SIMBABWE - Jesuitenmission

jesuitenmission.de

SIMBABWE - Jesuitenmission

Weihnachten 2006weltweitSIMBABWEDas Magazin der JesuitenmissionNepal:Kleine Kirche, großer SegenKongo:Flüchtlinge kehren zurück


INHALTNepal: Kinder mitBehinderungen fördern 3Kongo: Flüchtlingekehren zurück 7Weihnachtsbetrachtung:Der hinter die Masken schaut 11werkstatt weltweit:Ferien mal anders 22Venezuela: Kulturelle Musterbestimmen den Alltag 24Aus aller Welt 27Leserbriefe 29Unsere Weihnachtsbitte 30Titelfoto:Kongolesische FlüchtlingskinderRücktitel:Alltagsszene im Osten KongosBildnachweis:Behnen (Titel, S.7-10, S.27 o. r., S.28,Rückseite), Sauerbeck (S.2), Stahl/MISEREOR (S.3, S.4 u. r., S.5-6, S.30),Sharma (S.4 o. l.), Kunstarchiv Jesuitenmission(S.11, S.13-14, S.16, S.18, S.21),missio München (S.12, S.17, S.19-20),Frauenmissionswerk (S.15), Grillmeyer(S.22-23, S.25), Väthröder (S.24),Balleis (S.26), Thomas (S.27 u.l.),Noack (S.30-31)Liebe Freundinnen und Freundeunserer Missionare und unserer Partnerin den jungen Kirchen!Selbstbewusst und verantwortungsvoll trägt das Mädchen ihrenkleinen Bruder auf dem Arm. Das Titelfoto entstand vor zweiMonaten in einem burundischen Flüchtlingslager an der Grenzezum Kongo, das vom Jesuitenflüchtlingsdienst betreut wird.Man sieht es den beiden Gesichtern nicht an, dass sie aus einemlangjährigen Krieg im Kongo kommen, der nun mit deners ten demokratischen Wahlen in diesem Jahr hoffentlich einemdauerhaften Frieden weicht. Drei Millionen, so die offi ziellenSchätzungen, sind durch direkte Gewalt und durch die Kriegsfolgenwie Krankheit und Hunger ums Leben gekommen. Dieseschmerzliche Vergangenheit scheint hinter dem Blechzaun imLager zu liegen. Die beiden Kinder schauen in die Zukunft. DasLeben geht weiter, es liegt vor ihnen. In jedem Kind beginnt dasLeben neu, auch im kriegszerstörten Kongo.Diesen tiefen Sinn der Afrikaner für das Leben vermittelt unsder kongolesische Künstler Joseph Mulamba mit seinen Bildern.Der Lebensstrom führt von den Ahnen über die jetzt lebendenGenerationen bis in die Zukunft. Die Krippe und das Kreuz stehenals Bilder nebeneinander, so auch im wirklichen Leben. DieKrippe, die neue Generation, bringt Zukunft und Frieden. Esist diese Hoffnung, dieser Neubeginn, der uns immer wieder inBildern wie dem der beiden Kinder im Kongo anspricht. Es istdie Kernbotschaft von Weihnachten. „Ein Kind ist uns geboren“und „Frieden auf Erden den Menschen seiner Gnade“.Ich wünsche Ihnen eine gnadenreiche Weihnacht und viel Mutund Zuversicht für das kommende Neue Jahr. Für Ihre Gabenund Treue in diesem Jahr Ihnen ein herzliches Vergelt’s Gott.IhrP. Peter Balleis SJ, Missionsprokurator2 weltweit


NEPALAshok mag elf oder zwölf sein. Sein genauesAlter kennt niemand. Genausowenig wie den Namen, den ihm seineEltern bei seiner Geburt gegeben haben. Ashokredet nicht. Deshalb wird von ihm wohl nie jemanderfahren, welche Torturen Ashok in seinemLeben bereits erleiden musste. Nur so vielwissen die Mitarbeiter des „Navjyoti Centers“für geistig behinderte Kinder: Ashok wurde ineinem Krankenhaus gefunden. Er war komweggesperrtoder ausgesetztDas traurige Schicksal behinderter Kinder in NepalAntu Sharma SJ ist als Apostolischer Präfektdas Oberhaupt der katholischen Kirchein Nepal. Christen sind hier nur eine kleineMinderheit, aber ihre soziale Arbeit hat einehohe Bedeutung für das Land. Pater Sharmaberichtet von einem Bereich, der ihm sehr amHerzen liegt: Die Sorge für Kinder mit Behinderungen.plett verängstigt, weinte die ganze Zeit undwollte nichts mit anderen Menschen zu tunhaben. Anscheinend hatte ihn seine Familiewegen seines seltsamen Verhaltens im Krankenhausabgegeben. Weil sich Ashoks Familie nichtausfindig machen ließ, brachte ihn jemand, derdas Navjyoti Center kannte, nach Kathmandu.Auf der Fahrt riss Ashok aus und verschwand.Zwei Monate später wurde er wieder entdeckt.Er lag in erbärmlicher Verfassung nackt auf derStraße: halb verhungert, verdreckt, verwundetan Kopf und Schultern. Irgendjemand hatteihn brutal geschlagen und misshandelt.Ashok kann wieder lächelnSeit über einem Jahr ist Ashok jetzt im NavjyotiCenter. Er hat angefangen zu lächeln und spieltmit anderen Kindern. Er liebt sein Fahrradweltweit 3


NEPALmedizinischer sowie therapeutischer Versorgungsind für behinderte Kinder in Nepal katastrophal:Oft werden sie einfach weggesperrtoder ausgesetzt. Einige der Kinder, die heuteim Navjyoti Center betreut werden, haben ihreersten Lebensjahre in dunklen Räumen verbracht,in einzelnen Fällen sogar angekettet.Ashok liebt sein Fahrrad über alles.über alles und hat gelernt, sich mit etwas Hilfeselbst zu waschen. Und er spricht – wenn auchsehr undeutlich und nur schwer verständlich– einige wenige Worte. Das ist für Ashok einungeheurer Fortschritt. „Ein behindertes Kindmag ein Opfer des Schicksals sein, es darf aberniemals ein Opfer unserer Vernachlässigungwerden“: Dieser Leitsatz des Navjyoti Centersist für traditionelle nepalesische Verhältnissenicht selbstverständlich. Im hinduistischenKasten system gilt das eigene Schicksal als Resultatvon Taten in diesem oder in vorherigenLeben. Eine Behinderung ist somit eine Strafe,die der Betroffene sich selbst zuzuschreibenhat. Entsprechend gering ist die allgemeineAkzeptanz von behinderten Menschen.Der Sorge für behinderte Kinder haben wir unsvon der katholischen Kirche in Nepal in besondererWeise angenommen. Von den über 26Millionen Einwohnern Nepals sind nur rund7 500 Mitglieder der katholischen Kirche. Diekirchliche Arbeit in Nepal begann mit Jesuitender indischen Erzdiözese Patna. Erst 1983,nachdem die nepalesische Regierung diplomatischeBeziehungen zum Heiligen Stuhl in Romaufgenommen hatte, trennte der Vatikan Nepalvon der Erzdiösese Patna und errichtete eineeigene Kircheneinheit. Seit 1997 ist Nepal eineapostolische Präfektur.Auch Eltern brauchen HilfeEltern sind nach der Geburt eines behindertenKindes oft heillos überfordert. Niemand hilftihnen, die besonderen Bedürfnisse ihres Kindeszu verstehen und auf sie einzugehen. ImGegenteil: Mit einem behinderten Kind drohtauch den Eltern soziale Diskriminierung undVerachtung. Die Folgen dieser Mischung ausreligiös-kultureller Tradition, unverschuldeterUnwissenheit, bitterer Armut und fehlenderDas Navjyoti Center in Kathmandu.4 weltweit


NEPALLachen, malen, schreiben: Die Kinder werden im Navjyoti Center liebevoll gefördert.Kleine Kirche, große WirkungTrotz ihrer geringen Anzahl haben die Priester,Ordensfrauen und Gemeindemitglieder in Nepalneben der Pastoralarbeit auch eine beeindruckendesoziale Infrastruktur aufgebaut. In27 Schulen werden 14 000 nepalesische Kinderunterrichtet, davon 8 000 Mädchen. DieReligionszugehörigkeit spielt bei der Aufnahmekeine Rolle: 99,9% der Schülerinnen undSchüler sind nicht christlich. Es gibt zwei Altersheime,drei Krankenhäuser, ein Zentrumfür traditionelle Medizin, ein Waisenhaus, einProjekt für Aidskranke, Programme zur Frauenförderungund drei Zentren für behinderteKinder. Das Navjyoti Center ist eines von ihnen.Es öffnete bereits 1978 mit drei Jungenund zwei Mädchen, die von einem Priester betreutund gefördert wurden.Seitdem trägt die Arbeit des Navjyoti Centersdazu bei, die Haltung der Menschen in Nepalgegenüber behinderten Kindern zu verändern.Indem wir sie in ihrer Besonderheit als wertvolleMitglieder der Gesellschaft anerkennen,bieten wir ihnen die Möglichkeit, ihr Selbstvertrauenaufzubauen und ihre Fähigkeitenzu entwickeln. Gleichzeitig bemühen wir uns,ihre Familien, Dorfgemeinschaften und diestaatlichen Stellen in die Förderung der Kinderstärker einzubinden. Behinderte Kinder habengenauso ein Recht auf Zuneigung, Anerkennung,Unterricht und Ausbildung wie gesundeKinder.Medaillen bei den ParalympicsDie Ordensschwestern der Kongregation„Charity of Nazareth“, die seit 1988 im NavjyotiCenter arbeiten, kümmern sich um die individuelleFörderung jedes einzelnen Kindes.Sie haben ein vielfältiges Förder- und Aktionsprogrammfür die rund 60 geistig behindertenKinder und Jugendlichen aufgestellt, die mittlerweilejeden Tag ins Navjyoti Center kommen.Neben Sprachtherapie, Förderunterrichtund Physiotherapie stehen auch Spiele, Tanzund Sport auf dem Programm. Besonders stolzweltweit 5


NEPALdie Kinder, die in ihrem Leben zuvor nur Ablehnungund Ausgrenzung erfahren haben. ImNavjyoti Center spielen die Kinder und genießendie Gemeinschaft mit anderen. Sie lernenvoneinander und spornen sich gegenseitig an.Sie gewinnen an Selbstvertrauen und erfahren,dass sie erwünscht sind und dazugehören.Hoffnung auf einen WandelAuch Tanz steht auf dem Programm.sind wir, dass einige der Kinder erfolgreich anden Paralympics, den Olympischen Spielen fürSportler mit Behinderung, teilgenommen haben.Sie sind mit mehreren Silber- und Goldmedaillenzurückgekehrt und Nepal hatte allenGrund, ihre Leistungen zu würdigen.Die Jugendlichen über 16 Jahre erhalten imNavjyoti Center eine ihren Fähigkeiten entsprechendeAusbildung, um für ihren Lebensunterhaltetwas verdienen zu können. Sie lernenFahrräder zu reparieren, Gartenarbeitenzu übernehmen oder Grußkarten, Kerzen undPerlenstickereien herzustellen. Eine Reihe vonJugendlichen haben Arbeit gefunden, einigehaben geheiratet und führen ein glücklichesLeben. Die Arbeit des Navjyoti Centers trägtFrüchte. Zuallererst bei den Kindern: Einige,die nicht laufen konnten, haben gelerntzu gehen. Kinder, die nicht sprechen konnten,haben gelernt, sich zu verständigen. Dieliebevolle Atmosphäre hat Auswirkungen aufDer Erfolg des Navjyoti Centers kann jedochnicht darüber hinwegtäuschen, dass die Arbeitder Katholischen Kirche in Nepal nur untersehr schwierigen Bedingungen möglich ist. Nepalist eines der ärmsten Länder der Welt. Der1996 durch die maoistische Rebellion ausgelösteBürgerkrieg hat viele Opfer gefordert und dasLand unsicher gemacht. Viele Jahre war Nepaldas einzige hinduistische Königreich derWelt, das sich bewusst selbst isoliert hat. Erstim Frühjahr 2006 setzte der bis dahin absolutistischregierende König Gyanendra nach einemwochenlangen Volksaufstand wieder einMehrparteien-Parlament ein. Mit der aktuellenWandlung Nepals zu einem säkularen Staat bestehtauch die Hoffnung, dass ethnische undreligiöse Minderheiten endlich anerkannt werdenund sich Nepal für den Rest der Welt öffnet.Für die Arbeit der katholischen Kirche undfür behinderte Kinder wie Ashok wäre das eingroßer Gewinn.Antu Sharma SJ / Judith BehnenGemeinsam lernen spornt an.6 weltweit


Rückkehran unsichere UferKONGONach den Wahlen im Kongo machen sich viele Flüchtlinge auf den Weg in die HeimatSeit vielen Jahren begleitet der Jesuitenflüchtlingsdienst(JRS) kongolesische Flüchtlinge,die in Tansania Schutz vor Krieg undZerstörung gesucht haben. Jetzt hilft der JRS– unterstützt von der Jesuitenmission – denheimkehrenden Flüchtlingen, im OstenKongos wieder Fuß zu fassen.Es ist ruhig am extra neu gebauten Anlegesteg.Nur einige Fischer in ihrenkleinen Holzbooten durchschneidenrudernd das abendglatte Wasser des Tanganjika-Sees.Vom kongolesischen Ufer aus lassensich die Berge Burundis auf der anderenSeeseite im Abenddunst erahnen. Etwas weitersüdlich liegt Tansania. Von dort hätte dasSchiff kommen sollen, dessen Ankunft für denNachmittag vorgesehen war. Es hätte hundertevon heimkehrenden Flüchtlingen an Bordgehabt. Aber es ist nicht gekommen. Warum,kann niemand so genau sagen. „Dann kommtes wohl nächste Woche“, ist die leicht schulterzuckendeAuskunft. Über eine einwöchigeVerspätung regt sich hier in Baraka im OstenKongos niemand auf. Es gibt ganz andere Probleme,die bewältigt werden wollen.Kindheit im FlüchtlingslagerSifa Mutambala ist bereits vor einigen Monatenaus Tansania per Schiff nach Baraka zurückgekehrt.„Fast zehn Jahre haben wir in Tansaniain einem Flüchtlingslager gelebt“, erzählt die40-Jährige, in deren Gesichtszüge sich Leid,Schmerz und Entbehrungen tief eingegrabenhaben. 1997 ist sie mit ihren acht Kindern vorweltweit 7


KONGOden brutalen Rebellenkämpfen im Osten Kongosgeflohen. Ihr ältester Sohn war damals 16,ihr jüngstes Kind gerade geboren. Einen Monatlang war sie unterwegs, bis sie im Flüchtlingslagerankam. „Da war nur ein großer Wald,nichts war organisiert und wir mussten draußenschlafen. Zwei Tage später gab es Zelte undspäter wurden Häuser gebaut.“Sifa Mutambalas Kinder sind im Flüchtlingslageraufgewachsen. Ihr Mann ist in den Wirrendes Krieges verschwunden. Sie musste ohneihn fliehen und hat nie wieder etwas von ihmgehört. „Ich bin sehr glücklich, wieder zu Hausein Baraka zu sein, obwohl das Leben hiersogar noch schwieriger ist als im Flüchtlingslager.Alles war zerstört. Ich versuche mit Feldarbeitüber die Runden zu kommen. Aber esreicht nicht. Im Flüchtlingslager gab es genugzu essen.“ Sifa Mutambalas Hoffnung für dieZukunft: „Ich möchte genug Geld verdienen,um die Schulgebühren für meine drei jüngstenKinder zu bezahlen. Sie sollen zur Schule gehenkönnen.“Sifa hat ihre 8 Kinder durch den Krieg gebracht.Zerstörte HeimatIn den letzten zehn Jahren haben immer wiederaufflammende Konflikte die DemokratischeRepublik Kongo verwüstet. Das traurige Resultat:3,8 Millionen Tote. Jetzt - nach den erstendemokratischen Wahlen - gibt es eine Chanceauf Frieden. Noch immer leben über 400.000kongolesische Flüchtlinge in Nachbarländern,allein in Tansania sind es 140.000. Viele vonihnen haben abgewartet, ob die Stichwahl zwischenden beiden PräsidentschaftskandidatenJoseph Kabila und Jean-Pierre Bemba ruhigverläuft. Jetzt nimmt der Strom der Heimkehrendenzu. Viele betreten das erste Mal seitsechs, acht oder zehn Jahren wieder ihre Heimat.Baraka mit seinem kleinen Anlegesteg istfür sie oft nur die erste Station. Es geht weiter indie Dörfer im Landesinneren der ostkongolesischenProvinz Süd-Kivu. Die Rebellenkämpfehaben hier erbarmungslos gewütet.Gedenksteine erinnern an Massaker, bei denenRebellengruppen nach der Zwangsrekrutierungvon Kindersoldaten ganze Dörfer niedergebrannthaben, weil Eltern sich geweigerthatten, ihre Kinder freiwillig den Rebellen zuüberlassen. Die Spuren der Zerstörung sindnoch überall zu sehen: Häuser sind Ruinen, indenen Ziegen Schatten suchen. Straßen sindUrwaldpfade voller Schlaglöcher, auf denen8 weltweit


KONGOLernen für den Frieden: Ehemalige Kindersoldaten werden mit Hilfe des JRS Friseur.selbst Fahrräder geschoben werden müssen.Schulen sind löchrige Schuppen ohne Dächer.Nichts funktioniert: Kein Strom, kein Trinkwasser,keine Jobs. Die Region liegt am Boden.Eigentlich passt nur ein Begriff, um dieselbst mit Allrad-Jeeps nur schwer erreichbarenDörfer in Süd-Kivu zu beschreiben: gottverlassen.Nach der ersten Freude, endlich wieder zuHause zu sein, setzt bei vielen heimgekehrtenFlüchtlingen der tägliche Kampf gegen die Verzweiflungein.Miambo Welongo hat acht Jahre in einemFlüchtlingslager in Tansania gelebt. „Ich war12, als wir dort ankamen. Ich bin der ältestevon sieben Geschwistern und meine Eltern habennur die Jüngeren in die Schule geschickt.Man konnte im Flüchtlingslager gar nichtsmachen, ohne Erlaubnis konnte man es nichtverlassen, wir haben uns wie Gefangene gefühlt.“Mit 20 Jahren ist Miambo Welongojetzt mit seiner Frau, die er im Flüchtlingslagerkennengelernt hat, und den drei Kindern insein kleines Dorf zurückgekehrt. Er kann nichtlesen, nicht schreiben, hat keine Ausbildung.„Die Häuser waren kaputt und wir leben vonder Unterstützung unserer Familie und unsererFreunde. Ich habe keine Arbeit, keine Zukunftund keine Hoffnung.“„Wir helfen, wo wir können“Krieg und Flucht können Menschen zerstörenund im Innersten verzweifeln lassen. Pater TonyCalleja SJ weiß das. Der 56-jährige Jesuit hatvier Jahre in einem Flüchtlingslager in Tansaniagearbeitet und ist jetzt für die Arbeit des Jesuitenflüchtlingsdienstes(JRS) im Kongo verantwortlich.„Das Leben in einem Flüchtlingslagerist so, als ob man ohne Pass im Transitbereichim Flughafen ist. Man steckt fest und kommt daohne Hilfe nicht mehr raus. Es ist ein Provisorium,auf das man selbst überhaupt keinen Einflusshat. Man ist komplett machtlos und mussfür die kleinsten Dinge auf andere vertrauen“,erklärt er. „Nach Jahren im Flüchtlingslager inweltweit 9


KONGOLadefläche des Jeeps zum Fluss, um für dasZentrum Wasserkanister zu füllen. Die Fahrtist manchmal wie ein Spießrutenlauf für sie:Kinder aus dem Ort rufen ihnen Schimpfworteund Hänseleien hinterher, hin und wieder fliegenSteine.Soldaten in der Ruine einer Baumwollfabrik.die Heimat zurückzukehren, ist schwierig. DieLage im Ostkongo ist katastrophal. Die Flüchtlingeund auch die ehemaligen Kindersoldaten,die in ihre Dörfer zurückkommen, stehen vordem Nichts. Wir helfen, wo wir können.“Pater Tony und sein JRS-Team betreuen heimkehrendeFlüchtlinge und ehemalige Kindersoldaten,helfen beim Wiederaufbau von Schulenund Krankenhäusern, bieten Ausbildungskursean und unterstützen besonders bedürftige Familienmit Lebensmitteln.Neues Leben für KindersoldatenIn Uvira hat der Jesuitenflüchtlingsdienst einZentrum für ehemalige Kindersoldaten aufgebaut.Es hat Platz für dreißig Jungen, die dreiMonate gemeinsam in dem Zentrum wohnen.In dieser Zeit stellt das JRS-Team den Kontaktzu ihren Familien her und bereitet die Jungendarauf vor, wieder zurückzukehren, zur Schulezu gehen oder eine Ausbildung zu machen. Einzweites Haus für ehemalige Kindersoldatinnen,die oft sexuell missbraucht wurden, ist im Bau.In der Nachbarschaft sind die ehemaligen Kindersoldatennicht gut angesehen. Jeden Abendfährt eine Gruppe von ihnen auf der offenenAuf dem Weg zum Fluss kommen sie auch ander Ruine einer alten Baumwollfabrik vorbei.Hier ist vorübergehend ein Bataillon der neuenNationalarmee stationiert. Es besteht überwiegendaus ehemaligen Rebellen, die überdas staatliche Demobilisierungsprogramm indie Armee integriert wurden. Die Atmosphäreist gespenstisch. In einer komplett zerstörtenHalle sind Kalaschnikows in ordentlichen Reihenaufgestellt. In anderen Ecken der Ruinenkochen die Frauen der Soldaten über offenemFeuer, Kinder toben herum. Mit Planen habendie Familien notdürftige Unterkünfte hergerichtet.Durch fehlende Sanitäranlagen sindbereits einige an Cholera erkrankt. Pater Tonyist realistisch: „Die Lage hier ist immer nochexplosiv. Die demokratischen Wahlen sind einwichtiger Schritt, aber eben nur ein Schritt,dem viele weitere folgen müssen. Es wird 20Jahre dauern, bis der Kongo den Stand einesfunktionierenden Landes erreicht. Wir habennoch viel Arbeit vor uns.“Judith BehnenPater Tony Calleja SJ vor dem JRS-Regionalbüro.10 weltweit


SIMBABWEDer hinter die Masken schautAfrika ist das Land der Masken. Auch in vielenBildern des kongolesischen Künstlers JosephMulamba, der einen Zyklus über das Leben Jesugemalt hat, tauchen Masken auf. Sie sind Hinweiseauf die Welt der Ahnen und Geister. MulambasBilder mögen uns auf den ersten Blickfremd sein. Er hat die Geschehnisse des Evangeliumsin die Welt und Kultur seiner Heimathineingestellt. Eine Welt, die bevölkert ist vonGeistern und Dämonen. Eine Welt, die unsauch heute noch in vielen Dingen so geheimnisvollerscheint wie zu den Zeiten der Entdecker:gleichsam hinter Masken verborgen. Aberhinter der Maske des Ungewohnten werden inMulambas Bildern die vertrauten Geheimnisseunseres Glaubens sichtbar, die für die rund 30Millionen Christen des Kongo ebenso zentralsind wie für uns. Wichtig ist hier alleine dies:Es ist Jesus Christus, der hinter alle Maskenschaut und das wahre Gesicht der Menschensucht in allen Kulturen der Welt.Joseph Mulamba, geboren 1964, lebt und arbeitetin Kinshasa. Viele seiner Bilder haben einenbiblischen Bezug. Der Künstler meditiert eineSchriftstelle. Das Bild nimmt in seinem KopfGestalt an. Eine erste Skizze entsteht, die dannin unterschiedlichen Techniken – Öl, Aquarell,kolorierter Sand oder Kratztechnik – umgesetztwird. Die auf den folgenden Seiten ausgewähltenBilder möchten etwas von der Grundspannungunseres Glaubens vermitteln: Jesus Christusist wahrer Mensch und wahrer Gott. Es istderselbe Gott, der Moses im brennenden Buscherscheint und der im Engel Maria anspricht vonAngesicht zu Angesicht. Es ist derselbe Jesus,der verklärt auf dem Berg erscheint und wenigspäter seinen Jüngern die Füße wäscht. Die Zusammenstellungsoll das Pauluswort (Phil. 2,6)durchscheinen lassen: „Jesus war Gott gleich,hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,sondern entäußerte sich und wurde ein Sklaveund den Menschen gleich.“weltweit 11


Gott begegnetdem MenschenMoses,ausgestreckt auf dem Boden,in Furcht und Verehrungvor der Stimme im Busch.Er hat die Schuhe ausgezogen.12 weltweit


Anders Maria.Auge in Auge mit dem Boten Gottesin ihrer Kammer in Nazareth.Zwei Ikonen der Gottbegegnung.Höhepunkte, unwiederholbar.Doch wir wissen es wohl:Dass immer wieder und auf viele WeisenGott den Menschen begegnet.Die ganze Welt ist voll von Gott.Gott ist im hohen Baum des Regenwaldes,im Stein, der die Gräber der Ahnen markiert,er ist im Wasserfall der niederstürzt,im Blitz und Donner, im Regenund in tausend anderen Erscheinungen.„In ihm bewegen wir uns und sind wir.“weltweit 13


Am Anfang war der Bogen,der sanft über die Saiten streichtzum Lobgesang der Schöpfung.Und wieder singt sie ihr Lied;Maria, die schwarze.Sie singt von Afrika,dem großen Kontinent,der nach Erlösung schreit.So viele Länder, um den Äquator gesellt,in denen der Hunger wütet,weil keiner da ist, der teilt.14 weltweit


MagnificatSie singt von einer Zeit,da der Herr die Armen beschenktmit seinen Güternund die Reichen leer ausgehen lässt.Jene, die die Preise manipulierenund die Ernten auf den Feldernverwüsten mit ihren Reiterscharen.Sie singt von den Niedrigen im Landund mit den Erniedrigten der ganzen Erde,die in Ohnmacht zusehendem Treiben der Mächtigen.Dass er die Mächtigen vom Thron stürzt,die in ihrem Herzen voll Hochmut sind.Sie singt und sie preist die Größe des Herrn,der sich erbarmt seiner Mägde und Knechtevon Geschlecht zu Geschlechtund von Kontinent zu Kontinent.weltweit 15


Krippe unWenn Jesus wiederkommt,– nein, nicht erst am Ende der Zeit –sondern wenn er kommt nach Afrika,dann wird er schon wissen:der Stall dort ist eine Bambushütte.Und er wird auch wissen,wohin in diesem Kontinentsein Weg ihn führen wird.16 weltweit


d KreuzWer zu den Menschen geht,und sich einlässt auf sie,dem bleibt nichts Menschliches erspart.Den ganzen Bogen dieses Lebens,von der Wiege bis zur Bahre,hat er geteilt und teilt es weiterhinmit allen Menschen dieser Erde.Von der Krippe bis zum Kreuz;beide aus demselben Holz geschnitzt.Für allzu viele heißt es:Was in Armut begann,endet im Leid.Das neue Kreuzhat viele neue Namen:Elend und Not,Bürgerkrieg und Flucht,Hunger und Aids.Neue Namen für das Kreuz;das Kreuz von Afrika.weltweit 17


Gott ist hochAuf dem Berge steht der große Häuptlingals ob ihm die Erde gehörte;nun, sie gehört ihm wirklich!Der auf dem Berg stehtim Glanz der Sonne,die ihn einhüllt wie ein Mantel aus Gold,ausgezeichnet von Gottals der neue Gesetzgeber.Dieser Jesus hat sichein Tuch um die Hüfte gebunden,um seinen Jüngern die Füße zu waschen.Paulus fasst diese Spannungin seinem Hymnus zusammen:„Er war gottgleich und wurde wie ein Sklave.“18 weltweit


TÜRKEIJesus hat sich an die Seitejener Millionen Afrikaner gestellt,die jahrhundertelang in alle Weltverschifft und verkauft wurdenals Sklaven für niederste Dienste.und Gott ist niedrigEr hat sich ihnen zugesellt,nicht um den Sklaven zu sagen:Seid zufrieden mit Eurem Geschick!Sondern um sie zu erheben zu neuer Würde.Er hat sie an seine Seite gerufen,wo einmal ihre Gewänderebenso leuchten werdenwie seine eigenen Kleiderdort auf dem Berg.Weiß wie der Schnee.weltweit 19


20 weltweitHalt ein, sagt der Engel.Halt ein, Abraham.Steck dein Schwert in die Scheide.Das Blut von Kindernkann kein Opfer sein,das Gott gefällt.Gott hasst das Schwert,das immer wieder in unserer Weltaus Kindern, Opfer der Gewalt,Täter macht als Kindersoldaten,denen man in diesen aufgeklärten Zeitendas Töten überlässt.


Das neue OpferDas Opfer, das Gott gefällt,ist anders, ganz anders.Wo Schwestern und Brüderin Frieden und Einheit zusammenleben,wo sie ihr Brot miteinander teilen,so wie es mein Sohn getan hat,am letzten Abend seines Lebens,sagt Gott,da bin ich mitten unter Euch.Denn Jesu Fleisch und Blutist ein Sakrament,es ist ein Zeichen dafür,dass alles Töten auf der Weltendlich ein Ende haben muss.Joe Übelmesser SJweltweit 21


Salsa y CaféVier Wochen in VenezuelaUrlaub mal anders: Jeden Sommer organisiertdie werkstatt-weltweit eine Erfahrungsreisefür Jugendliche. Dieses Jahr ging es unteranderem nach Venezuela. Die Reisegruppeberichtet hier von ihren Erfahrungen.Im August diesen Jahres machten wir – eineGruppe von 14 Jugendlichen und jungenErwachsenen aus verschiedenen RegionenDeutschlands – eine „Exposure Reise“ nachVenezuela. Wir wollten nicht nur das Landentdecken, sondern vor allem die Kultur unddie Menschen intensiv kennenlernen. UnserProgramm war genauso abwechslungs- undkontrastreich wie die Lebensverhältnisse in diesemLand. Landschaften von atemberaubenderSchönheit, Slums in den Großstädten, hochindustrialisierteGebiete und ärmliche Dörfer,Kaffee, Salsa, Maismehlfladen und pulsierendesLeben.Caracas: Blechdächer und KonsumtempelDie Reise begann in Caracas, der HauptstadtVenezuelas. Dort leben rund 6 Millionen Menschen,zwei Drittel davon in den „barrios“, denArmenvierteln oder Slums, die keine offizielleAnschrift haben und auf keinem Stadtplan verzeichnetsind. Beim Rundgang durch ein „barrio“bekamen wir einen Eindruck, was es heißt,in kleinen Hütten mit Dächern aus Wellblechzu leben, ohne Wasser- und Abwasserversorgungund ohne Müllabfuhr. Die Armut derMenschen machte uns sehr betroffen, vor allemdeswegen, weil Venezuela aufgrund seinerErdölvorräte zu einem der reichsten LänderSüdamerikas gehört und eigentlich genügendGeld hätte, so ein Elend zu verhindern. Einstarkes Kontrastprogramm zum Elend in den„barrios“ erlebten wir beim Besuch eines Einkaufszentrums,eines mehrstöckigen Konsumtempels,der exklusiver war als die meisten inDeutschland.Anschließend verbrachten wir einige Tage zusammenmit venezolanischen Jugendlichen vonder Jugendbewegung „Huellas“ in einem „campamento“,einer Art Ferienlager. Wir warensehr erfreut und teilweise auch überrascht vonder offenen Art der jungen Venezolaner, mit der22 weltweit


WERKSTATT WELTWEITwir empfangen und in die Gruppe integriertwurden. Vormittags arbeiteten wir zusammenauf Mais-, Bananen- oder Wassermelonenfeldern.Nachmittags gab es Lerneinheiten zumGlauben und anschließend „Missionsarbeit“im Dorf. Das heißt, wir sprachen mit den Familien,soweit es unsere Sprachkenntnisse zuließen,und luden die Kinder und Jugendlichenzu Sport und Spiel ein. Abends wurde gemeinsamgefeiert. Hier schafften es die Venezolaner,die meisten aus unserer Gruppe mit ihrer Salsabegeisterunganzustecken. Egal ob während einerArbeitspause, im Schwimmbad oder sogarwährend der Busfahrt – die Venezolaner schienenfast überall Salsa zu tanzen.Exposure im KaffeefeldUm einen Eindruck davon zu bekommen, wases bedeutet, als venezolanischer KaffeebauerKaffee für den Weltmarkt zu produzieren, teiltenwir allein oder in einer Kleingruppe eineWoche lang das Leben und Arbeiten mit einerKaffeebauernfamilie. Diese Erfahrung hat unsam meisten geprägt. Einfache Lehmhütten,keine Duschen, oft auch keine Toiletten undkein Strom und jeden Tag „Arepas“ (Maismehlfladen)mit Bohnen – das war für uns undunseren deutschen Lebensstil eine starke Umstellung,die trotz der tollen Gastfreundschaftder Familien erst einmal gewöhnungsbedürftigwar. Wir arbeiteten tagsüber auf den Kaffeeplantagenmit und saßen abends mit den Familienbei Kerzenschein zusammen.Zum Abschluss verbrachten wir noch einigeTage in Choroni am karibischen Strand, umunsere Erfahrungen, vor allem die bei denKaffeebauernfamilien, intensiv zu reflektieren.„Nicht das Vielwissen, sondern das Verkostenund Verspüren der Dinge sättigt und befriedigtdie Seele.“ Diesen Gedanken aus den Exerzitiendes Hl. Ignatius gab uns P. Gerardo SJ mit indie Abschlussrunde. „Meine größte HoffnungDeutsche und venezolanische Jugendliche.ist es”, sagte er, „dass ihr euch von den Menschenaus meinem Land habt berühren lassen;von unserer komplexen Realität: der Armut,der Ausgrenzung und der politischen Situation.Ich hoffe, dass ihr die Freude entdeckt habt,die Leidenschaft, die Zuneigung, die Freundschaft,die Hoffnung, die Lust, zu kämpfenund den Wert unserer Kultur wiederzuerlangen,an jedem Ort, den ihr besucht habt, undbei allen Menschen, die ihr kennengelernthabt. Das ist es, was ihr tief in eurem Herzenbewahren müsst.“werkstattSandra Draheim, Iris Krauß,Reisegruppe Venezuelaweltweit 23


Inkulturation an der AmpelEin Zusammenstoß zwischen moderner und traditioneller KulturP. Klaus Väthröder SJ (im Foto oben) vomSozialinstitut „Centro Gumilla“ der Jesuiten inCaracas, berichtet über Entwicklungshemmnissein Venezuela, die sich aus dem Zwiespaltzwischen der modern erforderlichen und dertraditionell gelebten Kultur ergeben.Jeden Morgen kurz vor sieben Uhr verlasseich unsere Kommunität in La Pastora, einemStadtteil der venezolanischen HauptstadtCaracas, um ins Centro Gumilla zu gehen.In dieser frühen Stunde füllen sich die Straßenmeines Viertels mit Männern und Frauen, diewie ich zu ihrer Arbeitsstelle eilen, und mit unzähligenKindern und Jugendlichen auf demWeg zur Schule. An den Eingängen zu denSchulen plaudern die Mütter, während sie ihreKinder „Gloria al Bravo Pueblo“ anstimmenhören, die Nationalhymne, mit der jeder Tagbeginnt. Diese friedliche Stimmung findet ihrjähes Ende, wenn ich auf die Avenida Barralttreffe, dem großen Hindernis auf meinem Wegzur Arbeit. Die Barralt hat viele Fahrspuren,von denen erfreulicherweise immer zwei durchverkehrswidrig geparkte Autos blockiert werden,was das Abenteuer der Überquerung aufvier Fahrspuren reduziert. Vor einigen Jahrenversuchte ein Verkehrspolizist die Autofahrerdazu zu bewegen, hier nicht zu parken. Widerstrebendkamen sie seinen Anweisungen nach.Als er nach einigen Wochen an anderer Stelleeingesetzt wurde, kehrten alle wieder zur gewohntenVorgehensweise zurück.Bedeutungsloser ZebrastreifenZwar gibt es einen Zebrastreifen, dessen Bedeutungin den Fahrschulen aber offenbar vernachlässigtwird. So gerät jede Überquerungder Barralt zu einer gefährlichen Übung, dieSchnelligkeit und Geschick erfordert. EinesTages hatte der Verkehrsminister Einsicht undstellte eine Fußgängerampel auf. Gutgläubigdachte ich, das Ende meines allmorgendlichen24 weltweit


VENEZUELALeidens wäre gekommen. Während ich auf dasGrünsignal wartete, überquerten etwa 20 Personendie Straße, Alte und Junge, Mütter mit ihrenKindern. Der Einzige, der stehen blieb, warich. Manche schauten mich seltsam an, ich abertröstete mich mit dem Gedanken, dass meinVerhalten möglicherweise Nachahmer findenwerde. Nach einiger Zeit des Wartens wechseltedas rote Männchen die Farbe: Losgehen.Nach zwei Schritten auf der Fahrbahn war mirklar, dass es so nicht funktionierte. Die Autosfuhren ungebremst weiter. Schließlich erbarmtesich eine Fahrerin und hielt. Dies wiederumlöste ein erbostes Hupkonzert aus. Endlich tratnach einigen Wochen ein gewisser Lerneffektein. Immer mehr Autos hielten, weniger wurdegehupt und auch mehr Fußgänger vertrautenauf diese Art, den Verkehr zu regeln.Zu Beginn der Schulzeit wurde wieder ein Verkehrspolizisteingesetzt. Wenn sich eine gewisseMenge an Fußgängern angesammelt hatte,hielt er mit energischen Gesten den Verkehran und winkte uns aufmunternd zu, die Straßezu überqueren. Die wechselnden Farben derWer keine Beziehungen hat, kommt nicht voran.Ampel hatten auf sein entschlossenes Wirkenkeinerlei Einfluss, was wiederum das einfacheGrundsystem „rot-stop grün-go“ in Frage stellte.Seit einigen Wochen ist die Ampel an derBarralt nun defekt und zeigt permanent rot.Für Autofahrer und Fußgänger. Auch ich überquerenun die Ampel bei rot. So etwas könnteman forcierte Inkulturation nennen.Von der Ampel zur ArmutsüberwindungDiese tägliche Routine bereitet mich auf meinenArbeitstag vor, denn die „Ampelerfahrung“kann man auf viele Bereiche des täglichen Lebensin Venezuela übertragen. Es ist eine Kulturder Informalität, in der Regeln und Normeneine durch die jeweiligen Umstände eingeschränkteGültigkeit besitzen. Das bedeutet,dass jede Situation neu entschlüsselt werdenmuss, um dann entsprechend das Verhaltenanzupassen. Seit einigen Jahren arbeiten wirim Sozialzentrum an der Beziehung zwischenkulturellen Haltungen und der Überwindungder Armut. Es gibt kulturelle Haltungen, diedie Entwicklung und die Überwindung der Armuteher blockieren. Man könnte diese Kulturals „traditionell“ bezeichnen. Das Hauptmerkmaleiner solchen Kultur: Regeln und Institutionensind nur in dem Maße von Bedeutungfür mich, in dem sie mir weiterhelfen. Wichtigfür den Erfolg sind die persönlichen Kontaktebeziehungsweise Verwandte und Padrinosan wichtigen Stellen. Die Kontrolle über meinprivates und berufliches Leben habe ich nur begrenztund es existiert immer jemand, der mehrMacht und die Verantwortung hat.Demgegenüber funktioniert eine „moderne“Gesellschaft nach anderen Grundsätzen. Allehalten sich an abstrakte Regeln („rot-stop grüngo“)oder deren Verletzung wird glaubwürdigsanktioniert. Institutionen funktionieren nichtnur, weil ein Compadre, ein Freund, an einerwichtigen Stelle sitzt und ein gutes Wort fürweltweit 25


VENEZUELAIn den Barrios ist die Beherrschung der traditionellen Kultur überlebenswichtig.mich einlegt, sondern sie arbeiten für alle nachden gleichen Prinzipien. Die Kontrolle übermein Leben liegt vor allem bei mir und meinenAnstrengungen und es sind nicht nur dasGlück, das Schicksal, die Heiligen, der Staatoder meine einflussreichen Freunde, die meinLeben bestimmen.Traditionelle Kultur im BarrioFür viele Arme in den Barrios von Caracas istdie Beherrschung der „traditionellen Kultur“eine Frage des Überlebens. Sie machen die Erfahrung,dass öffentliche Institutionen für sienur über persönliche Kontakte funktionieren.Der Komplexität der gegenwärtigen Welt undden Herausforderungen der modernen Arbeitsweltsind sie nicht gewachsen und sie suchennach Führung und Erklärung. Die meisten geheneiner informellen oder illegalen Beschäftigungnach, weil es keine andere Arbeit für siegibt. Auf diese Weise bilden sich kulturelle Musterund Haltungen heraus, die zum einen dasÜberleben sichern, aber auf der anderen Seitedie Überwindung der Armut aus eigener Krafterschweren.Aber die eigentliche Tragik ist, dass auch diepolitischen und wirtschaftlichen Eliten desLandes zum größten Teil in diesem Kulturmusterverharren und sich gegen einen Wandelwehren – aus Rentabilitätsgründen. DieseHaltung blockiert den Aufbau von modernenInstitutionen im Bereich von Wirtschaft, Staatund Politik, die zu einer effizienten Entwicklungdes Landes und zu einer Überwindung derArmut beitragen könnten.Die Entwicklung von modernen Haltungenund von effizienten Institutionen sehen wir alseine unserer Hauptaufgaben im Centro Gumilla.Durch Kurse und Schulungen, durchVeröffentlichungen und Vorträge, durch diekonkrete Arbeit mit den Menschen in den Armenviertelnund auch durch unsere Kontaktemit den politischen und wirtschaftlichen Elitenversuchen wir, zur Entwicklung des Landes beizutragen.Es ist eine Arbeit, bei der man einenlangen Atem braucht. Es ist einfacher, Häuserund Straßen zu bauen, als Haltungen und Kulturenzu verändern.Klaus Väthröder SJ26 weltweit


Applaus für Sonidos de la TierraAUS ALLER WELTBeim Abschied flossen die Tränen – nicht nurmusikalisch harmonierten die 23 Jugendlichenaus Paraguay, Indien, Italien und Deutschland.Während des einwöchigen Workshopsin Nürnberg und der anschließenden Konzerttourneewar aus der Gruppe trotz allerSprachprobleme und einer recht großen Altersspanneeine eingeschworene Gemeinschaft geworden.Bei jedem Konzert sprang der Funkeder Begeisterung auf das Publikum über. Diejungen Musikerinnen und Musiker erntetenfür ihre musikalischen Leistungen hohes Lobund viel Applaus. Und sie zeigten eiserne Nerven:In Nürnberg fiel der kurzfristig erkrankteDirigent Luis Szarán aus. Spontan übernahmendrei der jungen Musiker den Dirigentenstabund führten professionell durch dasProgramm. In der Münchner JesuitenkircheSt. Michael brillierten sie in würdig-festlicherStimmung. Die Musikschule Penzberg schafftedurch ihren Einsatz eine wunderbar familiäreDas Jugendensemble Sonidos de la Tierra.Atmosphäre. Die Jugendlichen übernachtetenin Familien und faszinierten mit ihrem Konzertauch viele Kinder. In Augsburg war das KonzertAnlass, den Spendern zu danken. Zwei Pfarreien,ein Frauenorden und mehrere Einzelpersonenzeichnete Missionsprokurator Peter BalleisSJ mit der Franz-Xaver-Medaille aus. Eines istgewiss: Die Abschiedstränen werden nicht dieletzten gewesen sein, das Projekt „Sonidos de laTierra – weltweite Klänge“ wird weitergehen.Dank und Gruß aus ManilaPater Jean-François Thomas SJ, Leiter derOrganisation Tlay Ng Kabataan für Straßenkinder,schreibt aus Manila:P. Thomas SJ mit seinen Schützlingen.„Weihnachten vor drei Jahren haben Sie sehrgroßzügig auf die Spendenbitte von Pater Balleisreagiert. Bis heute unterstützen einige von Ihnenregelmäßig unsere Arbeit mit den Straßenkindern.Mit ihren Spenden konnten wir eineigenes Programm für die Mädchen aufbauen.Wir haben für sie jetzt zwei Wohnhäuser undeinen offenen Treffpunkt. Außerdem konntenwir ein Projekt für die Müllkinder beginnen.Jetzt, wo wir mit schnellen Schritten auf Weihnachtenzugehen, möchte ich Ihnen meine tiefempfundene Dankbarkeit ausdrücken. Ich denkean Sie alle im Gebet. Möge der Herr Sie undIhre Lieben segnen und Ihnen immer dabeihelfen, anderen zu helfen. Vielen, vielen Dank,dass Sie Licht in diese Welt bringen!“weltweit 27


AUS ALLER WELTWir lassen ihn nur ungern gehenDer Duft frisch gebackenen Kuchens durchziehtdie Büros der Jesuitenmission. Obwohl es erstVormittag ist, freuen sich schon alle auf die Teestundeam Nachmittag, bei der Franz GabrielSJ die Ergebnisse seiner Backkünste servierenwird. Der 87-jährige Jesuitenbruder ist seit dreiJahren der gute Geist des Hauses: Er kümmertsich um das Wohlergehen der Gäste, er herrschtüber die Küche, er hält Leib und Seele allerMitarbeiter zusammen. Im September hat ersich den Traum erfüllt, noch einmal anlässlichder Bischofsweihe von Dieter B. Scholz SJ nachSimbabwe zurückzukehren, wo er 27 Jahre langdas Gästehaus Canisius in Harare geführt hatte.„Bruder Gabriel, was für eine Freude! Bleibhier bei uns in Simbabwe“, so wurde er auf sei-ner vierwöchigen Reise überall begrüßt. Auchwir in der Jesuitenmission hätten ihn gerne beiuns behalten: Zum Ende diesen Jahres wirdFranz Gabriel SJ nach 30 Jahren Dienst in derMission – 27 Jahre in Harare und drei Jahrein Nürnberg – in das Altenheim des Ordensnach Berlin-Kladow ziehen. Wir danken ihmfür sein unermüdliches Wirken und begrüßengleichzeitig Christina Zetlmeisl als neue Mitarbeiterin.Die 27-jährige Hotelfachfrau undMusikpädagogin ist neben der Gästebetreuungauch zuständig für die Organisation von Veranstaltungensowie die Weiterentwicklung desmusikalischen Projektes „Sonidos de la Tierra– weltweite Klänge“. Herzlich willkommen imTeam der Jesuitenmission!Franz Gabriel SJ geht……und Christina Zetlmeisl kommt.Sie suchen noch ein Weihnachtsgeschenk?Wie wäre es mit einer CD? Wir haben jetzt eine Aufnahmeunseres Münchner Konzertes im April 2006 herausgebracht.Unter der Leitung von Luis Szarán spielen ein Vokal- undInstrumentalensemble Barocke Jesuitenmusik aus den UrwäldernSüdamerikas. Die CD (14,95 Euro zzgl. Versandkosten)können Sie bestellen bei: DiaDienst Medien, Kaulbachstr. 22a,80593 München, Tel: 089/23 86-24 30, www.diadienst.org28 weltweit


LESERBRIEFESchriftgrößeSehr viele unserer Leserinnen und Leser habenauf unsere Frage nach der Größe der Schriftgeantwortet. Die Meinungen gingen von: „DerKampf mit den Minibuchstaben schmälert dieLesefreude ungemein“ bis zu „Die Schrift istbequem zu lesen und sollte in der Größe keinesfallsverändert werden“. Die Mehrheit derZuschriften war mit der Lesbarkeit der Schriftsehr zufrieden. Da wir als Jesuitenmission jedocheigentlich immer Anwalt für die schwächere(in diesem Fall Schwäche der Sehkraft)Minderheit sind, haben wir die Schrift ein wenigvergrößert.(Red.)KostbarDie Doppelseite „Kostbar“ von P. Joe Übelmesserist „Goldwert“: ein tieferes und anrührenderesGedicht habe ich seit Jahrennicht gelesen!J.W., B.H.Gedichte aus aller WeltDie Veränderungen des Erscheinungsbildesfinde ich gut und zeitgemäß. Nur das Gedicht– Gedichte ja, aber bitte von Menschen/Autorenaus aller Welt. Schön wärees auch, wenn man die Entwicklungen einzelnerProjekte mitbekommen würde (überlängere Zeiten/Jahre). U.M., G.ErscheinungsbildVielen Dank für das neue „weltweit“, dessenErscheinungsbild sich nicht nur verändert,sondern auch verbessert hat. Das Magazinist meines Erachtens ansprechender undübersichtlicher geworden. S.F., K.Intelligente ArbeitsansätzeSeit Jahrzehnten lese ich mit großem Interessedas Magazin der Jesuitenmission undfinde, dass es immer besser geworden ist. JedesMal freue ich mich über die intelligentenArbeitsansätze der Jesuiten-Missionare.E.S., S.TitelfotoVor einigen Tagen erhielt ich die Herbstausgabevon „weltweit“ mit dem Guaraní-Mädchen auf dem Titelfoto. Das Bild hatmich eigenartig angesprochen, denn fürmich strahlt das Bild zunächst das Glückdes Kindes mit seiner so einfachen Puppeaus. Das Lächeln des Kindes steht freilich inkrassem Gegensatz zu dem, was man überdas Schicksal dieser Bevölkerungsgruppelesen muss. Mit großer Anteilnahme habeich Ihren Bericht über diese benachteiligtenMenschen gelesen! W.R., W.Interessante EinblickeIch nehme die Informationen dieses Heftesaufmerksam wahr und danke für dieEinblicke, die mir durch diese Veröffentlichungin eine mir weithin mangels persönlicherErfahrung unbekannte Welt gegebenwerden. V.D., M.IMPRESSUMweltweit Nr. 4/2006 – Weihnachten, ISSN 1860-1057Herausgeber: Peter Balleis SJ, Jesuitenmission,Königstraße 64, 90402 NürnbergTel. (0911) 2346-160, Fax -161,prokur@jesuitenmission.de,www.jesuitenmission.deRedaktion: Judith Behnen, Gestaltung: Katja Pelzner, dialogDruck: EOS Druck und Verlag, 86941 St. Ottilien,auf Altpapier gedrucktKonten: Hypo Vereinsbank, NürnbergKto: 813 532, BLZ 760 200 70Liga Bank, Nürnberg, Kto: 5 115 582, BLZ 750 903 00IBAN: DE 61750903000005115582,SWIFT: GENODEF1M05weltweit 29


SIMBABWE UNSERE WEIHNACHTSBITTESchenken Sie Kindern in NepalFörderung und Zukunft !Fördern statt wegsperrenKinder mit Behinderungen haben in Nepal die denkbarschlechtesten Voraussetzungen für ihr Leben (sieheBericht S. 3-6). Im Navjyoti Center der katholischenKirche in Kathmandu blühen sie dagegen richtig auf:Hier finden sie entsprechend ihren individuellen Fähigkeitendie richtige Förderung. Durch die Arbeit desCenters lernen sie zum Beispiel sprechen, gehen, lesenund schreiben.Annehmen statt aussetzenDie Gemeinschaft mit anderen Kindernist enorm wichtig für die Entwicklungder behinderten Mädchenund Jungen. Die Ordensschwesternsingen, tanzen und spielen mit denKindern. Hier erfahren sie oft zumallerersten Mal, dass sie es wert sind,geliebt zu werden.30 weltweit


UNSERE WEIHNACHTSBITTE SIMBABWELiebe Leserinnen und Leservon weltweit,jedes neugeborene Kind ist ein Geschenk Gottes, einGrund zur Freude. Wenn Eltern – oft ganz unverschuldet– es nicht schaffen, ihr Kind zu lieben und gut für eszu sorgen, dann sind wir als Christen gefragt. Die Liebeund Ehrfurcht, mit der wir an Weihnachten auf das Kindin der Krippe schauen, dürfen wir getrost auf jedes Kindin unserer Welt übertragen. Die Kinder in Nepal, für diedas Navjyoti Center sorgt, brauchen unsere Liebe undunsere Hilfe ganz besonders. Deshalb bitte ich Sie umIhre Weihnachtsgabe für die Arbeit der nepalesischenKirche. Öffnen Sie Ihr Herz für die Kinder in Nepal,damit auch sie weihnachtliche Freude, Wärme und Geborgenheiterfahren.Ihnen schon jetzt ein herzliches „Vergelt´s Gott“ – auch vonPater Sharma SJ, dem Oberhaupt der Kirche in Nepal.IhrPeter Balleis SJMissionsprokuratorPS: Bitte vermerken Sie auf Ihrer Spende alsVerwendungszweck: „3164 Nepal“Das bewirkt Ihre Spende:1,50 EUR kostet die Betreuung im NavjyotiCenter pro Kind und Tag. Mit 90 EUR finanzierenSie einen Tag für alle Kinder.200 EUR kosten für ein Kind alle Mahlzeiten fürein ganzes Jahr. Mit 1000 EUR sichern Sie einenganzen Monat das Essen für alle Kinder.Jeder Beitrag zählt – vielen Dank für Ihre Hilfe !weltweit 31


Die Jesuitenmission ist Ihre Schaltstelle• für Informationen über Schicksale und Anliegen der Armen• für Austausch, Begegnung und Freiwilligeneinsätze weltweit• für die Weitergabe von Spenden in unsere HilfsprojekteKönigstraße 6490402 NürnbergTel. (0911) 23 46-160Fax (0911) 23 46-161prokur@jesuitenmission.dewww.jesuitenmission.deSpendenkonto 5 115 582Liga Bank, BLZ 750 903 00IBAN: DE 61750903000005115582SWIFT: GENODEF1M05

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine