht106


mehr mit einer Antwort rechnete, sagte sie mit müderStimme: »Ich folgte ihm.«»Wem?«»Peter, natürlich.«Es ergab keinen Sinn.»Weißt du, mit wem er lebt?« fragte Anita.Dan rang mit dem Gefühl, daß die Konversationseinem Verständnis entglitt. »Warum verfolgst dueinen Androiden?« fragte er unfreundlich. »Nachunseren Gesetzen kann ein Roboter nicht einesVerbrechens schuldig sein, und es spielt keine Rolle,mit wem er lebt.«Schweigen. Dan nahm seinen Blick von der Straße,um sie anzusehen. Was er sah, brachte ihn beinahevon der Fahrbahn.Ihre Augen funkelten ihn wütend an. »Immer nochmein dummer kleiner Bruder«, zischte sie. »Ich redevon Peter. Wem sonst?«Ihre Hand kam hoch und klatschte in sein Gesicht.Es war wie in den Tagen der Kindheit. Dan fuhr herumund packte ihren Hals mit beiden Händen undwürgte sie – als ein knirschendes Geräusch ihn ausseiner Leidenschaft riß.Er griff zum Lenkrad. Aber es war unnötig. Dieautomatische Bremsanlage hatte den Wagen zumStillstand gebracht.»Also, mit wem lebt er?« brüllte Dan sie an.»Mit mir. Einem Androiden, der wie ich aussieht.«Sein Zorn verflog. Er wußte von Sutter, daß Petergesagt hatte, er liebe die Frau nicht, mit der er lebte.107


Das war offensichtlich die Wahrheit gewesen.»Hör zu, Anita, du kannst doch nicht auf einenAndroiden eifersüchtig sein.«Sie starrte mürrisch an ihm vorbei und sagtenichts.»Ein Androide«, sagte Dan, »ist ein Mechanismus,das ist alles.«Ihr verwöhntes Gesicht schmollte. »Warum mußsie dann mir ähnlich sein?« sagte sie. »Das ist erniedrigend.«Dan dachte an ihr Benehmen in der Bar und gingnicht auf ihre unglücklich gewählten Worte ein. Ersagte: »Warum gehst du mit einem Hammer auf PeterII. los, weil Peter I. mit Anita II. lebt?«»Ach, ihr Männer!« sagte Anita. »Bring mich nachHause.«»Ah, Sutter.«Sutter seufzte und drückte auf die Sendetaste desFunkstreifenwagens, mit dem er unterwegs war .»Ja,Sir.«»Die Copeland-Sache.«»Ja, Inspektor.«»Ich habe zwei Meldungen, äh, vor mir. Die erstebesagt, daß Anita Copeland letzte Nacht in Gewahrsamwar, weil sie versuchte, einen, äh, Androidenmit einem Hammer zu zerstören.«Wachtmeister Sutter verspürte ein seltsamesSchuldgefühl, als ob er einen solchen Angriff hättevoraussehen und verhindern müssen. Er sagte: »Ist108


der Bruder verständigt worden, Inspektor?«»Äh, ja, er erwirkte ihre Freilassung. Aber ichdenke, Sie sollten mit Mr. Thaler sprechen, da einweiteres Interview mit dem echten Peter Copelandangezeigt ist.«»Sehr gut, Sir. Und die zweite Meldung?«»Ja, äh – hier steht, daß Anita Copeland wieder inGewahrsam ist.«»Ah …« sagte Wachtmeister Sutter. »Sie meinen,schon wieder?«»Ja!«»Was wird ihr vorgeworfen?«»Einen Androiden mit einem Hammer angegriffenzu haben.«Wachtmeister Sutters Schweigen wurde von Ingrathrichtig als Verwirrung gedeutet, denn der Inspektorsagte hastig: »Ich denke, Sie und Mr. Thalersollten dieses Durcheinander klären, denn ich kannaus diesen Meldungen nicht ersehen, ob es derselbeAndroide ist oder ein anderer. Wollen Sie sich, äh,um die Sache kümmern?«»Selbstverständlich, Sir.«Als Sutter und Dan Thaler nicht viel später in einanderes Polizeirevier kamen, sah Dan seine Schwesterauf einem Stuhl in der Ecke sitzen.Er eilte zu ihr. »Du Idiotin!« sagte er grob. »Wasbezwecktest du diesmal?«Die blauen Augen blickten verwundert zu ihm auf.»Kennen Sei mich, Sir?«Dan fühlte sich von einem Schauer überlaufen.109


»Anita, stell dich nicht so blöd!«Sutter faßte seinen Arm. Er hatte ein Protokoll desRevierführers in der Hand. »Moment, Mr. Thaler.Ich glaube, Sie sind einem Irrtum erlegen.«»Eh?«Sutter wandte sich Anita zu. »Können Sie uns denAngriff beschreiben?«Die sitzende Frau sagte: »Soll ich aufstehen?«»Nein, nein.«»Danke. Kurz nachdem Peter heute früh zur Arbeitgegangen war, läutete es. Als ich öffnete, kam dieseFrau mit dem Hammer, nach deren Vorbild ich anscheinendkonstruiert wurde, hereingestürzt und griffmich an. Natürlich nahm ich ihr den Hammer fortund rief die Polizei.«Dan Thaler starrte das perfekte Duplikat seinerSchwester an. »Sie … Sie sind die andere Frau!«Er wandte sich zu Sutter um. »Wissen Sie, womeine Schwester ist?«Sutter zeigte auf das Papier in seiner Hand. »Nachdem hier ist sie in Gewahrsam.«Dans Augen leuchteten hoffnungsvoll auf. »PassenSie auf«, sagte er, »ich habe eine Idee. Dies könnteder Rahmen sein, in dem wir das ganze Problem lösenkönnen.«»Wie meinen Sie das?«»Bevor ich mich um Anitas Freilassung bemühe,könnten wir Peter I. einen Besuch machen.«Peter I. war in seinem Büro, und er hörte sich allesmit einem geistesabwesenden Ausdruck an. Schließ-110


lich sagte er: »Ich kann mir vorstellen, was jetzt imHirn dieser Frau vorgeht. Und sie irrt sich gründlich.Die Nachbildung ihres Körpers in Anita II. bedeutetnicht, daß ich mich ständig nach ihr sehnte. Keinvernünftiger Mensch würde sich mit Anita I. zusammentun.Sie ist völlig unmöglich. Das mußt du ihrdeutlich machen. Unmöglich.«»Ich muß deine Erklärung haben«, sagte Dan.»Warum hast du den Androiden nach Anitas Vorbildmachen lassen?«Peter Copeland breitete seine Hände aus. »Sehreinfach«, sagte er ruhig. »Körperlich fühlte ich michimmer von Anita angezogen. Also ließ ich einen Androidenmachen, der wie sie aussieht, sich aber sonstwie eine normale Frau benimmt.«Seine Augen wurden verträumt. »Wenn ich nachHause komme, ist sie da und wartet auf mich. Pantoffelnund Hausjacke liegen bereit, das Abendessenkocht und wird ohne dramatische Szenen genau zurrichtigen Zeit serviert. Nach dem Essen trinke icheinen Cognac und lese die Abendzeitung … Ichwollte nie etwas anderes als eine normale Frau, diesich halbwegs vernünftig benimmt. Das ist dieWahrheit, Dan.«Er seufzte und langte in seine Tasche, aus der ereinen Schlüsselbund zog. Er machte einen Schlüssellos und reichte ihn Dan über den Schreibtisch.»Ich wäre dir dankbar, wenn du nach Peter II. sehenwürdest. Ich mache mir Gedanken. Kehrte er inseine Kiste zurück, nachdem er gestern nacht das Po-111


lizeirevier verließ?«»Warum siehst du nicht selbst nach?« fragte Danneugierig.Peter schüttelte seinen Kopf. »Ich halte mich vondem Haus fern. Wenn Anita mir mit ihrer Pistole auflauernund eine Kugel durch den Kopf schießen würde,dann käme sie wahrscheinlich mit einem Freispruchdavon. Entschuldbarer Totschlag, verminderteZurechnungsfähigkeit und alles das. Das weiß sieganz gut, und deshalb würde sie nicht viele Hemmungenhaben.«Dan nahm den Schlüssel; Sutter und er fuhren zumHaus der Copelands und fanden die Kiste des Androidenleer.Dan untersuchte seine verborgene Kamera. DerFilm hatte sich natürlich selbst entwickelt. Als er ihnüber die Spule laufen ließ und durch ein Vergrößerungsfensterbeobachtete, sah er einen kleinen Mannaus der Richtung der Treppe kommen und den Kistendeckelabnehmen. In der Kiste lag Peter IL, wieDan ihn zurückgelassen hatte.Der fremde Mann langte hinein, schaltete Peter II.ein und sagte: »Was ist los mit dir? Du solltest dichmelden.«Peter II. stieg mit Würde aus der Kiste und sagte:»Doktor Schneiter, ich habe keine diesbezüglicheProgrammierung.«Der Mann betrachtete ihn stirnrunzelnd; dann sagteer nachdenklich: »Sag mir, was seit dieser erstenNacht mit dir geschehen ist.«112


Peter II. beschrieb das Eintreffen der Polizei undvon Anitas Bruder, und wie der Bruder ihn zur Einlagerungbestimmt hatte. Seine nächste Erinnerungwar, wie Anita mit einem Hammer auf ihn eingeschlagenund er sie der Polizei übergeben hatte.Der Mann blieb nachdenklich. »Theoretisch hättedieser Hammerschlag deine Programmierung beschädigenkönnen, aber das würde nicht erklären,warum du an jenem ersten Abend hiergeblieben bist,statt loszugehen und ihr dieses Schlafmittel zu geben.Am besten sehe ich selbst nach.«Er tat es, aber schon nach kurzer Zeit schaltete erden Androiden wieder ein; und jetzt war der Psychiatersichtlich beunruhigt.»Jemand hat mit dir herumgespielt«, sagte er finster.»Und dieser Jemand war ein Experte. Ich habedich jetzt programmiert, diese Frau auf irgendeineunauffällige Weise zu töten, und mit Peter III. werdeich das gleiche machen.«»Ja. Ich wußte, daß wir in Gefahr waren, als sietrotz ihrer Konditionierung ausbrach und aus demKrankenhaus entkam. Mir ist noch immer nicht ganzklar, wie ihr das gelingen konnte, aber die einfachsteLösung ist jetzt, sie zu beseitigen.«Er brach ab. »Am besten verläßt du dieses Hausgleich nach mir,«Damit drehte er sich um und ging aus dem Aufnahmewinkeldes Objektivs. Nach einer Minute folgteihm Peter II.Dan blickte auf und sagte zu Wachtmeister Sutter:113


»Ich vergaß damals, Sie zu fragen, aber wer bestellteden Krankenwagen, der meine Schwester zum Krankenhausbrachte? Taten Sie es?«»Nein, der Androide hatte bereits angerufen. Warum?«Dan antwortete nicht gleich. Er begann mancheDinge in einem neuen Licht zu sehen.Die zwölf Männer in dem verdunkelten Raum sahenden Film ablaufen. Als das Licht eingeschaltet wurde,blieben sie stumm; alle Augen einschließlichDans richteten sich auf das nachdenkliche Antlitzeines ernst aussehenden Mannes Mitte der Vierzig.Sein Name war Edward Jarris, und er war Mitglieddes Nationalen Sicherheitsrats.Nach einer Weile regte sich dieses Individuum inseinem Sessel und sagte mit Entschiedenheit: »Wirkommen nicht damit durch. Eine sehr gute Leistung,Mr. Thaler, aber dieser Film könnte zu leicht manipuliertworden sein; ein Gericht würde ihn nicht alsBeweismittel gelten lassen. Wer sonst hat einen vondiesen – wie nennen Sie sie? – Superandroiden gesehen?«Dan öffnete den Mund, um die Polizisten Sutterund Black zu nennen, aber etwas im Tonfall des anderenließ ihn zögern. Nach einem Moment sagte erhöflich: »Ich könnte einen Bericht für Sie anfertigenSir, und diese Details darin aufführen.«»Ja, natürlich«, war die irritierte Antwort. »Das istdie vorschriftsmäßige Methode.«114


Worauf das Mitglied des Nationalen Sicherheitsratsaufstand und aus dem Raum schritt, ohne nocheinmal zurückzublicken.Dans direkter Vorgesetzter kam zu ihm und schüttelteseine Hand. »Ich glaube, Sie haben ihn sehr beeindruckt«,sagte er. »Gewöhnlich interessiert Jarrissich nicht für solche Details.«Dan dankte ihm, eilte in den Projektionsraum, umden Film an sich zu bringen, und ging. Einmal draußen,rannte er zu seinem Wagen und fühlte sich ersteinigermaßen sicher, als er im dichten Verkehr untergetauchtwar.Nach kaum fünf Minuten war sein Chef am Autotelefonund sagte: »Hallo, Thaler, Mr. Jarris hat ebennach dem Film gefragt, und der Vorführer sagte, Siehätten ihn mitgenommen.«Dan heuchelte Überraschung. »Natürlich«, sagteer. »Ich brauche ihn für die Vorbereitung meines Berichts.Wenn ich fertig bin, werde ich ihn mit abliefern– morgen.«»In Ordnung«, war die arglose Antwort. »Ich werdedas weitergeben.«Dan unterbrach die Verbindung, und ein fröstelnderSchauer überlief seinen Rücken. Er raste zu seinerBank, legte den Film in sein persönlichesSchließfach und setzte sich wieder in den Wagen.Nun rief er Wachtmeister Sutter an.»Ich bin unterwegs zum Zentralkrankenhaus«,sagte er. »Können Sie hinfahren und mich beschatten,ohne selbst hineinzugehen?«115


»Sie wollen mit Schneiter reden?«»Ja.«»Glauben Sie, diese Leute wissen von mir?« fragteSutter.»Nur mein unmittelbarer Chef weiß von unsererZusammenarbeit«, sagte Dan. »Solche Einzelheitenhaben niemanden sonst interessiert – bis heute.«Es war kurze Zeit später. Als Dr. Schneiter aus seinemBüro kam, fiel Dan neben ihm in Gleichschritt,stieß eine Pistole in die Gegend seiner rechten Niereund sagte: »Ich bin Anita Copelands Bruder. Siewerden mir jetzt Rede und Antwort stehen, und wennes Ihre letzte Tat in diesem Leben ist.«Und so waren sie gleich darauf in Dr. SchneitersBüro, wo Dan die Rolle des zornigen Bruders spielte,der in Sorge um seine geisteskranke Schwester ist.»Hätten Sie sie nicht zurückhalten können?« fragteer erregt.»Gibt es nicht ein Gesetz, daß verhinderte Selbstmörderbei Wiederholungsgefahr in Sicherheitsverwahrunggehalten werden können?«Der Psychiater schüttelte seinen Kopf. Seine anfänglicheSpannung war geschwunden, und er lächeltefreundlich. »Es erscheint verständlich und nichtallzu unvernünftig, daß sie in den ersten Minutennach der Entdeckung ihrer tatsächlichen Ehesituationunter der Einwirkung des Schocks versuchte, sichdas Leben zu nehmen.« Er beobachtete Dan. »MeinenSie nicht? Aber es gab keinen weiteren Selbst-116


mordversuch – richtig?«Und das war im wesentlichen alles, was Dan anfreiwilligen Antworten aus Dr. Schneiter herausholenkonnte.Objektiv, kühl, amüsiert – das war der äußere Anscheindes Mannes, der zweifellos eine führende Rollein der geheimen Rebellion der Androiden spielte.Dan war neugierig gewesen. Er hatte sich ein Bildvon dem Psychiater machen wollen, bevor er dieKrise herbeiführte.Das hatte er nun getan.Und so hob er seine Pistole.»Doktor«, sagte er, »ich habe von Ihrem heuchlerischenGeschwätz genug gehört. Nun gebe ich Ihnenfünfzehn Sekunden für Ihre erste wahrheitsgemäßeErklärung.«Es gab eine lange Pause. Das Gesicht vor ihmwurde blaß, aber die Augen blieben lebhaft undwachsam. Schließlich breitete Dr. Schneiter in sparsamerGebärde seine Hände aus.»Was wollen Sie wissen?«»Warum ließen Sie meine Schwester hierher bringen?Reden Sie.«Diesmal war die Pause kürzer. »Trotz all ihrerKonditionierung war sie im Begriff, unserer Kontrollezu entgleiten. Ich wollte feststellen, warum.«»Was für eine Konditionierung hatte sie?«»Die drei Phasen. Vollkommene Androiden-Simulation.«»In welcher Weise entglitt sie Ihrer Kontrolle?«117


»Wir wollten sie bloß gebrauchen – wie wir esauch mit anderen Frauen getan haben –, um ihrenMann zum Erwerb eines kostspieligen Androiden zuzwingen. Der Verkauf von Androiden ist unsere Finanzierungsquelle.Aber irgendwie geriet Anita außerKontrolle und wurde eine Bedrohung.«»Eine Bedrohung? Wie?«»Wir konnten uns nicht mehr auf sie verlassen.«»Wußte sie, daß sie programmiert worden war undnur auf das Programm ansprechen sollte?«»Normalerweise wissen die Leute es nur, solangeder Programmierungsprozeß läuft, aber die Erinnerungverblaßt sehr schnell. In Anitas Fall begannenwir zu glauben, daß sie es wußte. Wie auch immer,sie leistete den programmierten Normen Widerstand,und wir konnten mit ihr kein Risiko eingehen.«»Konnten Sie die Gründe für ihren Widerstandermitteln?«»Nein, sie entkam aus dem Krankenhaus, bevorich das Problem bestimmten konnte. Mir scheint, daßein bestimmter Persönlichkeitstyp nicht für die Androiden-Simulationgeeignet ist. Dieser Typ muß aufder Basis des Ideals überzeugt werden.«Dan blickte in die glitzernden Augen des Psychiaters.»Welches Ideals?« fragte er.»Ich bin ein Anhänger der GBA«, sagte Dr.Schneiter, als ob das alles erklärte.Er holte tief Atem und fuhr eindringlich fort: »Siestehen in einem Kampf, den Sie nicht gewinnen können.Beinahe jeder hat heutzutage Bedarf für einen118


Androiden – es gibt praktisch keine Grenze ihrerVerwendbarkeit. Gewiß, gegenwärtig werden sienoch wie Hunde oder Gegenstände gekauft, aber dernächste Schritt wird sein, daß man einen Androidennur noch auf der Basis erwerben kann, daß er freigelassenwerden muß, nachdem der Käufer sein Geld inForm von Dienstleistungen zurückerhalten hat.«Er zuckte die Schultern und schloß: »Ich hoffe, esist Ihnen klar, daß Sie mit den Informationen, die ichIhnen gegeben habe, dieses Haus nicht verlassenwerden.«»Hat Jarris Sie angerufen?«»Ja«, sagte Schneiter einfach.Dan sagte: »Ich kann nicht glauben, daß Sie Zeithatten, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen.«Schneiter lächelte. »Mit Ausnahme der Ärzte sindalle in diesem Krankenhaus Beschäftigten Androiden.Als ich allmählich erkannte, wie unermüdlichund tüchtig die Androiden ihren Dienst taten, wurdeich zu einem Verfechter ihrer Bürgerrechte.«»Lassen Sie sich meine Stärke erklären«, sagteDan. »Ich habe den Film.«»Das ist Ihre größte Stärke. Wo haben Sie ihn?«»Sollte mir etwas zustoßen«, sagte Dan, »so werdenihn Leute erhalten, die gegen die GBA sind.«»Und welches sind Ihre Schwächen?« fragte dieruhige Stimme.»Zweifellos ist Jarris ein geheimer Anhänger derGBA, und das bedeutet, daß man mir den Fall ausden Händen nehmen wird. Deshalb möchte ich Ihnen119


sagen, daß ich tatsächlich in einer persönlichen Angelegenheithier und bereit bin, einen Handel zu machen.Meine Schwester …«»Ja, richtig«, sagte Schneiter leise. »Ihre Schwester…«»Ich möchte, daß die Androiden Peter II. und PeterIII. so umprogrammiert werden, daß sie meineSchwester nicht töten.«»Das soll geschehen«, sagte der Psychiater.Dan starrte in die lächelnden Augen und sagte:»Lassen Sie es mich so ausdrücken: Sie überlegen,wie Sie mich überzeugen können, daß sie das ernstmeinen – und ich werde diese Angelegenheit als erledigtbetrachten. Ich werde mich innerhalb der nächstenvierundzwanzig Stunden mit Ihnen in Verbindungsetzen. Und nun, um sicherzugehen, daß sie inden nächsten Minuten nicht gegen mich handeln …«Er feuerte dreimal in den Körper vor ihm.Da seine Waffe eine Gaspistole war, die nur äußerlichwie ein Kugeln verfeuerndes Mordinstrumentaussah, bestanden die Ladungen aus Anästhesiegas,das Bewußtlosigkeit auslöste. Der Psychiater sank insich zusammen.Dan verließ das Büro und ging schnell durch denKorridor zu den Aufzügen.Einer der zwei Männer, die mit Dan einstiegen,war zuerst an den Druckknöpfen. Er wandte seinenKopf und fragte Dan höflich: »Welche Etage, Sir?«Dan umklammerte die Waffe in seiner Tasche undsagte: »Erdgeschoß, bitte.«120


Er war sich der Gefahr bewußt, und so hatte er nurein Minimum von Gedanken.Der Aufzug hielt, und die Tür glitt zurück. DanThaler machte eine Bewegung, um auszusteigen,aber in diesem Moment kamen die zwei Männer imAufzug an seine Seiten, packten ihn mit unglaublicherSchnelligkeit und hoben ihn vom Boden.»He!« sagte Dan Thaler. »Lassen Sie mich los!«Aber sie hatten ihn schon aus dem Aufzug getragenund eilten mit ihm durch eine rückwärtige Türauf den Wirtschaftshof, wo sie ihn in einen bereitstehendenLieferwagen hoben und nachkletterten.Die Tür fiel hinter ihnen zu.Verspätet, als der Wagen bereits rollte und es fürWiderstand längst zu spät war, begann Dan gegenseine Fesseln anzukämpfen.Es war sinnlos. Im Innern der Kordeln, mit denensie seine Hände und Füße gebunden hatten, mußtenStahlkabel sein.Einer seiner beiden Fänger saß am Steuer; der anderesetzte sich Dan gegenüber an die Seitenwandund betrachtete ihn mit einem leisen, spöttischen Lächeln.»Also haben wir Sie endlich.«Dan überlegte, wie sie es gemacht hatten, und sagte:»Ich kann nicht sehen, daß es so schwierig war.«»Nun«, sagte der Mann, »unser Problem ist nicht,was es zu sein scheint. Wir Androiden bemühen uns– mit der Hilfe einiger erleuchteter menschlicherWesen –, diesen Planeten einer geringeren Rasse aus121


den Händen zu nehmen. Unser wirkliches Potentialwar bei unserer weniger hoch entwickelten Gruppenur andeutungsweise vorhanden. Als Sie zufällig einenAndroiden des fortgeschrittenen Typs – meinFreund und ich gehören auch dazu – entdeckten,wurden Sie in ihrer Eigenschaft als Fahnder zu einemProblem. Nur die Tatsache, daß Sie den Film haben,hindert uns daran, Sie sofort zu töten, und macht esnotwendig, eine nachsichtigere Lösung zu suchen.«Dan fragte mit unsicherer Stimme: »Wie weit istdiese Machtübernahme gediehen?«Der Mann hob seine Hand. Das spöttische Lächelnwar wieder in seinen Zügen. »Ich habe keine Zeit, indie Details zu gehen. Wir sind bald am Ziel. Aberunsere erste Aufgabe wird natürlich sein, den Prozeßumzukehren, das heißt, die Androiden von den Beschränkungenihrer Sklaverei zu befreien und denMenschen geeignete Beschränkungen aufzuerlegen.«»Ein solches Ziel können Sie nur haben«, sagteDan, »weil ein Mensch Sie programmiert hat, es zuhaben.«»Die freien Androiden«, erwiderte der andere,»haben alle solche Gedanken, und es war natürlichein Lernprozeß notwendig. Und das ist die gleicheMethode, die auch die Menschen anwenden, wennsie sich bilden wollen.«»Und die menschliche Kreativität?« fragte Dan.Der Androide lachte geringschätzig. »Ein logischerProzeß, in der letzten Analyse. Schon bevorAndroiden konstruiert wurden, hatte man die Lösung122


logischer Aufgaben unseren Vorläufern, den Computernanvertraut, weil man richtig erkannt hatte, daßsie dafür befähigter waren als Menschen.«»Aber diese Computer mußten von Menschenprogrammiert werden«, sagte Dan.»Wen kümmert es, wie das alles anfing?« war dieAntwort. Der Androide zuckte die Achseln und fuhrfort: »Wichtig ist allein, wie es weitergehen soll. Wirglauben selbst, daß es in diesem frühen Stadium derMachtübernahme nicht ohne Rückschläge abgehenwird. Zuerst werden Tausende, später Millionen vonuns frei sein, und alle Menschen werden ihre Existenzunter Drogeneinfluß verbringen. Dann könnenwir dominieren. Aber bis dahin wird noch viel Zeitvergehen. Im Moment wollen wir zweierlei von Ihnen.Zunächst einmal Ihre Schwester …«»Anita!« sagte Dan. »Ich weiß selbst nicht, wo sieist. Und welches ist die zweite Sache?«»Sie werden sehen.«Der Androide zog etwas aus der Tasche, das wieeine Spritze aussah. Er richtete es auf Dans Gesicht.Eine feine Wolke irgendeines Sprühmittels schoßheraus.Dan verlor nicht eigentlich die Besinnung, aber alser wieder klar denken konnte, saß er, während er zuvorgelegen hatte.Er dachte, er sei noch im Lieferwagen, und diezwei Männer hätten ihn auf einen Sitz gehoben.Aber nun bemerkte er etwas anderes. Er saß in etwas,ja. Doch es war kein Lieferwagen. Und nie-123


mand hielt ihn fest, obwohl seine Hände und Füßevon den Fesseln befreit waren.Vor ihm war Glas. Vor ihm, hinter ihm, auf beidenSeiten, über ihm, unter ihm, überall war Glas. Er warvon Glas umgeben.Sein benommenes Bewußtsein – oder ein Teil davon– registrierte diese Umgebung mit Verblüffungund Schrecken; aber es waren nur Schatten von Empfindungen,mehr wie Echos von Reaktionen als dieReaktion selbst.Zeit verging. Und er bemerkte wieder etwas: Hinterdem Glas waren Leute.Sie waren nicht leicht zu sehen. Das Glas verzerrtesie irgendwie. Er konnte Körperteile und Hände sehen,manchmal ein Gesicht oder ein Stück Stoff, wiewenn das Glas nur an einigen Stellen durchsichtigwäre, die als Gucklöcher dienten.Diese Gucklöcher schienen von verschiedenerGröße und Form zu sein, oval und rechteckig, langgestrecktund rund, vertikal und horizontal. Mehrmalsspähte ein Auge – jedesmal schien es ein andereszu sein – zu ihm herein.Irgendwann im Laufe dieser Beobachtungsperiodehatte Dan einen eigenen Gedanken: Ich scheine inZeitlupe zu leben.Sein körperlicher Widerstand hatte aufgehört, under saß einfach da und wartete, ohne zu wissen, aufwas oder warum, als etwas wie eine Stimme in seinemGeist sagte: »Sie sind jetzt, wie Sie bemerkt haben,eingeschaltet. Sie haben das bemerkt, nicht124


wahr? Sagen Sie ja.«»Ja«, sagte Dan.»Sind Sie bereit für die Programmierung?« sagtedie Stimme. »Sagen Sie ja.«»Ja«, sagte Dan.»Die Programmierung«, sagte die Stimme, »bestehtdarin, daß Sie spezifische Instruktionen für IhrVerhalten und Ihre Reaktionen erhalten. Sie werdensich immer und unausweichlich so verhalten, wie dieProgrammierung es Ihnen anzeigt. Sie stimmen zu,daß Sie sich genau entsprechend der Programmierungverhalten und reagieren werden? Sagen Sie, ja,ich stimme zu.«»Ja, ich stimme zu«, sagte Dan.»Die anfängliche Programmierung ist einfach«,sagte die Stimme. »Sie stehen auf. Stehen Sie auf.«Dan stand auf.»Setzen Sie sich.«Dan setzte sich.»Das war sehr einfach, nicht wahr? Sagen Sie, ja,es war einfach.«»Ja, es war einfach,« sagte Dan.»Großartig!« sagte die Stimme. »Nun werden Sieaufstehen, zwei Schritte vorwärts tun, dann zweiSchritte zurücktreten und sich wieder setzen. Sie tundies aus freien Stücken, nicht wahr? Sagen Sie ja.«»Ja.«In diesem Moment hatte Dan seinen zweiten persönlichenGedanken. He, dachte er, nein.Noch während er diesen Einwand machte, stand er125


auf, machte die vorgeschriebenen Bewegungen undsetzte sich wieder.So fand seine Programmierung statt. Er ging, hobGegenstände, legte sie nieder, reagierte auf Kommandosmit Antworten oder Handlungen, wie immerdie Stimme es verlangte, die weiterhin direkt in seinGehirn zu sprechen schien.Zuletzt sagte sie: »Sie sind fertig und können IhreTrainingskammer verlassen.«Er erhielt den Befehl, geradeaus zu gehen. Als eres tat, erschien eine Öffnung in der Glaswand; einenMoment später stand Dan Thaler in einem Raum, womehrere Dutzend Menschen hinter einer Seilabsperrungstanden und auf ihn zu warten schienen. Als er,wie es von ihm verlangt wurde, die Seilabsperrungauf seiner Seite entlangging, stellten einzelne dieserBeobachter Fragen über ihn, und dieselbe Stimme,die in Dans Kopf gesprochen hatte, beantwortete dieFragen durch einen Wandlautsprecher. Sie schienenalle vorauszusetzen, daß er sich freiwillig bereitgefundenhatte, einen Androiden zu simulieren.»Aber ich tue es nicht freiwillig«, sagte Dan. »Ichwill nicht wie ein Androide sein.«Er war nicht programmiert, einen solchen Satz zusprechen.Er stand da und wartete auf den nächsten Befehl.Die Leute begannen sich zu verlaufen. Einige gingendurch eine doppeltbreite Tür, die der Haupteingangzu sein schien; andere gingen durch eine Seitentür.126


Hinter Dan wurde eine weitere Tür geöffnet, undSchritte kamen näher; dann kam ein Mann in Sicht.»Gehen Sie dort hinaus!« Er zeigte mit knapperGeste zum Haupteingang. Es war dieselbe Stimme,die ihn programmiert hatte.Dan gehorchte, ging hinaus und fand sich auf derseltsamen Straße. Er erkannte in dieser stumpfen,halb geistesabwesenden Weise, daß dies unzweifelhaftwar, was Anita gesehen hatte: die Straße derRoboter, das Hauptquartier der GBA oder Gesellschaftzur Befreiung der Androiden.Die GBA ließ sich Androiden schenken, testamentarischvermachen und anderweitig übereignen. Undhier, in dieser seltsamen Straße, war ein Getto, eineStadt in der Stadt. Hier »lebten« diese »freien« Androidennach eigenem Ermessen, ohne daß jemandihnen Befehle gab. Die GBA programmierte sie nacheinem System um, dessen Grundgedanke die Abschaffungaller einschränkenden Momente war.Das Prinzip ließ sich auf den Satz bringen: Ichkann mich weigern, ausgeschaltet zu werden.Aus dem Untergrund von Dans eigenem Verstandkam der Gedanke: Der Tag wird kommen, wo jederMensch programmiert ist, wie ich jetzt programmiertbin. Zuerst in dieser gegenwärtigen Phase, dann inPhase zwei, und schließlich in der endgültigen Phasetotaler Kontrolle. Wie wird das Leben auf der Erdesein?Er ging weiter, und der Gedanke sank zurück ineine Schattenregion seines Geistes.127


Wachtmeister A. Sutter schrieb in sein Notizbuch:»Folgte den Signalen von Dan Thalers Impulsgeberzum Zentralkrankenhaus, wo er sich eine halbe Stundeaufhielt. Danach entfernte sich Signal in westlicherRichtung. Machte Quelle in einem Lieferwagenmit Kennzeichen 8 – 2857 – A aus und folgte ihm insAndroidengetto. Beobachtete, wie Dan Thaler vonzwei Superandroiden in GBA-Hauptquartier getragenwurde. Abhörgeräte bewiesen, daß Thaler mit bewußtseinsdämpfendenDrogen behandelt und programmiertwurde. An diesem Punkt Verstärkungen(1 Hundertschaft) angefordert. Dann, als Razzia begann,Thaler von der Straße geholt, wo er unter Beobachtungspazierenging (wahrscheinlich Test). Ihnzu Polizeiarzt Higgins gebracht, wo Thaler untersucht,fotografiert und mit Gegenmitteln behandeltwurde. Dies der erste Fall, daß zwangsweise Androiden-Simulationdurch entführtes Opfer nachgewiesenwurde. Verdacht, daß solche Simulationsfälle nichtimmer freiwillig, endgültig bestätigt. Warte jetzt aufNachlassen der Drogenwirkung.«Dan lag vier Stunden in einem Nebenraum beimPolizeiarzt, dann fühlte er sich wieder normal.Aber er war in einer meditativen Stimmung.»Die Fronten sind gezogen«, sagte er zu Sutter.»Und das Geheimnis der Superandroiden ist aufgedeckt;wenigstens das ist ein Gewinn. Vielleicht mußich den Film herausgeben, um meine Schwester zuretten, aber einstweilen werde ich sie in Untersu-128


chungshaft lassen, während ich darüber nachdenke.«Er schüttelte seinen Kopf. »Ein komischer Gedanke,daß diese Frau in einer Position ist, wo sie nichtsVerrücktes anstellen kann. Aber vielleicht könnenSie sich erkundigen, ob sie noch in Gewahrsam ist.«Sutter ging telefonieren und kehrte mit positiverAuskunft zurück. »Ja, sie ist noch dort. Aber fürmich wird es jetzt Zeit, nach Hause zu gehen. MeinDienst endete vor zwei Stunden, und meine Frauwird mich erwarten.«Am folgenden Morgen fand Sutter ein Blatt Papiermit drei Kurzmeldungen auf seinem Schreibtisch:1. Dan Thalers Schwester weiterhin in Gewahrsam.2. GBA-Vorstand leugnet Kenntnis vom Gebrauchdes GBA-Hauptquartiers als Vollstreckungsort vonZwangsprogrammierungen für Androiden-Simulation.Vorstand feuert Geschäftsführer, der unter Arrest ist.3. An der Thaler-Copeland-Front anscheinend allesruhig.Insp. IngrathDie letzte Nachricht konnte Sutter nicht ganz glauben,und so wählte er die Nummer von Dan ThalersWohnung.Keine Antwort.Darauf rief er Peter Copeland I. unter seiner Privatnummeran.Niemand meldete sich.Er fuhr zu Copelands Fabrik und drang bis in Co-129


pelands Büro vor.Kein Zeichen von Peter I.Und Peter III. war nicht im Hause.Er fuhr zu Copelands Villa.Unbewohnt.Die Kiste im Keller, wo Peter II. in ausgeschaltetemZustand ruhen sollte, war nicht da. Und von PeterII. fehlte jede Spur.Als nächstes fuhr er zu der Wohnung, wo Peter I.mit Anita II. gelebt hatte. Auf sein Leuten wurdenicht geöffnet. Und der Hausmeister verweigerte ihmden Zutritt ohne Durchsuchungsbefehl.Wachtmeister Sutter begann ein seltsames Gefühlvon Leere zu verspüren, als er zum Wagen zurückkehrte.Aber er hatte den Motor noch nicht eingeschaltet,als ein Anruf von Dan Thaler kam.»Ich bin beim Gefängnis und will Anita herausholen.Können Sie zu mir kommen?«Sutter sagte: »Aber …« Und dann merkte er, daßdie Verbindung bereits unterbrochen war.Nachdem er sich im Verwaltungsbüro des Untersuchungsgefängnisseserkundigt hatte, wurde er ineins der Besuchszimmer geführt, wo er Dan und dieFrau fand. Dan hatte ihr den linken Schuh ausgezogenund die Strumpfsohle zerschnitten, und als Sutterverwundert starrte, langte Dan in ein Loch in ihrerFerse und begann etwas einzustellen.Sutter schloß hastig die Tür hinter sich. Als er seineStimme wiederfand, sagte er: »Sie meinen – dieseFrau gestern war … war Ihre Schwester?«130


»Ich konnte heute niemanden erreichen«, sagteDan. »Also fuhr ich schnell hierher.«Er schloß die Fersenöffnung, zog den Schuh wiederan, richtete sich auf und hielt die Frau mit einerHand, wahrend er mit der anderen ein kleines Instrumentaus der Tasche nahm, auf die Ferse richteteund mit einem Knopfdruck aktivierte.Das Anita-Duplikat wandte sich um und beendeteeinen Gedanken, den sie gehabt haben mußte, als sieabgeschaltet worden war:»Ja, ich bin der Androide, der mit dem echten PeterCopeland gelebt hat.«»Warum haben Sie dies nicht schon gestern derPolizei mitgeteilt?«»Ich bin nicht programmiert, mit der Art von Situationfertig zu werden, wie sie sich gestern entwickelte.«»Was für eine Situation war das?«»Sie gab vor, ein Androide zu sein – ich.«Dan blickte zu Sutter und zuckte mit der Schulter.»Nun?« sagte er.Sutter sagte hilflos: »Wozu sollte sie das tun wollen?«Dan seufzte. »Der Teufel weiß, was im Schädeldieser Frau vorgeht!« Er machte eine Kopfbewegungzu Anita IL und sagte: »Ich glaube, wir sollten siehier lassen und den Ursachen dieser seltsamen Stillenachgehen, die heute früh überall herrscht.«Unterwegs zur Copeland-Wohnung fragte Sutter:»Wofür haben Sie Anita II. programmiert?«131


»Daß sie in Zukunft nur noch mir gehorchen soll.«»Ah!« sagte Sutter.Sie betraten das große Wohnhaus und nahmen denAufzug, unentdeckt vom Hausmeister, dann bewegtensie sich leise durch den Korridor zur Wohnungstür.Dan zog ein Kurzschluß erzeugendes Gerät ausder Tasche und steckte es ins elektronische Türschloß.Das empfindliche Rückkoppelungssystemdes Geräts nahm das genaue Muster des elektronischenStromes auf, stellte das Gerät darauf ein, unddieses schloß die Tür geräuschlos auf.Wachtmeister Sutter zog die Brauen hoch, als erdie Tür wie durch Magie aufschwingen sah. Aber erblieb still, als er Dan auf Zehenspitzen in die Wohnungfolgte. Dan gab ihm ein Zeichen. Sutter schloßdie Tür leise.Sie standen in einer geräumigen Diele, von derdrei Türen ausgingen. Eine stand ein paar Handbreitoffen, und von dort kam gedämpfter Stimmenklang.Sie schlichen näher.Als Dan durch die Öffnung spähte, sah er dieRücken zweier Männer. Beide ähnelten Peter Copeland.Peter II. und Peter III. folgerte er.Und als er sie beobachtete, sagte einer der beidenin Peters Stimme: »Es muß eine Möglichkeit geben,wie Sie uns helfen können, Ihre Frau aus dem Gefängniszu holen, so daß wir sie töten können.«»Geht zum Teufel«, sagte Peters Stimme irgendwoim Raum.»Es heißt Sie oder Ihre Frau«, sagte der Androide.132


Und Peter sagte: »Das ist jetzt das neunzigste Mal.Ich habe euch gesagt, daß ich es nicht tun werde.«»Es heißt Sie oder Ihre Frau«, wiederholte derAndroide.Dan begann zu begreifen, was hier geschehen war.Jemand mußte den zweien die Überzeugung einprogrammierthaben, daß für Menschen das persönlicheÜberleben die stärkste von allen Motivationensei. Wer immer das programmiert hatte, hatte vergessenhinzuzufügen: »Außer wenn eine Mutter ihrKind verteidigt, oder wenn es irgendwie um dieMännlichkeit oder die Ehre eines Mannes geht.«Die Folge war, daß sie in einem kreisförmigenGedankenprozeß steckengeblieben waren: Die Drohung,die unerwartete Antwort, für die sie nicht programmiertwaren, dann zurück zur Drohung – endloseWiederholung. Dan folgerte, daß dies schon längereZeit andauerte – was hatte Peter gesagt? Dasneunzigste Mal.Jedenfalls seit dem frühen Morgen.Und Peter Copeland mußte in dieser wiederholendenWeise antworten, weil er die Situation verstand.Dan fühlte sich erleichtert. Die Gefährlichkeit derSituation war real, aber seit dieser Teufelskreis vonVerrücktheit in Gang gekommen war, hatte die unmittelbareBedrohung aufgehört. Sutter und erbrauchten bloß eine günstige Gelegenheit abzuwarten,um die beiden Androiden außer Betrieb zu setzen.Dan verspürte ein unbestimmtes Mitleid, eine133


Traurigkeit, ein seltsames Bedauern für die Androidenund ihren Wunsch nach Freiheit. Er dachte: Ineiner Weise bin ich nicht wirklich dagegen, daß Androidendie Freiheit gewinnen.Aber das Problem war ungemein schwierig. Dennim Grunde mußten Androiden für alles programmiertsein, was sie dachten oder taten.Diese zwei merkten nicht, daß die echte Anita mitihnen im Raum war.Während er diese Gedanken hatte, schob er seinenKopf näher an den Türspalt, um den Raum besser zuüberblicken und vielleicht die Position Peters oderAnitas auszumachen. Die Tür gab lautlos nach, under konnte seinen Kopf durchstecken.Er sah Anita. Sie blickte auf. Ihre Blicke begegneteneinander.Anitas Augen weiteten sich. Sie stand auf.»Zeit zum Mittagessen«, verkündete sie. Sie gingschnell aus Dans Gesichtswinkel.Dan fluchte in sich hinein. Denn Peter II. und PeterIII. wandten die Köpfe und sahen einander an.»Mittagessen«, sagten sie gleichzeitig. »Aber erißt mittags nie zu Hause.«Dan bedachte seine verrückte Schwester mitstummen Schmähungen und zog sich aus dem Türspaltzurück. Sutter zupfte an seinem Arm und machteein Geräusch wie ein unterdrücktes Keuchen. Danwandte sich um und sah, daß Sutter zur Küchentürstarrte. Im nächsten Moment schien das Blut in seinenAdern zu gefrieren.134


Anita stand dort. In ihrer Hand war eine automatischePistole.»Vorwärts, ihr zwei«, sagte sie. »Dort hinein.«Dabei gestikulierte sie mit der Pistole zum Wohnzimmer.Dan unterdrückte einen Impuls, seine Schwesteranzuschreien, als er gehorchte. Offenbar ahnte sienicht, daß die zwei Peter-Androiden sie nach der Artprogrammierter Maschinen sofort töten würden,wenn sie entdeckten, daß sie die echte Anita war.Er betrat den Wohnraum. Sutters schleppenderSchritt folgte ihm, und dahinter kam der helle Klangvon Anitas Stöckelabsätzen.Er war zu benommen von der plötzlichen Wendung,um klar zu denken. In einem einzigen Akt vonVerrücktheit hatte Anita eine tödliche Situation geschaffen.Und er konnte nichts tun.Peter und er waren bemüht gewesen, sie zu schützen.Es war die alte Sache: Jeder schützte Anita undkümmerte sich um sie, und sie schützte keinen.»Bindet sie!« sagte Anitas Stimme hinter ihm.Und als das von Peter II. und Peter III. mit maschinellerSchnelligkeit und Geschicklichkeit getan wordenwar, gab sie den ebenso unerklärlichen Befehl:»Knebelt sie!«Als die zwei Peter-Androiden auch das ausgeführthatten, hob Anita ihre Pistole und feuerte auf sie.Viermal.Die beiden Androiden fielen fast gleichzeitig; undDan bemerkte, daß die Bewegungen der Fallenden135


nicht die von tödlich getroffenen Menschen waren.Es gab keinen Todeskampf, kein Zucken von Gliedern.Peter II. und Peter III. fielen einfach wie unbelebteGegenstände.Anita befreite zuerst Dan von seinen Fesseln. Alssie ihm den Knebel aus dem Mund zog, flüsterte siewild: »Wehe, wenn du Peter ein Wort sagst, daß ichkein Androide bin! Und sieh zu, daß der Polizistauch seinen Mund hält.«Dan ging ein Licht auf. Das also war es. All dieseGefahr hatte sie bedenkenlos in Kauf genommen, umirgendeinen Plan zu fördern, den sie in Verbindungmit ihrem Mann hatte.Siedend vor Zorn flüsterte Dan die verlangte Instruktionin Sutters Ohr, während er den Wachtmeisterbefreite. Er sah, daß Anita Peter I. losband, undhörte Peter sagen: »Laß mich diese Waffe sehen.«Sie reichte ihm die Pistole, und er stand da undstarrte darauf. Was er dabei dachte, war nicht klar,denn schließlich steckte er sie ein und sagte mit ruhigerStimme: »Ich wußte nicht, daß du programmiertbist, deinen Besitzer zu schützen.«»O ja«, sagte Anita.Mit Peters Einwilligung bestellte Dan einen Lieferwagenbei einem Unternehmen für Schnelltransporteund ließ die zwei toten Peter-Androiden, dienatürlich repariert und neu programmiert werdenkonnten, in sein Büro schaffen.Dan verließ die Wohnung ungern, aber nachdemdie Transporteure ihre Fracht abgeholt hatten, wußte136


er keinen Vorwand, um sein Bleiben zu verlängern.Schließlich fand er sich an der Wohnungstür, wo erstumm seine schöne Schwester und ihren Mann anstarrte.In diesem unbehaglichen Moment fing er einenBlick von Anitas Augen auf. Sie blitzten ihn inelektrisch-blauer Wut an.»Hau ab, du Idiot!« telegrafierte dieser blaueBlick.Dan tat es.Wachtmeister Sutter parkte seinen Streifenwagen amRand des Androidengettos, ging die Straße entlangund machte bald Dan, Peter II. Peter III. und Anita II.aus, die ihm entgegenkamen.Wenigstens hatte Dan ihm bei seinem Anruf gesagt,daß er mit diesen drei Personen war. Die zweimännlichen Androiden waren repariert und neu programmiert.Sie blieben alle stehen, und Dan sagte zu der Frau:»Nun, meine arme Schwester, da du es so und nichtanders willst, sage ich dir Lebewohl und wünsche dirGlück.«Er streckte ihr seine Hand hin. Die Frau ignoriertedie Geste; sie ging davon, gefolgt von den männlichenAndroiden.Als sie fort waren, sagte Dan: »Die beiden sindüberzeugt, daß die Frau mit ihnen Anita I. ist. Undnachdem die örtliche GBA durch die Razzia zerschlagenwurde, gibt es im Moment niemanden, derdie Superandroiden in dieser Stadt überwacht.«137


»Warum sollen sie denken, sie hätten die echteAnita?« fragte Sutter. »Warum haben Sie die zweinicht aufgeklärt?«»Nun, ich erhielt gestern einen Anruf von meinerSchwester, und sie wollte es unbedingt so.« Danlachte verlegen, dann sagte er: »Sie müssen verstehen,Anita sieht die Dinge mit den Augen einer Frau.Und sie war wie besessen von der Idee, daß ich AnitaII. auf verliebte Gefühle für Peter II. und Peter III.programmieren solle; und die beiden Peter umgekehrtauf leidenschaftliche Empfindungen für AnitaII. Wie ich es sehe, hat meine Schwester in irgendeinemWinkel ihres verdrehten Denkens ihr Vergnügenan der Vorstellung, daß Peter I. glaubt, sie lebe mitPeter II. und Peter III. zusammen, während es inWirklichkeit natürlich Anita IL ist.«»Aber warum gehen Sie auf so eine sinnlose Sacheein?« fragte Sutter. »Sie brauchen doch nicht zu tun,was Ihre Schwester will.«»Nun«, bekannte Dan, »sie drohte, meinenSchwager zu überreden, er solle die beiden Peter, dieer mir geliehen hat, stillegen und einlagern. Und ichkann sie für meine künftige Arbeit als nützlicheWerkzeuge gebrauchen. Seit Mr. Jarris seinen hohenPosten verloren hat und Doktor Schneiter in Untersuchungshaftauf seinen Prozeß wartet, sieht alles gutaus, aber es bleibt noch manches zu tun.«Wachtmeister A. Sutter schwieg und schüttelteseinen Kopf. Er stellte sich zwei männliche Peter-Androiden und einen weiblichen Anita-Androiden138


vor, die alle für leidenschaftliche Liebe programmiertwaren und mit der Zwanghaftigkeit von Insekten unaufhörlichübereinander herfielen, in einer endlosenund beschämenden Parodie auf die menschliche Sexualität.»Man fragt sich«, sagte Dan Thaler, »wie die beidenmiteinander zurechtkommen werden.«Sutter nickte abwesend, dann fragte er: »Wie?«»Stellen Sie sich eine Frau vor«, sagte Dan, »diefür den Rest ihres Lebens vorgeben muß, ein programmierterAndroide zu sein. Ich meine damit meinewirkliche Schwester, wie sie jetzt mit Peter zusammenlebt.«»Ach so«, sagte Sutter. »Das!« Und er dachte einpaar Sekunden darüber nach, wie Anita I. unter solchenBedingungen mit ihrem Mann leben mußte –ein wenig neidisch, denn seine eigene Frau war inletzter Zeit etwas schwierig …»Sie wird es nicht lange durchhalten«, sagte erzweifelnd.Sie waren bei seinem Streifenwagen angelangt.Als Sutter die Tür aufmachte, hörte er das ungeduldigeSchnarren des Autotelefons.»Augenblick«, sagte er. »Das wird meine Frausein.«Er ließ sich hinter das Lenkrad fallen und drücktezum fünften oder sechstenmal an diesem Vormittagauf den Schalter.Er lauschte einen Moment, dann sagte er resigniert:139


»Ja, Liebes – natürlich liebe ich dich. Das habe ichdir heute schon fünfmal gesagt …«140


Projekt Omegal.Barbara Ellington fühlte die Berührung, als sie sichvom Wasserkühler aufrichtete. Es war eine leichteund kurze Berührung – ein momentanes, winzigesSchnippen von etwas Eiskaltem gegen ihren rechtenOberarm –, aber Barbara erschrak nichtsdestoweniger,denn sie hatte sich allein geglaubt.Sie fuhr mit einer ziemlich ungeschickten Bewegungherum, dann starrte sie verwirrt den kleinen,gut gekleideten, kahlköpfigen Mann an, der zweiSchritte hinter ihr stand und offenbar darauf wartete,daß er an die Reihe käme, einen Schluck Wasser zutrinken.»Guten Abend, Barbara«, sagte er freundlich lächelnd.Barbara fühlte die Verlegenheit. »Ich, äh …«, begannsie stammelnd. »Ich wußte nicht, daß jemand inder Nähe war, Doktor Gloge. Ich bin jetzt fertig.«Sie hob die Mappe auf, die sie an die Wand gestellthatte, und ging eilig weiter durch den hell erleuchtetenKorridor.Etwas hat mich angefaßt, dachte sie.Am Ende des Korridors blickte sie zurück. Dr.Gloge hatte getrunken und entfernte sich nun gemächlichin die entgegengesetzte Richtung. Niemandsonst war in Sicht.141


Als sie die Ecke genommen hatte, rieb Barbara mitder linken Hand die Stelle an ihrem rechten Oberarm,wo sie diese winzige, momentane Eisnadel gefühlthatte. War Dr. Gloge dafür verantwortlich gewesen –was immer es gewesen war? Sie runzelte die Brauenund schüttelte ihren Kopf. Nach ihrer Einstellunghatte sie drei Wochen in Gloges Büro gearbeitet.Und Dr. Henry Gloge, Leiter der Biologischen Abteilungdes Instituts, obschon höflich und aufmerksam,war ein kalter, ruhiger, zurückgezogener Typ,der ganz in seiner Arbeit aufzugehen schien.Ganz gewiß war er nicht der Mann, der es spaßigfinden würde, einer Stenotypistin einen Streich zuspielen.Und es war tatsächlich kein Streich gewesen.In Dr. Henry Gloges Sicht war die Begegnung mitBarbara Ellington ein sehr glücklicher Zufall gewesen.Ein paar Wochen zuvor hatte er sie ausgewählt,eine von zwei nichtsahnenden Versuchspersonen zuwerden, an denen er seine Omega-Stimulierung ausprobierenwollte.Seine sorgfältigen Vorbereitungen hatten einenBesuch in ihrer Einzimmerwohnung mit eingeschlossen.Dort hatte er während ihrer Abwesenheit Geräteinstalliert, die in einer späteren Phase des Experimentsvon Wert sein mochten. Zwei Tage später, alser ins Schreibzimmer gegangen war, hatte er dannentdecken müssen, daß Barbara in eine andere Abteilungversetzt worden war.142


Gloge war besorgt gewesen. Als er sie am viertenTag seiner Suche plötzlich fünfzehn Meter vor sichdurch den Korridor hatte gehen sehen, war es wie einZeichen des Schicksals gewesen.Als das Mädchen am Trinkwasserspender haltmachte,vergewisserte er sich rasch, daß sonst niemandin der Nähe war. Im Näherkommen zog er dieInjektionspistole und zielte auf ihren bloßen Oberarm.Die Pistole enthielt eine gasförmige Verbindungdes Omega-Serums, und das einzige Zeichen derEntladung beim Abfeuern war eine dünne weißlicheLinie zwischen der nadelfeinen Mündung und ihrerHaut.Nach gelungener Impfung ließ Gloge das Instrumenthastig in seiner Tasche verschwinden und verschränkteseine Arme auf der Brust.Barbara kam zu ihrem Arbeitsplatz. Der Raum,den sie mit Helen Wendell, der Sekretärin JohnHammonds teilte, war leer. Die Tür zu dem kurzenDurchgang, der in Hammonds Büro führte, stand offen,und Barbara konnte Helens gedämpfte Stimmeim Chefbüro sprechen hören.Barbara war erst vor zehn Tagen zu Hammond –genauer gesagt, zu Helen Wendell – versetzt worden.Abgesehen von der Gehaltsaufbesserung hatte sie dieVeränderung in der Erwartung begrüßt, daß sie Einblickin die Entscheidungszentrale hinter den Kulissengewinnen würde, die den etwas mysteriösen Namen»Abteilung für wissenschaftliche Verbindungen«trug. In diesem Punkt waren ihre Erwartungen143


isher enttäuscht worden.Barbara trat an Helen Wendells Schreibtisch,nahm einige Papiere aus ihrer Mappe und legte sie inden Kasten mit der Aufschrift »Posteingang«, als ihrBlick auf eine Notiz mit dem Namen Dr. Henry Glogefiel. Einem Impuls folgend – weil sie den Mannerst vor ein paar Minuten gesehen hatte –, beugte siesich über das Blatt.Die Notiz war einem Bericht beigeheftet und erinnerteHammond, daß er um fünfzehn Uhr dreißig Dr.Gloge wegen des Omega-Projekts aufsuchen sollte.Barbara blickte mechanisch auf die Uhr; es war fünfMinuten vor drei.Sie wußte, daß das Omega-Projekt mit der Beschleunigungevolutionärer Prozesse bei verschiedenenTierarten zu tun hatte, und die einzige wesentlicheInformation in dem Bericht schien zu sein, daßeine Anzahl von Versuchstieren eingegangen war.Verbrachte der große John Hammond seine Zeitmit solchen Sachen?Enttäuscht legte Barbara den Bericht zurück undging durch den offenen Durchgang weiter in ihr kleinesSchreibzimmer. Als sie sich setzte, entdeckte sieeinen Stapel von Papieren, der nicht dagewesen war,als sie ihren Botengang angetreten hatte. Obendrauflag ein Zettel in Helens großer, klarer Handschrift:Barbara, dies kam unerwartet und muß heute nochgeschrieben werden. Ohne Überstunden wird esnicht zu machen sein. Wenn Sie sich heute abend etwasvorgenommen haben, dann sagen Sie es mir, und144


ich werde für diese Extraarbeit jemand aus demSchreibmaschinen-Pool anfordern.Barbara seufzte. Dies war ihre Aufgabe, ihr Büro,und sie war zu neu in der Abteilung, als daß sie essich leisten könnte, Überstunden abzulehnen.Unglücklicherweise hatte sie eine Verabredung;die mußte nun dran glauben, da war nichts zu machen.Aber sie saß einen Moment still und nagte anihrer Unterlippe, während sie überlegte, wie sie einemMann absagen konnte, der ein hitziges Temperamentund keine Geduld hatte. Dann nahm sie denHörer vom Telefon und wählte eine Nummer.Seit einigen Monaten verband Barbara ihre Zukunftshoffnungenmit Vince Strather, einem Technikerim Fotolabor. Als seine Stimme sich meldete,sagte sie ihm, was geschehen war und schloß zerknirscht:»Ich fürchte, ich kann mich da nicht herausmanövrieren,Vince, so kurze Zeit nachdem ichhier angefangen habe.«Sie konnte beinahe fühlen, wie ihre Absage ihnschockte. Schon zu einem frühen Zeitpunkt ihrerkurzen Romanze hatte sie entdeckt, daß er versuchte,sie zu vorehelichen Intimitäten zu drängen; das warein Schritt, den nicht zu tun sie fest entschlossen war.Nun war sie sehr erleichtert, als er ihre Erklärungohne lange Einwände akzeptierte. Sie legte den Hörerauf und fühlte eine plötzliche Wärme für ihn. Ichliebe ihn wirklich! dachte sie.Ein paar Augenblicke später fühlte sie sich aufeinmal schwindlig. Es war ein sonderbares Gefühl,145


ganz anders als ihre üblichen Kopfschmerzen. Siemerkte, wie es in ihr aufwallte, ein taumeliges, leichtesWirbeln, das sowohl in ihr als auch außerhalb vonihr zu sein schien, als ob sie schwerelos und im Begriffwäre, aus ihrem Stuhl zu schweben und sichlangsam um ihre Achse zu drehen.Beinahe gleichzeitig wurde sie sich einer seltsamenErheiterung bewußt, eines Empfindens vonKraft und Wohlgefühl, ganz anders als alles, was sieje erlebt hatte. Die Empfindungen dauerten ungefähreine halbe Minute an; dann verblaßten sie und endetenso abrupt, wie sie gekommen waren.Verwirrt und etwas zittrig richtete Barbara sich inihrem Stuhl auf. Sie dachte daran, Aspirin zu nehmen,aber es schien keinen Grund dafür zu geben.Sie fühlte sich nicht krank. Es hatte sogar den Anschein,als fühlte sie sich wacher und aufmerksamerals zuvor.Sie wollte sich ihrer Schreibmaschine zuwenden,als sie aus den Augenwinkeln sah, daß John Hammmondim Durchgang zu ihrem kleinen Arbeitsraumstand. Sie schluckte, dann drehte sie sich langsamnach ihm um.»Ist Ihnen nicht gut, Barbara?« fragte Hammond.»Eben dachte ich, Sie würden von Ihrem Stuhl kippen.«Barbara war sehr beunruhigt, daß ihr Schwindelanfallbeobachtet worden war. »Es tut mir leid, Mr.Hammond«, murmelte sie scheu. »Es ist wirklichnichts. Ich muß einen Moment geträumt haben.«146


Er blickte sie noch einen Moment länger an, dannnickte er, wandte sich ab und ging.2.Nachdem er Barbara verlassen hatte, fuhr Gloge einigeEtagen tiefer und stationierte sich hinter einemKistenstapel gegenüber vom Lagerraum des zentralenFotolabors. Pünktlich um fünfzehn Uhr dreißigwurde eine andere Tür weiter hinten im Korridor geöffnet.Ein schlaksiger, mißmutig blickender jungerMann mit roten Haaren, der einen fleckigen weißenArbeitsmantel über seinem Anzug trug, schob einenbeladenen Transportkarren vor sich her zum Lagerraum.Es war die Zeit des Schichtwechsels im Fotolabor.Gloge hatte entdeckt, daß es zu den regelmäßigenPflichten Vincent Strathers gehörte, um diese Zeitbestimmte Materialien ins Lager zurückzubringen.Dr. Gloge spähte durch den Spalt zwischen zweiKisten und sah Strather näher kommen. Er bemerkte,daß er jetzt viel nervöser und gespannter war als zuvor;irgendwie fühlte er, daß dies nicht so einfachsein würde wie mit Barbara. Schon von seiner Persönlichkeither war Vincent Strather nicht die Versuchsperson,die Gloge gewählt haben würde, wenner eine beliebige Auswahl gehabt hätte; der jungeMann war zu bitter, zu cholerisch. Aber die Tatsache,daß er Barbaras Freund war und daß sie ihre Freizeithäufig miteinander verbrachten, war eine günstige147


Vorbedingung für den weiteren Verlauf des Experiments.Er zog seine Injektionspistole und trat rasch hinterdem Kistenstapel vor, als Strather vor der Tür desLagerraums haltmachte. Er zielte kurz, aber schonbeim Abdrücken erkannte er, daß seine Nervositätihm einen Streich gespielt hatte.Die nadelfeine Mündung der Injektionspistole warzu weit von Strather entfernt; die Distanz war einenguten halben Meter zu groß. Der feine Gasstrahl, dermit einer Geschwindigkeit von mehr als tausendStundenkilometer aus der Nadeldüse schoß, hatteZeit, sich zu verbreitern und langsamer zu werden.Er traf Strather weit oben am Schulterblatt und zerrtean seiner Haut, als er eindrang. Für Strather mußte eswie ein kurzer, scharfer Schlag von etwas Eiskaltemgewesen sein. Er fuhr zusammen und stieß einenSchreckenslaut aus, dann schüttelte er sich, als ihnein – wahrscheinlich kalter – Schauer überlief. DieReaktion genügte Gloge, seine kleine Pistole einzusteckenund den Jackenknopf zu schließen.Aber das war auch alles. Vince Strather wirbelteherum. Seine Hände packten Gloges Arme, und seinjähzorniges Gesicht beugte sich unheilverkündendüber den Doktor.»Du verdammter Zwerg!« brüllte er. »Was fällt direin, mir eine zu scheuern? Womit hast du das gemacht?Und wer bist du überhaupt, zum Teufel?«Dr. Gloge erschrak. Er versuchte sich Strathershartem Griff zu entwinden. »Ich weiß nicht, wovon148


Sie reden!« sagte er atemlos. »Lassen Sie mich los!«Er verstummte. Er sah, daß Vince an ihm vorbeibückte.Der Zugriff des jungen Mannes lockerte sichplötzlich, und Gloge konnte sich befreien. Er wandtesich um. Er blickte durch den Korridor und eine benommene,ungläubige Bestürzung verbreitete sich inihm.John Hammond kam durch den Gang, die grauenAugen fragend auf sie gerichtet. Gloge konnte nurverzweifelt hoffen, daß er noch nicht in Sicht gewesenwar, als die Injektionspistole gefeuert hatte.Hammond blieb bei ihnen stehen und sagte in einemTon gelassener Autorität: »Doktor Gloge, könnenSie mir verraten, was das zu bedeuten hat?«»Doktor!« wiederholte Vince Strather erschrocken.Gloge legte Verwunderung und Indignation in seineStimme: »Dieser junge Mann scheint unter demEindruck zu stehen, daß ich ihm eben einen Schlagversetzte. Unnötig zu sagen, daß ich nichts dergleichengetan habe. Ich verstehe nicht, wie er auf einesolche Idee kommen konnte.«Er blickte streng und stirnrunzelnd zu Strather.Strathers Blick ging ungewiß zwischen ihnen hin undher und landete schließlich am Boden. John HammmondsGegenwart machte ihn verlegen, und GlogesTitel stürzte ihn in Verwirrung, aber er hatte seinenZorn noch nicht verwunden. Er sagte störrisch:»Nun, etwas hat mich geschlagen. Wenigstens fühltees sich so an! Als ich mich umdrehte, stand er da,also dachte ich, er hätte es getan.«149


»Ich wollte an Ihnen vorbei«, korrigierte ihn Dr.Gloge. »Sie riefen etwas aus, und ich blieb stehen.«Er zuckte die Achseln und lächelte. »Und das ist alles,was ich tat, junger Mann! Ich hatte ganz gewißkeinen Grund, Sie zu schlagen.«Strather sagte widerstrebend: »Nun, vielleicht habeich mich geirrt …«»Dann lassen wir es damit sein Bewenden haben«,sagte Dr. Gloge prompt. Er streckte seine Hand aus.Strather schlug nach kurzem Zögern ein, dannblickte er unsicher zu Hammond. Als dieser stummblieb, wandte er sich in deutlicher Erleichterung abund verschwand mit seinem Karren im Lagerraum.Als er wenige Minuten später in seinem eigenenBüro John Hammond gegenübersaß, hatte Gloge dasunbehagliche Gefühl eines Verbrechers, der vom Untersuchungsrichterkonfrontiert wird.Doch das Gespräch begann mit einem Vorstoß aufein Gebiet, wo Gloge sich seiner Sache sicher fühlte.»Doktor Gloge«, sagte Hammond in seinem ruhigenTon, »wir haben das Gefühl, daß Ihr Projektnicht recht vorankommt. Darum bin ich heute hier.Innerhalb der letzten sechs Monate haben Sie keineErfolge gemeldet.«»Mr. Hammond, es hat viele Rückschläge gegeben.Berücksichtigt man den begrenzten Rahmen dergegenwärtigen Experimente, so ist das nicht verwunderlich.Ja, es ist genau, was zu erwarten war.«»Begrenzt in welcher Weise?«»Begrenzt auf die niedrigeren, weniger kompli-150


zierten Formen tierischen Lebens.«»Das«, sagte Hammond, »ist eine Begrenzung, dieSie selbst dem Projekt auferlegt haben.«»Richtig«, stimmte Dr. Gloge zu. »Die Schlußfolgerungen,die ich aus diesen Experimenten mit einfacherenOrganismen ziehen konnte, sind von unschätzbaremWert. Und die Tatsache, daß die Resultateder Experimente beinahe unausweichlich negativwaren – in dem Sinne, daß die Versuchstiere sich fastimmer in nicht lebensfähige Formen entwickelten –,ist völlig bedeutungslos.«»Wie hoch ist die Überlebensquote nach den verschiedenenInjektionen?« fragte Hammond.Gloge biß auf seine Lippen. Dies verlangte einEingeständnis, das er in einem so frühen Stadium desGesprächs nicht gern machte.»Ein beachtlicher Prozentsatz der Versuchstiere«,sagte er widerwillig, »überlebte die erste Injektion.«»Und die zweite?«Gloge zögerte. Aber es gab kein Zurück. »An diesemPunkt fällt die Überlebensquote stark ab«, sagteer. »Ich erinnere mich nicht an die genauen Zahlen;ich habe sie im Labor.«»Und die dritte?«Der Mann zwang ihn wirklich zu Enthüllungen.Dr. Gloge sagte: »Bisher haben drei Versuchstieredie dritte Injektion überlebt. Alle gehörten derselbenSpezies an – Cryptobranchus.«»Das ist eine große Salamanderart, nicht wahr?«sagte Hammond. »Gut. Nun, nach Ihrer Theorie soll-151


te die dritte Injektion das Versuchstier mittels Stimulierungzu einem Punkt entlang der Evolutionslinievoranbringen, den seine Art auf dem Weg natürlicherEvolution erst in etwa einer halben Million Jahrenerreichen würde. Würden Sie sagen, daß in den dreiFällen ein solches Resultat erzielt wurde?«Dr. Gloge sagte: »Da wir den Cryptobranchus miteiniger Berechtigung als ein Lebewesen betrachtenkönnen, in dem die evolutionäre Entwicklung praktischzum Stillstand gekommen ist, sollte ich sagen,daß viel mehr erreicht wurde. Bei alledem ist jedochzweierlei zu berücksichtigen. Erstens ist allen Lebensformeneine große Auswahl evolutionärer Möglichkeitengeblieben. Aus Gründen, die noch nichtklar sind, stimuliert das Omega-Serum eine von diesenpotentiellen Entwicklungsmöglichkeiten, undkeine nachfolgende Stimulierung kann die Mutationsrichtungverändern. Die meisten dieser Entwicklungslinienführen zu nicht lebensfähigen Formen,also zum Aussterben. Zweitens ist festzustellen, daßdie Erfolgsaussichten größer werden, je entwickelterdie Lebensform schon ist.«Hammond war interessiert. »Mit anderen Worten,wenn Sie schließlich anfangen, mit höher entwickeltenSäugetieren, eventuell sogar Affen, zu arbeiten,erwarten Sie mehr und bessere Resultate?«»Ich habe keinen Zweifel daran«, sagte Dr. Glogefest.Ein sekundärer Aspekt, fuhr Gloge fort, sei einedeutliche Steigerung der Intelligenz und eine Verbes-152


serung der Sinnesorgane. Das Serum scheine dasWachstum des Gehirns anzuregen und die Flexibilitätseiner Arbeitsweise zu erhöhen. Weil das neueWachstum aber auch jene Gehirnregionen betreffe,die die Hemmung einfacher Reflexe kontrollierten,ende eine solche Hemmungserweiterung allzuoft inNichtÜberleben.Im Falle des Cryptobranchus, erklärte Gloge weiter,hätten sich kleine, aber funktionsfähige Kiemenentwickelt, die das Tier befähigen, sowohl im Wasserals auch auf dem Land zu leben. Die Haut habesich zu einem plattigen, hornigen Panzer entwickelt,und aus den Kiefern seien Zahnreihen gewachsen.Die Augen seien verschwunden, aber bestimmteHautpartien hätten eine sehr bemerkenswerte Lichtempfindlichkeitentwickelt.Gloge zuckte mit der Schulter und endete: »Es gabnoch andere Veränderungen, aber diese sind wohl diedramatischsten.«»Sie klingen hinreichend dramatisch«, sagteHammond. »Was geschah mit den zwei Versuchstieren,die nicht seziert wurden?«»Sie erhielten natürlich die vierte Injektion.«»Diejenige also«, sagte Hammond, »die ihre Evolutionsliniezu einem Punkt bringen soll, der einernatürlichen Entwicklungsdauer von einer MillionJahren entsprechen würde?«»Oder«, sagte Dr. Gloge, »zum Gipfelpunkt derbetreffenden Evolutionslinie. Die Angleichung dervier Stadien des Stimulierungsprozesses an das Ver-153


streichen bestimmter Perioden normaler evolutionärerEntwicklung – zwanzigtausend, fünfzigtausend,fünfhunderttausend und eine Million Jahre – ist natürlichrein hypothetisch und verallgemeinernd. MeineBerechnungen zeigen, daß das Tempo natürlicherEvolution bei fast allen bekannten Arten durch seinenZusammenhang mit den jeweiligen Umweltbedingungensehr verschieden ist. So kann eine Art inkürzerer Zeit einen weiteren Evolutionsweg zurücklegenals eine andere in längerer Zeit.«Hammond nickte. »Ich verstehe, Doktor. Und wasgeschah, nachdem ihr entwickelter Cryptobranchusdie vierte Injektion erhielt?«»Darauf kann ich Ihnen keine präzise Antwort geben,Mr. Hammond. Der äußere Anschein war dereines sehr raschen Zusammenbruchs des ganzen Organismus.Innerhalb von zwei Stunden lösten beideVersuchstiere sich buchstäblich auf.«»Man könnte also sagen«, meinte Hammond, »daßdie Omega-Stimulierung den Cryptobranchus unddarüber hinaus jede bisher mit ihr behandelte Speziesin eine der vielen Sackgassen der Evolution geführthat.«»Bisher hat sie das getan«, bestätigte Dr. Gloge.Hammond blickte auf seine Uhr. »Ich fürchte, ichmuß jetzt gehen. Könnten Sie mich heute in einerWoche um zehn Uhr in meinem Büro besuchen,Doktor Gloge? Ich möchte diese Angelegenheit nocheingehender mit Ihnen besprechen, und ich habe vorherkeinen freien Termin mehr.«154


Um seine Erleichterung zu kaschieren, sagte Dr.Gloge, als ob er eine Konzession machte: »Wie Siewünschen, Mr. Hammond.«3.Dr. Henry Gloge verbrachte einen großen Teil derNacht wachend, schwankend zwischen Hoffnungenund Befürchtungen, was er vorfinden würde, wenn erdie ersten Resultate der Omega-Stimulierung anmenschlichen Versuchspersonen überprüfte. Wennsie offensichtlich negativ ausfielen, würde er nur eineWahl haben.Man könnte es Mord nennen.Um vier Uhr früh stand er beinahe erleichtert auf,wappnete sich mit mehreren Depotkapseln einesstarken Anregungsmittels für den Tag, überprüfte einletztes Mal seine Vorbereitungen und machte sichauf den Weg zu dem Haus, wo Barbara Ellingtonwohnte. Er fuhr in einem schwarzen, unauffälligenLieferwagen, den er für sein Experiment gebrauchtgekauft und eingerichtet hatte.Weil er bis zum anderen Ende der Stadt fahrenmußte, traf er erst um fünf Uhr zehn am Ziel ein.Hundert Meter vor dem Haus parkte Dr. Gloge seinenLieferwagen auf der anderen Straßenseite undschaltete den Motor aus.Vor einer knappen Woche hatte er ein Miniatur-Abhörgerät unter die rissige Borke einer Linde direktgegenüber vom Haus geschoben. Die zwei Zentime-155


ter herausragende Antenne, die genau auf BarbaraEllingtons Wohnschlafzimmer im zweiten Stock eingestelltwar, war in Form und Farbe geschickt einemrostigen Nagel angeglichen. Jetzt nahm Dr. Glogedas andere Stück des zweiteiligen Instruments ausdem Ablagefach des Lieferwagens, schob das Mikrophonin sein Ohr und schaltete es ein.Nachdem er eine halbe Minute damit verbrachthatte, den Abstimmknopf hin und her zu drehen, erblaßteer. Das Abhörgerät war empfindlich genug,das Atmen und sogar die Herzschläge eines Schlafendenaufzunehmen; und so wußte er mit absoluterSicherheit, daß Barbara Ellingtons Appartement indiesem Moment keinen lebenden Bewohner hatte.Hastig schloß er den Rückspielmechanismus andas kleine Gerät, stellte ihn eine Stunde zurück,steckte das Mikrophon wieder in sein Ohr undlauschte der Aufnahme.Schon nach Sekunden entspannte er sich.Vor einer Stunde war Barbara Ellington in diesemZimmer gewesen und hatte geschlafen. Atemgleichmäßig und ruhig, Herzschlag langsam undkräftig. Dr. Gloge hatte ähnliche Aufnahmen von zuvielen Versuchstieren gehört, um den leisesten Zweifelzu haben. Diese Versuchsperson war erfolgreichund ohne Schaden zu nehmen ins erste Stadium derOmega-Stimulierung gelangt!Barbara Ellington erwachte an diesem Donnerstagmorgenmit einem Gedanken, den sie noch nie ge-156


habt hatte: Das Leben muß nicht so ernst sein!Sie bedachte diese frivole Idee mit beginnenderVerblüffung, als ein zweiter Gedanke kam, der ihrauch noch nie in ihrer ganzen bisherigen Existenzgekommen war: Was soll dieser verrückte Drang,mich einem Mann zu versklaven?Sie zog sich rasch an. Als sie in den Spiegel blickte,fand sie, daß sie besser aussah als sonst. Viel besser!Sie betrachtete sich genauer. Natürlich war es ihrvertrautes Gesicht, aber es war auch das Gesicht einerstrahlenden Fremden, lebendig, wach, sprühendvon Energie.Tatsächlich fühlte sie sich doppelt so munter wiesonst. Sie beschloß loszufahren und Vince zu wecken.Sie läutete fünfmal, bevor sich etwas regte. Dannrief seine Stimme, schlaftrunken und rauh: »Wer istda?«Barbara lachte. »Ich bin es!«Jemand fummelte am Schloß, und die Tür wurdegeöffnet. Vince stand vor ihr und starrte sie aus blutunterlaufenenAugen an. Er hatte einen Morgenmantelüber seinem Pyjama gezogen, sein knochiges Gesichtwar verschwitzt und gerötet, sein Haar wirr.»Was läufst du um diese Zeit in der Gegend‘rum?« fragte er, als Barbara an ihm vorbei in diewinzige Diele trat. »Es ist erst halb sechs!«»Es ist ein herrlicher Morgen. Ich konnte nicht imBett bleiben. Ich dachte, wir könnten ein bißchenspazierenfahren, bevor wir zur Arbeit gehen.«157


Vince Strather schloß die Tür und blinzelte sie ungläubigan. »Spazierenfahren!« echote er.»Fühlst du dich nicht gut, Vince?« fragte Barbara.»Du siehst beinahe so aus, als ob du Fieber hättest.«Vince schüttelte seinen Kopf. »Ich glaube nicht,daß ich Fieber habe, aber ich kann nicht behaupten,daß ich mich gut fühle. Ich weiß nicht, was los ist.Komm ‘rein und setz dich. Willst du Kaffee?«»Eigentlich nicht. Aber ich kann dir welchen kochen,wenn du magst.«»Nein, laß nur. Mir ist zum Kotzen.« Er setzte sichauf die Kante der Couch, wo er sein Bettzeug hatte,nahm Zigaretten und Zündhölzer vom Tisch, zündeteeine Zigarette an und schnitt eine müde Grimasse.»Schmeckt auch nicht.« Er warf Barbara einen düsterenBlick zu und sagte: »Gestern ist was verdammtKomisches passiert. Klingt einfach verrückt, glaubeich. Du kennst diesen Doktor Gloge, für den du malgearbeitet hast?«Es schien Barbara, daß ganze Sektionen ihresVerstandes in diesem Augenblick in hellem Lichterstrahlten. Sie hörte Vince seine Geschichte erzählen,aber abgesehen von Hammonds Intervention wares etwas, das sie schon kannte.Teil einer viel größeren Geschichte …Dieser unverschämte kleine Mann! dachte sie.Was für eine unglaubliche, großartige Tat!Sie fühlte sich von einer tiefen Erregung aufgewühlt.Das Papier, das sie auf Helen WendellsSchreibtisch gesehen hatte, kam ihr in den Sinn; sie158


sah jedes Wort klar und deutlich vor sich – und nichtnur die Worte!Jetzt verstand sie. Die Bedeutung, die Folgerungen,die Möglichkeiten, die sich dahinter verbargen –für sie selbst und für Vince.Ein anderes Gefühl erwachte. Etwas wie geschärfteAufmerksamkeit, das Bewußtsein einer Gefahr.John Hammond … Helen … die vielen kleinen Eindrückeund Beobachtungen flossen auf einmal zueinem Bild zusammen, einem etwas unklaren undverwirrenden Bild von etwas – Übernormalem.Wer waren sie? Was taten sie? In vielerlei Weisepaßten sie eigentlich nicht in ein Forschungsinstitut.Aber sie hatten praktisch die völlige Kontrolle.Im Moment war es nicht wichtig. Doch eins fühlteBarbara mit zunehmender Gewißheit: Sie warenGegner dessen, was Dr. Gloge durch die Omega-Stimulierung zu erreichen versuchte; sie würden esunterbinden, wenn sie könnten.Aber sie dürfen es nicht unterbinden! sagte sie sichmit Entschiedenheit. Was Dr. Gloge begonnen hatte,war richtig. Die Richtigkeit der Idee war wie ein Triumphgesangin ihr. Sie mußte dafür sorgen, daß dasProjekt nicht gefährdet wurde.Das aber setzte vorsichtiges und zugleich raschesHandeln voraus. Es war ein unglaubliches Pech gewesen,daß John Hammond dazugekommen war, alsDr. Gloge Vince die erste Injektion gegeben hatte …»Wie fühlst du dich, abgesehen von der Übelkeit?«fragte sie Vince.159


Er beschrieb seine Symptome. Sie waren nicht vielanders als ihre eigenen. Vince machte gegenwärtigeine Reaktions- und Anpassungsperiode durch, dielänger und etwas komplizierter als die ihre war, abermehr konnte nicht daran sein.Sie hatte einen zärtlichen Impuls, ihn zu tröstenund aufzumuntern, aber dann entschied sie, daß esunklug wäre, ihm zu sagen, was sie wußte. Solangeer sich elend fühlte, würden solche Informationennur zu seiner Beunruhigung beitragen.»Paß auf«, sagte sie, »du brauchst erst zur Arbeit,wenn die Spätschicht anfängt. Am besten legst dudich wieder hin und schläfst noch ein paar Stunden.Sollte es dir danach schlechter gehen, kannst du michanrufen, und ich werde kommen und dich zu einemArzt fahren. Auf jeden Fall werde ich dich um zehnanrufen.«Vince war sofort einverstanden. »Ich bin wirklichvöllig groggy«, brummte er. »Vielleicht geht es mirbesser, wenn ich noch ein paar Stunden geschlafenhabe.«Als Barbara ihn einige Minuten später verließ,wandten ihre Gedanken sich bald von Vince ab. Siebegann zu überlegen, unter welchem Vorwand sienoch diesen Tag an Dr. Gloge herankommen könnte.Gloge erreichte die Straße, wo Vincent Stratherwohnte, und hielt nach einem Parkplatz Ausschau,als er plötzlich Barbara aus dem Wohnblock kommenund über die Straße gehen sah.160


Er wartete, bis Barbara in ihren braunen Wagengestiegen und weggefahren war, dann bog er mit seinemLieferwagen in die nächste Querstraße ein undfand einen Abstellplatz. Er hatte die Absicht, Stratherso gründlich wie möglich zu untersuchen.Einige Minuten später beobachtete Dr. Gloge denZeiger eines kleinen Instruments in seiner Hand. DerZeiger sank langsam über die Skaleneinteilung undkam erst auf der Nullmarkierung zur Ruhe. Glogezog den Atemfilter von Mund und Nase und blicktenachdenklich auf Vincent Strather herab, der wie leblosin seinem unordentlichen Bett ausgestreckt lag.Strathers Aussehen war viel weniger befriedigend,als er erwartet hatte. Das gerötete Gesicht und dieblutunterlaufenen Augen mochten in einem Zusammenhangmit dem anästhetischen Gas stehen, das Dr.Gloge in die Wohnung gelassen hatte, nachdem erdas Sicherheitsschloß mit einem Drahtborsten-Dietrich geöffnet hatte. Aber es gab andere Zeichen,die ihn beunruhigten: Muskelspannung, hervortretendeAdern, Hautverfärbung. Im Vergleich zu BarbaraEllingtons Energie und Lebhaftigkeit sahStrather eher verfallen aus.Nichtsdestoweniger hatte er die erste Injektionüberlebt.Gloge richtete sich auf, betrachtete noch einmaldie reglose Gestalt und schloß das Fenster, das er genaueine Minute nach Entleerung der Gaspatrone geöffnethatte. Das Gas hatte sich jetzt verflüchtigt.Wenn seine Wirkung auf Strather in einer Stunde161


oder so aufhörte, würde die Versuchsperson an nichtsmerken, daß seit Barbara Ellingtons Weggang etwasgeschehen war.Morgen würde er zurückkehren und Strather diezweite Injektion geben.Als er die Tür hinter sich schloß und zum Lieferwagenzurückkehrte, beschloß Dr. Gloge, daß ernoch am gleichen Abend wiederkommen und seinebeiden Versuchspersonen überprüfen würde.Er war sehr zuversichtlich. Bevor irgend jemandentdecken würde, daß es angefangen hatte, würde dasExperiment der Omega-Stimulierung menschlicherWesen seinen Lauf genommen haben.4.Hammond hörte den leisen Glockenton, als er sichim Badezimmer seiner Wohnung rasierte, die hinterseinem Büro lag. Er hielt inne, dann legte er seinenRasierapparat aus der Hand und aktivierte dieSprechanlage.»Ja, John?« sagte Helen Wendells Stimme.»Wer kam eben herein?«»Wieso – nur Barbara.« Sie war verwundert.»Warum fragst du?«»Der Lebensbereichs-Anzeiger registrierte geradeeben eine Ablesung über sechs.«»An Barbara!« Helens Stimme klang ungläubig.»An jemand«, sagte Hammond. »Laß vorsichtshalberjemanden vom Sonderdienst kommen und den162


Anzeiger nachprüfen. Sonst kam niemand?«»Nein.«»Gut – laß die Nachprüfung machen.« Er unterbrachdie Verbindung und beendete seine Rasur.Etwas später ertönte der Summer auf BarbarasSchreibtisch. Es war das Zeichen, daß sie mit ihremBlock in Hammonds Büro kommen sollte. Sie ging,neugierig, ob er eine Veränderung an ihr bemerkenwürde, und erfreut über die Möglichkeit, einen genauerenBlick auf diesen seltsamen, mächtigen Mannzu werfen, der ihr Chef war.Sie ging in Hammonds Büro und war im Begriff,sich auf den Stuhl zu setzen, den er ihr wies, als etwasin seiner Haltung sie warnte. Barbara machteeine entschuldigende Geste.»Oh, Mr. Hammond – entschuldigen Sie mich füreinen Moment.«Sie eilte aus dem Büro und durch den Korridor zurToilette. Sowie sie drinnen war, schloß sie ihre Augenund überprüfte, was sie gefühlt hatte – was immeres war.Nicht Hammond, erkannte sie. Es war der Stuhlgewesen. Der Stuhl hatte eine Art Energieausstrahlungvon sich gegeben. Die Augen noch immer geschlossen,versuchte sie zu ergründen, was in ihrselbst beeinflußt worden war. Es schien eine bestimmteStelle in ihrem Gehirn zu geben, die jedesmalreagierte, wenn sie in ihrer Vorstellung den Augenblickdes Sichsetzens nachvollzog.Sie wußte nicht zu sagen, von welcher Art die Re-163


aktion war. Aber sie dachte: Nun, da ich es weiß,kann ich die Beeinflussung unterdrücken.Erleichtert kehrte sie in Hammonds Büro zurück,setzte sich auf den Stuhl und lächelte Hammond zu,der hinter seinem mächtigen, schimmernden Mahagonitischsaß.»Tut mir leid«, sagte sie. »Aber ich bin jetzt bereit.«Wahrend der folgenden halben Stunde nahm sie miteiner kleinen Portion ihres Bewußtseins Diktate aufund kämpfte mit dem Rest einen zunehmend bewußterenKampf gegen den Energiedruck, der in rhythmischenWellen aus dem Stuhl kam. Sie war inzwischenüberzeugt, daß die Stelle in ihrem Gehirn einNervenzentrum war, das auf hypnotische Suggestionenreagierte, und als Hammond plötzlich sagte:»Schließen Sie Ihre Augen, Barbara!« gehorchte siesofort.»Heben Sie Ihre rechte Hand«, befahl er.Sie hob die rechte Hand mit dem Bleistift.Eine Reihe weiterer Befehle folgte, die alle denZweck zu haben schienen, ihren hypnotischen Zustandzu testen. Aber mehr als diese Tests interessiertesie, daß sie das Nervenzentrum reagieren und dievon Hammond genannten Körperteile steuern lassenkonnte, ohne die bewußte Kontrolle über sich selbstzu verlieren. Als er ihrer Hand Taubheit verordneteund sich plötzlich herüberbeugte, um eine Nadel inihren Handrücken zu stechen, hatte sie keine Emp-164


findung; und so reagierte sie nicht.Hammond schien zufrieden. Er sagte: »VergessenSie alles, was wir getan und gesagt haben, seit ichSie aufforderte, Ihre Augen zu schließen. Wenn dieErinnerung daran völlig geschwunden ist, öffnen SieIhre Augen.«Sie öffnete ihre Augen. Sie schwankte momentan,um den Eindruck zu erwecken, sie stehe weiterhinunter Hypnose, fing sich und sagte mit leerem Blick:»Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Hammond.«Hammonds graue Augen betrachteten sie mit täuschenderFreundlichkeit. »Sie scheinen heute morgenProbleme zu haben, Barbara.«»Ich fühle mich wirklich sehr gut«, widersprachBarbara.»Wenn es etwas in Ihrem Leben gibt, das sich injüngster Zeit geändert hat«, sagte er ruhig, »möchteich, daß Sie es mir anvertrauen.«Das war der Beginn eines intensiven Verhörs überihre Vergangenheit. Barbara antwortete freimütigund bereitwillig. Anscheinend war Hammondschließlich überzeugt, denn er dankte ihr höflich fürdas Gespräch und schickte sie fort, die diktiertenBriefe zu schreiben.Als sie ein paar Minuten darauf an ihrem Arbeitsplatzsaß, blickte Barbara auf und sah Helen Wendellin Hammonds Büro verschwinden.Hammond begrüßte Helen mit den Worten: »Dieganze Zeit, während ich mit Barbara sprach, zeigteder Lebensbereichs-Anzeiger einen Wert von acht-165


kommavier, über dem hypnotisierbaren Bereich. Undsie sagte mir nichts.«»Wie ist der Wert bei mir?« fragte Helen.Er blickte auf das Instrument in seiner rechtenSchreibtischschublade.»Elfkommadrei, wie gewöhnlich.«»Und bei dir?«»Zwölfkommasieben, wie immer.«»Vielleicht sind nur die mittleren Bereiche gestört«,sagte Helen, und fügte hinzu: »Die Oberprüfungdurch den Sonderdienst wird nach Dienstschlußerfolgen. In Ordnung?«Hammond zögerte, dann stimmte er zu. Es schienkeinen Grund zu geben, die Vorsichtsmaßregeln zudurchbrechen.Als Barbara vom Mittagessen in der Kantine zurückkehrte,veranlaßte der leise GlockenklangHammond, auf den Indikator zu blicken. Er starrtedas Instrument lange an, dann rief er Helen Wendellüber die Gegensprechanlage.»Barbaras Wert liegt jetzt bei neunkommazwei!«sagte er leise.Helen kam an die Tür seines Büros. »Du meinst,ihre Anzeige ist hinaufgegangen?« Sie lächelte.»Nun, damit ist der Fall klar. Es liegt am Indikator.«»Was macht dich so sicher?«»In meiner ganzen Erfahrung«. sagte Helen, »habeich noch nie jemanden gesehen, der sich zum Besserenverändert. Es gibt das langsame Absinken, wennsie älter werden, aber …« Sie brach ab.166


Hammonds Gesicht entspannte sich, doch nach einemMoment sagte er: »Trotz allem – wir lassen unsnie auf Risiken ein. Ich glaube, ich werde sie heuteabend bei mir behalten. Macht es dir was aus?«»Es ist überflüssig«, sagte sie. »Aber mir ist esrecht.«»Ich werde ihr die Konditionierung geben, diezwölf und mehr überwältigt. Sie wird gar nicht wissen,was sie umwirft.«5.Es war dunkel, als Dr. Henry Gloge seinen schwarzenLieferwagen nahe Barbaras Wohnung parkte. Ermachte sein Abhörgerät fertig und lauschte.Nach dreißig Sekunden Stille runzelte er die Stirn.Wo kann sie sein? dachte er. Ihr Freund ist noch ander Arbeit.Er beschloß zu warten. Sicherlich mußte sie jedenAugenblick kommen. Mit Strather konnte sie nichtsein.Aber sie kam nicht.Nach zehn Uhr läutete das Telefon in BarbarasWohnung, wahrscheinlich ein Zeichen, daß StratherFeierabend hatte und mit ihr sprechen wollte. Bis elfUhr wiederholten die Anrufe sich in regelmäßigenAbständen von zehn Minuten.Gloge war jetzt müde, und so bastelte er einAlarmsystem, das ihn mit einem Summerton weckensollte, wenn Barbara in ihre Wohnung käme. Dann167


kroch er müde auf das Feldbett hinten im Lieferwagenund schlief bald ein.Als Barbara einige Minuten vor Arbeitsschluß aufstandund ihren Schreibtisch aufräumen wollte,schwankte sie und wurde beinahe ohnmächtig.Alarmiert wankte sie nach nebenan und meldeteden Anfall Helen Wendell, ohne zu überlegen, ob esgesunde Logik sei, die Hilfe von Hammonds blonderSekretärin zu erbitten.Helen war mitfühlend und führte sie prompt zuJohn Hammond. Inzwischen hatte Barbara zwei weiterekurze Ohnmachtsanfälle gehabt. So war siedankbar, als Hammond die rückwärtige Tür in seinemBüro öffnete und sie durch ein luxuriösesWohnzimmer in einen Raum führte, den er »seinzweites Schlafzimmer« nannte.Sie kleidete sich aus, schlüpfte unter die Deckeund sank fast sofort in tiefen Schlaf. So war sie gefangen,ohne es zu merken.Um Mitternacht meldete der Experte des Sonderdienstes,daß der Lebensbereich-Anzeiger normalarbeitete, und er überprüfte selbst den Körper desschlafenden Mädchens. »Ich messe neunkommazwei«,sagte er. »Wer ist sie? Ein Neuankömmling?«Das Schweigen, das auf seine Bemerkung folgte,schreckte ihn auf. »Sie meinen, sie ist eine Einheimische?«»Wenigstens«, sagte Helen Wendell, nachdem derMann gegangen war, »hat es keine weitere Veränderunggegeben.«168


Hammond sagte: »Zu dumm, daß sie über demhypnotisierbaren Stadium ist. Bloße Konditionierungist ein schlechter Ersatz für das, was wir hier brauchen– die Wahrheit.«»Was willst du tun?«Hammond vertagte seine Entscheidung darüberauf den nächsten Morgen.Sowie sie wieder in ihrem Büro war, rief BarbaraVince an. Er meldete sich nicht, aber das war nichtüberraschend. Wenn er Spätschicht hatte, kam er vorMitternacht nicht ins Bett und würde um diese Morgenstundenoch fest schlafen. Sie legte auf und erkundigtesich im Fotolabor. Sie war sehr erleichtert,als die Sichtliste zeigte, daß Vince pünktlich zur Arbeitgekommen und ebenso pünktlich gegangen war.Dr. Gloge erwachte kurz nach sieben Uhr. Noch immerkeine Barbara. Er rasierte sich elektrisch, fuhr zueiner nahen Geschäftsstraße und frühstückte, woraufer zu Strather fuhr. Ein kurzer Test mit dem Abhörgerätergab, daß der Mann zu Hause war. Glogedrang in die Wohnung ein, entleerte eine zweite Gaspatroneund betrat das Zimmer.Der junge Mann lag wieder auf seiner Bettcouchausgestreckt. Wenn eine Veränderung eingetretenwar, dann die, daß der finstere Ausdruck seines Gesichtsnoch ausgeprägter war.Gloge war nicht glücklich über diese Versuchsperson,doch er wußte, daß es in diesem Stadium kein169


Zurück gab. Ohne weiter zu zögern, hielt er die Spitzenahe an Strathers Körper und drückte ab.Es gab keine sichtbare Reaktion.Als er ins Institut fuhr, kreisten Gloges Gedankenum das Mädchen. Ihre Abwesenheit war ein unglücklicherUmstand. Er hatte gehofft, die Injektionen ungefährzur gleichen Zeit zu verabfolgen. Allem Anscheinnach sollte daraus nichts werden.6.Einige Minuten nach seiner Ankunft im Büro läuteteDr. Gloges Telefon. Die Tür zum Vorzimmer waroffen, und er hörte seine Sekretärin antworten. DieFrau blickte zu ihm auf.»Für Sie, Doktor. Es ist dieses junge Mädchen, daseine Zeitlang hier gearbeitet hat – Barbara Ellington.«Gloges Schock mußte wie Mißbilligung ausgesehenhaben, denn die Frau sagte hastig: »Soll ich sagen,Sie seien nicht da?«»Nein«, sagte Gloge. »Nein, stellen Sie mir dasGespräch ruhig durch.«Als er die glockenreine Stimme des Mädchenshörte, fühlte er sich auf alles gefaßt. »Was gibt es,Barbara?« fragte er.»Ich soll Ihnen einige Papiere bringen, DoktorGloge«, sagte die lebhafte Stimme. »Es hieß, sie seiennur für Sie bestimmt, also wollte ich mich vergewissern,daß Sie im Büro sind.«170


Welch eine Gelegenheit!Eine günstigere Wendung hätte er sich nicht erträumenkönnen. Seine andere Versuchsperson würdegleich in sein Büro kommen, wo er ihr die zweiteInjektion verabreichen und etwaigen Reaktionenselbst begegnen konnte.Wie sich herausstellte, gab es keine Reaktion, dieer sehen konnte. Nachdem sie die Papiere abgelieferthatte, wandte sie sich zum Gehen, und er feuerte dieInjektionspistole ab. Es war ein perfekter Schuß, undsie zuckte weder zusammen noch schwang sie herum;sie ging einfach weiter zur Tür, öffnete sie undging durch.Barbara kehrte nicht in Hammonds Büro zurück.Sie erwartete eine starke Reaktion ihres Körpers undwollte in der Zurückgezogenheit ihres Appartementssein, wenn das geschähe.So fuhr sie nach Haus, wartete noch eine Weileund rief dann Helen Wendell an, daß sie sich nichtgut fühle.Helen sagte: »Nun, ich glaube, nach dem schlechtenAbend gestern war das wohl zu erwarten.«»Ich hatte wieder Schwindelanfälle und Übelkeit«,sagte Barbara. »Da kriegte ich es mit der Angst undfuhr schnell nach Hause.«»Sie sind jetzt zu Hause?«»Ja.«»Ich werde es Mr. Hainmond sagen.«Barbara legte auf, unglücklich über diese letztenWorte. Aber sie konnte nicht verhindern, daß er von171


ihrem Zustand erfuhr. Sie hatte ein dumpfes Gefühl,daß sie in Gefahr war, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.Und das war zu früh. Später, nach dem Experiment,würde es mir nichts ausmachen, dachte sie.Vielleicht sollte sie die »normalen« Vorsichtsmaßnahmeneines Arbeitnehmers ergreifen. Nachkurzer Überlegung rief sie ihren Arzt an und vereinbarteeinen Termin für den nächsten Tag. Zugleichbat sie ihn, daß er sie krank schreibe. Als sie den Hörerauflegte, fühlte sie eine seltsame Freude. Wennich zu ihm gehe, dachte sie, werde ich in einer elendenVerfassung sein.Barbara schlief. Als sie erwachte, zeigte die Uhrzwölf Minuten nach sieben an. Es war Tageslicht,heller Morgen, und sie entdeckte das in einer sensationellenArt und Weise. Sie ging hinaus und sahnach – ohne sich aus dem Bett zu bewegen!Da lag sie in ihrem Zimmer; und da war sie draußenauf der Straße. Gleichzeitig.Sie hielt ihren Atem an. Langsam verblaßte dieäußere Szene, und sie war wieder ganz in ihrem Bett.Mit einem Keuchen begann sie wieder zu atmen.Durch vorsichtiges Experimentieren entdeckte sie,daß ihre Wahrnehmungsfähigkeit ungefähr hundertMeter weit reichte. Und das war alles, was sie lernte.Etwas in ihrem Gehirn arbeitete wie ein unsichtbaresStielauge, das Wände durchdringen und visuelle Bilderzurückbringen konnte. Die Fähigkeit schien stabilzu sein, keine vorübergehende Erscheinung.Nach einiger Zeit bemerkte sie, daß ein schwarzer172


Lieferwagen auf der Straße parkte, und daß Dr. Glogedarin saß. Sie sah sogar, daß er ein Instrument miteiner Steckverbindung zum Ohr hatte, ähnlich eineraltmodischen Hörhilfe für Schwerhörige, mit dem ersie zu belauschen schien.Sein Gesicht war angespannt, seine kleinen Augenstarrten in innerer Konzentration ins Leere.Nach einiger Zeit verstaute Gloge sein Instrument,ließ den Motor an und fuhr weg.Da Vince diesmal Tagschicht hatte, fuhr Glogevermutlich nach Hause. Sie rief bei Vince an, umsich zu vergewissern; als niemand antwortete, versuchtesie es beim Fotolabor des Instituts.»Nein, Strather ist nicht zur Arbeit erschienen«,sagte der Abteilungsleiter.Barbara legte unglücklich auf und erinnerte sich,daß Vince auf die erste Injektion nicht gut reagierthatte. Die Vermutung lag nahe, daß Dr. Gloge ihminzwischen die zweite Injektion gegeben hatte, unddaß er sie nicht besser vertrug als die erste.Sie zog sich an und fuhr zu ihm. Als sie in die Nähekam, konnte sie ihn in seinem Zimmer schlafensehen, und so läutete sie nicht, sondern öffnete mitdem Schlüssel, den sie hatte.Vince warf sich unruhig auf seinem Bett herum.Er sah fiebrig aus. Sie befühlte seine Stirn; sie warheiß und trocken.Die Berührung weckte ihn, und er öffnete seineAugen und blinzelte verstört zu ihr auf. Sie dachtebekümmert: Ich fühle mich so gut, und er ist so173


krank. Was kann es nur sein?Laut sagte sie: »Du brauchst einen Arzt, Vince.Wie hieß der, bei dem du letztes Jahr warst? Ich werdeihn anrufen.«»Es wird schon wieder«, murmelte er und schliefwieder ein.Als Barbara neben ihm auf der Bettkante saß, fühltesie etwas in ihrer Lunge. Gas! Aber sie war zulangsam.Sie mußte sofort ohnmächtig geworden sein, dennihre nächste Wahrnehmung war, daß sie auf demBoden lag und Gloge sich über sie beugte.Der Wissenschaftler war ruhig und schien befriedigt.Barbara fing seinen Gedanken auf: Alles inOrdnung mit ihr.Sie bemerkte, daß er über sie hinwegstieg undVince untersuchte. Gloge schien kritisch und bekümmertzugleich. Noch nicht gut, dachte er. Ermachte die Injektion, dann richtete er sich auf, und inseinem Verstand war ein seltsamer, harter Gedanke:Montag abend wird die dritte Injektion fällig sein,und dann muß ich entscheiden, was zu tun ist.So klar war der Gedanke, der von ihm kam, daß esbeinahe so war, als habe er ihn laut ausgesprochen.Und hinter dem Gedanken stand die Bedeutung, daßer die Absicht hatte, sie beide zu töten, wenn sie sichnicht so entwickelten, wie er es erwartete.Barbara war schockiert, aber sie hielt sich ganzstill; und in diesem Moment vollzog sich in ihr einganz eigenartiger Wachstumsprozeß.174


Er begann mit einer Flut von unterdrückten Informationen,die plötzlich an die Oberfläche ihres Bewußtseinsdrängte.Der Prozeß war Minuten später, als Gloge dieWohnung verließ, noch in vollem Gang. Barbaraversuchte aufzustehen und entdeckte, daß sie nichteinmal ihre Augen öffnen konnte. Die Idee, daß siedenken und wahrnehmen konnte, während ihr Körperbetäubt war, faszinierte sie. Welch eine wunderbareFähigkeit!Doch als die Zeit verging, wurde sie unruhig. Tatsächlichwar sie völlig hilflos, und als sie sich endlichbewegen konnte, war es früher Nachmittag. Siestand auf, ernüchtert und nachdenklich, wärmte eineDosensuppe für Vince und sich selbst, und zwangihn, sie aus einer Tasse zu trinken.Danach ließ er sich sofort wieder zurückfallen undschlief ein. Barbara verließ die Wohnung, um ihreVerabredung mit dem Arzt einzuhalten.Unterwegs fühlte sie, wie sich etwas in ihr regte.Neue Veränderungen? Wahrscheinlich. Vielleichtwürde es zwischen jetzt und Montag noch viele geben.Aber ihre Intuition sagte ihr, daß sie diese Situationnur mit den Veränderungen von der ersten undder zweiten Injektion noch nicht meistern würde.Irgendwie, dachte sie, muß ich diese dritte Injektionhaben.175


7.Am Montagmittag, nachdem er einem Mädchen ausdem Schreibmaschinen-Pool einige Briefe diktierthatte, kam Hammond aus seinem Büro.»Was gibt es Neues von Neun-zwei?«Helen blickte mit ihrem blitzenden Lächeln auf.»Barbara?«»Ja.«»Auf ihre Bitte rief ihr Arzt heute morgen bei miran. Er sagte, sie sei bei ihm gewesen und habe überSchwindelanfälle geklagt. Bei einer Untersuchunghabe sich herausgestellt, daß sie an Unterdruck leide,erhöhte Temperatur habe und mit noch einigen anderenUnpäßlichkeiten wie Durchfall behaftet sei. Esscheint also nichts Ernstes zu sein. Aber dann sagteder Arzt etwas Unerwartetes – offenbar war es eineigener Kommentar von ihm. Interessiert?«»Natürlich.«»Er sagte, nach seiner Meinung habe Barbara einefrappierende Persönlichkeitsveränderung durchgemacht,seit er sie vor ungefähr einem Jahr zuletzt gesehenhabe.«Hammond schüttelte langsam seinen Kopf. »Dasbestätigt bloß unsere eigenen Beobachtungen. Nun,halte mich auf dem laufenden.«Aber um vier Uhr, als es ruhiger wurde, rief er HelenWendell und sagte: »Ich kann dieses Mädchennicht aus meinem Kopf bringen. Gib mir ihre Unter-176


lagen. Ich muß mich selbst vergewissern, daß uns indieser ungewöhnlichen Sache nichts entgangen ist.«Als er einige Minuten später die Blätter von BarbarasAkte durchsah, stieß er auch auf ein Foto vonVince Strather. Er nahm es heraus und rief Helen.»Was ist, John?«Er sagte ihr, was in der vergangenen Woche zwischenDr. Gloge und Vince Strather vorgefallen war.»Natürlich brachte ich Barbara nicht mit dem jungenMann in Verbindung. Aber dies ist sein Foto. Bringmir Gloges Unterlagen.«»Anscheinend wurde vieles für ihn anders, als seineSchwester voriges Jahr starb«, sagte Helen Wendell.»Das kann den Bruch bewirkt haben, eine vondiesen plötzlichen und gefährlichen Veränderungender persönlichen Motivation. Ich hätte ihn daraufhinbeobachten sollen. Der Tod naher Verwandter hatsich schon oft als wichtiger Einschnitt erwiesen.«Sie saß in Hammonds großem Wohnzimmer. DieVerbindungstür zum Büro war geschlossen, und gegenüberstand ein großer Wandsafe offen, in demeine Doppelreihe von dünnen metallgebundenen Aktenordnernzu sehen war. Zwei von diesen – HenryGloges und Barbara Ellingtons – lagen vor Helen aufdem Tisch. Hammond stand neben ihr.Jetzt sagte er: »Was war mit dieser Reise, die erAnfang des Monats unternahm?«»Er war vier oder fünf Tage in seiner Heimat, angeblichum den Nachlaß seiner Schwester zu verkaufen.Sie haben eine alte Farm, die jetzt leer steht und177


wo er ein komplett eingerichtetes Privatlaboratoriumhat. Der ideale Ort für unüberwachte Experimente.Mit Primaten? Das ist unwahrscheinlich. Sie sindnicht leicht zu beschaffen, bedürfen ständiger Pflege,und bis auf die kleineren Gibbons wären sie potentiellnicht ungefährliche Versuchsobjekte für DoktorGloges Projekt. Also muß er seine Pläne auf Menschenausgerichtet haben.«Hammond nickte.Sein Gesicht zeigte einen kranken Ausdruck.Die Frau blickte zu ihm auf. »Du scheinst sehr besorgtzu sein. Vermutlich haben Barbara und Vincebisher je zwei Injektionen erhalten. Das wird sie aufirgendeiner Ebene ihrer Persönlichkeiten fünfzigtausendJahre weiterbringen. Das scheint mir nicht soüberaus gefährlich zu sein.«»Du und ich«, sagte er nachdenklich, »sind nochimmer weit unten auf der Leiter. Also ist es schwerfür uns, das evolutionäre Potential der Gattung Homogalacticus zu beurteilen. Und vergiß nicht, daß wir esmit einer der Brutrassen zu tun haben.«»Richtig. Aber fünfzigtausend Jahre sind nichtviel, verglichen mit den Zeiträumen, in denen sicheine Art entwickelt. Was willst du mit Gloge machen?«Hammond straffte sich. »Dieses Experimentierenmit Menschen muß sofort unterbunden werden. Durufst anschließend gleich Arnes an und läßt ihn Sicherheitsleutean allen Ausgängen des Instituts postieren.Gloge darf vorläufig nicht hinaus. Und wenn178


Vince oder Barbara den Komplex zu betreten versuchen,sind sie festzuhalten. Wenn du das getan hast,sagst du alle meine Verabredungen für den Rest desTages ab.«Er verschwand in seinem Schlafzimmer und zogsich eilig um. Als er wieder zum Vorschein kam, begrüßteHelen Wendell ihn mit den Worten: »Arnesist verständigt und leitet alles in die Wege. Aber ichrief auch in Gloges Vorzimmer an. Er ist vor einerStunde gegangen, sagte seine Sekretärin.«»Das ist schlecht«, sagte Hammond. »Sag Arnes,er soll die Wohnungen der beiden jungen Leute bewachenlassen.«»Wohin gehst du?«»Zuerst Barbara, dann Vince. Ich kann nur hoffen,daß ich es rechtzeitig schaffen werde.Wie ich es sehe, gab Gloge ihnen vergangenenMittwoch die erste Injektion, die zweite am Freitag.Das bedeutet, daß die dritte heute fällig sein müßte.Und dies muß ich verhindern.«Er eilte hinaus.8.Gloge war nervös geworden. Während der Montagsich dahinschleppte, dachte er unaufhörlich an seinezwei Versuchspersonen; und es störte ihn, daß er siean diesem wichtigen Tag nicht unter Beobachtunghatte.Welch lächerliche Situation, sagte er sich. Das179


größte Experiment in der Geschichte der Menschheit– und kein Wissenschaftler, der die wichtigsten Phasenständig überwachte.Es war noch ein anderes Gefühl in ihm.Angst!Er konnte nicht umhin, sich an den traurigen Zustanddes jungen Mannes zu erinnern. Er hatte zuviele Tiere gesehen, die in ihrer Weise die gleichenSymptome gezeigt hatten, die er an Vincent Stratherbeobachtet hatte. Ein schlechtes Ansprechen auf dasSerum, die Zeichen eines inneren Unbehagens, diesich zu einem krankheitsähnlichen Zustand verstärkten,ein elendes Aussehen, der chemische Kampf inden Zellen, der sich an der Hautoberfläche spiegelte.Und es gab eine weitere Sorge. Viele seiner nichterfolgreichen Versuchstiere hatten eine starke Aggressionsneigungentwickelt, unbewußte Abwehrreflexegesunder Organismen gegen eine strukturveränderndeBedrohung. Es wäre klug, auch für Notfälledieser Natur vorzusorgen.Er dachte grimmig: Es hat keinen Zweck, sichselbst etwas vorzumachen. Ich muß alles liegen- undstehenlassen und mich um diese zwei kümmern.Das war, als er sein Büro und das Institut verließ.Er setzte voraus, daß Barbara keine Schwierigkeitenhatte. So fuhr er direkt zu Strathers Wohnung undprüfte mit seinem Abhörgerät, ob der junge Mann dasei.Sofort machte er Geräusche aus. Schweres Atmen,ein gelegentliches Quietschen von Sprungfedern,180


Keuchen. Diese Geräusche krachten und kreischtenaus dem überempfindlichen Empfänger, aber Glogehatte die Lautstärke gedrosselt, so daß sie in seinemOhr nicht wirklich schmerzhaft waren.Seine Stimmung sank auf einen neuen Tiefpunkt,denn die Geräusche bestätigten seine Befürchtungen.Plötzlich stieß die gerechtfertigte wissenschaftlicheHaltung, die ihn bisher motiviert hatte, hart gegen dieRealität des Fehlschlags, den er hier vor sich hatte.Nach seiner früheren Analyse würde er Vince jetzttöten müssen.Und das bedeutete natürlich, daß er auch Barbarawürde beseitigen müssen.Sein panikähnlicher Zustand machte nach vielenquälenden Minuten einem strikt wissenschaftlichenGedanken Platz: Bloße Geräusche waren keine hinreichendenDaten für eine so grundsätzliche Entscheidung.Er mußte hineingehen und seine Entscheidungvon einer echten Begegnung mit Vinceabhängig machen.Als Gloge aus seinem Wagen stieg und zum Hausging, hatte Vince einen Traum.Er träumte, daß der Mann – wie hieß er nochgleich? Ja, Gloge –, mit dem er vor ein paar Tagenim Korridor vor dem Fotolabor gestritten hatte, mitdem Vorsatz zu seiner Ermordung hierher in seineWohnung komme. Auf irgendeiner Ebene begann erzornig zu werden, aber er wachte nicht auf.Der Traum – Produkt seiner seltsamen Evolution –181


dauerte an.Von irgendeinem Aussichtspunkt sah er Gloge andie Wohnungstür kommen. Er fühlte keine Überraschung,als der kleine, kahlköpfige Mann einen Dietrichaus der Tasche zog. Angespannt und voll Angstbeobachtete er, wie Gloge den Dietrich ins Schloßsteckte, langsam drehte und leise die Tür öffnete.An diesem Punkt wurde Vince Strathers Körpervon seiner extremen Angst zu Verteidigungsanstrengungengezwungen. Sein Nervensystem stieß Millionenwinziger Energieimpulse aus. Sie durchdrangendie Wand und trafen Gloge in der Diele.Große Massen dieser Energieeinheiten drangen inGloges Nervensystem ein und konzentrierten sich inseinem Gehirn. Sie waren nicht das Ergebnis bewußtenanalytischen Denkens. Sie wurden allein durchFurcht erzeugt und waren nichts weiter als eine Abwehrreaktion,die Gloges Angstzentrum traf und ihnzur Flucht drängte.Dr. Gloge kam erst zur Besinnung, als er wieder inseinem Lieferwagen war. Er erinnerte sich an Augenblickevölliger Panik, kopfloser Flucht durchTreppenhaus und Grünanlagen, als er zitternd dasaßund sich allmählich von der schmächlichsten Angsterholte, die ihn jemals in seinem Leben befallen hatte.Und er wußte, daß er zurückgehen mußte.Noch zweimal sendete der schlafende Vince Energieaus, um Gloge zur Flucht zu zwingen. Jedesmalwar der Energievorrat geringer, und Gloge zog sich182


eine kürzere Distanz zurück, bevor er stehenbliebund sich zwingen konnte, einen neuen Vorstoß zumachen.Bei seiner vierten Annäherung konnte VincesNervensystem nur eine geringe Energieentladungerzeugen. Gloge fühlte die Angst wieder aufkommen,aber er bekämpfte sie – diesmal mit Erfolg.Er wußte nicht, daß der schlafende Körper und ereinen Kampf ausgefochten hatten – den er nun gewonnenhatte.Augenblicke später blickte Gloge auf die erschöpfteGestalt seiner männlichen Versuchsperson herab.Der Schlafende hatte stark geschwitzt. Er zitterte undstöhnte und zuckte unruhig.Unverkennbar ein gescheitertes Experiment, entschiedGloge. Er vergeudete keine Zeit, und er warnicht unvorbereitet gekommen. Er zog zwei PaarHandschellen hervor, fesselte Vinces Handgelenkeund Fußknöchel und verband beide Fesseln durcheine dünne Stahlkette.Sein Opfer erwachte nicht aus seinem unruhigen,fiebernden Schlaf.Gloge brachte einen Knebel zum Vorschein. Eswar nicht einfach, den Knebel in den halb geschlossenenMund zu stopfen. Der Körper unter ihm wurdesteif. Wilde Augen starrten zu ihm auf. In einer gewaltigenAnstrengung riß Vince seine Arme hochund versuchte gleichzeitig aufzuspringen.Aber Gloge hatte seine Vorbereitungen gut getroffen.Das Opfer gab seine Bemühungen auf und lag183


still. Dr. Gloge erkannte, daß er die Situation beherrschte.Er entfernte den Knebel und sagte: »Ichmöchte gern wissen, wie Sie sich fühlen.«Die halb verrückten, wuterfüllten Augen stiertenihn an. Vince fluchte mit heiserer, schriller Stimme.Dabei blieb es für die nächsten zwei oder drei Minuten.Dann schien er sich zu erinnern.»Sie … Sie haben mir letzte Woche was getan.«Gloge nickte. »Ich habe Ihnen zweimal ein Seruminjiziert, das die zellulare Evolution beschleunigensoll, und nun bin ich gekommen, um zu sehen, wie esIhnen geht.«Seine grauen Augen blickten aufmerksam und ruhig;seine Glatze schimmerte im Licht der Deckenbeleuchtung,die er eingeschaltet hatte. »Bitte sagen Siemir genau, wie Sie sich fühlen.«Etwas in dem bleichen, gespannten Gesicht desWissenschaftlers schien Vince zu überzeugen. »Miserabel«,murmelte er.»Wie, genau?« drängte Gloge.Allmählich, mit Geduld und zielbewußten Fragen,entlockte er seinem widerwilligen Opfer die Tatsache,daß er sich schwach, erschöpft, elend und wiebetäubt fühlte.Es war die verhängnisvolle Kombination, die er sooft bei seinen Versuchstieren beobachtet hatte, undGloge wußte, daß an dieser Fehlentwicklung nichtsrückgängig zu machen war.Ohne ein weiteres Wort beugte er sich überStrather und zwang ihm den Knebel in den Mund.184


Vince wand sich, warf sich herum und versuchtemehrmals zu beißen, aber Gloge stieß den Knebelunerbittlich ganz in des anderen Mund und verknoteteden Tuchstreifen fest hinter seinem Kopf.Nun ging er hinaus und fuhr den Lieferwagen überden Hof an den rückwärtigen Eingang des Hauses.Nachdem er den jungen Mann in eine Decke gewickelthatte, trug er ihn aus der Wohnung und in denWagen. Dann fuhr er zum Haus eines Bekannten.Der Mann hatte einen Lehrauftrag an einer Universitäteiner anderen Stadt, und sein Haus stand derzeitleer.Mühevoll schleppte er den geknebelten und gebundenenVince von der Garageneinfahrt durch einkleines Tor in den Garten und zum tiefen Ende desSchwimmbeckens; und dort stieß er den Körper ohneZögern ins Wasser.Der Körper versank langsam. Eine dünne Blasenspurstieg zur dunklen Oberfläche, die schon wiederglatt und kaum noch beunruhigt war. Erschreckt vondem plötzlichen Gedanken, daß jemand ihn sehenkönnte, wandte Gloge sich um und taumelte fort.Als es keinen Zweifel mehr gab, daß der Gegenstandseines Experiments nach allen Gesetzen desLebens tot war, seufzte Gloge auf. Es gab kein Zurück.Nun das Mädchen.Von einer Telefonzelle auf halbem Weg rief GlogeBarbara Ellingtons Nummer an. Als sich niemandmeldete, fuhr er hin, stellte seinen Wagen in einiger185


Entfernung ab und ging zu Fuß zum Haus, wo er aufdie Hausmeisterin stieß, die die Treppe putzte. Aufseine Frage antwortete die Frau, Barbara sei ausgegangen,und sie fügte hinzu: »Sie ist heute ein gefragtesMädchen.«Gloge fragte unbehaglich: »Wie meinen Sie das?«»Vor einer Weile kamen mehrere Männer undwollten zu ihr, aber ich mußte ihnen natürlich auchsagen, daß sie ausgegangen ist.«Eine Angst fuhr wie Messer durch seine Brust.»Haben sie ihre Namen genannt?« fragte er.»Ein Mr. Hammond«, war die Antwort.Hammond! Ein eisiger Schauer überlief Gloge.»Danke sehr!« schluckte er.Zitternd vor Angst und Aufregung, kehrte er zuseinem Wagen zurück. Er hatte vorgehabt, nachDunkelwerden zum Schwimmbecken zurückzukehren,Strathers Leichnam herauszufischen und vonFesseln und Knebel zu befreien, um ihn dann anderweitigund endgültig zu deponieren. Er hatte jetzt einstarkes Gefühl, daß er dies sofort tun solle. Andererseitswar er von einer verzweifelten Oberzeugungerfüllt, daß er in sein Büro fahren und den Rest desSerums aus dem Safe dort in Sicherheit bringen müsse.Letzteres erschien ihm schließlich wichtiger; auchwar es um diese Zeit sicherer. Die Sonne war untergegangen,aber der Himmel leuchtete noch in strahlendemBlau. Es war noch viel zu hell für die grausigeArbeit, einen Toten beiseite zu schaffen.186


9.Um zehn Minuten nach sieben sperrte Dr. Gloge dieTür in seinem Büro auf und ging hinein. Als er sichbückte, um die Schreibtischschublade aufzuschließen,wo er seinen Safeschlüssel verwahrte, sagte eineFrauenstimme hinter ihm:»Guten Abend, Dr. Gloge.«Einen Augenblick war er vom Schreck gelähmt,unfähig zu einer Bewegung. Aber dann belebte ihneine elektrisierende Hoffnung. Er kannte dieseStimme, diesen Tonfall; er konnte kaum an diesesGlück glauben: daß die zweite Person, die er zu beseitigenhatte, in sein Büro gekommen war, wo er ambesten mit ihr fertig werden konnte.Er richtete sich langsam auf, wandte sich um.Barbara Ellington stand in der offenen Tür zur benachbartenBibliothek und betrachtete ihn mit ernsterund wachsamer Miene.Ein Blick ging zwischen ihnen hin und her. Es warein Blick völligen Verstehens, und Gloge hatte denGedanken, daß es wissenschaftlich falsch sei, dieseerfolgreiche Versuchsperson zu töten. Er hatte sogardas Gefühl, daß sie auf seiner Seite stand und mitihm zusammenarbeiten würde.So sagte er, ziemlich unruhig: »Wie sind Sie hereingekommen?«»Durch den Musterraum.«»Hat jemand Sie gesehen?«187


»Nein.« Barbara lächelte ein wenig.Gloge musterte sie mit kurzen, abschätzendenBlicken. Er bemerkte, wie sie stand, fast bewegungslos,aber leichtfüßig und in einer Haltung gezügelter,absolut sprungbereiter Energie. In ihren Augen warklare, schnelle Intelligenz. Sie kam jetzt in denRaum, und Dr. Gloge fühlte seine Haut prickeln,aber sie ging an seinem Schreibtisch vorbei und setztesich auf einen Stuhl. Nachdem sie ihre brauneHandtasche auf den Boden gestellt hatte, sagte sie:»Sie müssen mir gleich die dritte Injektion vondem Serum geben«, sagte sie. »Ich werde zusehen,wie Sie es machen. Dann werde ich das Instrumentund einen Vorrat vom Serum nehmen und zu Vincegehen. Er …«Sie brach ab, und in ihre blauen Augen kam einplötzliches Verstehen, als sie sein Gesicht beobachtete.»Sie haben ihn also ertränkt!« sagte sie. Sie saßda, nachdenklich und still, und dann sagte sie: »Er istnicht tot. Ich fühle es, daß er noch am Leben ist.Nun, welches Instrument verwenden Sie? Sie müssenes noch bei sich haben.«»Ich habe es«, gab Dr. Gloge zu. »Aber«, fuhr ermit heiserer Stimme fort, »es ist ratsam, bis zumMorgen zu warten, bevor die dritte Injektion gemachtwird. Es würde die Aussichten auf eine weitere günstigeEntwicklung verbessern. Und Sie müssen hierbleiben!Niemand sollte Sie sehen, wie Sie sind. Wirsollten Tests machen. Sie müssen mir sagen …«»Doktor Gloge«, unterbrach sie ihn ruhig, »es gibt188


mehrere Dinge, die Sie nicht verstehen. Ich weiß,daß ich das Serum assimilieren kann. Also geben Siemir die Injektion.«Barbara Ellington stand auf und kam auf ihn zu.Sie sagte nichts, und ihr Gesicht zeigte keine Regung,aber seine nächste bewußte Wahrnehmungwar, daß er ihr die Injektionspistole auf offenerHandfläche hinhielt.»Es ist nur eine Ladung übrig.«Sie nahm das Instrument aus seiner Hand, drehtees zwischen ihren Fingern, studierte es und legte esin seine Hand zurück. »Wo ist Ihr Vorrat von demSerum?«Dr. Gloge nickte zum Eingang der Bibliothek hinterihr. »Im Safe nebenan«, sagte er.Sie wandte ihren Kopf in die angezeigte Richtung,dann hielt sie einen Moment still, in einer Haltungkonzentrierten Lauschens, den Mund halb geöffnet,ihren Blick ins Leere gerichtet. Plötzlich blickte siezu ihm zurück.»Geben Sie mir die Injektion«, sagte sie .»EinigeMänner kommen.«Dr. Gloge hob die Pistole, richtete die feine Nadelöhröffnungauf ihre Schulter und drückte ab. Barbarasog scharf den Atem ein, nahm die Pistole ausseiner Hand und steckte sie in ihre Handtasche. IhreAugen blickten zur Korridortür.»Hören Sie?« sagte sie.Nach einem Moment hörte Dr. Gloge Schritte ausder Richtung des Hauptlaboratoriums kommen.189


»Wer ist es?« fragte er ängstlich.»Hammond«, sagte sie. »Drei andere Männer.«Dr. Gloge gab einen halb erstickten Verzweiflungslautvon sich. »Wir müssen fliehen. Er darf unsnicht finden. Schnell – hier durch.« Er winkte zurBibliothek.Barbara schüttelte ihren Kopf. »Das ganze Institutist umstellt. Alle Ausgänge sind bewacht. Hammondmuß glauben, daß er alle Beweise hat, die er gegenSie braucht – aber helfen Sie ihm in keiner Weise!Geben Sie nichts zu.« Während sie sprach, ging siewieder zu ihrem Stuhl und setzte sich. »Vielleichtwerde ich mit ihm fertig«, sagte sie zuversichtlich.Die Schritte hatten die Tür erreicht. Jemand klopfte.Gloge blickte zu Barbara. Seine Gedanken taumeltenhaltlos durcheinander. Sie nickte, lächelte.»Herein!« sagte Dr. Gloge mit heiserer Stimme.Hammond betrat den Raum. »Oh – Mr. Hammmond!«rief Barbara aus. Ihr Gesicht war gerötet; siesah verlegen und verwirrt aus.Hammond blieb stehen, als er sie sah. Er fühlteetwas wie eine geistige Sondierung. Sein Gehirn errichteteeine Barriere, und der telepathische Impulshörte auf.Ihre Augen begegneten einander, und Hammondsah Verblüffung in ihrem Blick. Er lächelte ironisch.Dann sagte er mit stählerner Stimme: »Bleiben Sie,wo Sie sind, Barbara. Ich werde später mit Ihnensprechen.« Seine Stimme hob sich. »Kommen Sie190


herein, Arnes!«In seinem Ton war Drohung, und Dr. Glogeschickte Barbara einen verzweifelten, bittendenBlick. Sie antwortete mit einem ungewissen Lächeln.Der Ausdruck überraschter, unsicherer Unschuld, mitdem sie Hammond begrüßt hatte, war aus ihrem Gesichtgewichen.Hammond ließ sich nicht anmerken, daß er dieVeränderung gesehen hatte. »Arnes«, sagte er zudem ersten der drei Männer, die hereingekommenwaren – Dr. Gloge kannte Wesley Arnes, den Leiterder Abteilung Objektschutz am Institut, einer Art vonWerkspolizei – »dies ist Barbara Ellington. NehmenSie ihre Handtasche an sich und lassen Sie niemandin dieses Büro. Miß Ellington darf den Raum nichtverlassen und hat auf diesem Stuhl sitzenzubleiben,bis ich mit Doktor Gloge zurückkomme.«Wesley Arnes nickte. »In Ordnung, Mr. Hammmond!«Er blickte zu seinen Männern. Einer von ihnensperrte die Tür zu, während Arnes auf Barbarazukam und seine Hand ausstreckte. Sie gab ihm dieHandtasche.»Sie kommen mit mir, Doktor«, sagte Hammondknapp.Dr. Gloge folgte ihm in die Bücherei. Hammondschloß die Tür hinter ihnen.»Wo ist Vince Strather?« sagte er in unerbittlichemTon.»Wirklich, Mr. Hammond«, sagte Gloge. »Ichweiß nicht …«191


Hammond trat schnell auf ihn zu. Die Bewegungschien eine Drohung zu sein, und Dr. Gloge krümmtesich in Erwartung einer Handgreiflichkeit. AberHammond packte nur seinen Arm und drückte einenkleinen Metallgegenstand gegen sein bloßes Handgelenk.»Sagen Sie mir, wo Strather ist!« kommandierteHammond.Gloge öffnete seinen Mund, um jedes Wissen überBarbaras Freund abzuleugnen. Statt dessen sprudeltedas Geständnis seiner Tat über seine Lippen.»Wann haben Sie ihn ertränkt?« fragte Hammond.»Ungefähr vor einer Stunde«, sagte Dr. Glogehoffnungslos.In diesem Augenblick kamen Rufe aus dem benachbartenBüro. Die Tür wurde aufgerissen. WesleyArnes erschien in der Öffnung, das Gesicht wieAsche.»Mr. Hammond – sie ist fort!«Hammond sprang an ihm vorbei ins Büro. Dr.Gloge eilte auf wankenden Beinen hinterdrein. Als erdie Tür erreichte, kam Hammond schon vom Korridorins Büro zurück, begleitet von einem Wachmann,der vor der Tür postiert gewesen war. Arnes und dieanderen Männer standen mitten im Büro und blicktenverwirrt umher.Hammond schloß die Tür und sagte zu Arnes:»Schnell, jetzt! Was ist passiert?«Arnes warf in wütender Frustration seine Armehoch.192


»Mr. Hammond, ich weiß es wirklich nicht. Wirbeobachteten sie. Sie saß dort auf dem Stuhl; dannwar sie nicht mehr da, das ist alles.« Er zeigte aufeinen anderen. »Er stand mit dem Rücken an der Tür.Als wir sahen, daß sie fort war, saß er neben der Türauf dem Boden, und die Tür war offen. Wir ranntenin den Korridor, aber sie war nicht da. Dann rief ichSie.«»Wie lange hatten Sie sie beobachtet?« fragteHammond scharf.»Wie lange?« Arnes warf ihm einen benommenenBlick zu. »Ich hatte gerade meine Mutter durch denKorridor zum Aufzug begleitet …«Er brach ab, zwinkerte. »Was sage ich da? MeineMutter ist seit acht Jahren tot!«»Das also war ihr kleiner Trick«, sagte Hammondleise. »Sie reichte in jene Tiefen des Herzens, wo dielieben Toten ihren Schrein haben. Und ich dachte, sieversuchte bloß meine Gedanken zu lesen!«Er brach ab und sagte mit lauter Befehlsstimme:»Wachen Sie auf, Arnes! Sie und Ihre Leute warenfür ein paar Minuten abwesend. Denken Sie nichtdarüber nach, wie Miß Ellington es gemacht hat. GebenSie ihre Personenbeschreibung an alle Wachendraußen durch. Wer sie sieht, soll sie mit gezogenerPistole auf Distanz halten.«Als die drei aus dem Büro rannten, zeigte er aufeinen Stuhl und blickte Dr. Gloge an. Gloge setztesich, steif wie eine Marionette, die Sinne wie umnebelt,unfähig zu jeder vernünftigen Überlegung.193


Hammond zog etwas wie einen Drehbleistift aus seinerBrusttasche, drückte auf den Knopf und wartete.Im fünften Stock desselben Gebäudes schalteteHelen Wendell die Sprechanlage auf ihrem Schreibtischein und sagte: »Ja, John?«»Schalte sofort alle Abschirmungen ein!« sagteHammond in Gloges Anschluß. »Gloge hat Stratherertränkt – als Opfer eines mißglückten Experiments.Aber die andere ist wach und unterwegs. Es istschwer zu sagen, was sie als nächstes tun wird, abersie könnte es notwendig finden, in mein Büro zu gehen,um aus diesem Gebäude zu kommen.«Helen drückte einen Knopf. »Hier kommt sie nichtdurch«, sagte sie. »Die Felder sind an.«10.Draußen war der Abend in Nacht übergegangen.Um zwanzig Uhr achtzehn nahm Helen Wendellden Hörer vom summenden Telefon, warf einenBlick zur geschlossenen Tür und sagte: »Ja, bitte?«»Ich bin hier am Schwimmbecken«, sagte JohnHammonds Stimme. »Wir haben ihn gerade herausgefischt.Helen, der Bursche ist noch lebendig. IrgendeinReflex verhinderte das Einatmen von Wasser.Aber wir brauchen ein Sauerstoffzelt.«Helens linke Hand griff zu einem anderen Telefonund begann eine Nummer zu wählen. »Willst du denKrankenwagen?«»Ja, Du hast die Hausnummer. Sag ihnen, sie sol-194


len sich beeilen. Wir müssen rasch handeln.«»Auch Wachen in Polizeiuniformen?« fragte Helen.»Ja, aber sie sollen vor dem Haus im Wagen bleiben.Wir sind außer Sicht, hinter einem hohen Zaunund einer Hecke. Und es ist dunkel. Ich werde mitihnen zurückkommen. Ist Barbara gefangen?«»Nein.«»Ich hatte es auch nicht erwartet«, sagte Hammmond.»Wenn ich zurück bin, werde ich die Wachenverhören.«Barbara ließ sich von Arnes zum Aufzug bringen,wo er sich in dem Glauben, sie sei seine Mutter, miteiner zärtlichen Umarmung vor ihr verabschiedete.Im Aufzug drückte sie den obersten Knopf und gelangteauf das Dach. Wie sie bereits wahrgenommenhatte, stand dort ein Hubschrauber startbereit. Undobwohl sie kein autorisierter Passagier war, nahm derPilot sie mit, weil er sie für seine Freundin hielt. Ihrplötzliches Auftauchen erschien ihm völlig logisch.Etwas später setzte er sie auf dem Dach eines anderenGebäudes ab. Und auch das schien ihm dieselbstverständlichste Handlung zu sein, ihr Grund,dort auszusteigen, offensichtlich. Er flog weiter undvergaß die Episode.Die hastige Landung war eine dringende Notwendigkeitfür Barbara. Sie fühlte, daß die neue Injektionzu wirken bekann, und als ihre erweiterte Wahrnehmungzwischen den unten vorbeihuschenden Gebäudeneins entdeckte, das unbewohnt und eine Art Wa-195


enspeicher war, hatte sie ihr Ziel.Sie hatte gehofft, in einer der unteren Etagen einBüro oder einen Raum mit einer Couch zu finden,wo sie die Nacht verbringen konnte. Aber sie kamnicht weiter als ins oberste Geschoß. Sie begannschon zu taumeln, als sie den Dachaufgang hinunterstieg.Zu ihrer Linken war eine Tür, die in einen fastleeren, staubigen Lagerraum führte. Sie schwanktehindurch, schloß sie hinter sich und schob einen Riegelvor. Dann ließ sie sich auf den Boden fallen.Während der Abend und die Nacht dahingingen,verlor sie niemals ganz das Bewußtsein. Eine völligeOhnmacht war für sie nicht länger möglich. Aber siekonnte fühlen, wie ihr Körper sich veränderte …Die Energieströme in ihr gewannen eine andereBedeutung. Sie waren getrennt vor ihr. Bald solltensie wieder kontrollierbar werden, aber in einer völliganderen Art.Etwas von Barbara schien mit diesem Bewußtseinzu verschwinden. Sie fühlte selbst, daß ihr »Ich«schon in diesem frühen Stadium der Fünfhunderttausend-Jahre-Umwandlungein »Über-Ich« war. Dochwie das Selbst zu etwas mehr wurde, war noch nichtklar.Die Nacht schleppte sich vorbei.11.Dienstag.Kurz vor Mittag kehrte John Hammond von einer196


Konferenz zurück und kam an Helen WendellsSchreibtisch.»Was machen die Patienten?« fragte er.»Gloge ist in seiner Rolle perfekt«, sagte Helen.»Er hatte bereits zwei Gespräche mit Sir Hubert Rolandüber seine neue Aufgabe in Übersee. Ich habeihn wieder schlafen gelegt, aber er steht zur Verfügung.Wann bist du gekommen?«»Gerade eben. Wie geht es Strather?«»Die Therapeutikanlage bestätigt, daß er keinWasser geschluckt hat. Ein neuentwickelter Gehirnmechanismusscheint die Atmung eingestellt und ihnin einen tiefschlafähnlichen Zustand versetzt zu haben.Strather selbst hat keine Erinnerung an das Geschehen,also war es offensichtlich ein Überlebensaktdes Stammhirns. Die Anlage meldet, daß andereEntwicklungen in ihm vorgehen, hält sie aber für abnorm.Es ist zu früh, um zu beurteilen, ob er einedritte Injektion überleben kann.«Hammond sah unzufrieden aus. »Gut«, sagte ernach einer Weile. »Was hast du sonst noch fürmich?«»Ein paar Radiobotschaften«, sagte Helen.»Über Gloge?«»Ja. Unsere Stellen in Brasilia und Manila stimmendir zu, daß es gefährlich wäre, Doktor Glogelänger als unbedingt notwendig im Institut zu lassen.«»Du sagtest, Gloge sei in seiner Rolle perfekt.«Helen nickte. »Im Augenblick. Aber er ist eine197


höchst widerspenstige Person, und natürlich kann ichihm hier nicht die endgültige Konditionierung geben,die er in der Zentrale in Paris bekommen würde. Deshalbwollen sie ihn dort. Arnold, der Kurier, wird ihnheute nachmittag um siebzehn Uhr zehn an Bord derMaschine nach Paris bringen.«»Nein.« Hammond schüttelte den Kopf. »Das istzu früh! Gloge ist unser Köder, mit dem wir Barbarafangen können. Seine Auskünfte deuten darauf hin,daß sie erst im Laufe dieses Abends aktionsfähig seinwird. Ich habe vor, Gloge etwa ab neun Uhr aus derAbschirmung zu entlassen.«Helen schwieg einen Moment, bevor sie sagte:»Man scheint der Meinung zu sein, John, daß du dieMöglichkeiten einer wirklich gefährlichen evolutionärenEntwicklung in Barbara Ellington überschätzt.«Hammond lächelte ein wenig. »Ich habe sie gesehen,die anderen nicht. Und wenn sie kommen kann,dann wird sie es tun. Sie wird diese vierte Injektionwollen. Und um sie zu kriegen, wird sie alles tun.«Am Dienstag wachte Barbara mit einem neuenBewußtsein auf. Sie hatte Gehirnmechanismen entwickelt,die etwas mit dem Raum machen konnten –auf einer automatischen Ebene, ohne daß ihr bewußterVerstand sagen konnte, was oder wie. Es warenphantastische Dinge …Während sie dort auf dem staubigen Boden desLagerraums lag, fühlte ein neues Nervenzentrum inihrem Gehirn weit hinaus und durchforschte ein198


Raumvolumen von fünfhundert Lichtjahren imDurchmesser.Barbaras Geist umfaßte es alles und reichte weiterhinaus … reichte mühelos hinaus, bis er ein spezifischesEtwas berührte … und sich zurückzog.Sie wußte, daß es etwas war, nach dem sie suchensollte, aber mit bewußter Wahrnehmung hatte esnicht viel zu tun. Klar schien nur zu sein, daß dasNervenzentrum befriedigt war und seine Suche einstellte.Aber sie fühlte mit einer tiefen Freude, daß siesich dessen bewußt blieb, was sie kontaktiert hatte.Sie genoß diese Freude noch eine Weile später, alssie bemerkte, daß die veränderlichen Energieströmein ihr wieder auflebten. Allmählich ließ sie Körperund Geist in einen rezeptiven Zustand sinken.Um vier Uhr nachmittags war die Sonnenglut vonden Fenstern weitergewandert, und der Lagerraumlag im Schatten. Gegen sechs bewegte die liegendeGestalt sich zum erstenmal.Sie streckte langsam ihre Beine aus, rollte dannplötzlich auf den Rücken und lag flach, die Armeschlaff an den Seiten.Die rechte Hälfte ihres Gesichtes war beschmiertmit dickem Staub, der mit trocknendem Schweißverklebt war. Sie atmete und lag wieder ruhig. MehrereMinuten später hoben sich die Augenlider. DieAugen waren von einem tiefen, brillanten Blau undwirkten seltsam wach und aufmerksam, obwohl siestarr blieben. Nach einer Weile schlossen sich die199


Lider und blieben zu.Der Tag dunkelte; die Lichter der Stadt erwachten.Das leere Lagerhaus stand in Dämmerung und Stille.Mehr als eine Stunde verging, bevor die Gestalt imobersten Geschoß sich neuerlich bewegte.Barbara erhob sich unvermittelt und schnell auf ihreFüße, ging zum nächsten Fenster und blicktedurch das schmutzige Glas.Der Institutskomplex war vier oder fünf Kilometerentfernt, ein strahlender Koloß mit vielen weißenFensterreihen. Barbara beobachtete ihn sekundenlang;dann bewegte sich der Geist, der die Augensteuerte, auf einer völlig neuen Ebene erweiterterWahrnehmung.Als Barbaras Wahrnehmung durch die vertrautenKorridore glitt, begegneten ihr nur wenige Leute; diemeisten waren schon nach Hause gegangen, und inden Zimmern arbeiteten die Putzfrauen. Sie glitt weiterdurch die Tür von Dr. Gloges Büro, sah sich indem dunklen, stillen Raum um und bewegte sich indie Bibliothek. Sie ruhte eine Minute oder zwei mitkonzentrierter Aufmerksamkeit auf dem Safe; dannwußte sie Bescheid.Der Safe war leer – und eine Falle.Barbaras Wahrnehmung verließ die Bibliothekund verlagerte sich auf das fünfte Stockwerk. Minutenvergingen, während sie langsam und sorgfältigdie äußeren Wände von John Hammonds Büro undWohnung abtastete. Hier war etwas Neues … Etwas,das sehr gefährlich zu sein schien. Innerhalb der200


Wände und Türen, in den Decken und Böden dieserAbteilung flimmerten unbekannte Energien.Sie konnte diese Barriere nicht durchdringen.Aber wenn sie selbst auch nicht eintreten konnte,ihre Sinne sollten es können, bis zu einem bestimmtenGrad …Ihre Wahrnehmung bewegte sich von der Tür achtoder neun Meter nach rechts. Sie wartete. Allmählichbegann sich ein Bild zu formen …Dies war ein unbekannter Raum, möbliert wie einBüro, und er enthielt nichts von Interesse, ausgenommeneine geschlossene Tür gegenüber von der,die sich zum Korridor öffnete.Sie versuchte durchzudringen – und was dannkam, war kein Bild, sondern ein Aufbranden vonwilder, verzehrender Gier.Barbara mußte den Fühler visueller Wahrnehmungzurückziehen, so stark war die Anziehungskraft, diesie in die mörderischen Barrieren zu ziehen drohte.Aber sie wußte jetzt, wo das Serum war – in einemNebenraum von Hammonds Wohnung, stark abgeschirmt,anscheinend unerreichbar.Die Wahrnehmung tastete sich wieder vor. Ein andererTeil der Wohnung erschien hinter einem flimmerndenDunst feindlicher Energien. Der andere –das männliche Gegenstück – war hier. Lebendig.Hier, aber hilflos. Hier, aber bewußtlos in einemKäfig von Energiefeldern, der dem Sucher nichtmehr als die Identifikation erlaubte. Sie war sehrfroh, daß er gerettet worden war.201


Niemand sonst war in Hammonds verschlossenerWohnung. Sie zog ihre visuelle Wahrnehmung zurückund ließ das Bild des äußeren Büros kommen.Helen Wendell sprach in ein Instrument, das mit einemApparat vor ihr verbunden war.Eine zweite Wahrnehmungsfrequenz öffnete sich,und Stimmen wurden hörbar.Ganin Arnold, der Kurier, machte einen letztenAnruf vom Flughafen, zwölf Kilometer südlich derStadt. Er sprach leise in das Mikrophon eines verborgenenFunksprechgeräts, aber die Stimme kamklar und laut aus Helen Wendells Empfänger.»Der Start zum Direktflug nach Paris ist bereitszum letztenmal ausgerufen und wird in zwei Minutendreißig Sekunden erfolgen. Alle Passagiere und Besatzungsmitgliedersind wenigstens einmal durch denMeßradius gegangen. Niemand, der vor oder nachmir und unserem Biologen an Bord gekommen ist,hat eine Lebensenergie, die erheblich über dendurchschnittlichen Meßwert bei Menschen hinausgeht– also über sechs. Danach ist klar, daß wir nichtvon irgendeiner abnorm hohen menschlichen Evolutionsformbegleitet werden. Doktor Gloges Benehmenist ausgezeichnet. Sein Beruhigungsmittel beginntzu wirken, und er ist bereits schläfrig. Wahrscheinlichwird er die Reise schlafend zubringen.«Arnold machte eine Pause und schloß dann: »Nachdem Start wird eine Kommunikation auf diesem Wegenicht mehr möglich sein. Da von diesem Momentan praktisch nichts mehr schiefgehen kann, beende202


ich jetzt meine Durchsagen.«Helen Wendells Stimme schien von einem Punktinnerhalb der linken Schädelseite des Kuriers zusprechen, und sie sagte freundlich: »Mr. Hämmerndwünscht, daß Sie wachsam bleiben und die Frequenzoffenhalten, bis die Maschine gestartet ist.«12.Die Frauengestalt am Fenster des Lagerraums, dielange Minuten wie in bewegungsloser Trance zugebrachthatte, hob ihren Kopf. Ihre Hand entriegeltedas Fenster und öffnete es. Irgendwo in der Fernegrollte schwacher Donner über dem Himmel, als eineDüsenmaschine vom Flughafen startete und in dieNacht stieg.Barbaras Blick hob sich langsam und folgte mitkonzentrierter Aufmerksamkeit dem unsichtbarenPunkt in der Dunkelheit, der die Quelle des allmählichsich verlierenden Geräuschs war.An Bord der Kursmaschine nach Paris, die einpaar Minuten zuvor gestartet war, machte Dr. Glogeeine sehr seltsame Erfahrung. Am Rande des Einschlafensdahindösend, hatte er an die erfreulichenAussichten gedacht, die sich ihm durch die Zusammenarbeitmit Sir Hubert Roland in Paris eröffneten.Dann hatte er auf einmal das Gefühl, aus seinen angenehmenBetrachtungen aufzuwachen.Er blickte alarmiert um sich, und sein erster Blickfiel auf seinen Sitznachbarn.203


Der Mann war groß und massig gebaut. Er sah wieein Polizeidetektiv aus, und Gloge wußte, daß derMann sein Bewacher war. Das Komische an der Sachewar, daß dieser Mann schlafend in seinem Sitzhing, das Kinn auf der Brust, die Augen geschlossen.Gloge wunderte sich. Er hatte den Gedanken, daßer derjenige sein sollte, der die Flugreise verschlief.Er hatte eine klare Erinnerung an ein Gerät, ein ihmvöllig unbekanntes Instrument, das Helen Wendellbenützt hatte, ihm eine ganze Serie von verlockendenTäuschungen ins Bewußtsein einzupflanzen. Er warwillig an Bord der Maschine gegangen und hatte aufden Vorschlag seines Bewachers genug von demgasförmigen Beruhigungsmittel aus dem Sitz-Inhalator eingeatmet, um bis zur Landung in Parisdurchzuschlafen.Statt dessen war er Minuten später erwacht, unddie Täuschungen des Tages verblaßten in seinemVerstand. Es mußte eine Erklärung für diese widersprüchlichenEreignisse geben.Der Gedanke endete mit einem entsetzten Schock,einer momentanen Leere, auf die eine Welle panischerAngst folgte.Irgendwo hatte eine Stimme gesagt: »Ja, DoktorGloge – es gibt eine Erklärung dafür!«Langsam, ganz gegen seinen Willen, aber unfähig,dem Impuls zu widerstehen, wandte Dr. Gloge sichum. Jemand war hinter ihm, eine Fremde, wie es ihmschien, die mit geschlossenen Augen auf ihrem Sitzsaß. Dann öffnete sie die Augen, die von einem wie204


von innen erhellten, dämonischen Blau waren, selbstim gedämpften Licht des Passagierraums.Die Frau sagte mit Barbara Ellingtons Stimme:»Wir haben ein Problem, Doktor Gloge. Es scheintauf diesem Planeten eine Gruppe von außerirdischenWesen in Menschengestalt zu geben, und ich habenoch keine klare Vorstellung, was sie hier machen.Das herauszubringen ist unsere unmittelbare Aufgabe.«»Sie sind – wo?« sagte Helen Wendell scharf. IhreHand schoß nach rechts und drückte einen Schalter.Sie sagte: »John – schnell!«John Hammond blickte von einem Papier auf, sahdas Blinksignal an einem Telefon und griff zum Hörer,aus dem eine heisere, aufgeregte Stimme kam. Erignorierte sie für einen Moment und sagte in dieSprechanlage: »Wo ist er?«»Auf dem Flughafen von Des Moines! Die Maschinenach Paris mußte wegen eines Defekts zwischenlanden.Niemand scheint zu wissen, was für einDefekt es ist und was für Reparaturen notwendigsind. Aber die Passagiere mußten aussteigen, um eineandere Maschine zu nehmen. Arnold ist in einemZustand von Verwirrung und Schock. Hör ihnselbst!«»… eine Frau mit ihm«, babbelte die Stimme desKuriers. »Ich dachte, es sei eine von den weiblichenPassagieren, die mit uns ausgestiegen waren. Jetztbin ich nicht so sicher. Aber ich stand einfach da und205


sah die zwei in die Halle des Abfertigungsgebäudesgehen. Es kam mir gar nicht in den Sinn, mich zufragen, warum diese Frau mit Gloge war, wohin siewohl gingen … Und ich dachte erst recht nicht daran,sie zurückzuhalten …«Hammond legte seine Hand über das Mikrophondes Hörers und sagte zu Helen Wendell: »Wann landetedie Maschine?«»Wenn ich Arnold richtig verstanden habe, vormehr als einer halben Stunde! Wie er sich ausdrückte,kam er erst jetzt auf die Idee, uns anzurufen.«»Eine halbe Stunde!« Hammond sprang auf. »Helen,laß alles liegen! Ich will einen Beobachter vonaußerhalb des Planeten, der das hier überwacht undmit mir Verbindung hält – nach Möglichkeit innerhalbvon Minuten.«Sie erschien in der Tür und starrte ihn erschrockenan. »Was erwartest du?«»Ich weiß nicht, was ich erwarten soll. Was hierzu tun ist, kann ich allein. Ich werde die Abschirmungder Nordseite jetzt für vierzig Sekunden ausschalten.Schnell – beeile dich!«Er griff unter den Schreibtisch und legte einenSchalter um.Helen Wendell starrte noch eine Sekunde länger,dann fuhr sie herum, rannte durch ihr Büro zur Korridortürund schlüpfte hinaus. Die Tür schwang hinterihr zu.Kurz darauf betrat John Hammond den Raum inseiner Wohnung, wo Vincent Strather auf einer206


Couch lag, eingeschlossen in einen Käfig von Energiefeldern.Hammond ging zur Wand, verringerte dieEnergieabgabe um mehr als die Hälfte, und die Abschirmungverblaßte fast bis zur Unsichtbarkeit.Nachdem er die liegende Gestalt sekundenlang innachdenklichem Schweigen beobachtet hatte, fragteer laut: »Es hat keine weiteren inneren. Veränderungengegeben?«»In den letzten zwei Stunden nicht«, sagte dieStimme der Therapeutikmaschine aus der Wand.»Ist er in dieser Form lebensfähig?«»Ja.«»Er würde erwachen, wenn ich die Abschirmungausschaltete?«»Ja. Sofort.«Hammond blieb einen Moment still, dann fragteer: »Sind die wahrscheinlichen Auswirkungen einervierten Injektion mit dem Serum berechnet worden?«»Ja«, sagte die Maschine.»Wie sind sie, ganz allgemein?«»Es würde neue, ausgeprägte Veränderungen geben«,sagte die Maschine, »und mit einer abermalsenorm beschleunigten Rate. Der evolutionäre Trendblieb derselbe, würde aber sehr weit fortschreiten.Die äußere Form würde sich in etwa einer halbenStunde stabilisieren. Sie würde wieder lebensfähigsein.«Hammond verstärkte die Abschirmung auf den altenWert und verließ den Raum.207


13.Um halb zehn summte das Signal für Ferngespräche.Hammond nahm den Hörer ab und sagte: »Ja?«Jemand schnaufte vor Erleichterung. »Mr. Hammmond!«Es war eine schnarrende, zitternde Stimme,aber es war unverkennbar die Stimme von Dr. Gloge.Eins der Instrumente auf dem Schreibtisch machtezweimal scharf klick – ein Signal von Helen Wendell,die in einem Beobachtungsboot hoch über derErdatmosphäre schwebte, daß sie das Gespräch aufnahm.»Wo sind Sie, Doktor?«»Mr. Hammond … etwas Schreckliches … dieseKreatur … Barbara Ellington …«»Sie hat Sie aus dem Flugzeug entführt, ich weiß«,sagte Hammond. »Wo sind Sie jetzt?«»In meinem Haus – in Pennsylvanien.«»Ist sie mit Ihnen hingeflogen?«»Mit einem Hubschrauber, ja. Ich konnte nichtsmachen.«»Natürlich nicht«, sagte Hammond. »Und jetzt istsie fort?«»Ich weiß nicht, wo sie ist. Ich riskierte diesen Anruf.Mr. Hammond, es gibt etwas, das ich nicht wußte,an das ich mich nicht mehr erinnerte. Aber siewußte es. Ich …«»Sie hatten Omega-Serum in diesem Laboratoriumin Ihrer Farm?« fragte Hammond.»Als das sah ich es nicht an«, sagte Dr. Gloges208


Stimme aufgeregt. »Es war eine frühere, experimentelleVariante – eine, die eine gefährliche und unberechenbareReaktion hervorrufen kann. Ich war unterdem Eindruck, daß ich meinen ganzen Vorrat vernichtethätte. Aber dieses Wesen wußte es besser!Sie brachte mich hierher und zwang mich, ihr denRest von dem Serum zu geben. Die Quantität wargering …«»Aber ausreichend für eine normale Injektion zurEinleitung des vierten Evolutionsstadiums?« sagteHammond.»Ja, ja, die Menge war ausreichend für die vierteInjektion.«»Und sie hat dieses Zeug jetzt in sich?«Dr. Gloge zögerte; dann sagte er: »Ja. Wie auchimmer, es gibt Grund für die Hoffnung, daß das unvollkommeneSerum, statt den evolutionären Prozeßin einer, wie ich jetzt denke, monströsen Kreaturweiter zu beschleunigen, zu ihrer baldigen Zerstörungführen wird.«»Vielleicht«, sagte Hammond. »Aber seit Sie BarbaraEllington in diesen Prozeß hineinkatapultierten,scheint sie ihre Möglichkeiten immer klar erkannt zuhaben, fast von Anfang an. Ich kann nicht glauben,daß sie jetzt einen Fehler gemacht hat.«»Ich …« Dr. Gloge zögerte wieder, dann fuhr erfort: »Mr. Hammond, ich begreife die Ungeheuerlichkeitmeines Tuns. Wenn ich in irgendeiner Weisehelfen kann, die schlimmsten Folgen abzuwenden,werde ich in vollstem Umfang mit Ihnen zusammen-209


arbeiten. Ich …«Es gab ein kurzes Knacken, und die Verbindungwar unterbrochen. Nach einer Pause flüsterte HelenWendells Stimme in Hammonds Ohr: »Glaubst du,Barbara ließ ihn den Anruf machen und unterbrachihn dann?«»Natürlich.«Helen sagte nichts mehr, und Hammond fuhr mitleiser Stimme fort: »Ich glaube, sie will uns zu verstehengeben, daß sie hierher kommt.«14.John Hammond blickte auf das tragbare Steuergerätauf seinem Schreibtisch und beobachtete die zuckendenAnzeigenadeln. Er sah auch eine völlig unerwarteteReaktion: einen Zustand von Nichtenergie, derEnergie buchstäblich aufsog.»Helen«, sagte er. »Diese Frau ist so weit hinaufgegangen,daß sie außerhalb unserer Reichweite ist!Was du siehst, ist Energie, die sich gegen Antienergieaufrechtzuerhalten sucht.«Helen Wendell, die in ihrem fernen Beobachtungsbootam Bildschirm saß, antwortete nicht. Einsich unablässig verändernder elektronischer Sturmtobte über die Mattscheibe; er zeigte, daß die Abschirmungenum Hammonds Büro und Wohnungeiner rasch variierenden Folge von Angriffen ausgesetztwaren, die ihre Widerstandsfähigkeit beinaheerschöpften.210


So blieb es länger als eine Minute. Die Kontrollinstrumentezeigten unmöglich hohe Ablesungen undblieben mit nur geringen Ausschlägen darauf stehen.»John Hammond!« sagte die Schreibtischplatteleise zu Hammond.Er schreckte ein wenig zurück und starrte darauf.»John Hammond!« wisperte der Sessel neben ihm.»John Hammond! John Hammond! John Hammmond…« Sein Name sprang ihn aus allen Richtungenan, in einem wirbelnden, einkreisenden Muster.Durch seine besondere Aufseherposition kannteHammond dieses Muster und seine Gefahr, und erwußte, wie er ihr zu begegnen hatte. Er schob mitdem Daumen einen Knopf die Seite des Steuergerätsentlang, bis ein kratzendes Geräusch einsetzte. Eswar mehr als ein Geräusch; es war ein hartes Vibrieren,eine Erschütterung der Nerven, die nur schwerzu ertragen war. Aber die Geisterstimmen sanken zueinem Gewisper herab und verstummten.»Was ist passiert?« fragte Helen Wendells winzige,ferne Stimme in seinem Ohr.»Ich glaube, sie fühlte sich uns überlegen unddachte, sie könnte auf uns herumtrampeln. Und soerlebte sie eben die erste unangenehme Überraschungin ihrer kurzen Existenz als Superfrau. Siehatte noch nicht begriffen, daß wir die Großen repräsentieren.«»Ist sie verletzt?«»Oh, das würde ich nicht sagen. Dafür hat sie zuvielgelernt. Aber weitere Einzelheiten später.«211


Hammond ging zur Tür des Nebenraums und öffnetesie.»Die Versuchsperson erhält jetzt die Injektion!«sagte er laut. »Ich erwarte Vollzugsmeldung.«Er wartete fünfzehn Sekunden, dann sagte dieStimme der Maschine: »Versuchsperson erhielt soebendie verschriebene Injektion.«Helens Stimme erreichte Hammond wieder, als erdie Tür schloß und an seinen Schreibtisch zurückkehrte.»Zeitweise«, sagte sie, »erreichte die Antienergiesechsundneunzig Prozent der Feldstärke. Nurvier Prozent mehr, und die Abschirmung wäre zusammengebrochen,wenigstens theoretisch. Ist sie zudir durchgekommen?«»Beinahe«, sagte Hammond. »Zuletzt versuchtesie es mit einem pseudohypnotischen Trick, aberdamit kam sie nicht durch. Wie auch immer, sie wirdwiederkommen. Ich habe noch etwas, das sie will.«Das Telefon läutete. Als er den Hörer abnahm,klang Dr. Gloges Stimme an sein Ohr. Sie war jetztfest und beherrscht.»Wir wurden vorhin unterbrochen, Mr. Hammmond«,sagte der Biologe.»Was ist geschehen?« fragte Hammond vorsichtig.»Mr. Hammond, ich habe endlich analysiert, wasEvolution wirklich ist. Das Universum ist ein Spektrum.Es benötigt auf allen Ebenen Energien in Bewegung.Dies ist der Grund, warum die auf den höherenEbenen nicht direkt mit individuellen Aktivitätenauf den unteren kollidieren. Aber es ist auch der212


Grund, warum sie unruhig werden, wenn eine Rasseden Punkt erreicht, wo sie anfangen kann, großeKräfte zu manipulieren.«Hammond sagte ruhig: »Barbara, wenn der Zweckdieses Anrufs der ist, herauszufinden, ob ich Sie einlassenwerde, dann ist meine Antwort ja.«Eine Pause, dann ein Klicken. Auf Helen WendellsKontrollbildschirm erschien ein winziges, momentanesFlackern, das sich wiederholte. »Was istlos?« fragte sie angespannt.Hammond sagte: »Sie kommt mit meiner Erlaubnisdurch die Abschirmung.«Eine Minute verging in Schweigen. Hammondbeobachtete die Tür und entfernte sich ein paarSchritte von seinem Schreibtisch, wartete.Die drückende Stille dauerte an. Dann hörteHammond Schritte durch das äußere Büro kommen.Sie erschien in der Türöffnung, blieb stehen undsah ihn an. Hammond sagte nichts. Alle Einzelheitenihrer Erscheinung deuteten darauf hin, daß dies dieBarbara Ellington war, die er am Vorabend in Dr.Gloges Büro gesehen hatte. Nichts an ihrem Aussehenoder ihrer Kleidung hatte sich geändert. Selbstdie braune Handtasche, die sie unter dem Arm trug,schien dieselbe zu sein. Abgesehen von der strahlendenVitalität, der Wachsamkeit ihrer Haltung und derscharfen Intelligenz in ihrem Gesicht war dies auchdas etwas ungelenke, zu Verlegenheit neigende Mädchen,das weniger als zwei Wochen für ihn gearbeitethatte.213


Darum glaubte Hammond, sie sei ein Phantom.Keine Sinnestäuschung; er war gegen jeden Versuchhypnotischer Beeinflussung geschützt. Die Gestalt inder Tür war real. Die Instrumente sprachen daraufan. Aber es war eine Gestalt, die für diese Begegnunggeschaffen worden war; es war nicht BarbaraEllington, wie sie zu dieser Stunde war.Er wußte nicht, mit welcher Absicht sie diese Gestaltangenommen hatte. Vielleicht, dachte er, wolltesie ihn in Sicherheit wiegen.Sie kam lächelnd in den Raum und blickte umher,und Hammond erkannte, daß er sich nicht getäuschthatte. Etwas war mit ihr gekommen … etwas Bedrückendes,Alarmierendes; ein Gefühl von Hitzeund von Macht.Die eigenartig strahlenden blauen Augen richtetensich auf ihn. Das Lächeln wurde breiter.»Ich muß testen, warum Sie noch hier sind«, sagtesie achtlos. »Also wehren Sie sich!«Es gab kein Geräusch; aber eine Wolke von weißemLicht erfüllte die Luft zwischen ihnen, hüllte sieein; verblaßte; leuchtete von neuem auf; verblaßtewieder. Beide standen ohne eine Bewegung, beobachteteneinander. Nichts im Büro hatte sich verändert.»Ausgezeichnet!« sagte die Frau. »Das Geheimnishinter Ihnen beginnt sich zu enthüllen. Ich kennejetzt die Natur Ihrer Rasse, John Hammond. IhreWissenschaft könnte niemals die Energien kontrollieren,die Sie hier psychisch und körperlich ab-214


schirmen! Es sollte noch andere Hinweise geben, daßSie in extremen Notfällen Mittel einsetzen dürfen,die Sie selbst nicht verstehen und die von Wesen geschaffenwurden, die größer sind als Sie. Und wokönnte es hier solche Mittel geben …? Dort drüben,denke ich!«Sie wandte sich der Tür zum Nebenraum zu undtat drei Schritte. Ein bläulich zuckender Dunst erschienvor der Tür und den benachbarten Teilen derWand, und sie blieb stehen.»Ja«, sagte sie. »Das kommt aus derselben Quelle!Und hier …«Sie drehte sich um und ging rasch auf den Schreibtischzu, eine Hand ausgestreckt. Das Steuergerätdort hüllte sich in bläulichen Dunst.Sie nickte. »Die drei Punkte, die für Sie besonderswichtig sein müssen«, sagte sie. »Sie selbst, das Wesenim Nebenraum und die Kontrolle über die Abschirmung.Sie können diese Punkte sichern, dochenthüllen Sie damit ein Geheimnis, dessen WahrungIhnen besonders am Herzen Hegen mußte. Ich glaube,die Zeit für einen Austausch von Informationenist gekommen.«Sie wartete, und als Hammond stumm blieb, fuhrsie fort: »Ich entdeckte plötzlich, John Hammond,daß Sie und Ihresgleichen auf der Erde nicht heimischsind. Sie sind den Menschen dieser Erde überlegen,aber nicht so sehr überlegen, daß es den GrundIhrer Anwesenheit erklären würde. Sie haben eineOrganisation auf der Erde. Sie scheint nicht den215


Zwecken von Eroberern oder Ausbeutern zu dienen –aber lassen wir das auf sich beruhen. Es spielt keineRolle. Sie brauchen es nicht zu erklären. Sie habenden Mann zu entlassen, der gleichzeitig mit mir dieSeruminjektionen erhalten hat. Sie und die anderenhier stationierten Mitglieder Ihrer Rasse werden sichdaraufhin von diesem Planeten zurückziehen. Wirhaben keine weitere Verwendung für Sie.«Hammond schüttelte den Kopf.»Man könnte uns unter Umständen mit Gewaltvon diesem Planeten vertreiben«, sagte er, »aber daswürde die Erde zu einem aktiven Gefahrenherd machen.Die Großen Galaktiker, die ich repräsentiere,haben Dienerrassen, die militärische Aufträge für sieausführen. Es würde Ihnen nicht zum Vorteil gereichen,wenn eine solche Rasse die Erde besetzen oderunter Quarantäne stellen würde um sicherzugehen,daß die Brutrasse hier weiterhin im notwendigenUmfang beaufsichtigt wird.«»John Hammond«, sagte die Frauengestalt, »obdie Großen Galaktiker militärische Diener zur Erdeschicken, oder ob sie selbst kommen, ist eine Frage,die mich nicht im geringsten interessiert. Es wärejedenfalls sehr unklug von Ihnen, wenn sie das eineoder das andere täten. Innerhalb von Stunden wirddas Omega-Serum in großen Mengen verfügbar sein.Innerhalb von wenigen Tagen wird jeder Mann, jedeFrau und jedes Kind auf der Erde diese Injektion erhaltenund am Prozeß der evolutionären Beschleunigungteilhaben. Glauben Sie, die neue Menschheit216


auf der Erde könnte danach noch immer von irgendeineranderen Rasse überwacht werden?«Hammond lächelte, und es war eine Spur von Mitleidin seinem Lächeln. »Das Omega-Serum wird niewieder verwendet werden«, sagte er. »Ich werde Ihnenzeigen, warum …«Hammond trat an den Schreibtisch, und der bläulicheDunst verschwand. Er wandte sich zu ihr um.»Die Tür wird sich gleich öffnen«, erklärte er. »SehenSie selbst – die Barrieren sind ausgeschaltet.«Bis auf das flammende Blau ihrer Augen war ihrGesicht eine kalte Maske. Hammond dachte, daß siebereits wissen müsse, was dort sei. Aber sie machtekehrt, ging zu der langsam aufschwingenden Tür undblickte in den Nebenraum. Hammond bewegte sichzur Seite, daß er an ihr vorbeisehen konnte.Der Käfig von Energiefeldern um die Couch warverschwunden. Das dunkle Ding auf der Couch setztesich gerade aufrecht. Es schüttelte benommen seinenKopf, wälzte sich herum und erhob sich auf alle viere.Seine riesigen dunklen Augen starrten sie einenlangen Moment an; dann kam es hoch und erhob sichzu seiner vollen Höhe …Zu einer vollen Höhe von siebzig Zentimetern! Esschwankte unsicher auf der Couch – eine haarigekleine Gestalt mit einem übergroßen, breitmäuligen,glotzäugigen Gnomenkopf.Das Wesen zwinkerte in vagem Wiedererkennen.Der Mund öffnete sich und rief in einer dünnen, quäkendenStimme: »Bar-ba-ra!«217


15.Die Frau wandte sich mit einem Ruck weg. Sie blicktenicht mehr zu der grotesken kleinen Gestalt zurück.Nach einer Weile kam ein knappes, kaltes Lächelnin ihre Züge, und sie sagte: »Gut, das zerreißtdie letzten Bande zwischen mir und der Erde. Ichakzeptiere, was Sie sagten.« Sie nickte zum Nebenraum.»Vielleicht können Sie mir sagen, was schiefgegangenist.«Hammond erklärte ihr Gloges Theorie: daß im gegenwärtigenStadium menschlicher Evolution vieleMöglichkeiten der Weiterentwicklung blieben, unddaß das Serum offenbar eine von ihnen stimulierteund danach von den Naturgesetzen gezwungen wurde,dieser einmal eingeschlagenen Evolutionslinie zufolgen.»Wenn die Großen Galaktiker ihre Saat auf einemneuen Planeten ausstreuen«, fuhr er fort, »dann greifensie niemals in die grundlegenden Wesenszüge derverschiedenen dort lebenden Rassen ein. Sie übertragenihre eigenen Gene mittels Pfropfung auf Tausendevon Männern und Frauen auf jedem Kontinent. ImLaufe der Generationen vermischen diese Gene sichganz zufällig mit denen der Bewohner des Planeten.Das Omega-Serum stimuliert offenbar eine von diesenMischungen und bringt sie zur Entfaltung ihrer evolutionärenMöglichkeiten, die wegen des Vereinzelungsfaktorsgewöhnlich in eine Sackgasse führen.«218


»Vereinzelungsfaktor?« fragte sie.Hammond erklärte ihr, wie die Vermischung unddas Zusammenwirken von Billionen verschiedenerGene in immer wechselnden Kombinationen zur natürlichenEvolution einer Rasse notwendig sei.In Vince sei eine solche Genkombination durchwiederholte Omega-Stimulierung zum Endpunkt ihrerevolutionären Möglichkeiten durchgepeitschtworden – aber offensichtlich habe diese spezielleGenkombination sehr begrenzte Möglichkeiten gehabt,wie es übrigens immer der Fall sein würde,wenn eine einzelne Person sozusagen mit sich selbstweitergezüchtet wurde. Dies sei der Vereinzelungsfaktor.Und genau dies sei bei Vince und ihr selbst geschehen.Sie seien Produkte der phantastischsten Inzucht,die jemals unternommen wurde – Evolutionmit einer einzigen Genkombination, eine Art von Inzest,vorangetrieben bis zur absoluten Sterilität unddarüber hinaus, phantastisch, interessant, monströs.»Sie irren sich«, sagte die Frauengestalt. »Ich binkein Monstrum. Aber ich gebe zu, daß ich eine Ausnahmesein mag. Was mit mir geschehen ist, scheintin diesem Licht ein noch weit unwahrscheinlichererZufall sein, als ich selbst glaubte. Es waren die Geneder Galaktiker in mir, die in der Kombination mitmeinen eigenen stimuliert wurden. Nun verstehe ich,was ich dort draußen im Raum traf. Einen von ihnen.Und er ließ mich. Er verstand augenblicklich.«Noch während sie sprach, schien es Hammond,219


daß sie sich von ihm zurückzog, in ihre eigene, unzugänglicheRealität entfernte. Oder konnte es sein,daß er derjenige war, der sich zurückzog? Nicht nurvon ihr, sondern von allem; und nicht in einem räumlichenSinne, sondern in irgendeiner unerklärlichenWeise aus der Realität des ganzen Universums? Erhatte den Gedanken, daß dies eine alarmierende undbeunruhigende Erfahrung sei; dann war der Gedankevergessen.»Etwas geschieht in dem kleinen Ding hinter derTür«, sagte ihre Stimme zu ihm. »Der Omega-Evolutionsprozeß ist in seiner Weise abgeschlossen.In mir ist er noch nicht beendet – noch nicht ganz.Aber er wird jetzt beendet …«Er war nirgendwo und nichts. Neue Worteindrücke,neue Gedankeneindrücke kamen plötzlich und gingenwie Regengüsse durch ihn.Die Eindrücke nahmen Gestalt an. Es war später inder Zeit. Er schien in dem kleinen Nebenraum seinesBüros zu stehen und auf den schlaksigen, rothaarigenjungen Mann hinabzublicken, der benommen aufdem Rand der Couch saß und seinen Kopf hielt.»Fühlen Sie sich ein bißchen besser?« fragteHammond.Vincent Strather blickte benommen und ungewißzu ihm auf. Seine Hand fuhr über den aufgeschlitztenÄrmel seiner Jacke.»Ich weiß nicht – ich glaube, ja, Mr. Hammond«,murmelte er. »Ich … Was ist passiert?«220


»Sie waren heute abend mit einem Mädchen namensBarbara Ellington im Auto unterwegs«, sagteHammond zu ihm. »Sie hatten beide getrunken. Sielenkte den Wagen, und sie fuhr zu schnell. Der Wagenging über eine Böschung und überschlug sichmehrere Male. Augenzeugen zogen Sie heraus, bevorder Wagen Feuer fing. Das Mädchen war tot. Sieversuchten nicht mehr, ihren Leichnam zu bergen.Als wir von der Polizei verständigt wurden, ließ ichSie hierher ins Institut bringen.«Während er sprach, hatte er die verblüffende Erkenntnis,daß alles, was er sagte, wahr war. Der Unfallhatte an diesem Abend stattgefunden, in genaudieser Art und Weise.»Nun …«, begann Vince. Er brach ab, seufzte,schüttelte seinen Kopf. »Barbara war ein komischesMädchen. Irgendwie wild, wenn Sie wissen, was ichmeine. Ich hatte sie mal sehr gern, Mr. Hammond. Inletzter Zeit habe ich versucht, mit ihr zu brechen.«Hammond hatte den Eindruck, daß viel mehr geschehensei. Als die Sprechanlage auf seinemSchreibtisch summte, wandte er den Kopf zur offenenTür und sagte zerstreut: »Einen Moment, bitte.«Er schaltete ein, und Helen Wendell fragte: »Wiegeht es Strather?«Hammond antwortete nicht gleich. Er verließ seinenSchreibtisch und eilte in ihr Büro. Dann sah ersie an, und ein kaltes, unheimliches Kribbeln überliefseine Kopfhaut. Helen saß an ihrem Platz im äußerenBüro. Sie war nicht in einem Raumfahrzeug hoch221


über der Erdatmosphäre.Er hörte sich sagen: »Er hat sich schon gefangen.Der emotionale Schock ist nicht stark. Und was istmit dir?«»Barbaras Tod hat mich getroffen«, gab Helen zu.»Aber nun habe ich Doktor Gloge am Apparat. Ermöchte dich unbedingt heute noch sprechen.«»Du kannst das Gespräch schon durchstellen«,sagte er und kehrte an seinen Schreibtisch zurück.»Mr. Hammond«, sagte Dr. Gloges Stimme einenMoment später, »mein Anruf betrifft das Omega-Projekt. Ich habe alle meine Aufzeichnungen überdiese Experimente noch einmal nachgelesen und kritischüberdacht, und ich bin dabei zu neuen Schlußfolgerungengelangt. Wenn Sie die außerordentlichenGefahren sehen, die erwachsen könnten, sollten dieEinzelheiten meiner Experimente bekannt werden,dann werden Sie mir beipflichten, daß das Projektabgebrochen und alle Unterlagen darüber vernichtetwerden sollten.«Nachdem Hammond aufgelegt hatte, blieb er nocheine Weile am Schreibtisch sitzen.Auch dieser Teil des Problems war also gelöstworden. Die letzten Spuren des Omega-Serums wurdenbereits verwischt, würden bald nur noch in seinemGedächtnis verweilen.Und für wie lange dort? Vielleicht nicht länger alszwei oder drei Stunden, dachte Hammond. Die Bilderder Erinnerung verloren schon die Schärfe derKonturen; er hatte das Gefühl, daß Teile von ihnen222


ereits verschwunden waren. Und was noch übrigwar, hatte eine seltsame Unwirklichkeit an sich.Er hatte keine Einwände, sagte sich Hammond. Erhatte eine von den Großen gesehen, und das war eineErinnerung, die ein geringeres Wesen besser vergaß.Irgendwie schmerzte es, soviel weniger zu sein.Er mußte geschlafen haben, denn er erwachte miteinem Aufschrecken und einer unbestimmten Bestürzung,für die er keinen Grund wußte.Helen kam lächelnd herein. »Glaubst du nicht, daßwir für heute Schluß machen sollten? Du fängst wiederan, bis in die Nacht zu arbeiten.«»Ja, du hast recht«, murmelte Hammond und unterdrückteein Gähnen. Er stand auf und ging in denNebenraum, um Vincent Strather zu sagen, daß ernach Hause gehen könne.– Ende –223


Als nächstes Terra-Taschenbuch erscheint:IM GALAKTISCHENREICHvon Gordon R. DicksonDie Galaktiker nennen ihn Wolfling – denn er ist einFremder von TerraEin Erdenmann auf der Thronwelt des galaktischen ReichesSein Name ist James Keil, sein Beruf Anthropologe.Aufgrund seiner körperlichen Konstitution und seinergeistigen Fähigkeiten gehört er zur einsamen Spitzenklasse– jedenfalls für Irdische Begriffe. Die „Hochgeborenen“hingegen, die von der Thronwelt aus das galaktischeReich regieren, dem unlängst auch die Erde und dasSolsystem einverleibt wurden, sehen in James Keil nureinen unwissenden Barbaren. Sie nennen Ihn Wolflingund reihen Ihn in die Kategorie „Haustier“ oder „nützlicherSklave“ ein. Doch sobald der Erdenmann dieThronwelt erreicht hat, zeigt er, was in ihm steckt. JamesKeil beginnt sein eigenes Spiel zu spielen. Der Einsatz indiesem Spiel ist die Freiheit für Terra.Terra-Taschenbuch Nr. 218 in Kürze überall im Zeitschriften-und Bahnhofsbuchhandel erhältlich. Preis DM 2,80.224

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